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Full text of "Geographie von Griechenland"

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Geographie von Griechenland 



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Conrad Bursian 






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GEOGRAPHIE 



VON 



GRIECHP]NLAND. 



ZWEITER BAND. 



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GEOGRAPHIE 



VON 



GRIECHENLAND 



VON 



CONRAD BTTRSIAN. 



ZWEITER BAND 
PELOPONNESOS UND INSELN. 

ERSTE ABTHEILUNG 

DIE LANDSCHAFTEN AROOLI8 LAKONIEN MESSENIEN. 
MIT 5 LITIlOaRAPHIERTßN TAFELN. 



LEIPZIG, 

DRUCK UND VKRLAfi VON B. (i. TEUBNKH. 
1868. 



" ^ 

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Die üobersctzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. 



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IL Peloponnesos. ') 



Die südlichere Hälfte des griechischen Festlandes ist eine 
Halbinsel von 392 Quadralmeilen Umfang, die von allen Seiten 
vom Meere bespült, nur im Nordosten durch ein im Verhältniss 
zur Breite der Halbinsel sehr schmales Band, die Landenge von 
Korinth, gewöhnlich schlechthin 'die Landenge' (6 'lö^iiog) ge- 
nannt, mit dem übrigen griechischen Festlande zusammenhängt 



^) Von der zahlreichen Litteratar ist vor allem das eine Hauptwerk 
zu nennen: ^Peloponnesos. Eine historisch-geographische Beschreibung 
der Halbinsel von £. Cnrtius». II Bände , Gotha 1851 u. 62. Das Ma- 
terial zti diesem trefflichen Werke lieferten, ausser den wissenschaft- 
lichen Reisebeschreibungen, unter denen namentlich die von W. Gell 
( Itinerary of the Morea, 1827), von W. M. Leake (Travels in the Morea, 
III Vols. 1830, und Peloponnesiaca, 1846) und von Ross (Reisen im Pe- 
loponnes, L 1841) hervorzuheben sind, besonders die Untersuchungen 
der französischen Expedition scientifique de Mor^e (1829—31}, deren 
geographische Resultate auf den betreffenden Blättern der ^Carte de la 
Gr^ce redig^e et grav^e au d^pöt de la guerre d'apr&s la triangulation 
et les lev^s ez^cut^s par les officiers du corps d^^tat-major k l'^chelle 
de ^TTöW (B'- 7, 8, 12, 13, 17 und 18) und in Pouillon - Boblaye's 'Re- 
cfaerches g^ographiques sur les ruines de la Mor^e', 1836, niedergelegt 
sind; ausser diesen hat Curtius (s. Pel. I, S. 145 f.) auch eine Anzahl 
der die Küsten des Peloponnes darstellenden englischen Admiralitäts- 
karten, die mir leider nicht zu Gebote stehn, benutzen können. Von 
den nach dem Werke von Curtius veröffentlichten Arbeiten sind £. 
Benl^'s '£tudes sur le P^loponn^se' (Paris 1855) für die Geographie 
ganz unerheblich; wichtiger W. G. Clark's 'Peloponnesus, Notes of 
study and travel» (London 1858) und der betreffende Abschnitt in W. 
Visebers 'Erinnerungen und Eindrücke aus Griechenland' (S. 217—514). 

BUKSIAH, CIBOGB. II. 1 



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2 IL Peloponnesos. 

und daher auch von den Alten selbst als Insel und zwar als die 
Insel des Pelops {tj üiXonog vtjöog^ rj nakoTtovvtjöog) be- 
zeichnet wird. Dieser Name, der uns zuerst um den Anfang des 
7ten Jahrb. v.Chr. in der Litteratur entgegentritt,^) wird von 
der Tradition mit dem Pelops und dem von ihm sich herleiten- 
den Furstengeschlechte der Atriden, das in der achäischen Zeit 
bei weitem das mächtigste und angesehenste auf der ganzen Halb- 
insel war, in Verbindung gebracht, wobei es freilich auffällig 
bleibt, dass die Homerischen Gedichte, die uns ja eben jene 
achäische Zeit schildern, ihn nicht kennen, sondern dass er erst 
nach der Einwanderung der Dorier, die zwar überall an die alt- 
achäische Tradition anknüpften, aber doch gerade die Pelopiden 
als ein aus der Fremde, aus Phrygien oder Lydien, eingewan- 
dertes Geschlecht, das die den Herakliden oder Perseiden gebüh- 
rende Herrschaft nur usurpirt habe, darstellten, zur allgemeinen 
Geltung kam. Wahrscheinlich ist er zuerst im Westen der Halb- 
insel, bei den Epeiern, einem ursprünglich wohl lelegischen 
Stamme, den wir auch als den eigentlichen Träger der Pelopssage 
betrachten dürfen, aufgekommen und in Folge des freundlichen 
Verhältnisses, in welches dieser Stamm zu den dorischen Erobe- 
rern trat, sowie durch das steigende Ansehen des Olympischen 
Heiligtums und Festes von den Doriern adoptirt und gleichsam 
sanctionirt worden. ^) In der Zeit als der Achäische ßund, nament- 
lich unter der Führung des Aratos, eine hervorragende Rolle 
spielte und einen grossen Theil der Halbinsel umfasste, bildete 
sich der Sprachgebrauch, den Namen der Achäer auf alle Pe- 



*) Zuerst in den etwa uro 690 v. Chr. gedichteten KwtQtcc ^nrj: s. 
schol. Find. Kein. X, 114; dann im hymn. in ApoU. Pjth. 72 und bei 
Tyrtaios fr. 2, 4. Die homerischen Gedichte kennen noch keinen Ge- 
sammtnamen der Halbinsel, denn Aristarch's Behauptung (schol. II. J, 
171) ''jlffYog oXrjv rrjv TIsXonovvTjaov Xsysi ist unrichtig. Die bei den 
attischen Tragikern und späteren Dichtern vorkommende Bezeichnung 
'Än£cc oder 'Anlg yrjy welche von einem alten König von Argos oder 
Sikyon, Apis, hergeleitet wird und mit dem homerischen Ausdrucke 
anicc yrj {A^ 270; F, 49; n, 18) durchaus nichts zu thun hat, scheint 
wenigstens nie volkstümlich gewesen zu sein. 

') Vgl. darüber auch A. Passow Beitrage zur ältesten Geschichte 
von Hellas (aus dem Jahrbuche des Klosters U. L. Fr. in Magdeburg 
1861) S. 1 ff. 



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ir. Peloponnesos. 3 

loponnesier auszudehnen J) was dann durch die Römer noch da- 
hin erweitert wurde , dass sie das ganze griechische Festland vom 
Cap Taenaron bis zu den Gränzen von Illyrien und Makedonien 
eis provincia Achaia bezeichneten. Seit den byzantinischen 
Zeiten, als nicht nur die östlicheren sondern auch die westlicheren 
Hellenen ihren alten Namen, dessen sie nicht mehr würdig waren, 
mit dem noch jetzt im Volksmunde allein lebenden der R hö- 
rn ä er, d. i. Römer fPajftarot, vulgär 'Pofifot) vertauschten, kam 
aiieh für die Halbinsel insbesondere , die nach den verheerenden 
aber schnell vorübergehenden Einrällen der Gothen und Vandalen 
über zwei Jahrhunderte lang (vom Ende des 6ten bis zum Reginne 
des 9ten Jahrhunderts) im Resitze sudslavischer Stämme, der 
Avaren und Rulgaren, blieb und erst von Ryzanz aus wieder er- 
obert werden musste, der Name Rhomaea auf, der dann, viel- 
leicht durch den Einfluss der fränkischen Eroberer, die seit dem 
Beginne des 13ten Jahrhunderts einen Staat in den Formen des 
abendländischen Feudalwesens auf der Halbinsel begründet hatten, 
durch eine Metathesis in den noch jetzt beim Volke allein ge- 
bräuchlichen Namen Morea (6 McoQ^ag^ gewöhnlich 6 McoQeäg 
gesprochen), umgewandelt wurde. ^) 

Durch ihr völlig selbständiges, von dem des nördlichen Grie- 
chenlands unabhängiges Gebirgssystem (vgl. Rand I, S. 6) wird die 
Halbinsel naturgemäss in 6 grössere Landschaften geschieden: In 
der Mitte Arkadien, das man mit Recht als das Alpenland des 
Peloponnes und seinen naturlichen Mittelpunkt, in demselben Sinne 
wie es die Schweiz für Euiopa ist, bezeichnet hat; zwei Stufen- 
länder, deren Rergzuge sich von den arkadischen Randgebirgen 
terrassenförmig nach einem flachen, durch Alluvion gebildeten 
Küstensaume absenken: Elis im Westen und Achaia im Norden; 

•) Polyb. 11,38 (vgl. Curtius Pel. I, S. 111); daher nennt Ptolem. 
111, 16, 5 die alte Landschaft Achaia trjv l9t(og HciXovfiivTiv *A%atüL9f. 

*) Vgl. Hopf in den Monatsber. der Berl. Akad. 1862, S. 487, wo- 
durch die früheren Erklämngsversuche, wie die Herleitung von fiogiay 
Maulbeerbaum, oder vom slavischen more, Meer, definitiv beseitigt 
sind. Ueber die Geschichte der Halbinsel seit den byzantinischen Zeiten 
vgl. Fallmerayer Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittel- 
alters, 2 Bände, 18.30 u. 36; Buchon Recherches historiques sur la Prin- 
cipaute Fran^aise de Mor^e et ses hantes Baronies, 1845; Leake Pe- 
loponnesiaca p. 135 ss. und die Uebersicht bei Curtius Peloponnesos I, 
8. 84 ff. 

1* 



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4 n. Peloponnesos. 

endlich drei Halbinseln, die von selbständigen, in ihren Wurzeln 
aber mit den arkadischen Gebirgen zasammentreffenden, an Mäch- 
tigkeit denselben theils ebenbürtigen^ theils sie überragenden Berg- 
zögen, an die sich dann breite, offene Köstebenen anschliessen, 
durchzogen werden: die Argolische Halbinsel im Osten, die 
LakonisO'he mit zwei mächtigen, ganz aus krystallinisch-körnigem 
Kalkgestein bestehenden, nur durch eine vom Eurotas durchflos- 
sene Alluvionsebene getrennten, in zwei lange Felszungen auslaufen- 
den Gebirgszögen im Süden, und die Messen ische im Süd- 
westen. So haben alle diese Landschaften den Vorzug, Küsten- 
länder zu sein, das heisst an einer oder an mehreren Seiten vom 
Meere bespült zu werden, mit Ausnahme des einzigen Arkadiens; 
und auch dieses besass wenigstens eine Zeit lang eine Küsien- 
strecke von 100 Stadien im südlichen Elis (Triphylien), so dass 
Dikaearchos *) mit Recht sagen konnte, alle Staaten des Pelopon- 
nes seien am Meere gelegen. Freilich sind die Vorzüge dieser 
Lage unter die einzelnen Landschaften ungleichmässig vertheilt, 
da die schon im nördlicheren Hellas deutlich ausgeprägte Bevor- 
zugung der Ostseite gegen die Westseite durch eine ungleich 
reichere Küstenentwickelung (vgl. Bd. I, S. 5) sich auch im Pelo- 
ponnes an der Ost- und Südseite gegenüber der West- und Nord- 
seile wiederholt. 

Die sechs oben aufgezählten, durch die natürliche Gestaltung 
des Landes selbst abgegränzten Landschaften haben kaum jemals 
im Alterthum sechs selbständige Staaten gebildet, sondern in der 
Regel hat, insbesondere in Folge des Uebergreifens des einen 
oder andern in das Gebiet eines schwächeren Nachbars, die poli- 
tische Eintheilung nicht ganz jener landschaftlichen Gliederung 
entsprochen.^) In der achäischen Zeit, der ersten Blütezeit der 



') Bei Oic. ad Att. VI, 2; vgl. Scyl. per. 44 mit C. Müllers Note. 
Die politische Verb in düng zwischen £Iis und Arkadien ist auch der 
Grund, weshalb manche alte Schriftsteller nur 5 Landschaften des Pe- 
loponnes anerkannten, indem sie Elis und Arkadien als eine rechneten: 
vgl. Thuk. I, 10; Paus. V, 1, 1. 

«) Vgl. Niebuhr Vorträge über alte Länder- und Völkerkunde, S 31fi*. ; 
Dr. L. Schiller, Stämme und Staaten Griechenlands nach ihren Terri- 
torialverhältnissen bis auf Alezander, 3 Programme der Studienanstalten 
zu Erlangen (1855) und Ansbach (1858 u. 1861), die alle drei nur den 
Peloponnes betreffen. 



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IL Peloponnesos. 5 

Halbinsel, finden wir nach den Schilderungen des Homerischen 
Scbiffscatalogs zwar sechs selbständige Staaten auf derselben, deren 
Begränzung aber in mehr als einer Hinsicht von jener oben an- 
gegebenen abweicht: das Reich des Diomedes, welches nur aus 
der sudlicheren Hälfte von Argolis besteht; das des Agamemnon, 
welches das nördlichere Argolis, vom Nordrande der argivischen 
Ebene an, und fast ganz Achaia (oder wie es damals hiess Aegia* 
leia) umfasst;^) Lakedaemon und das östliche Hessenien unter 
Menelaos, eine Art Lehnsfurstenthum des Agamemnon;, das west- 
liche Messenien und Triphylien unter Nestor; Arkadien unter 
Agapenor; Elis mit dem westlichsten Theile Achaia's, das 
Land der Epeier, die unter verschiedenen Heerfursten stehen. 
Gewaltsam umgestaltet wurde dieses achäische Staatensystem 
durch die Einwanderung der Dorier, die zwar nur drei Land- 
schaften ganz in ihre Gewalt brachten, aber doch mittelbar 
durch Verdrängung froherer Einwohner, wie der Achäer, die 
nun von der alten Aegialeia Besitz nahmen und sie zur Achaia 
machten, auch auf die übrigen Landschaften einwirkten und äber- 
haupt der. ganzen Halbinsel für alle Folgezeit einen wesentlich 
dorischen Charakter aufprägten. Die Ueberlieferung lässt aller- 
dings die 'drei von den Doriern in Besitz genommenen Landschaften, 
Argolis, Lakonien und Messenien, als drei selbständige König- 
reiche durchs Loos unter die dorischen Heerfursten vertheilt wer- 
den; allein deutliche Spuren der Sage zeigen, dass der Argivische 
Antbeil, der dem Temenos zugefallen sein soll, nicht die ganze 
Landschaft Argolis umfasste, sondern dass wenigstens das Gebiet 
von Korinth, das nach der Tradition durch eine besondere Schaar 
von Doriern unter Führung des Aletes erobert wurde, davon aus- 
geschlossen war; ja es ist im hohen Grade wahrscheinlich, dass 
die Herrschaft der Temeniden sich ursprünglich nur über die 
argivische Ebene und etwa die zunächst westlich und nordwest- 
lich davon gelegenen engen Gebirgsthäler erstreckte und erst all- 
mälig über andere Theile der Landschaft sich ausbreitete, bis es 
dem Pheidon gelang, die ganze Landschaft unter seinem Scepter 

*) Dies ist freilich vielleicht ebenso wie die Erwähnang der Boioter in 
Boiotien (vgl. Bd. I , S. 201 , Anm. 4) als eine Uebertragung späterer 
Verhältnisse (der Occnpation der Aegialeia durch die Achäer in Folge 
des Eindringens der Dorier in den Peloponnes) anf die achäische Zeit 
ZQ betrachten. 



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6 n. Peloponnesos. 

zu eiDem politischen Ganzen zu vereinigen und derselben die 
Fuhrerscbaft in den gemeinsamen Angelegenbeilen der Halbinsel 
zu erwerben.^) Aliein scbon unter seinem Nachfolger fiel dieses 
Reich wieder auseinander; nicht nur die grössern Ortschaften, 
wie Korinth, Sikyon und Phlius, gewannen ihre Selbstanälgkeit, 
die sie dann bis zur Zeit der Römerherrschaft behauptet habeu, 
wieder, sondern auch kleinere lösten sich von der Souveränität 
von Argos los und wurden von diesem erst in verhältnissmässig 
später Zeit wieder unterworfen; endlich wurde ein nicht unbe- 
deutender Theil des altargivischen Landes, die Kynuria, nach 
langen und harten Kämpfen den Argivern durch die Lakedämo- 
nier entrissen. Der dritte der dorischen Staaten, Messenien, hat 
bekanntlich frühzeitig seine selbständige politische Existenz ein- 
gebüsst und dieselbe erst in den spateren Zeiten der griechischen 
Geschichte wiedererlangt. Ferner hat der südlichste Canton von 
Elis, die Landschaft Triphylien, sich immer und immer wieder 
gegen das Verhältniss der Unterthänigkeit zu Elis gesträubt und 
wenigstens zum Theil, wie schon bemerkt, eine Zeit lang an 
Arkadien sich angeschlossen. Diese Landschaft selbst endlich hat 
in der historischen Zeit niemals eine politische Einheit gebildet, 
sondern ist stets in eine Anzahl einzelner, von polilisch selbstän- 
digen Stämmen bewohnter Cantone zerspHttert gewesen: auch die 
durch Epameinondas veranlasste, in ziemlich gewaltsamer Weise 
durchgeführte Concentration der Cantone Südarkadiens zu einem 
Einheitsstaate war nur von kurzer Dauer. 

Diese Schwankungen der politischen Verhältnisse dürfen uns 
indess natürlich nicht hindern, unserer Schilderung der Halbinsel 
die Eintheilung in die oben genannten sechs Landschaften zu Grunde 
zu legen. Mit Rücksicht auf die Chorographie würde dabei am 
naturgemässeslen von Arkadien als von dem naturlichen Miltel- 
puncte auszugehen sein ; allein sowie wir im ersten Theilc unseres 
Ruches hauptsächlich aus Rücksicht auf die Uebersichllichkeit der 



Vgl. besonders Weissenborn Hellen S. 1 ff. , dem in der Zeit- 
bestimmnng des Pheidon (01.28 statt 8) Ciirtius (gr. Geschichte I, S. 207), 
Schiller (a. a. O. III, 8. 9 f.) u. a. beigetreten sind, während Grote (Ge- 
schichte Griechenlands!, S. 640 ff. d. d. Ueb.), Duncker (Gesch. d. Grie- 
chen I, S. 389 ff.), Hertzberg (Allgemeine Kncyclopädie d. Wiss. und 
Künste I, Bd. 80, S. 304) u. a. gegen ihn die überlieferte Chronologie 
in Schutz nehmen. 



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1. ÄrgoHs. 7 

Darstellung die periegelische Anordnung festgehalten haben, so 
wollen wir dies auch hier wenigstens für die geographisch selb- 
ständigen Landschaften thun und demnach mit Argolis beginnen, 
was es uns möglich macht, den am Schlüsse des ersten Bandes 
unterbrochenen Faden unmittelbar wieder aufzunehmen. 



1. ArgoÜB. 

Der Name Argolis (ij 'j^Qyokigj nämlich xciQcc) bezeichnet 
eigentlich ebenso wie Argeia {rj ^AQyaia) nur einen von den 
drei Theilen , in welche die ganze hier im freieren geographischen 
Sinne so benannte Landschaft ihrer natürlichen Gliederung nach 
zerfällt: das unter der unmittelbaren Herrschaft der Stadt Argos 
stehende Gebiet, das heisst die weite, im Süden vom Argoli- 
schen Meerbusen bespülte Küstenebene in der Mitte der Land- 
schaft, in der Argos selbst liegt, und das dieselbe zunächst von 
drei Seiten umschliessende Bergland, im Westen bis zu den die 
Gränze gegen Arkadien und Lakonien bildenden Bergzügen des 
Artemision, Parthenion und Parnon, im Norden bis an die die 
Parallel thäler von Phlius, Nemea und Kleonae sowie den nach 
Korinth hin sich öffnenden Engpass im Süden abschliessenden 
Berge, im Osten endlich bis zu der weit nach Südosten sich 
verzweigenden selbständigen Gebirgsmasse, welche eine beson- 
dere» den Städten Epidauros, Troizen und Hermione zugehörige 
Halbinsel» die gewöhnlich mit dem Namen des Gestades (^ 
'^xTijV) bezeichnet wurde, bildet. In Folge des bedeutenden 
Uebergewichts aber welches Argos, das als Ausgangspunkt der 
Dorisirung der meisten übrigen Städte der Landschaft gewisser- 
massen als Multerstadt derselben betrachtet werden konnte, er- 
langte, bildete sich allmälig, freilich mit mannigfachen Schwan- 
kungen » der Sprachgebrauch aus, das ganze von Arkadien , Lako- 
nien, dem Argolischen und dem Saronischen Meerbusen begränzte 
Land, entweder bis zu den die nördliche Strandebene, das Gebiet 
von Korinth und Sikyon, im Süden abschliessenden Bergen, ^) oder 



«) Strab. VIII, p.389; (Scymn.) orbis descr. 523; 533; Diod.XII,68; 
Polyb. V, 91; Plut. Demetr. 25; Arat. 40; Paus. II, 8, 5. 

«) btrab. VIU, p. 335 (vgl. p. 376); Ptol. III, 16, 11 u. a. 



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8 II. Peloponnesos. 

auch bis zum korinthischen Meerbusen und dem IsthmosJ) mit 
dem Namen Argolis oder Argeia zu bezeichnen. 

Die älteste Bevölkerung wenigstens eines grossen Theiles der 
Landschaft, namentlich der Ebene von Argps und der nördlichen 
Strandebene, war eine pelasgisch-ionische;^ neben derselben hat- 
ten sich aber frühzeitig, besonders im östlichen Theile der Land- 
schaft (Epidauros, Hermione) karische und wohl auch lykische') 
Einwanderer festgesetzt, die zum grösseren Theile wieder durch 
die Dryoper, welche den sädöstlicheren Theil der Landschaft in 
Besitz nahmen, vertrieben wurden. Eine feste staatliche Ord- 
nung gewann die Landschaft durch die offenbar von Thessalien 
her eingewanderten Achfter, denen sich Angehörige anderer Thes- 
salischer Stämme, namentlich der Minyer (als deren Hauptsitze 
Korinth und Epidauros zu betrachten sind), angeschlossen hatten: 
zwei mächtige achäischc Königreiche, von denen das nördlichere 
unter dem Förstenhause der Atriden seine Gränzen weit über die 
Naturgränzen der Landschaft hinaus erweitert hatte (s. oben S. 5) 
bestanden neben einander und machten sie zur unbestrittenen Füh- 
rerin der ganzen Halbinsel. Und auch als die Dorier von zwei Kü- 
stenplätzen aus, an denen sie sich zuerst festgesetzt hatten (dem 
Temenion am südlichen Rande der Argivischen Ebene und dem 
Hügel Solygeios an der Ostküste der Korintbia), allmälig, anfangs 
durch Gewalt, dann durch freiwillig^e Unterwerfung der alten Be- 
wohner, die ganze Landschaft in Besitz genommen und dorisirt 
hatten, behauptete Argos, das nun der unzweifelhafte Miltelpunkt 
derselben geworden war, noch Jahrhunderte lang die Hegemonie 
über die Halbinsel und dehnte seine Herrschalt zeitweise weit 
nach Süden , bis zum Vorgebirge Malea hinab (Herod. I, 83) aus, 
bis das Emporkommen des am vollständigsten von dorischer Art 



*) Pomp. Mela II, 89; Eustath. ad Dion. Per. 419; vgl. schol. Eurip. 
Orest. 1289. So bezeichnet Paus. III, 1, 1 die Korintbia, c. 7, 1 die Si- 
kyonia als fi^oi^Qa rijs 'ji^yeiag und ym, 1, 2 nennt er die Sikyonier 
f6%€Cto^ fuoiQOtg f^g UffyoXidog, wäbrend er anderwärts (rgl. II, 26, 1) 
anter der Argeia nur das Stadtgebiet von Argos versteht. 

*) Gegenüber den Erklärungen des Herodot (I, 66; VII, 94) scheint 
es uns unmöglich, die Peloponnesi sehen lonier bestimmter von den 
Pelasgem zu unterscheiden. 

') Darauf führt für Korinth die hier heimische Sage vom Bellero- 
phon, für Tirjns die von den Ijkischen Kyklopen. 



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1. Argolis: Konnthia. 9 

durchdrungenen Staates, Lakoniens, ihm die Tactlsche Hegemonie 
über die Halbinsel, wie auch einen nicht geringen Theil seines 
ehemaligen Landes entriss und nur die mit einer Zähigkeit, welche 
der argi vischen Politik gerade in den entscheidungs vollsten Zei- 
ten der griechischen Geschichte einen schwankenden, ja geradezu 
antinationalen Charakter aufprägt, fest gehaltenen Ansprüche darauf 
übrig Hess. 

Die nordöstlichste Ecke der Landschaft und zugleich eine Korinthia. 
Art Vorhof der ganzen Halbinsel bildet die Korinthia, das Ge- 
biet der Stadt Korinthos, welches die natürliche Brücke zwischen 
dem nördlicheren und südlicheren Hellas, den Isthmos, sowie eine 
schon früher (Bd. L S. 382 ff.) geschilderte nicht unbeträchtliche 
Strecke altmegarischen Landes, die sogenannte Peraea, ferner 
die ^tlichere Hälfte der zunächst im Südwesten an den Isthmos 
sich anschliessenden Strandebene, in welcher der kleine Bach 
Nemea die Gränze gegen die Sikyonia bildete, endlich das südlich 
davon sich hinziehende dürre und unfruchtbare, von zahlreichen 
Schluchten durchzogene Bergland umfasste, das durch ein enges, 
von einem Giessbache durchOossenes Thal, in welchem der kür- 
zeste aber steile Weg von Argos nach Korinth, die sogenannte 
Kontoporia hinführte, ') in zwei Theile geschieden wird : einen west- 
licheren, von den Alten mit keinem Sondernamen bezeichneten 
(wahrscheinlich rechneten sie diese Berge zu dem das Thal von 
Kleonae im Süden begränzenden Treton), aus welchem ein ein- 
zelner 575 Meter hoher Felskegel gegen Norden vortritt, der die 
Burg von Korinth {'jdxQoxoQivd'og) trug, und einen östlicheren, 
der den Namen des Oneion oder der On ei a berge ^j fOvaa 
0^) führte. Die östlichen Abhänge dieses letzteren treten fast 
überall ohne Küstensaum unmittelbar an das Meer hinan, die 
südlichen werden nur durch schmale Schluchten von anderen 
zum Theil höheren, viel weiter nach Osten streichenden Berg- 
massen geschieden, die zu dem Epidaurischen Gebirgssystem ge- 
hören, auf deren Rücken wahrscheinlich die Gränzlinie zwischen 
der Korinthia und der Epidauria hinlief Die Bodenbeschalfenheit 



Athen. II, p. 43*; Polyb. XVI, 16; vgl. Ross, Reisen und Reise- 
ronten in Griechenland I, S. 26. 

*) Thnk. IV, 44; Xen. hell. VI, 6, 51 ; Polyb. II, 52; Plut. Cieom. 20. 
Dass 8trabon (p. 380 u. 393) das Oneiongebirge mit der Gerania ver- 
wechselt hat, ist schon Bd. I, 8. 367, Anm. 1 bemerkt worden. 



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10 II. Peloponnesos. 

(dieses gaozeo Gebietes ist keineswegs eine zur Ansiedelung ein- 
ladende, denn abgesehn von der halb zur Korinthia, halb zur 
Sikyonia gehörigen Strandebene westlich vom Isthmos, die durch 
ihre Fruchtbarkeit sprüeh wörtlich geworden war,^) ist das übrige 
meist dürres Bergland mit wenigem, steinigem Ackerboden,^) 
auch für den Weinbau schlecht geeignet,^) höchstens der Vieh- 
zucht durch Weiden an einigen besser bewässerten Uerghängen 
dienend.^) Allein dieser Hangel wurd völlig aufgewogen durch 
die für Handel und SchiflTahrt wahrhaft unvergleichliche Beschaf- 
fenheit des Isthmos, der nicht nur die einzige Strasse für den 
Verkehr zu Lande zwischen der südlichen und nördlichen Hälfte 
von Griechenland bildet, sondern auch zu beiden Seiten die herr- 
lichsten Häfen hat, die dem Seeverkehr nach Osten wie nach 
Westen gleich günstig sind. ^) Daher finden wir denn auch schon 
in frühen Zeiten Angehörige desjenigen griechischen Sta Arnes, 
der zuerst der griechischen SchiflTahrt ihre Bahnen eröfFnet hat, 
Thessalische Minyer (vgl. Bd. I, S. 102) hier angesiedelt: ihre 
mit dem in der ältesten griechischen Geschichte so häufigen Na- 
men 'Eipvga (II. Z, 152; 210) bezeichnete Niederlassung lag wahr- 
scheinlich an derselben Stelle wie die spätere KoQcvd'og, auf 
einer tafelförmigen Fläche am nördlichen Fusse des schon er- 
wähnten steilen Felskegels, dessen breiter Gipfel zugleich als 
Zufluchtsort für die Bewohner der Unterstadt und ihre Reichtu- 
mer und als Heiligtum ihres Stammgottes Poseidon diente: weit 
genug von der Küste um vor plötzlichen Ueberfällen von Piraten 
sicher zu sein (vgl. Thuk. 1,7), aber auch nahe genug dem Islhmos 

^) Athen. V, p. 219*; vgl. Luc. Icaromen. 18; id. nayig. 20; schol. 
Ar. aves 968; Zenob. III, 57; Liv. XXVII, 31; Cic. de lege agraria 
1, 2, 5. 

*) Vgl. Theophrast. de causis pl. III, 20, 5 , wonach die Aecker in 
der Korinthia erst durch iuXid'oloysLV ertragfähig gemacht wurden. 

3) Alexis bei Athen. I, p. 30^ 

*) Dass namentlich die Pferdezucht in Korinth bltihte ist aus der 
Bezeichnung edler Rosse als noicnatiai oder xonnatpogoi (Lucian. adv. 
^nd. 5) zu schliessen, welche doch wohl von einer den in den korinthi- 
schen Staatsgestüten gezüchteten Rossen eingebrannten Marke herzu- 
leiten ist, wie wohl auch die cafttpogai von iSikyon (vgl. unt^n S. 25). 

^) Sehr bezeichnend für die Lage Korinths sind die Ausdrücke des 
Dion Chrysostomos: 17 noXig (octcsq ^v tgiodm t^g EXlcidog insiro (or. 
VIII, 5) und iv KoqivQ^ta tv za negmäzo} xrjg ^ElXctöog (or. XXXVII, 7). 



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1. Argolis: Koriothia. 11 

tun die von ibm gebotenen Verkehrsmittel auszubeuten und zu 
beherrschen. Ganz natürlich ist es ferner» dass eine solche Nieder- 
lassung auch Ansiedier von Osten her, arischen wie semitischen 
Stammes, anziehen musste, welche die Künste und Fertigkeiten 
des Ostens wie auch ihre heimischen Sagen und Culte mitbrach- 
leo, daher wir in Korintb manche Industriezweige, wie die Kunst- 
weberei und Färberei, die Bearbeitung des Erzes, die Töpferei 
und Thonplastik, früher und höher als in anderen Theilen Grie- 
chenlands entwickelt und ausländische Culte in grösserer Anzahl 
und höherem Ansehn als sonst finden: der piiönikisclie Sonnen- 
goU Baal-Melkarth verdrängte sogar den Poseidon von der Burg, 
die jenem nun als dem Helios in Verein mit der Aphrodite (der 
phönikischen Astarte} geweiht wurde, während Poseidons Heilig- 
tum auf den Isthmos verlegt,^) ihm aber auch dort derMelkarth 
als Meiikertes-Palaemon beigesellt und in die Sagengescliicbte des 
Minyiscben Königshauses eingereiht wurde; der lykische Bellero- 
phontes, seiner ursprünglichen Bedeutung nach der gegen Gewitter- 
wolken und andere feindliche Naturkräfle kämpfende Sonnengott, 
erhielt ein Heiligtum vor der ßtadt und wurde auch mit der 
Athene verbunden.^) Auch Stammgenossen der agialeischen lo- 
nier haben sich, wahrscheinlich von der Tetrapolis im nördlichen 
Atüka aus, in der Stadt niedergelassen und eine Zeit lang die 
Herrschaft darin behauptet; von ihnen scheint die Umänderung 
des älteren Namens Ephyra in Korinthos (die Höhenstadt, ur- 
sprünglich wohl nur Bezeichnung der später zum Unterschied von 
der Unterstadt ^AxQoxoQtv^og genannten Burg) herzurühren;^) 
unter ihrem Einfluss sind wohl auch die Festversammlungen und 
Kampfspiele im Heiligtum des Poseidon auf dem Isthmos zu grös-^ 
serer Bedeutung gelangt durch die Betheiligung anderer ionischer 
Staaten, vor allen Athens, an denselben.^) Endlich kam noch ein 



Dies ist offenbar die factische Grundlage der korinthischen Sage 
vom Streit des Poseidon und Helios um das korinthische Land und die 
Beileg^g desselben durch Briareos (Paus. II, 1, 6; Dio Chrysost. or. 
XXXVII, 11]. Aphrodite nebst Helios auf Akrokorinthos : Paus. II, 5, 1. 

«) Paus, n, 2, 4; 4, 1. 

^) Kach korinthischer Localsage sind Korinthos und Sikyon Brüder, 
Söhne des Marathon; s. Paus. II, 1, 1; 3, 10. Der Name Kof^iv&og 
hängt jedenfalls mit xo^^vp, wohl auch mit %oqvq>ri zusammen. 

*) Darauf fuhrt die Sage von der Gründung oder Umgestaltung der 



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12 11. Peloponnesos. 

neues Element der Bevölkerung hinzu durch die dorische Erober- 
ung, welche, ähnlich wie die von Argos, von der Seeseite her 
erfolgte , indem ein Haufe dorischer Abenteurer, dessen Anführer 
bezeichnend genug Aleles (der Umherschweifende) genannt wird, 
an einer 3 Stunden von der Stadt entfernten Stelle der Ostkuste, 
sudlich von dem Vorgebirge Che rsonesos, dem östlichsten Vor- 
sprunge des Oneion, landete, den 12 Stadien von der Küste ge- 
legenen Hügel Solygeios, der später ein Dorf Solygeia trug, 
occupirte^) und von dort aus durch unausgesetzte Angriffe die 
Bewohner der Stadt nöthigte, die Eindringlinge als Herren in die 
Stadt aufzunehmen. So trat Korinth, Anfangs von Königen, die 
sich zum Geschlecht des Herakles rechneten, dann von Prytanen 
aus der gleichen Familie beherrscht, in die Reihe der dorischen 
Staaten der Halbinsel ein, ohne doch einen eigentlich dorischen 
Charakter anzunehmen; vielmehr blieb, der Natur des Lan- 
des gemäss, Handel, SchifiTahrt und Industrie die eigentliche 
Beschäftigung der in 8 Phylen, welchen ebenso viele Bezirke 
des ganzen Gebietes entsprachen, getheilten Bevölkerung,^) deren 
Wohlstand einen neuen Aufschwung nahm seitdem durch einen 
wenigstens väterlicher Seits einem äolischen Geschlechte an- 



Isthmien durch Thesens: s. Flut. Thes. 25; schol. Find. Isthm. arg.; 
Ygl. Krause, Die Pythien, Nemeen and Isthmien S. 175 ff. Vielleicht ist 
die Begründung der Isthmien geradezu als eine Art Opposition gegen 
die maritime Amphiktjonie von Kalaurea, zu der Korinth nicht ge- 
hörte, aufzufassen. 

*) Thuk. IV, 42, wo eine von den Athenern im achten Jahre des 
Feloponnesischen Krieges unternommene Landung an demselben Flatze 
erzählt wird. Die dort als 'Peivog oder*P«tTog (vgl. Bd. I, S.327, Anm.3) 
bezeichnete Oertlichkeit, welche Curtius (Felop. II, S. 649) als den Vor- 
sprung der Küste, welcher gegen Westen die Bucht sohliesst, betrachtet, 
dürfte dem Namen nach eher für den bei dem Dorfe Galata vorüber- 
fliessenden und in den Winkel der Bucht mündenden Bach zu hal- 
ten sein. 

*) Vgl. Suid. u. navta oxrco, wonach Aletes die Bürger in 8 Fhy- 
len und die Stadt in 8 Theile getheilt hätte : demnach sind diese Fhylen 
(oder Demen?) jedenfalls als top Ische, die aber gewiss nicht bloss die 
Stadt sondern das ganze Gebiet umfassten, anzusehn; als eine dersel- 
ben darf man wohl Petra, die Heimat des Eetion, des Vaters des 
Kjpselos (Herod. V, 92, 2) betrachten. Charakteristisch für Korinth ist 
auch dass dort nach Herod. II, 167 die Handwerker am wenigsten ver- 
achtet waren. 



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1. Argolis: Korinthia. 13 

gehörigen MaDn, Kypseios, die Oligarchie der dorischen Ge- 
schlechter gestürzt, die Familie der Bakchiaden, in deren Hän- 
den bisher die Regierung gewesen war, vertrieben und eine 
Monarchie aufgerichtet worden war, deren Hauptbestreben dahin 
gieng, der Stadt durch Anlage einer Reihe von Handelsstationen 
an den Kästen des westlichen Hellas die Alleinherrschaft im west- 
lichen Meere, zugleich aber auch durch Colonisation auf der thra- 
kischen Halbinsel Pallene und durch Anknüpfung von Verbindun- 
gen mit griechischen Städten Kleinasiens, wie mit Miietos und 
Hitjlene, ja sogar mit den Herrschern von Lydien und Aegyplen, 
einen Einfluss im Osten zu sichern.^) Diese PoUtik wurde auch 
im Wesentlichen festgehalten als nach dem Sturze der Kypseliden 
eine gemässigt aristokratische Verfassung eingerichtet worden war, 
und ihr verdankte es Korinth, dass es, wenn auch als eigentliche 
Seemacht erst von Aegina, dann von Athen uberflögelt, doch imstrei- 
lig die erste Handelsstadt von Hellas^ blieb, mit der sich an Volks- 
zahl, an Reichtum und Pracht, freilich aber auch an Verlockungen 
zu Ausschweifung und Verschwendung, namentlich durch die grosse 
Anzahl von Hetären, die ihr Gewerbe zum Theil geradezu im 
Dienste der Aphrodite betrieben, keine andere Stadt messen 
konnte.^) Auch der Umfang der Stadt war bedeutend: die Ring- 
mauer, welche die tafelförmige Fläche der Unterstadt mit Aus- 
nahme der durch den steil ansteigenden Berg geschützten Süd- 
seite umgab, hatte eine Ausdehnung von 40 Stadien und zog sich 
dann mit einigen durch die Schroffheit der Abhänge bedingten 
Unterbrechungen bis auf den Gipfel des Berges, der dadurch in 

') Vgl. Barth Corinthioram commercii et mercaturae historia, Berlin 
1844; über Kypselos Abstammimg auch Scbubring De Cypselo Corin- 
thiomm tyranno, Göttingen 1862. 

*) Nach Timaeos bei Athen. VI, p. 272»> betrug die Zahl der Skla- 
ven in Korinth 640,000, eine Zahl die sich nur erklären lässt, wenn 
man darunter alle von den Korinthem besessenen Sklaven , d. h. nicht 
nur die in der Stadt und ihrem Gebiete in Fabriken, mit Feldarbeit 
u. dgl. beschäftigten, sondern auch die als Ruderknechte auf den Schif- 
fen dienenden und in den auswärtigen Handelsniederlassungen korinthi- 
scher Kaufleute arbeitenden versteht, die also zur Berechnung der von 
Clinton (Fasti Hellenici ed. Krüger p.4298.) auf etwa 40,000 Seelen ver- 
anschlagten freien Bevölkerung keinen Anhalt giebt. lieber die He- 
tären bes. Athen. XUI, p. 673« flf.; Strabo VIIl, p. 378; Sotion bei Gell. 
N. A. 1,8; Zenob. V, 37. 



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14 II. Peloponnesos. 

die Befestigung der Stadl aufgenommen war, hinauf, so dass der 
gesammle Umfang gegen 85 Stadien betrug (Strab. VIII. p. 379). 
Dieser Glanz fand freilich ein jähes Ende durch die barba- 
rische Zerstörung der Stadt durch Mummius im Jahre 146 v. Chr., 
welche Mommsen mit grosser Wahrscheinlichkeit aus der mer- 
kantilen Eifersucht der römischen Grosshändler erklärt hat: die 
Stadt verschwand dadurch gänzlich aus der Reihe der bewohnten 
Orte; der Boden worauf sie gestanden halte wurde mit einem 
Fluche belegt, ihr Gebiet theils zu römischem Gemeindeland ge- 
macht, theils mit der Leitung der Tsthmisclien Spiele an Sikyon 
gegeben. Erst 100 Jahre später (im Jahre 44 v. Chr.) wurde der 
Fluch aufgehoben und eine römische Colonie unter dem Namen 
Colonia Laus lulia Corinlhus durch Cäsar auf der Ställe 
der alten Stadt, aber mit geringerem Umfang, begründet, die in 
der römischen Kaiserzeit, wie wir aus der Beschreibung des Pau- 
sanias (II, 2, 4fr.) ersehen, wenigstens einen Schimmer ihres alten 
Glanzes wieder erlangt halte. ^) Auch diesem wurde durch die 
Einfälle barbarischer Völker, wie der Gothen und Slaven, denen 
Korinth mit seiner gewaltigen Feste als der Schlüssel der ganzen 
Halbinsel immer zuerst erliegen musste, ein Ende gemacht; doch 
hat sich trotz der wiederholten Zerstörungen von Menschenhänden 
wie durch Naturereignisse, namentlich Erdbeben die noch in 
den letzten Jahren wiederholt den Isthmos und seine Umgebungen 
heimgesucht haben, bis auf den heutigen Tag ein freilich sehr 
unscheinbares und ärmliches Städtchen mit dem alten Namen und 
einigen wenn auch geringen Trümmern der allen Bauwerke auf 
der allen Stätte erhalten. Freilich reichen diese Trümmer, unter 
denen 7 hoch altertliümliche bis zum Capital monolithe dorische 
Säulen aus mit rölhlichem Stuck überzogenem Kalkstein^) das 
Bedeutendste sind, bei Weitem nicht aus zur Feststellung der 
Topographie der Stadt, sondern wir müssen uns dabei fast ganz 



^) Nach Dio Chrysost. or. XXXVII, 36 war Korinth noch zu dessen 
Zeit die bedeutendste Stadt in Hellas. Eine Bibliothek in der Stadt 
erwUhnt ders. cbds. § 8. 

») Stuart und Revett (Alterthümer von Athen III, Lief. 12, Tfl.lOf.) 
sahen noch 12 Säulen, aber schon 30 Jahre spater waren nur noch 7 
vorhanden, die noch heut zu Tage stehen. Vgl. den Plan und die Ab- 
bildungen in der £xp(^dition de More'e Ilf, pl. 77 ss. 



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1. Argolis: Korinthia. 15 

an die nicht allzu klare Schilderung des Pausanias hallen. Der- 
selbe durchschreitet , von Kenchreae, also von Osten her, kom- 
meud zuerst einen ro Kgävstov genannten Kypressenhain , in 
welchem er das Heiligthum des ßellerophontes, einen Tempel der 
Aphrodite Melaenis und das Grahdenkmal der Hetäre Lais (eine 
Löwin welche einen Widder zwischen den Vorderlatzen hielt) 
crvvähnt;^) unmittelbar am Stadtthore lag das durch das Marmor- 
bild eines Hundes bezeichnete Grab des Diogenes von Sinope, zu 
dessen Zeit sich hier ein viel besuchtes Gymnasion befand, um 
welches herum elegante und wegen der Reinheit der Luft in die- 
ser Gegend besonders gesuchte Wohnungen sich ausbreiteten; 
auch die Hökerinnen mit ßrod, Gemüse und Fruchten pflegten 
hier feilzuhalten.^) Etwas nördlich davon ist für die römische 
Colonie eine in Griechenland sehr Seltene Anlage» ein Amphi- 
theater, ganz in eifie künstliche erweiterte Vertiefung des Fels- 
hodens hineingearbeitet» so dass man erst wenn man unmittelbar 
am oberen Rande der Sitzreihen steht desselben ansichtig wird.^) 
Id der Stadt beschreibt Pausanias (c. 2, 6 ff.) zuerst die im Süden 
wahrscheinlich bis an den Fuss des Berges hinanreichende Agora, 
an welcher die meisten Heiligthümer und Götterbilder standen: 
die Mitte derselben nahm eine Erzstatue der Athene mit Bildern 
der Musen am Piedestal ein. Durch eine reiche Thorballe trat 
man von der Nordseite der Agora in eine nach dem Hafen Le- 
chäon führende Strasse, an welcher ausser mehreren Götterstatuen 
eui von dem bekannten Günstlinge des Augustus und Regenten 
von Lakonien, G. Julius Eurykles,^) gestiftetes kostbares Bad lag 
eine ostwärts von ihr abzweigende Seitengasse führte zu der 
besten und bedeutendsten unter den zahlreichen aus dem Stadt- 
lioden aufsprudelnden Quellen, die als ein Ausfluss der auf Akro- 



*) Paus. c. 2, 4. Das Grabdenkmal der Lais, das nur ein Kenota- 
phion gewesen zu sein scheint (vgl. Athen. XIIT, p. 589*»), ist gewiss 
nicht auf das Gewerbe derselben zu bezieben, sondern als ein Symbol 
der Macht des Todes zu fassen. 

•) Diog. Laert. VI, 2, 77; Plnt. de exilio 6. Theophr. de caus.pl. 
V, 14, 2; Alciphr. epist. HI, 60; vgl. Ruhnken ad Tim. p. 167. 

*) Expedition de More'e III, pl. 77, 8; Vischer Erinnerungen S. 264 f.: 
vgl. Dio Chrysost. or. XXXI, 121; lunioris philos. orbis descr. c. 28 
(Bode Scriptores rerum myth. II, p. XV). 

*) Vgl. Über ihn Strab. VIII, p. 363; 366 und Reinesius bei Böckh 
ad C. I. gr. n. 1389. 



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16 H. Peloponnesos. 

korintbos entspriogenden Peireoe (vgl. S. 17) betrachtet wurde: 
das Wasser kam in mehreren künstlich angelegten Grotten eum 
Vorschein und floss aus diesen in einen Marmorbrunnen, bei 
welchem ein heiliger Bezirk mit einer Bildsäule des Apollon an- 
gelegt war. Noch heutzutage quillt am nördlichen Rande der 
Fläche, auf welcher die alte Stadt lag, eine reiche Fülle köst- 
lichen Trinkwassers unter den grottenartig überhängenden Felsen 
hervor und erzeugt eine üppig wuchernde Vegetation, welche die 
in Korinth residirenden türkischen Woiwoden, namentlich den 
letzten, den prachtliehenden Kiamil Bei, veranlasst hatte, hier 
schöne Gärten und ein prachtvolles Serail anzulegen, von dem 
nur noch einige unscheinbare Trümmer oberhalb der Quellen 
übrig sindj) Endlich führte eine andere Hauptstrasse von der 
Agora westwärts in der Richtung nach Sikyon, an welcher zur 
Rechten ein Tempel des Apollon, etwas weiter hin oberhalb eines 
Brunnens ein bedecktes Theater (Odeion) und bei demselben 
das Grabdenkmal der Kinder der Medeia standen;^) in der Nähe 
derselben war der Tempel der Athene Chalinitis mit einem akrolitheu 
Cultbilde der Göttin, aufweichen man mit Wahrscheinlichkeit die 
schon erwähnte hochalterthümliche Tempelruine beziehen kann; nahe 
dabei das nicht mehr nachweisbare, also wohl ganz auf künstlichem 
Unterbau ruhende Theater, oberhalb dessen in der römischen Zeit 
ein Tempel des Capitolinischen Juppiter lag, endlich nicht weit davon 
das alle Gymnasion mit einer Lerna genannten Quelle vortrefflichen 
Trinkwassers^), die in der römischen Zeit von einer mit Ruhebänken 

^) Es wurde Ende April 1821 durch den Archimandriten Dikaeos, 

nachdem er yergeblich die Griechen in Korinth zum Widerstand gegen 

' die heranrückenden Türken ermuntert hatte, in Brand gesteckt; s. 

Brandts Mittheilungen über Griechenland II, S.118; Gervinus Geschichte 

des 19ten Jahrhunderts V, S. 192 f. 

') Curtius Pel. II, S. 531 f. setzt nur den Apollontempel an die 
rechte, die übrigen von Paus. (c. 3, 6 ff.) erwähnten Oertlichkeiten an 
die linke südliche Seite der Strasse 'wo sie sich an den Fuss der Burg 
anlehnen konnten^ : allein da Paus, von dem Apollontempel mit einem 
olCyov ananiQOt zu der XQijvrj der Glauke, dem Odeion n, s. w. über- 
geht, so scheinen vielmehr alle diese Anlagen an derselben, nördlichen 
Seite der Strasse gesucht werden zu müssen; an der Südseite war ver- 
muthlich eben wegen des Fusses der Burg kein Raum für grössere 
Baulichkeiten. 

') Vgl. Athen. IV p. 156«; Lucian. De bist, conscr. 29. 



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1. Argolis: Korinthia. 17 

versebenen Säulenhalle umgeben war, und Tempeln des Zeus und 
des Aeklepios. Unmiltelbar vor dem Thore, welches das westliche 
Ende dieser Strasse abschloss, stand ein Tempel der Hera. ') Von 
der Südseite jener Strasse aus führte eine SeitensCrasse nach 
dem Gipfel der Burg empor, welcher, eine gute halbe Stunde 
im Umfang, nicht eine ebene Fläche sondern verschiedene kleine 
Plateaus und Erhöhungen bildet; auf der höchsten Spitze stand 
der Tempel der Aphrodite, etwas östlich unterhalb desselben be- 
merkt man noch jetzt das alte Brunnenhaus der Quelle Peirene, 
zu dessen tempelähnlicher Fagade ein mit polygonen Steinen aus- 
gemauerter, jetzt mit einem modernen Gewölbe bedeckter Gang, 
in welchen man ursprunglich auf einer Felstreppe hinabstieg, 
fuhrt. ^) .Ausserdem finden sich noch mehrere andere Quellen auf 
der Höhe, ein Umstand, der nebst der Steilheit des Zuganges 
und dem grossen Umfange des Gipfels viel dazu beigetragen hat, 
Akrokorinthos zu einer der wichtigsten Festungen, einer ^Fessel 
von Hellas', wie es Philipp von Makedonien nannte,^) zumachen. 
Diese Bedeutung behielt es auch unter der byzantinischen, 
fränkischen, veuetianischen und türkischen Herrschaft, wie noch 
jetzt die fast überall auf antiken Fundamenten ruhenden Hauern, 
welche den ganzen Gipfel umgeben, zahlreiche, allerdings meist 
unibrauchbare Geschütze auf den Brüstungen derselben und 
eine Menge in Trümmern liegender Häuser innerhalb der Mauern 
bezeugen. Jetzt freilich ist alles im Verfall und die ganze Be- 
satzung der Feste besteht aus einigen Invaliden, welche den durch 
die herrliche Aussicht* angelockten Besucher durch das Labyrinth 
von Trümmern führen. 

Das Befestigungssystem von Korinth schloss aber in der 



') Dass das Heraeon ausserhalb des Thores lag zeigt Plat. Arat. 
c. 22 (vgl. C.21); dieses Thor für ein anderes als das Sikyonische (Liv. 
XXXn, 23) zu halten (mit welchem übrigens die von Xen. Hell. VH, l, 
18 erwähnten Tivlcct al inl ^Xiovvta lovxi wohl identisch sind] sehe 
ich keinen Qrnnd ein. Ob das von Paus. c. 4, 7 am Aufgange nach 
Akrokorinthos erwähnte t^qov der Hera Bunaea mit jenem Heraeon (das 
dann oberhalb der Strasse gestanden haben müsste) identisch ist oder 
nicht, wage ich nicht zu entscheiden. 

«) Vgl. Göttling archäol. Zeitang 1844, N. 20, S. 326 ff. Die Pei- 
rene galt als Tochter des Asopos*, daher 'AcomCi Anth. Pal. IX, 225. 

») Strab. IX, p. 428; Liv. XXXII, 37; vgl. Strab. VIII, p. 361. 

BUKSIAH, OKOGH. II. 2 



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18 H. Peloponnesos. 

Biutezeit der Stadt nicht nur die Burg ein, sondern auch der 
der Stadt zunächst gelegene von den Istbmischen Häfen, das Le- 
chaeon, war durch 12 Stadien lange, durch einen weiten Zwi- 
schenraum von einander getrennte ^Schenkelmauern' (axalrj^ ^na- 
xQoc xBixri), in denen sich mehrere Thore befanden, mit der 
nördlichen Ringmauer der Stadt verbunden.*). Endlich ist als ein 
zu demselben Befestigungssystem gehöriges Aussenwerk die 40 
Stadien lange Quermauer zu betrachten, welche zur Verhinderung 
von Invasionen von Norden her an der schmälsten Stelle des 
Isthmos zuerst, soviel wir wissen, bei dem Zuge des Xerxes gegen 
Hellas aufgeführt, beim Einbruch der Gallier in Griechenland 
(Ol. 125, 1) wahrscheinlich erneuert und später noch von den 
byzantinischen Kaisern und von den Venetianern wiederhergestellt 
wurde :^) die noch erhaltenen Fundamente, welche ohne Zweifel 
dem ursprünglichen Baue angehören, zeigen, dass dieselbe nicht 
eine gerade Linie bildete, sondern den Grundsätzen der griechi- 
schen Befestigungskunst gemäss durchaus der naturlichen Gestalt 
des Terrains (grossen Theils dem Rande einer ziemlich tiefen 
Schlucht) folgte und durch zahlreiche Tburme, hie und da wohl 
auch durch besondere kleine Castelle geschützt war. 

Von den Häfen war das schon erwähnte Lechaeon an der 
Westseite des Isthmos, durch diese seine Lage der Ausgangspunkt 
für den Verkehr mit dem Westen, in Folge seines Anschlusses 
an die städtische Befestigung die Hauptslalion für die Kriegsflotte, 
durch starke Molos gegen die Versandung, welche es jetzt für 
den Verkehr völlig unbrauchbar gemacht hat,^) geschützt: noch 
jetzt erkennt man drei ins Meer hinausgeworfene Schenkelmauern 
und bei der nördlichsten derselben fand ich eine Marmorbasis, 
welche laut der Inschrift (s. BuUelino 1854, p. 34) die Statue 



1) Xenoph. Hell. IV, 4, 7 ss.; 18; Strab. VIII, p. 380; vgl. Leake 
Travels in the Morea HI, p. 251 ss. 

•) Herod. VIII, 71; IX, 7 ss.; Diod. XI, 16; Paus. VII, 6, 7: vgl. 
Curtiiis Pel. I, S. 14; II, S. 546 f.; 596; Vischer Erinnerangen S. 232 f. 

') An seine Stelle ist jetzt das weiter nördlich am Fasse der Ge- 
raneia gelegene Lutraki getreten, das seinen Namen von einigen 
warmen Quellen erhalten hat, die nahe an der Küste wenige Zoll über 
dem Niveau des Meeres hervorsprudeln (s. Fiedler Reise durch alle 
Theile des Königreichs Griechenland I, S. 229 f.): jedenfalls sind dies 
die bei Xen. Hell. IV, 5, 8 erwähnten d'SQftd, 



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1. Argolis: Korinthia. 19 

eines Römischen Proconsuls Flavius Herm(oge)ne8 trug, den Rath 
und Volk der Korinther als *WoLlthäter und Wiederhersteller des 
Hafens' geehrt hatten. In der früheren Zeit lag auch hier eine 
oflTenbar befestigte ansehnliche Ortschaft, die unter anderem ein 
Heiligtum der Aphrodite mit einem geraumigen Saal für Opfer- 
sebmäuse {iöriaroQiOv) enthielt; zur Zeit der Römischen Herr- 
schaft waren nur noch wenige Häuser und ein Heiligtum des Po- 
seidon davon übrig. ^) Eine breite Fahrbahn, auf welcher nicht 
nur Waaren sondern auch kleinere Schilfe über den niedrigen 
Rücken des Istbmos transportirt wurden, der sogenannte Diol- 
kos,^ verband die Westküste des Istbmos mit der Ostkuste, an 
welcher die geräumige gegen Südosten geöffnete Bucht Schoinus 
lag, die ihren von den zahlreich hier wachsenden Binsen berge- 
DommeDen Namen noch jetzt, wenn auch in neugriechischer 
Uebertragung (Kalamaki) bewahrt und neuerdings als Hauptstation 
der Dampfschiffahrt eine Bedeutung gewonnen hat, die sie im 
Alterthume jedenfalls nicht besass, indem der eigentliche östliche 
Hafen von Korinth die zwei Stunden von der Stadt zwischen einem 
den Istbmos im Süden abschliessenden felsigen Höhenzuge und 
dem östlichsten Tbeile des Oneion sich öffnende, auch grösseren 
Schiffen einen sicheren Ankerplatz darbietende Bucht von Kench- 
reae war, an deren Ufer sich eine ähnliche Ortschaft wie am 
Lechaeon ausbreitete: am nördlichen Ende des Hafens stand ein 
Tempel der Aphrodite, am sudlichen Heiligtümer des Äsklepios 
und der Isis, dazwischen auf dem Molo, dessen Fundamente noch 
erhalten sind, eine Erzstatue des Poseidon. Ausserhalb der Ort- 
schaft lag an der nach dem Istbmos führenden Strasse ein Tempel 



*) Dies zeigt aasser der Angabe des Dionys. Calliph. v. 108 von 
einer noUg Ai%ai,ov die ErzUhInng der Ereignisse des sog. Korinthischen 
Krieges bei Xen. Hellen. IV, c. 4 s. (vgl. dazu Grote Geschichte Grie- 
chenlands V, S. 266 ff. d. d. Uebers.). S. anch Plut. VII sap. conv. 2 
und für die spätere Zeit Strab. p. 380; Paus. c. 2, 3. 

«) Strab. VIII, p. 336; 380; Aristoph. Thesmoph. 648 s. c. schol.; 
Tgl. Cnrtins Pel. I, S. 28 und II, S. 596. Hesych. u. dCoX%oq lässt 
denselben vom Lechaeon nach Kenchreae sich erstrecken, was schon 
wegen des Höhenzuges, der diesen Hafen von dem eigentlichen Isthmos 
trennt, unmöglich ist. — lieber den zu verschiedenen Malen im Alter- 
thnm auftauchenden, vom Kaiser Nero ernstlich in Angriff genommenen 
Plan, denDiolkos durch einen Durchstich des Isthmos zu ersetzen, 
s. Fiedler Reise I, S. 235 ff.; Curtius Pel. I, 8. 12 ff. 

2* 



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20 1(. Peloponnesos. 

der Artemis ; südwestlich, gegeo das die Bucht im Süden abschlies- 
sende Vorgebirge Chersonesos (vgl. S. 12) zu, quillt schwach salz- 
haltiges Wasser in solcher Stärke, dass es nach ganz kurzem 
Lauf eine Mühle treibt, hervor, das im Alterthnme unter dem 
Namen des Bades der Helena bekannt war und wahrschein- 
lich, wie auch jetzt noch bei den Umwohnern, als heilkräftig galtJ) 
Der jetzt ganz verödete, nur mit Geströpp und einzelnen 
Strandkiefern bewachsene Rucken des Ist h mos war im Aher- 
thume wenigstens zu einem bedeutenden Theile mit Baulichkeiten 
geschmückt, welche alle für den Cult des Poseidon und des ihm 
beigesellten Melikertes-Palaemon, insbesondere für die Feier der 
Islhmischen Spiele und zur Aufnahme der ungeheuren Menge von 
Fremden, welche zu denselben aus allen Gegenden, in welche 
die griechische Cultur nur je einen Fuss gesetzt hatte, zusammen- 
strömten, bestimmt waren. Den Mittelpunkt derselben bildete der 
auf einer Hochfläche V/^ Stunden östlich von der Stadt gelegene 
Tempel des Poseidon, von nicht eben bedeutender Grösse, wahr- 
scheinlich im dorischen Stile erbaut, mit ehernen Tritonen als 
Akroterien auf dem Firste: zu Pausanias Zeit (s. c. 1, 7 f.; vgl. 
Philostr. V. Soph. H, 1, 5) standen mehrere ältere Erzbilder im Pro- 
naos, in der Cella eine von Herodes Attikos geweihte Gruppe aus Gold 
und Elfenbein (Poseidon und Aphrodite auf einem von vier Rossen 
aus vergoldetem Erz gezogenen Wagen, daneben Tritonen und 
Palaemon auf einem Delphin), wohl das letzte bedeutende Werk 
der chryselephantinen Skulptur, auf einer mit Reliefs geschmück- 
ten Basis. Zur Linken des Tempels lag ein Heiligtum des Pa- 
laemon, ein Rundtempel mit einer von vier dorischen Säulen ge- 
tragenen, mit Delphinen als Akroterien verzierten Kuppel, aus 
welchem ein bedekter Gang zu dem Adyton, einer unterirdischen 
Opfer- und Schmausstätte derselben Gottheit, führte.*) Von keinem 



') Paus. c. 2, 3; Apul. met. X, 35; vgl. die Korinthische Münze bei 
Millingeu M^dailles grecq. in^dites pl. 2, 19; über die Quelle s. Fiedler 
Reise I, S. 245 f. Die von Plinias (n. h. IV, 19, 57) als Kenchreae 
gegenüber liegend genannte Insel Aspis (vgl. Steph. Byz. n. 'Acnig) 
ist entweder das kleine flache Inselchen gerade östlich von dem Vor- 
gebirge Chersonesos, das nach der französischen Karte jetzt PI ata- 
rada oder Prasnra heisst, oder das weiter südlich gelegene etwas 
grössere Ebraeonisi. 

«) Paus. c. 2, 1; vgl. C. I. Gr. n. 1104 und die Korinthische 
Münze bei Miliin Gal. mythol. CX, 402. 



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1. Argolis: Koriiithia. 21 

der beiden Tempel hat man bisher auf der mit Trümmerhaufen 
verschiedener Art, zwischen denen* eine kleine verfallene Capelle 
steht, bedeckten Hochfläche eine sichere Spur entdecken können; 
wohl aber erkennt man noch in seinem ganzen Umfange den Pe- 
ribolos derselben, der mit seinen starken, durch Thürme ver- 
tbeidigten Hauern ein mit der Befestigungsmauer des Isthmos (die 
hier zugleich die Nordmauer des Peribolos bildete) zusammen- 
bäogendes Festungswerk ausmachte.)) Es umschloss dieser Peri* 
bok>s noch eine nicht geringe Anzahl anderer Heiligtumer, me 
Tempel des Helios, der Demeter und Kora, des Dionysos, der 
Artemis, der Eueteria (Abundantia), der Kora, des Pluton; ferner 
Altäre, Hepoengräber, Wohnungen und Uebungsräume für die 
Athleten u. dgl. mehr; auch Statuen Isthmischer Sieger waren 
darin aufgestellt und Alleen hochstammiger Pinien bildeten einen 
würdigen Eingang zu dem Tempel des mit Kränzen von den 
Zweigen dieses Baumes die Sieger in seinen Festspielen lohnen- 
den Poseidon. Die eigentlichen Anlagen fOr die Spiele lagen 
ausserhalb des ummauerten Bezirkes: etwas gegen Säden, zur 
Rechten der von der Stadt herkommenden Strasse, das wenigstens- 
zur Zeit des Pausanias mit Sitzen aus weissem Marmor geschmückte, 
noch später von einer Säulenhalle mit gewölbten Gemächern um- 
gebenB Stadion, dessen Form noch deutlich im Boden erkennbar 
ist; westlich vom Peribolos, fast ganz in einer schmalen Schlucht 
versteckt, das Theater, dessen noch erhaltener Unterbau einer 
Erneuerung in der Römischen Zeil angehört; in derselben Gegend 
wird wohl auch das von Herodes Attikos erbaute bedeckte Theater 
(Odelon) gestanden haben. ^) Material zu allen diesen sowie zu 
den städtischen Bauten lieferte der Isthmos selbst in Fülle: die 
am meisten ausgebeuteten Steinbrüche finden sich zwischen dem 
Heiligtum und der Stadt, in der Nähe des Dorfes Hexamilia.^) 



') Vgl. besonders Clark Peloponnestis p. 47 ss. mit Plan auf pl. 2 
(wiederholt auf unserer Tfl. I, 1). 

<) 8. ausser Fans. c. 1, 7; c 2, 1 f. and Pbilostr. vit. Soph. II, 1, 
5 besonders die Inschrift C. I. Qr. n. 1104, welche ein Yerzeichniss der 
Tott P. Licinios Priscus Jnyentianus etwa um den Beginn des Sten Jabr- 
btmderts n. Chr. auf dem Istbmos neu errichteten nnd wiederherge- 
stellten Baulichkeiten enthält. 

') Sollte etwa auf diese Gegend der freilich von Neueren mehrfach 
angesweifelte Name Leukopetrai womit Aurel. Yict, de vir. ill. c, 6Q 



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22 II. Pelopoonosos. 

Endlich findet man auf dem ganzen Räume zwischen der Stadt, 
ihren Häfen und dem Heiiigtume wie auch auf dem Isthmos jen- 
seits des Heiligtums zahllose alte Gräber, welche, obschon bereits 
von den Römischen Colonisten nach der Wiederherstellung der 
Stadt vielfach ausgebeutet J) doch bis auf den heutigen Tag an 
bemalten Thongefässen, namentlich des ältesten Stils, ergiebig sind. 
Von der Ruckseite Akrokorinths aus führte durch das Te- 
neatische Thor an einem Heiiigtume der Eileithyia vorüber ein 
Bergpfad, der dann in die schon oben (S. 9) erwähnte Konto- 
poria einmündete, in 3 Stunden nach Tenea, einer in einem 
baumreichen IJochthale in der Gegend des jetzigen Chiliomodi 
gelegenen Ortschaft, deren kräftige, hauptsächlich wohl von. Vieh- 
zucht lebende Bevölkerung einen auffallenden Gegensatz zu den 
verweichlichten Stadtbewohnern bilden mochte und zu kühnen 
auswärtigen Unternehmungen, wie zum Beispiel zur Gründung 
von Syrakus, die tüchtigsten Leute stellte: sie betrachteten sich 
als Abkömmlinge der alten Troianer und Stammverwandte der 
Bewohner der Insel Tenedos und verehrten als Hauptgottlteit den 
^ApoUon.^) Der ganze Landstrich östlich davon ^ der ganz von 
dem Oneion und den nördlichsten Verzweigungen der Epidaii- 
rischen Gebirge eingenommen nur wenig anbaufähiges Land be- 
sitzt, bildete wohl den schon oben (S. 12, Anm. 2) erwähnten 
Gau Petra, zu dem jedenfalls auch die ebenfalls (S. 12) bereits 



die Oertlicbkeit der der Zerstöniag Korinths vorhergebenden Schlacht 
zwischen Mummius und Diaios bezeichnet, zu beziehen sein? 

S. Strab. VIII, p. 381 s., dazu O. Jahn £inleitung in die Vasen- 
kunde B. XXIV, der aber schwerlich mit Recht die oatQcc'Kiva tOQBVftccra 
auf Gefässe mit Reliefs oder Thonreliefs deutet. Die von ihm selbst 
angeführten Stellen des Martialis (ep. IV, 46, 16 und XIV, 102), in 
denen ein Thongefäss rotae toreuma genannt wird, zeigen, dass man 
allerdings das Wort tOQSVfia auch von den auf dc^ Töpferscheibe ge- 
formten Gefässen gebraucht hat, ein Sprachgebrauch, der aus einer 
Verwechselsung von tOQSVBiv und tOifVBVStv entstanden zu sein scheint. 

«) Strab. p. 380; Pau«. c. 6, 4; Xen. Hell. IV, 4, 19: vgl. CurUus 
Pel. II, S. 697; Ross archäol. Aufsätze U, S. 344 ff. Die Stammver- 
wandtschaft mit den Tenediem könnte man geneigt sein aus einer 
etymologischen Spielerei zu erklären ; doch führen die Notizen von einer 
Stadt Tenedos in Lykien od. Pamphylien (Steph. B. u. TivB^og) 
und in Troia (schol. Pind. Nem. XI argum.) in Verbindung mit dem* 
Apolloncult auf troisch-lykischen Ursprung der Bevölkerung beider Ge- 
genden. 



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1. Arfolis: Sikyonia. 23 

erwähale Ortscbaft Salygeia und die weiter südöstlich zunächst 
der Gränze des Epidaurischen Gebietes gelegene, von den Korin- 
thern wegen der weiten Entfernung von der Stadt und der Schwie- 
rigkeit der Communication nicht benutzte Ilarenbucht Peiraeos^) 
geborten. 

Gerade westwärts von der Stadt, links an der «ach Sikyon 
führenden Strasse, lag ein Tempel des Olympischen Zeus, der 
zur Zeit als Agesilaos nach Asien zog plötzlich von Feuer ver- 
zehrt wurde — was die Korinther als eine Warnung vor der 
Theilnahme an diesem Zuge ausdeuteten — und seitdem in Trüm- 
mern liegen blieb. ^) Weiterhin in der von mehreren Bächen 
durchflossenen, äusserst fruchtbaren Strandebene, die eine durch- 
scbniuliche Breite von V2~V4 Stunden hat und deren süd- 
lichen Rand die allmälig ansteigenden nördlichen Vorberge des 
Treton und Apesas bilden, mögen etwa die als grosse unä volk- 
reiche Komen der Korinthia bezeichneten Ortschaften Asae und 
Nausos^) gelegen haben. Unter den Bächen ist der bedeutendste 
der jetzt Longopotamos genannte, der aus dem Thale von 
Kleonae herkommend eine Stunde westlich von Korinth die Ebene 
durchfliesst; nach diesem, noch eine Stunde weiter westlich, der 
Giessbach Nemea^) (jetzt Bach von Kutzomati genannt), dessen 
Wasser gewöhnlich das Meer nicht erreicht. Jenseits desselben 
beginnt die Sikyonia, das Gebiet von Sikyon, einer der alte- sikyonia. 
sten griechischen Ortschaften, die von den ägialeischen loniern 
begründet zuerst den Namen MriKaivr^ (^die Mohnstadt') geführt 
haben soll, der dann, ofTenbar in Folge des bedeutenden Gemüse- 
baues in den die Stadt umgebenden Gärten, in £sxvciv oder 



*) Thuk. VIII, 10 f.; vgl. Steph. u. UeiQccios. Die Bucht, welche 
wahrscbelnlich dem jetzigen Porto Franco entspricht, scheint mit dem 
TOD Plin. n. h. IV, 9, 18 und Plol. lU, 16, 12 erwähnten Hafen Bu- 
kephalos (vgl. Bteph. Byz. p. 181, 15 ed. Mein., wo vielleicht V^xt^^ 
für 'Attt%rjg zu schreiben ist) identisch zu sein. 

«) Paus. II, 6, 6; m, 9, 2: vgl. Theophr. de caus. plant. V, 14, 2. 

') Theopomp, bei Steph. Byz. u. 'Aaai und Mavaög: der letztere 
Name scheint karischen Ursprunges zu sein, der erstere, wohl wie 
Asea und Asopos von aatg abzuleiten (vgl. Etym. M. p. 161, 44], eine 
Niedening mit fruchtbarem Schlamm- oder Lehmboden zu bezeichnen. 

«) Strab. Vni, p. 382; Diod. XIV, 83; Aeschin. de falsa leg. § 168; 
Liv. XXXm, 15. Nach Stat. Theb. IV, 717 ss. (vgl. v. 51; Nikandr. 
alexiph. 105) muss der Bach auch den Namen Langeia geführt haben. 



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24 11. Peloponnesos. 

Zvxvciv ('Gurken-Land*) umgewandelt wurde, welcher Name nur 
vorübergehend durch Demetrios Poliorketes mit ^ijiiijtQtag ver- 
tauscht worden ist. ^) Trotz der geringen Ausdehnung des im 
Süden an die Phliasia, im Westen an Arkadien und Achaia 
grenzenden Gebietes spielt Sikyon doch in der Geschichte der 
Kunst und Industrie eine bedeutende Rolle und wetteirert nicht 
ohne Glück mit Korinth. Diese Bedeutung verdankt es haupt- 
sächlich der Tyrannis der Orthagoriden, Vielehe gestützt auf das 
ionische Element der Bevölkerung, das auch nach der von Argos 
aus erfolgten Dorisirung der Stadt sich erhalten und in der den 
drei dorischen coordinirten Phyle der AlyiaXstq concentrirt hatte, 
ein volles Jahrhundert hindurch (etwa 666—566) in ebenso kluger 
als milder Weise die Stadt beherrschten, Kunst, Handel und Gewerb- 
fleiss begünstigten und vielleicht auch ihr Gebiet durch Untere erfung 
benachbarter Orte erweiterten.-^) Nach dem Sturz dieser Dynastie 
durch Sparta verlor Sikyon zwar fast alle politische Bedeutung, 
indem es im Wesentlichen als Werkzeug der spartanischen Po- 
litik dienen musste, aber es blieb angesehen und blühend als ein 
Hauptsitz der Bildnerei in Marmor und Erz und der Malerei, 
durch seine Industrie, als deren Erzeugnisse besonders zierliche 
Schuhe genannt werden,') und durch seinen bedeutenden Binnen- 
handel, wofür noch die grosse Anzahl Sikyonischer Münzen, welche 
man in den verschiedenen Theilen des Peloponnes findet, Zeug- 
uiss geben. Ausserdem war auch bei der Fruchtbarkeit der zu 

Hesiod. Theogon. 636; Strab. p. 382; Steph. By«. u. Zi%v(ovi 
vgl. Etym. M. p. 583, 55. Die B^orm Zb%v<ov^ welche nach Apollonios 
(bei Bekker anecd. p. 555, 5) die einheimische war, wird durch die älteren 
Münzen, welche gewöhnlich die Buchstaben 2E zeigen, und durch die 
Inschrift der Delphischen Schlangensäule (SEKFONIOI) bestätigt; 
doch giebt eine von Cjriacus beim Theater copirte Inschrift (C. I. Gr. 
n. 1108), falls die Copie zuverlässig ist, Zi%v<ov{C)aiv, — djifirjrQKÜg: 
Diod. XX, 102; Flut. Demetr. 26. — Vgl. über das Gebiet und die Ge- 
schichte der Stadt auch Gompf Sicyonica, Berlin 1832 und im Pro- 
gramm des Gymnasiums zu Torgau 1834, und Bobrik De Sicyoniae topo- 
graphia, Königsb. 1839. 

*) Aristot. pol. y, 12 (p. 161, 11 Bekk. ed. min.); vgl. O. Müller Dorier 
I, S. 162 flf.; Orote Geschichte Griechenlands II, S. 27 ff. d. d. Ueb.; Ur- 
lichs Skopas Leben und Werke S. 221 ff., dessen Schluss auf eine Ero- 
berung von Kleonae durch Sikyon aus Plut. de sera num. vind. 7 freilich 
Hceineswegs zwingend ist. 

») Athen. IV, p. 166 «; Lucian dial. mer. 14, 2; PoU. VH, 93, 



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1. ArgoUs: Sikyonia. 25 

seinem Gebiete gehörigen Strandebene (vgl. S. 10, Anm. 1) der 
liand« und Gartenbau, insbesondere der Oelbau, von nicht geringer 
Bedeutung; die Abhänge der Berge boten treffliche Weiden för 
die Züchtung edler Rosse, das Meer endlich lieferte eine Fülle 
wohlschmeckender Fische J) — Die Bevölkerung, deren Gesanunt- 
zahl man auf etwa 40 — 50,000 Seelen veranschlagen kann, ^) 
zerfiel, wie schon bemerkt, in vier Phylen : die drei dorischen der 
Hylleer, Dymaner und Pamphyler und die das altionische Element 
reprasentirende der Aegialeer. Unter Kieisthenes, dem bedeuten- 
slen und mächtigsten der Orthagoriden, wurden nach dem Be- 
richte des Herodotos (V, 68) in offener Verhöhnung des dorischen 
Elementes den dorischen Phylen die Spottnamen der 'Täraij 
'OvBdtat und Xotgeätat als ofßcieile Benennungen octroyiert, 
der Name der Aegialeer, zu welcher Phyle die herrschende Dy- 
nastie gehörte, in ^j^Qxekaoi, umgewandelt, Veränderungen, die 
oatörlich mit dem Sturze der Tyrannis wieder aufhörten, da seit- 
dem das dorische Element wenigstens in politischer Hinsicht wieder 
die Oberhand gewann. Ausserhalb dieser Phylen stand, wie es 
scheint, eine Klasse von Hörigen, welche nach den grossen Stöcken, 
die sie zu tragen pflegten, H0Qvvriq)6Q0i, nach ihrer mit Schaaf- 
fellen besetzten Kleidung xaTcavaxoffOQot genannt wurden^) und 
im Kriege jedenfalls nur als Leichtbewaffnete, in Friedenszeiten 
ab Ackerbauer und Hirten dienten; daneben muss noch eine ge- 
wiss nicht sehr beträchtliche Zahl von Sklaven als Hausdiener- 
schaft, Arbeiter in den Werkstätten und Buderknechte auf den 
Schiffen vorhanden gewesen sein. 

Die Stadt selbst lag auf einer breiten, lerrassenartigen Hoch- 
Häche oberhalb der Strandebene, weiche im Osten durch das Bett 
des in den Gebirgen oberhalb Phlius entspringenden Asopos, 
nach welchem die Ebene unterhalb der Stadt Asopia genannt 
viurde^), im Westen durch das eines kleineren von den Gränz- 



*) Vgl. Gompf Sicjronica p. 14 s; Curtius Peloponnesos II, S. 688 
Abid. 58. 

*) Vgl. Clinton Fast! Hellenici ed. Krüger p. 429. 

») PoU. III, 83; Steph. Byz. p. 694, 5 ed. Mein.; Athen. VI, p. 271 •»; 
die Zarüokführang des Namens der yiatfBvaHOtpOQOi auf die Tyrannen 
bei PoU. VU, 68 scheint auf einem Irrihume zu beruhen. 

*) Strab. Vni, p. 382; IX, p. 408. 



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26 II. Peluponnesus. 

gebirgen Arkadiens berkommenden Bacbes, des Helisson,') ab- 
gegränzt ist; die Ufer beider Bäcbe fallen steil ab und sind 
wegen des lockeren, erdigen Bodens vielfacb zerklüftet. Diese 
Hocbfläcbe, die gegen Süden bin immer scbmäler wird und nur 
durcb eine Art Istbmos mit dem dabinter liegenden boben Berge 
zusammenbängt, bildete bis zur Unterwerfung der Stadt durcb 
Demetrios Poliorketes (Ol. 119, 2) bloss die Oberstadt oder Burg, 
an welcbe sieb nocb eine am Abbange und auf der letzten nie- 
drigen Abdacbung der Berge gegen die Strandebene gelegene 
Unterstadt anscbloss; Demetrios aber zwang die Bewobner diese 
zu verlassen und sieb auf die Hocbfläcbe zurückzuzieben, wo er 
eine neue Stadt nacb regelmässigem Plane anlegte, der er sogar 
seinen Namen octroyierte. ^) Diese neue Stadt, welcbe durcb 
Aratos wieder zu politiscber Bedeutung gelangte und durcb die 
Bönier zunäclist nacb der Zerstörung von Korintb begünstigt, 
dann aber durcb M. Scaurus ibrer besten Kunstscbätze, nament- 
lich der tbeils in den Tempeln, tbeils in einer öflentlicben Ge- 
mäldegalerie (der sogenannten notTtikr^ ötod) aufgestellten Gemälde 
beraubt, im Beginn der Kaiserzeit (wabrscbcinlicb unter Tiberius 
im Jabre 23 n. Chr.)^) durcb ein beftiges Erdbeben beimgesucbt 
wurde, ist von Pausanias (II, c. 7—11) bescbrieben worden und 



^)'Eh0G(ov Paus. II, 12, 2; Elissos Stat. Theb. IV, 62, nach 
welcher Stelle ein Heiligtum der Kumeniden an diesem Bache gewesen 
sein muss, während Pausanias II, 11, 4 einen Tempel dieser Göttinnen 
in einem Haine von Stechelchen nahe dem rechten Ufer des Asopos 
erwähnt: sind beide Heiligthiimer verschieden oder hat Statius (der 
sonst in der Geographie Griechenlands sehr gut Bescheid weiss) den 
Helisson mit dem Asopos verwechselt? 

•) Paus. II, 7, 1; vgl. S. 24, Anm. 1. Die Stadt heisst noch bei 
Hieroklcs Synekd. 10 Nia £l%v€ov, 

^) Paus. c. 7, 1, wo die Zeit dieses Erdbebens nicht bestimmt, aber 
erwähnt ist, dass durch dasselbe auch die Städte Kariens und Lykiens 
und die Insel Rhodos heimgesucht worden seien; darnach könnte man 
an das Erdbeben im Jahre 17 n. Chr. denken (Tac. ann. II, 47; vgl. 
Strab. XII, p. 579; Plin. n. h. II, 86, 200), allein da nirgends von einer 
Erstreckung desselben auf die Küsten des Peloponnes die Rede ist, 
halte ich es für wahrscheinlicher, dass Paus, das vom Jahre ^3, durch 
welches nach Tac. ann. IV, 13 auch Aegion in Achaia geschädigt wurde, 
gemeint hat. Noch jetzt geben zahlreiche herabgestürzte Felsblöcke 
auf der Stelle der alten Stadt von den Wirkungen dieses oder noch 
späterer Erdbeben Zeugniss. 



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1. Argolis: Sikyonia. 27 

Ton ilir sind noch jetzt ausgedehnte wenn auch nicht eben an- 
sehnliche Trömmer bei dem Dorfe Vasilika, das nur einen Theil 
der Ostseite der Hochfläche einnimmt» erhalten J) während von 
der unteren Stadt nur einige ganz geringe Spuren vorhanden 
sind, wie einige Hausplätze, die ich an dem Wege bemerkte, der 
sich Ton Osten her, nachdem man den Asopos auf einer hohen 
türkischen Brücke überschritten hat, neben welcher ich noch 
einige Reste einer antiken Brücke erkannte, den Abhang nach 
dem Dorfe Vasilika hinaufzieht; doch können dies auch die Stellen 
alter Grabmäler sein, deren mehrere nach Pausanias (c. 7, 2 fg.) 
ao der von Korinth herkommenden Strasse jenseits wie diesseits 
des Asopos angelegt waren, meist in Form kleiner Tempelfacaden, 
indem auf einem steinernen Unterbau zwei Säulen sich erhoben, 
welche einen giebelförmigen Aufsatz mit dem Namen des Ver- 
storbenen und dem Abschiedsgrusse (xcctQs) trugen. Auch ein 
Heiligtum des Olympischen Zeus (Olympion) stand rechts von 
der Strasse diesseits des Asopos. Zunächst an dem Thore, durch 
welches Pausanias die Stadt betrat, war eine Grotte, von deren 
Decke Quellwasser herabtropfte, die sogenannte Tropfquelle, deren 
Stelle wohl in Folge der Erdbeben, die den Boden der Stadt 
heungesucht haben, sich nicht mehr mit Sicherheit nachweisen 
lässt.2) Für die Topographie der Stadt selbst bietet den sicher- 
sten Anhaltspunkt das Theater, welches westlich, vom Dorfe 
Vasilika in die Nordostseite einer kleineren höheren Felsterrasse, 
auf welcher nach Pausanias (c. 7, 5) die Akropolis der neueren 
Stadt mit Ueiligthüm'ern der Tyclie Akraea und der Dioskuren 
stand, hineingebaut ist: sowohl die Sitzreihen, mit Ausnahme der 
aus grossen Quadern construirten beiden Enden des Halbkreises, 



') Vgl. den Plan der Kuinen in der Exped. de Moree III, p1. 81 
(inederholt bei Aldenhoven Itineraire descriptif de l^Attique et du Pe- 
loponnise zu p. 93 und bei Curtius Pel. 11, Tfl. XIX) und die Beschrei- 
bungen bei Curtius a. a. O., S. 489 f. und bei Vischer Erinnerungen 
S. 274 ff. 

*) In der kleinen unmittelbar westlich vom Dorfe Vasilika sich 
hinziehenden Schlucht, in der sich noch mehrere Mauerreste aus Sand- 
steinqnadem, wohl Unterbauten, finden, quillt weiter abwärts gegen 
Nordosten Wasser aus dem Felsen hervor und bildet herabfallend einen 
kleinen Bach: war hier die azd^ovaa nriyri des Pausanias (c. 7, 4), so 
mnsste die Strasse von Korinth nördlich um den Vorsprung der Terrasse, 
auf dem das jetzige Dorf liegt, sich herumziehen. 



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28 II. Peloponuesos. 

als auch die Fundamente des Skenengebäudes sind aus dem 
natürlichen Felsen gearbeitet; ausser den gewöhnlichen Eingängen 
zu beiden Seiten der Orchestra gewähren noch zwei gewölbte Gänge 
unter den Sitzreihen hindurch den Zuschauern Zugang zur Cavea. ^) 
Ein längerer Felsgang, in \^ eichen man durch eine Grotte mit 
doppeltem Eingang gelangt, führt hinter dem Zuschauerräume 
des Theaters eine Strecke weit in den Berg hinein und setzt sich 
dann in einem engern Canale fort, der wahrscheinlich zur Her- 
beiführung von Trinkii« asser für die Stadt bestimmt war; ähnliche 
Canäle zogen sich als Cloaken unter dem Stadtboden nach der 
Ebene hinab. ^ Nordwestlich neben dem Theater erkennt man 
noch das von Pausanias nicht erwähnte Stadion in der Einsenk* 
ung zwischen der Akropolis und einer zweiten Anhöhe: die 
Langseiten waren an den vorderen Enden durch Mauerwerk ge- 
stützt, die nordöstliche Schmalseite ruhte auf einem noch wohl 
erhaltenen Unterbau von grossen polygonen Werkstücken. Das 
Theater gehörte wie in so vielen griechischen Städten zum heiligen 
Bezirke des Dionysos, dessen ein Goldelfenbeinbild des Gottes 
und Marmorstatuen von Bakchantinnen enthaltender Tempel, von 
dem jetzt keine Spur mehr vorhanden ist, hinler dem Skenen- 
gebäude gestanden zu haben scheint; zwei andere Bilder des 
Gottes wurden in einem besonderen, doch wohl auch innerhalb 
des heiligen Bezirkes gelegenen Grbäude, dem Kosmeterion, auf- 
bewahrt und nur einmal jährlich zur Nachtzeit in festlichem Zuge 
in den Tempel geführt.^) — Die ebene Fläche östlich und nord- 
östlich vom Theater ist jetzt noch auf eine Länge von etwa einer 
Viertelstunde mit zahlreichen Grundmauern alter t^ebäude, zwi- 
schen denen man noch die Linien der sehr regelmässig angelegten 
alten Strassen erkennen kann, bedeckt. Die bedeutendste dieser 



1) Vgl. den Plan in der Expedition de Mor^ III, ^1. 82. i 

*) Plut. Arat. 9; vgl. Rosa Reisen im Peloponnes I, S. 48. 
') Paus. c. 7, 5. Der alteinheimlBche Name des Gottes scheint 
AdrastoB gewesen zu sein, da nach Herod. ¥,67 (dessen Darstellung 
aber wenigstens in Bezug auf das Verhältniss des Kleisthenes zu diesem 
Culte nicht recht klar ist) die Sikjonier von Alters her diesen mit ^ti-a- 
gischen' d. i. Satyrchören, deren Gesänge seine leidensvollen Schick- 
sale behandelten, ehrten. Vgl. Welcker zu Schwencks Etymologisch- 
mythologischen Andeutungen 8. 302 f. Anders, aber schwerlich rich- 
tiger, fasst den Adrastos Baumeister De Atye et Adrasto (Lipsiae 1860) 
p. 9 SS. 



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1. Argolis: Sikyonia. 29 

Strassen scheint diejenige gewesen zu sein, welche wahrscheinlich 
io der Richtung von Südwest nach Nordost an einem Tempel der 
Artemis Limnaea vorüber nach der Agora führte, in welche sie 
bei einem Heligthume der Peitho einmündete, das schon zu der 
Zeit, wo die eigentliche Stadt noch in der Strandebene lag, inner- 
halb der damaligen Akropoiis bestanden hatte; neben demselben 
stand ein Heiiigthum der römischen Kaiser, früher das Haus des 
Tyrannen Kleon,^) vor weichem man dem Befreier Sikyons von 
der Tyrannenherrschaft, dem Aratos, ein Heroon errichtet hatte. 
Ferner befanden sich, um die blossen Altäre und Götterbilder 
zn übergeben,^) an der Agora das Buleuterion, eine vom Tyrannen 
Kleisthenes aus der Beute des heiligen Krieges gegen Kirrha er- 
baute, also wieder noch von der alten Akropoiis herstammende 
Ualle und ein sehr alterthümliches, zur Zeit des Pausanias (s. c. 
9, 7r vgl. Polyb. XVII, 16) schon völlig verfallenes Heiligtum 
des Apollon Lykios. Nicht weit vom Markte lag das dem Hera- 
kles geweihte Gymnasion, ein hauptsächlich für die Uebungen der 
Knaben bestimmter^ umschlossener Raum mit einem Heiligtum 
des Herakles in der Mitte, in welchem derselbe zugleich als Gott 
und als Heros verehrt iiiirde. Eine Strasse, deren Richtung uns 
nicht angegeben wird, führte von hier nach dem Heiligtume des 
Asklepios, dessen geräumiger Peribolos neben dem Tempel dieses 
Gottes eine Halle und eine Doppelcapelle des Hypnos und des 
Apollon Karneios enthielt; ein anderer Peribolos lag nahe dabei, 
der Aphrodite geweiht, mit dem chryselephantinen Sitzbilde der 
Göttin von Kanachos; um den Tempel herum wuchs eine angeb- 
lich sonst nirgend vorkommende Pflanze, der naidi^og, deren 
Blätter nach der Beschreibung des Pausanias (c. 10, 6) an Form 
denen der Eiche, an Farbe denen der Silberpappel glichen.^) 
Stieg man von diesem offenbar schon am Abhänge der Terrasse 



^) Vgl. über diesen Plass Die Tyrannis bei den Griechen II, S. 156. 

*) Vgl. darüber Paus. c. 7, 7 ff. Eine sitzende Statae auf der 
Agora der älteren Stadt erwähnt Aristot. pol. V, 12, p. 161, 18 Bekk. 
ed. min. 

*) Dies ist zu schliessen ans dem von Paus. c. 10, 1 angegebenen 
Namen Jlatdt^if, dessen grammatische Form freilich sehr zweifelhaft ist. 

*) Nach Plin. n. h. XXII, 34, 76 eine Art Acanthus. Die Blätter 
worden auch als Färbemittel gebraucht (Athen. XII p. 542 <>; XlII, p. 
668 «); die Sikyonischen Phallophoren banden sie statt der Masken 
vors Gesicht (ibid. XIV, p. 622 •=). 



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30 11. Peloponnesos. 

gegen die Strandebene zu gelegenen Peribolos wieder aur die 
Hoclifläche empor, so kam man bei dem Heiliglume der Artemis 
Pheräa vorüber zu einem zweiten Gymnasion, das von Kleinias, 
dem Vater des Aratos, erbaut für die Uebungen der Epheben 
benutzt wurde. Eine Seitenstrasse fährte von diesem nach dem 
heiligen Thore, weiches seinen Namen einem hochaltertüm- 
lichen, angeblich von dem mythischen Epopeus gegründeten Hei- 
ligtume der Alhena verdankte, von welchem zur Zeit des Pau- 
sanias (c. 11, 1) nur der Altar der Göttin und davor das Grab 
des Epopeus übrig war; in der Nähe stand ein Tempel des Apoilon 
und der Artemis^ den derselbe Epopeus, und einer der Hera, den 
Adrastos gegründet haben sollte, also lauter alte Heiligtümer, die 
schon der früheren Akropolis angehört hatten. Hinter dem Heraon 
standen Tempel des Apoilon Karneios und der Hera Prodromia, 
von denen Pausanias (c. 11, 2) nur noch Säulen ohne Cellamauern 
und Dach vorfand; unterhalb desselben nach der Strandebene zu 
endlich ein Tempel der Demeter Epopis. *) 

Der Uafenort von Sikyon, der schlechtweg 6 ylififjv genannt 
wurde, lag ^4 Stunden unterhalb der Oberstadt, ein künstlich 
ausgegrabenes Becken, das jetzt vollständig versandet ist. An der 
Strasse nach tlemselben stand zur Linken ein Tempel der Hera; 
zwischen dem Hafen und dem Helisson, etwas links oberhalb der 
an der Küste hin nach Aristonautae, dem Hafen der an die Sikyonia 
gränzenden achäischen Stadt Pellene, führenden Heerstrasse, ein 
Heiligtum des Poseidon.^) Zum Gebiete der Stadt gehörte ausser der 
Strandebene zwischen dem Bache Nemea im Osten und dem von den 
Nordabhängen der arkadischen Kyilene herabfliessenden Sys oder 
Sytbas im Westen das Bergland südwärts von der Stadt in einer 
Länge von etwas über 3 Stunden, durch welches in gerader süd- 
licher Richtung im engen Tbale des Asopos die Strasse nach 
Phlius, der südlichen Gränznach barin von Sikyon, hinlief. -Westlich 
von dieser Strasse führte über die fast ganz aus weichem Sand- 
stein und weisslichem Thon bestehenden, daher meist kahlen 
und vom Wasser zerklüfteten Berge ein Fusspfad nach Titane, 
der einzigen bedeutenderen Ortschaft der Sikyonia ausser der 
Hauptstadt, welche 60 Stadien südwestlich von Sikyon auf einem 

*) Paus. a. a. O.; vgl. Hesycli. u. 'Eicom^g. 

2) Paus. c. 12, 2; vgl. Xenoph. Hell. VII, 3, 2; Polyaen. V, 16, 3. 



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1. ArgoHs: Sikyonia. 31 

flachen» im Westen von höheren Gipfeln öherragten Hügelrücken 
bei dem jetzigen Dorfe Voivonda oberhalb des linken Ufers des 
Asopos lag und ihre Bedeutung wesentlich einem hochalterthüm- 
licheo, von Heilung Begehrenden viel besuchten Heiligtume des 
Asklepios verdankte. Der periptere Tempel war von einem 
geräumigen Peribolos umgeben, welcher Wohnungen, besonders für 
die Curgäste, und eine Anzahl alter Kypressenbäume enthielt. In 
der Cella des Tempels standen altertümliche Bilder des Askle- 
pios und der Hygieia, vollständig bekleidet mit Ausnahme des 
Gesichts, der Hände und Füsse, ferner Statuen des Alexanor, 
wekher für einen Enkel des Asklepios und Stifter des Tempels 
galt, und des Euamerion, eines mit göttlichen Ehren gefeierten 
Dämon des körperlichen Wohlseins; in einem besonderen Gemache, 
einer Art Adyton, wurden heilige Tempelschlangen gehalten. Auf 
dem etwas höheren östlichsten Theile des Hügels, welcher wahr- 
scheinlich als Akropolis diente, lag ein kleinerer im dorischen 
Stile erbauter Tempel der Atliena, dessen Stelle jetzt eine Ka- 
pelle des heiligen Tryphon einnimmt, am Fusse des Hügels ein Altar 
der Winde, auf welchem nur einmal jährlich zur Nachtzeit geopfert 
«Tirde. *) — Ausserdem gab es, abgesehen von einigen nur beilauGg 
erwähnten kleinen Ortschaften, wie Ephyra an einem Bache Sel- 
leis, Platää der Heimat eines Dichters Mnasalkes, und dem 
ziemlich zweifelhaften Buphia,^) in der Sikyonia noch mehrere 
Castelle zum Schutze der Gränzen: so Thyamia, ein von den 
Sikyoniern Ol. 103, 1 befestigter Gränzort gegen die Phliasia, 
auf einem jetzt Spiria genannten Gipfel oberhalb des rechten 
Asoposufers^), und ein ähnliches Castell auf einem Bergvorsprunge 
oberhalb des Unken Ufers in der Nähe des jetzigen Dorfes Lio- 
pesi, von welchem uns nur noch Mauerreste aber nicht der antike 



*) Paus. c. 11, 5 ff.; vgl. Ross Reisen im Peloponnes S. 50 ff. 

«) Strab. Vm, p. 338; IX, p. 412; Steph. Byz. u. BovtpCai die Vermu- 
thnng von Ross (a. a. O. S. 40), dass Bnphia mit dem gleich zu erwäh- 
nenden Phoibla identisch sei, findet auch in dem Umstände eine Stütze, 
dass Stephanos als Quelle für diesen Ortsnamen das 23ste Buch des 
Ephoros anführt, in welchem höchst wahrscheinlich der Zug des Epa- 
meinondas in den Peloponnes, bei welchem er auch Phoibia einnahm 
(Paus. IX, 15, 4), erzählt war. 

») Xen. Hell. VII, 2, 1 und 23; 4, 1 und 11: vgl. Ross a. a. O. 
S. 41 ff. 



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32 II. P^loponnesos. 

Name erhalten sind^); dann gegen das Tlial des Nemeabacbes 
hin, also als Gränzwehren gegen die Kleonäer und Korinther^ 
Phoibia, Epieikia und Derae, deren Stellen freilich nicht 
mehr genauer zu bestimmen sind.^) 
Phiiasia. Die Phliasia, die südliche Gränznachbarin der Sikyonia, 

mit welcher sie durch das «nge Thal des Asopos verbunden wird» 
ist ihrem Hauptbestandtheile nach ein rings von Bergen umschlos- 
senes Thal von der Form eines mit der Spitze nach Norden ge- 
kehrten Dreiecks, das jetzt nach seinem Hauptorte, dem oberhalb 
»eines Südostrandes gelegenen grossen Dorfe Hagios Georgios, 
benannt wird. Den westlichen Rand desselben bilden die Abhänge 
des jetzt Gavrias genannten Gebirges, das mit dem zum Gebiete 
des arkadischen Stymphalos gehörigen Apelauron^) zusammen- 
hängt, den südlichen das jetzt Megalovuno, in seinem nord- 
östlichsten Theile Polyphengo genannte Gebirge, die Kelossa 
der Alten, ^) die aus zwei mächtigen , schroffen und höhlenreichen 
Felsmassen, zwischen denen ein Engpass nach der Argivischen 
Ebene bindurchführt, besteht: von der östlicheren, die den Son- 
dernamen Karneates führte, kommt der eine Hauptarm des 
Asopos herab, der sich in der Mitte des Thaies mit einem zweiten 
von Südosten her kommenden vereinigt. Im Osten wird das Thal 
durch den Bergrücken des von drei stumpfen Gipfeln gekrönten 
Trikaranon, auf welchem ein Ol. 103, 1 von den Argivern 
errichtetes Castell gleichen Namens stand ^), von dem schmalen 
Thale des Nemeabacbes geschieden; ein niedriger Hügelrücken, 
über welchen die Yerbindungsstrasse zwischen beiden Thälern 



») Vgl. Ro88 a. a. O. S. 49 f. Vielleicht ist dies rovovaau 17 vn^if 
£i,%vavog (Paus, n, 4, 4; V, 18, 7), das Curtius (Pelop. I, S. 485; II, S. 498) 
scbwerlich mit Recht mit dem von Paus. VII, 26, 13 erwähnten Jovovaaa, 
einem von den Sikyoniem zerstörten achäischen Städtchen zwischen 
Aegeira und Pellene, identificirt. 

») Paus. IX, 15, 4; Xen. Hell. IV, 2, 14; 4, 13; VII, 1, 22: vgl. 
Ross a. a. O. S. 40 und S. 45. f. 

3) Polyb. IV, 69 t6 'JniXavQOv: vgl. Liv. XXXIH, 14. 

*) Krjlciaaa geben die Hdsr. bei Strab. VIII, p. 382, Krjlovaa bei 
Xenoph. Hell. IV, 7, 7, was auch bei Paus. H, 12, 4 von [Dindorf herg^e- 
stellt worden ist. 

5) Xen. Hell. VII, 2, 1; 6; 11, 13; Demosth. pro Megalopol. p. 206; 
Harpocr. und Steph. Byz.* u. TQiHttQavov, Vgl. Ross Reisen im Pelop. 
I, 8. 25 ff. 



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1. Argalis: Phliasia. 33 

hinuberiäuft, verknüpfl diesen Bei^gzug im Südosten mit der Kelossa. 
Der Boden des so umschlossenen Thaies ist das beste Ackerland, 
daher auch die einheimische Sage den Autochthonen Aras als den 
ersten Grunder einer städtischen Niederlassung Arantia (später 
in Araethyrea umgetauft) auf dem Hügel Arantinos, einem 
nördlichen Vorsprunge der Kelossa» bezeichnete;^) die Abhänge 
der Berge lierern noch jetzt wie im AlteilBum einen trefflichen» 
feurigen Wein , daher der Eponymos der späteren Hauptstadt, 
Phlias oder Phlius, als Sohn des Dionysos galt^) Die alt- 
ionische Bevölkerung unterwarf sich ohne Widerstand den von 
zwei Seiten, von Argos und von Sikyon her, eindringenden Doriern ; 
nur ein Theil der alten Bewohner, wohl hauptsächlich die Aristo- 
kratie (daher ihr Anführer Hippasos genannt wird) zog es vor, die 
Heimat zu verlassen und zu ihren ionischen Stammgenossen nach 
Asien überausiedeln;^) die Zurückbleibenden bildeten wahrschein- 
lich wie in Sikyon eine vierte Phyle neben den drei dorischen, die 
aber niemals jene Bedeutung me in Sikyon erlangte; vielmehr 
war die Verfassung von Phlius mit nur kurzen Unterbrechungen 
eine aristokratische, daher auch der kleine aber seine Unabhängig- 
keit gegen seine mächtigem Nachbarn immer tapfer wahrende 
Staat stets ein treuer Bundesgenosse Sparta 's blieb. ^) 

Die Stadt Phlius^) lag 30 Stadien nördlich von der Stelle 

«) Paus. II, 12, 4 f.; 14, 4; vgl. Strab. VlII, p. 382; Steph. Byz. 
u. 'jQcii&vifia und *jQ(xvx^a. 

«) Paus. c. 12, 6; Pbiletas ffg. 8 Bergk; Apoll. Rhod. Argon. A, 
116 88.; Hygin. fab. 14 (p. 41, 12 ed. Bunte); Steph. Byz. u. ^Xiovg; 
über den Wein Athen. I, p. 27 <•. 

») Paus. c. 12, 1 f. 

*) Vgl. 6, Müller Dorier n, S. 160 f. Die Vermutung desselben 
Gelehrten (ebda. S. 54, Anm. 6) dass die vierte Phyle den Namen X&ovo- 
q>vXrj geführt habe, scheint mir ziemlich unsicher. Dass die Zahl der 
Bevölkerung eine verhältnissmässig bedeutende war sieht man daraus, 
dass die Landschaft zur Schlacht bei Plataeae 1000 Mann stellte (Herod. 
IX, 28) und zur Zeit des Agesiluos über 6000 (waffenfähige) Bürger 
hatte (Xen. Hell. V, 3, 16). 

*) Die ältere Namensform muss ^Isiovg gewesen sein, da das Eth- 
nikon in der Inschrift der Schlangensäule (s. Dethier und Mordtmann 
Epigraphik von Byzantion und Constantinopolis I, Tfl. II) und noch in 
einer späteren Inschrift (Ross Reisen im Pelop. S. 42) ^Xsidaiog 
lautet. DIb Annahme einer Nebenform at ^XictC beruht nur auf einer 
falschen Lesart bei Diod. XIV, 91, wo schon Wesseling richtig 4>Attt- 
oCav (für ipXCctg der Hdsr.) hergestellt hat. 

BUBSIAK, OBOOS. II. 3 



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34 IL Peloponnesos. v 

der ältesten Ansiedelung am Nördostrande des Thaies auf und 
an einem mit der Kette des Trikaranon zusammenhängenden Hü- 
gel, der in zwei grösseren Terrassen von Norden nach Süden gingen 
die Ebene abfallt. Die obere derselben bildete die Akropolis der 
Stadt» deren starke durch Thörme geschützte Mauern auch das 
älteste und ehrwürdigste Heiligtum des Landes, die von einem 
Kypressenhain umgebene Opferstätte der Ganymeda (später Hebe 
genannt), femer Tempel der Demeter und der Hera sowie grös- 
sere Strecken Ackerlandes, auf welchem in Zeiten der Notli das 
für die Besatzung nöthige Getreide erbaut werden konnte, ein- 
schlössen. Die gleichfalls geräumige Unterstadt erstreckte sich 
über die zweite Terrasse, auf welcher ein Tempel des jugendlichen 
Asklepios gerade oberhalb des Theaters und nahe dabei ein zweites 
Heiligtum der Demeter standen, in die Ebene hinab bis zu einem 
vom Trikaranon her in den Asopos fallenden Bache, dessen tiefes 
aber den grössten Theil des Jahres hindurch wasserloses Bett an 
beiden Seiten mit Mauern eingefasst war, um die Stadt gegen 
einen Angriff von der Ebene aus zu schützen. Von den Tempeln 
der Unterstadt war der älteste und angesehenste der des Dio- 
nysos: zwischen diesem und der Agora stand der sogenannte 
Nabelstein (öfiq)ak6g), welchen die Fremdenführer von Phlius mit 
naiver Unverschämtheit als den Mittelpunkt der ganzen Halb- 
insel zeigten, ursprunglich jedenfalls das Symbol irgend einer nicht 
anthropomorphisch dargestellten Gottheit. ^) 

Eine Viertelstunde südlich von der Stadt lag der kleine Flecken 
Kcleae mit einem Tempel (dvdxtOQov) der Demeter, deren alle 
vier Jahre gefeiertes Hochfest die grösste Aehnlichkeit mit den Eleu- 
sinisclien Weihen hatte; der Göttin jviaren zwei alte Dämonen des 
Ackerbaues, die dann in die genealogische Landessage aufge- 
nommen wurden, Aras und Dysaules, beigegeben, deren Gräber 
man in Keleac aufzeigte.^) Ausserdem kennen wir noch zwei 



») Paus. c. 13, 3 ff.; Strab. VIII, p. 382; Xenoph. Hell. VII, 2, 
5 ff.; Ael. h, an. XVII, 46; Athen. V, p. 210 >>: vgl. besonders Ross 
a. a. O. S. 32 ff. Dass Plinius (n. h. IV, 5, 13) Phlius, das er ebenso 
wie den nördlichsten Theil von Elis zu Achaia rechnet, nur als ca- 
stellnm bezeichnet, verdient weiter keine Beachtung. 

*) Paus. c. 12, 4; 16, 1 ff. Der Name des Dy^ules scheint ursprüng- 
lich Jiaavlfjg (Zweifurcher) gelautet zu haben; vgl. den Elcusinischen 
Triptolemos und den Pheneatischen Trisaulcs (Paus. VIII, 15, 4). 



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1. ArgoHs: Nemea. 35 

wie es scheint vereioaelt siehende Cuhslälten der Phliasier: einen 
Tenapel der Hera, der am Abhänge des Trikaranon unlerhalb 
des oben (S. 82) er\\ ahnten Castells, und einen der Dioskuren, 
der im westlichen Tbeiie des Cantons an der Strasse nach dem 
arkadischen Slymphalos lag. ^} Auch flnden sich noch die Spuren . 
einiger Gränzbefesligungen, deren Namen wir nicht kennen: so 
oberhalb des Dioskurion gegen Stymplialos und auf dem nörd- 
licheren Theile des Trikaranon gegen Korinth (Palaeokaslren von 
Kulzi).^) 

Im Ostea der Phliasia zieht sich von Sud nach Nord ein 
schmales, gegen Norden zu einer blossen Schlucht sich veren- 
gendes Längethal, das nach den reichen Weiden, welche die Thal- 
/ sohle und einen Theil der Abhänge der es begränzenden Berge 
bedecken, Nemea genannt wurde, em Name der dann auch aufNemca. 
den am südlichen Rande des Thaies entspringenden und es in 
nördlicher Richtung durchiliessenden Bach (s. S. 23, Anm. 4) 
öbergieng. Wie vom Trikaranon Im Westen wird das Thal im 
Osten durch den Apesas (jetzt l^huka) begränzt, der in seinem 
nördlichen Theile sich zu einem oben abgeplatteten, wie kunst- 
lich abgeschnitten erscheinenden Gipfel von 873 Meter Höhe er- 
hebt; gegen Süden stosscn seine Wurzeln mit den nördlichen 
Ahliängeq eines von West nach Ost sireichenden felsigen Gebirges 
zusammen, das von den vielen Höhlen, die sich In seinen Wänden 
ßnden, den Namen Tretos oder Treten (der durchbohrte Berg) 
erhalten hatte: eine dieser Höhlen galt als Lagerstätte des von 
Herakles erwürgten Löwen, der ursprunglich wohl nur ein Sym- 
bol des in ungeregeltem Laufe das enge Thai verwüstenden Giess- 
baches war.^) 

Das jetzt ganz nnl>ewolmte Thal, dessen älteste Bewohner 
zum Stamme der Dryoper gehört haben sollen, hat nie eine städ- 



») Xenoph. Hell. VII, 2, 1; 11; Polyb. IV, 67 f.; 73: vgl. Ross 
a. Ä. O. S. 32 und S. 38. 

») S. Curtiuß II S. 480 f. 

8) Paus. c. 15, 2; Diod. IV, 11; vgl. Hosiod. theog. 331, wo Tretos 
and Apesas als Sii^hauplatz der Verbeerungen des Löwen bezeichnet 
werden. Die Grotte soll nach Nigidiiis beim sehol. German. Arat. 148 
(vgl. Cnrtins II, S. 587) den Namen '^fiip^/fvuoVy der auch bei Hygin. 
fab. 30 herzustellen ist, geführt haben. 

3* 



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36 11. Peloponuesos. 

tische Ansiedelung, daher auch keine selbständige politische Exi- 
stenz gehabt — nur eine Korne Bern bi na oder Bembinos wird 
als in demselben gelegen erwähnt^) — seine Bedeutung war 
durchaus eine sacrale. Zunächst nämlich war der flache, gleich- 
sam wie ein naturlicher Felsaltar sich erhebende Gipfel des Apesas 
eine uralte Cultstätte des Zeus, dem man hier als dem Gewitter- 
und Regengotte opferte^); daneben wurde in dem feuchten Thal- 
grunde offenbar ebenfalls seit sehr alter Zeit ein dem Dionysos 
entsprechender Gott unter dem Namen Adrastos n^ic in Sikyon 
(vgl. S. 28, Anm. 3) verehrt, wovon noch die Quelle Adrasteia 
und die Sagen vom König Lykurgos und dem durch eine Schlange 
getödteten Knaben Opheltas, deren Gräber man hier aufzeigte,^) 
Zeugniss geben. Aus einer Vereinigung dieser beiden Culte, bei 
welcher der des Zeus nalurgemäss überwog, ist wahrscheinlich 
der Nemeische Agon hervorgegangen, der zu Ehren des Zeus, 
aber zugleich zum Andenken an den Tod des Opheltas gefeiert 
wurde und von Adrastos gestillet sein sollte. Die regelmässige 
trieterische Feier wurde erst Ol. 51, 4 durch die Arglvcr, welche 
damals das Thal den Kleonäern, zu deren Gebiete es gehörte, 
abgenommen hatten, begründet und diese behielten auch mit we- 
nigen und kurzen Unterbrechungen die Leitung derselben, obgleich 
nicht bloss die Kleonäer, sondern auch die Mykenäer und Korinther 
darauf Anspruch machten.^] Die Cultstätte des Zeus wurde nun 
in das Thal selbst in einen Kypressenhain verlegt, der auch die 
Quelle Adrasteia, das durch Altäre innerhalb eines Steingeheges 
bezeichnete Grab des Opheltas und den Grabhügel des Lykurgos 
umfasste: ein Tempel wurde vielleicht erst um die Zeit der Ma- 
kedonischen Herrschaft hier erbaut, wenigstens ist derjenige, von 
welchem noch jetzt drei Säulen (zwei vom Pronaos, eine von der 
Ostfronte) aufrecht stehen, nach dem ganzen Charakter seiner Archi- 
tektur, insbesondere der dem Wesen des dorischen Stiles durchaus 
nicht entsprechenden Schlankheit der weitläufig gestellten Säu- 



Steph. B. XL. NBfii^ nnd Bifißiva; Strab. VIII, p. 377. 

«) Steph. Byz. u. 'Jniaag; Paus. c. 15, 3; vgl. Etym. M. p. 176, 
32. Dass Perseus hier dem Zeus zuerst geopfert haben soll ist bedeut- 
ungsvoll, da dieser Heros ursprünglich ein Gewitterdämon ist. 

') Paus. c. 15, 3. 

*) Vgl. die Stellen bei Krause Die Pythien, Nemecn und Isthmien 
S. 107 ff. nnd C. Fr. Hermann Qottesd. Alterthümer §. 49. 



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1. ArgoHs: Kleonaea. 37 

Jen , schwerlich in einer früheren ^eil errichlet worden. *) Zum 
Heiligtum gehörte auch ein Theater und ein Stadion, welche weiter 
östlich am Abhänge des Apesas lagen, wo man die Form wenig- 
stens des ersteren noch deutlich erkennt. Auch ein Heiligtum 
der Demeter scheint in dem Thaie bestanden zu haben. ^} 

An der Ostseile des Apesasgebirges öffnet sich ein drittes 
Parallelthal, das weiter ist als das Nemeische, hinter dem von Kicona«a. 
Phlius aber sowohl an Breite als an Fruchtbarkeit des Bodens 
zuröcksteliL Im Süden wird es von dem Hauptzuge des Tretos, 
im Osten von einem durch niedrigere Högel mit diesem zusam- 
menhängenden Gebirge (in seiner bis zur Höhe von 703 Meter 
aufsteigenden Hauptmasse jetzt Skona genannt) umschlossen, das 
nur durch eine enge Schlucht vom Oneion getrennt wird, von 
den Alten aber wahrscheinlich als ein Theil des Tretos betrachtet 
wurde (vgl. oben S. 9). Eine bedeutende Anzahl kleiner Bäche 
vereinigt sich von verschiedenen Seiten her ungefähr in der Mitte 
des Thaies zu einem grösseren, jetzt Longopotamos genannten, 
welcher der Nemea und dem Asopos parallel durch die das Thal 
im Norden abschliessende enge Schlucht der Strandebene zufliesst. 
Schon der Schiff^catalog (II. J3. 570) gedenkt einer städtischen 
Ansiedelung in diesem Thale, des ^wohlgebauten Kleonae', deren 
Stelle auf einem an der Westseite des Thaies gelegenen Hügel 
Qoch durch ihre Ruinen kenntlich ist: der etwas höhere süd- 
westliche Theil desselben bildete die Akropolis, der breitere nord- 
östliche, auf welchem sich noch die Grundmauern mehrerer Ge- 
bäude sowie Triglyphen und andere Baustücke von einem oder 
zwei dorischen Tempeln vorfinden, die eigentliche nicht sehr aus- 
gedehnte aber stark befestigte Stadt, in welcher ein Tempel der 
Athene mit einem von Dipoinos und Skyllis gefertigten Cultbiide 
und ein Fleiligtum des Herakles mit den Gräbern des Eurytos 
und Kteatos, die er hier auf dem Wege nach dem Isthmos ge- 
tödtet haben sollte, erwähnt werden. Die Haupterwerbsquelle der 



') 8. über den Tempel, einen dorischen Peripteros mit 6 X 13 San- 
len, Pans. c. 15, 2 und die Pläne in den Alterthümern von lonien C. 6, 
Tfl. 15 ff. und Expedition de Mort^e III, pl. 71 ss.; vgl. Welcker Tage- 
buch einer griechischen Reise (Berlin 1865) Bd. I, S. 175 f. Das Theater 
erwähnt Plut. Philopoero. 11. 

«) 8. da^Testament des Aristoteles bei Diog. L. V, 16. 



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38 II. Peloponiicsos. 

Bewohner scheint Feld- uml Gartenbau gewesen zu sein; unter 
anderem wurden hier besonders grosse Rcltige gezogen.^) Die 
Lage der Stadt an der Hauptstrasse von Argos nach Korinth, wo- 
durch sie die nach beiden Seiten hin röhrenden Pässe beherrschte, 
musste naturlich diese ihre beiden mächtigen Nachbarn schon 
früh zu Versuchen der Annexion reizen. Zunächst war es Korinth, 
das sie, aber wie es scheint nur för kurze Zeit, mit Gewalt in 
Besitz nahm;^) dann entrissen ihr die Argiver das Thal von 
Nemea und gewannen allmälig mehr und mehr Gewalt ober sie, 
so dass sie ihnen zunächst Ileeresrolge leisten musste (wie 01. 
79, 1 bei der Zerstörung von Mykenae), dann aber ganz ihre 
politische Selbständigkeit verlor, welche sie erst durch ihren Ein- 
tritt in den Achäischen Bund wieder erlangte.'^ Seit der Auf- 
lösung des Bundes behielt sie nur als Station an einer Hauptver- 
kehrsstrasse eine gewisse Bedeutung , und noch heut zu Tage steht 
7^ Stunde südöstlich von ihrer Stelle ein Khan (der Khan von 
Kurtesa genannt) und eine Caserne daneben zur Erleichterung 
und Sicherung des Verkehrs, während im Uebrigen das Thal 
selbst verödet ist. Erst am nördlichen Abbange des Tretos liegt 
ein Dorf, Ilagios Basilios genannt, bei welchem der kürzeste, nur 
für Fussgänger und Saumthiere gangbare Pfad aus dem Thale 
nach der Ebene von Argos voruberführt; in der Nähe des Dorfes 
findeo sich auch Ueberreste einer alten Wasserleitung, die jedenfalls 
zu dem grossartigen Werke des Hadrian, durch welches er Wasser 
aus dem Thale von Stymphalos nach der Stadt Korinth führte,^) 
gehören. Die Fahrstrasse zog sich vom Thale aus sudwestwärls 
nach dem westlichsten Theile des Tretos und durchschnitt den- 
selben, allmälig aufsteigend, in einem Engpasse in, welchem man 
noch an einigen Stellen die in den Felsboden eingeschnittenen 



») Strab. VIU, p. 377; Paus. c. 1^5, 1; Diod. IV, 33. Für eifrigen 
Feldbau zeugen die Nachrichten von besonderen x<<^^<^^<'7vXax£S und 
Opfern zur Abwendung des Hagels (Sen. q. nat. IV, 6; Clem. Alex. 
Strom. VI, p. 268 Öylb.); für die Rettige 's. Theophr. bist, plant. VII, 

4, 2, Hesycb. u. KlsoavaCa. Ueber die Rainen Vischer Erinnerungen 

5. 286 f. 

*) Dies ist zu folgern aus Plut. Cim. 17. Ob KI. auch eine Zeit 
lang den Sikyoniern gehört hat ist unsicher; vgl. 8. 24, Anm. 2. 
3) Vgl. Strab. a. a. O.; Plut. Arat. 28. 
*) Paus. c. 3, 6. ^ 



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. 1. Argolis: Argcia. 39 

Faiirgeleise erkennl; ungefähr in der Milie des Passes» doch schon 
jenseits der Wasserscheide, findet man hart am Wege die Grund- 
mauern eines alten Thurmes, der offenbar von den Argivern zur 
Verlheidigung dieses Hauptzuganges zu ihrem Gebiet angelegt war 
und, vielleicht nach seinem Erbauer, der ^Thurm des Polygnotos' 
genannt wurde. ^) 

Die Ebene von Argos, in deren zunächst sehr schmalen nörd- Ar^eia. 
liehen Winkel dieser Pass einmündet, war in uralten Zeiten 
oOenbar eine tief ins Land eingreifende Bucht, welche durch die 
Ablagerungen der zahlreichen von den sie umschliessenden Ge- 
birgen herabkommenden ßächc allmälig ausgefüllt worden ist; 
einige kleine Felshügel und der grössere von Nauplia bis zum 
Hafen Tolon sich erstreckende Felsrücken im östlichen und süd- 
östlichsten Theile der Ebene ragten ursprünglich als Felsinseln 
aus dieser Bucht hervor. Begränzt wird die Ebene von lauter 
kahlen und dürren Feisbergen, die im Westen am mächtigsten 
und wildesten sind: hier bildet das bis 1772 Meter hoch auf- 
steigende Artemis Ion (jetzt Malev6),' der natürliche Grenz- 
wali zi\ischen Arkadien und Argolis, den Knotenpunkt, welcher 
sich in einer nicht viel niedrigeren Kelte (jetzt Ktenia, ^Kamm- 
berg% genannt, vielleicht das KqsIov OQog der Allen ^j gegen Süd- 
osten fortsetzt, an welche sich dann im Südwesten das wieder 
etwas niedrigere Parthenion (jetzt Rhoino) in nordsüdlicher 
Richtung anschliesst. Von dem Ilauptzuge treten mehrere parallele 
nur durch enge Schluchten geschiedene Bergrücken weit gegen Osten 
vor: der nördlichste das Lyrkeion, an dessen nordwestlichen 
Abhängen der Inachos (jetzt Panitza) entspringt^) und um 
den nördlichen Fuss des Gebirges herum in die Ebene fliesst; 



*) Plut. Arat. 6 f.: vgl. über die jetzt *EXXiivtov Xi^cc(fi ge- 
nannte Ruine und den Pass überhaupt Curtius II, S. 612; Vischer 
S. 289 f. 

«) Callim. Lav. Fall. 40, vgl. Meineke Diatribe p. 248. Der nur 
bei Strab. VIII, p. 376 vorkommende Name Kgeonatlov ist von Kramer 
und Meineke mit Recht als Zusatz eines Interpolators ausgeschieden 
worden. 

») Strab. Vin, p. 370; Steph. Byz. u. Avqhsiov. Manche rech- 
neten diesen ganzen Bergzng noch zum Artemision, daher Pausanias 
(n, 25, 3 und VIII , 6 J 6) die Quellen des Inachos auf dieses Gebirge 
verlegt. 



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40 H. Peloponncsos. 

dann das Chaongebirge mit der gegen Osten vorgeschobenen, 
im Allerthum wenigstens Iheilweise mit Kypresscn bewaldeten 
Lykoae, an deren östlichen Fuss sich der Felskegel der La- 
risa anschliesst; weiter sudlich endlich der Pontinos,^) dessen 
nur durch einen schmalen Kustensaum vom Meere getrennter 
Fuss den südwestlichen Endpunkt der eigentlichen Ebene be- 
zeichnet: doch erweitert sich dieser schmale Saum südlich vom 
Pontinos noch' einmal zu einer kleinen Strandebene, die erst durch 
das wie ein mächtiger Felsriegel bis ans Meer vorgeschobene Za- 
vitzagebirge, eine östliche Verzweigung des Parthenion, ihren 
Abschluss erhält. Im Norden bilden die Kelossa und der Tre- 
tos, deren südliche Verzweigungen nur durch ein schmales 
Thal, die nördlichste Fortsetzung der Ebene, getrennt sind, im 
Osten die westlichsten Ausläufer der Epidaurischen Gebirge den 
mehrfach ausgezackten Rand der Ebene, die im Süden durch 
einen seit dem Alterthume nicht unbedeutend verbreiterten Streifen 
sumpfiger Niederung, gewissermassen die Eierschale, die ihr noch 
von ihrer Entstehung her anklebt, gegen das Meer abgegränzt 
wird. Auch im nordöstlichen Tlieile der Ebene, in der Nähe 
der Dörfer Merbaka und Chonika, finden sich jetzt grössere 
Strecken versumpften Bodens, der nur zum Bau von Baumwolle 
und Reis benutzt wird, jedoch durch eine sorgfältige Drainage 
leicht trocken gelegt werden könnte, während am südwestlichen 
Ende der Ebene am Fusse des Pontinos durch zahlreiche Quellen 
ein Teich von bedeutender Tiefe — der unten weiter zu besprech- 
ende Sumpf von Lerna — gebildet wird. Jm Uebrigen leidet 
aber die Ebene (das 7Cokvöi7l}iov"AQyoq)'^) sehr an Wassermangel, 
da auch ihre beiden bedeutendsten Bäche — der inachos und 
der etwas weiter südlich durch die Schlucht zwischen Lyrkeion 
und Lykone vom Artemision herkommende Charadros, jetzt 
Xerias genannt — einen grossen Theil des Jahres hindurch nur 
sehr wenig oder gar kein Wasser in ihren mit Steingeröll an- 
gefüllten Betten führen, ein Mangel dem im Altertum durch 
zahlreiche gegrabene Brunnen und Cisternen, deren Anlage auf 
die ältesten Landesheroen, besonders auf Danaos zurückgeführt 

«) Paus. II, 24, 6 f.; 36, 8: vgl. Curtias II,. S. 337 und über die 
Lykone Conze und Michnelis Annali XXXUI, p. 22. 

•) II. d, 171 c. schol.; vgl. Eurip. Alcest. 560; dazu Curtius Pel. II, 
p. 568. 



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1. Argolis: Argeia. 41 

wurde, *) noch besser abgeholfen war als heul zu Tage : ausge- 
dehnte Getreidefelder und Viehweiden, besonders für Rossheerden, 
bedeckten damals die Ebene ^), die jetzt, abgesehen von den ver- 
sumpften Stellen, fast ganz von den den Boden mehr und mehi* 
aussaugende« Tabaksfeldern eingenommen ist. 

Die ältesten Bewohner der ui^prunglich mit dem Appellativ- 
namen t6 aQyog benannten Ebene waren ohne Z^^^ifel Pelasger, die 
sich als Ureingeborene des Landes betrachteten; an der Spitze ihrer 
Sagengeschichte stand Phoroneus, der Sohn des Flusses Inachos 
und der Nymphe Melia, ebenso wie seine Tochter. Niobe eine 
alte Göllergestall, die dann zum Begründer des geselligen und 
staatlichen Lebens gemacht wurde: er sollte die bis dahin zer- 
streut lebenden Menschen zuerst zu einer gemeinsamen Ansie- 
delung, dem ^toQCDvixov atfxv am Fusse der bei feindlichen An- 
griffen einen sichern Zufluchtsort darbietenden Felsburg Larisa, 
vereinigt haben, aus welchem sich allmälig die Stadt Argos ent- 
mckelte.') Zu diesen Pela^gern kamen Uieils zum vorübergehenden 
Handelsverkehr, theils zu bleibender Ansiedelung Männer des 
Ostens, Phöniker, lelegische Karer und Lykier, welche ihnen 
neben d^n Waaren auch die fortgeschrittenere Technik des Orients 
brachten, und so entstand die erste durch Kunst stark befestigte 
Stadt in der Ebene, das der Sage nach von den lykischen Ky- 
klopen im Auftrage des Königs Proilos ummauerte Tiryns (Strab. 
Vtll, p. 372), welches zugleich wohl als Bollwerk gegen die von 
fremden Ansiedlern auf dem nordwestlichen Vorsprunge des die 



«) Hesiod. Frg. XCVU Göttling; Strab. I, p. 23; VUI, p. 371. Wie 
Danae das von Zeus befruchtete, daher Frneht 'gebende' (vgl. to Sa- 
vo^ und altlat. danere) Land, so scheint Danaos der Repräsentant 
der Bevölkerung, durch welche der Boden fruchtbar gemacht wurde, zu 
sein. Auch auf Agamemonon scheint man die Anlage von Brunnen 
zurückgeführt zu haben; vgl. Hesjch. u. 'Ayai/bBykifovBioL* tpqiaxa, 

*) ''AQyog noXvnvqov II. O, 372; "A. tnndßotov B, 287 und ö.: vgl. 
Strab. VIII, p. 388; Hör. carm. I, 7, 9. Nach Aristot. meteor. I, 14 
(p. 31. 10 Bekk. ed. min.) war in den ältesten Zeiten die eigentliche 
Argeia versumpft, das Gebiet von Mykenae dagegen fruchtbar, während 
spiter das letztere durch allzu grosse Dürre unfruchtbar, die Argeia 
zum Anbau wohl geeignet war. Vgl. auch Varro de re rust. I, 2, 6. 

'} Paus. II, 15, 5; vgl. Stark Niobe und die Niobiden S. 337 ff. 
Uebrigens wird eine Stadt Argos nur an drei Stellen der homer. Ge- 
dichte mit Sicherheit erkannt: £, 569; J^ 52; «p, 108. 



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42 II. Pcloponncsos. 

Ebene im Südosten abgränzenden Felsrückens gegründete See- 
stadt Nauplia dienen sollte. Als dann das ritterliche Volk der 
Achäer die Pelasgische Bevölkerung sich unterwirft und sie mit 
Ausnahme der Bewohner des südwestlichen Berglandes, der Ky- 
nurier, die noch nach der Dorisirung den pelasgisch - ionischen 
Charkter erkennen liessen, ^) zu einer achäischen umgestaltet, wird 
der politische Mittelpunkt, der Herrschersitz des achäischen Kö- 
nigshauses, an den äussersten Nordrand der Ebene verlegt, wo, 
den Zugang zu derselben von Norden her beherrschend, in einem 
Bergwinkel das 'goldreiche Mykenae' sich erhebt als Hauptstadt 
eines umfassenden Reiches; die Ebene, in der nun Argos den 
Vorrang vor Tiryns gewinnt, bildet mit dem östlichsten TheiJe 
der Landschaft einen besondern, aber unter der Lehnsherrlichkeit 
der Atriden stehenden Staat. Aber auch Mykenae's Blüte ist von 
kurzer Dauer, denn als die Schaaren der Dorier sich auf einem 
leicht zu vertheidigenden und zum Angriffe wohl gewählten Punkte 
der Küste, dem sogenannten Temenion, festsetzen, ist Argos be- 
reits die bedeutendste Stadt, deren Eroberung über den Besitz 
der Ebene entscheidet; von ihr aus werden zunächst die kleineren 
umliegenden Ortschaften theils unterworfen und ihre Einwohner, 
ähnlich wie in Lakonien, entweder zu Leibeigenen {yv(ivfJ0iot) 
oi\et zu Periöken (minder berechtigten Bürgern) gemacht, theils 
auf gütlichem Wege zur Unterordnung unter die Hauptstadt — 
in Form einer aviifiaxla, an deren Spitze Argos steht — ge- 
bracht;^) von ihr aus endlich werden dorische Fürstenthümer 



*) Herod. VIII, 73. Das Gebiet der Kynurier enthielt nach Thuk. 
V, 41 (vgl. IV, 56) die Städte Thjrea und Anthene, erstreckte sich also 
vom Zavitzagebirge im Norden bis za den Östlichsten Vorbergen des 
Parnon, wenigstens bis zu dem jetzt ndßo tov Tv(fov genannten Vor- 
gebirge im Süden: eine grössere Ausdehnung desselben gegen Norden 
ist weder aus Herodot a. a. O. (vgl. die folgende Anmerkung) noch aus 
Strab. VIII, p. 370 (wo die Worte tov jcara f^v KvvovqCav ogovg trjg 
'AQxccdiag von Kramer und Moineke als Glosse ausgemerzt worden sind) 
zu erweisen. 

*) Die Frage nach dem politischen Verhältnisse der kleineren Städte 
und Komen der Argeia zur Hauptstadt, über welche früher besonders 
O. Müller (Dorier I, S. 154 flf.; 175 f.; II, S. 60 flf.), zuletzt aber keines- 
wegs abschliessend W. Lilie gehandelt hat (Quae ratio interces- 
serit inter singulas Argolidis civitates, Breslau 1862, c. I), 
bietet manche Schwierigkeiten dar. Zunächst werden Leibeigene er- 



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1. Argolis: Argeia. 43 

io den übrigen Städten der Landschaft, in Sikyon und Phlius, in 
Epidauros und Troizen begründet. Bald nach den Perserkriegen 
aber wurde die Symmacbie auf gewaltsamem Wege, durch Unter- 
werfung von Tiryns und Mykenae, endlich auch von Kleouae, in 
ein völliges Unterthänigkeitsverhäitniss verwandelt, so dass sich 
nun das Stadtgebiet von Argos, die Argeia, von den Gränzen der 
Pbiiasia und Korinlhia im Norden und der Epidauria Im Osten 
bis zur arkadischen Gränze im Westen und bis zum Zavitzage- 
birge im Süden erstreckte. Die südlich von diesem gelegene 
Landschaft Kynuria (vgl. S. 42, Anm. 1) hatte ursprünglich eben- 
falls zur Argeia gehört, war aber nach langen Kämpfen seit der 
Mitte des 6ten Jahrhunderts v. Chr. deGnitiv in den Besitz der 
Spartaner gelangt, die sich länger als zwei Jahrhunderte hindurch 
darin behaupteten, bis sie zuerst durch Philipp von Makedonien, 
dann durch eine schiedsrichterliche Entscheidung der Bömer den 
Argivcrn wieder zugetheilt wurde.*) - 



wähnt, yvfiviqaiOL od. yvfivrjtsg (Hesych. u. yvfiVTJctoi; Steph. B. u. 
Xtog; Poll. III, 83), dio mit den Lakonischen Heloten verglichen wer- 
den, also jedenfalls als rechtlose Nachkommen der you den Dorieru 
nach längerem Widerstände mit Gewalt uaterworfenen alten Bewohner 
zu betrachten sind; dann jceffiotiioi , offenbar die Bewohner der Ort- 
schaften, welche früher oder später unter gewissen Bedingungen die 
Herrschaft der Dorler anerkannt hatten, aus denen in Zeiten der Noth. 
wie nach der schweren Niederlage durch Kleomenes, die gelichteten 
Reihen der Vollbürgdr ergänzt wurden (Aristot. pol. V, 2 p. 129, 31 ed. 
Bekker; vgl. Paus. VIII, 27, 1). Da nun nach Herod. VIII, 73 die Ky- 
nurier, so lange ihr Gebiet zu Argos gehörte, 'O^vs^tai xal nsQ^oiyioi 
waren, so muss man, wenn man nicht etwa das Wort O^ve^tai in 
yvfkVTJreg ändern will, annehmen, dass der Name der Bewohner von 
Omeae, die nicht £u den argivischen Periöken, sondern zu den avfi- 
^«xot gehörten (vgl. Tbuk. V, 67 und Paus. X, 18, 5) zur allgemeinen 
Benennung der argivischen avuficcxoi geworden war. Nicht zu den 
Periöken gehörten ferner die Bewohner von Mykenae und Tiryns, die 
sich eine gewlese Selbständigkeit bewahrt hatten, der erst nach den 
Perserkripgen die Argiver mit Gewalt ein Ende machten: auch sie waren 
bis dahin wohl ^unaxoi von Argos ebenso wie Kleonae. Dass auch 
Epidauros Mitglied dieser Symmacbie gewesen, ist aus Thuk. V, 53 
schwerlich zu folgern: für die Annahme einer argivischen Amphiktyonie 
bietet diese Stelle ebenso wenig als' irgend eine andere eines alten 
Schriftstellers einen sicheren Anhaltspunkt. 

») Paus, n, 38, 6; vgl. c. 20, 1; VII, 11, 1 f.; Polyb. IX, 28, 7; 
XVII, 14, 6. Dass bei Polyb. IV, 36 das Argivische Gebiet sich bis 



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44 II. Peloponuesos. 

Das altdorische Königtum hat sich in Argos lange, wenig- 
stens bis zur Zeit der Perserkriege, erhallen; doch war die Macht 
des Königs schon frühzeitig durch die Volksgemeinde so beschränkt 
worden, dass ihm wenig mehr als der Name ßaöUsvg übrig ge- 
blieben war. ^) Nach AbschafTung desselben ist wahrscheinlich 
gleich jene demokratische Verfassung eingeführt worden, wie wir 
sie zur Zeit des Peloponnesischen Krieges finden und wie sie sich 
trotz mehrfacher, zum Theil sehr blutiger aristokratischer Re- 
actionen bis zur Zeit der römischen Herrschaft erhalten hat: die 
oberste Entscheidung über alle StaaUangelegenheiten lag in der 
Hand der Volksversammlung, d. h. der gesammten In vier Phylen 
(die drei altdorischen und eine vierte, Hyrnethia) getheillen Bürger- 
schaft, welche auch in dem Ostrakismos ein Präventivmittei gegen 
oligarcliische Bestrebungen hatte; die Verwaltung wurde von der 
Bule und ihren Ausschüssen» dem Colleglum der Achtzig und dem 
der Arlynen, gefuhrt.') Der Privatcharakter der Argiver wird 
uns von den alten Schriftstellern ebenso wenig als ihre in Folge 
der kleinlichen Eifersucht gegen Sparta meist antinationale aus- 
wärtige Politik in einem günstigen Lichte dargestellt: sie gelten 
als strcilsüchlig und anmassend, als geneigt zur Dieberei und als 
unmässig im Trinken ^) — letzteres scheint ein durch die Natur der 
Landschaft selbst hervorgerufener oder doch begünstigter Fehler zu 
sein, da noch die heutigen Argiver die besten Trinker wenigstens 
unter den eingebornen Bewohnern des Königreichs Hellas sind. 

Wenden wir uns nun zur topographischen Betrachtung 



nach Znrax hinab erstreckt, kann sich nur auf vorübergehende Ver- 
bältnisse bezieben. 

<) Herod. VII, 140: bei Paus. II, 19, 2 ist nur von Absetzung eines 
Königs, nicht von gänzlicher Abschaffnng des Königtums die Rede; 
vgl. Flut, de Alex. virt. II, 8; de Pyth. orac. 6. 

*) Thuk. V, 47; Aristot. pol. V, 3 (p. 129, 3 ed. Bckk.);' schol. Arist. 
equit. 855. lieber die Phyle ^Tqvrid'Ca oder *TQvad-ia vgl. die Inschr. 
C. I. G. n. 1130; 1131; Bullett. 1854 p. XXXIV ■ und Steph. Byz. u. 
dvfiaveg. Neben den auf Gemeinsamkeit der Abstammung beruhenden 
Phylen gab es in Argos auch topische Phylen; denn als solche fasse 
ich mit Ahrens Philologus Bd. XXIII, S. 16 die Namen üoaiSaov und 
Tled^ov in der Inschrift Revue arch^ol. 1855 p. 577 ff. (= Philologus 
IX, S. 588). 

') Diogenian. 11, 79 c. not.; App. prov. III, 35; Suid. u. 'Ai^ysCot 
fcÖQsg, — Athen. X, p. 442 <*; Aelian. v. h. III, 15. 



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1. Argolis: Argeia, 45 

der Argeia und kehren zu diesem Behufe nach dem Passe 
durch das Tretosgebirge, in welchem die Wege aus dem Thale 
Yon Nemea und von Kleonae her zusammentreflen, zuröclc. Nach- 
dem man aus dem Passe in den noch sehr schmalen nördlichen 
Winkel der Ebene eingetreten ist, sieht man zur Linken auf einem 
fom Trelos gegen Westen vortretenden, in mehreren Absätzen 
zur Ebene absteigenden Pelsröcken, an dessen südwestlichem 
Fusse jetzt das Dorf Charvati liegt, die noch jetzt, nach mehr 
als 2000jähriger Verödung, stattlichen, ja imposanten Ruinen von 
Mykenae, der * wohlgebauten', ^breitstrassigen' , 'goldreichen' 
Stadt der llias, die noch in den Perserkriegen,, während ihre 
mächtigere Nachbarin Argos eine schimpfliche Neutralität beob- 
achtete, einen Theil ihrer wohl schon sehr zusammengeschmol- 
zenen Bürgerschaft gegen den Nationaifeind aussandte, ^) aber 
schon im Jahre 463 v. Chr.*) von den Argivern nach längerer 
Belagerung durch Hunger zur Unterwerfung gezwungen und in 
Folge dessen von ihren Bewohnern, die zum grössern Theile nach 
Makedonien auswanderten, zum Theil in dem benachbarten Kleo- 
nae, das offenbar nur widerwillig zu ihrer Unterwerfung mitge- 
wirkt hatte, und in dem achäischen Keryneia Zuflucht fanden, 
gänzlich verlassen und seitdem so vergessen wurde, dass ein Geo- 
graph wie Strabon (VIII, p. 372) schreiben konnte, es seien auch 
keine Spuren davon mehr erhalten. Dieser schon von Pausanias 
durch eine kurze Beschreibung der von ihm besuchten Ruinen- 
stätle (c. 16, 5 fi*.) berichtigte Irrtum wird durch den Augen- 
schein aufs glänzendste widerlegt; denn noch jetzt ziehen sich 
rings um den oberen Absatz des Felshögels, mit Ausnahme einer 
Strecke der Südseite, an welcher die schroff abfallenden Felsen eine 
künstliche Befestigung entbehrlich machten, zum Theil in bedeut- 



«) Herod. VII, 202; IX, 28; vgl. die Inschr. der delphischen Schlan- 
gensänle (Dethier und Mordtmann Epigr. von Byzantion I, Tfl. II) Ge- 
winde 7: MTKANEZ d. i. Mv^uvBig wie auch Steph. Byz. u. Mv- 
x^vai das Eibnikon Miinrivsvg neben Mirnrivatog anführt. 

») Nach Diod. XI, 66 schon Ol. 78, 1 (468): doch mass dies, wie schon 
Grote (Gesch. Griech. III, S. 248 d. d. Heb.) bemerkt hat, ein Irrtum 
sei, da Diodor selbst beifügt, die Lakedämonier hätten den Mykenäem 
nicht helfen können ^wogen ihrer eigenen Kriege und des in Folge des 
Erdbebens erlittenen Schadens». Vgl. auch Strab. VIII, p. 377; Paus. 
VII, 25, 5. 



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46 II. Peloponnesos. 

ender Höhe die meist aus grossen polygonen Werkstücken erbau- 
ten Ringmauern der Oberstadt mit dem berähmten I^wenthor 
(von den Eingebornen rd ksovrccQL *der Löwe' genannt) im We- 
sten und einem kleineren Thor an der Nordseite; noch jetzt 
erkennt man auf dem flacheren Absätze westlich von der Ober- 
stadt die Spuren einer von Nord nach Söd gerichteten Mauer, 
die wohl als eine Art tiandwehr zum Schutz gegen einen Angriff 
von der Ebene her zu betrachten ist; noch erheben sich ösüicli 
von dieser Mauer zwei kunstlich aufgeschüttete Erdhugei, welche 
unterirdische Kuppelgebftude von bienenkorbShnlicber Form — 
wahrscheinlich alte Königsgräber aus der Atridenzeit — bergen, 
von denen das sudlichere, von den Gelehrten gewöhnlich ^das 
Schatzhaus des Atreus', von den Umwohnern treffender *das Grab 
des Agamemnon' genannt, seit dem Anfang dieses Jahrhunderts 
ausgeräumt und dem Beschauer zugänglich, leider aber sowohl 
seiner aus flalbsäulen und Tafeln von buntem Marmor bestehen- 
den Thfirverkleidung als auch seines Schmuckes von Erzplatten 
im Innern entkleidet ist, während das nördlichere, von dem nur 
in Folge des Einsturzes der obersten Spitze einige der nach Oben 
sich verengenden concentrischen Steinkreise sichtbar sind, noch 
immer der Aufräumung harrt;, noch jetzt sieht man über dem 
Erdboden westlich und östlich von dem Mauerzuge zwei aus grossen 
unbehauenen Steinen, über welche noch mächtigere als Decksteine 
gelegt sind, construifte Eingänge (von den Bauern ipovQvoi, *die 
Oefen' genannt), die wahrscheinlich zu jetzt verschwundenen unter- 
irdischen Grabkammern geführt haben; noch jeUst endlich erkennt 
man in dem meist trockenen Bette eines südwestlich unter der 
Burg hinfliessenden Giessbaches die Reste eines alten Brücken- 
pfeilers und südlich davon die Spuren der zu dieser Brücke füh- 
renden Fahrstrasse. ') Nur die von Pausanias (c. 16, 6) innerhalb 



*) Vgl. die Pläne und Ansichten in der Exp^d. de Mor^ II, pl. 63 ss. 
(darnach der Plan der Ruinen bei Curtius II, TS. XVI und auf unserer 
Tfl. I, n. 2) und die Beschreibungen bei Curtius S. 400 ff. und bei 
Vischer Erinnerungen S. 304 ff. Von dem Charakter des Reliefs über 
dem Löwenthore, das ein entschiedenes Streben nach scharfer Natur- 
wahrheit mit grosser Unbehülflichkeit in der Bildung mancher Körper- 
theile verbindet, glebt die nacli dem Gipsabguss in Berlin gefertigte 
Abbildung in der arch. Zeitung XXIIl (1865) Tfl. 193 die beste An- 
schauung. Ueber die Bestimmung der unterirdischen Kuppclgebäude zq 



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1. Argolis: Argeia. 47 

der Ruineo erwähnte Quelle Persei a ist nicht mehr nachzu- 
wdsen; ebenso wenig sind wir im Stande die von demselben 
(a. a. 0.) aufgeführten Grabmäier zu identificiren (doch könnte 
dne umfassende Aufräumung des Bodens besonders östlich von der 
unteren Mauer noch manches Verborgene zu Tage fördern) oder 
den Eroeia genannten Platz aufzuzeigen, auf welchem der Sage 
nach Tbyestes die Reste der furchtbaren Mahlzeit, von deren 
Aoblicl( der Sonnengott sich abwandte, wieder von sich gegeben 
hatte. 1) 

Südostwärts von Mykenae zieht sich ein hoher, jetzt ganz 
kahler Felsberg, der südlichste Ausläufer des Tretos gegen die 
Ebene, hin, der, nach seinem alten Namen Euboia zu urtheilen, 
im Altertbum noch wenigstens Iheilweise mit Weideland bedeckt 
gewesen zu sein scheint. Gegen Süden fällt er in zwei Terrassen 
ab» welche im Nordwesten und im Südosten von zwei tiefeingeschnit- 
tenen Flussbetten, in denen einst die Bäche Eleutherios und 
Aster Ion flössen, eingefasst sind; jenseits des letzteren erhebt 
sich ein isohrter runder Felshugel, im Altertbum Akraea genannt; 
die aUmälig nach der Ebene absteigende Gegend unterhalb der 
unteren Terrasse führte den Namen Prosymna, der ursprünglich 
eine Ortschaft, von der sich freilich im Alterthume selbst nur eine 
dunkele Erinnerung erhalten hatte, ^) bezeiclinet haben soll. Die 
obere der beiden Terrassen, deren Südseite noch jetzt von einer 
Substruction aus mächtigen, fast ganz rohen Conglomeratblöcken 
gestützt wird, trug den alten Tempel der Flera, das Ileraeon, 
welches ursprünglich den Mykenäern gehörig, dann eine Zeit lang 
von ihnen mit den Argivern gemeinsam verwaltet, seit der Ver- 
ödung von Mykenae in den Alleinbesitz der Argiver übergegangen 
war. Nachdem der ältere Tempel Ol. 89, 2 abgebrannt, wurde 
durch den Baumeister Eupolemos, wahrscheinlich unter der Ober- 
leitung des Polykleitos, welcher die berühmte diryselephantine 
Kolossalstatue dafür arbeitete, ein neuer auf der unteren rings 
von einer Periboiosmauer umschlossenen Terrasse erbaut, der nach 



Grabern vgl. Mure im Rhein. Mus. VI, S. 240 ff.; Welcker Kleine 
Schriften UI, 8. 353 ff. 

«) EusUth. ad. Iliad. p. 184, 12; Etym. M. p. 334, 19: vgl. G. Her- 
mann ad Aesch. Agam. v. 1567. 

«) Strab. VIII, p. 873; Stet. Theb. I, 383; IV, 43; Steph. Byz. 
n. Tlifocvfiva. 



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48 II. Peloponnesos. 

(Ion Resultaten einer im Herbst 1854 unternommenen Ausgrabung 
gerade in der Mitte des Pcriboios in der Richtung von OSO nacb 
WNW aus mit Stuck überzogenem Tujfstein (nur die Cellamauern 
aus weisslich-grauem Kalkstein) in dorischem Stil, wahrscheinlich 
als Hexastylos peripteros, erbaut und mit reichem Sculpturschmuck 
aus Parischem Marmor (aus welchem Material auch das Dach 
nebsl dem Traufbord bestand) in den Metopen und Giebelfeldern 
verziert warJ) Nordöstlich vom HerSon in einem kleinen rings 
von Bergen umschlossenen Tliale, das mit der Ebene von Argos 
durch eine enge, von steilen und höhlenreichen Felsbergen be- 
gränzte Schlucht (Klisura) zusammenhängt, findet man 10 Minuten 
westlich von dem Dörfchen BirbaÜ die Reste eines kleinen helle- 
nischen Thurmes, nahe dabei eine zerstörte Kirche, welche, me 
Säulenreste und die noch erhaltene antike marmorne Thörscbwelle 
zeigen, an der Stelle eines kleinen in ionischem Stil erbauten 
Tempels steht; 5 Minuten weiter westlich die Ruinen mehrerer 
grosser römischer Ziegelgebäude mit gewölbten Gemächern, deren 
Wände mit buntem Stuck bekleidet und zum Theil mit Reliefs 
in Stuck (eines, einen Pfau mit ausgebreiteten Flügeln und Schwanz 
vorstellend, fand ich noch wohl erhalten am Platze) geschmückt 
waren : das eine derselben, eiii Saal von 85 Fuss Länge, mit Strebe- 
pfeilern, die die gewölbte Decke slüzten, an den Wänden^ muss 
wohl als Hauptsaal eines römischen Thermengebäudes betrachtet 
werden. Der hellenische Thurm diente jedenfalls zur Bewachung 
des durch dieses Thal fuhrenden directen Verbindungsweges zwi- 
schen Argos und Korinth, aber den Namen der noch in Römischer 
Zeit blühenden Ansiedelung kennen wir ebenso wenig als den 



») Paus. c. 17; Strab. VIII, p. 368; 372; Herod. I, 31; Thuk. IV, 
133. Die angebliche Gründang des Tempels durch Doros (Vitmy. 
IV, 1) kann schwerlich als ein ächter Zug der Sage betracl^tet wer- 
den, da seine Gründung jedenfalls der Zeit vor der dorischen Einwan- 
derung angehört, wie auch Soph. Electra 8 ihn schon in der Pelopiden- 
zeit vorhanden sein lässt. lieber die Ausgrabung vgl. meinen Bericht 
im Bulletino 1854, II, p. XIII ss. und Rangab^ Ausgrabung beim Tempel 
der Hera unweit Argos, Halle 1856, dazu den Plan auf unserer Tfl. I, 
n. 3. Der Tempel nebst dem Peribolos war für gewöhnlich ver- 
schlossen und wurde wohl nur an den Festen der Göttin geöffnet: 
p. Plnt. Oleomen. 26. Plünderung desselben durch die Aetolier unter 
Führung des Pharykos: Polyb. IX, 34. 



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1. Argolis: Argeia. 49 

der Gottheit, welcher der Tempel neben dem Wartthurme ge- 
weiht warJj 

Die etwas über zwei Stunden lange Strasse von Mykenae nach 
Argos führt in gerader südlicher Richtung durch die jetzt ganz 
baumlose Ebene. Pausanias (II, c. 18) sah auf diesem Wege zu- 
näctist hinter Mykenae zur Linken ein Heroon des Perseus, dann 
etwas weiter hin zur Rechten das angebliche Grab des Thyestes 
mit dem Steinbilde eines Widders (die Benennung of KqioI, ^die 
Widder', welche er als die volkstumliche dafür giebt, lässt ver- 
muten, dass früher noch mehrere solche Bilder dort gestanden 
hatten), noch etwas weiter hin zur Linken einen Mysia genann- 
ten Platz mit einem verfallenen Tempel der Demeter Mysia, in 
welchen eine kleine Kapelle aus Ziegeln, die Schnitzbilder der 
Kora, des Pluton und der Demeter enthielt, hineingebaut war. 
Nachdem er dann den Inachos überschritten hatte und bei einem 
Altar des Helios vorübergegangen war, trat er durch das nach 
einem benachbarten Tempel der Eileithyia benannte Thor^) in 
die Stadt Argos ein, welche damals den Raum zwischen dem 
Pelskegel der Larisa im Westen, einem durch eine Einsattelung 
(^eiQdg) mit dem nordöstlichen Fusse derselben zusammenhän- 
genden flachen Felshügel im Norden (der noch ebenso wie der 
Rücken der Larisa innerhalb der Mauerlinie lag) und dem trocke- 
nen Bache Charadros im Osten einnahm^) — gegen Süden ist 
ihre Ausdehnung, da sich hier keine sicheren Spuren der Ring- 
mauer nachweisen lassen, nicht mehr zu bestimmen , doch scheint 
sie nicht weit über den südlichen Fuss der Larisa hinausgegangen 
zu sein — einen Raum, welcher von dem jetzigen Städtchen 



') Man könnte anf diese von mir im J. 1854 untersachten Ruinen 
den nur von Thnk. V, 58 erwähnten Namen Saminthos beziehen; 
doch scheint diese Ortschaft in der Ebene selbst und zwar im nord- 
westlichen Theil derselben (schwerlich bei Phiklia, Mykenae gegenüber, 
wie Ro9« Reisen I, 8. 27 annimmt, eher im Inachosthale, bei dem jetzigen 
Skala, oberhalb dessen ein mittelalterliches Castell anf hellenischen 
Fandamenten steht) gelegen zu haben. Lag bei Birbati yielleicht Me- 
li na mit dem Tempel der Aphrodite Melinäa (Steph. u. MiXiva)? 

*) Dies ist, wie schon Curtius (Pel. II, S. 363) vermuthet hat, je- 
denfalls identisch mit dem von Hesych. u. Ns[tsioidsg nvXai erwähnten 
Nemeischen Thore. 

*) Dass der Charadros ausserhalb der Stadtmauer war, zeigt Thnk. 
V, 60. 

BDRSIAir, OBOOR. II. 4 



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50 II. Peloponnesos. 

Argos, trotz seiner weitläu6gen ganz dorfarligen Bauart, kaum 
zur Hälfte ausgefüllt wird. Von den Befestigungswerken der 
alten Stadt sind noch auf dem höchsten nördlichen Theile der 
Larisa, welcher die eigentliche Akropolis bildete, in der noch 
Pausanias (c. 24, 3) einen verfallenen Tempel des Zeus Larisaeos 
und einen wohlerhaltenen der Athene sah, bedeutende Reste der 
meist aus schön bearbeiteten polygonen Werkstücken gefügten 
Ringmauer mit den Fundamenten einiger Thürme erhalten,^) 
deren Linie sich dann gegen Süden fast den ganzen Rucken der 
Larisa entlang, gegen Nordosten an dem Abhänge durch die Ein- 
sattelung (in der man noch die Stelle eines alten Thores erkennt)^) 
hindurch nach dem kleineren nordöstlichen Hügel verfolgen lässt: 
dieser bildete eine besondere zweite Akropolis, welche, wie die 
noch erhaltenen Reste zeigen, ringsum von einer Mauer aus 
grossen fast ganz regelmässigen Quadern, die durch Thurme ver- 
stärkt war (ein grosser Rundthurm ist noch an der Nordostseite 
erkennbar) umschlossen wurde und zu welcher man von der Un- 
terstadt auf einer Felstreppe von 13 Stufen emporstieg. Ausser 
diesen Resten der Befestiguiigswerke findet man noch am südöst- 
lichen Abhang des kleineren Hügels einen aus grossen fast ganz 
unbehauenen Werkstücken erbauten unterirdischen Gang, der 



<) Vgl. Cnrtius Fei. II, 8. 350 f.; Annali XXXIII, p. 15. 

') Dies war offenbar das von Fans. c. 25, 4 als nvlat cct n^og xjj 
dsiQctSi bezeichnete Thor; denn nur dieser Einsattelung, nicht, wie 
Leake (Morea 11, p. 400) und Curtius meinen, dem kleineren Hügel kann 
der Name .Jff^of^ zukommen, wie, abgesehen von der eigentlichen Bedeutung 
desselben (Hals, Kacken), schon die Angabe des Paus. c. 24, 1, womach 
man über die Deiras zur Akropolis emporstieg, zeigt. Dass auch der kleine 
Hügel eine besondere Akropolis bildete, beweisen die von mir genauer 
untersuchten Reste der rings um ihn sich herumziehenden Ringmauer; 
es wird bestätigt durch die ausdrückliche Angabe des Livius XXXIV, 
25: 'utrasque arces ~ nam duas habent Argi'. Den wirklichen alten 
Namen des Hügels können wir nicht mehr feststellen; am passendsten 
für die Form desselben wäre der Name 'j4ox£g (Flut. Oleomen. 17; 21. 
Fyrrh. 32): allein da nach der zuerst angeführten Stelle dieser Name 
einen Flate vn}Q tov d'BaxQOv bezeichnete, so müsste man dann anneh- 
men, dass Flutarch das Theater mit dem Stadion, welches nach Faus. 
c 24, 2 in der Einsattelung zwischen der Larisa und dem kleineren 
Hügel gelegen zu haben scheint, verwechselt habe. Der von Anderen 
für den Hügel vorgeschlagene Name 'Adi^vaiov hat, da er nur bei Fseu- 
doplut. De fluv. (18, 12) erscheint, gar keine Gewähr. 



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1. Argolis: Argeia. 51 

jetzt auf eine Länge von 65 Fuss offen liegt und am südlichen 
Ende von einer Art kreisförmiger kleiner Kammer abgeschlossen 
wird, in folgender Weise: 

c ■- 

Die mit starkem bräunlichen Cement bekleideten Seitenwände 
treten nach oben allmällg gegen einander vor, doch stehen sie 
oben noch über einen Fuss weit von einander ab; die Tiefe des 
Ganges konnte ich, da der Boden mit Wasser bedeckt ist, nicht 
bestimmen. Wahrscheinlich haben wir in der ganzen Anlage eines 
jener alten Wasserreservoirs, deren Errichtung die Sage auf Danaos 
zuröckföhrte (vgl. S. 41, Anm. 1), zu erkennen: vielleicht ist sie 
identisch mit dem von Pausanias (c. 23, 7) unter den Sehens- 
würdigkeiten von Argos erwähnten unterirdischen Bauwerke, auf 
welchem der vom Tyrannen Perilaos zerstörte eherne Thalamos 
der Danae gestanden hatte. Ist diese Vermutung richtig, so haben 
wir auch die anderen von Pausanias a. a. 0. erwähnten Gebäude: 
das Denkmal des alten Königs Krotopos, Sohnes desAgenor, den 
Tempel des Dionysos Kreslos und den der Aphrodite Urania auf 
dem kleineren Hügel zu suchen.^) 

Femer zieht sich am östlichen Fusse der Larisa eine gegen 
100 Fuss lange Hauer aus grossen polygonen Werkstöcken von 
bedeutender Höhe, mit einem einfachen Thore in der Mitte, hin, 
welche eine kunstlich geebnete Fläche am Abhänge des Berges 
stützt, auf der noch die Reste eines römischen Bauwerkes aus 
Ziegeln stehn. In die felsige Rückwand dieser Fläche ist in 
gleicher Linie mit dem Thore der Terrassenmauer ein recht- 
winkeliger Raum hineingearbeitet, der sich stufenweise verengt 
und von einer halbrunden Nische, in welche ein Canal aus dem 
Innern des Felsens einmündet, abgeschlossen wird: eine ziemlich 
räthselhafte Anlage, die ich wenigstens für nichts Anderes hallen 
kann als für ein Brunnenhaus, das von einer jetzt versiegten 
Quelle im Innern des Burgfelsens gespeist wurde. ^) Auch die 
römische Ruine scheint von einem damit in Verbindung gesetzten 



*) So schon Cartlas (Pel. II, 8. 361), der nur nicht an Bekleidung 
der Wände des Ganges mit Erzplatten hätte denken sollen, wogegen 
der Cementüberzag spricht. 

*) 8. den Plan Exp^d. de Mor^e U, pl. 60. Der Ansicht von Curtius 
(a. a. O. 8. 357), welcher in der Terrasse das von Fans. c. 20, 7 er- 

4* 



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52 U. Peloponnesos. 

Thermengebäude herzurühren. Weiter södlich ist in den Fuss 
der Larisa das Theater hineingearbeitet, von dessen ans dem 
Felsen des Berges selbst geschnittenen Sitzreihen noch 67 über 
dem Boden sichtbar sind ; bloss die beiden Enden des Halbkreises 
waren durch Hauerwerk gestutzt, welches ebenso wie das fiöhnen- 
gebäude jetzt verschwunden istJ) Neben dem sudlichen Ende 
des Halbkreises sind noch gegen 20 Sitzstufen in Form eines 
flachen Kreissegmentes über einander in den Fels gearbeitet, 
deren Bestimmung durchaus unklar ist. ') Oberhalb des Theaters 
stand nach Pausanias (c. 20, 8) ein Tempel der Aphrodite, vor 
dem Cultbilde desselben eine Stele, auf welcher die Dichterin und 
lieldenmuthige Vertheidigerin ihrer Vaterstadt, Telesilla, mit einem 
Helm in der Hand dargestellt war: die Stelle desselben bezeich- 
net wahrscheinlich die Capelle des h. Georgios auf dem südlich- 
sten Theile des Rückens der Larisa, der den Sondernamen Aspis 
gefuhrt zu haben scheint. ^) Unterhalb des Theaters endlich ßn- 
det man noch die Reste eines umfangreichen länglich - viereckten 
Bauwerkes aus Ziegeln mit einem kleinen Anbau an der Ruck- 



wähnte KQtxi^QioVf die Gerichtsstfttte von Argos, erkennt, scheint mir 
die obere Felsanlage, sowie die Notiz der SchoL zu £ur. Orest. 859, 
dass jene Gerichtsstätte anf einem J7^a>f genannten Gipfel oder Vor- 
Sprunge des Berges lag, entschieden zu widersprechen. 

») Vgl. Exp^d. de Mor^e II, pl. 67 s.; Strack Gr. Theatergeb. Tfl. 
IV, 2. Die von Paus. c. 20, 7 erwähnte Gruppe (der Argiver Perilaos 
den Spartiaten Othrjadas tödtend) bildete wahrscheinlich mit mehreren 
anderen Sculpturwerken den Schmuck der Vorderseite der Bühne. 

*) Gegen die an sich nahe liegende Annahme, dass hier das Kriterion 
(8. 51 Anm. 2) zu suchen sei, hat Vischer (Erinnerungen S. 321) richtig 
bemerkt , dass der Weg, den Pausanias machte, sie nicht zu gestatten 
scheine. Wollte man nun auch annehmen, Pausanias sei von dem Hei- 
ligtume des Zeus Soter an der Südwestseite der Agora aus eine Seiten- 
strasse gegangen, die ihn gerade auf jene Steinsitze zu geführt habe, 
so bliebe doch immer bei der unmittelbaren Nähe derselben und des 
Theaters der Ausdruck xovtov di iaxiv ov noqf^fo Q-iaxqov (c. 20, 7) 
sehr bedenklich. 

') Vgl. S. 50, Anm. 2. Dass das kleine Relief auf dem Felsen 
nördlich vom Theater, welches einen auf eine Amphora zu reitenden 
Krieger mit dem Schild am Arm, dazwischen eine sich aufrichtende 
Schlange darstellt, mit jener Benennang nichts zu thun hat, sondern 
eine gewöhnliche s^ulcrale Darstellung ist, haben schon Conze und 
Michaelis (Annali vol. XXXIII p. 15 s.) richtig bemerkt. 



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1. Argolis: Argcia. 53 

Mle, der nach Ionen eine halbkreisfdrniige Nische bildet: viel- 
leicht eine Basilica aus der Römischen Kaiserzeit. 

Von der eigentlichen Stadt sind wegen der bedeutenden 
Erböhimg des Bodens in Folge der ununterbrochenen Bewohnung, 
abgesehen von einigen für die Topographie unwesentlichen Bild- 
werken und Inschriften, gar keine Reste erhalten, so dass wir 
uns nur aus der zwar ausfuhrlichen aber keineswegs sehr klaren 
Beschreibung des Pausanias (c. 19, 3 -^ c. 24, 2) eine ungefähre 
Vorstellung von der Wurde und Stattlichkeit der Heiligtümer und 
öffentlichen Gebäude wie von der Fülle von Kunstwerken, die sie 
schmückten ^), machen, aber kein genauei^es topographisches Bild 
derselben entwerfen können. Den IMittelpunct, um welchen die 
meisten und bedeutendsten Heiligtümer herum lagen, bildete die 
umfangreiche, mit zahlreichen Statuen und Ileroengräbern be- 
setzte Agora, die sich unterhalb der Burg (Liv. XXXII, 25), d. h. 
offenbar nahe dem östlichen Fusse der Larisa, doch nicht un- 
mittelbar an demselben -- vielmehr führten Seitengassen von der 
Westseite der Agora nach dem Fusse des Berges (vgl. weiter 
unten) — hinzog. Das angesehenste jener Heiligtümer war der 
angeblich schon von Danaos gegründete Tempel des A pol Ion 
Lykios, der mit seinem ausgedehnten Temenos, in welchem noch 
verschiedene Götterbilder, Altäre, Heroengräber und sonstige Bild- 
werke vereinigt waren, einen bedeutenden Theil der Nordseite 
der Agora eingenommen zu haben scheint; ihm gegenüber, d. h. 
wohl durch eine Strasse davon getrennt, lag das Heiligtum des 
Zeus Nemeios; in dieser Strasse zur Rechten das Grab des 
Pboroneus, zur Linken, hinter dem Zeusheiligtum, ein alter Tem- 
pel der Tyche, ein Grabdenkmal der Maenade Choreia und etwas 
welter ab vom Markte ein Heiligtum der Hören. ^) An der West- 
seite der Agora standen dann Statuengruppen : die sieben Heerführer 



') Aemilias Paullus bewanderte to ßccQog tijg tav 'AqytCtov noXBtog 
n»ch Polyb. XXX, fr. 15, 1. 

*) Paus. c. 19, 3 8S., vgl. Schol. Soph. £1. 6. Meiner Ansieht nach 
ist alles, was Paus, von c. 19, 3 bis c. 20, 3 beschreibt, im Temenos des 
Apollon Ljkeios zu suchen; dann geht er nach Erwähnung des Heilig- 
tums des Zeus Nemeios die Strasse, welche dieses von jenem Temenos 
trennt, und kehrt mit § 5 (inaviovtt ^i%ei^d'sv, missverstanden von Cur- 
tius S. 561, Anm. 13) auf die Agora zurück. Da mehrere Weihungen 
an Apollon enthaltende Inschriften (C. I. G. n. 1142; 1143; 1152) bei 



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54 n. Peloponnesos. 

gegen Theben und die sogenannten Epigonen; vor denselben, gegen 
die Mitte des Marktes zu, zeigte man ein Denkmal des Danaos und 
ein Kenotaphion der vor llion und auf der Rückfahrt gefallenen 
Argiver. ^) Von einem ebenfalls noch an der Westseite der Agora 
gelegenen Heiligtum des Zeus Soter führte dann eine Seitenstrasse 
nach dem Fusse der Larisa in die Nähe des Theaters, in welcher 
Pausanias (c. 20, 6 f.) ein Gebäude, in weichem die Argtvischen 
Frauen die Adonisklage hielten, ein Heiligtum des FlussgoUes 
KephisoR, ein steinernes Medusenhaupt, das als Werk der Kyklopen 
galt, und dahinter, auf einem Vorsprunge der Larisa (Prön), das 
Kriterion, d. h. den Platz, wo Danaos über Hypermnestra Ge- 
richt gehalten haben sollte'^), erwähnt 

Wenn man vom Theater aus nach der Agora zurückkehrte, 
fand man — also jedenfalls an der Südseite derselben — ausser 
mehreren Heroengrabmälern einen Tempel des Asklepios, ein 
Heiligtum der Artemis Peitho, einen Delta genannten Platz mit 
Altar des Zeus Phyxios davor, und einen Tempel der Athena 
Salpinx. Ungefähr in der Mitte der ganzen Agora stand ein mit 
Reliefs verziertes Marmordenkmal, welches den Platz bezeichnete, 
auf dem der Leichnam des bei seinem verunglückten Versuche 
der Ueberrumpelung der Stadt (Ol. 127, 1) gefallenen Pyrrhos 
verbrannt worden war; nahe dabei erhob sich ein einfacher Erd- 
liugel, unter welchem das Haupt der Gorgo Medusa liegen sollte, 
daneben das Grab der Gorgophone, Tochter des Perseus, und 
vor diesem ein Tropaeon zur Erinnerung an die Vertreibung eines 
Tyrannen Laphaes. Nicht weit davon, jedenfalls noch an der 
Südseite der Agora, standen die Tempel der Leto und der Hera 
Antheia, vor dem letzteren das gemeinsame Grab der Frauen, die 
mit Dionysos nach Argos gekommen sein und hier ihren Tod 
gefunden haben sollten. Diesem Grabe gegenüber, d. h. wohl 



einer Kirche des h. Nikolaos (deren Stelle ich leider nicht genauer an- 
geben kann) gefunden worden sind, so scheint diese ungefähr die Stelle 
dos ApoUontempels einzunehmen. 

Paus. c. 20, 6 f., vgl. Strab. VIII, p. 371, in welcher Stelle un- 
möglich, wie Curtius (a. a. O.) will, xai« fiieriv xr^v xmv ^A^fy^Cmv ayo- 
qäv bloss ^die Richtung auf die Mitte des Marktes' bezeichnen kann. 
Deinias beim Schol. £ur. Cr. 869 spricht nicht vom Grabe des Danaos, 
sondern von dem eines Bfelanchros. 

<) Vgl. S. 61, Anm. 2 und S. 62, Anm. 2. 



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1. ArgoHs: Argeia. 55 

am südlichen Ende der Ostseile der Agora, lag das Heiligtum der 
Demeter Pelasgis, in dessen Nähe das Grab des Pelasgos und 
eine eherne Basis, auf welcher alterlömiiche Bilder der Artemis, 
des Zeus und der Athene standen, sowie das Heiligtum des 
Poseidon Prosklysüos, welches die Gränze einer durch den 
Zorn des Poseidon verursachten Ueberschwemmung eines grossen 
Theiles der Ebene bezeichnen sollte; nicht weit davon waren 
das Grab des Argos, ein Tempel der Dioskuren, ^) ein Heiligtum 
der Eileithyia (das jedenfalls von dem in der Nähe dos nach 
Hykenae führenden Thores gelegenen verschieden ist) und ein 
Tempel der Hekate. Zwischen diesem und dem vorhergenannteu 
Ueiligtume mündete, wie es scheint, auf den Markt eine gerade 
Sirasse aus, welche in östlicher oder südöstlicher Richtung nach 
dem Diamperes genannten Thore führte, vor welchem, nicht 
ganz 300 Schritt von der Stadtmauer entfernt, das grösste und 
bekannteste Gymnasion der Stadt lag, welches nach dem Sohne 
des Sthenelos, Kylarabis, benannt wurde. ^) An einer anderen, 
^ Koilri (der Hohlweg) genannten Strasse, deren Richtung nicht 
ganz sicher ist (doch scheint sie ebenfalls von der Ostseile der 
Agora, etwas weiter nördlich als die nach dem Thore Diamperes 
führende, nach der östlichen Stadtmauer gegangen zu sein)^), lag 
ein Tempel des Dionysos und unmittelbar neben demselben die 
Ruinen des Hauses des Adrastos (der auch hier wie in Sikyon 
wohl ursprünglich mit Dionysos identisch war), weiterhin ein 
Heiligtum des Amphiaraos, das Grab der Eriphyle, ein Temenos 
des Asklepios und ein Heiligtum des ßaton; an der andern Seite 



*) Nach Flut. Q. Gr. 23 wurde Polydeukes als Gott, Kastor, dessen 
Grab man aufzeigte, unter dem Namen Mi^aQxayitag als Heros verehrt. 

«) Paus. c. 22, 8; vgl. Liv. XXXIV, 26; Plut. Pyrrh. 32 (die einzige 
Stelle, wo der Name des TJiores, Ji^aiineQSSt angegeben wird); Oleomen. 
17; 26; Lucian. Apol. pro merc. cond. 11. Dass es wenigstens in 
der röm. Eaiserzeit noeh mehrere Gymnasien in Argos gab, zeigt die in 
einigen Ehrendecreten (C. I. G. n. 1122; 1123; Bullettino 1854, p. XXXIV*) 
wiederkehrende Formel ^ivxa iXmov iv navtl yvfivaa£m, 

') Der Ausdruck ivtsvd^sv bei Paus. c. 23, 1 kann unmöglich auf 
das zuletzt beschriebene Gymnasion bezogen werden, da die Koile gewiss 
innerhalb der Stadt lag, sondern entweder auf die zum Thore Diamperes 
führende Strasse oder (wie Curtius S. 361 wohl mit Recht annimmt) 
wieder auf die Agora. Bei Paus. a. a. O. schreibe ich dann § 2 : oUiag 
orpsi igstnia 'Adgaatov. 



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56 n. Peloponnesos. 

der Strasse wieder näher dem Markle zu das Grab der üyrnelho, 
sodass wobi von den vier nacli den vier Phylen benannten Stadt- 
quartieren, in welche die Stadt getheilt war,^) das Hyrnethische 
hier östlich von der Agora anzusetzen ist Am nördlichsten Thcile 
der Ostseite der Agora lagen dann noch da^ bedeutendste Heilig- 
tum des Asklepios, der Tempel der Artemis Pheraea, die Denk- 
mäler der Deianeira und des Helenos, und ein Gebäude, worin 
nach der Behauptung der Argiver das troische Palladion aufbe- 
wahrt wurde. In der Deiras endlich, durch welche die Strasse 
nach der Burg hinauf führte, lagen die Tempel der Hera Akraea, 
des Apollon Pythaeus (auch Apollon Deiradiotes genannt) und der 
Athena Oxyderko sowie das Stadion, in welchem der von den 
Argivern in die Stadt verlegte Nemeische Agon und auch die Ileracen 
begangen wurden; höher hinauf war dann zur Linken der Strasse 
noch das Grabdenkmal der von den Danaiden ermordeten Söhne 
des Aegyptos bemerkenswerth. ^) 

Eine nur vorübergehende Anlage waren die langen Mauern, 
durch welche die Argiver Ol. 90, 4 nach dem Muster von Athen 
und mit Unterstützung der Athener ihre Stadt mit dem Meere in 
Verbindung setzten, die aber schon im folgenden Winter noch 
vor ihrer Vollendung von den Lakedaemoniern zerstört wurden.'^) 
Dieselben gingen wahrscheinlich von der südlichen Stadtmauer 
nach dem nächsten Punkte der Küste, welcher zwar keinen eigent- 
lichen riafen — als solcher diente- den Argivern die frühzeitig 
von ihnen unterworfene Stadt Nauplia — aber doch einen durch 
einen Hafendamm gesicherten Landungsplatz darbot: einer etwas 
erhöhten, festen Stelle in dem sumpfigen Küstensaume, 26 Sta- 
dien von der Stadt, welche als der erste Landungsplatz der dori- 



*) Dies ergiebt sich aus Plut. De mul. virt. 4 (p. 245), wo ein Stadt- 
theil to IlafjLfpvltayiov erwähnt wird. Zwei von der Hymethischen 
Phyle gesetzte Ehreninschrifteu (C. I. G. n. 1131 und BuUettino 1854, 
p. XXXIV *) sind vor der jetzt verlassenen Kirche des h. Petros, bei 
welcher anch viele alte Baureste liegen, gefunden worden. 

•) Paus. c. 24, 1 f.: über die c. 23, 7 f. erwähnten Anlagen vgl. 
oben 8. 51. Ueber die Feier der Nemeien in Argos s. Krause Die Py- 
thien, Nemeen und Isthmien S. 110 f.; über die Heraeen C. Fr. Hermann 
Gottesd. Alt. §.52, 1 f. Von Pausanias nicht erwähnte Localitäten 
sind das Prytaueion (Diod. XIX, 63) und ein Temenos des Agenor 
(Plut. Q. Gr. 50). 

») Thuk. V, 82 f.; Diod. XII, 81; Plut. Alcib. 15. 



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1. Argolis: Argeia. 57 

sehen Eroberer und als Grabstätte ihres Anführers Temenos den 
Namen Temenion führte: auf demselben waren dem Poseidon 
und der Aphrodite (als Euploia) Heiligtümer errichtet J) Weiter 
östlich, gegen Tiryns hin, lag an der Küste ein Platz Sepeia, der 
schon durch seinen Namen als eine feuchte, versumpfte Niederung 
bezeichnet wird; hier wurden Ol. 71, 3 die Argiver von dem 
lakedämonischeip Könige Kleomenes geschlagen und flüchteten in 
den offenbar weiter nördlich auf festem, etwas erhöhten Terrain 
gelegenen dichten Hain des Heros Argos, welchen Kleomenes in 
Brand stecken liess.^) 

Vom Thor Diamperes (s. S. 55) aus führte eine jetzt wieder 
fahrbar gemachte Strasse südostwärts nach Tiryns, dessen der 
Sage nach von den lykischen Kyklopen im Auftrag des Königs 
Proitos ummauerte, mit dem Sondernamen Likymna bezeichnete 
Burg auf dem westlichsten der aus dem östlichen Theile der 
Ebene sich erhebenden FelshügeJ, etwas über eine Stunde von 
Argos entfernt lag. Die kaum 50 Fuss über die Ebene empor- 
ragende obere Fläche des Hügels bat von Nord nach Süd eine 
Lange von ungefähr 900 Fuss; der südliche Theil ist etwas höher 
und breiter als der nördliche. Mauern von gewaltiger Dicke, 
aus ganz unbearbeiteten colossalen Steinblöcken, zwischen welche 
kldine Steinbröckel zum Ausfüllen der Lücken eingeschoben sind, 
construirt, ziehen sich noch jetzt in verschiedener Höhe um den 
Hügel herum, so dass die innere Seite derselben hart an dem 
oberen Rande, die äussere etwas tiefer am Abhänge steht. Die- 
selben sind an der Südostseite von zwei langen, durch das Gegen- 
einandertreten der Steinblöcke oben in Form eines rohen Spitz- 
bogens bedeckten Gängen durchbrochen, deren äusserer sechs 
grosse bis auf den Boden herabgehende OefTnungen, die nach 



<) Paus. c. 38, 1; Strab. VIII, p. 368. Nach Steph. n, Trjfiiviov 
scheint auch' eine wohl hanptsächlich von Fischern und Schiffleuten 
bewohnte Ortschaft hier gestanden zu haben. Vgl. Ross Reisen I, 
S. 149. 

*) Herod. VI, 77 ff.; vgl. Paus. III, 4, 1. Auf den Hain ist wahr- 
scheinlich auch das Sprüchwort ^Agyovg (oder ^'Agyov) X6<pog (Diogen. 
III, 10) zu beziehen. In der Nähe des Haines ist wohl auch der Liby- 
cat Campus und das auf Argos zurückgeführte Heiligtum der Demeter 
Libyssa h Xa^ddi^ ovtm Kalovfiivm ronm (s. Preller Polemonis fragm. 
p. 44) zu suchen. 



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58 11. Peloponaesos. 

oben wie die Gänge selbst spitzbogenförmig abgeschlossen sind, 
in der Aussenwand bat und darnach wohl als eine Art Wacblocal 
l'ur einen Theil der Besatzung diente. Auch mehrere Thore, 
durch vorspringende Mauerecken verlheidigt, sind noch erkenn- 
bar, sowie im Innern eine von West nach Ost gehende Quer- 
mauer» welche den südlichen Theil der Burg lon dem nördlichen 
schied. ^ Wie die Gründung» so gehört auch die Bedeutung der 
Stadt der mythischen Zeit an. Der Schiffscatalog {B, 559) führt 
unter den von Diomedes beherrschten Städten die ^wohlummauerte 
Tiryns' an zweiter Stelle, neben Argos, auf; seit der dorischen 
Eroberung trat sie wahrscheinlich in ein gezwungenes Bundes- 
genossenverhältniss zu Argos; das letzte Zeichen selbständigen 
Geistes gab sie in den Perserkdegen, indem ein Theil ihrer 
Bürger bei Plataeae mitkämpfte; nicht lange nachher wurde sie 
von Argos erobert, die Burg mit dem Tempel der Hera (aus dem 
die Argiver das alte Schnitzbild der Göttin nach ihrem Heraeon 
schafften) zerstört, die Bewohner, soweit sie nicht in Epidauros 
und in der zum Gebiet von Hermione gehörigen Ortschaft Halieis 
eine Zuflucht suchten, zur Uebersiedelung nach Argos genöthigt 
Seitdem scheint die Burg wüste gelegen zu haben wie Mykenae; 
aber unterhalb derselben wurde eine neue Ansiedelung unter dem 
alten Namen gegründet, die in der Zeit nach dem peloponnesischen 
Kriege so blühend war, dass sie eigene Münzen prägte; jedoch 
tCar dieselbe wenigstens zur Zeit des Pausanias wieder völlig ver- 
schwunden. ^) 



1) Vgl. den Plan Exp^d. de Mor^e U, pl. 72 s. und darnach bei 
Curtius U, Tfl. 16 und auf unserer Tfl. II, 1. Ansichten der Gänge bei 
Dodwell Views and descriptions of Cyclopian or Pelasgic remains in 
Greece and I|alj pl. 2 ss. und Göttling Arch. Zeitung 1845, N. 26: 
letzterer will darin die von Paus. c. 25, 9 erwähnten d'dXafi^i toi'» 
TlifoCtov d'vytni^v erkennen, mit Unrecht, da diese nach Pausanias 
nataßapvmv mg inl d'dXaaaaVy also unterhalb der Burg nach der Küste 
zu, lagen. 

*) Herod. IX, 28 (vgl. die Delphische Schlangensäule, wo Gewinde 8 
TIRYNÄIOI); Paus. c. 26, 7 (vgl. Ilf, 17, 5; Vm, 46, 2); Strab. VIH, 
p. S73. lieber die neuerdings g^fund^nen, sieher nach der Zerstörung 
der Stadt durch die Argiver geprägten Münzen mit den Inschriften Tl, 
TII^V, TIHVN, TJPYNOlßN s. A. de Courtois in der Revue numismatique 
1864, p. 178 88. und 1866 p. 163 ss. (der sie gewiss mit Unrecht ^comme 
simple Souvenir historique' betrachten will). Auf die Bewohner dieser 



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1. Argolis: Argeia. 59 

Kaum drei Viertelstunden sudlich von Tiryns lag und liegt 
oocli jelzt auf einer kleinen gegen Westen in die Bucht vortre- 
tenden felsigen Halbinsel, welche durch einen Isthmos mit dem 
die Argtvische Ebene im Südosten abschliessenden Bergzuge zu- 
sammenhängt, die Stadt Nauplia (jetzt ro Navnkwv) mit einem 
treffBcben Hafenbassin an der Nordseite, offenbar die Gründung 
eines seefahrenden Volkes, vielleicht von den Dryopern, welche die 
Koste von hier aus bis zur Südostspitze der argolischen Halbinsel 
in Besitz genommen hatten, als Vorwerk gegen die Bewohner 
der Ebene angelegt,^) früher, so lange sie ihre Selbständigkeit 
gegen die feindliche Nachbarin Argos bewahren konnte, Mitglied 
des Seebundes ionischer Staaten, welcher im Tempel des Poseidon 
auf Kalaurea seinen Mittelpunkt hatte, später, nachdem sie wäh- 
rend des zweiten Messenischen Krieges von dem Argivischen 
Könige Damokratidas erobert und die alten Bewohner vertrieben 
worden waren (denen die Spartaner das Messenische Moüione zur 
Wohnstätte anwiesoB), blosse Hafenstadt von Argos, das auch ihre 
Stelle in der Kalaureatischen Amphiktyonie einnahm.^) Je mehr 
die Macht und der Wohlstand von Argos sank, desto mehr kam 
auch Nauplia herunter: Pausanias (II, 38, 2) fand es ganz ver- 
ödet, nur Reste der Befestigungsmauern (hauptsächlich wohl der 
Akropolis, von der noch jetzt in den Mauern des türkischen Forts 
Itsch-kaleh auf einer felsigen Anhöhe mitten in der Stadt schöne 
Polygonreste erhalten sind), zwei Häfen (zu beiden Seiten der Land- 
enge), ein Heiligtum des Poseidon und eine Quelle, Kanathos 
genannt, von welcher Aehnliches wie von dem Jungbrunnen (Queck- 
brunnen) der deutschen Sage erzählt wurde: die Göttin Hera 



jäng^ren Stadt ist wohl der Vorwarf der Tranksncht (Ephippos bei 
Athen. X, p. 442 <*) sowie die Qeschicbte von ihrer unbezähmbaren 
Lachlust (Theophrast. bei Atlfci. VI, p. 261 ^) zu beziehen. 

*) Dafür spricht besonders auch, dass die Heroen Nauplios und 
Palamedes (dessen Name sich noch in dem des steilen, von einem star- 
ken Fort gekrönten Berges Palamidi, der den Zugang zum Isthmos 
TOD Südost her beherrscht, erhalten hat) auch in dem von Dryopern 
bewohnten südlichen Euboia localisirt sind: vgl meine Quaestiones 
Buboicae p. 23. 

«) Strab. Vm, p. 368; 374; Paus. IV, 24, 4; 36, 2. Die Steine mit 
Inschriften aus der Kaiserzeit, die in Nauplia gefunden worden sind 
(C. L Gr. n. 1162 — 66), sind wohl theils aus Argos^ theils von anderen 
Orten (n. 1165 von Hermione) dorthin verschleppt worden. 



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60 11. Peloponnesos. 

sollte alljährlicli durch ein Bad in derselben ihre Jungfrauschaft 
wieder gewinnen, eine Legende, welche offenbar aus dem mit 
mystischen Gebräuchen verbundenen Doppelcult der Hera als Braut 
CHQa Nvitg>svo^ivri) und als Ehefrau ^Hqu Teleia) entstanden 
ist. In der Nähe der Stadt waren Grotten mit verschlungenen 
Gängen (kaßvQi^v^oL) , welche man als Werke der Kyklopen be- 
zeichnete: wahrscheinlich alte, in bergmännischer Weise betrie- 
bene Steinbruche, die bis jetzt noch nicht wieder aufgefunden 
worden sind. ^) Erst im Mittelalter und der Neuzeit ist die Stadt 
durch ihren guten Hafen wieder, namentlich als Stützpunkt für 
maritime Eroberung, bedeutend geworden, besonders während sie 
sich im Besitz der Venetianer befand, die den Hafen sowie den 
Zugang zur Stadt von der Landseite her neu befestigt und auf dem 
diesen Zugang beherrschenden Felskegel, dem Palamidi (vgl. S. 59, 
Anm. 1) eine ausgedehnte Befestigung angelegt haben, die jetzt, 
durch eine Felstreppe von 875 Stufen bequemer zugänglich ge- 
macht, die einzige in vertheidigungsfahigem Zustande befindliche 
Festung des Königreiches Hellas (dessen Haupt- und Besidenzstadt 
Nauplia, das auch früher der Sitz des Präsidenten Kapodistrias 
gewesen, während der Jahre 1833 und 1834 war) ist« Jetzt zählt 
die Stadt mit Einschluss der östlich von dem Isthmos sich aus- 
breitenden Vorstadt Pronia, des Sitzes der hellenischen Natio- 
nalversammlung im Jahre 1832, in deren Nähe ein in hohem 
Relief aus einer Felswand herausgearbeiteter Löwe, ein Werk 
des deutschen Bildhauers Siegel, das Andenken der in Griechen- 
land gestorbenen baierischen Soldaten verherrlicht, etwa 6000 
Einwohner. 

Ein ganz ähnliches Schicksal me Nauplia hatte im Altertum 
dessen Nachbarstadt Asine, die ebenfalls von Dryopern bewohnt, 
von den Argivern frühzeitig (angeblich schon um den Anbeginn des 
achten Jahrhunderts v. Chr.) erobert ohd gänzlich zerstört wurde: 
nur das Heiligtum des Apollon Pythaeus verschonten sie, welches 



«) Strab. VIU, p.369; 373. Die Ansicht von Curtius (Pel. II, S. 391), 
dA83 einige Grotten in der Schlucht hinter der östlichen Vorstadt Nau- 
plions, Pronia, die von Strabon erwähnten <ntiiXaia xal iv avxoig oino- 
doiATjxol laßvQtv&oi seien, kann ich durchaus nicht theilen, da diese 
Grotten, wenigstens soweit ich sie gefunden und besucht habe, gans 
gewöhnliche Erdhöhlen von geringer Tiefe und ohne irgend welche 
Spuren von in das Innere des Berges führenden Höhlengängen sind. 



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1. Argolis: Argeia. 61 

sie später, wie es scheint, gemeinsam mit den Epidauriern ver- 
walteten J) und welches noch Paasanias, der auch von der Ort- 
schaft noch Trümmer am Strande vorfand, sah; die vertriebenen 
Asinaeer waren von den Lakedaemoniern freundlich aufgenommen 
und in Hessenien angesiedelt worden. Selbst die Stelle des ar- 
giviscb^n Asine ist nicht mehr mit voller Sicherheit nachzuweisen, 
da sowohl an dem zunächst südöstlich von Naupiia gelegenen 
Hafen Tolon, von welchem aus eine schmale Ebene sich nach 
dem südöstlichen Ende der grossen argivischen Ebene hinaufzieht, 
auf einem Vorsprunge des Gebirges die Beste einer alten Burg, 
als auch in der weiter östlich gelegenen kleinen Strandebene von 
Kandia, zu welcher wahrscheinlich die durch zwei Vorsprünge 
des felsigen Ufers umschlossene Bucht von Chaidari gehörte, 
V2 Stunde vom Ufer die Buinen einer befestigten Ortschaft und 
nahe am Strande zwischen zwei Lagunen von geringer Ausdehnung 
die Trümmer eines nicht unbedeutenden Tempels sich vorflnden.^] 
Vor der Küste vom Hafen Tolon bis zum westlichen Vorsprunge 
des Bergzuges Avgo, welcher die Bucht von Vurlia umschliesst, 
liegen drei jetzt ganz unbewohnte Felsinseln, Makronisi (die lange 
hisel], Platia (die breite) und Hypsili (die hohe) genannt: da dies 
die einzigen Inseln innerhalb des Argolischen Meerbusens sind, 
so scheinen ihnen die von Plinius (N. h. IV, 12, 56) aufbewahr- 
ten Namen Pityusa, Irine (wohl Eirene) ') und Ephyre zu 
gehören; doch waren sie schwerlich jemals dauernd bewohnt. 



'*} Ich schliesse dies aus Thok. Y, 63, wo unter den naQCcnotäfitot 
(falls diese Lesart richtig ist) wohl die Anwohner des aus der Epl- 
dauria nach dem Argolischen Meerbusen fliessenden Baches von Bedeni 
zu verstehen sind, in Verbindung mit der Notiz bei Scjl. Per. 50, dass 
Epidauros eine Kästenstrecke von 30 Stadien Länge mitten zwischen 
dem Gebiete von Argos und dem von Halleis besass. 

«) Paus. II, 36, 4 f.; IV, 84, 9 ss.; Strab. p. 373; Diod. IV, 37. 
Ueber die Ruinen vgl. Curtius S. 465 f., der Asine beim Hafen Tolon 
ansetzt und die Ruinen in der Ebene von Kandia auf Eion {'Hiovsg 
IL B, 561; Strab. p. 373; *Hi(ov Diod. IV, 37) bezieht; doch dürften von 
letzterem, von dem schon zu Strabons Zeit keine Spur, zu Pausanias 
Zeit, wie es scheint, nicht einnud eine Erinnerung mehr vorhanden war, 
schwerlich noch Reste erhalten sein. 

') Da nach Harpokr. und Steph. Byz. u. KaXavQ6t.cc (vgl. Plut. 
Q. Qr. 19) Eirene der ältere Name der Insel Kalaureia war, so 
könnte, besonders da auch Pityusa als Name einer Insel bei der argo- 



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62 II. Peloponnesos. 

Mit. der von Argos nach Tiryns und Nauplia führenden 
Strasse fiel woiü eine kurze Strasse die von Argos nach Epidauros 
zusammen, an welcher Pausanias (c. 25, 7) ein jetzt verschwun- 
denes pyramidenförmiges, mit Schilden in Relief verziertes Bau- , 
werk als Denkmal des Kampfes zwischen den mythischen Herr- 
schern Akrisios und Proitos und der darin Gefallenen, und dann 
eine bereits an der Gränze des argivischen und epidaurischen 
Gebietes, am Fusse des Arachnaeongebirges, gelegene Ortschaft 
Lessa mit einem Tempel der Athene erwähnt, von der noch einige 
Reste bei dem Dorfe Ligurio erhalten sind^); übergangen hat 
er zwei oflenbar zur Sicherung der Strasse angelegte • Gastelle, 
von denen noch Ruinen vorhanden sind: eines etwas seitwärts 
rechts (südlich) von der Strasse, in der Nähe des Dorfes Katzingri, 
da wo die Strasse die Ebene verlässt und zwischen die west- 
lichsten Ausläufer der Epidaurischen Berge eintritt; ein zweites 
2V2 Stunden weiter östlich unmittelbar rechts über der Strasse. 
Von einer dritten umfangreicheren und stärker befestigten Burg, 
an deren Fusse auch eine Unterstadt lag, finden sich die sehr 
wohl erhaltenen Ruinen Vz Stunde südwestlich von diesem Castell, 
zwei Stunden von Ligurio, links Aber der von Nauplia nach Epi- 
dauros führenden Strasse, die sich weiterhin mit der von Argos 
kommenden vereinigt, oberhalb der kleinen jetzt Suluari ge- 
nannten Ebene; ^) von einer vierten wiederum kleineren endlich, 
welche den Weg aus der argivischen Ebene nach der Hafenbucht 
von Tolon beherrschte, sind über dem östlichen Rande der süd- 
östlichen Fortsetzung der Ebene, bei Spaitziko, noch einige Reste 
erhalten. Gegen V/^ Stunde nördlich von der epidaurischen 
Strasse findet man am östlichen Rande der Ebene, südöstlich von 
dem Dorfe Dendra, auf einem nach allen Seiten ausser gegen 
Nordwesten steil abfallenden Felshügel die Ruinen einer, offenbar 
sehr alten befestigten Ortschaft: Mauern aus grossen rohen Stein- 

lischen Akte bezeugt ist (Paus. c. 34, 8), die ganze Angabe des Plinius 
leicht auf einer diesem SchriftftsteUer wohl znzntranenden Gedanken > 
losigkeit berohen. 

1) Vgl. CorUos S. 418. Die dort erwähnte, Ezp^d. de Mor^e II, 
pl. 76 abgebildete Pyramide halte ich fUr einen Wartthiirm. 

*> Vgl. den Plan bei Lebas Voyage arch^ologique , Itineratre pl. 
31 8. (wiederholt bei Cnrtius II, Tfl. XVIII) and die sorgfältige BeBchreib> 
ung bei Vischer Erinnerungen S. 503 f., mit welcher meine eigenen 
Notizen ganz übereinstimmen. 



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1. Argolis: Argeia. 63 

blocken, deren Lücken durch kleine Stdne ausgefüllt sind, erbaut 
ziehen sich um den Rand der oberen Fläche herum, mit Aus- 
nahme der Sudost- und Südwestseite, wo der schrofTe Absturz 
der Felsen als ausreichende naturliche Schutzwehr diente. Dies 
siod die Reste von Midea, einer an Alter Tirynth kaum nach- 
stehenden Ortschaft, welche die Sage als Herrschersitz desElektryon, 
des Vaters der Alkmene, bezeichnete; sie wurde frühzeitig von 
den Argivern zerstört, worauf die alten Bewohner nach Halieie 
übersiedelten; doch entstand am Fusse des Hügels, ganz wie bei 
Tirfns, wiederum eine kleine Ortschaft unter dem alten Namen, 
die auch Münzen geprägt zu haben scheint.^) 

Von dem an der Nord Westseite der Stadt Argos, in der 
Deiras, befindlichen Thore gieng eine Uauptverkehrstrasse zwischen 
Argolis und Arkadien, die Mantineische, aus, welche sich nicht 
weit vom Thore in zwei Strassen spaltete, die nach den Pässen, 
durch welche sie das Gränzgebirge zwischen beiden Landschaften 
aberschritten, ^die Strasse durch den Stacheleichenwald' {diä 
n^ivov) und ^die Treppenstrasse' {8ia xll^xog) genannt wur- 
den.^ Die letztere, die weitere und bequemere, trat ungefähr 
zwei Stunden nordwestlich vom Thore, bei dem jetzigen Skala, 
wo noch Reste einer alten Befestigung erhalten sind (vgl S. 49, 
Anm. 1), in das baki sich verengende Thal des Inachos ein und 
folgte dem linken Ufer des Baches, an welchem 60 Stadien von 
Argos die zur Zeit des Pausanias (c. 25, 4) längst verödete Ort-, 
Schaft Lyrkeia lag, aufwärts bis zur arkadischen Gränze, welche 
sich auf dem jetzt Portas (^die Thore') genannten, von kahlen 
Fdszacken bekröolen Rücken des Lyrkeion hinzog, von dem ein 
theilweise durch in den Fels gehauene Stufen gebildeter Pfad in 
den nordöstlichsten Winkel des Mantineischen Gebietes, das soger 
nannte Argon Pedion, hinabführte. Wenige Minuten westlich 
von der Stelle von Ljrkeia mündet ein kleiner Seitenbach von 
Norden her in den Inachos: wenn man diesen eine Strecke auf- 
wärts verfolgt und sich dann durch eine Bergschlucht nordwest- 



<) Strab. p. 373 (der aosdrUcklich die Form Mtdia im Gegensats 
zam Boiotischen Mi9sta bezeugt); Paus. c. 25, 9; Steph. B72. a. Ml- 
9nai Tgl. Cortins 8. 396 and 569 und Annali XXXIII, p. 19 mit Plan 
auf der Tav. d'agg. F (wiederholt auf unserer Tfl. 11, 2). 

«) Paus. c. 26, 1 und 4; VIII, 6, 4; vgl. Boss Reisen I, S. 129 ff. 



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64 n. Peloponuesos. 

lieh wendet, gelangt man in das enge Thal eines bereits dem 
Asopos zufliessenden Baches, des Orneas, an welchem 60 Stadien 
von Lyrkeia, in der Gegend des jetzigen Palaeo-Leonti, Orneae 
lag, in alten Zeiten eine nicht unbedeutende Stadt; die sich lange 
als Bundesgenossin von Argos eine gewisse Selbständigkeit be- 
wahrte und zwar Ol. 91, 1 wegen der unter dem Einflüsse Spartas 
erfolgten Aufnahme argivischer Verbannter von den verbündeten 
Argivern und Athenern nach kurzer Belagerung geschleift, aber 
jedenfalls bald wiederhergestellt wurde, da sie noch in den 
Kämpfen der Spartaner gegen die Argiver und gegen die Mega- 
lepoliten und ihre Verbündete Ol. 106, 4 und 107, 1 eüie Rolle 
spielt. Um den Beginn unserer Zeitrechnung aber war sie be- 
reits verödet und nur einzelne Heiligtumer standen, wahrschein- 
lich unter dem Schutze und der Verwaltung der Argiver, noch 
aufrecht. ^) 

Die andere Strasse nach Hantineia wandte sich westwärts 
an einem Doppeltempel der Aphrodite und des Ares vorüber und 
trat eine Stunde von Argos in die enge Schlucht, aus welcher 
das Bett des Charadros hervorkommt, ein, wo sie durch einen 
Wartlhurm, dessen Unterbau noch erhalten ist, geschützt war. 
Ungefähr V/<^ Stunde lang gieng die Strasse in dieser Schlucht 
hin, bis sich dieselbe zu einer kleinen anbaufähigen Ebene er- 
weitert, in der mehrere kleine Bäche von verschiedenen Seiten 
her zusammenkommen; zwischen denselben scheint an einem jetzt 
Paläeochora genannten Platze, auf welchem öfter alte Münzen ge- 
funden werden, der argivische Flecken Oinoe (oder Oine) ge- 
legen zu haben. Von hier aus stieg man an den steilen nordost- 
lichen Abhängen des Artemision empor zu dem Heiligtume der 
Artemis Oinoatis, dessen Stelle wahrscheinlich eine zerstörte 
Kapelle des heiligen Elias, die von einer schönen Gruppe von 
Stacheieichen umgeben ist, bezeichnet. Nur wenig höher hinauf 
gelangte man zu den auf dem eigentlichen Rücken des Gebirges 
mit reicher Wasserfülle hervorsprudelnden Quellen des Inachos, 
von denen aus ein steiler Pfad in das Argon Pedion hinabführte.^) 



M II. B, 671; Thuk. VI, 7; Aristoph. Av. S99; Diod. XH, 81; XVI, 
34; 39, Strab. VIII, p. 382; Fans. c. 26, 6 f.; Steph. Byz. p. 496 Mein.; 
vgl. oben S. 42, Anm. 2. 

*)Paufl. c. 26, 1 flf. ; Steph. Byz. u. Ofvjj: vgl" Clark Peloponnesus 
p. 114 8.; 126 s.; Annali XXXUI, p. 21 ss. 



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1. Argolis: Argeia. 65 

Eine zweite Hauptverbindungsstrasse zwischen Argolis und 
Aricadien, die von Argos nach Tegea, gieng von einem Thore in 
der Nabe des Tbealers aus sudwestwärts. Zunächst hatte man zw* 
Rechten den Berg Lykone, auf dessen Gipfel ein Heiligtum der 
Artemis Orthia stand, dann zur Linken ein anderes Artemisbeilig* 
tum, weiterhin wieder zur Rechten den Berg Chaon, an dessen 
östlichem Fuss eine von den Alten als Abfluss des Stymphalischen 
Sees betrachtete mächtige Quelle (xeipaXdQi) hervorbricht, welche 
sogleich als wasserreicher Bach (von den Alten Erasinos ge- 
nannt) mehrere der Stadt Argos gehörige Mühlen treibL In der 
Bergwand über der Quelle öffnen sich zwei geräumige Grotten, 
wahrscheinlich dem Pan und dem Dionysos, denen man als Segens- 
spendern hier an der Quelle opferte, geweiht; in der nördlicheren 
findet sich noch jetzt eine Kapelle mit einigen alten Werkslucken. ^) 
Die Strasse gieng östlich in einiger Entfernung an den Quellen 
vorüber und wandle sich dann gegen Westen dem Eingange der 
das Chaon vom Pontinos trennenden Schlucht zu, aus welcher ein 
von den Alten mit dem allgemeinen Namen 6 Xei(iaQQog be- 
nannter Giessbach hervorkommt. Noch bevor man in diese ein- 
tritt, bemerkt man zur Rechten unterhalb des Chaon geringe 
Reste einer alten Ortschaft und darüber auf einem vom Chaon 
vortretenden Hügel ein aus grossen polygonen mit Mörtel ver- 
bundenen Werkstücken zusammengesetztes Bauwerk von vierec/kter 
Grundform mit pyramidal abgeschrägten Aussenseilen, dessen 
Bestimmung und Alter gleich unsicher sind. ^) Innerhalb der Schlucbl 



<) Paus. c. 24, 6 f.; Strab. VI, p. 27§; VIII, p. 371; Herod. VI, 76. 
Der von Paus. c. 36, 6 and c. 38, 1 erwähnte Fluss Phrixos, in welchen 
der Erasinos sieh ergiesse, ist heut zu Tage nicht mehr nachweisbar, 
da das Wasser des Kephalari in mehreren Canftlen direct dem Meere 
znfliesst. Allerdings sammelt sich in einer Schlucht des Chaon nördlich 
vom Kephalari bei Regengüssen Wasser, das sich dann beim Eintritt in 
die Ebene verliert; allein wenn man auch annehmen wollte, dass hier 
einst ein wirklicher Bach geflossen sei, der sich mit dem ursprünglich 
mehr gegen Nordost laufenden Erasinos vereingt habe, so wurde doch 
die Strasse von Argos nach Lerna entweder zuerst über diesen Bach 
und dann erst über den Erasinos, oder über den bereits aus der Ver- 
einigung beider entstandenen Bach, der nach Paus, den Namen Phrixos 
trog, geführt haben, was beides mit Paus. c. 36, 6 im Widerspruch steht. 

') ^8^1- die Beschreibungen bei Ross Reisen I, S. 141 ff. (mit Ansicht 
des Einganges auf Tfl. 4) und Clark Peloponnesus S. 98 f.; auch Ex- 

BUSSIAN, OBOOB. IT. 5 



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66 n. Peloponnesos. 

ivandte sich die Strasse in vielfachen Windungen westwärts an den 
Bergen hinan, dann auf der den Pontinos mit dem jetzt Ktenia ge- 
nannten Bergzuge verbindenden Höhe gegen SQden an dem kleinen 
Gebirgsflecken Kenchreae, den sie zur Rechten liess, vorüber, wo 
Pausanias mehrere Polyandria der in einem Kampfe bei flysiae gegen 
die Lakedaemonier (wahrscheinlich 01.64, 4) gefallenen Argiver fand, 
nach Hysiae, der letzten argivischen Ortschaft gegen die arka- 
dische Gränze hin, die als Gränzfestung fär die Argiver von 
Wichtigkeit, Ol. 90, 4 von den Lakedftmoniern zerstört, wahr- 
scheinlich aber von den Argivern wieder hergestellt wurde, zu 
Pausanias Zeit jedoch in Trümmern lag.^) Noch jetzt sind an- 
sehnliche Trümmer der Akropolis derselben erhalten oberhalb 
eines kleinen rings von steilen Bergen umschlossenen Hochtbales, 
das jetzt zu dem grossen Dorfe Achladokampos gehört und aus 
welchem ein doppelter Weg nach der Ebene von Tripolitza fuhrt: 
ein beschwerlicher Saumpfad über die Höhe des Gränzgebirges 
Parthenion hinweg, und eine jetzt wieder fahrbar gemachte Strasse 
um den nördlichen Fuss desselben herum. Eine Stunde nordöstlich 
oberhalb des Thaies von Hysiae finden sich auf der Höhe neben 
mehreren Quellen, nach welchen der Platz gewöhnlich die Wässer 
(ra veQa) genannt wird, Spuren einer alten Ortschaft, wahrschein- 
lich von Kenchreae; der daran vorüberführende Theil der Strasse 
wurde im Altertum, wahrscheinlich wegen seiner vielen Windun- 
gen, 6 TQOxog genannt. 

Wendet man sich von den Quellen des Erasinos südwärts, 
so gelangt man nach einer Stunde Weges an den ziemlich weit 
gegen Osten vorgeschobenen Fuss des Pontinos, der nur durch 
einen schmalen, durch Wasserfülle und reiche Vegetation ausge- 
zeichneten Landstreifen vom Meere getrennt wird. Die grösste 
Wassermenge concentrirt sich in einem kleinen See oder viel- 
mehr Teiche mit schilfbewachsenen Ufern (AkxvovCa XCyivri), der 
schon im Altertum wie noch heut zu Tage in dem Rufe uner- 



p^d. de Morde 11, pl. 55. Die Beziehung der Reste unterhalb aaf 
KenchreS und der Pyramide auf eins der von Pausanias daselbst er- 
wähnten Polyandria hat Curtins (S. 366) mit Recht zurükgewiesen. 

<) Paus. c. 24, 7; Strab. Vm, p. 376; Thuk. V, 88; Steph. vl/TcU: 
für KeyxQsai ist bei Aeschyl. Prometh. 676 die Form Kbqxvb^u hand- 
schriftlich bezeugt. Vgl. Ross S. 145 ff. und den Plan der Akropolis von 
Hysiae bei Lebas Voyage archcoIogiquC) Itineraire pl. 30, 



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1. Argolfa: Argeia. 67 

grundlicher Tiefe stand und daher wie manche ähnliche Oertllch- 
keit als Eingang zur Unterwelt galt. Das Wasser, das ohne das 
Eingreifen der Menschenhände die ganze Köstenstrecke in einen 
Sumpf verwandeln wurde, ist durch Eindämmung der Ufer des 
Teiches und durch Ableitung vermittelst eines Canals geregelt 
und nutzbar gemacht. Etwas sudlich von dem Teiche sprudelt 
am Fusse des Berges eine starke Quelle hervor, deren eigent- 
licher Name Amyraone gewesen zu sein scheint; doch wird ihr 
häußg der der ganzen Gegend zukommende Name Lernn bei- 
gelegt. Eine zweite wasserreiche Quelle entspringt einige Hundert 
Schritt nördlich vom Teiche und bildet ebenso wie die Amymone 
einen kleinen direkt dem Meere zufliessenden Bach, den die Alten 
mit demselben Namen bezeichneten, ^wie den Berg, aus dessen 
Wurzeln er hervorquillt, Pontinos: zwischen den beiden 
Bächen zog sich vom Fusse des Berges bis zur Küste ein 
Flatanenhain hin, weicher ausser dem Teiche und einer jetzt 
nicht mehr nachweisbaren, nach Amphiaraos benannten Quelle 
Tempel der Demeter Prosymne (auch Demeter Mysia genannt) und 
des Dionysos Saotes einschloss, zweier Gottheiten, welche die 
reiche Vegetation der Gegend, die auf der durch Menschenhände 
geregelten Wasserfölle beruht, bezeichnen, während die schäd- 
lichen Wirkungen des ungeregelten Wassers durch die Sage von 
der Hydra mit zahlreichen immer sich erneuernden Köpfen aus- 
gedrückt werden. Auf dem Gipfel des Berges, der jetzt die 
Trümmer eines mittelalterlichen Schlosses trägt, stand ein zur 
Zeit des Pausanias bereits verfallener Tempel der Athene Saitis; 
daneben wurden dem alten Reisenden die Fundamente eines Ge- 
bäudes als die des Hauses des Hippomedon gezeigt.^) 

Südlich von Lerna verbreitert sich die Küste wieder zu einer 
kleinen Ebene, die im Süden durch das Zavilzagebirge abge^ 
schlössen wird: in derselben lag eine kleine Ortschaft Gene- 
sion und hart am Strande ein Heiligtum des Poseidon Genesios, 
sowie ein Apobathmoi genannter Platz, an welchem Danaos mit 



«) Paus. c. 36, 6 flF.; Strab. VIII, p. 368 und 371; vgl. Ross Reisen 
8. 148 ff.; Annali XXXIII, p. 20 mit der Planskizze auf Tav. d'agg. F 
(daraach auf unserer Tfl. II, 3). Ueber die Demeter Mysia s. Osann 
Arch. Zeitung 1855, N. 82, S. 142 ff.; über die Athene Saitis, deren 
Beiname dem des Dionysos Saotes entspricht, Gerhard Gr. Mythul. 
§. 249, 4. 

5* 



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68 IL Peloponiiesos. 

seinen Töchtern gelandet sein sollte. ^) In einem nach der Ebene 
zu sich öffnenden Flusstbale finden sich, gegen V/^ Stunden von 
Lerna entfernt, ausgedehnte Reste einer alten Ansiedelung, die 
vielleicht dem frühzeitig verschollenen Elaeus angehören.^) Vom 
südlichen Ende der Ebene führt ein über V/^ Stunde langer 
Küstenpass an den unmittelbar ans Meer hinantretenden Abhängen 
des Zavitzagebirges hin, dieAnigraea, welche die Argeia im 
engern Sinne mit der Thyreatis, dem nördlicheren Theile der 
Kynuria, verbindet: nahe dem südlichen Ende derselben bemerkt 
man im Meere ein eigenthümliches Phänomen, eine etwa 1000 
Fuss weit von der Küste aufsprudelnde Quelle süssen Wassers, die 
Dine (jetzt ^ 'AvaßoXog), in welche die Argiver in alter Zeit 
aufgezäumte Rosse als Opfer für Poseidon versenkten.^) 

Der wichtigste Theil der Kynuria (vgl. oben S. 42 f.) ist eine 
gegen zwei Stunden lange, aber nirgends über eine Stunde breite 
fruchtbare Ebene, die von zwei auf dem Parnongebirge entsprin- 
genden Bächen durchflössen wird: dem Tanos (jetzt Bach von 
Luku genannt) im Norden und einem ähnlichen, dessen alten Na- 
men wir nicht kennen (jetzt Bach von Hagios Andreas) im Süden. ^) 
Die Mündung des nördlicheren, der seinen unteren Lauf verändert 
hat, ist jetzt ganz verschlammt und von Sümpfen umgeben, wie 
auch in der Mitte zwischen beiden Bächen ein Theil der Küste, 
da wo sie am schmälsten ist, von einem ausgedehnten Sumpf mit 
salzhaltigem Wasser (6 Movötög genannt), dessen Trockenlegung 
man ohne Erfolg versucht hat, eingenommen ist. Die Ebene ist 



') Paus. c. 38, 4. Plut. Pyrr. 32 nennt als Landangsplatz des Da- 
naos xd nvQafiia r^ff SvQedridog, was allerdings wohl auf dieselbe 
Stelle zu beziehen ist, obgleich diese sicher noch nicht zur Thyreatis 
gehörte. 

') Apollod. II, 5, 2; Steph. \x. 'EXcciovs : vgl. Ross Reisen S. 165 f.; 
doch ist die Beziehung nicht sicher und könnte Elaeus auch weiter 
südlich in der Thyreatis gelegen haben. - 

8) Paus. c. 38, 4; VUI, 7,^. 

*) Paus. c. 38, 7, nach welcher Stelle man allerdings ebenso gut 
den südlicheren Bach für den Tanos halten könnte; allein da nach £ur. 
Electra 410 der notafiog Tavaog die Gränze zwischen Argos und Sparta 
bildete, so muss der Name wohl auf den nördlicheren Bach bezogen 
werden. Ob der südlichere der von Stat. Theb. IV, 46 erwähnte Oha- 
ra dros sei, wage ich wegen der Unsicherheit der Lage von Neris nicht 
zu entscheiden. 



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1. Argolis: Argeia. 69 

ohoe Zweifel die alte Tliyreatis, der Schauplatz vieler blutiger 
Kämpfe zwischen Argiyern und Spartanern, unter denen keiner 
berühmter ist als der sagenhaft ausgeschmückte zwischen je 300 
auserwählten Kämpen beider Staaten, in welchem der factische 
Sieg der Argt?er durch die Geistesgegenwart des Spartaners Othrya- 
das ungültig gemacht worden sein soll : noch dem Pausanias wur- 
den der Platz des Kampfes und die Gräber der Gefallenen im 
westlichsten Theile der Ebene gezeigt.^) Die Stadt Thyrea, von 
welcher nicht nur die Ebene, sondern auch das dieselbe bespü- 
lende Meer seinen Namen (6 &v(featrjg xölTCog) hatte, scheint 
zur Zeit des Pausanias schon völlig verschwunden gewesen zu 
sein,^) daher es nicht zu verwundern ist, dass ihre Stelle jetzt 
nicht mehr nachzuweisen ist, obgleich sich noch an mehreren 
Stellen sowohl in der Ebene als oberhalb der Ränder derselben 
Re^e alter Ansiedelungen erhalten haben. Zunächst nämlich findet 
man auf einem vom Nordostrande der Ebene ins Meer vortreten- 
den felsigen Vorgebirge, auf welchem seit dem Befreiungskriege ein 
Städtchen Astros sich erhebt, ^] Reste einer aus ganz unbehauenen 
Werkstücken errichteten Befestigungsmauer, welche das Vorgebirge 
gegen das Festland abscbloss; dann etwas über eine halbe Stunde 



*) Paus. c. 38, 5, wo wohl zu lesen ist: lovxi 91 Svco ngog trjv 
TJntiQOv [ccnl f^vt'^g xag^ov iativ %xX* (die Yolgata 0vgia %(oq£ov ist 
eine Interpolation des Mnsurus, durch welche sich sowohl Ross als 
Cnrtius haben irre fahren lassen). Als Name der OerÜichkeit, wo der 
Kampf Statt fand, giebt Choeroboskos bei Bekker anecd. p. 1408 (vgl. 
Arcad. p. 125, 10) TlaQ an. Ueber Othryadas vgl. Herod. I, 82; Seneca 
Suasor. 2, 16; Lucian. Char. 24; (Plut.) parall. 3; Unger im Philologus 
XXm, S. 28 ff. 

*) Vgl. Anm 1. Dass man auch zu Strabons Zeit über die Lage 
der Stadt keine nähere Kunde mehr hatte, darf man wohl daraus fol- 
gern, dass dieser (VIII, p. 376) nur die Angabe des Thukydides darüber 
wiederholt, wie auch Plin. IV, 8, 16 nur einen 'locus Thyrea' neben 
dem oppidum Anthane anführt. 

') Der Umstand, dass auch früher schon der Landungsplatz am Fusse 
des Vorgebirges dieeeu Namen führte, berechtigt uns nicht, denselben 
als eine Ueberlieferung aus dem Alterthume zu. betrachten. Die An- 
führung eines Ortes "^tfr^oy bei Ptol. III, 16, 11 beruht, wie Curtius 
(n, S. 567) richtig bemerkt, auf einer Glosse, wie schon der Umstand 
beweist, dass die diesem Orte gegebenen Positionen mit denen der zu- 
nächst darauf folgenden Oertlichkeit {'Ivdxov notafLOv iußolafj ganz 
identisch sind. 



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70 11. Pcloponnesos. 

weiter südlich in der liier ziemlich schmalen Ebene unterhalb 
eines Hagia Triada genannten Klosterhofes geringe Spuren einer 
alten Ortschaft, die froher bedeutender gewesen sein sollen, und 
noch eine Stunde weiter sudlich, am südlichen Rande der Ebene 
auf einem Felshügel unmittelbar an der Küste, an dessen Fusse 
ein Landungsplatz für Schiffe sich befindet, die ziemlich wolii er- 
haltenen Ruinen einer befestigten Stadt (jetzt nach einem benach- 
barten Dorfe das Paläokastron des heiligen Andreas genannt). 
Ferner liegt am südlichen Abhänge des Zavitzagebirges oberhalb 
des Thaies des Tanos die Ruine einer alten Festung, unterhalb 
deren noch eine kleine Ortschaft gestanden zu haben scheint; 
auf der Südseite des Flusses unterhalb des Klosters Luku sind 
Bruchstücke von Granitsäulen , zahlreiche Säulencapitäle (meist 
korinthischer Ordnung) und Sculpturwerke aus der Zeit der grie- 
c-hisch-römischen Kunst, sowie Spuren eines umfänglichen Heilig- 
tumes und anderer Bauten endeckt worden, welche das Vorhan- 
handensein einer noch in der Zeit der Römischen Herrschaft 
blühenden Niederlassung bezeugen. Endlich sind noch ansehn- 
liche Reste alter Befestigungsmauern mit runden und viereckigen 
Thürmen (jetzt ro 'EXlrjvixö genannt) erhallen auf einem 637 
Meter hohen Bergrucken eine Stunde südlich von Luku, welcher 
einerseits ein gegen Osten nach der Strandebene sich öffnendes 
kleines Thal, andrerseits eine enge nach Norden gerichtete Schlucht, 
durch welche ein kleiner Ber^bach dem Tanos zufliesst, be- 
herrscht. ^) Keine dieser Ruinenstätten kann für das alte Thyrea 
gehalten werden; denn dieses lag nach der einzigen uns erhal- 
tenen genaueren Angabe (bei Thuk. IV, 56 f.) an der Gränze des 
Argivischen und Lakonischen Gebietes, 10 Stadien von einem 
Platze an der Küste, auf welchem die von ihrer Insel vertriebenen 
Aegineten, denen die Lakedämonier diese Stadt zur Ansiedelung 
angewiesen hatten, Ol. 88, 4 eben ein Casteli erbauten, als eine 
athenische Heeresabtheilung landete und die Stadt, in welche die 
Aegineten sich zin*ückgezogen hatten, eroberte und verbrannte. 
Wahrscheinlich ist das Vorgebirge von Astros die Stelle, an wel- 
cher die Aegineten ihre Küstenbefestigung (der das noch erhaltene 



1) Vgl. die eingehenderen Beschreibangen dieser Rninenstätten bei 
Ross S. 161 ff. und Curtius S. 377 ff. sowie die Abbildungen der Sculp- 
turwerke von Luku in der Expdd. de Morce III, pl. 88—91. 



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1. Argolis: Argeia. 71 

fiiauersluck angehören mag) anlegten:^) die Sladt Thyrea lag 
dann 7, Stunde landeinwärts davon, also etwa am Eingange in 
das Thal des Tanos; sie wurde jedenfalls nach der Zerstörung 
durch die Athener, wobei die Bewohner theils umkamen, theiis 
als Gefangene fortgeführt wurden, nicht wieder aufgebaut und der 
Name auf die ganze Kusteuehene übertragen.^) Der zweiten 
Stadt der Kynuria, Anthene (auch Anthana und Athene ge- 
schrieben)^], gehören wahrscheinlich die Ruinen von Hagios An- 
dreas an, so dass sie den südlichen Zugang zur Ebene, wie 
Thyrea, den nördlichen, beherrschte. Westlich oberhalb der Ebene 
Jagen noch zwei Komen: Neris, wahrscheinlich an der Stelle 
des Hellenikon, und die grössere Eua mit dem Heiligtum eines 



*) Darauf ist wohl auch die von Zänob. I, 67 zur Erklärung des 
Sprächworts anQOV Xäßs %al piaov ^^sig erzählte Geschichte zu be- 
ziehen. 

*) Aus dieser Annahme erklärt es sich erstens, warum Thukydides 
an einer späteren Stelle (V, 41) von der Kynuria sagt: ix^i d^iv avt^ 
BvQBav %al 'AvO-r^viriv voXtv (nicht noXstg), weil, als er dies schrieb, nur 
Anthene, nicht mehr Thyrea eine bewohnte Stadt war; zweitens wie 
Pausanias (c. 38, 6), der von einer Stadt Thyrea keiAe Spur mehr vor- 
fand, dazu kam, Anthene als die von den Aegineten bewohnte Ort- 
schaft anzuführen. Gegen die Beziehung der Ruinen bei H. Triada 
auf Thyrea spricht, wie Ross (S. 163] richtig bemerkt, der von Thuk. 
(IV, 57) für Th. gebrauchte Ausdruck irijv avca noXiv, 

3)Thuk.V,41; Öteph.B.u.*^y«"aVa;Harpokr.p.21,12 ed.Bekk. Wenn, 
was ich für unzweifelhaft halte, bei Scyl. Per. 46 Gail richtig 'Avd'dva 
(für MsQ'ccvcc des Codex) emendirt hat, so bietet uns diese Stelle einen 
Beweis für die Lage der Stadt an der Küste, welche auch mit der kur- 
zen Notiz des Pausanias (c. 38, 6) über seine Route nicht im Wider- 
sprach steht. Derselbe geht nämlich, wie ich glaube, von den Polyan- 
drien zunächst südwärts durch die Ebene bis zum südlichen Rande der- 
selben; dann kehrt er zurück, verfolgt das kurze Seitenthal bis zum 
Hellenikon und steigt von diesem nach Luku hinab; von hier aus ver- 
folgt er dann den Weg über das Plateau des Gebirges, der noch jetzt 
die directeste Verbind^ngsstrasse zwischen Argos und Sparta bildet (über 
Hagios loannis und Hagios Petros nach Arachova) und gelangt so auf 
den Rücken des Pamon, an dessen östlichen Abhängen der Tanos (den er 
daher erst hier erwähnt) entspringt. — Ganz unsicher ist die Lage des 
nur von Steph. Byz. (u. Evvcci) als noXig "AQyovg rjv m%ovv Kvvovqioi 
erwähnten Eunaea; und wenn ders. (n. Kvvovqo) mit Berufung auf 
Pausanias (III, 2, 2) Kynura »X^noXig ''Aqyovg anführt, so hat er wohl 
daff Vorhandensein einer solchen Stadt nur aus dem Namen der Land- 
schaft gefolgert. 



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72 H. Peloponnesos. 

den Kranken Heilung gewährenden asklepiadi^chen Heros, Pole- 
mokrates, bei dem Kloster Luku. Oberhalb dieser Komen, auf 
dem die Wasserscheide zwischen dem Tanos und dem Lakonischen 
Eurotas bildenden Röcken des Parnongebirges, lief zur Zeit der 
Römischen Herrschaft die durch Hermen bezeichnete Gränze zwi- 
schen den Gebieten von Argos, Tegea und Lakonien hin. 
Epidanri«. D*® östliche Nachbarin von Argos ist Epidauros, deren 

Gebiet im Norden durch das von Korinth, im Südosten durch 
das von Troizen und Hermione begränzt, im Söden mit einem 
nur 30 Stadien breiten Streifen an den Argolisclien Meerbusen 
hinabreichend, durchaus von Gebirgen eingenommen wird, unter 
denen das bis zur Höhe von 1199 Metern aufsteigende, in seinen 
westlichen Verzweigungen bis in die Argivische Ebene hineinreichende 
Arachnaeon^) (jetzt Arna, in seinem westlicheren Theile auch 
Hagios Rias genannt) das bedeutendste ist. Gegen Norden 
sind demselben zwei andere an Höhe ihm ziemlich nahe stehende 
Rergzöge (die Trapezona von 1137 und der Tschernidolo von 
1048 Meter Höhe) vorgelagert; gegen Sudosten setzt es sich 
zunächst in mehreren niedrigeren Bergen (dem Titthion, Ko- 
ryphaeon und Kynortion der Alten) fort, erhebt sich aber 
wieder bis zu einer Höhe von 1102 Meter in dem steilen bis 
an die Küste vortretenden Ortholithi, welcher die Gränze des 
Epidaurischen Gebietes gegen die Troizenia, und in dem im Süd- 
westen damit zusammenhängenden 1076 Meter hohen Didyma- 
gebirge (dessen Name wahrscheinlich antik ist), welches mit seiner 
westlichen Fortsetzung, dem bis zum argolischen Meerbusen sich 
hinziehenden Avgogebirge, die Gränze gegen das Gebiet von 
Hermione bildete. — Die ältesten Bewohner dieses Gebietes, we- 
nigstens der Ostküste, waren Karer, zu denen dann lonier aus 
der athenischen Tetrapolis gekommen sein sollen; daneben dürfen 
wir wohl auch aus Thessalien eingewanderte Phlegyer, welche den 



*) Aeschyl. Agam. 309; Paus. c. 25, 10 (wo der angebliche älteste 
Name Zccnvaelutoiv jedenfalls corrupt ist; auch die von Hesychios ge- 
gebene Fonn ^TaciUvoVj womit 'TcaiXeiov bei Theognost. Can. p. 24, 9 
und *TatiXXBiov bei Suidas n. d. W zu vergleichen sind, scheint unsicher) ; 
Steph. Bjz. u. *Aqa%vctiov. Alterthümliche Hauern in der Einsenkung 
zwischen dem östlicheren und westlicheren Gipfel scheinen die Stelle der 
von Paus, erwähnten Altäre des Zeus und der Hera, auf welchen man 
bei anhaltender Dürre opferte, zu bezeichnen (s. Curtius S. 418). 



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]. Argolis: Epidauria. 73 

Cult des Asklepios und die Tradition von seiner Geburt mit- 
brachten und in dem heiligen Waldthale am Pusse des Titthionberges 
localisirten, als einen Hauptbestandtheil der ältesten Bevölkerung 
betrachten. ') Dorisirt wurde sie von Argos aus, der Sage nach 
durch Deiphonles, den Gemahl der Hyrnetho, der Tochter des Teme- 
uos, dem der letzte ionische König, Pityreus, ohne Kampf die Herr- 
schaft abgetreten haben soll. Wie in Korinth so sahen sich auch 
hier die Dorier durch die Natur des Landes selbst auf den Ver- 
kehr zur See angewiesen ; sie besetzten daher die zahlreichen vor 
ihrer Küste liegenden Inseln, insbesondere die bedeutendste der- 
selben, Aegina, und entsandten in Gemeinschaft mit ihren Nach- 
barn, den Argivern und Troizeniern, Ansiedler nach der Küste 
und den Inseln des südlichen Kleinasiens; ja sogar an den ioni- 
schen Stddtegründungen in Kleinasien betheiligten sich Dorier aus 
Epidauros.^) Aber freilich vermochten sie nicht mit Korinth zu 
concurriren, und als Aegina im Vollgefühle der eigenen Kraft 
sich von der Mutterstadt losgerissen hatte, da sank die Seemacht 
und damit die politische Bedeutung der letzteren, die nun nur 
durch engen Anschluss an Sparta, dem sie im peloponnesischen 
wie im korinthischen und thebanischen Kriege unwandelbar treu 
blieb, sich ihre Unabhängigkeit gegen die mächtigeren Nachbarn 
bewahren konnte, von der sie zuletzt noch durch den Anschluss 
an den achäischen Bund Zeugniss gab. ^) Ein wesentliches Mo- 
ment für diese Richtung der äusseren Politik war auch die streng 
aristokratische Form der Staatsverfassung: alle Gewalt war in den 
Händen von 180 jedenfalls bestimmten städtischen Familien an- 
gehörigen Männern, welche für die Executive einen Ausschuss, 
dessen Mitglieder Artynen (wie in Argos) hiessen, ernannten; 
die Bewohner der übrigen Landschaft ausserhalb der Hauptstadt 
wurden mit dem Spitznamen der 'Staubfüssler' (xoviTtodeg) be- 
zeichnet *) 

*) Aristot. bei Strab. p. 374; Paus. c. 26, 1 ff. 

«) Herod. I, 146; VU, 99: vgl. O. Müller Aeginet. p. 41 es. 

^ Vgl. Schiller Stämme und Staaten Griech. III, S. 20. Das Pro- 
gramm von Weclewski De rebus Epidauriorum (Posen 1854) steht mir 
nicht zu Gebote. 

*) Plut. Q. Gr. 1; vgl. Hesych. u. xovinodsg. Dass es auch in Epi- 
daoros vier Phylen wie in Argos (die drei dorischen und die Hymethia) 
gegeben habe, wie O. Müller (Dorier II, B. 53 und 72) behauptet, ist 
wenigstens nicht zu beweisen. 



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74 11. Pelopounesos. 

Epidauros, die einzige uns bekannte sladtische Niederlassung 
in dem ganzen Gebiet, lag auf einer kleinen felsigen Halbinsel 
der Ostküste, welche durcb einen niedrigen Isthmos mit einer 
schmalen aber fruchtbaren, auf drei Seiten von Bergen umschlos- 
senen Sirandebene zusammenhängt; an der Nordseite der- 
selben ist ein natürlicher Hafen, an der Südseite eine grös- 
sere offene Bucht, die ebenfalls als Hafen benutzt wurde, da- 
her die Stadt auch den Beinamen der ^doppelmündigen' (dt- 
örofiog) führte. Pausanias (c. 29, 1) erwähnt als Sehenswür- 
digkeiten derselben ein Schnitzbild der Athene Kissaea auf der 
Akropolis, Tempel des Dionysos und der Artemis, ein Heiligtum 
der Aphrodite, einen heiligen Bezirk des Asklepios mit Harmor- 
statuen des Gottes und seiner Gemahlin Epione im Freien, und 
einen Tempel der Hera auf einem Vorsprunge der Küste am 
Hafen: die Stelle des letztgenannten nimmt jetzt eine Kapelle des 
heiligen Nikolaos ein, welche auf einem felsigen Vorsprunge der 
Strandebene an der Nordseite des Hafens steht. An die eigentliche 
Stadt, von welcher nur ein Theil der Ringmauei^ (an der Süd- 
seite der Halbinsel) erhalten ist, schloss sich eine offene Vorstadt an, 
welche sich in der Strandebene zunächst am Hafen hmzog, wie 
auch jetzt wieder im nördlichen Theile der Strandebene ein Dörf- 
chen, Nea-Epidavros genannt, steht. ^) 

2^2 Stunden von der Stadt lag in einem anmuthigen, rings 
von Bergen umschlossenen Thale, das noch jetzt vom Volke das 
Heiligtum (td 'Icqo) genannt wird, die berühmteste Cultstätte des 
Asklepios, zugleich ein von Kranken aus allen Gegenden besuchter 
und daher mit Logierhäusern für diese und Wohnungen für die 
die Cur leitende Priesterschaft, aber auch mit Anlagen zur Er- 
heiterung der Fremden durch gymnastische und dramatische Spiele 
wohl ausgestatteter Curort, dem Epidauros seit dem Verfalle seiner 
Seemacht hauptsächlich seine Bedeutung verdankte. Der Weg 
dahin führt aus der Strandebene westwärts in einer engen, reich 
mit wilden Oelbäumen bewachsenen Schlucht, in welcher Pau- 

1) Strsb. p. 374; Thuk. Y, 75; Hesych. u. diatofiog: vgl den Plan 
(nach der englischen Seekarte) bei Curtius 11, Tfl. XVII. Für alten 
Weinbau, der auch die Haupterwerbsquelle der Neuepidaurier ist, zeugt 
das Beiwort anvaloeig II. £, 561. Als Hauptsitz des Asklepioscultes 
wird die Stadt auch zum Unterschiede von der Lakonischen Epidauros 
Limera ij tsQU ^EniSavQoe genannt: Plüt. Per. 35. 



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1. Argolis: Epidauria. 75 

sanias (c. 28, 3) eiuen Hyrnethioa geuannten Platz, auf wel- 
chem die Hyrnetho, Gattin des Deiplionles begraben sein sollte, 
erwähnt, auf den Röcken des das Thal im Norden begränzenden 
Titthionberges^) und von diesem sudwestwärts in das noch jetzt 
mit zahlreichen, meist von dichtem Gebüsch bedeckten Ruinen 
errüllte Thal*, in dessen westlicherem Theile der eigentliche hei- 
lige Bezirk, das Cegov aXöog, mit dem Tempel des Asklepios, 
dem daran stossenden Gemache für Incubationen, und anderen 
Heiligtümern und Baulichkeiten aller Art, rings von Gränzsteinen 
umgeben, innerhalb deren weder Geburt noch Tod eines Menschen 
gestattet war, ausserhalb derselben noch mehrfache andere An- 
lagen, darunter auch ein von dem späteren Kaiser Antoninus Pius 
als Senator errichtetes Gebär- und Sterbehaus für die Bewohner 
des heiligen Haines, lagen. Die Fülle kostbarer Weihgeschenke, 
mit welchen die Dankbarkeit der durch die Hülfe des Gottes und 
seiner Priester Genesenen (deren Namen unter Beifügung der 
Krankheit, an der sie gelitten, und der Heilmethode auf Stein- 
pfeilern verzeichnet wurden] das Heiligtum geschmückt hatte, gab 
mehrfach Veranlassung zu Plünderungen desselben, wie solche 
von Sulla und den kilikischen Piraten berichtet werden;^) aber 
die Nachrichten des Pausanias (c. 27, 6) von den durch An- 
toninus hier ausgeführten Neubauten und Erneuerungen älterer 
Bauwerke, wie auch die zahlreichen Trümmer gewölbter römischer 
Gebäude und Inschriften der späteren Kaiserzeit, die man noch 
jetzt daselbst findet, beweisen, dass es bis in die letzten Zeiten 
des Heidentums» seinen Ruhm sich bew ahrt hat. Leider lassen sich 
nur wenige der alten Gebäude noch mit Bestimmtheit fixiren: so 
die von Polykleitos aus weissem Marmor erbaute Tholos — ein 
Rundgebäude von etwa 20 Fuss Durchmesser, im Innern mit Ge- 
mälden des Pausias geschmückt, das wahrscheinUch als Lokal für 
gemeinsame Mahlzeiten der Priesterschaft diente — deren Funda- 
mente nicht weit von dem westlichen Eingange des Thaies, zur 
Rechten des von Ligurio her kommenden Weges, im Gebüsch ver- 



*) Nach der von Paosan. c. 26, 4 berichteten Legende soll der ur- 
sprimgUoh Mvqyiov (so codd.) genannte Berg den Namen Tit^iov er- 
halten haben, weil der von seiner Mutter darauf ausgesetzte Asklepios 
von einer Ziege gesäugt worden sei. 

») Paus. IX, 7, 6; Plut. Sulla 12; Pompei. 24; vgl. Liv. XLV, 28. 



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76 11. Peloponuesos. 

steckt sind ; südwestlich davon das durch künstliche Aufschüttung 
des Bodens gebildete Stadion, und ara Abbange des Kynor- 
tion, des das Thal im Südosten abschliessenden Berges, das 
wiederum von Polykleitos errichtete Theater, dessen marmorne 
Sitzstufen, 55 an Zahl, leider jetzt so mit dichtem Buschwerk 
überwachsen sind, dass es unmöglich ist auf denselben zu circu- 
liren. Von den übrigen Baulichkeiten stand der Tempel des Asklepios 
in der Nähe der Tholos, wahrscheinlich westlich von derselben; 
die Stellen des Tempels der Artemis und des Heiligtums der 
Aphrodite sind nicht zu bestimmen. ^) Am Kynortion, über welches 
der Weg aus dem heiligen Thale nach Troizen führt, stand ein 
alter Tempel des Apollon Maleatas, bei welchem wiederum Anto- 
ninus Pius verschiedene Anlagen, darunter eine grosse Cisterne 
^zur Sammlung des Begenwassers, errichtet hatte; auf dem Gipfel 
des das Thal im Südwesten abschliessenden Berges, des Kory* 
phon, an dessen nördlichem Abhänge man einen alten krumm 
gewachsenen Oeibaum zeigte, den Herakles als Gränzmal für das 
Gebiet der Asinäer in diese Form gebogen haben sollte, erhob 
sich ein Heiligtum der Artemis Koryphaea.^) 

Südöstlich vom Hieron zieht sich das enge Thal eines Flusses 
hin, der in mehreren Armen von Kynortion und Koryphon herab- 
kommt und anfangs genau südwärts, dann fast ganz westlich fliesst 
und durch eine dreieckige Mündungsebene, die zunächst der Küste 
eine Breite von einer Stunde hat, sich in den Argolischen Heer- 
busen ergiesst. Das ganze Flussthal mit seinen Räudern gehörte 
zum Gebiet von Epidauros; an drei Stellen finden sich noch Spu- 
ren alter Ansiedelungen in, beziehendlich an demselben: oberhalb 
des linken Ufers des oberen Laufes, nördlich von dem Dorfe Be- 
deni, nach welcheip der Fluss jetzt benannt wird; weiter süd- 
westlich auf einem 640 Meter hohen Bergrücken oberhalb des 
rechten Ufers, und am nördlichen Rande der Mündungsebene bei 
dem Dörfchen Iri. Von keinem dieser Plätze ist uns der antike 

^) Vgl. den Plan in der £xpdd. de Mor^e II, pl. 77 (das Theater 
pl. 78 u. 79), wiederholt bei Curtius II, Tfl. XVII (vgl. S. 418 flf.); Lyons 
in den Transactions of the royal soc. of litt., 2 series, vol. II, p. 229 ss. 
und Annali XXXIII, p. 12. Inschriften bezeugen den Galt der Artemis (C. I. 
G. n. 1172 f.; Lyons a.a.O. p. 231), des Apollon (C.I.G. n. 1174—76; 
Lyons a. a. O.) und des Dionysos (C. I. G. n. 1177). 

*) Paus. II, c. 27, 7; 28, 2; Steph. Bya. u. KogvtpaCov. 



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1. Argolis: Epidauria. 77 

Name bekannt; die Anwohner des ganzen Flussgebietes scheinen 
mit dem Namen UagccxoTa^LOi bezeichnet worden zu sein. ^) 

' Vor der Küste des nördlichsten Theiies der Epidauria liegen 
zahlreiche felsige Inseln, weiche in zwei Hauptgruppen zerfallen. 
Die nördlichere besteht aus mehr als einem Dutzend meist ganz 
kleiner Inselchen, die sich yon dem Cap Spiri (dem alten Spei- 
raeon, das wahrscheinlich die Grenze der Korinthia und Epidauria 
bildete) gegen Osten bis auf die Höhe von Salamis hinziehen: 
die westlicheren derselben werden jetzt mit dem Gesammtna- 
men Diaporia {äutxoQSÜt^ Durchfahrt) oder Pentenisia (Fünf In- 
seln) bezeichnet, fuhren aber auch besondere Namen, die drei 
östlichsten heissen Lagusae (Haseninseln); die alten Namen der 
nichtigeren derselben führt Plinius (n. h. IV, 19, 57), jedenfalls 
in der Richtung von Osten nach Westen, auf: Elaeusa (wohl 
Elaeusae, die jetzigen Lagusae), Adendr os, Kraugiae, Kaekiae 
und Seiachusa. Die sudlichere Gruppe, die sich von dem die 
Bucht von Sophiko im Süden umschliessenden CapTrachili ebenfalls 
gegen Osten bis zur Höhe von Salamis hinzieht, enthält ausser 
einigen ganz kleinen drei bedeutendere: die jetzt unbewolHitc 
Kyra, mit Ruinen einer alten Befestigung auf der nordöstlichen 
Berghöhe, bei den Alten Pityonnesos genannt; östlich davon 
die grössere noch jetzt bewohnte Ankistri mit dem Hauptorte 
Megalochorio an der Nordküste, die alte Kekryphalos oder 
Kekryphaleia, bei welcher die Athener Ol. 80, 3 einen Sieg 
über die vereinigte Flotte der Korinther, Epidaurier und Aegineten 
gewannen^); endlich noch weiter östlich Aegina, eine Insel von 

*) Thuk. V, 53: vgl. oben 8. 61, Anm. 1. Ueber die Ruinen s. Pouil- 
lon-Boblaje Recherches p. 65 und Curtius S. 429, der vermuthungs- 
weise das von Strab. p. 375 als tonog rig xijg 'EnidccvQiag erwähnte 
Aegina bei Bedeni ansetzt. 

«) Plin. N. h. IV, 19, 57; Steph. Byz. u. KexQVtpdlsia; Thuk. I, 
106; Diod. XI, 78. Da bei Plinius die Reihenfolge ist: Gecrjphalos, 
Pitjonesos, Aegina, so könnte man geneigt sein, die Kyra für Kekryphalos 
ond das Cap Trachili für die von Steph. erwähnte S%Qa Kekryphaleia zu 
halten; allein die Entfernung von VI milia passuum yom Festlande, 
die er für Pityonesos angiebt, passt nur auf die Kyra. Wahrscheinlich 
ist auf diese zwischen Cap Trachili und Aegina gelegenen Inseln der 
von Paus. c. 34, 3 gegebene Name IliXonog vrjcoi zu beziehen; denn 
obgleich die von Paus, angegebene Zahl 9 der Wirklichkeit nicht ent- 
spricht, so wüsste ich doch sonst durchaus keine Inselgruppe, für welche 
die Bezeichnung vrjöideg a% vgdiiBivxai zrig (tmv Ms^avatv) ;|ra>^aff 



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78 11. Peloponnesos. 

wenig ober zwei Qiiadratmeilen (gegen 83 D Kilometer) Flächenin- 
halt, ganz gebirgig, jetzt ganz ohne Bewaldung und fast ohnefliessen- 
des Wasser, die aber über ein Jahrhundert lang die erste See- 
macht in den hellenischen Ge\^ässern warJ) Der Boden ist 
durchweg steinig und ziemlich mager, jedoch keineswegs un- 
fruchtbar, sondern bei sorgfältigem Anbau für Gerste, Wein, 
Mandeln, Feigen und Oel wohl geeignet; der fruchtbarste Theil, 
besonders für den Getreidebau, ist eine breite Ebene an der 
Westseite der Insel um die Hauptstadt herum, deren Boden fast 
ganz aus Kalkmergel besteht. Kalkstein bildet auch die Haupt- 
masse der Gebirge; an einigen Stellen tritt vulkanisches Gestein 
(Trachyt) auf, besonders im südöstlicheren Theile der Insel, wo 
man unterhalb der zerstörten mittelalterlichen Stadt eine Anzahl 
in senkrechten Wänden aufsteigender Felskuppen trifft, welche 
jetzt *der geborstene Berg' [tö öTtaöfiivo ßovvo) genannt werden. 
An verschiedenen Punkteif findet man einen vortrefflichen Töpfer- 
thon, daher die Töpferei schon frühzeitig auf der Insel zur Blüte 
gelangte und Thonwaaren einen nicht unbedeutenden Ausfuhr- 
artikel bildeten. Die Berge im Norden liefern gute Bausteine^) 
Obgleich nun die natürliche Beschaffenheit der Insel nicht eben 
günstig ist für die Schiffahrt (denn abgesehen davon, dass sie von 
zahlreichen Klippen umgeben ist,^) ist die Ostküste mit Ausnahme 
der kleinen jetzt Hagia Marina genannten Bucht ganz unzugäng- 
lich; die Westküste bietet zwar einige offene Rheden dar, die 
aber erst durch Kunst in sichere Häfen verwandelt werden 
mussten), so musste doch schon ihre Lage, die sie zur natür- 
lichen Vermittlerin des Verkehrs zwischen dem nordöstlichen 



passte, da östlich von Metbana auf der französ. Karte (Bl. 13) nur 
zwei kleine Inselchen, Petrokaravo und Platurada, verzeichnet sind. 

*) Vgl. über die Insel: Aegineticomm Über scripsit Car. Mueller, 
Berlin 1817; Abonl Memoire snr Tile d*£gine, in den Archives des mis- 
sions Ecientifiqnes et litt^raires, t. III, p. 481 — 667. Im Alterthnm hatte 
Pythaenetos ein Werk nsgi Alyivriq in wenigstens drei Büchern (Athen. 
XIII, p. 589 ^ und Theagenes ein Buch unter gleichem Titel geschrieben 
(Schol. Pind. Nem. III, 21). 

') Vgl. über die geognostischen Verhältnisse der Insel überhaupt 
Fiedler Reise I, S. 272 ff. und über die vulkanischen Bildungen insbe- 
sondere W. Reiss und A. Stübel Ausflug nach den vulkanischen Gebir- 
gen von Aegina und Methana im Jahre 1866 nebst mineralogischen 
Beiträgen von K. v. Fritsch, Heidelberg 1867. , 

8) Vgl. Paus. II, 29, 6. 



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1. ArgoHs: Epidauria. 79 

Griecheniand und dem Peloponnes machte, die Bewohner froh- 
zeitig auf den Verkehr zur See hinweisen ; und in der That wird 
schon von der ältesten, dem achSischen Stamme der Myrmidonen 
angehörigen Bevölkerung, welche Zeus seinem Sohne Aeakos, den 
er mit der Asopostochter Aegina erzeugt und auf die bis dahin 
meoschenleere, Oinone oder Oinopia genannte Insel gebracht hatte, 
zu Liebe aus Ameisen erschuf, gerühmt, dass sie zuerst Schiffe 
gezimmert und mit Segeln versehen habe;*) auch finden wir die 
Aegineten unter den Mitgliedern der alten ionisch-achäischen Am- 
pMktfonie von Kalaurea (Strab. VIII, p. 374). Dieser Bichtung 
auf Schiffahrt und Handel konnten auch die Dorier, \i eiche, an- 
geblich unter Führung eines Triakon, die Insel von Epidauros 
aus besetzten und colonisirten, sich nicht entziehen: die Tochter- 
stadt wetteiferte mit der Muttersladt, ja sie überflügelte dieselbe 
bald an Macht und Beichthum und löste endlich das VerhSltniss 
einer immer drückender empfundenen Abhängigkeit von derselben 
ganz auf (etwa um Ol. 50). ^) Von diesem Zeitpunkte an bis zur 
Unterwerfung durch ihre mächtigere Nebenbuhlerin, Athen (Ol. 
81, 1) gelangte die Insel an Bevölkerungszahl, Macht und Beich- 
tum zu einer fast beispiellosen Blüte. Wenn wir auch das 
Zeugniss des Aristoteles (bei Athen. VI, p. 272**. und Schol. Find. 
Ol. VIII, 30), dass die Aegineten 470,000 Sclaven besassen, auf 
die Gesammtzahl der den Bewohnern der Insel gehörigen Sclaven, 
mit Eünrechnung der auf den Schiffen und in auswärtigen Etablisse- 
ments beschäftigten, beziehen (vgl. oben S. 13, Anm. 2), so wer- 
den wir doch die Gesammtzahl der Bevölkerung nicht wohl unter 
500,000 Seelen ansetzen dürfen.^) Der Handel war ebensowohl 

*) Hesiod. frg. 93 Göttling. Achälsche Bevölkerung kennt auf Ae- 
giuA auch der Schiffscatalog (II. B, 562), welcher die Insel ebenso wie 
Epidauros zum argivischen Reiche des Diomedes rechnet. 

•) Herod. V, 82 ff.; vgl. Müller Aegin. p. 68 ss.; Duncker Gesch. 
d. Alt. IV, 8. 311 f. 

1) W&llon (Histoire de Vesolavage I, p. 281) läugnet die Richtigkeit 
der Angabe des Aristoteles, weil, wenn man neben der von jenem ge- 
gebenen Sclavenzahl eine freie Bevölkerung von 130,000 Seelen an- 
nehme, man 7230 Einwohner auf den QKilometer erhalte, zweimal so- 
viel als im Departement de la Seine und nur dreimal weniger als in 
Paris. ^ Abont stimmt ihm bei und schätzt dann willkürlich die bürger- 
liche Bevölkerung auf etwa 20,000 Seelen, die Metöken (?) auf ebenso 
viele, die Sclaven auf 120—130,000 Köpfe. — Heut zu Tage zählt die 
Insel etwa 5000 Einwohner. 



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80 11. Pelnponnesos. 

Zwischen* und Binnenhandel, besonders nach dem Peloponnes 
(vgl. Paus. VIII, 5, 8), als ein grossarliger Export- und Import- 
handel nach den ferneren Küsten des Ostens und Westens: zum 
Schutze des letzteren hatten die Aegineten Colonien nach Kydonia 
auf Kreta und nach Umbrien entsandt und wahrscheinlich auch 
am Pontos, von «wo sie hauptsächlich ihren Getreidebedarf bezo- 
gen (vgl. Herod. VU, 147), eine befestigte Handelsstation ange- 
legt. ^) Als Exportartikel lieferte die einheimische, wahrscheinlich 
durch ein strenges Prohibitivsystem geschützte Industrie haupt- 
sächlich Thonwaaren und Salben, dann überhaupt allerhand Kurz- 
und Galanteriewaaren . die man daher geradezu mit dem Namen 
Aiyivaia i^noX'^ bezeichnete.^) Von der Bedeutung dieses 
Handels legt besonders der Umstand Zeugniss ab, dass der ägi- 
näische Münzfuss wie auch das äginäische Maass- und Gewichts- 
system in der älteren Zeit .fast durch ganz Griechenland verbreitet 
war und insbesondere im Peloponnes die äginäischen Münzen, 
die nach ihrem Gepräge sogenannten ^Schildkröten' {xskävaf.), 
das gewöhnliche Courant waren. ^) Bei dieser lebhaften Ent- 
wickelung des Handelsgeistes kann es nicht Wunder nehmen, dass 
die aller Orten und mit allen möglichen Waaren handelnden Aegi- 
neten, ähnlich wie die Juden im Mittelalter und in neueren 
Zeiten, nicht nur für sehr gewandte und schlaue, sondern auch 
für betrügerische Handelsleute galten.^) Doch waren sie keines- 
wegs ein blosses Krämervolk, bei welchem das Streben nach 
Handelsgewinn alle höheren Interessen in den Hintergrund drängte, 
sondern auch auf anderen Gebieten standen sie in den vordersten 
Reihen: äginäische Bürger fochten mit rühmlicher Tapferkeit 
in den Schlachten gegen die Perser, die edelsten Geschlechter 
der Insel lieferten zahlreiche Sieger in den gymnischen Agonen 



Herod. III, 69; Strab. VIII, p. 376. Ein if/kniqiov Atyivr^xrig zwi- 
schen 'Aßmvov xsixog und KCvatUs erwähnen Arrian. Peripl. Pont. Eox. 
§ 20 ; Anon. Per. P. Eux. § 20; Marcian. Epit. peripli Menippei § 9 und 
Hteph. Byz. u. Alyivijtfig: vgl. Müller Aegin. p. 83 8. 

«) Steph. u. ACyiva; Athen. XV, p. GSd^; Ephor. bei Strab. VIII, 
p. 376 ; auf Prohibitiysystem lässt das Verbot gegen attische Waaren 
(Herod. V, 88), das gewiss nicht aus blossem Nationalhass zu erklären 
ist, schliessen. 

') Vgl. Fr. Hultsch Griech. und röm. Metrologie S. 131 ff. 

*) S. biogenian. Prov. V, 92; vgl. Herod. IX, 79. 



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1. Argolis: Epidauria. 81 

■der grossen Festspiele'), und die bildende Kunst, besonders die 
£rzbildnerei , gelangte durcb die aeginäische Bildnerscbulc zu 
einer Blute, die nur durch den Verlust der Selbständigkeit ge- 
brochen wurde. Von diesem Schlage hat sich überhaupt die 
Insel nie wieder erholt: auch nachdem Lysander den Ueberbleib- 
seln der von den Athenern vertriebenen Bevölkerung den Be- 
äitz derselben zurückgegeben hatte, konnte sie nicht einmal 
einen Schatten ihrer früheren Macht wiedergewinnen, sondern 
venehrle sich in unfruchtbaren Feindseligkeiten gegen Athen ^) 
und war häufig ein blosses Werkzeug in den Händen der Feinde 
desselben. 

Die der Insel selbst gleichnamige Hauptstadt lag im Alter- 
tum ungefähr an derselben Stelle wie die jetzige, an der West- 
küste (Strab. Vin, p. 375), nur dass sie, wie die Spuren der 
Ringmauern zeigen, ^) von weit bedeutenderem Umfang, besonders 
nach Norden zu, war. Sie besass ausser einer am weitesten 
gegen Norden gelegenen, durch einen Damm gegen den Nord- 
wind geschätzten offenen Rhede zwei künstliche Häfen, deren 
Molen noch jetzt ziemlich gut erhalten sind: der kleinere nörd- 
lichere, dessen schmaler Eingang durch zwei Thürme geschützt 
und mit Ketten verschliessbar war, diente wahrscheinlich zur 
Zeit der Unabhängigkeit der Insel als Kriegshafen, der etwa zwei- 
mal grössere südlichere, welcher durch eine Fortsetzung der 
Stadtmauer auf dem südlichen Molo auch in die Befestigung der 
Stadt aufgenommen war, als Handelshafen. Neuerdings ist nur 



*) Vgl. Krause Die Gymnastik und Agonistik der Hellenen II, S. 
746 83. . 

*) Den stärksten Ausdruck fand dieser Hass in der Bestimmung, dass 
jeder Athener, der die Insel betrete, dem Tode verfallen sein solle (Plut. 
Dion 6; Diog. Laert. III, 19); Proben von der AengstUchkeit gegen 
plötzliche Ueberrumpelung von Seiten Athens sind die Anbringung 
schwerer eiserner Hämmer an den Stadtthoren (Aen. Poliorcet. 20) und 
das Polizeiverbot bei Nacht auf den Strassen zu circuliren (Plat. Cratyl. 
p. 433 *). Vgl. über die spätere Geschichte der Insel Müller Aegin. 
p. 189 SS.; About Memoire eh. VII. 

') Leake (Travels in the Morea II, p. 436 s.) konnte die gegen 10 F. 
dicken, mit Thnrmen in nicht ganz regelmässigen Zwischenräumen ver- 
sehenen Mauern an der Landseite noch in ihrer ganzen Ausdehnung 
verfolgen, während heut zu Tage wenigstens über dem Boden nur noch 
geringe Spuren davon sichtbar sind. 

BURSIAH, GBOOR. II. 6 



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82 II. Peloponnesos. 

der südlichere, an welchem der Präsident Kapodistrias einen 
neuen Molo angelegt hat, im Gebrauch. Auf einem flachen Vor- 
sprunge des Ufers am nördlichen Hafen steht auf hohem, aus 
mächtigen Quadern gebildeten Unterbau (dessen Steine zum grössten 
Theile zum Bau des eben erwähnten Molo verwendet worden sind) 
eine dorische Säule ohne Capital aus gelblichem KalktufT. der 
Rest eines Tempels, von welchem frühere Reisende, wie Dodwell 
und r^eake, noch zwei Säulen vorfanden, deren eine mit dem 
Capital eine Höhe von 25 Fuss, an der Basis einen Durclimesser 
von 3 Fuss 9 Zoll hatte. Unter der Voraussetzung, dass der 
nördlichere Hafen der zur Zeit des Pausanias gewöhnlich ge- 
brauchte gewesen, hat man diesen Tempel für den der Aphro- 
dite (vgl. Paus, n, 29, 6) gehalten;^) indess ist jene ^Voraus- 
setzung ziemlich unsicher, da Pausanias (a. a. 0. § 10 f.) ausser 
dem Hafen, in dem er gelandet ist, noch einen anderen, den 
KQVTtrög kv^tjv (ein Name, der für den grösseren südlichen 
Hafen sehr wenig passend erscheint) erwähnt, in dessen Nähe 
das Theater und hinter demselben das Stadion, dessen eine Seite 
als Unterbau des Theaters diente, lagen. In der Nähe jenes 
Tempels und des kleineren Hafens scheint ein dem Attalos Phi- 
ladelphos, König von Pergamos geweihter heiliger Bezirk (tÖ 
'AztdXsLOv) gewesen zu sein.^) Weiter gegen Norden erhebt 
sich ein grosser künstlicher Erdhügel, welcher dem vom Peiraeeus 
her kommenden Reisenden schon bevor er landet in die Augen 
fallt; am Fusse desselben ist eine grosse Fläche von nicht ganz 
regelmässiger viereckter Form (eine Seite ist ungefähr 100 Meter 
lang) in den Felsboden eingeschnitten. Der Zweck dieser ganzen 
Anlage ist ziemlich unklar; denn obgleich es sehr nahe liegt, in 
dem Hügel das Grab des Phokos — einen Frdhügel mit einem 
runden steinernen Unterbau — zu erkennen, so passt doch jene 
Vertiefung im Felsboden keineswegs auf das neben diesem Grab- 
hügel am ansehnlichsten Platze der Stadt gelegene Aeakeion, 



«) Vgl. Alterth. von lonien C. VI, Tfl. 1; Exped. de Moree III, 
pl. 38 8.; Leakc Travels in the Morea II, p. 435 s.; Kleuze Aphori- 
stisclie Bemerkungen auf einer Reise in Griechenland S. 159 ff., Tfl. 
I, 1. Ein Fest Aphrodisia als Nachfeier eines 16tägigen Poseidonfestes 
erwähnt Plut. Q. gr. 44. 

*) Vgl. die dort gefundene Inschrift C. I. gr, n. 2139 *» (= '£<pi}fi. 
agx. 1839, n. 343 und Rangabis Ant. hell. n. 688), Z. 46. 



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1. Argolis: Epidauria. 83 

das als ein Viereck ter Peribolos, von Marmormauern umschlossen, 
beschrieben wird, mit einer Eingangshalle, in welcher die der 
Sage nach einst an Aeakos von den Hellenen abgeordneten Ge- 
sandten dargestellt waren, mit alten Oelbäumen im Inneren und 
einem niedrigen Altare, den eine Geheimsage als Grabmal des 
Aeakos bezeichnete: aeginäische Sieger in den Festspielen brach- 
ten hier ihre Siegeskränze als Weihgeschenke dar und Verfolgte 
fanden hier ein schützendes AsylJ) Müssen wir also die Stelle 
dieses Denkmals unbestimmt lassen, so gHt dasselbe auch von 
den sonstigen Tempeln der Stadt, wie von den nahe bei einander 
stehenden des Apollon, der Artemis und des Dionysos, ^) dem dei* 
Hekate, welcher alljährlich ein hochheiliges Fest mit geheimniss- 
vollen Cultbräuchen gefeiert wurde, ^) und dem der Demeter 
Thesmophoros. *) Jetzt sind auf dem Boden der alten Stadt 
ausser den schon erwähnten Resten nur noch ein antiker Mosaik- 
fussboden, eine Fülle von Scherben alter Thongefässe und sehr 
zahlreiche in den felsigen Boden brunnenartig eingesenkte Gräber 
mit je einer oder mehreren unterirdischen Grabkammem erhalten. ^) 
Wendet man sich ostwärts von der Stadt durch die noch 
jetzt ziemlich gut angebaute, besonders mit Oel- und Feigenbäumen 
bepflanzte, hie und da von Gärten, in denen viele Kypressen er- 
scheinen, unterbrochene Ebene, so gelaugt man nach ungefähr 
einer halben Stunde an den Fuss des Gebirges, welches man auf 
ziemlich steilen und unwegsamen Pfaden ersteigt. Eine Stunde 
von der Stadt findet man auf der oberen Fläche eines kahlen 
Felsens die verfallenen und jetzt ganz verlassenen Häuser der Pa- 
laeacbora, d. h. der Ortschaft, in welche die Bewohner der Insel 



<) Paus. c. 29, 6; Find. Nem. V. 96 c. schol.; Olymp. XIII , 154; 
Schol. Apoll. Rbod. IV, 1770; Plut. Demosth. 28. Festspiele Alansia: 
Schol. Find. Olymp. VII, 156. lieber den Tumulus und die FelsflUche 
8. Abont M<imoire p. 546 s., der hier, schwerlich mit Recht, das Aea- 
keion ansetzt. 

') Paus. c. 30, 1; der Tempel des Apollon wird als am initpavi- 
ataxog tOTCog tijg Tcolscag gelegen erwähnt in der Inschr. C. I. gr. n. 
•2140, Z. 36 f. 

') Paus. a. a. O. § 2; vgl. Luc. Navig. 15. 

*) Herod. VI, 91. 

*) Vgl. über diese Ross ArchJlol. Aufsätze I, S. 45 ff., Tfl. 11 und 
III; Erinnerungen und Mittheilungon ans Griechenland (herausgegeben 
von O. Jahn, Berlin 1863) S. 139 f. 

6* 



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84 U. Peloponnesos. 

unter der türkischen Herrschaft aus Furcht vor Seeräubern sich 
zurückgezogen hatten: obgleich sich keine antiken Reste hier 
nachweisen lassen, kann man doch mit Sicherheit die alte Oic 
mit dem Heiligtume der aus Epidauros eingeführten Gottheilen 
Damia und Auxesia (Ilerod. V, 83) hier ansetzen, da die auf 20 
Stadien angegebene Entfernung von der Hauptstadt gerade auf 
diesen Platz passt. Am südlichen Fusse der Felshöhe flicsst der 
bedeutendste unter den Bächen der Insel, der freilich den grös- 
seren Theil des Jalires hindurch wasserlos ist: derselbe scheint 
im Altertum den Namen Asopos geführt zu habend) Etwas 
über eine Stunde östlich von hier, auf einem 190 Meter hohen 
Hügel oberhalb der Bucht der heiligen Marina, steht die berühmte 
Ruine des Tempels der Athene, eines dorischen Hexastylos perip- 
teros (mit 6 X 12 Säulen und doppelter Säulenstellung im Innern 
der Cella) aus gelblichem, durchgängig mit farbigem Stuck über- 
zogenen Kalkstein (das Dach und die Sculpturen aus parischem 
Marmor), dessen Giebelgruppen allein uns ein Bild von der Blüte 
der bildenden Kunst auf Aegina in der Zeit seiner Selbständig- 
keit zu geben vermögen.^) Südöstlich vom Tempel erkennt man 
noch den Unterbau eines antiken Gebäudes, das wahrscheinlich 
zu Wohnungen für die Tempeldienerschaft bestimmt war.') 

Ein etwas längerer und beschwerlicherer Weg, als nach dem 
Tempel der Athene, führt von der Stadt nach dem im südöstlichsten 
Theile der Insel sich erhebenden Gros, wie es jetzt als einziger 
wirklicher Berg der Insel von den Umwohnern schlechtweg ge- 
nannt wird, dem alten Panhellenion. Am nördlichen Abhänge 
des Berges erhebt sich in einem rauhen, einsamen Thei^e, das 
noch in neueren Zeilen bewaldet war, eine von Hauern aus gros- 
sen Trachytblöcken gestützte Terrasse, auf der jetzt eine ganz aus 
schönen antiken Werkstücken erbaute, aber wieder verfallene Kirche 



') Einen Bach Asopos auf Aegina nimmt Didymos, eine Quelle Kal- 
listratos in den Schol. Pind. Nem. III, 1, freilich im Widerspruch mit 
Aristarchos, an. 

«) Vgl. über den Tempel Alterth von lonien C. VI, Tfl. 2 flF.; Ex- 
pedition de Morde III, pl. 47 ss.; Garnier Revue archdologique XI (1854) 
p. 193 SS.; 343 ss.; 423 ss. , und über Athene als Eigentümerin des 
Tempels (vgl. Herod. III, 69) Ross Arch. Aufs. I, S. 241 ff.; A. Mi- 
chaeli» N. Schweizer. Mus. III, S. 213 ff. 

^) Das »^(pinoXsiov der Inschrift C. I. gr. n. 2139, Z. 13. 



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1. Argolis: Kpidauria. 85 

des Erzengels Michael (tov ayiov äömiidtov) steht ; in der Mitte 
der Terrasse findet man noch antikes Steinpflaster, auf dem eine 
Anzahl grosser platter Steine in gleicher Entfernung von einander 
liegt, vvie wenn sie als Basen von Pfeilern gedient hätten. Das 
Ganze bildete jedenfalls einen von Mauern (von denen noch meh- 
rere Bruchstücke erhalten sind) umgebenen Peribolos, etwa mit 
einer kleinen Kapelle in der Mitte, welcher der Aphaea — einer 
der Artemis verwandten, von den Allen selbst mit der kre- 
tischen Britomarlis-Diktynna identificirten Göttin -— geweiht war. ^) 
Ein sehr steiler Pfad fuhrt von hier auf den 531 Meter hohen 
Gipfel des Berges, der jetzt eine Kapelle des heiligen Ellas trägt; 
diese ist an die Stelle des Heiligtums des Zeus Hellanios oder 
Panhellenios getreten, einer Stiftung des Aeakos, der hieri^inst 
den lang ersehnten Regen von Zeus erfleht haben soll: eine Sage, 
die wesentlich meteorologischen Ursprungs zu sein scheint; denn 
für die Athener waren Wolken, welche sich auf dem Gipfel dieses 
Berges lagerten, ein sicheres Zeichen kommenden Regens, wie sie 
es noch jetzt für die Bewohner der Insel selbst und für die Megarer 
sind. DasHeiligium bestand einfach aus einem von einer halbkreisför- 
migen Hauer aus grossen unregelmässigen Steinen umgebenen Altar. ^) 
Nicht sicher zu bestimmen ist die Lage des von Xen. Hell. V, 
1, 10 bei Gelegenheit eines Ol. 98, 1 von Chabrias gegen die 
Insel ausgeführten Handstreiches erwähnten Heiligtumes des He- 
raktes (ILerakleion) und des 16 Stadien (doch wohl landeinwärts) 
davon gelegenen Ortes Tripyrgia: da aber als Landungsplatz 
des Chabrias mit Wahrscheinlichkeit die offene Rhede nördlich 
von der Stadt betrachtet werden kann, so darf man vermuten, 
dass die im nördlichsten Theile der Ebene auf geglättetem Fels- 
boden stehende Kirche des heiligen Nikolaos, in welcher sich 
einige alte Werkstücke vorfinden, die Stelle des Herakleion be- 
zeichne^). An der entgegengesetzten Seite der Westküste, süd- 



') Paus. c. 80, 3; Antonin. Lib. 40: vgl. Müller Aegin. p. 163 ss. 
und über den Platz Ross Erinnerungen un^ Mittheilungen aus G riech 
S. 143; About Memoire p. 562 ss.; Exped. de Mor^e III, pl. 46. 

«) Paus. c. 30, 4; Pind. Nem. V, 10; Isocr. Euag. § 14 f.; Theo- 
phrast. De signis pl. I, 24. Vgl. A. M(u8toxidi) in der Zeitschrift 
*H Aiyivata. *Eq>rj(iSQls (piXoXoyt,%TJy iniatrjftoviyirj xal tsxvoloyt,Ki] 1831, 
8. 158 ff. 

') S. About Memoire p. 548. 



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86 . n. Pelo|ȟnii(;sos. 

lieh von der Stadl in der Nähe der jetzt Pcrdikas (nach den auf 
der Insel uberliaupt sehr zahbeichen Rebhühnern) genannten 
Bucht, befand sich nach einer daselbst gefundenen Inschrift 
ein Temenos des Apoilon (Delphinios) und des Poseidon. 
Troixonia. Au das fcstlandischc Gebiet von Epidauros slösst im Sud- 

osten die Troizenia, welche gegen Süden durch eine vom 
Orlholithi (vgl. oben S. 72) nach Osten ziehende Bergkette be- 
gränzt wird, die in ihrem höheren westlichen Theile (bis 720 
Meter Höhe) Aderes,^) in dem östliclieren (der eine Höhe 
von 537 Meter erreicht) Darditza genannnt wird: der öst- 
lichste Vorsprung der ganzen Bergkette, das Gap Skyli, vor 
welchem zwei kleine Inseln und eine Klippe liegen, scheint das 
Sk]j,llaeon der .4lten zu sein, welches mit dem attischen Gap 
Sunion die beiden Endpunkte des Eingangs des Saronischen Meer- 
busens bezeichnete.^) Die Troezenier griflen hier über ihre natur- 



*) Ö. Wordsworth Athens and Attica p. 231; A. Michaelis im N. 
Schwei«. Mus. UI, S. 217. ^ 

*) Ob diesen der Namen 0o^ßdvtiov zukommt, welchen Steph. Byz. 
u. d. \V. für ein uQog T^o^i^vog überliefert, wie lo. Nie. los. Schell (De 
agro Tröezenis, Tergesti 1856, p. 3) vermutet, dürfte nicht sicher zu 
entscheiden sein. 

*) Scyl. Per. 51 (wo svQVzazog statt svd'vzatos zu schreiben ist); 
vgl. Thuk. V, 53; Strab. VIII, p. 368; 373; Plin. N. h. IV, 5, 17 s.; 
Ptol. III, 16, 11; Steph. Byz. u. ZnvXXatov. Pausanias freilich (c. 
34, 7 f.) nennt nach dem Skyllacon in der Richtung nach Hermionc 
zu ein zweites Vorgebirge, BovKitpaXcif und nach diesem drei Inseln: 
Haliussa (mit einem Hafen), Pityussa und Aristerae. Daher hat Curtius 
(Pel. II, S. 452 ff.) das jetzige Cap Skyli für das alte Bukephala ge- 
halten und das Skyllaeon etwas wejter nordwestlich, zunächst südlich 
von dem Citronenwalde der Porioten, angesetzt. Allein abgesehen 
davon, dass doch das jetzige Cap Skyli den natürlichen Abschluss des 
Saronischen Meerbusens im Südwesten bildet, ist auch die weitere An- 
setzung der von Paus, zwischen Bukephala und der Stadt Hermione 
aufgeführten Oertlichkeiten bei Curtius höchst unwahrscheinlich, nament- 
lich entspricht die Annahme, dass das jetzige Cap Thermisi das Vor- 
gebirge Buporthmos sei, gar nicht der Angabe des Pausanias: vor 
diesem liege die Insel Aperopia (Doko), nicht weit von dieser Hydrea, 
und nach dieser der mondsichelförmige Küstenstrich, der bis zur Stelle 
der alten Stadt Hermione reiche. Die Bezeichnung von Buporthmos 
als 6Qog ig d'dXccaaav dito tov nsXonovvTjaov nQoßsßXrjfiivov in Ver- 
bindung mit der weiteren: TtQOHsitat, dh Bovnogd'fiov vrjaog UnsQonicc 
KccXovfiivTj macht es im höchsten Grade wahrscheinlich, dass Boporth- 



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1. ArgoJis: Troizcnia. 87 

liehen Gränzeii zum Schaden ihrer Hudwestlichen Nachbarn, der 
ilermioneer, über, indem sie auch die freilich nur wenig anbaufäliigen 
södiichen Abhänge des Darditzagebirges, an welche sich nur ein 
ganz schmaler Streifen flachen Landes angesetzt hat, der noch ^ 
dazu von zahlreichen kleinen Seen oder Teichen voll salzigen 
Wassers unterbrochen wird, sich annectirC hatten, offenbar um 
auch am Hermionischen Golfe wenigstens einen Landungsplatz zu 
haben. Die Gränze zwischen den Gebieten von Troizeu und Her* 
mione bezeichnete hier wenigstens zur Zeit des Tansanias ^) ein 
den Hermioneern gehöriges Heiligtum der Demeter Thermasia 80 
Stadien westlich vom Skyllaeon^ also in dem flachen Kustensaume 
zwischen einem dem Kloster des Propheten Ehas auf Hydra zu- 
gehörigen Metochi (Nebenkloster) und dem breiten felsigen Gap 
Thermisi. 

Den Mittelpunkt der Troizenia bildete eine den nördlichen 
Fuss der Aderesbcrge berührende, von West nach Ost etwa drei 
Viertelstunden breite Strandebene, welche Jetzt von>dem an ihrem 
südwestlichen Rande gelegenen Dorfe Damalas den Namen trägt. 
Sie wird von mehreren Bächen bewässert, unter denen der aus- 
einer romantischen Schlucht westlich von Damalas hervorkommende 
Kremastos, von den Alten Hyilikos genannt,^) der bedeutendste 



mos der ganz halbinselartige Felsvorsprung der Küste südlich vom 
Hafen Kuverta ist, welcher der Insel Doko gegenüber in dem Cap Mu- 
saki endet. Ist dies richtig, so kann freilich Pausanias bei seiner See- 
fahrt nicht vom Cap Skyllaeon, sondern muss von Südwesten her nach 
Uermione gekommen sein und wir müssen annehmen, dass er bei der 
Redaction seiner Reiseaufzeichnungen sich geirrt und aus einer Fahrt 
etwa von Ualike (dem jetzigen Hafen Cheli) oder von Mases (Porto 
Kiladia) nach Hermione eine solche vom Skyllaeon (wo gar kein Lan- 
dungsplatz ist) aus gemacht hat. Unklar und ohne bestimmtes Re- 
sultat behandelt diese Frage lo. Nie. los. Schell, De agro Troezenis 
p. 11 s. 

^) Paus. c. 34, 6 und 11. -Die Ansetzung des Heiligtums am Cap 
Thermisi selbst, dessen Namen wohl auf warme Quellen zurückzuführen 
ist, steht mit der Entfernungsangabe bei Paus, im Widerspruch. Strab. 
VUI, p. 373 rechnet das Skyllaeon noch zum Gebiete von Hermione, 
aber auch Scyl. Peripl. 51 sagt ansdiücklich: ^azv de x6 ZuvXXaiov rijs 

•) Paus. c. 32, 7 führt als den ältesten Namen des Flusses Tau- 
rios oder Tauros (vgl. Athen. III, p. 122 ') an, welcher wie ähnliche 
Namen (Zvs, Sgiog, Kdn(fog u. a.] den wilden, ungestümen Charakter 



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88 n. Pcloponnesos. 

isl; zahlreiche Quellen erhöhen cUe Fruchtbarkeit der Ebenr, die 
für Wein ^) und Getreidebau wohl geeignet» jetzt aber nur zum 
Tlieii mit Bäumen und Weinpflanzungen bedeckt, zum Theil mit 
der baumartigen Wolfsmilch (Euphorbia dendroides), deren Aus- 
dunstung die Gegend ungesund macht, bewachsen ist. Die alte 
Stadt nahm einen zieYnlich ausgedehnten Raum nordwestlich vom 
Dorfe Damalas ein, wo man zunächst einen bis zu bedeutender 
Höhe erhaltenen viereckten Thurm (an der Nordseite 44 Fuss 
lang) mit einem daran stossenden Stuck der sudöstlichen Stadt- 
mauer, eine Viertelstunde weiter westlich die sogenannte Episkopi 
(den Sitz der ehemaligen Bischöfe von Damalas) mit mehreren ganz 
aus antiken Werkstücken erbauten Kirchen und Trümmern ionischer 
Säulen darin, davor die Unterbauten von zwei alten Tempelge- 
bäuden findet: wahrscheinlich standen hier die von einem ge- 
meinschaftlichen Peribolos umschlossenen Tempel des Ilippolytos 
und des Apollon Epibaterios (Paus. c. 32, 1 f.). An der Ostseite 
dieses Peribolos lag das Stadion , dessen oberes Ende noch jetzt 
im Boden sichtbar ist, und oberhalb desselben ein Tempel der 
Aphrodite Kataskopia, in dessen Temenos die Gräber der Phaedra 
und des Hippolytos (der Mondgöttin und des Sonnengottes des 
ältesten Cultus, die dann in die Ileroensage verflochten und zu 
Heroengestalten herabgezogen worden sind) in der Nähe eines 
ebenfalls in die Sage von Phaedra und Hippolytos verflochtenen 
Myrtenbaumes mit durchlöcherten Blättern (jedenfalls eines alten 
Cultsymboles der Aphrodite) gezeigt wurden (Paus. a. a. 0. § 3). 
Ausserdem finden sich zahlreiche antike Reste, darunter mehrere 
anscheinend noch am Platze stehende Säulenstumpfe , ^) nördlich 



eines Giessbaches bezeichnet. Auf die reiche Bewässerung ist jeden- 
falls der Cult der Movaai 'AffdaXiÖeg oder *AQÖaX^ai (Paus. c. 31, 3; 
Plut. VII sap. conv. 4; Steph. B. u. 'AgSaXiSss) zurückzuführen. Nach 
Plin. N. h. XXXI, 2. 11 und.Vitruv. VIII, 8 sollte das Wasser der 
Brunnen in Troizen das Podagra hervorrufen. 

^) Ueber den Weinbau in Troizen vgl. besonders Aristot. bei Athen. 
I, p. 31 «. Nach Theophr. Eist. pl. IX, 18, 11 (vgl. Plin. N. h. XIV, 18, 
116) machte das Trinken des Troizenischen Weines zeugungsunfähig. 

*) Von besonderem Interesse darunter sind die Säulentroncs aus 
roth-grauem granitähnlichen Steine mit 8 flachen Seiten, von denen ich 
im J. 1854 nur noch einen in der bezeichneten Niederung vorfand: die 
Abschrägung der Seiten anstatt der Cauelinmg, welche W. Gell (Argolis 
p. 121) als ein Zeichen des höchsten Altertums erschien und ihn ver- 



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1. ArgolJs: Troizciiia. 89 

und in der Niederung östlich von der Episkopi: an dem letzteren 
Platze lag wahrscheinlich die Agora» an welcher mehrere Tempel, 
wie der der Artemis Soteira» der Artemis Lykeia, des Apollon 
Thearios (vor welchem noch das Zelt, in dem Orestes vom Mut- 
termorde gesühnt worden, gezeigt wurde) und des Zeus Soter, 
Altäre und Hallen (darunter eine mit Statuen von athenischen 
Frauen und Kindern, die während des Perserkrieges in Troizen 
Zuflucht gefunden hatten) standen; auch das Theater lag an oder 
doch nicht weit von der Agora, in der Nähe des Tempels der 
Artemis Lykeia (Paus. c. 31). Die Akropolis endlich mit einem 
Tempel der Athene Slhenias stand auf einem steilen Berggipfel 
südwestlich oberhalb der Ebene, wo man noch Reste einer mit- 
telalterlichen Befestigung auf antiken Fundamenten vorflndet; beim 
Herabsteigen von da nach der Ebene kam man an einem HeiKg- 
lume des Pan Lyterios vorüber (Paus. c. 32, 5 f.). 

Die Bevölkerung der Stadt sowie des Gebietes derselben 
war, wie man aus den ältesten Cullen und aus zahlreichen Spuren 
der Sagen, welche die Vorzeit der Stadt mit einem glänzenden 
Lichte umstrahlen, schliessen kann, ionischen Stammes und ins- 
besondere mit den loniern Attlkas nahe verwandt, ^ie denn enge 
Beziehungen zwischen Troizen und Attika bis weit in die histo- 
rische Zeit hereinreichen. Doch scheint die ionische Bevölkerung 
frühzeitig unter die Herrschaft eines achäischen Fürstenhauses 
gekommen zu sein, welches in der Sage durch den Pelopssohn 
Pittheus repräsentirt wird : er erscheint als der eigentliche Grün- 
der der Stadl, .die er durch Zusammensiedelung der Bewohner 
aus zwei älteren Ortschaften, Antheia und llypereia, gebildet haben 
soll. ^) An die Stelle der achäischen Fürsten traten nach der 
dorischen Wanderung dorische, wohl ein Zweig des argivischen* 
Königshauses; wahrscheinlich wanderte in Folge dieses Wechsels 
ein Theil der alten Geschlechter nach der Küste Kleinasiens aus 



anlasste, die Säulen auf den von Paus. c. 31, 6 erwähnten uralten 
Tempel des Apollon Thearios zu beziehen, dürfte wohl aus der Be- 
achaffenheit des Materials zu erklären sein. 

') Paus. c. 30, 8 f. ; vgl. über die Sagengeschichte der Stadt über- 
baupt Nie. Schell De Troezenis urbis historia. Cap. I. De antiquissima 
historia usque ad Plttheum urbis qni dicitur conditorem (Krakau 1858); 
Cap. IL De Thesei origine, educatione, itinere Athenas suscepto (Ofen 

) j auch L. Schiller, Stämme und Staaten Griechenlands, III, S. 23 ff. 



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90 IL Peloponnesos. 

und gründete dort» vereint mit argivischen Auswanderern, die 
Stadt HalikarnasosJ) Die Zuröclcbleibenden bewahrten sich trotz 
der dorischen Herrschaft, die, wir wissen nicht wann, statt der 
monarchischen die aristokratische Form annahm,^) im Wesent- 
lichen den ionischen Charakter, und die enge Verbindung der Stadt 
mit Sparta, wie sie besonders im Peloponnesischen Kriege her- 
vortritt, ist jedenfalls aus politischen Gründen, nicht aus dem 
Gefühle der Stammesgenossenschaft herzuleiten. 

Den Hafen. der Stadt bildete eine ungefähr % Stunde gegen 
Osten entfernte Einbuchtung der Küste, welche nach ihrer Form 
IJdyov (der Bart) genannt wurde. ^) Auf dem Wege dahin kam 
man an einem Genethlion genannten Platze, der angeblichen 
Geburtsstätte des Theseus, vor welchem ein Tempel des Ares 
stand, vorüber ; an der Bucht selbst (wahrscheinlich an der Nord- 
westseite) lag eine kleine Ortschaft Kelenderis, etwas weiter 
östlich eine andere, Psipha, nach welcher der anliegende Theil 
des Meeres ^ WitpaCa ^dka6<sa genannt wurde; von einer dritten 
Ortschaft, Saron, aufweiche man den Namen des Saronischen 
Meerbusens, d. h. des zwischen der Ostküste von Argolis und 
der Westküste Attikas gelegenen Meeresarmes (vgl. S. 86) her- 
leitete, war in der späteren Zeit nur noch ein Heiligtum der 
Artemis Saronia übrig. ^) 

1) Vgl. Strab. VIII, p. 374; XIV, p. 616; Vitruv. II, 8; Steph. Byz. 
u. ^AXi^tif^vacaog» Auch das um Ol. 15 gegründete Sybaris war eine 
gemeinsame Colonie der Troizenier und Achäer: Aristot. pol. V, 3 (p. 
130, 22 ed. Bekk. min.). 

•) Ueber die Verfassung von Troizen sind wir leider nicht näher 
unterrichtet. In einer zu Ehren des Caracalla gesetzten Inschrift (C. I. gr. 
n. 1185) wird ein axQuzriyog tijg noXeog (sie) als eponymer Beamter 
genannt; in zwei Inschriften (C. I. gr. n. 1186 und Bulle tt. 1854 
p. XXXIV ') wird die ßovkij erwähnt, in der letzteren auch ein ap^/oc- 
TQOg t-^g TtolBwgy der zugleich das Amt eines Agoranomen verwaltet. 
In der älteren Zeit standen vielleicht monatlich wechselnde Prytanen 
wie in Halikarnasös (vgl. die Inschr. C. I. gr. n. 2656 und bei Newton 
A history of discoveries at Halicamassus etc. Vol. I pl. LXXXV, Vol. 
II p. 671 SS.) an der Spitze der Staatsverwaltung. 

8) Strab. VIII p. 373; Herod. VUI, 42: vgl. Suid. u. slg TQOttiiva 
und noayoiv; Paroemiogr. gr. edd. Schneide win et Leutsch II, 36 s. 

*) Paus. c. 32, 9 f.; vgl. die von mir im Rhein. Mus* n. F. XI, 
S. 321 ff. behandelte Inschrift aus Troizen: auch bei Paus. c. 30, 7 ist 
wohl ^itpa^a (für ^oißaCa) ICfiyri herzustellen. Einen Ort (oder Fluss) 



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1. Argolis: Ti'oiÄeiiia. 91 

Die Ebene von Troizen wird im Norden durch einen felsigen 
Höhenzug begränzt, mit welchem durch einen schmalen Isthmos 
eine mächtige, gegen Norden sich mehr und mehr verbreiternde, 
durchaus inselartig ins Meer vorgeschobene Bergmasse, zum gröss- 
ten Theii aus vulkanischem Gesteine (rothbraunem Trachyt) be- 
stehend, zusammenhangt, die noch jetzt wie im Altertum Methana^) 
genannt wird. Der Boden der Halbinsel ist, abgesehen von eini- 
gen kleinen Strandebenen, durchaus felsig; doch hat der Fleiss 
der Bewohner bis hoch afi den Gebirgsabhängen hinauf sorg- 
faltig die wenige Erde sammelnd Terrassen angelegt, auf denen 
besonders Wein und Gel gebaut wird. Schon an der Södostseite, 
wo das Gebirge noch aus dichtem Kalkstein besteht, findet sich 
eine kleine landseeartig abgeschlossene Bucht, deren Wasser ein^n 
starken Geruch von Schwefelwasserstoffgas verbreitet (daher jetzt, 
ebenso wie eine in der Nähe liegende kleine Ortschaft, ßQOfio- 
U^kvri^ 'der Stinksee^ genannt); in der Mitte der Nordkuste dringt 
unter herabgestürzten Trachytblöcken (nach Paus. c. 32, 1 erst 
seit den Zeiten des Makedonischen Königs Antigonos Gonatas) 
eine warme Quelle stark salzigen und schwefelhaltigen Wassers 
hervor, das offenbar im Altertum zu Heilbädern benutzt wurde. 

Der mit der Halbinsel selbst gleichnamige Hauptort lag 
au der Westseite Yj Stunde südwestlich von dem jetzigen Orte 
Megalochorio , auf einer steil aus emer kleinen Strandebene auf- 
steigenden Anhöhe, deren Bänder noch jetzt rings um mit den 
Resten der aus rothen Trachytblöcken erbauten Bingmauer be- 
seUt sind; die kleine an die Strandebene sich anschliessende 
Bucht war durch einen Hafendamm geschützt Ausserdem findet 
man noch an zwei Punkten der Ostküste (östlich von H. Theo- 



Sageov erwähnen nur Steph. Bjz. u. d. W. und Eustath. ad Dionys. Per. 
V. 420: vgl. Vibiuß Sequester p. 9, 9 meiner Ausgabe (im Zürcher Uni- 
versitätoprogramm 1867). 

<) Mi^ava Strab. p. 374; Paus. c. 34, 1; Ms^ijvri Ptol. III, 16, 
12; bei Thuk. IV, 46 (u. Diod. XII, 66) geben die Codd. Me&civri, was 
schon Strab. (a. a. O.) iv 'tiaiv dvtiyQccfpois fand : der Name hängt wohl 
mit iii^v (vgl. über den Weinbau auf der Halbinsel Paus. a. a. O. § 2) 
zusammen. Ueber die geognostischen Verhältnisse vgl. Fiedler Reise 
I, S. 257 ff. ; Landerer im Ausland 1861 , N. 52 und die S. 78, Anm. 2 
angeführte Schrift von Reiss und Stübel; über die von Strab. I, p. 59 
u. Ovid. Hetom. XV, v. 296 ff. geschilderten vulkanischen Erhebungen 
anch Curtins Pelop. I, S. 40 ff. 



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92 II. Peioponnesos. 

doros und südlich von Bromolimni) Ruinen kleiner befestigter 
Ortscharten, beide mit sicheren Ankerplätzen, und auf dem Isth- 
mos Ueberresle' der Ol. 88, 4 von den Athenern, welche die 
Halbinsel den Troizeniern entrissen halten, angelegten Befestigung, 
welche nicht nur im Mittelalter, sondern auch während des grie- 
chischen Befreiungskrieges wenigstens theilweise wiederhergestellt 
worden ist. ^) 

Vor der Ostküste des Troizenischen Gebietes liegt, nur durch 
einen schmalen Meeressund davon getrennt, eine grössere jetzt Po- 
rös genannte Insel, ein Kalksteingebirge, das offenbar ursprünglich 
die Fortsetzung des die Ebene von Troizen im Norden begrän- 
zenden Höhenzuges bildete: mit der Südwestseite desselben hängt 
durch einen ganz schmalen sandigen Isthmos eine kleine aus vul- 
kanischem Gestein (Trachyt) bestehende Halbinsel zusammen, auf 
welcher jetzt das durch mehrere Ereignisse des griechischen Be- 
freiungskampfes bekannte Städtchen Porös liegt. Die ganze Insel 
ist ohne Zweifel die alte Kalaureia, berühmt durch das Heilig- 
tum des Poseidon, welches seit den ältesten Zeiten der griechischen 
Geschichte den Mittelpunkt eines Bundes (Amphiktyonie) von sieben 
seefahrenden Staaten (Hermione, Epidauros, Aegina, Athen, Prasiä, 
Nauplia und Orchomenos in Boiotien) bildete,^) dessen Vorort 
wenigstens ursprünglich wohl Hermione war, woraus auch die 
Nichtbetheiligung von Troizen an demselben zu erklären sein 
dürfte: vielleicht halte die naturgemäss zum Gebiete von Troizen 
gehörige Insel einstmals den Gegenstand längerer Kämpfe zwischen 
den Nachbarslädten Troizen und Hermione (ähnlich wie Salamis 
zwischen Athen und Megara) gebildet, wekhe dann durch die 
Vermittelung befreundeter Seestaaten dahin beigelegt \\iirden, 
dass der Gegenstand des Streites eine Art neutrale Stellung er- 
hielt. Die politische Bedeutung des Bundes wiu*de jedenfalls durch 
den Eintritt der beiden mächtigsten dorischen Staaten, Ärgos und 



*) Vgl. die französ. Karte Bl. 13 und Curtius Pel. II, S. 440 f. — 
Ueber die von Paus c. 34, 3 erwähnten Inselchen des Pelops vgl. oben 
S. 77, Anm. 2. 

«) Strab. Vni, p. 369 und 373 s. (dessen von Steph. Byz. u. Ka- 
XavQSia nachgeschriebene Bezeichnung von Kai. als vriclSiov ooov 
tQidnovtcc axadCoav ^xov tov ntmXov einfach auf einen Irrtum in seinen 
Aufzeichnungen zurückzuführen ist); Paus. c. 33, 2; Scyl. Per. 62; Har- 
pokr. p. 105, 19 ed. Bekk. (vgl. oben S. 59, Anm. 2). 



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1. Argolis: Hermionia. 93 

Spartas, welche die durch ihre Schuld leer gewordenen Stellen 
von Nauplia und Prasiä einnahmen, aufgehoben, aber das Heiligtum 
bestand in hohem Ansehen, besonders durch das selbst von den 
Makedonischen Gewalthabern wenigstens formell respectirte Asyl- 
recht (das freilich die kilikischen Seeräuber nicht abhielt» es zu 
verwüsten)^), und noch jetzt findet man, nachdem die Ruinen des-, 
selben Jahrhunderte lang den Bewohnern von Porös, Hydra und 
andern Nachbarorten als Steinbruch gedient haben, ausgedehnte, 
wenn auch unscheinbare Reste desselben (einige Hauerzöge und 
Unterbauten) ^) auf einer breiten Hochfläche ungefähr in def Mitte 
der Insel, eine Stunde oberhalb der Küste. Die Stadt Kalaurea, ^) 
welche wahrscheinlich an der Stelle des jetzigen Städtchens Porös 
lag, scheint bis zu den Zeiten der römischen Herrschaft, ähnlich 
wie Delphoi, unter dem Schutze der Poseidonischen Amphiktyonie 
autonom geblieben zu sein; später wurde die Insel Eigentum 
der Troizenier. Diesen gehörten jedenfalls zu allen Zeiten die 
beiden ganz kleinen Inselchen südlich von Kalaureia, deren öst- 
lichere jetzt ein Fort, die westlichere ein Lazareth trägt: da auf 
der letzteren sich Reste einer alten Tempelanlage gefunden ha- 
ben, so ist dieselbe für die ursprünglich £(paiQ£a, dann 'Isqü 
genannte Insel, auf welcher ein Tempel der Athena Apaturia 
stand, zu halten.^) 

Der südöstlichste Theil der Argolischen Akte bildet eine be- Hirmionia. 
sondere, vielfach ausgezackte und in mehreren grösseren Fels- 
inseln nach Osten und Süden sich fortsetzende Halbinsel, als 



*) Paus. I, 8, 2 f.; Strab. p. 374; Plut. Demosth. 29; Pomp. 25. 
Grab des Demosthenes im Peribolos des Tempels: Paus. II, 33, 3. 

') Frühere Reisende haben noch Architekturstücke gefunden, aus 
denen sich ergiebt, dasa der Tempel in dorischem Stile erbaut war. 
Plan der Buinen bei Lebas Voyage arch^ologique Itineraire pl. 15, 
wiederholt bei Curtius Pelop. II, Tu. XVIII. 

s) Die Angabe von Curtius (Pel. II, S. 448): 'die Stadt der Kalau- 
reaten wird von den alten Schriftstellern nicht erwähnt', ist unrichtig, 
s. Scyl. Per. 52: v^cog iaxi KaXavqCu xal noUq %al Xifiijv. Für die 
Autonomie der Stadt zeugen die Inschriften Annali 1829, p. 155 (Sic- 
phani Parerga archaeol. IV: darin erscheint ein taiiiccg als eponymer 
Beamter); C. I. gr. n. 1188 und Rangabis Antiq. hell. n. 821 ^' (letztere 
sehr verderbt; Z^ 9 wird darin ein 'Agtsfiitiov erwähnt). 

*) Paus. c. 33, 1: vgl. Pouillon-Boblaye Recherches p. 59; Curtius 
S. 446 f. 



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94 n. Peloponncsos. 

deren Basis das nicht sehr l^ohe Aspro -Vuno^ eine südliche 
Verzweigung des Didymagebirges, zwischen der Bucht von Kastri 
im Osten und der Bucht Kiladia im Westen, betrachtet werden 
kann. Die ältesten Bewohner derselben, von denen wir Kunde 
haben, waren Karer, die sich wohl theits als Seeräuber, theils als 
Fischer, besonders von Purpurschnecken, ^) auf diesen Fekküsten 
angesiedelt hatten ; sie wurden verdrängt durch die Dryoper, welche 
entweder aus dem Spercheiosthale oder vom Parnass her aus 
der Gegend von Delphoi kamen und die ganze Küste vom Skyl- 
laeon bis nach Nauplia hin in Besitz nahmen: wahrscheinlich 
bildeten sie eine Tripolis, d. h. einen Bund von drei selbständigen 
Städten (Hermione, Eiones und Asinej, deren jede einige unter- 
thänige Ortschaften besass, mit Asine als Vorort. ^) Als nun Asine 
durch die Dorier von Argos zerstört und die Bewohner ausge- 
trieben worden waren (vgl. oben S. 60 f.) und als auch Eiones 
ein gleiches Schicksal, angeblich durch die Mykenäer, welche den 
Ort eine Zeit lang als Stapelplatz benutzten (Strab. VIII p, 373), 
erlitten hatte, erhielt sich Hermione allein als selbständige Ort- 
schaft und bewahrte, wenn es auch in manchen Beziehungen, 
wie namentlich in Hinsicht der Sprache, dem dorischen Einflüsse 
sich nicht entziehen konnte, doch namentlich in religiöser Hinsicht 
treu den alten dryopischen Charakter, knüpfte auch mit den 
nach Hessenien übergesiedelten Asinäern eine durch gemeinsame 
Opfer unterhaltene Verbindung wieder an.^) Sein Gebiet bildete 



*) Hermionischen Purpur erwühnt Plut. Alex. 36. 

«) Strab. VIII, p. 378; Diod. IV, 37; vgl. Paus. IV, 34, 9. üebri- 

^ gens kann auch eine Dryopische Tetrapolis hier wie am Oeta (vgl. 
Strab. IX p. 434) bestanden haben, wenn ausser den drei genannten 
noch Mases, das II. £, 562 neben denselben genannt wird, eine selb- 
ständige Stadtgemeinde war: oder gehörte etwa Nauplia, das sicher 
ursprünglich dryopisch war, zu diesem Bunde? 

*) Vgl. die Inschr. C. 1*. gr. n. 1198. — Aus dem SchiflFscatalog (B, 

' 559 flf.), wo die Drjoperstädte neben Argos, Tirjns, Troizen, Epidauros 
und Aegina als unter der Führung des Diomedes stehend erscheinen, 
darf man vielleicht schliessen, dass sie nach der Dorisirung von Argos 
eine Zeit lang im Abhängigkeitsverhältnisse zu diesem gestanden haben; 
doch könnte v. 567 wohl eine argivische Interpolation zum Behuf der 
Unterstüzung der Ansprüche der Argiver auf die Herrschaft über ganz 
Argolis sein. Jedenfalls war Hermione sowohl zur Zeit des Polykrates 
(Herod. III, 59), als zur Zeit des Perserkrieges (Herod. VIU, 48; IX, 



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1. Argolis: Hermionia. 95 

die alte Dryopis mit Ausnahme der von den Argivern und Epi- 
dauriern occupirten Partien, d. h. die Halbinsel südlich von der 
Ber^ette des Avgo-, Didymo- und Aderesgebirges» auf deren 
Rücken jedenfalls die Gränzen gegen Argos» Epidauros und Trot- 
zen hinliefen, und die in der Nähe der Küste liegenden Felsinseln, 
Ton denen es freilich Hydrea an Samische Piraten abtreten 
musdte, die es ihrerseits den Troizeniern übergaben (Herod. 
III, 59), Vielehe, wie schon oben bemerkt (S^ 86 f.), auch auf 
dem Festlande ein Stück althermionischen Gebietes sich annectirten. 
Von Damalas (Troizen) aus steigt man in 6 — 7 Stunden über 
den jetzt ganz kahlen Kamm des Aderesgebirges nach dem gegen 
drei Stunden östlich von Kranidi, dem jetzigen Hauptorte der 
Halbinsel, gelegenen Dorfe Kastri, das die Steile der Stadt Her- 
mion^) oder Hermion e einnimmt. Pausanias (c. 34, 6) kam atif 
diesem Weg zunächst noch in der Troizenischen Ebene an dem 
^Steine des Theseus' (ursprünglich Altar des Zeus Sthenios), dann 
auf dem Gebirge an einem Tempel des ApoUon Platanistios und 
an einem Oertchen Eileoi mit Heiligtümern der Demeter und 
der Kora vorüber: ob dieser jedenfalls schon zum Gebiet von 
Hermione gehörige Ort an dem jetzt Ilia genannten Platze (einer 
Hochebene am südlichen Abhänge der Aderes) lag, ist bei der 
öfteren Wiederkehr dieses Ortsnamens in Griechenland nicht zu 
entscheiden. Die Stadt Hermione soll nach Pausanias (eb. § 9 f.) 
ursprünglich auf der sieben Stadien langen und höchstens 2 — 3 
Stadien breiten Landzunge (jetzt mit dem albanesischen Namen 



28: vgL die Inschr. des Platäischen Weihgeschenks, Gewinde 9), des 
Peloponnesischen Krieges, wo es auf Seiten Spartas stand (Tbuk. II, 
56; VIII, 3] und später von Argos unabhängig. Paus. c. 34, 5 spricht 
von einer inot%£a der argivischen Dorier in Hermione offenbar nur aus 
Vermutung. Aus der Zeit des Pelop. Krieges stammt wahri^cheinlich die 
von Baumeister im Philol. IX, S. 180 und von mir im Bullettino 1854 
p. XXXin *» veröffentlichte Inschrift, welche Rechnungen über ver- 
schiedene öffentliche Ausgaben (B_auten und Gesandtschaften) enthält. 
Xenon Tyrann von Hermione legt Ol. 136, 3 die Tyrannis nieder und 
H. tritt dem achttischen Bunde bei: Polyb. II, 44. 

Die ältesten Zeugnisse (II. ß, 560 und Herod. VIII, 73) geben als 
Form des Ortsnamens 'E^/xtot^i}; bei den folgenden Schriftstellern wech- 
selt diese mit *Eq(ii(ov und zwar scheint im Nominativ die längere, in 
den Casus obliqui die kürzere Form vorwiegend gewesen zu sein. Die 
Inschriften geben nur das Ethnikon 'Efffiiovsvg, Steph. Byz. u. *£^- 
fticov führt als alten Namen der Stadt auch AccxiQSia an. 



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96 H. Peloponiiesos. 

histi, d. i. der Schwanz, benannt) gelegen haben, welche sich 
östlich von Kastri zwischen zwei Buchten (einer kleineren nörd- 
lichen und einer grösseren südlichen, dem jetzigen Hafen Rapßari) 
ins.Meer hinausstreckt, und erst später etwas weiter landeinwärts 
an den Fuss^ und Abhang des Berges Pron, der im Westen durch 
eine Einsattelung von einem längeren Bergrücken, dem Thornax 
oder ^Kukuksberge* (Koxxvyvov: s. Paus. c. 36, 2) der Alten, 
gelrennt ist, verlegt worden sein; doch ist dies schon' deshalb 
unglaublich, weil mehrere der bedeutendsten üeiligtömer, darunter 
das der Demeter Chthonia mit dem zur Unterwelt hinabröhrenden 
Erdschlunde, am Berge Pron lagen. Man wird also vielmehr anzu- 
nehmen haben, dass die Stadt zur Zeit ihrer höchsten Blute sich 
vom Abhänge des Pron, der die Akropolis bildete, bis zur äus- 
sersten Spitze der Landzunge erstreckte, allmälig aber bei Ab- 
nahme der Bevölkerung die Bewohner sich von der Landzunge 
nach, der Küste zurückzogen, so dass auf jener nur einige Hei- 
ligtümer und die Befestigungsmauern und Hafenbauten übrig 
blieben. Noch jetzt ßndet man zu beiden Seiten derselben Reste 
der alten Hafenbauten, an der Ostspitze die Ruinen eines runden, 
an der Nordseite die eines viereckigen Thurmes, auf dem östlicheren 
Plateau den über 100 Fuss langen und 38 Fuss breiten Unter- 
bau eines Tempels aus graublauem von weissen Adern durch- 
zogenen Kalkstein (jedenfalls des von Paus. a. a. 0. § 10 er- 
wähnten Tempeb des Poseidon)^) und weiter westlich zahlreiche 
andere antike Bautrümmer, unter denen man noch an der Süd- 
seite die Reste eines Theaters aus römischer Zeit erkennt. Pau- 
sanias fand auf diesem Theile der Landzunge noch verschiedene 
Tempel (zwei der Athena, an dere^ einem das Dach eingestürzt 
war, einen des Helios, einen der Chariten, und einen des Serapis 
und der Isis — letzterer ehi Beweis, dass diese untere Stadt noch 
in der alexandrinischen Zeit bewohnt war), die Fundamente eines 
Stadion und mehrere von Mauern aus rohen Steinen umschlossene 
Räume, in welchen der Demeter geheimnissvolle Opfer gebraclii 
wurden. Die obere Stadt begann höchstens vier Stadien von der 
Küste und zog sich von da, wie das jetzige Kastri, aber offenbar 
in weiterem Umfang, am Abhang des Pron empor, rings von einer 



*) £in tsQSvg d'sov TloatiSmvog erscheint in der späteren Inschrift 
C. I. gr. n. 1223. 



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1. ArgoHs: Hermionia. 97 

Mauer (?on weicher vielleicht die 50 Fuss lang oiTen liegende 
heDeniscbe Mauer, welche den Unterbau des jetzigen Schulhauses 
bildet, ein Rest ist) umgeben, mit zahlreichen Tempeln : so stan- 
den im unteren Theile die Tempel der Aphrodite (Pontia und 
Limenia als Hafengöttin genannt), der Demeter Thcrmasia, des 
Dionysos Melanaegis, der Artemis Iphigeneia, derHestia, drei Tempel 
des Apollon und ein Tempel der Tyche; höher hinauf am Pron 
das mit Asylrecht ausgestaltete Hauptheiligtum der Stadt, der 
Tempel der Demeter Chthonia, mit welchem ein ihm gegenüber 
liegender Tempel des Klymenos und eine zur Rechten angebaute 
Halle (der Echo) verbunden waren: hinter dem Haupttempet waren 
drei mit Steinmauern umgebene Plätze, der eine dem Klymenos 
(mit einem Erdschlunde, durch welcJien Herakles den Kerberos 
nach Hermionischer Sage emporgeführt haben sollte), der zweite 
dem Pluton geweiht, der dritte ^Acherusischer See' genannt. Die 
Stelle dieser ganzen Gruppe von Heiligtümern bezeichnet wohl 
ungefähr die jetzige Hauptkirche von Kastri {t(3v raliiciQXoav, 
d. i. der Erzengel), bei welcher zwei alte Säulen, einige Sculp- 
turfragmente und zahlreiche alte Werkstücke, auch zwei Steine 
mit Weihinschriften für Demeter, Klymenos und Kora liegen;^) 
bestimmter würde dieselbe wohl nur festzustellen sein durch Auf- 
Godung jenes Erdschlundes, der offenbar nach dem Volksglauben 
der Hermioneer eine directe Verbindung zwischen der Stadt 
und der Unterwelt bildete und als solche die Hermionischen Tod- 
tcn der Zahlung des Fährgeldes an Charon überhob.^) 

Aus der westlichen Ringmauer der Stadt führte ein Thor, 
in dessen Nähe innerhalb der Hauer ein HeiUgtum der Eileilhyia 
mit einem nur für die Priesterinnen schaubaren Cultbilde stand, ^) 
nach Mases, einer alten Ortschaft, die zur Zeit des Pausanias 
(s. c. 36, 1 (T.) zu einem blossen Hafenplatze von Hermione herab- 



«) 8. Antiali XXXIII p. 10; andere Weihinschriften, theils fiir De- 
meter Chthonia allein, theils für Demeter, Klymenos und Kora C. I. gr. 
n. 1193—1200; ein tsffsvs tov KXvfikivov ebd. n. 1220. Verwüstung des 
Demetertempels durch die Kilikischen Seeräuber: Plut. Pompei. 24. Be- 
schreibung der sämmtlichen im Texte erwähnten Tempel bei Paus, 
c. 34, 11—35, 10. Auf das Asylrecht des Demetertempels ist das Sprüch- 
wort uvd'* *Egtii6vog (s. Suid. u. d. W. ; Zenob. II, 22) zurückzuführen, 

2) Strab. Vm, p. 373. 

') Paus. c. 35, 11: vgl. die Inschrift Annali XXXlII, p. 11. 

BUS3IAK, QEOGB. II. 7 



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98 * 11. Peloponnesos. 

gesunken ^var. Wandte man sich sieben Stadien von Hermione 
von dieser Trasse ab zur Linken, d. b. gegen Süden, so gelangte 
man an die Stelle einer anderen alten Ortschaft, Halieis oder 
Ilalike, ursprünglich einer Niederlassung Ilermionischer Fischer 
und Salzsieder, die dann durch die Zuwanderung eines Theiles 
der vertriebenen Tirynthier (vgl. oben S. 58) verstärkt wurde, ^) 
zur Zeit, des Tansanias aber völlig verlassen war. Da sie als am 
Eingang des Argolischen Meerbusens gelegen bezeichnet wird 
(Scyl. PeripL 50), so kann man sie mit ziemlicher Sicherheit an 
der jetzt Porto Cheli genannten Bucht, an der ^Vestseite der 
südlichsten Spitze der Halbinsel ansetzen, an deren südlichem 
Ufer sich noch Grundmauern alter Gebäude ßnden; ein nördlich 
von der Bucht sich hinziehender ausgedehnter Salzsee (jetzt Ver- 
veronda genannt) gab den Anwohnern Gelegenheit zur Salzge- 
winnung. Die dieser Bucht im Norden entsprechende Bucht Ki- 
ladia, bei welcher sich ebenfalls einige antike Reste vorfinden, 
wird dann als der Hafen von Mases und der diese Bucht im 
Nordwesten begränzende Felsvorsprung als das Vorgebirge Stru- 
thüs (Paus. c. 36, 3) zu betrachten sein. Nicht zu bestimmen 
sind die Phiianorion und Boleoi genannten Plätze, zu welchen 
Pausanias (a. a. 0.) von Struthus aus, auf dem Rucken der Berge 
hingehend, gelangt,^} während die Ortschaft Didymoi, in welcher 
er Heiligtümer des Apollon, des Poseidon und der Demeter er- 
wähnt, mit Sicherheit in dem in einem kleinen Hochthale am 
südwestlichen Fusse des gleichnamigen Berges gelegenen Dorfe 
Didyma wiederzuerkennen ist, in welchem man noch einen tiefen 



') So ist offenbar der Ausdruck des Herod. VII, 137 *AXiiag rovg 
i% TCqvvd'og zu verstehen; vgl. Ephoros bei Steph. u. ^AUiiq, Nach 
Strab. p. 373 (vgl. Meineke Vindic. Strab. p. 120) wären vielmehr die 
vertriebenen Mideer nach Halieis gezogen. Die Angabe bei Steph. u. 
TiQvvSi Tiryns sei früher Halieis genannt worden, beruht offenbar auf 
Verwechselung. Schon zur Zeit des Strabon (s. p. 373) scheint keine 
eigentliche Ortschaft Halieis raehr bestanden zu haben, sondern die 
vereinzelten Bewohner der Küsten des Hermionischen Gebietes mit 
diesem Namen bezeichnet worden zu sein. Die gewöhnliche Form des 
Namens ist 'JXisigf bei Scyl. Per. ÖO *AXia (vgl. Hesych. u. 'AXia)t 
bei Thuk. II, 56 y^^AXtdg^ bei Paus. c. 36, 1 ^AXUri^ ^^^ Kallimachoö 
"'AXvnog (s. Steph. u. d. W.) 

») Die Entfernungsangabe auf 250 Stadien bei Paus, ist, wie schon 
Curtius (Pel. II, S. 464) bemerkt hat, gewiss irrig. 



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1. Argolis: Ilerinionia. 99 

wasserreichen Brunnen mit antiker Fassung, wie auch in einer 
Kirche der heiligen Marina östlich vom Dorfe eine Weihinschrift 
an Demeter findet.^) 

Den am weitesten ins Heer vorspringenden Zacken der Iler- 
mionischen Küste entsprechen im Osten und Süden mehrere In- 
seln, welche, wie schon bemerkt, wohl als submarine Fortsetzungen 
derselben zu betrachten sind. Zunächst sudlich vom Hafen Kap- 
pari (s. o. S. 96) greifen gegen Osten gleichsam zwei Felsscheeren 
vor, die in den Caps Steno und Musaki enden und eine kleine 
Bucht (jetzt Porto Kuverta genannt) umschliessen. Das Cap Musaki 
wird durchweinen kaum eine Viertelstunde breiten Canal (Strasse 
von Doko) von der fast ganz kahlen felsigen Insel Doko ge- 
trennt, die gegen zwei Stunden lang, an der breitesten Stelle 
gegen drei Viertelstunden breit, jetzt ohne regelmässige Bewohn- 
ung ist, obwohl eine tiefe Bucht an ihrer Nordseite den SchifTen 
einen sichern Ankerplatz bietet Die Strasse von Petasi (benannt 
nach zwei kleinen Inseln gleichen Namens, welche darin liegen) 
trennt diese Insel von der etwas über fünf Stunden langen, durch- 
schnittlich etwa eine Stunde breiten Insel Hydra, deren alba- 
nesische Bewohner, als die tüchtigsten und kühnsten Seeleute 
Griechenlands bekannt, vor der griechischen Revolution durch 
den von ihnen und den Bewohnern ihrer Schwesterinsel Spezzia^) 
fast ausschliesslich betriebenen Getreidehandel mit dem südlichen 
Russland zu bedeutendem Reichtum gelangt waren, der freilich 
durch die während des Befreiungskampfes von ihnen gebrachten 
Opfer fast ganz erschöpft worden ist. Die Insel besteht aus einem 
von Südwest nach Nordost streichenden Bergzuge, der fast überall 
entweder den nackten Fels zeigt oder mit unfruchtbarem alles 
Anbaues spottenden Geröll bedeckt, daher grösstentheils ganz 
baumlos ist; nur im westlichen Theile findet sich eine etwas 
fruchtbarere Strecke bei der sogenannten Episkopi, einem Metochi 
des auf der höchsten Spitze der Insel gelegenen Klosters des 
Propheten Elias: dort solien auch von Zeit zu Zeit einige alte 
Reste^ wie Gefässscherben und Säulenstücke, zum Vorschein kom- 
men. Die gegen 15,000 Einwohner zählende Stadt, in welcher 



1) S. Annali XXXIII, p. 11 s. 

*) Beide zusammen werden gewöhnlich mit einem der im Neugriech- 
ischen iiänfigen copulativen (Dvandva-) Composita ot ^TÖQatoanetaiwtai 
genannt. 

7* 



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100 IL Peloponnesos. 

sich keiue sichere Spur einer allen Ansiedelung vorfindet/) liegt 
ziemlich in der Mitte der Nordküste auf drei Hügeln und in den 
zwischen denselben nach dem Meere sich herabziehenden Thal- 
schluchten: die Strassen sind ausser dem unmittelbar am Meere 
gelegenen Marktplatz durchaus uneben, durch kahlen Felsboden 
oder trockene Betten von Giessbächen gebildet, das Ganze aber 
bietet, namentlich von der See aus, einen sehr malerischen An- 
blick dar. Sie hat ausser ihrem Haupthafen noch etwas weiter 
westlich einen Nebenhafen, Porto Handri; ausserdem bietet die 
Nordküste der Insel noch zwei Häfen dar, Porto Molo weiter gegen 
Westen und Porto Panagia östlich von der Stadt, wahrend die 
Südküste ganz hafenlos ist. Der Name Hydra ISsst uns nicht 
zweifeln, dass die Insel die alte Hydrea ist, welche den Hermio- 
neern von Samischen Piraten entrissen und von diesen den Troi- 
zeniern übergeben wurde; sonst schwebt über ihrer Geschichte im 
Altertum ein tiefes Dunkel und es ist uns nur der Name eines 
einzigen Hydreaten überliefert, des Euages, eines gänzlich unge- 
bildeten Hirten, aber guten Komödiendichters. ^) Die Insel Doko 
wird für die alte Aperopia, der im Cap Musaki endende Vor- 
sprung der Küste für das Vorgebirge Buporthmos, auf welchem 
Heiligtümer der Demeter und Kora und der Athena Promachorma 
standen, zu halten seinJ) 

Wie Doko und Hydra dem Cap Musaki, so entspricht der 
mehrfach ausgezackten Südspitze des Festlandes die durch 
einen fast drei Viertelstunden breiten Canal davon getrennte 
Insel Spezzia mit der südlich davon gelegenen kleinen und 
jeut ganz unbewohnten, auch hafenloscn Nachbarinscl Spezzia- 



<} Ich fand nur bei der am östlichen Ende der Stadt gelegenen 
Kirche der Analipsis ein ionisches SäuIencapitÄl von später Arbeit, den 
Stumpf einer uncanelirten Säule and eine Basis, endlich im Hause des 
Lehrers der hellenischen Schule eine mit einem Anthcmion bekrönte 
Marmorstele mit der Inschrift ÄBOvtixog Evßoiov 'EXaiovatog, Alle 
diese Stücke scheinen von anderswo hergeschafft zu sein, die Stele 
wahrscheinlich aus Attika. 

») Herod. III, 59; Steph. u. 'T^Qicc. Die jetzt gebräuchliche Form 
'^Tdga giebt schon Hesych. u. d. W., wo für ^oXotkov (v^aog svte- 
l^g J.) wohl jQVonoiv zu schreiben ist. 

*) Paus. c. 34, 8 f., vgl. oben S. 8G, Anm. 3. Aperopia wird sonst 
nur in der confusen Stelle hei Plin. N. h. IV, 12, 66 erwähnt. 



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1. Argolis: Hennionia. 101 

pulo. '] Die Vio Meile lange und gegen eine liaibe Meile breite 
Spezzia besteht ebenfalls aus einem Bergzuge, der aber, der Küste 
des Festlandes entsprechend, die Richtung ven Nordwest nach 
Südost hat; sie ist weit ebener und anbaufähiger als Hydra, na- 
mentlich ist die Nordseite, in deren östlichstem Thcile die von 
etwa 12,000 Menschen bewohnte Stadt liegt, fast ganz mit Bäu- 
men, Slräuchern und Getreidefeldern bedeckt. Von einer alten 
Ansiedelung ist, soviel mir bekannt, keine Spur auf der Insel ge- 
funden worden, so dass zu vermuthen steht, dass sie, wie die 
gegenüber liegende Küste, nur mit zerstreuten Fischerhütten besetzt 
war. Selbst ihr lintiker Name ist nicht mit Sicherheit zu be- 
stimmen; doch glaube ich, unter der oben S. 86, Anm. 3 erör- 
terten Voraussetzung, dass Pausanias die von ihm c. 84, 8 f. be- 
schriebene Küstenfahrt nach Hermione nicht vom Skyllaeon, wie 
er wohl in Folge einer Verwirrung in seinen Reisenotizen angiebt, 
sondern von einem Hafen der Westküste (Mases oder Halike) aus 
gemacht hat, mit Wahrscheinlichkeit in Spezzia die mit einem 
Uafen versehene Insel Haliussa, in Spezziapulo Pityussa, und 
in drei kleinen östlich von dieser gelegenen, jetzt namenlosen 
Inselchen Aristerae (wobei auch die Pluralform des Namens 
zu beachten ist) erkennen zu dürfen.^) Die vom Festland vor- 
tretende Spitze Kolyergia, welche Pausanias nach diesen Inseln 
nennt, ist dann die Südostspitze des Festlandes, das jetzige Cap 
Hylonas, und die darauf folgende Insel Trikrana die jetzt Tri- 
keri genannte, aus zwei durch einen Isthmus verbundenen Ber- 
gen bestehende unbewohnte Insef, welche gerade in der Mitte 
zwischen Spezzia und Hydra liegt. Zwischen Trikeri endlich und 
der Südwestjipitze von Hydra liegen noch mehrere kleine In- 



*) Beide zusammen heissen cc£ Znstaaig, mit welchem Namen aber 
gewöhnlich auch die Hauptinsel allein benannt wird. 

') Für die Beziehung des Namens *AXiov<t<t(t auf Spezzia spricht 
auch die Uebereinstimroung desselben mit dem der gegenüberliegenden 
Küste (AXiccg ytj), während die Annahme, Spezzia sei das von Plinios 
(a. a. O.) neben Aperopia, Colonis und Aristera erwähnte Ti- 
pare n o s , oder das von demselben unmittelbar vorher genannte £ p h y r e , 
ganz ohne Anhailt ist. Die «H^a Bovxsq>oiXa des Pausanias ist entweder 
das zunächst südöstlich von Porto Cheli vortretende Vorgebirge, oder, 
wenn er von Mases aus fuhr, das jetzige Cap Koraka nordwestlich vom 
Salzsee Yerveronda. 



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102 II. Peloponnesos. 

selchen, die jetzt gewöbiilicb mit dem Gesammluamen Erimo- 
iiisia (EgriiiovTJaia, v\üste Inselchen) bezeichnet >verden, zer- 
streut: für sie stehen uns ebenso wenig als für die weiter öst- 
lich, IV4 Seemeile von der Südköste von Hydra gelegene ^Kreuz- 
insel' {ZrnvQovijöL) antike Namen zu Gebote. 



2. Lakonien. 

Lakonike oder Lakedaemon nannten die Alten die Landscliart, 
welche sich im Norden in einer Breite von bAnahe acht Meilen 
an Argolis und Arkadien, im Westen in einer Länge von fünf 
Meilen an Arkadien unä Messeiiien anlehnt und an den übrigen 
Seiten vom Meere bespult wird, in welches sie gegen Süden zwei 
mächtige lange Gebirgszüge gleich gewalligen Armen hinausstreckt, 
wodurch zwei von Nord nach Süd allmäUg schmäler werdende 
Halbinseln entstehen, zwischen welchen sich eine weite Bucht 
(6 Jaxavcxog x6X,xog) ^) bis zum Südrande des mittleren Theiles 
der Landschaft nach Norden hineinzieht. Die beiden Gebü*gszüge, 
welche in ihrer ndrdlicheren Hälfte durch ein einziges Flusstbal 
geschieden sind, erstrecken sich ziemlich parallel vom äussersten 
Nordrande der Landschaft an in einer Länge von nahe an 15 
deutschen Meilen. Der ösUtchere bildet nur in seinem nördlichsten 
Thcile eine compacte Masse, die Fortsetzung des argivisch-arka- 
dischen Gränzgebirges, deren Gipfel sich bis zu der Höhe von 
1937 und weiter südlich von 1840 Meter erheben und die sich 
in bedeutender Breite mit stattlichen Vorbergen nach Osten und 
Westen abdacht: sie wird im Altertum mit dem an phokischc und 
uttische Gebirgsnamen anklingenden Namen Parnon,^) heut zu 
Tage mit dem slavischen Namen Malevos bezeichnet. Sowohl 



*) Strab. yiir, p. 362; Ptol. lÜ, 16. 9 u. a.; sinus Gytheates 
bei riin. N. h. IV, 5, 16, wie die Bucht noch heut zu Tage ^Golf von 
Marathonisi' (nach dem an die Stelle von Gytheion getretenen neueren 
Hafenplatze) heisst. 

*) Paus. II, 38, 7. Was die Etymologie der Namen UccQVtcaogj 
ndgvrjgy Uccgvoav anlangt, so steht darin, worauf mich mein Freund 
H. Schweizer aufmerksam macht, Tl wahrscheinlich ftr A, so dass die 
Namen eigentlich ^Horn, Hörnli* bedeuten und mit dem der 'A%aQväv6S 
(vgl. Bd. I, S. 107) zusammengehören. 



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2. Lakonici). 103 

an Höhe als an Masscnbaftigkeil stehen die südlicheren Forl- 
selzangen, für welche wir aus dem Altertum keinen Gesammt- 
namen kennen, wie auch heut zu Tage ein solcher nicht üblich 
ist, dahinter zurück: der Hauptzug nimmt eine mehr südöstliche 
Richtung, spaltet sich aber ungefähr auf gleicher Höhe mit dem 
NordrdAde des Lakonischen Meerbusens gabeiförmig in zwei Aeste, 
deren östlicher in das Cap Limenaria (nordöstlich von der alten 
Epidauros Limera), der westliche in die felsige Halbinsel Xyli 
(die Stelle des alten Kyparissiae) ausläuft; zwischen beiden zieht 
sich eine ganz flache fruchtbare Ebene (Leuke) hin. An die Süd- 
westseite des östlichen Astes schliesst sich eine neue Fortsetzung 
an, <lic Anfangs, von zahlreichen Engthälern durchbrochen, die 
ganze Breite der Halbinsel einnimmt, dann aber sich wiederum 
in zwei durch die Bucht von Vatika (im Altertum Busen von 
Boiae genannt) getrennte Zweige gabelt: der östlicliere, dessen 
höchster Gipfel (der jetzige Berg Krithina) die Höhe von 793 
Meter erreicht, endet im Südosten in dem berüchtigten steil 
gegen das Meer abfallenden Cap Malea, der westlichere, kürzere 
und niedrigere, bildet die in ihrem südlichsten Theile dieselbe 
gabelförmige Formation wiederholende Halbinsel Elaphonisi (aft 
Onu gnathos), welche jetzt durch Ueberflutung des schmalen 
Istbmos, durch den sie mit der grösseren Halbinsel zusammen- 
hängt, zur Insel geworden ist. Eine submarine Fortsetzung dieses 
westlicheren Zweiges scheint die Insel Cerigo (Kylhera) zu sein, 
welche durch eine 40 Stadien breite Meerenge (von den ilaliäni- 
schen Schifrern *la strada di Cervi' nach dem italiänischen Namen 
von Elaphonisi benannt) von .Elaphonisi getrennt ist. Ebenso er- 
kennen wir in einer Anzahl kleiner Inseichen südlich von Cerigo, 
unter denen Cerigollo (das alte Aegiia)') die bedeutendste ist, 
einzelne Glieder einer fortlaufenden Kette, welche die Südostspilze 
Lakoniens und dadurch den Pebponnes überhaupt mit der Insel 
Kreta verbindet. 

Weit mächtiger, massenhafter und grossartiger als dieser 
östliche ist der den westlichen Theil der Landschaft einnehmende 



*) AtyiXoL, 8. Meineke ad Steph. Byz. p. 41, 6 und C. MüUer ad 
Dionys. Perieg. v. 499. Ob derselben Insel der von Steph. p. 706, 3 
erwähnte Name "StyvXog (vgl. Meineke zu d. St.) zukomme, wie Kiepert 
(Topogr.-hist. Atlas von Hellas BI. XXIj annimmt^ ist mir sehr zwei- 
felhaft. 



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104 H. Peloponnesos. 

Gebirgszug, von den Alten Taygeton (auch Taygelos), ^) von den 
Byzanlincrn und Neugriechen nach der Form der Giprel seines 
minieren Theiles Peutedaktylon (Funffingergebirge) genannt, der 
vom südlichen Rande der Ebene des arkadischen Hegalepolis 
(bei dem jetzigen Leondari) bis zum Cap Taenaron hinab eine 
ununterbrochene Kette bildet, durch welche nur ein einziger sehr 
beschwerlicher Pass, die sogenannte Langada, der directeste, 
freilich nur für Fussgänger und Maulthiere passierbare Weg von 
Sparta nach dem Messenischen Kalamata (9—10 Stunden), hin- 
durchführt. Dieser Weg tritt gerade westwärts von Sparta, bei 
dem Dorfe Trypi, zwisclien den von reichen Quellen bewässer- 
ten und in Folge dessen mit Grün übericleideten, mit Obstbäumen, 
Oliven und Weinpflanzungen ^j bedeckten Verbergen in eine bald 
sich verengende Schlucht ein und führt in dieser als schmaler, 
zum Theil gefährlicher Pfad zwischen hohen Felswänden und steil 
abfallenden Betten von Giessbächen aufwärts in die höhere Re- 
gion des Gebirges, die noch mit mehreren Arten von Laubholz 
(besonders mit Nuss- und Kirschbäumen) und mit zum Theil sehr 
mächtigen Kypressen bewachsen ist und in welcher fioch, abseits 
von dem Wege, nicht wenige von Getreidefeldern umgebene 
Dörfer liegen. Aus dieser gelangt man in die Regton der Tannen, 
über welcher sich noch grüne Matten, in denen hie und da ein 
Quell wunderbar frischen Wassers emporsprudelt, hinziehen, über- 
ragt von zahlreichen kahlen Felskuppen, unter denen der ziemlich 
weit südlich von diesem Passe, oberhalb des jetzigen Xerokampo 
gelegene Gipfel des heiligen Elias ^) die bedeutendste Höhe (2400 

*) Vgl. Steph. Byz. p. 607, 10, der die Formen to Tocvystov (ionisch 
Trivystov) und 6 und 13 TavyBtog bezeugt : die Neutralform ist bei den 
Historikern und Qeographen weitaus die überwiegende. Die Plural form 
Taygeta scheint, abgesehen von Plut. De mul. virt. 8 (wo wohl nach 
dem sonstigen Gebrauche des Plut. to Tavystov herzustellen ist, wie 
dies Wölfflin bei Polyaen. VII, 49 nach den Spuren der Codd. getban 
hat), nur bei röm. Dichtern (vgl. Verg. Georg. II, 488; Stat. Achill. 1, 
427; Silv. IV, 8, 53) vorzukommen. 

*) Von diesen Vorbergen stammte offenbar auch der bei Thcogii. 
879 erwähnte Wein tov %OQvq>^g vno (so richtig Hecker für yiOQVtp^g 
ino der Codd.) Trivyitoio "AyLUBloi ijveyxav, da höher hinauf am Ge- 
birge kein Wein mehr gedeiht. Verschiedene Lakedämonische Wein- 
sorten erwähnt, nach Alkman, Athen. I, p. 31 <^. 

') Der antike Name dieses Gipfels ist nicht sicher festzustellen. 
Paus. III, 20, 4 erwähnt eine oiiiQci. tov Tccvyitov Talsxov^ welche 



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• 2. Lakonien. 105 

Meier) erreicht. Der Pass führt nördlich von diesen höchsten 
Kuppen über den Kamm des Gebirges in einer Einsattelung des- 
selben hinweg und steigt dann weniger steil als beim Aufstieg 
über die terrassenförmigen Absätze, in welchen sich der westlichste 
Theil des Gebirges nach der Ebene Hesseniens zu abstuft, hinab. ^) 
Südlich Ton der durch die höchsten Gipfel gekrönten Partie 
iritt ein Theil des Gebirges — meist anmuthige, mit Gebüsch 
und Wald bedeckte Hügel, auf denen die sogenannten Barduno- 
Choria liegen — weit nach Nordost vor und schliesst dadurch 
die Ebene von Sparta im Südosten bis auf einen schmalen Spalt, 
durch welchen der Fiuss ausströmt, ab. Die Hauptmasse des Ge- 
birges zieht sich gleichmässig in nordsüdlicher Richtung fort und 
bildet ostwärts in steilen, unwirthlichen Felszacken, westwärts in 
breiteren, durch kleine Buchten getrennten Felsstirnen, über wel- 
chen sich meist kleine anbaufähige Hochebenen hinziehen, gegen 
das Meer abfallend, eine durchschnittlich 2—3 Stunden breite 
febige Halbinsel (die Mdvri, auch xaxä ßowtd, 'die bösen Berge' 
genannt), an welche dann durch einen schmalen felsigen Isthmos 
eine kleinere, mehrfach ausgezackte Halbinsel angehängt ist, 
welche in dem Cap Matapan (Taenaron), der südlichsten Spitze 
der griechischen Halbinsel und einem der südlichsten Punkte des 
europäischen Festlandes überhaupt, endet. Der südlichere Theil des 
(»ebirges ist reich an verschiedenen Marmorarten, die zum grössten 
Theilc schon im Altertum ausgebeutet worden sind. Zunächst 
findet sich nahe dem eigentlichen Vorgebirge nördlich von der 



dem Helios geweiht war, dem man daselbst unter Anderem auch Pferde 
opferte, uiid eine zweite nicht weit davon entfernte EvoQCcgy wo viel 
Wild, besonders wilde Ziegen, vorkamen. Gegen die sonst nahe He- 
gende Identificirung des Taleton mit dem Gipfel des heiligen Klias 
sp|icht die Angabe des Paus., dass jenes 'oberhalb Bryseae' (das mehr 
als zwei Stunden nordwärts von Xerokampi lag) sich erhebe; der Name 
Euoras aber scheint nach der Schilderung des Paus, nicht bloss einem 
einzelnen Gipfel, sondern einem grösseren Theile des Gebirges zuzu- 
kommen. 

^} Ich habe bei meiner Durcbwanderung der Langada die sichere 
Ueberzeugnng gewonnen, dass die von einigen neueren Gelehrten auf 
Grand von Odyss. y, 491 ss. und o, 182 ss. aufgestellte Ansicht, es habe 
in der Zeit der achäischen Herrschaft hier eine fahrbare Strasse von 
Pherae (Kalamata) nach Sparta durch das Taygeton geführt, durchaus 
unmöglich is4> 



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106 / II. Pelopoiincsos. • 

Bucht Kisternaes eine starke Ablagerung schwarzen Marmors, der, 
wenn er polirt wird, schwarzgrau erscheint; weiter nördlich an 
zwei Stellen treten mächtige Bänke eines roth; grön und weiss 
gefärbten Marmors (mit gewellten Adern) zu Tage; endlich einige 
Stunden weiter nördlich oberhalb des Dorfes Damaristika sind 
sehr ausgedehnte Bruche des schönsten rothen Marmors (Rosso 
anlico), die neuerdings durch Prof. Siegel in Athen wieder in Be- 
trieb gesetzt worden sind. ^) Eine andere, gleichfalls schon von 
den Alten benutzte edle Steinart findet sich in dem gegen Nord- 
ost vorgeschobenen Theile des Taygeton, sud westlich von dem 
Dürfe Levetzova (dem alten Krokeae); ein schöner Porphyr von 
dunkellauchgruner Grundfarbe, dessen Schichten nur leider jetzt 
so zerklüftet sind, dass es schwer hält ganze Stücke von einem Fuss 
Breite und einigen Zollen Dicke zu gewinnen, wie er auch schon 
im Altertum nicht in grösseren Blöcken, sondern in einzelnen, 
an Form den Flusskieseln ähnlichen Stücken zu Tage gefordert 
wurde. ^) Ausserdem entliält das Gebirge an verschiedenen Stel- 
len Ablagerungen von Eisenocker, welche, wie die Eisenschlacken» 
die man noch an einigen Punkten bemerkt, sowie die Nachrichten 
der Alten von der Lakonischen Eisenfabrication^) beweisen, eben- 
falls von den Alten ausgebeutet worden sind. Endlich waren die 
Wälder, welche die höheren Partien des mittleren Gebirgsstockes 
oberhalb der Ebene von Sparta bekleiden, im Altertum sehr reich 
an Wild und boten dadurch den Spartiaten die beste Gelegenheit, 
ihrer Lieblingsbeschäfligung, der Jagd, obzuliegen. '^j 

Die beiden bisher geschilderten Gebirgszüge umschliessen in 
ihrer nördlichen Hälfte, von den Gränzen Arkadiens und der 



*) Vgl. meine Abhandlung ^üeber das Vorgebirg Taenaron» in den 
Abhandlungen der k. bayer. Akad. d. W. I Cl. VU Bd. HI Abth. S. 
773 flf., bes. S. 782 f. und 789 ff. « 

') Paus. III, 21, 4. Plin. N. h. XXXVI, 7, 55 rechnet das Gestein 
fälschlich zu den Marmorn. Vgl. Fiedler Reise I, S. 326 ff. 

^) S. bes. Steph. hyz, p. 407, 19 ff., woi?u Meineke auf Schneider 
Histor. rei metall. p. 26 ss. verweist. 

*) Vgl. Paus. III, 20, 4, nach welchem die Strecken zwischen den 
Kuppen Taleton und Euoras (vgl. S. 104, Anm. 3) at G^qccl genannt 
wurde. Die Lakonischen Jagdhunde waren berühmt: vgl. Aristot. Hist. 
anim. yi, 20; De gener. animal. V, 2; Pindar. frg. 73 Bergk; Xenoph. 
Cyneg. 9, 1; Poll. V, 37; Verg. Georg. III, 345; 405; Hör. Epod. 6, 6; 
Lucan. Phars. IV, 441. 



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2. Lakonicn. 107 

argiviscben Kynuria bis zum Lakonischen Meerbusen hinab, das 
Thal eines bedeutenderen Flusses, der wichtigsten Lebensader 
der Landschaft, dessen Lauf iin Wesentlichen derselben Richtung 
folgt wie jene beiden Gebirgszüge. Dies ist der Eurotas, jetzt 
Iri genannt, der an den südlichen Abhängen der Randgebirge 
des südöstlichen Arkadiens — wie die Alten behaupteten, aus 
denselben Quellen wie der Alpheios, der Hauptfluss des südlichen 
Arkadiens') — aus mehreren unscheinbaren Bächlein sich bildet 
und zunächst etwa vier Meilen weit als ächtei* Sohn des Gebirges 
lo schmalem Engthale rasch dahinströmt, bis er seinen bedeu- 
tendsten Zufluss, den Oinus (jetzt Kelephina) von Osten her 
aufnimmt. Von da an durchströmt er, immer noch in raschem 
Lauf, aber in breiterem, mit Oleandergebüsch umsäumten ßett 
und in mannigfaltigeren Windungen, eine fünf Stunden lange, 
zwei Stunden breite fruchtbare Ebene ^ die den natürlichen Mit- 
telpunkt der ganzen Landschaft und daher auch zu allen Zeiten das 
Centrum ihres politischen Lebens bildet, tritt dann in eine ganz 
enge Schlucht zwischen dem früher erwähnten breiten Vorsprung 
des Taygeton und den südwestlichsten Vorhöhen des Parnon im 
weiteren Sinne ein, den Aulon,^) durch welchen im Altertum 
eine zum Theil in die Felsen, welche die Ufer des Flusses über- 
ragen, eingeschnittene Fahrstrasse führte, endlich nach fast fünf- 
ätüiHÜgem, vielfach gewundenem Lauf in die ganz durch den Fluss 
geschalTene und fortwährend im Lauf der Jahrhunderte sich er- 
weiternde Alluvialebene, durch die er in den Lakonischen Meer- 
busen einmündet. Kaum 1% Stunde westlich von seiner Münd- 
ung ergiesst sich ein Fluss, der sich erst in der Mündungsebene 

») S. Strab. VI, p. 275; VIII, p. 343; Paus. VIII, 44, 3. Der Name 
EvQatag wird von den Neuem (vgl. Curtius Griech. Etymol. I, S. 319) 
wohl mit Recht auf die Wurzel PT ((ioa!) zurückgeführt. Die Sage 
machte ihn zum Sohne der Taygete (Stepb. Byz. p. 607, 12), weil er 
ja such vom Taygeton zahlreiche Zuflüsse erhält, oder des Myles (Paus. 
III, 1, 1) nach den Mühlen, die er treibt, oder auch des Leiex, des 
antochthonen Ahnherrn der ältesten Bevölkerung des Landes, und zum 
Vater der Sparte (Apollod. III, 10, 3). Der Name Bmfivytag^ den er 
nach Etym. M. p. 218, 19 in älterer Zeit geführt haben soll, nag« z6 
ßoog ßUKTid'iiov nagixnXtlaiov i%BiVy ist gewiss nur ein dichterisches 
Beiwort. 

•) Polyacn. U, 14, 1 : eine lakonische Stadt dieses Namens nennt 
Steph. Byz. u. AvXfov, Ueber die Spuren der alten Strasse s. I^eake 
Trayels in Morea I, p. 194. 



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108 II. Peloponiicsos. 

selbst bildet und bacli der Fülle klaren Wassers, die er nacb 
kurzem Lauf dem Meere zurohrt, von den Anwohnern ^dcr könig- 
liche Fluss' (Basilopotamos) genannt wird. Einige andere vom 
Wassersyslem des Eurotas unabhängige Flösse findet man im öst- 
licheren Theile der Ebene, die sich aber, bevor sie das Meer er- 
reichen, in den Sömpfen der Köstenstrecke (in der Gegend, v^o 
das alte Helos lag) verlieren: der bedeutendste darunter und 
überhaupt in Bezug auf die Länge seines Laufes der bedeutendste 
Fluss der ganzen Landschaft nächst dem Eurotas ist das vom 
Parnon herkommende Mariorrheuma , v\elcbes in diesem seinem 
modernen Namen (den antiken kennen wir nicht) den Namen 
der alten Ortschaft Marios, in deren Nähe es entspringt, bewahrt 
hat. Fast zahllos endlich ist die Menge der ausserhalb des 
Stromgebietes des Eurotas liegenden kleinen Bäche, besonders 
auf den beiden Halbinseln, deren meist sehr kurze Betten einen 
niclit unbeträchtlichen Theil des Jahres hindurch wasserlos bleiben. 
So klar und bestimmt auch, abgesehen von der Nordseitc, 
nach den andern Seiten bin die Gränzen der Landschaft von der 
Natur vorgezeichnet sind, so war doch die politische Begränzung 
derselben zu versohiedenen Zeiten sehr verschieden und schwank- 
end. Nach der einheimischen Tradition, welche den Autochlhoncn 
Lelex als den ersten Herrscher des Landes nannte und mit ihm 
die verschiedenen topischen Benennungen wie Eurotas, Taygeton, 
Lakedaemon, Sparta, Amyklae, Therapne genealogisch verknüpfte, 
müssen wir Leleger als die ältesten Bewohner des Landes be- 
trachtend) Schon damals aber bildete der Rücken des Taygeton 
keine Völkerscheide, sondern dieselbe Bevölkerung nahm die 
östlichen wie die westlichen Abhänge des Gebirges und die beiden 
unterhalb desselben gelegenen fruchtbaren Ebenen, die Spartanisclie 
sowohl als die Messenische, ein, wahrend der östlichere Theil der 
Landschaft, die Parnonhalbinsel bis zum Cap Malea hinab, im Be- 
sitz einer den ältesten Bewohnern von Argolis und Arkadien ver- 
wandten pelasgisch-ionischen Bevölkerung gewesen zu sein scheint, 
mit welcher wahrscheinlich auch Minyische Elemente sich ver- 
mischt haben. ^) Auch die Phoiniker, welche frühzeitig die Insel 
Kythera, behufs Ausbeutung der dort sehr ergiebigen Purpur- 

*) Paus. III, 1, 1 ff., dazu besonders Deimling Die Leleger 8. 117 ff. 

') Darauf führen mehrfache Spuren der alten Ortsnamen, wie Aso- 

poB, Kyparissos, Delion (Epidcliou) , Epidauros u. a. Die Erzählung 



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2. Lakouien, 109 

fischerej, in Besitz genommen haben, scheinen von dort aus Nieder- 
lassungen an einzelnen Kostenpunkten, besonders wohl der öst- 
lichen Halbinsel, gegründet zu haben. Dann unterwarfen sich die 
Achäer, jedenfalls von Argolis aus, die ganze Landschaft, die nun, 
wie bishei' mit dem westlicheren Theile Messeniens politisch ver- 
bunden, eine Art Lehensfürstentum des Reiches der Atriden bil- 
detet) Als dann die Dorier, offenbar vom südlichen Arkadien 
aus, wo sie der Widerstand der tapferen Bergbewohner vom Vor- 
dringen in das Innere dieser Landschaft zurückgehalten hatte, 
dem Laufe des Eurotas folgend in Lakonien eingedrungen waren 
und sich im nördlichsten Theile der mittleren Ebene festgesetzt 
hatten, unterwarfen sie sich allmählig und nach harten Kämpfen 
die Landschaft von der arkadischen Gränze bis zum Lakonischen 
Meerbusen, beziehentlich bis zum Vorgebirge Taenaron hinab in 
der Weise, da&s, mit Ausnahme des unmittelbaren Gebietes von 
Sparta, die altachäische , beziehentlich lelegische Bevölkerung 
nicht nur im Besitz ihres Grundeigentums, sondern auch unter 
der unmittelbaren Regierung ihrer einheimischen Fürsten gegen 
Zahlung eines bestimmten Tributs und Leistung der Heeresfolge 
an die Eroberer verblieb. So waren innerhalb der eben bezeich- 
neten Gränzen neben dem dorischen Staate Sparta fünf unter 
der Oberhoheit desselben stehende lakedämonische (Perlöken-) 
Staaten vorhanden, als deren Mittelpunkte wir durch Ephoros^) 



Ton der Ansiedelung der Minjer am Taygeton bei Herod. IV, 145 ff. 
darf gewiss nicht als historisch betrachtet werden, sondern ist hervor- 
gerufen durch das Bestreben, die Lakonischen Minyer mit denen von 
Lemnos und Thera zu verknüpfen. 

1) Von den Städten, deren Bewohner der Schiffscatalog (11. B, 581 ff.) 
als unter der Führung des Menelaos stehend aufführt, ist allerdings 
Oitjlos die westlichste; allein die sieben Städte, welche Agamemnon 
dem Achilles als Heiratsgut verspricht (II. f, 150 ff.), liegen sämmtlich 
weiter nach Nordwesten, so dass also wenigstens nach der Vorstellung 
des Dichters dieser Partie der Uias noch das ganze östliche, ja wenn 
die alte Identifidrung der Namen Aepeia und Pedasos mit den späteren 
Korone und Methone richtig ist, auch das südwestliche Messenien bis 
gegen Pylos hin unter der Herrschaft des Agamemnon stand. 

*) Bei Strab. VIH, p. 364, vgl. Curtius Pelop. H, S. 309 und Schäfer 
De ephoris Lacedaemoniis (Leipz. 1863), p. 5, welchem letzteren ich in 
der Bestimmung der fünften Ortschaft (Geronthrae statt Boiae, wie 
Curtius wollte: vgl. Paus. c. 2, 6 und c. 22, 6) gefolgt bin und auch 
darin beistimme, dass er die fünf Ephoren, ihrer ursprünglichon Bedeut- 



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110 11. Peloponnesos. 

folgende Orle kennen: Aegys, Amyklae» Pharis, Las und Ge- 
ronthrae. Es ist natürlicb, besonders bei der Herrschsuchl und 
dem Sti*eben nach polilischer Cenlralisalion, welche im doriseben 
Charakter liegen, dass dieser Zustand nicht von langer Dauer 
sein konnte, und so hören wir denn, dass die Spartiaten eins 
nach dem anderen dieser Lehensförstentümer , zum Theil wieder 
nach harten Kämpfen, durch welche ein Theil der alten Bevölk- 
erung zu Hörigen (EtXcDteg)^) berabgedröckt wurde, während 
die Uebrigen als nsQioixot freie, wenn auch aller eigentlichen 
politischen Rechte entbehrende Leute blieben; ihrer unmittelbaren 
Herrschaft unterwarfen. Bald drangen sie nun auch erobernd 
weiler gegen Osten wie gegen Westen vor : sie nahmen die ganze 
Parnonhalbinsel sammt der Insel Kylhera, die bisher unter der 
Herrschaft der Argiver gestanden hatten,^) in Besitz und entrissen 
denselben unter blutigen Kämpfen sogar die Kyiluria; sie über- 
schritten das Taygeton und machten die ganze blöhende Land- 
schaft Messenien zu Spartiatischem Zehentlande. Auch nordwärts 
suchten sie auf Kosten der Arkader ihre Gränzen zu erweitern, 
konnten aber hier in Folge des energischen Widerstandes, wel- 
chen namentlich die Tegeaten leisteten, nichts Beträchtliches 
gewinnen. Immerhin aber erstreckte sich in der Blütezeit der 
Spartanischen Macht, in der Zeit vom Ende des achten bis zum 
zweiten Drittel des vierten Jahrhunderts v. Chr., das Gebiet 
Spartas vom Argolischen bis zum Kyparissischen Meerbusen und 
umfasste zwei Fünftel des ganzen Peloponnes, so dass es nicht zum 
Verwundern ist, wenn die Spartiaten im stolzen Selbstgefühl sich 
als die natürlichen Führer nicht nur der Halbinsel, sondern 
auch von ganz Hellas betrachteten und wenn die übrigen 
griechischen Staaten, selbst Athen nicht ausgenommen, vom 
Glänze des spartiatischen Namens geblendet, nur schwer sich ent- 
schliessen konnten, ihnen im ofTenen Kampfe gegenüber zu tre- 
ten. Dieser Glanz verbleichte aber schnell, als zum ersten Male 

ung nach, als Gehülfen der spart. Könige zur Beaufsichtigung und 
Verwaltung eben dieser Bezirke, die früher unter achäischen Fürsten 
gestanden tiatten, betrachtet. 

^) Die Alten selbst leiten diesen Namen durchaus von der Ortschaft 
'^'EXog her, während manche neuere Gelehrte die Ableitung von eilov^ 
tXfiv vorziehen. Wofür man sich auch entscheiden mag, jedenfalls ist 
der Name aus einem ursprüngliclien '^EkjoTtg entstanden. 

«) Ilerod. 1, 82. 



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2. Lakonien. 111 

ein feindliches Heer, von Epameinondas gefuhrt, in Lakonien ein- 
gedrungen war und es bis zum Lakonischen Meerbusen hinab 
durchzogen halte (Ol. 102, 3), ein Zug, der den Spartanern nicht 
nur den schon bei Leuktra zerstörten Nimbus ihrer Unbesieg- 
barkeit, sondern auch die kleinere Hälfte ihres Gebietes kostete: 
Hessenien wurde ihnen entrissen und als unabhängiger Staat neu 
constituirt, und wenn auch Sparla niemals die Rechtsbeständigkeit 
dieser etwas schwächlichen Constitution anerkannt hat, so ist es 
ihm doch nicht gelungen, das Verlorne wiederzugewinnen. 
Weitere Verluste brachte ihm der unbeugsame, eines bessern Ge- 
schickes würdige Stolz, mit welchem es nach der Schlacht bei 
Chaeroneia Philipp H. von Makedonien, als Alles sich vor ihm 
beugte, entgegenzutreten wagte, indem durch dessen Machtspruch 
die Kynuria sammt einem Theile der Ostköste Lakoniens den Ar- 
givern, die Gränzdistricte gegen Arkadien (Belminatis und Skiritis) 
den Megalepoliten und Tegeaten, und eine beträchtliche Strecke 
Landes am westlichen Abhänge des Taygeton (der Bezirk von 
Denthalioi und der Küstenstrich bis zu dem Bache Pamisos hinab] 
den Messeniern zugetlieilt wurden.^) Zwar gelang es den Spar- 
tanern bald, einen Theil des Verlornen wiederzugewinnen; aber 
als dem kurzen Aufschwünge des durch Kleomenes HL verjüngten 
Staates die Schlacht bei Sellasia ein rasches Ende gemacht hatte 
und als Philopoimen, der unermüdliche und unversöhnliche Ge- 
gner Spartas, ^) an die Spitze des achäischeu Bundes getreten war, 
wurde ihnen nicht nur die Belminatis wieder entrissen (die ihnen 
indess später durch die Römer zurückgegeben ward), sondern 
auch die sämmtlichen Küstenstädte der Landschaft, de^en Be- 
wohner bisher Periöken gewesen und durch die von den Spar- 
tiaten verschmähten Erwerbszweige (Handel und Industrie) zum 
Wohlstand gelangt waren, wurden für unabhängig erklärt und 
diese ihre Unabhängigkeit durch den achäischen Bund, dessen 
gezwungenes Mitglied Sparta selbst eine Zeit lang war, garantirt. 
Nach der Auflösung des Bundes erhielt es zwar durch die Römer 
seine Autonomie, soweit von einer solchen in dieser Zeit über- 
haupt die Rede sein kann, zurück, aber die Periökenstädte blieben 



1} Tgl. A. Schäfer Demosthenes und seine Zeit III, 1, S. 38 ff. 

*) 'Philopoemen — auctor semper Achaeis minuendi opes et aucto- 
ritatem Lacedaemoniorum' Liv. XXXVIII, 31. Ueber die Belminatis vgl. 
ebds. c. 34. 



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112 n. Peloponnesos. 

selbsldndig und vereinigten sich, nachdem die Wiederherstellung 
der landscbafllichen Siaatenvereine von Rom aus gestattet worden 
war, zu einem Bunde, der 'Gemeinschaft der Treien Lakonen' 
(td xoLvov tdiv ^Eksvd'egoXaxcSvmv) , welcher durch Augustus 
förmlich anerkannt wurde und noch im zweiten Jahrhundert n. Chr., 
wenn auch mit verminderter Mitgliederzaht (18 statt 24), bestand. ^ j 
Die Spartaner erhielten von Augustus, wahrscheinlich durch die 
Vcrmittelung von dessen Günstling C. Julius Eurykles, der eine 
Zeit lang als eine Art Tyrann in Sparta regierte, ein Stuck des 
östlichen Messeniens mit den Städten Thuria und Pharae zum 
Geschenk, allein Tiberius sprach nicht nur diese, sondern auch 
den östlich, davon gelegenen Bezirk von Denthalioi den Messeniern 
wieder zu und setzte die Wasserscheide des Taygeton, weiter 
südlich eine enge von einem Glessbach durch/Iossene Schlucht 
(die x^t^io^ vdjtti) zwischen den Stadien Gerenia und Abiae als 
Gränzscheide zwischen Messenien und Lakonien fest.^) 

im dritten und vierten Jahrhundert wurde Lakonien, insbe- 
sondere das Eurotaslhal, durch verheerende Einbrüche der Go- 
theo (267 und 395), seit dem achten Jahrhundert durch slavische 
Stamme, die sich namentlich am Taygeton dauernd ansiedelten, 
heimgesucht, später wechselte sein Besitz zwischen Byzantinern, 
Franken, Türken und Venezianern bis zur Stiftung des König- 
reichs Griechenland.^) 
Rufotasthai. Die topographische Schilderung Lakoniens beginnen wir mit 
dem Flussgebiet des Eurotas, d. h. der von diesem Flusse und 
seinen Nebenflüssen (unter denen freilich nur der Olnus ein 
eigenes zur Anlage einer Stadt brauchbares Flussthal besitzt) 
durchströmten Land-, beziehentlich Gebirgsstriche. Das obere Eu- 
rotasthal, welches gegen Osten durch meist unmittelbar an das 



*) Paus. III;) 21, 6 /. (zu dessen Zeit folgende Orte selbständige 
ßundesglieder waren : Gytheion, Teuthrone, Las, Pyrrhichos, KaenepoHs, 
Oitylos, Leuktra, Thalamae, Alagonia, Gerenia, Asopos, Akriae, Boiae, 
Zarax, Epidauros Limcra, Brasiae, Geronthrae, Marios); vgl. Strab. VIII, 
p. 360; C. I. gr. n. 1389; H. Sauppe in den Nacbrichten von der G. A. 
Universität und der Göttinger Gesellschaft d. Wiss. 1865, N. 17, S. 461 ff. 
Dasselbe ist td noivov tmv Aa^sSaif^ovioDV C. I. gr. n. 1335. 

») Paus. IV, 1, 1; 30, 2; 31, 1; Tac. Annal. IV, 43; vgl. Ross Rei- 
sen I, S. 3 ff. 

>) Vgl. die Uebersicht bei Ciirtlas Pelop. I, S. 84 ff. und II, 
S. 214 f. 



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2. Lakonien: Eurotaslhal. 113 

Flussufer hinantretende rauhe Berge begränzt wird, während von 
Westen her die durch kleine Bäche getrennten Vorhöhen des 
Taygeton allmälig gegen den Pluss absteigen und Raum für eine 
Heerstrasse am rechten Ufer lassen, bildete das Gebiet von drei 
für die Vertheidigung des Zuganges zum Herzen der Landschaft 
sehr wichtigen Periöicenstädten und wurde daher mit dem Na- 
men Tripolis bezeichnet.') Die nördlichste derselben war Be- 
iemi na (auch Belmina oder Belbina geschrieben], deren Ge- 
biet, die wasserreichste Gegend von ganz Lakonien, von den Ar- 
kadern als ursprünglich arkadisches, von den Lakedaemoniern in 
alter Zeit widerrechtlich annectirtes Land reclamirt und auch 
zeitweise occupirt wurde (vgl. oben S. 111): der natürlichen 
Gränzscheide nach mit Unrecht, da es zum Stromgebiet des Eu- 
rolas, nicht des Alpheios -gehört ^) Der Ortschaft selbst, in deren 
Nähe ein Heiligtum des Hermes (1Eqiu:ciov) stand, gehören wahr- 
scheinlich die Ruinen südlich von dem Dorfe Petrina, westlich 
von dem quellenreichen, von mehreren sich vereinigenden Bächen 
umflossenen Berge Chelmos an; ein mittelalterliches Castell, 
dessen Mauern thellweise auf hellenischen Fundamenten ruhen, 
auf dem Gipfel dieses Berges scheint die Stelle einer alten Be- 
festigung zum Schutze der an der Südseite des Berges hinfüh- 
renden Heerstrasse von Megalepolis nach Sparta einzunehmen.^) 
Diese Sti*asse zieht sich zunächst etwa 2^^ Stunden lang ober- 
halb des rechten Flussufers auf den Vorhöhen des Taygeton hin, 
bis sie eine nicht unbedeutende Ebene, die grösste des obern 



'Tripolin Laconici agri qui proximus finem Megalopolitanim est' 
Liv. XXXV, 27 : da nun nach Polyb. IV, 81 auch Pellene zur Tg^noXig 
g^ehörte, so scheint dieselbe von der Gr&nze von Megalepolis bis in die 
Nähe der Einmündung des Oinus sich erstreckt zu haben. 

«) BBlsfiiva Paus. III, 21, 3; VIII, 35, 3; Bslfiiväris ;t<ö^a Polyb; 
II, 54, was wohl auch bei Strab. VIII, p. 343 und Ptol. III, 16, 22 (für 
BXsfi) herzusteUen ist; BiXßi.vaF\nt,C\eomA; Hesych.undSteph.u. d.W.; 
ager Belbinates Liv. XXXVIII, 34. Ob auch mit dem von Paus. 
VIII, 27, 4 erwähnten BXiviva dieselbe Ortschaft gemeint ist (vgl. Cur- 
tius Pelop. I, S. 337), ist ganz unsicher. 

^ Han könnte an das 'Ad'j^vaiov denken, das nach Plut. Oleomen. 
4 Jtegl Tijv BiXßivcev — if^ßoXrj zfjg Aa%<opi%7Js war; allein aus Polyb. 
II, 46; IV, 87; 60; 81 verglichen mit Pausanias VIII, 44, 2 sieht man, 
daas dies nördlich vom Ohelmos am Wege von Megalepolis nach Asea, 
also auf arkadischem Gebiet lag. 

BUSSIAH, GEOGR. II. 8 



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114 If. Peloponnesos. 

Eurotaslhales, erreicLt» die sich in verschiedeuer Breite aur beiden 
Ufern des Flusses über eine Stunde weit von Nord nach Süd 
erstreckt. Den nördlichen Abschluss derselben bildet ein vom 
Taygeton nach dem Eurotas sich hinziehender niedriger Hügel- 
rücken zwischen den Dörfern Georgitzi und Pardali, auf welchem 
die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses auf hellenischem Un- 
terbau stehen und unterhalb dessen man auch in der Ebene Reste 
einer alten Ortschaft findet. Ohne Zweifel war dies die zweite 
Ortschaft der Tripolis, wahrscheinlich das alte Aegys, das sehr 
frühzeitig durch die Spartiatischen Könige Archelaos und Charillos 
zerstört, dessen Name aber (Aegytis) der ganzen Gegend zu 
beiden Seiten des oberen Taygeton, die halb zu Arkadien halb 
zu J^konien gehörte, geblieben war: an die Stelle des alten 
Hauptortes scheint später Karystos, eine durch ihren Weinbau 
bekannte Ortschaft, getreten zu sein. ^) Im Süden wird jene Ebene 
abgeschlossen durch den breiten nach Westen vortretenden Berg 
von Vnriia, dessen westlicher Fuss fast unmittelbar vom Eurotas 
bespült wird, während die Strasse nahe dem rechten Ufer zwi- 
schen diesem und den Vorhügeln des Taygeton hinläuft Auf 
zwei gegen Nordwest vorgeschobenen Höhen des Berges von 
Vurlia liegen zwei einzelne Kapellen (des heiligen loannis und 
des heiligen Dimitrios), östlich davon in einer Schlucht Reste eines 
mittelalterlichen Castells; am westlichen Fusse jener Höhen ent- 
springen zwei sehr wasserreiche Quellen, welche zusammen einen 
kleinen Teich bilden und dann in den Eurotas abfliessen. Eine 
halbe Stunde weiter südlich findet man Spuren aller Mauern, die 
sich quer über den Weg ziehen, also olTenbar einer auf förm- 
lichen Verschluss der Strasse abzielenden Befestigung angehören; 
Reste einer zweiten Befestigung von geringerer Ausdehnung (wohl 
eines blossen Wartthurmes) finden sich wieder eine halbe Stunde 
weiter südlich in der Nähe der noch eine starke Stunde von 
Sparta entfernten neueren Eurotas-Brücke {tov Konavov ro y£- 
(pvQLj, über welche jetzt der Hauptweg aus dem Eurotas- pach 
dem Oinusthale (über den südlichsten Theil des Berges von 
Vurlia) und weiter nach dem südöstlichen Arkadien führt und die 
füglich als der Abschluss des oberen Eurotastbales betrachtet 



«) Paus. III, 2, 5; VIII, 34, 5; Strab. VIII, 364; X, 446; Polyb. 
II, 64 (wo die Alyvxig u. Bil^ivcixig tmQOt verbunden sind) ; Steph Byz. 
u. Alyvi: vgl. Viseber Erinnerungen S. 401 f. 



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2. Lakonien: Eurotasthai. 115 

werden kann. Jene Hauerspuren gehören wahrscheinlich dem 
TonPausanias (lil, 21, 2) erwähnten xa(fdx(oiia an, einem Bollwerke 
zum Schutze der Ebene von Sparta g^en Einfälle von Norden 
her, und auf dem nordwestlichsten Theile des Berges von 
Vurlia wird Pellana oder Pellene zu suchen sein, die dritte 
Stadt der Tripolis, von welcher Pausanias (a. a. 0.) nur noch ein 
Heiligtum des Asklepios und zwei Quellen, Pellanis und Lankeia 
genannt» der Erwähnung werth findet.^) Ungefähr gegenüber der 
vorauszusetzenden Stelle der Stadt findet man in der Nähe des 
rechten Flussufers Reste einer auf Bogen ruhenden Wasserleitung, 
welche in der römischen Zeit von den Vorbergen des Taygeton 
Wasser nach Sparta föbrte. Da wo der Eurotas mit einer plötz- 
lichen Wendung gegen Osten den sudlichen Fuss des Berges von 
Vurlia umfliesst, um sich dann bald wieder gegen Süden zu 
wenden, bemerkt man in einer hart an das rechte Ufer des Flusses 
binantretenden Felswand eine natürliche Höhle und darunter eine 
künstlich ausgehauene Nische,« in welcher Neuere das Grab des 
ScbnelUäufers Ladas, der, nachdem er zu Olympia im Dauerlauf 
gesiegt hatte, auf der Heimreise starb und auf dem Platze, wo 
der Tod ihn ereilte, bestattet wurde, haben erkennen wollen: 
aDein da die Entfernung von hier nach Sparta höchstens IV2 
Stunde beträgt, das Ladasgrab aber nach Pausanias (IH, 21, 1} 
50 Stadien von der Stadt entfernt war, so ist dies wohl weiter 
nördlich auf einer der Vorhöhen des Taygeton westlich über der 
Strasse zu suchen; in jener Felsnische stand vielleicht das Bild 
der Aedo, welches die Tradition als vom Ikarios beim Abschied 
von seiner Tochter Penelope gestiftet bezeichnete.^) 

Der Oinus*) (jetzt Kelephina), durch dessen Zutritt die Was- 
sarmasse des Eurotas beträchtlich vermehrt und sein Bett ver- 



») Vgl. über Pellene (das Strab. VIII, p. 386 durch die Form tu 
niXlavu von der achäischen Stadt unterscheidet) ausser Paus. a. a. O. 
Polyb. IV, 81; XVI, 37; Xenoph. Hell. VH, 6, 9. Der von Plut. Agis 8 
erwähnte x''^9^^(f^9 natä IlsXXriVrjv ist wahrscheinlich der um den nörd- 
lichen Fuss des Berges von Vurlia herum dem Eurotas zufliessende Bach. 

•) Paus. c. 20, 10. Gegen die von Leake, Ross und Curtius be- 
folgte Ansetznng des Ladasgrabes erklärt sich auch Vischer Erinne^ 
mngen S. 401, Anm. ♦♦♦ 

*) Nach Plut. Lycurg. 6 (vgl. Pelopid. 17) hatte er früher den Namen 
Kva%iwv (vgUHerodian. nzql ftov. U^. p. 17,22) geführt; vgl. jedoch unten 
B, 120. Unsicher ist die Lage des durch seinen Weinbau bekannten Stadt- 

8* 



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116 n. Peloponnesos. 

breitert wird» hat seine Hauptqueilen am nordwestlichen Abhänge 
des Parnon, wo in der Römischen Zeit die Gränzen von Lakonien, 
Arkadien und Argolis, durch Hermen bezeichnet, zusammensliesseu. 
Die noch jetzt mit dichtem Eichengebüsch bedeckte Gegend war 
im Altertum von einem ausgedehnten Eichenwald eingenommen 
und führte darnach den Namen Skotitas: ein Heiligtum des 
Zeus Skotitas stand eine halbe Stunde östlich seitwärts von der 
im engen Flussthal hinführenden Strasse aus der argivisclien 
Kynuria nach Sparta J) Ungefähr drei Stunden von der Gräoze 
erweitert sich das Thal zu einer nur zehn Minuten breiten und 
eine Viertelstunde langen, rings von Bergen umschlossenen Ebene, 
durch welche ein kleiner Seitenbach, der Gor gy los, von Westen 
her dem Oinus zufliesst: hier trifit die gerade von Norden her 
kommende Strasse von Tegea nach Sparta mit der argivischen 
zusammen, so dass die Sicherung der kleinen Ebene für Sparta 
von höchster Wichtigkeit sein musste. Diese Aufgabe erfüllte bis 
zum Untergange der Selbständigkeit Spartas die stark befestigte 
Stadt Sellasia, von deren Ringmauern sich noch jetzt bedeu- 
tende Resle auf dem umfangreichen 831 Meter hohen Plateau des 
unmittelbar über dem rechten Ufer des Oinus aufsteigenden, die 
kleine Ebene im Süden abschliessenden Berges finden : der etwas 
höhere nördliche Theil des nach Süden zu sich etwas absenkenden 
Plateaus bildete die Akropolis. Die Stadt ist wahrscheinlich in 
Trümmern liegen geblieben seit dem Jahre 221 v. Chr. (Ol. 
139, 4), wo sie von König Antigonos Doson von Makedonien zer- 
stört wurde, nachdem sie schon 50 Jahre früher (Ol. 102,3) von 
den Tbebanern und vier Jahre darauf (Ol. 103, 3) von den La- 
kedaemoniern zur Strafe für ihren Abfall von Sparta verheert wor- 
den war. Die vorher erwähnte kleine Ebene nebst den Abhängen 
der sie begränzenden Berge (des Ena s im Südwesten, des Olym- 
pos im Osten) war der Schauplatz der für Spartas Selbständig- 
keit verhängnissvollen Schlacht zwischen Antigonos Doson und 
Kleomenes III von Sparta, deren nächste Folge eben die Zerstör- 

chens Oinus (Steph. Byz. u. Ohovs; Alkman bei Athen. I, p. 31^), da die 
Worte des Athen, a. a. O.: %(oqla d\ tavta nlrialov Tlitävrjg sich jeden- 
falls nur an f die zuletzt genannten Orte Onoglaund Stathmoi beziehen. 
*) Paus. c. 1, 1; 10, 6; Polyb. XVI, 37; vgl. Rosa Reisen I. S. 
173 ff. Steph. Byz. u. Z%otivd giebt, mit Berufung auf Pausanias, als 
Namen des Ortes £yLOti.vu und Zsvg Z%oxiväq. 



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2. Lakonien: Eurolasllial. 117 

ung Sellasias durch Anügonos war. ^) Die alte Strasse nach 
Sparta führte wahrscheinUch nicht wie die jetzige westlich von 
Sellasia über den Berg ?on Vurlia, sondern folgte wohl von der 
kleinen Ebene aus noch eine beträchtliche Strecke dem rechten 
Ufer des Oinus in dem engen Thale, gieng dann da, wo derselbe 
einen nicht unbedeutenden Nebenfluss von Osten her aufnimmt, 
auf das linke Ufer hinüber und stieg nun über den Berg Thor- 
nax, auf dessen südlichstem Vorsprunge ein Heiligtum des Apol- 
lon Pythaeus lag, zu \\elchem ein geräumiges Temenos in der 
Ebene gehörte, nach dem Eurotastbale hinab. ^) 

Zwischen den Engthälern des obern Eurotas und des Oinus 
zieht sich ein rauhes und kahles HcN^hland hin, von zahlreichen 
Schluchten durchschnitten, ohne irgend welche grössere Ebene: 
die Skiritis, bewohnt von dem kriegerischen, ursprünglich arka- 
dischen Stamme der Skiriten, der oflenbar erst nach langem 
Widerstände und unter besseren Bedingungen als die übrigen 
Periöken — die Skiriten bildeten eine besondere Heeresabtheilung, 
welche in der Schlacht jederzeit den linken Flügel, auf dem 
Harsche die Vorhut ausmachte -— der Herrschaft der Spartaner 



Polyb. II, 65 ff., daru Rosa Reisen I, S. 181 ff. und Vischer Er- 
ionerung^en S. 360 ff. Dass der Name der Stadt sowohl SfXccaia 
als auch Zsllaöicc geschrieben wurde , sieht man daraus , dass Steph. 
Byz. diese beiden Formen als zwei verschiedene Artikel in sein 
Lexikon aufgenommen hat. Ob der Beiname der Artemis Selasia mit 
dem Namen der Stadt zusammenhängt, wie Hesyoh. u. SeXaaia an- 
sieht, möchte ich nicht entscheiden, ebenso wenig ob unter dem bei 
Liv. XXXV, 27 und 30 erwähnten Berge Barbosthenes (Barnosthenes 
wiU Cartius Pelop. II, S. 321) die östliche Fortsetzung des Olympos, 
der jetzige Berg von Vresthena, zu verstehen sei. 

») Polyb. II, 65; Paus. c. 10, 8; Steph. Byz. u. Sogva^; Xen. Hell. 
VI, 5, 27. Da auch ich in den Marmorfundamenten auf dem Vorsprunge 
des Hügels oberhalb Pavleika (s. Curtius Pel. II, S. 321) Reste des 
Apollonheiligtums erkenne, so kann ich den Thomax, auf welchem 
Bach Paus. a. a. O. und Herod. I, 69 das altertümliche Cultbild des Gottes 
stand, nicht, wie gewöhnlich geschieht, für den auf dem rechten, son- 
dern nur für den über dem linken Ufer des Flusses sich erhebenden 
Berg halten. Die topographischen Angaben des Zenon bei Polyb. XVI, 
16 waren offenbar schon dem Polybios selbst unklar: man könnte den 
Hoplites für den von Osten her in den Oinus mündenden Bach hal- 
ten, allein die Strasse kann nie längs dieses hingeführt haben; die 
otiVTi odog nttQci to HoXiccoiov dagegen kann wohl die Strasse in dem 
engen Thal des Oinus sein. 



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118 If. PelopoDoesos. 

sich gebeugt halle und gleich beim ersten Einfall der Thebaner 
in Lakonien sich wie seine alten Slammgenossen , die südlichen 
Arkader, diesen anscliloss, freilich ohne Erfolg für seine politische 
Selbständigkeit. Die Wichtigkeit dieses Districls für Sparta be- ' 
ruht darauf, dass durch denselben die von der Natur vorgezeicli- 
nete, daher noch heut zu Tage übliche, wenn auch wie die 
meisten Strassen in Hellas nur für Saumlhierc gangbare Strasse 
von Tegea nach dem mittleren Eurotaslhale führt. Von dem 
noch auf arkadischem Gebiete (in der Gegend des alten Phylakae) 
gelegenen Khan von Krya Vrysis geht der noch jetzt den stolzen 
Namen einer ^dri(io6ia* (Heerstrasse) tragende Weg an einem der 
den Alpheios bildenden Bachlein aufwärU in die Berge, wo man 
noch auf eine ziemliche Strecke die alten in den Felsboden eia- 
geschnittenen Wagengeletse erkennt, bis zur Wasserscheide und 
von da durch den engen und rauhen Pass Klisura abwärts 
bis zu der vier Stunden von Krya Vrysis entfernten kleinen Ebene 
von Sellasia, in welcher er mit dem aus der Thyreatis kommenden 
Wege zusammentrüTt. Wahrscheinlich am südlichen Ausgang 
der Klisura, gerade halbwegs zwischen Krya Vrysis und Sel- 
lasia, lag das Caslell Oion, die einzige uns bekannte Ortschaft der 
Skiritis, die wohl erst von den Spartanern zur Sicherung des 
Passes angelegt worden war, während die Skiriten ursprünglich 
in offenen Weilern wohnten. ^) Bedeutender als Oion, aber aus- 
serhalb der eigentlichen Skiritis, war die auf einem ilachen Hügel 
zwischen zwei zu einem Nebenflusse des Oinus sich vereinigenden 
Bächen (eine Stunde westlich von dem grossen Dorfe Arachova) 
gelegene Periökenstadt Karyae, ebenfalls ursprünglich zu Arka- 
dien gehörig, dann ein wichtiger Gränzposten Lakoniens, indem 
sie die auch für Heere gangbare Strasse von den Quellen des 
Alpheios, d. h. aus der Tegeatis, nach dem Oinusthale bewachte. 
Je bedeutungsvoller so der Besitz dieser Stadt für Sparta war, 
desto härter strafte es ihren Abfall beim Einbruch der Thebaner: 
der König Archidamos eroberte (Ol. 103, 2) dieselbe mit Gewall 
wieder und Hess alle die, welche dabei lebendig in seine Hände 
fielen, tödten. Ausser seiner strategischen hatte der Ort auch 



«) Xenoph. Hell. VI, ö, 24 f.; VII, 4, 21: vgl. Ross Reisen I, S. 
178 ff,; Welcker Tagebuch einer griech. Reise I, S. 203. Die Exi- 
stenz einer Ortschaft Skiros ist aus Steph. Byz. u. Znigo^ nicht lu 
folgern; 



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2.Lakonieii: Eurotasthai. 119 

eine sacrale Bedeutung durch ein berühmtes Ileiligtum der Ar- 
temis und der Nymphen, in welchem alljährlich eine hauptsächlich 
von Jungfrauen» welche besondere Tänze dabei aulTtthrten, be- 
suchte Pancgyris gefeiert wurde J) 

Kurz nach der Aufnahme des Oinus durch den Eurolas hören 
die Vorberge des Taygeton, die sich bisher bis hart an das rechte 
Ufer dieses Flusses erstreckten» auf» und es bleibt zwischen den 
wie eine lange Mauer sich hinziehenden Abhängen des Gebirges 
und dem Flusse eine durchschnittlich V/^ Stunde breite, äusserst 
fruchtbare Ebene» die durch zahlreiche» vom Taygeton her dem 
Eurotas zufllessende Bäche bewässert wird, während auf dem lin- 
ken Ufer niedrige» meist kahle Anhöhen zum Thcil bis unmittelbar 
an das Wasser hinanlreten. Im nördlichen Theile dieser Ebene» 
die gleichsam der milde Kern in der rauhen Schale Lakoniens ist» 
hatten die Dorier zuerst festen Fuss gefasst und sich in mehreren 
offenen Weilern [xäfiai) angesiedelt, die zunächst durch ein reli- 
giöses Band — den gemeinsamen Cullus der Artemis Orthia, den 
sie jedenfalls von den achäischen Bewohnern überkommen hatten 
— zusammengehalten, allmälig zu einer Stadt zusammenwuchsen, 
welche schon in ihrem Namen (IjTtaQta, d. 1. die Zerstreute) 
ihren von dem aller anderen griechischen Städte wesentlich 
verschiedenen Charakter zur Schau trug. Das Haupterforderniss 
für eine griechische Stadt nämlich» eine schützende» die verschie- 
denen Gruppen von Gebäuden zu einem Ganzen verbindende und 
nach Aussen bin abschliessende Ringmauer mit Zinnen, Thürmen 
und Tboren, fehlte Sparta bis zum Untergange der Selbständigkeit 
des Lakonischen Staates gänzlich und die Sparliaten prahlten an- 
deren Hellenen gegenüber gern damit, dass Spartas Männer seine 
Mauern seien. ^) Erst unter der Herrschaft des Tyrannen Nabis 
wurde ^ nachdem man früher sich mit Anlegung von Pfahl werken 
und tiefen Gräben und Erbauung einiger gemauerter Schanzen an 
den gefahrlichsten Stellen zur Abwehr der Angriffe des Demetrios 



») Thuk. V, 55; Xenoph. Hell. VI, 5, 26; 27; Vn, 1, 28; Polyaen. 
I, 41, 5; Liv. XXXIV, 26; XXXV, 27; Paus. o. 10, 7 (vgl. IV, 16, 9; 
Laelan. De saiUt. 10); Stepb. Byz. u. Kagva: vgl. Ross a. a. O. S. 175 f. 
und über die verwirrte Erzählung bei Vitruv. I, 1, 5 auch Preller Aus- 
gewählte Aufsätze aus dem Gebiet der classischen Altertumswissen- 
schaft 8. 136 ff. 

') Vgl. Flut. Apophthegm. Lac. Agesil. 29; Seneca Suas. 2, 3. 



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120 IT. Peloponiiesos. 

Poliorkeles und des Pyrrhos begDügt hatte, der grössle Theil der 
Stadt mit einer festen Mauer umgeben» die zwar bald von den 
Achäern zerstört, aber auf Geheiss der Römer, wiederhergestellt 
und, wie die noch erhaltenen bedeutenden Reste derselben zei- 
gen, auch in der byzantinischen Zeit erneuert worden ist. ^) Erst 
die Anlage der Stadt Mistra auf einem Vorhfigel des Taygeton eine 
Stunde westlich von Sparta durch Guillaume Villehardouin (1250) 
veranlasste die Verödung der Stadt * Lakedämon' oder ^Lakedä- 
monia', wie sie seit früher byzantinischer Zeit genannt wurde, ^) 
eine Schuld, die heut zu Tage Histra bössen muss, da es seiner- 
seits in Folge der Erbauung von Neu -Sparta im südlicheren 
Theile des alten Stadtgebietes der Verödung entgegen geht 

Als die Gränzen des städtischen Weichbildes, des Mittel- 
punktes für das politische Leben des ganzen Staates, sind wahr- 
scheinlich die beiden Oertlichkeiten Babyka und Knakion zu 
betrachten, welche eine alte von Plutarch (Lycurg. 6) erhaltene 
Rhetra als die Gränzen, innerhalb deren die Volksversammlungen 
{dnikkcci) gehalten werden sollen, bezeichnet. Ist auch eine 
sichere Fixirung dieser Oertlichkeiten bei dem Schwanken der 
Ansichten der Alten selbst unmöglich, so kann man doch nitt 
ziemlicher Wahrscheinlichkeit in der Babyka die Brücke über den 
Eurotas, von welcher sich noch jetzt ziemlich in der Mitte zwi- 
schen der Einmündung des Oinus und der jetzigen Stadt Sparta 
Reste vorflnden, als die Nordgränze, in dem Knakion einen der 
südlich von der jetzigen Stadt von Westen her in den Eurotas 
iliessenden Bäche — entweder den jetzt Panteleimon genannten 
oder die etwas weiter nördlich fliessende Magula^) — als die 



') Vgl. Paus. I, 13, 6; VII, 8, 6; 9, 6; Liv. XXXIV, 38; XXXVIII, 
34; XXXIX, 37. 

*) ActHsSaifimv fAritgonolig r^g Actmovmijg ^ nglv ZnttQvri Hierokles 
Synekd. 10. 

^) Diese betrachten die neueren Topographen als den von Paus. 
III, 18, 6 Ticcocc, von Athen. IV, p. 139 •» Tiaeaog genannten Bach, 
ohne Grund, da Ja noch verschiedene Bäche auf dem Wege von Sparta 
nach Amyklä fliessen; dass einem der südlicheren (wahrscheinlich dem 
Panteleimon) der Name zukomme, dafür spricht der Ausdruck bei Athen. 
noiii^ovöi ta ncctS^ce fig ttygov. — Vgl. den Plan von Sparta und Um- 
gebung in der Exp^d. de Moree If, pl. 45 (grösserer Plan des Terrains 
und der Ruinen von Sparta ebds. pl. 46), darnach bei Cnrtius Pel. II, 
Tfl. X. und auf unserer Tfl. III. 



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2. Lakonien: Eurolasthal. 121 

Sudgräoze erkenaen. Innerhalb dieser Gränzen lagen jedenfalls 
die vier alten Körnen, aus denen die Stadt erwachsen ist: Limnae, 
Kynosureis (lakonisch KovoovQetg), Mesoa und Pitana, von denen 
Limnae mit dem alten Heiligtum der Artemis Orthia ohne Zweifel 
unmittelbar am rechten Ufer des Flusses, das noch jetzt an meh- 
reren Stellen sumpGg ist, lag und bei der Ummauerung der Stadt 
zum Theil ausserhalb der Stadtmauern blieb ; ^) Mesoa scheint 
seinem Namen nach den mittleren Raum, also hauptsächlich wohl 
den Markt mit seinen Umgebungen, Pilana, das als der zum 
Wohnen behaglichste Stadttheil bezeichnet wird,''^) den westlicheren 
und nordwestlichen, Kynosureis endlich den sudlichsten Theil des 
Stadtgebietes iimfasst zu haben. Der nördlichere Theil dieses 
Gebietes wird von mehreren ziemlich niedrigen Hügeln einge- 
nommen, deren westlichster durch die Ruine eines au seinen süd- 
westlichen Abhang angelehnten Theaters, welche fast den einzigen 
sicheren Anhaltspunkt für die Topographie der alten Stadt bildet, 
ausgezeichnet ist. Die beiden Flügel des sehr umfangreichen 
Zuschauerraumes werden durch mächtige Stützmauern aus Tuff- 
quadern gebildet; der auf dem Hügel selbst ruhende innere Raum 
des Halbkreises ist jetzt ganz mit Erde bedeckt, nur einige grosse 
Narmorblöcke liegen umher, die einzigen Ueberreste der alten 
Sitzstufen, denen entsprechend wolil auch die Orchestra und der 
Unterbau der Bühne sammt dem Scenengebäude mit Marmor über- 
kleidet waren, ^) eine Ausstattung, die freilich schwerlich der 



') Paus. III, 16, 9; Strab. VIII, p. 363 und 364. Curtius setzt Lim- 
nae am weitesten gegen Norden, zwischen der Babyka-Brücke und der 
Einmündung des Oinus, nach Meinekes Ergänzung der lückenhaften 
SteUe bei Strab. p, 364 *%atcc tov GoQvayta^ (s. Vindic. Strabon. p. 116): 
allein selbst wenn diese Ergänzung sicher wäre, was sie keineswegs 
ist, würden diese Worte sich vielmehr auf Mesoa, von welchem 8tra- 
bon dort handelt, als auf Limnaeon beziehen. Dass ein so wichtiger 
Stadttheil wie Limnae so weit ab von der eigentlichen Stadt gelegen 
habe, scheint mir unwahrscheinlich und mit Pausanias Schilderung nicht 
wohl vereinbar. 

') Vgl. Plut. De exil. 6. Für die Lage von Pitana westlich vom 
Markte zeugt Paus. c. 14, 2; die Ansetzung desselben im Norden 'im 
Flussthale aufwärts bis in die Nähe des Oinus' (Curtius Pelop. II, S. 
334) beruht nur auf einem Missverständniss der Stelle des Athen. I, 
p. 31«; vgl. oben. 8. 115, Anm. 3. 

') Dass der ganze Bau mit Marmor bekleidet war, zeigt der Aus- 
drack des Paus, c 14, 1: ro d'iatQOV Xi^ov X^vkov 9ifxg a^iov\ dass 



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122 II. Peloponncsos. 

älteren Zeil angehört, wo das Theater mehr zu den Wettkämpfen 
der Chöre an den Gymnopädien und Ilyakinthien als zu drama- 
tischen AufTuhrungen» welche der altspartanischen Zucht und Sitte 
widerstrebten, benutzt wurde Jj Unmittelbar neben und über 
dem Theater, ja selbst innerhalb desselben flndet man zahlreiche 
Ruinen mittelalterlicher Gebäude, Ueberreste der mittelalter- 
lichen St^dt Lakedämonia, welche auf diesen Hügel und die zu- 
nächst östlich davon gelegene Fläche beschränkt gewesen zu sein 
scheint. Derselben gehört auch wenigstens zum weitaus grössten 
Theile die Mauer an, welche man mit einigen Unterbrechungen 
rings um den Hügel verfolgen kann; nur einige Stücke derselben 
scheinen noch aus dem Altertum zu stammen, d. h. aus der Zeil, 
wo die früher offene Stadt mit einer Ringmauer versehen und 
wahrscheinlich zugleich die bis dahin nur sacralen Zwecken die- 
nende Akropolis befestigt wurde. Die geräumige, terrassenförmig 
absteigende obere Fläche dieses Hügels nämlich, welche jetzt ganz 
mit hohem Schutt bedeckt ist, aus dem nur einzelne alte Bau- 
trümmer, wie namentlich die durch einen grossen Steinbalken 
gebildete Oberschwelle einer Thüre mit den obersten Tbeilen der 
Seitenpfosten hervorragen,'^) wurde im Altertum V4>n den Heilig- 
tümern der Gottheiten, unter deren besonderem Schulze die Stadt 
stand, eingenommen und wohl nur aus diesem Grunde — denn 
eine fortificatorbche Bedeutung hat der Hügel wenigstens in den 
älteren Zeiten nicht gehabt^ — der von der Ebene aus keines- 
wegs ansehnliche Hügel als Akropolis der Stadt bezeichnet (Paus, 
c. 17, 1). Das angesehenste unter diesen Heiligtümern war das 
der Athene Poliuchos oder, wie die Göttin gewöhnlich nach dem 



das erhaltene Mauerwerk aber nicht aus Marmor, sondern aus Tuffstein 
aufgeführt ist, kann ich aus eigener Anschauung bestätigen. Plan des 
Theaters Expe'd. de Mor^e II, pl. 47; Wieseler TfaeatergebÜnde Tfl. I, 
19 und Tfl. ni, k. 

*) Vgl. Herod. VI, 67 (wo freilich die Erwähnung des Theaters in 
der ersten Zeit der Regierung des Königs Leotychides, um 490, ein 
Anachronismus ist); Plut Agcs. 29; Athen. IV, p. 139®; Luc. Anach. 38. 

') Wie Vischer (Erinnerungen S. 376) habe auch ich nur eine 
solche Thüre bemerkt, während Leake (Travels in Morea I, p. 166) 
und Gell (Journey p. 330) zwei gesehen haben. 

^) Später befand sich die Burg des Nabis auf demselben: s. Liv. 
XXXV, 36. 



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2. Lakomen: EuroUsthal 12.^ 

Erzschmuck, mit welchem die inneren Wände ihres Tempelbauses 
bekleidet waren, genannt wird, Chalkioikos, dessen erste Stiftung, 
von der Tradition dem Tyndareos beigelegt, jedenfalls noch in 
die acbdische Zeit zurück reicht; der Tempel wie ihn noch Pau- 
sanias (c. 17, 2 f.) sah, mit dem altertumlichen Erzbild der Göttin 
und den die Cellawände bedeckenden Erzplatlen mit zahlreichen 
Reliefdarslellungen, war ein Werk des allen lakedämonischen Erz- 
biMners Gitiadas. Wahrscheinlich innerhalb desselben Perlbolos 
lag ein zweites Heiligtum, in welchem Athene als Ergane verehrt 
wurde; die Umfriedigung des ganzen Bezirkes wurde durch Hallen 
gebildet, von denen die an der Südseite mit einem Heiligtum 
des Zeus Kosmetas iu Verbindung stand, während die an der 
Westseite Weihgeschenke zur Erinnerung an die Seesiege des 
Lysandros enthielt. Neben dem Altare der Chalkioikos standen 
zwei Statuen des Pausanias, der bekanntlich in diesem Hei- 
ligtume seinen Tod gefunden hatte, in der Nähe derselben 
Bilder der Aphrodite Ambologera, des Hypnos und Thanatos. 
Zar Rechten des Tempels sah man eine Erzstatue des Zeus Uy- 
patos neben einem wohl zeltartigen Gebäude (dem sogenannten 
Skenoma), dessen Bestimmung wir nicht kennen, zur Linken ein 
Heiligtum der Musen, hinter dem Tempel (der Chalkioikos) einen 
Tempel der Aphrodite Areia mit sehr altertümlichen Schnitz- 
bildern. ') Diese Gruppe von Heiligtümern scheint den mittleren 
und westlicheren Theil der oberen Fläche des Hügels eingenommen 
zu haben; an der Ostseite, wo der Weg nach dem sogenannten 
Alpion (wahrscheinlich dem im Nordosten an den Burghügel sich 
anschliessenden Hügel) Tührte, lag das angeblich von Lykurgos 
gestiftete Heiligtum der Atbena Optilitis (oder Ophthalmitis), weiter 
gegen Norden Heiligtümer des Ammon und der Artemis Knagia.^) 



') PftQS. c. 17, 4 ff. Eine Darstellung des Cnltbildee der Athena 
Poliuchos geben Münzen von Sparta: s. O. Jahn De antiquissirais Mi- 
nervae simulacris atticis (Bonn 1866) t. III, n. 6. 

*) Paus, c 18, 2 88«; Plut. Lycurg. 11; Apophthegm. Lac. Lycnrg. 
7 (wo CO t^£ XaX%io£%ov ti(ievog wohl den ganzen Burghügel bezeichnet: 
Tgl. unten S. 126, Anm. 2). Die Qründungslegende des Heiligtums der 
*J(^fj9a 'OnztlCtig (denn so, nicht OntiXizig^ ist der Beiname mit Lo- 
beek PathoL s. Gr. p. 110 zu schreiben) oder 'Oqfd'ctlfAiTig ist offenbar 
eben nichts als eine Legende und bezeichnet der Beiname die Göttin 
einfach als die 'scharfblickende', der 'A^. 'O^vdsQiuo in Argos (vgl. 
oben S. 56} entsprechend. Der Beiname der Artemis JLvayia ist wohl 



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124 If. Peloponiiesos. 

Am ösÜicheD Fusse des Burghögels zog sich die Agora hio, ein 
umfangreicher Platz, dessen schönsten Schmuck die aus der Beule 
der Perserkriege erbaute, später erweiterte und verschönerte 
persische Halle bildete, an welcher Marmorstatuen persischer 
Heerführer an oder über den Säulen als Träger des Gebälkes 
angebracht waren. *) Ferner lag am Markte das Rathhaus, worin 
der Rath der Alten (die Gerusia) seine Sitzungen hielt, die Amts- 
locale der Ephoren (ein älteres, die sogenannten ccQxata itpogstcc, 
mit Grabmäiern des Epimenides und Aphareus, und ein neueres), 
der Nomophylakes und der Bidiäer, Tempel des Julius Caesar und 
des Augustus und Heiligtümer (wohl blosse Altäre, höchstens mit 
kleinen Capellen für die Cultbilder) der Ge und des Zeus Agoraeos, 
der Atbena Agoraea und des Poseidon Asphalios, des Apollon und 
der Hera, der Moiren mit dem Grabe des Orestes. Der freie 
Raum zwischen diesen Gebäuden war hauptsächlich für den Markt- 
verkehr, ein Theil (der mit den Statuen der delphisclien Gottheiten 
geschmückte Choros) zur Aufstellung der Chöre der Jünglinge 
an den Gymnopädien bestimmt.^) 

Vom Markte aus führte eine breite Strasse, die Aphetais 
(Corso), in südlicher Richtung bis zum sudlichen Ende der Stadt, 
wo sich als Fortsetzung an sie die nach Amyklae führende Hya- 
kinlhische Strasse anschloss. Die eine Ecke des Marktes und der 
Aphetais bildete das Amtshaus der Bidiäer, die andere (westliche) 
wahrscheinlich ein Booneta genanntes Gebäude, hinter welchem, 
von der Strasse seitab gegen Westen, ein Heiligtum des Asklepios, 
weiter gegen das Theater hin ein Heiligtum des Poseidon Gene- 
thlios lag.^) Auf das Amtshaus der Bidiäer folgte das Heiligtum 

ebenso wie die derselben Göttin zukommenden Beinamen Kvansdxtg (in 
der Tegeatis nahe der Lakonischen Gränze: Paus. VIII, 53, 11) nnd Kva- 
naXjiaicc (vom Berge Knakalos bei Kapbyä in Arkadien: Paus. ebd. 
23, 3) von Hv^nog (Saflor) herzuleiten und auf die fahle Farbe des 
Mondlichts zu beziehen. 

') Paus. c. 11, 3^ Vitruv. I, 1, 6: ob die Halle ein- oder zweistöckig 
war, ist aus beiden Stellen nicht sicher zu erkennen. 

'} Vgl. über die Spartanische Agora Paus. c. 11 , 2 ff. und Xenopb. 
Hellen. III, 3, 5 ff. 

') Paus. c. 12, 1 ff.; c. 15, 10. Dcjr Name Bomvrita^ welchen Paus, 
von den als Kaufpreis für das Haus gegebenen Rindern herleitet (vgl. 
Hesych. n. d. W.), dürfte wohl eher das Amtslocal der ßomvaif d. h. der 
Beamten, welche die Opferthiere für die Staatsopfer einzukaufen hat- 
ten, bezeichen. -^ 'Odog'Taxivl^ig Athen. IV p. 173'. 



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2. Lakonien: Eurolaslhal. 125 

der Athena Keleulbeia, dann zu beiden Seiten der Strasse, die 
durcii einen freien Platz, das sogenannte Hellenion, unter- 
brochen wurde, verschiedene Heroengräber und Heiligtümer, unter 
denen das der Diktynna das südlichste, hart an der spateren 
Stadtmauer gelegen war: nach demselben wurde die von der 
jetzigen Stadt Sparta eingenommene Anhöhe Diktynnaeon ge- 
nannt. ^) 

Eine andere Strasse gieng wahrscheinlich in östlicher Richt- 
ung Tom Markte ab bei der sogenannten Skias, einem von 
Tbeodoros von Samos wohl bald nach Olympiade 26 erbauten, 
ursprünglich für musikalische Aufführungen bestimmten, später 
zu Volksversammlungen benutzten Gebäude mit schirmförmigem 
Dache ;^ in der Nähe desselben stand ausser einigen Heroen- 
gräbern ein Rundgebäude mit Statuen des Zeus Olympios und 
der Aphrodite Olympia, diesem gegenüber ein Tempel der Kora 
Soteira; dann folgte das Heiligtum einer der Hauptgoltheiten 
Spartas, des Apollon Karneios, der durch den Beinamen Oiketas 
als der Schntzgott jedes Sparliatischen Hauses bezeichnet wurde. ^) 
Den Abschluss der Strasse bildete ein viereckiger von Hallen 
umgebener Platz mit Altären des Zeus, der Athene und der Dios- 
kuren, die sämmtlicb unter dem Beinamen ^Ambulioi', also als 
Schutzgötter von Berathungen (wahrscheinlich der Gerusia), die 
vor Errichtung eines besonderen Gebäudes dafür hier stattgefun- 
den haben mögen, verehrt wurden; in den Hallen wurden in 
älterer Zeit Quincailleriewaaren und allerhand Kleinkram verkauft. 
In der Nähe dieses Marktes stand auf einem Kolona genannten 
Platze ein Tempel des Dionysos Kolonatas und nicht weit davon 



<) Paus. c. 12, 4 ff.; Liv. XXXIV, 38. Das 'EXl^viov war wohl 
der Yersammlangsplatz für die Abgeordneten der zur Spartanischen 
Symmachie gehörigen Staaten. Zu dem von Paus. c. 12, 5 erwähnten 
Heiligtam des Poseidon Taenarios gehörte jedenfalls das aus Inschriften 
bekannte Collegium der TaivuQioi: s. Annali deir Instit. vol. XXXIII, 

p. 41 88. 

«) Paus. c. 12, 10; Etym. M. p. 717, 36. Die Behauptung Pyls (Die 
griechischen Rundbauten im Zusammenhang mit dem Qötter- und He- 
roencnltus erläutert, Qreifswald 1861, S. 92 ff.), dass die Skias ein 
Tempel der Hestia gewesen sei, stützt sich auf keine irgend ausreich- 
enden Gründe. 

>) Paus. c. 13, 3 f.; vgl. C. I. gr. n. 1446. 



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126 II. Peloponnesos. 

ein Heiligtum des Zeus Euanemos, rechts davon auf einem Högel 
ein Tempel der Argivischen Hera und ein Heiligtum derselben 
Göttin mit dem Beinamen Hypercheiria , der von dem Schutze, 
welchen sie der Stadt bei einer Ueberscbwemmung hatte ange- 
deihen lassen, hergeleitel wurde. Wahrscheinlich ist Kolona die 
östlich vom Burghögel bis nahe an den Eurotas sich hinziehende 
Anhöhe, auf deren östliclistem Vorsprunge jetzt die Ruine eines 
kreisförmigen Bauwerkes aus Backsteinen, also jedenfalls aus 
römischer Zeit, steht, das wegen seines geringen Umfanges eher 
för ein zum Temenos des Dionysos (dessen zum Bezirk Limnae 
gehöriger Tempel am östlichen Fusse der Anhöhe gelegen zu 
haben scheint) gehöriges Odeion als för ein Amphitheater zu hal- 
ten ist; der Hügel der Hera wird in der südlich von da, unge- 
fähr dem Eurotas parallel laufenden Anhöhe zu erkennen seinJ) 
Eine dritte Strasse führte ?om Markte westwärts zunächst 
nach dem Theater, in dessen Nähe sich Grabdenkmäler des Bra- 
sidas, des Pausanias und des Leonidas befanden, dann zu einem 
'Theomelida' (wohl nach einem frühern Eigentümer des später 
vom Staate acquirirten Grundstückes) genannten Platze, welcher 
als Begräbnissstätte für die Könige aus der Familie der Agiaden 
diente, während die Eurypontiden ihren Begräbnissplatz am süd- 
lichen Ende der Äphetais in der Nähe des Heiligtums der Dik- 
tynna hatten. *^) Dieser Platz, in dessen Nähe ausser verschiedenen 
Heiligtümern das Versammlungshaus (die Lesche) der Krotanen, einer 
Unlerabtheilung der Pitanatischen Phyle lag, erstreckte sich wahr- 
scheinlich westlich oder nordwestlich vom Theater bis zur Gränze 
der Stadt, also in der späteren Zelt bis zur Ringmauer; das in 



^) Paus. c. 13, 6 ff. Das Jiovvoiov auf der Kolona erwähnt nebst 
dem in der Nähe desselben gelegenen Haa«e der Hetäre Kottina auch 
Polemon bei Athen. XUI, p. 574**: x6 xov Jiovvoov teQÖv h Aiiavai^ 
Strab. VIII, p. 363. Plan der Rnine des röm. Rundgebäudes Exp^d. de 
Mor^e n pl. 48, 1. 

*) Paus. e. 14, 2 (für den Namen vgl. Keil Analecta epigr. p. 236) 
nnd c. 12, 8; vgl. Hesych.: 'Ayiddai tonog iv AansSaifLOvi, und C. Wachs- 
mnth in den Jahrb. f. Philol. Bd. 97 (1868) 8. 3. Da nach Thnkyd. I, 
134 das Grab des Pausanias (das von dem bei Paus, erwähnten iiv^fia 
doeh wohl nicht zu trennen ist) im nffotefniviciia der Chalkioikos sich 
befand, so muss auch das Theater mit dem zunächst südlich davon ge- 
legenen Räume zum Temenos der Chalkioikos im weiteren Sinne ge- 
hört haben. 



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2. Lakonien: Eurotaslhal. 127 

der Nähe jener Lesche, aber schon ausserhalb des Sladtviertels 
Pilana gelegene Issorion mit dem Tempel der Artenüs Issoria 
(oder, yne sie auch genannt v^urde, Limnaea) muss einer der 
westlich oberhalb des Hohlweges, durch welchen der Weg von 
der BrOcke über den Eurotas nach dem Dörfchen Magula fuhrt, 
sieb erhebenden Hügel sein. ^} Durch diesen Hohlweg geht oifen- 
bar Pausanias, dessen Fuhrung wir bisher für die Topographie 
der allen Stadt gefolgt sind, von der Begräbnissstatte der Agiaden 
nach dem Dromos, einem geräumigen für die Hebungen der 
Jugend im Wettlauf bestimmten Platze, auf welchem zwei Gym- 
nasien lagen: ein älteres, und ein neueres, welches C. Julius Eu- 
rjkles (vgl. oben S. 15) der Stadt zum Geschenk gemacht halte. 
Der Platz dieser Reimbahn kann nur in der Niederung zwischen 
dem Eurolaa und den nördlich vom Burghugel nach diesem sich 
hinziehenden Anhöhen (wahrscheinlich nördlich von dem Vor- 
sprang, auf welchem die Ruine des römischen Odeion steht) ge- 
wesen sein, so dass dieselbe zu dem Stadtviertel Limnae gehörte.^) 
Bis zum Flusse hin kann sich der Dromos nicht erstreckt haben, 
da Pausanias (c. 15, 6) eine von demselben nach Osten sich hin« 
ziehende Strasse, von welcher rechts ab ein Seitenweg zu einem 
Tempel der Alhene Axiopoinos führte, erwähnt. Sudlich, wie es 
scheint, vom Dromos lag ein von Platanen umgebener, daher Pla- 
tanistas genannter Platz, der inselarlig ringsum von einem brei- 
ten Wassergraben, über welchen zwei Brocken führten^ umschlossen 
war: hier hielten die Spartanischen Jünglinge, in zwei Rotten 
gelheilt, nachdem sie Tags vorher in dem ausserhalb der Stadt 
in der Nähe von Therapne (aber wohl auf dem rechten Ufer des 
Eurotas) gelegenen Pboibaeon geopfert hatten^ grossartige Katz- 
balgereien, wobei sie mit Händen, Füssen und Zähnen übereinander 



*) Paus. c. 14, 2 f.; Plut. Ages. 32; Polyaen. II, 1, 14; Stepb. Byz. 

*) Wenn Cartins (S. 236} den Dromos zu Pitane rechnet, weil Me- 
nekos, dessen Haus Pausanias (c. 14, 6) in der Nähe, aher ausserhalb 
des Dromos, gegen die an dem einen Eingang zum Flatanistas aufge- 
stellte Statue des Herakles hin erwähnt, nach Hesych. u. Tlitccvcctrig 
ein Pitanate gewesen sei und weil Hesjch. ebds. von einem in Pitane 
ab^haltenen gjmnischen Agon spreche, so scheint mir der erstere 
Gnmd nichts zu beweisen, der Agon aber auf das zu Pitane gehörige 
Theater bezogen werden zu müssen. 



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128 II. Peloponnesos. 

herfielen.^) Längs des Grabens zog sich an einer Seite (v^ahr- 
scheinlich der südlichen) eine Säulenhalle hin, hinler welcher ver- 
schiedene Gräber von Männern, Vielehe Heroencult genossen, ein 
Grabdenkmai des Dichters Alkman und Heiligtümer der Helena 
und des Herakles (letzteres nahe an der sudlichen Stadtmauer) 
lagen. 

Ausser den bisher erwähnten führt uns Pausanias (c. 15, 
8 IT.) noch zu einer belrächtlichen Anzahl denkwürdiger Gebäude 
innerhalb der Ringmauern Spartas, deren Standort nicht näher 
zu bestimmen ist. Solche sind, um nur die wichtigeren hervor- 
zuheben, die ^bunte Halle' {^i(f%ri noixilrj); das Heiligtum der 
Hera Aegophagos; ein auf einem Hügel gelegener altertümlicher 
Doppeltempel der Aphrodite, in dessen unterem Stockwerk ein 
Holzbild stand, welches die Göttin bewaffnet darstellte, während 
in dem oberen ein ebenfalls hölzernes Bild dieselbe unter dem 
Beinamen Morpho sitzend, einen Spiegel in der Hand und Fes- 
seln an den Füssen zeigte; ein Heiligtum der Leukippiden;^) 
endlich im Bezirk Limnae das Heiligtum der Artemis Orthia und 
in dessen Nähe ein Heiligtum der Eileithyia. 

Die nördlich von der eigentlichen Stadt über den Eurotas 
führende Brücke, zu welcher man an einem Heiligtume der 
Athena Alea^) und weiterhin an einem Heiligtume des Zeus Plu- 
sios vorübergieng, verband Sparta im engeren Sinne mit der auf 
einer steilen Anhöhe über dem linken Flussufer gelegenen, öfter 
auch mit zu Sparta gerechneten Ortschaft Therapne, welche 
durch die Sage berühmt war als Wohnsitz der Dioskuren, der 



') Paus. c. 14, 8 SS.; vgl. Lucian. Anach. 38; Cic. Tusc, V, 27, 77. 
Dass das auch bei Paus. c. 20, 2; Herod. VI, 61 uod Liv. XXXIV, 38 
erwähnte Phoibaeon noch auf dem rechten Ufer des Flusses gelegen 
habe, ist daraus zu folgern, dass dasselbe nach Paus. a. a. O. nicht 
weit vom Heiligtum des Poseidon Qaeaochos entfernt war, das nach 
Xen. Hell. VI, 6, 30 (wo der dazu gehörige Hippodrom erwähnt wird) 
auf dem rechten Ufer angesetzt werden muss. Ob der von Liv. a. a. O. 
erwähnte Platz Heptagonias (intcc yatviai) an der Sildwestseite der 
Stadt zu suchen sei, wie Curtius annimmt, ist nicht wohl zu entscheiden. 

*) Vgl. Plut. Q. gr. 48, nach welcher Stelle daneben eine Capelle 
des Odysseus stand. 

^) Paus. c. 19, 7 spricht nur von einem Xoanon der Göttin; aber 
aus Xen. Hell. VI, 5, 27 ergiebt sich, dass es ein Heiligtum mit einem 
geräumigen Temenos war. 



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2. Lakonien: Eurolaslhal. 129 

Helena und des Menelaos: von dem Heiligtum der beiden letzteren, 
nafli welchem öfter der ganze Hugelzug Menelalon benannt 
wurde, haben sich auf dem nordöstlichsten Thefle der Anhöhe 
ooch Spuren gefunden.^} 

Die schöne Ebene südlich von Sparta, deren westlichster 
Theil zunächst dem Fusse des Taygeton jetzt bis nach Xerokampi 
hinab mit Oel- und Maulbeer baumpflanzungen bedeckt ist, war 
in der altachäischen Zeit von mehreren wohlbefestigten und blü- 
henden Stadien eingenommen, die durch die dorischen Eroberer 
gebrochen, später theils ganz verschwunden waren, theQs als offene 
Dörfer fortbestanden. Die bedeutendste darunter war das nur 
20 Stadien südlich von Sparta anmutig zwischen Baumpflanzungen 
und Fruchtfeldern gelegene Amyklae,^) das nach der Gründung 
Spartas noch etwa zwei Jahrhunderte lang als Hauptsitz der 
achäisch-minyischen Bevölkerung mit einer gewissen Selbständig- 
keit fortbestand, dann, als es durch den spartanischen König Ta- 
leklos und den Aegiden Timomachos erobert und seine Mauern 
geschldft worden waren, durch seinen von den Spartanern zu 
einer Art NaUonalheiligtum erhobenen Apollontempel, wohl auch 
durch den Gewerbfleiss seiner Bewohner, eine über die Gränzen 
Lakoniens hinausreichende Berühmtheit sich bewahrte.^} Seine 
Stelle ist ohne Zweifel ein ^/^ Stunden südlich von Sparta, etwa 



*) Paus. c. 19, 9; Polyb. V, 18 ff. u. a.; vgl. Rosa Archaeolog. Aufs. 
II, S. 341 ff. Das Cultbild der Helena scheint nachgebildet auf einigen 
Beliefs zwischen den Diosknren: s. Annali delP inst. XXXIII, tav. 
^'t^Zg. D. 

*) Polyb. V, 19. Der Name würde als 'die Anmutige' zu deuten 
sein, wenn auf die Glosse des Hesych.: aftv%Xiq' yXvxvff, ijdvff Ver- 
lass wäre. 

•) Paus. c. 2, 6; Schol. Pind. Isthm. VU, 18. Das bei den rom. 
Dichtern sprichwörtliche ^schweigende Amyclae' (vgl. Serv. ad Verg. 
Aen. X, 664; Hertzberg Rhein. Mus. XIII, S. 639 f.) hat nichts mit der 
lakon. Stadt zu thun, sondern betrifft das altlatlnische Amunclae. 
— Für Züchtung trefflicher Jagdhunde in Am. zeugt Simonid. fr. 29 
Bergk; ob aus Ovid. Rem. amor. 707 auf Wollfärbereien in Am. zu 
schtiessen sei, ist wegen des freieren Gebrauches geographischer Namen 
bei rom. Dichtem (Amyclaeus für Laconicus) unsicher; ebenso ob die 
Benennung einer Art feiner Schuhe «ftwtAaWfi« (Poll. VII, 88; Hesych. 
u- d. W.) oder ay^vinlui. (Theoer. X, 35 c. schol.) von der Stadt als dem 
Vcrfertigungsorte derselben herzuleiten sei. 

BDS8IAM, OBOOB. XI. 9 



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130 II. Peloponuesos. 

10 Minuten westlich vom Eurotas entfernter Hügel, auf dessen Gipfel 
eine Capelle der Hagia Kyriaki, am nordöstlichen Fusse ein kle*tnes 
Dörfchen Tschausi steht; am östlichen Rande des Gipfels sind noch 
Ueberreste einer aus mSchtigen Werkstucken erbauten Ringmauer 
— jedenfalls der durch Taleklos geschleiften Burgmauern — er- 
halten.^) Aber nicht nur die Burg von Amyklae lag auf diesem 
Högel, sondern meiner Ueberzeugung nach auch das Heiligtum 
des Apollon, dessen Tempelhaus mit dem etwa 45 Fuss hohen 
auf dem Grabe des Hyakinthos stehenden altertümlichen Erz- 
bilde und der von Batbykies aus Magnesia in Form eines Thron- 
sessels erbauten Capelle um dasselbe wohl die etwas niedrigere nord- 
westliche Fläche des Gipfels des Hügels einnahm, von welcher 
das Temenos des Gottes sich wahrscheinlich am nördlichen Ab- 
hänge des Hügels hinabzog, während das Dorf Amyklae, dessen 
Pausanias erst nach der Schilderung des Heiligtums gedenkt 
(c. 19, 6)» am südlichen Fusse des Hügels sich ausbreitete. ^) Mit 
der Stadt verband das Heiligtum die über die Bäche Tiasa (vgl. 
oben S. 120, Anm. 3) und Phellias (wohl den Bach von Rivio- 
tissa: vgl. Paus. c. 20, 3) hinwegführende Hyakinthische Strasse 
(S. 124, Anm. 3), auf welcher alljährlich am Feste der Hyakin- 
thien im lakonischen Monat Hekatombäeus (Julius) fast ganz 
Sparta in festlichem Zuge zur Thcilnahme an dem im Temenos 
des Heiligtums gefeierten Agon strömte. ^) An der südlichen Fort- 
setzung dieser Strasse^ der Hauptverbindung des mittleren Euro- 
tasthales mit dem Meere, lag die altachäische Stadt Pharis oder 
Pharae, die in den ersten Zeiten nach der dorischen Erober- 
ung der Sitz eines der fünf Periökenkönige (vgl. oben S. 110), 



') Vgl. besonders Vischer Erinnerongen S. 381 f. und Michaelis 
Annali XXXHI, p. 48 s. 

') Gegen die Ansetzung des Amyklaeon bei dem durch die slavi- 
sehen Eroberer des Peloponnes aus den Trümmern alter Ortschaften der 
Umgegend, besonders wohl Bryseaes, gegründeten, eine halbe Stande süd- 
östlich von h. Kyriaki gelegenen Slavoohori spricht, dass Pausanias, der 
doch von Sparta herkommt, erst das Heiligtum und dann erst die Korne 
Amyklae erwähnt, sowie dass Polyb. Y, 19 das Temenos des Apollon 
ausdrücklich in dem 20 Stadien von Sparta entfernten Amyklae ansetzt. 
Die neuere Literatur über den von Paus. c. 18, 9 ff. ausführlich be- 
schriebenen Thron s. in Paulys Realencycl. d. cl. Altert. I, 1, S. 927 
der 2. Auflage. 

») Vgl. Strab. VI, p. 278; Athen. IV, p. 139 '. 



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2. Lakonien: EuroUslhal. 131 

dann, nachdem die alte Bevölkerung ausgewandert, verfallen und 
zu Pausanias Zeit gapz unbewohnt war. ^] Ihre Stelle ist wenig- 
stens mit Wahrscheinlichkeit bestimmt durch die Entdeckung eines 
unterirdischen Kuppelbaues in einem Hügel bei dem verödeten 
Dörfchen Vaphlo^), der ohne Zweifel ebenso wie die analogen 
Bauten in Mykenae, Orchomenos und Pharsalos als ein altachai- 
sches Königsgrab zu betrachten ist und die Existenz einer all- 
achäischen Stadt in dieser Gegend ausser Zweifel stellt, die frei- 
lich dem nur etwa Y2 Stunde von hier entfernten Amyklae, 
das ja auch der Sitz eines besonderen achäischen Königs war, 
sehr nahe lag. Die ebenfalls zu Pausanias Zeit bis auf einen 
Tempel des Dionysos verödete Ortschaft Bryseae lag offenbar 
in der quellenreichen Gegend westlich von dem zum Theil wohl aus 
ihren Trümmern erbauten Siavochori, in der Nähe der Dörfer 
Katzaru und Sinanbei, wo sich noch Reste eines antiken Tempel- 
gebäudes erbalten haben; nordwestlich davon, wahrscheinlich bei 
dem von üppigem Baumwuchs umschatteten Dorfe Hagios loannis 
am Fusse des Taygeton, stand ein Heiligtum des Zeus Messapeeus, 
der einzige Rest einer alten Ortschaft Messapeae; weiter nörd- 
lich, etwa bei Parori oder bei Mlstra, ein Oertchen Alesiae, 
das der Sage nach von der Erfindung des Mahlens des Getreides 
durch Myles den Sohn des Lelex, in Wahrheit wohl von den 
mehrfach an dieser. Seile des Taygeton vorkommenden Mühlsteinen 
benannt war. ^ Oberhalb der Ebene nennt uns Pausanias (c. 20,4 ff.), 
nachdem er zwei Gipfel des Taygeton, Taleton und Euoras 
(vgl. oben S. 104, Anm. 3) nebst der zwischen ihnen liegenden, 
an Gemsen, Wildschweinen, Hirschen und Bären reichen Strecke 
Therae erwähnt hat, ein Heiligtum der Demeter Eleusinia, in 
weiches alljährlich an bestimmten Tagen ein Xoanon der Kora 
von Helos aus geschafft wurde ; 15 Stadien von diesem Eleusinion 
auf dem Taygeton das Lapithaeon, in der Nähe desselben das 



Paus. c. 2, 6; c. 20, 3; IV, 16, 8. Doch kommt die Stadt *a- 
^a^' noch bei Hieroki. Synekd. 10 vor, wo wegen der Reihenfolge der 
Aafz&hlung nicht an das Messenische Pherae (Kalamata) gedacht wer- 
den kann. 

*) S. Mare Rhein. Mas. 1838 S. 247 ff.; Vischer Erinnemngen S. 
384 f; MichaeUs Annali XXXUI, p. 49. 

•) Paus. c. 20, 2 f.; Sieph. By z.n.Msaaanicci'j vgl. Pouillon-Boblaye 
Recherches g^ogr. sur les ruines de la Morde p. 83. 

9* 



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132 IL Peloponnesos. 

Dereion mit einem im Freien aufgestellten Bilde der Artemis De- 
reatis und einer Anonos genannten Quelle, endlich 20 Stadien 
von da das bis in die Ebene herabreidiende Harpleia. Keine 
dieser Oertlichkeiten iSsst sich mit irgend welcher Sicherheit 
fixiren, da wir weder für den Ausgangspunkt noch für die Richtung 
dieser Wanderung des Pausanias bestimmte Anhaltspunkte haben. ^) 

Am sudwestlichen Ende der fruchtbaren Ebene liegt am 
Ausgange einer von steil abfallenden Felswänden umschlossenen 
Schlucht des Taygeton das Dorf Xerokampi, bei welchem eine 
durch ihre Wölbung merkwürdige antike Brücke über den aus 
jener Schlucht hervorkommenden, jetzt Rasina (wohl verstummelt 
aus Erasinos) genannten Seltenbach des Eurotas führt. ^) Die 
Existenz dieser Brücke macht es höchst wahrscheinlich, dass im 
Altertum von diesem Winkel der Ebene aus eine Strasse über 
die oben (S. 105) erwähnten Vorberge des Taygeton, welche bis 
zur Losreissung Griechenlands von der Türkei von einem wilden 
und räuberischen Stamme muhamedanischer Albanesen, den Bar- 
dunioten, bewohnt wurden, hinweg nach Gytheion führte: die 
Richtung derselben wird etwa durch die jetzigen Dörfer Potamia» 
Vigla (bei welchem sich eine fast ganz aus den Resten eines 
alten Tempels erbaute Kirche findet), Levetzova (in dessen Nähe 
der durch seine Porphyrbrüche bekannte Flecken Krokeae, dessen 
Bewohner den Zeus Krokeatas und die Dioskuren verehrten, zu 
suchen ist)') und Lagio bezeichnet. 

Die von Nord nach Süd jetzt etwa zwei Stunden (im Alter- 
tum wohl nur die Hälfte), von West nach Ost über vier Stunden 
breite Mündungsebene des Eurotas übertrifft an Ergiebigkeit des 
Bodens für den Getreidebau und an Ueppigkeit der Wiesen noch 
die Spartanische Ebene. Nur der südöstlichste Theil ist von lang- 



Die Ansicht von Cnrtias (S. 261 f.), dass das Elensinion bei 
Anavryti, Harpleia bei Parori and Mistra zu Sachen sei, Pansanias also 
vom Elensinion aus die Richtung nach Norden eingeschlagen habe, hat 
sehr wenig Wahrscheinlichkeit. Ueber die Spuren antiker Bewohnung 
auf den Anhöhen des Taygeton oberhalb der Ebene s. Boss Wander- 
ungen II, S. 203 ff. 

«) Vgl. Mure Annali X. p. 140 ss.; Mon. delP Inst. H, tv. 57; Cnr- 
tias S. 265 f.; Clark Peloponnesus p. 177 ss. 

») Vgl. oben S. 106; Paus. c. 21, 4; Ross Wanderungen II, S. 
238 ff. 



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2. Lakonien: Parnonlialbinscl. 133 

gestreckten Lagunen eingenommen, die im frühen Altertum 
entweder gar nicht oder doch in beträchtlich geringerem Um- 
fange vorhanden waren, da die alte in dieser Gegend gelegene 
Ortschaft Helos (nach welcher die ganze Ebene rj 'Elia ge- 
nannt wurde) ^) im Schiflscatalog (II. B, 584) ausdrucklich als 
eine Seestadt (lq>alov ntoUs^gov) bezeichnet wird. Die zunehm- 
ende Versumpfung der Küste, in Folge welcher Helos nicht 
mehr als Landungsplatz für grössere Schiffe benutzt werden konnte, 
sondern durch die kunstliche Hafenanlage bei Gytheion ersetzt 
werden musste, veranlasste offenbar den Verfall der Stadt, die um 
den Beginn unserer Zeitrechnung noch als Dorf bestand, im zwei- 
ten Jahrhundert n. Chr. aber in Trümmern lag; 2) der Name (der 
ursprünglich jede feuchte Niederung bezeichnete) hat sich noch 
jetzt im Volksmunde für die ganze Ebene erhalten. 

Der östli.che Theil Lakoniens wird durchaus von Gebirgen, J*""°" 
dem Parnon und seinen südlichen Verzweigungen (s. oben S. 102 f.). 
eingenommen, die besonders gegen Osten in breiten, durch Giess- 
bäche vielfach zerklüfteten Hochflächen vortreten und eine zwar 
mannigfach ausgezackte, aber nur wenige sichere Ankerplätze für 
grössere ScbifTe darbietende, selten durch eine kleine Strandebene 
unterbrochene Steilküste bilden. Der nördlichste Theil dieses 
Gebietes, der von den Alten mit dem allgemeinen Namen Oreia 
(Bergland) bezeichnet worden zu sein scheint,^) bildet jetzt deu 
District Tzakonia, der von dem kräftigen, eine eigentümlich alter- 
tümliche, aber auch mit ungriechischen Elementen versetzte Mund- 
art redenden Stamme der Tzakonen bewohnt wird, die wohl als 
die mit slavischen Elementen vermischten Abkömmlinge der alten, 
ja auch in manchen Beziehungen von ihren Nachbarn sich unter- 
scheidenden Kynurier zu betrachten sind.^) 



1) Polyb. V, 19 f. 

«) Vgl. Strab. VIII, p. 363; Paus. c. 22, 3. 

'} Dies schliesse ich aas der von Paus. c. 24, 4 mitgetheilten Tra- 
dition der Bewohner von Prasiae, dass ihre Stadt früher 'OqBiatai ge- 
heissen habe. 

*) Vgl. Thiersch lieber die Mundart der Tzakonen, in den Abhand- 
langen d. Bayer. Akad. d. W., philol. bist. Kl. I, S. 611 flf. (Auszug 
daraus bei Leake Peloponnesiaca p. 304—338). Boss (Wanderungen in 
Gr. II, S. 19) Herleitung des Namens Tfaxovfff von Aa%(oviq ist ety- 
mologisch schwerlich zu rechtfertigen: vielleicht ist der Name eher von 
tt^axoq (italiän. giaco) 'Panzerhemd» herzuleiten. 



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134 H. Peloponnesos. 

Der Ilauptorl dieses Districts ist das am westlichen Ende 
einer fruchlbaren Strandebene gelegene Städtchen Leonidi mit 
einem kleinen, durch einen Bergvorsprung am südlichen Ende der 
Ebene geschützten Hafen, oberhalb dessen auf dem Rücken des 
die Ebene im Süden überragenden ßerges sich die Reste einer 
alten Stadt, von einem auf hellenischen Fundamenten siehenden 
mittelalterlichen Castell, Hagios Alhanasios genannt, beherrscht, 
hinziehen. Wahrscheinlich gehören sie der alten Seestadt Prasiae 
an, die einst Mitglied der Amphiktyonie von Kalaurea, dann von 
den Spartanern unterworfen, zu Pausanias Zeit die nordöstlichste 
der Eleutherolakonischen Städte und der Sitz einer eigentum- 
lichen, Wühl auf einer Verschmelzung der Mythen von Dionysos 
und von Perseus beruhenden Tradition über die Erziehung des 
Dionysos — offenbar der Hauptgotlheit der Stadt, der zu Ehren die 
Ebene unterhalb derselben *der Garten des Dionysos' genannt wurde 
— war. Auch Asklepios und Achilles, dem man alljährlich ein Fest 
feierte, hatten hier Heiligtümer; auf dem Bergvorsprunge über 
dem Hafen standen drei kleine Erzbilder von SchifffahrtsgöUern 
(Kabiren?), denen die Athena beigesellt war.^) Von Leonidi aus 
geht ein Bergweg in nordnordwestiicher Richtung über die öst* 
liebsten Theile des Parnon nach der Thyreatis, der den Wanderer 



') Paus. c. 24, 3, bei welchem die Scbreibung Bgaaicct oflfenbar nur 
der mythischen Etymologie zu Liebe gewählt ist; sonst schwankt die 
Ueberliefernng nur zwischen den Formen ngcceicci und ngccaia, vgl. 
Thukyd. II, 56; VI, 106; VII, 18; Aristoph. Pac. 242; Polyb. IV, 36; 
Scyl. Per. 46; Strab. VIU, p. 368; 374; Ptol. lU, 16, 10; Steph. Byz. u. 
Tlgaaicci. Was die Lage der Stadt anlangt, so ist dieselbe auf der 
französ. Karte und bei Curtius beträchtlich weiter nördlich, auf dem 
Cap Tyru, angesetzt, weil nur diese Stelle der von Pausanias auf 200 
Stadien |ingegebenen Entfernung zwischen dem bei Kyparissi anzusetzen- 
den Kyphanta (s. unten S. 137) und Prasiae entspreche. Allein Pausanias 
spricht nicht von der directen Entfernung zu Lande, sondern ausdrücklich 
von einem nXovg ataSCtov Sia%oaC(oVy einer Seefahrt, deren Länge er 
offenbar nur nach der darauf verwandten Zeit (etwa fünf Stunden, da ein 
Schiff von Kyparissi nach Leonidi wegen der starken Vorsprünge der 
Küste einen Bogen aufs hohe Meer hinaus beschreiben muss) unter 
Zugrundelegung der Berechnung einer Tagfahrt auf 500 Stadien be- 
stimmt hat. Die Höhle, in welcher Ino den Dionysos genährt haben 
soll, ist vielleicht dieselbe, in welche jetzt das dem heiligen Nikolaos 
geweihte Kloster Zinka (westlich oberhalb Leonidi, vgl. Finlay bei 
Leake Peloponn. p. 304) hineingebaut ist. 



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2. Lakonien: ParnonhalbinseJ. 135 

nach elwa drei Stunden über das hinter Lcouldi aufsteigende 
breite Hochplateau hinweg in eine rings von Bergen umschlossene 
Ebene fuhrt, deren Gewässer durch eine Katabothre am Fusse 
des im Norden sie begränzenden Berges ihren Abfluss haben; 
weslUcb oberhalb der Ebene Onden sich die Ruinen einer mittei- 
alteriicben Stadt, Rheonta (nach denen die Ebene selbst ^die der 
Palaeochora' beuaunl wird), die wahrscheinlich die Stelle einer 
allen zur Bewachung des Bergwegs bestimmten Ortschaft (viel- 
leicht des von Polyb. IV, 36 erwähnten Polich na) einnimmt. 
Ein ähnlicher, aber noch schwierigerer Pfad führt von Leonidi 
aus westlich in einer engen Schlucht, durch welche ein Giess- 
bach vom Rücken des Halevo herabkommt, aufwärts und über den 
Kaaim des Gebirges nach dem Dorfe Tzinzina, von welchem man 
nordwärts nach den im obern Oinuslhale gelegenen Ortschaften 
Vamvaku und Arachova gelangt; am obern (westlichen) Ende jener 
Schlucht, in der Nähe des Dorfes Hagios Vasilios, findet sich eine 
offenbar zum Schulz dieses Pfades bestimmte alte Befestigung, 
deren Name (Lympiada) in Verbindung mit dem Namen Olympo- 
cboria, womit der ganze District südwärts von hier bis gegen 
das Eurotasthai hin bezeichnet wird , schliessen lässt, dass dieser 
Tbeil der Parnonkelte im Altertume den Namen Olympos ge- 
führt hat. Der alte Name des Palaeokastron von Lympiada lässt 
sich nicht bestimmen, da die von neueren Geographen hier an- 
gesetzte Ortschaft Glympeis oder Giyppia weit näher an Ma- 
rios, d. h. beträchtlich weiter südlich (vielleicht bei dem jetzigen 
Dorfe Kosmas oder bei Kremasti südlich über der Ebene von 
Mari) gelegen zu haben scheint *) Dieses nämlich, eine Stadt der 
Eleulheroiakonen mit einem gemeinsamen Heiligtum aller Götter 
und einem Heiligtum der Artemis, lag nach Pausanias (c. 22, 8), 
dem wir allein die Kunde von setner Existenz verdanken, 100 
Stadien von Geronthrae in einer besonders wasserreichen Gegend 
oberhalb der Mündungsebene des Eurotas, Angaben, die In Ver- 
bindung mit dem Namen uns mit Bestimmtheit nach dem in einer 
anmutigen und wasserreichen Hochebene, einer wahren Oase in 



') Vgl. Paus. c. 22, 8; Polyb. IV, 36; V, 20: dass an letzterer Stelle 
riviiitsts ftls vfQl tovg OQOvg trjg ^A(fys£ag %ctl Aa%avi,yirig gelegen be- 
zeichnet wird, giebt für die Ansetzong bei Lympiada keinen Anhalt, 
da in der Zeit, in welche das von Polybios berichtete Ereigniss fällt, 
die lakonische Ostkäste bis nach Zaraz hinab zur Argeia gehörte. 



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136 H. Peloponnesos. 

dem rauhen Bergdistrict der ^Mückendörfer' (Kunupochoria), der 
sich ostwärts von den Olympochoria bis zur Küste hinzieht, ge* 
legenen Dorfe Mari weisen, das auch dem schon oben (S. 108} 
erwähnten ßache Mariorrheuma den Namen gegeben hat: die Ruinen 
der Akropolis der alten Stadt finden sich westlich über der Ebene, 
eine halbe Stunde südlich ?on Mari. Vier Stunden westlich von 
diesem liegt am nordöstlichen Rande eines von zwei Giessbächen 
begränzten» nach dem Eurotasthaie zu allmälig absteigenden Pla- 
teaus die im Mittelalter bedeutende Ortschaft Geraki, die Nach- 
folgerin der altachäischen, dann von Sparta aus mit Doriern be- 
setzten Stadt Geronthrae,^) die noch in der späteren römischen 
Kaiserzeit als Stadt der Eleutherolakonen von Bedeutung war: 
Pausanias (c. 22, 6) findet darin einen von einem Haine umge- 
benen Tempel des Ares, die am Markte befindlichen Brunnen 
mit Trinkwasser und einen Tempel des Apollon auf der Akropolis 
der Erwähnung werth. Von demselben Schriftsteller erhalten wir 
auch Notiz von zwei in der Nähe von Geronthrae gelegenen Ko- 
men: Selinus, 20 Stadien von der Stadt (wir wissen nicht nach 
welcher Richtung)^) und Palaeakome (Altorf), südlich von Ge- 
ronthrae an der Strasse nach dem südöstlich über der Mundungs- 
ebene des Eurotas gelegenen Akriae. 

Kehren wir von dieser Abschweifung nach der Nordostkäste 
Lakoniens zurück, so finden wir nordwärts von der Ebene von 
Leonidi bis nach Hagios Andreas, dem südlichen Endpunkte der 
Thyreatis (vgl. S 71) zahlreiche felsige Küsten vorsprünge, zwischen 
denen sich sichelförmige Buchten ins Land hineinziehen. Die 
beträchtlichste darunter ist die vom Cap Trikeri im Norden, dem 
Cap Tyru im Süden begränzte, 2^/^ Stunden nördlich von Leo- 
nidi, an welche sich eine kleine Strandebene anschliesst, an deren 
westlichem Ende ein Dorf Tyros liegt: der Name desselben wie 



Paus. c. 2, 6; 21, 7; 22, 6; Steph. Byz. u. Ff^aW^ofi; Hierocl. 
Synekd. c. 10. Die Fonn mit o wird durch die Inschriften (C. I. gr. n. 
1334; Lebas Inscriptions n. 226 SB.) bestätigt; unter diesen befinden sich 
vier Fragmente der griechischen Uebersetzung des Edicts des Diocle- 
tian Me pretiis rernm venalium' vom J. 301 , das jetzt am vollständig- 
sten herausgegeben ist von W. H. Waddington 'Edit de Diocletien ^ta- 
blissant le maximum dans l^empire Komain% Paris 1864. 

^) Eine sehr unsichere Vermutung darüber s. bei Leake Morea 
m p. 11 8. 



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2. Lakonien: Parnoiihalbinsel. 137 

des oach ihm benannten Caps scheint antik zu sein, da auf dem 
letzleren Reste einer befestigten alten Ortschaft erhalten sind und 
Stephanos von Byzanz (u. TvQog) ein lakonisches Tyros erwähnt. 
Eine Stunde südlich von der Ebene von Leonidi öffnet sich wie- 
der eine kleine, jetzt zum Dorfe Pulitra gehörige Strandebene, 
die im Osten durch eine felsige Anhöhe mit Ruinen von einer 
unbekannten alten Ortschaft abgeschlossen wird; dann tritt die 
Käste in einer breiten, jetzt Saphlaurus genannten Bergmasse, die 
gegen Südosten im Cap Turkoviglia ausläuft, gegen Osten vor und 
zieht sich dann südwärts von dem Hafen Phokianos, dessen öst- 
liche Flanke dieses Vorgebirge deckt, etwa 11 Stunden lang bis 
zum Vorgebirge Limenaria in einer durch manche kleinere Buch- 
ten und Vorsprünge unterbrochenen Linie mit gleichmässig fel- 
sigem Charakter hin. Reste alter Ortschaften findet man hier nur 
an der Bucht von Kyparissi, fünf Stunden südlich von Leonidi, 
wo das schon zu Pausanias') Zeit zerstörte Kyphanta, und dann 
wieder fünf Stunden weiter südlich an dem durch zwei felsige 
Vorsprünge der Küste trefflich geschützten Hafen Hieraka, wo 
Zarax lag, eine alte Seestadt, später Mitglied des Bundes 
der Eleutherolakonen, die sich von der Zerstörung, welche sie 
durch den mit Pyrrhos verbündeten Kleonymos, den Sohn des 
Königs Kleomenes H von Sparta, erlitten (272 v. Chr.), nie wieder 
hatte erholen können. ^) Der Name, welchen die Alten von einem 
von Apollon, dem Hauptgotte der Stadt, in der Musik unterrich- 
teten Heros Zarex herleiteten, kam ursprunglich wohl dem jetzt 
Kolokera genannten Gebirge zu, das sich westlich und südlich 
von der Stadt hinzieht und in den beiden mächtigen Caps Hie- 
raka und Limenaria endet. 

Südlich von dem letztgenannten Vorgebirge, dem ein ähnlicher 
felsiger Küstenvorsprung an der Westküste der Halbinsel (die 
jetzige Halbinsel Xyli) entspricht, vermindert sich die Breite der- 



*) Paus. c. 24, 2, wo für Ig nov atddia mit Pouillon-BobUye (Re- 
cherche« p. 102) inaxov atdSia (dies leichter, als was Curtius II S. 
331 vorzieht ^' s) eu lesen ist. V^l Polyb. IV, 36; Ptolem. III, 16, 10; 
Plin. N. h. IV, 6, 17. 

») Fans. o. 24, 1 (vgl. I, 13, 4 s. und 38, 4); Polyb. IV, 36; Steph. 
Byz. n. ZocQfii; Ptol. III, 16, 10; 14. lieber die sehr altertümlichen, an 
die von Tiiyns erinnernden Ruinen s. Pouillon-Boblaye Recherches 
p. 101; Plan (nach der engl. Seekarte) bei Curtius II, Tfl. XUI. 



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138 II. Peluponiiesos. 

selben beträchtlich und es entsteht so an der Ostkuste eine weite 
gegen Sudosten geölTnete Bucht, an deren Westseite im Altertum 
Epidauros Limera lag, eine Pflanzstadt der argiviscben Epi- 
daurier, welche auf einer Fahrt nach Kos hier landeten und 
durch Träume und andere Zeichen bewogen, dem Culte des 
Asklepios sowie ihrem Seehandel eine neue Stätte bereiteten. ^) 
Von der Stadt selbst, die 100 Stadien Ton Zarax entTernt war, 
sind noch ziemlich ausgedehnte Hauerreste auf und um einen 
Hügel in geringer Entfernung vom Meere erhalten, innerhalb 
deren man auch noch die Plätze der beiden Ilaupttempel der 
Unterstadt (des Asklepios und der Aphrodite) sowie des Tempels 
der Athene auf der Burg erkennt. Einige Minuten nordöstlich von 
der Stadt flndet man einen kleinen aber sehr tiefen Teich mit 
frischem Wasser, der im Altertum der Ino geweilit war, noch 
etwas weiter östlich mehrere Felsgrotten, die wahrscheinlich auch 
zu sacralen Zwecken benutzt worden sind. Südlich von dem dem 
Zeus Soter geweihten Hafen liegt, eine Stunde von Epidauros, un- 
mittelbar vor der Küste eine kleine Feisinsel, deren steiler nur 
durch einen in den Felsen gehauenen Zickzackpfad zugänglicher 
Kamm im Altertum ein Castell^ trug, das, wie der Name Hinoa 
vermuten lässt, ursprunglich wohl von karischen oder phönikischen 
Piraten begründet, dann nach der Gründung von Epidauros von 
diesem besetzt und zum Küstenschutz benutzt wurde: wahrschein- 
lich war schon damals wie wiederum seit dem Mittelalter, wo 
hier ein Hauptstapelplatz des Levantinischen Handels und eine 
der stärksten Kustenfestungen Moreas unter dem Namen Monem- 
vasia (im Abendlande Malvasia) angelegt wurde, die Insel durch 
eine steinerne Brücke oder einen Damm mit dem Festlande ver- 
bunden, so dass sie vom Meere aus ganz wie eine Halbinsel er- 
schien.') 



') Paus. c. 23| 6 ff. Der Beiname AtiirjQii wird von ApoUod. bei 
Strab. Vin, p. 368 (vgl. Meineke ad Steph. Byz. p. 273, 9) als l^is- 
vtJQCC 'die hafenreiche' erklärt; doch scheint aus sprachlichen Gründen 
die Deutung 'die hungrige' (Schol. Thncyd. YIIi 26; vgl. Lobeck PathoK 
p. 279) vorzuziehen, so dass es eigentlich ein Spitzname ist, den die 
Stadt wegen der geringen Fruchtbarkeit ihres Gebiets erhalten hat. 

*) So erklärt sich am leichtesten die Bezeichnung von Minoa als 
a%Qa bei Paus. c. 23, 11 (vgl. Schol. zu Ptol. Ilf, 16, 10). Das qtQOv- 
QLOV erwähnt Strab. VIII, p. 368. Ueber Monemvasia vgL die Nach- 
weisungen bei Curtius II, S. 328 f. Der Malvasierwein , der im Mit- 



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2. Lakotiien: Parnonlialbinsel. 139 

Ao das Gebiet von Epidauros gränzte im Süden das von 
Doiae oder Boia, einer durcli Zusammensiedelung von drei 
älteren Ortschaften (Etis, Aphrodisias und Side) gegründeten 
Stadt an der Nordostseite der weiten, zwischen den beiden süd- 
lichsten Veräslungen der Parnonhalbinsel (vgl. S. 103) sich off* 
neaden Bucht, welche nach ihr der Boucnxdg xoknog genannt 
wurde (jetzt Bucht von Vatika). An der Agora der Stadt, von 
welcher nur ziemlich unscheinbare Reste südwestlich vom Dorfe 
PharaUo sich erhalten haben, stand ein Tempel des Apollon; 
ausser diesem wurde Artemis Soteira in einem alten Myrtenbaum, 
ao welchen sich die Legende von der Gründung der Stadt durcli 
den üerakliden Boios knöpfte, ferner Asklepios und in der römi- 
schen Zeit auch Sarapis und Isis verehrt. Zahlreiche ausgeschmol- 
zene Eisenschlacken und Bruchstöcke von Eisenerz, welche man 
in der Nähe findet, lassen vermuten, dass hier ein Ilauptsitz der 
lakonischen Eisenindustrie war. ') Zum Gebiete der Stadt gehörte 
an der Ostkuste der Halbinsel das Vorgebirge Delion oder Epi- 
delion Qtizi Kamilo) mit einem Heiligtum des Apollon, ferner 
die Sudostspitze der Halbinsel, das berüchtigte Gap Malea oder 
Maleae, auf welchem Apollon (unter dem Beinamen Lithesios) 
und Fan und wahrscheinlich auch Zeus verehrt wurden — jetzt 
baust dort ein Einsiedler, der von voröberfahrenden Barken einen 
Tribut an Brot und Taback heischt — und ein westlich davon 
gelegenes Heiligtum der Nymphen (Nvfi(pcciov), bei welchem 
eine volkreiche Ortschaft und ein Hafen bestand,^) endlich jeden- 



telalter einen so berühmten Namen liatte, ist weder anf der Insel 
selbst noch anf der benachbarten Küste gebaut worden, sondern kam 
TOQ den Kykladen, besonders von Tenos, nnd wurde nur nach dem Orte, 
von welchem ans er nach dem Abendlande versandt wurde, benannt. 

') Paus, c 22, 11 f.; Strab. VIU, p. 364; Scyl. Peripl. 46; Poljb. 
V, 19; Ptolem. HI, 16, 9; Plln. N. b. IV, 5, 17: vgl. Ross Wanderungen 
II, 8. 246; über die Eisenglanzlager an der Westseite der Halbinsel, 
ungefähr swei Stunden nördlich von Onugnathos, beim Ca}» Kulendiani 
Fiedler Reise I, S. 333 f., über die Qründungslegende der Stadt Böt- 
ticher Der Baumcultus der Hellenen S. 241 ff. 

*) Paus. c. 23, 2 f.; Strab. VUI, p. 368. Ueber die Namensformen 
Afaiia, MdleicCj MdXeiov und MaXiai vgl. die Nachweisungen in Pape- 
Benselers Wörterbuch der griech. Eigennamen u. d. W.; über den Cult 
des Apollen Lithesios Steph. Byz. u. Ai^i^tnog und Paus. III, 12, 8; 
über Pan Meineke ad Steph. p. 42, 15. Den Zeus MccXsiaCo^ erwähnt 
Steph. u. MaXia. 



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140 H. Peloponnesos. 

falls auch die den Meerbusen im Westen umschliessende felsige 
Halbinsel, die von den Alten nacli ihrer Form, besonders nach 
der Einbuchtung der Sudkuste zwischen den Caps Xyli und Santa 
Maria, Onugnathos (Eselskinnbacken) genannt, heut zu Tage, 
da sie durch Ueberflütung des flachen . und schmalen Isthmos, 
der sie mit der grösseren Halbinsel verknüpft, zur wirklichen 
Insel geworden ist, Elaphonisi (Hirschinsel) heisst Dieselbe hat, 
obgleich sie in dem sogenannten Porto Franco, an der Westseite 
des Cap Xyli, einen ziemlich guten Hafen besitzt, doch jetzt keine 
regelmässigen Bewohner, sondern wird nur während der Sommer- 
monate von einigen in Kalyvien (Sommerdörfern) hausenden Hir- 
ten und Ackerbauern besucht, hat auch keine Spuren einer an- 
tiken Ansiedelung aufzuweisen ; doch muss eine solche, wenn auch 
keine eigentliche Stadt, in älteren Zeiten bestanden haben, da 
noch Pausanias einen angeblich von Agamemnon gegröndeten, 
verfallenen Tempel der Athene und das Grab des Kinados, eines 
Steuermanns des Menelaos, hier vorfand.^) 

Die 40 Stadien breite Slrada di Cervi trennt, wie oben (S. 
103) bemerkt, Onugnathos von dem Gap Platanistüs (jetzt Cap 
Spathi), der nördlichsten Spitze der von Nord nach Säd vier Mei- 
len langen, an der breitesten Stelle etwas über zwei Meilen breiten 
felsigen Insel Kythera (jetzt Cerigo), die weniger um ihrer 
eigenen Erzeugnisse willen — sie lieferte, wie noch jetzt, haupt- 
sächlich Wein und Honig — als wegen der Producle des sie be- 
spülenden Meeres, besonders der Purpurschnecken,*) von Phöni- 
kischen Kaufleuten besetzt wurde , deren Göttin — die Astarte oder 
Astoret von Askalon — von hier aus als Aphrodite Urania oder 
Kythereia ihren Triumphzug durch Hellas hielt. Als Argos seine 
Herrschaft über die ganze Ostkustc der Parnonhalbinsel bis zum 
Gap Malea hinab ausbreitete, unterwarf es sich auch Kythera, 
das ihm aber durch die Spartaner wieder entrissen wurde, für 
welche es sowohl als Station für den Seeverkehr mit Aegypten 
und Libyen wie als Vorposten zum Schutze ihres Gebiets gegen 



«) Paus. c. 22, 10; Strab. VIII, p. 363; Ptol. ni, 16, 9. 

*) Daher auch ÜOQtpvQOvaa g^enannt: ßteph. Byz. u. KvO-riga, wo 
auch ein eponjmer Heros Kytheros, Sohn des Phoinlx, genannt wird, 
lieber die Formen des Namens (gew. ta Kvd'rjga^ auch Kvd'i^ und 
Kv^riqCtx) s. Pape-Benselers Wörterbuch der griech. Eigennamen u. d. W. ; 
über den Aphroditecult Herod. I, 105; Paus. I, 14, 7. 



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2. LakoDien: Parnonhalbinsel. 141 

die AngrlflTe von Seeräubern von grosser Wichtigkeit war: sie 
Hessen die Insel, deren Bewohner in die Stellung lakonischer 
Periöken eintraten, durch einen besonderen^ jährlich wechselnden 
Beamten [Kv^TjQoäixijs), dem ein Hopiitencorps als Besatzung bei- 
gegeben war, verwalten. Die Athener richteten mehrfach ihre 
Angi-iffe gegen dieses Aussenwerk Spartas: im Jahre 455 ero- 
berte Tolmides, nachdem er das Arsenal von Gytheion in Brand 
gesteckt; die Insel nebst der Stadt Boia; im Jahre 424 unter- 
warf Nikias, unterstützt durch eine den Spartanern feindliche 
Partei unter den Bewohnern, sie wieder den Athenern, die sie 
zwar im Frieden des Nikias den Spartanern zurückzugeben ver- 
sprachen, dieses Versprechen aber oflTenbar nicht erfüllten, da 
bei der Sikelischen Expedition ein Kytherisches Hülfscorps unter 
den athenischen Bundesgenossen erscheint; im Jahre 393 endlich 
wurde sie wieder durch Konon erobert und unter die Aufsicht 
eines athenischen Statthalters gestellt; doch war auch diese Be- 
sitznahme jedenfalls nur von kurzer Dauer. Ueber ihre späteren 
Schicksale wissen wir nur, dass sie um den Beginn unserer Zeit- 
rechnung Privateigentum des C. Julius Eurykles war.^) Nach 
dem Falle von Byzanz kam sie in die Hände der Venezianer und 
Uieilte dann das Schicksal der sogenannten sieben ionischen In- 
sehi, mit welchen sie im Jahre 1863 dem Königreich Hellas ein- 
verleibt wurde. 

Der an der Südküste in der Nähe des Cap Trachili gelegene 
jetzige Hauptort der Insel, das ungefähr 1500 Einwohner zählende 
Städtchen Kapsali, bietet keine Spuren einer antiken Niederlassung 
dar; wohl aber finden sich solche ziemlich in der Mitte der Ost- 
küste bei der durch das Vortreten der Küste gegen Osten gebil- 
deten Bucht Avlemona (wahrscheinlich dem Phoinlküs der Alten), 
wo auf einer Anhöhe, nördlich oberhalb des jetzigen Hafenstädt- 
. chens Hagios Nikolaos, Reste der Mauern einer befestigten Stadt 
erhalten sind, ohne Zweifel von der mit der Insel gleichnamigen 
Stadt Kythera, deren Hafenplatz, Skandeia genannt (ein Name, 
der wohl wie die* jetzt in Griechenland häufige Benennung Skala 
überhaupt einen Platz zum Aussteigen, Landungsplatz bezeichnet), 



*) Herod. I, 82 (vgl. VII, 236); Dio Chrysost. or. 80, 26; Paus. I, 
27, 6; Thucyd. IV, 53; 57; V, 18; VII, 67; Xen. Hell. IV, 8, 7; Strab, 
VIU, p. 368. 



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142 II. Peloponnesos. 

eine halbe Stunde weiter södlich in der Strandebene lagJ) Auf 
einer anderen Anhöhe i^eiter westlich, nahe der Mitte der Insel, 
ist noch der Unterbau und einige SSulenreste von dem Tempel 
der Aphrodite Urania erhalten. 

An der Westküste der Parnonhalbinsel finden sich, abgesehen 
von alten Steinbrüchen und Grotten in dem zunächst nördlich 
von Onugnathos sich hinziehenden Alikigebirge (ein Name, der 
ebenso wie der des zwei Stunden nördlich vom nördlichen Ende 
dieses Bergzuges gelegenen Dorfes Alika auf einen alten Namen 
L^Atxif fQr diese ganze Gegend schliessen lässl), keine Spuren 
einer alten Ansiedelung bis zu der sichelförmigen, durch das Cap 
Archangelo im Südosten und durch die von Nord nach Süd eine 
Stunde lange felsige Halbinsel Xyii im Nordwesten abgeschlossenen 
Bai von Xyli. Hier sind etwas über eine halbe Stunde nördlich vom 
Cap Archangelo, wenige Minuten südlich von der Mündung d«s 
von Nordosten her kommenden ^Rabenbaches' (Korakia-potami) 
Reste einer alten Tempelanlage erhalten, die ohne Zweifel dem 
Ileiligtume des Asklepios angehören, dessen Platz Pausanias (c. 22, 
10) mit dem unklaren Namen Uyperteleaton bezeichnet. Die 
Halbinsel Xyli trug wahrscheinlich den im Altertum für ähnliche 
Vorgebirge nicht seltenen Namen Ky pari ssia oder Kyparissos 
und diente mit einem Heiligtum der Athene Kyparissia als Akro- 
polis einer noch in den Zeiten der achäischen Herrschaft ange- 
legten Stadt, die nach ihrer Lage in der NShe des Vorgebirges 
*die Stadt der Parakyparissischen Achäer' hiess. Diese Stadt 
scheint frühzeitig in Verfall gerathen und durch eine neu auf- 



') Paus. c. 23) 1. Bei Thucyd, IV, 54, wo man seit Schneider (Add. 
ad Xenoph. bist. gr. p. 106) drei Ortschaften nnterscheidet (^ inl Jd'a- 
idaatl noXis £%cevdsia %aXov(i,ivTj , 17 inl d'aXa^foy noXig täv Kv^- 
qI<ov und 17 avfo n6Xii)y ist jedenfalls zu schreiben: i%m(fOvv inl z^p 
noXiv xcov Kvd"r)QC(ov (mit Streichung der durch das Versehen eines 
Abschreibers aus dem Vorhergehenden wiederholten Worte inl d'aXaairri) 
und darunter dieselbe Oertlichkeit, die dann als 17 Svcd noXig bezeichnet 
wird, zu verstehen: Nikias lässt durch ein Detachement seiner Flotte 
den wahrscheinlich offenen Hafenplatz Skandeia wegnehmen, mit der 
Hauptmacht landet er nördlich von Kythera, um die Stadt von dieser 
Seite, wo die Befestigungs werke wahrscheinlich weniger stark waren als 
an der Seite gegen den Hafen, anzugreifen. Der Name £%dvSH(x. (vgl. 
andvduXov oder oyLavddXii^QOv ^ Stellholz) h^ngt jedenfalls mit lat. 
scandere zusammen. ^oivi%ovg Xen. Hell. IV, 8, 7. 



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2. Lakonien: Taygetonhalbinsel. 143 

Mühende ersetzt worden zu sein, welche sich zu beiden Seiten 
der Aosmundung eines von Norden her kommenden nicht unbe- 
deutenden Baches nahe dem nordöstlichen Fusse der Halbinsel 
erhob und mit dem ursprünglich jedenfalls dem Bache angehö- 
rigen Namen Asopos benannt wurde: ausgedehnte Buinen, be- 
sonders ?on den Hafendämmen, zeugen noch jetzt von ihrer Be- 
deutung. Endlich wurde um den Beginn des Hittelalters auch 
Asopos, wahrscheinlich in Folge der Versumpfung der Ebene, an 
deren Ausgang es lag, verlassen und eine neue Ansiedelung auf 
der Stelle der alten achäischen Stadt, am nördlichen Fusse des 
Vorgebirges, begründet, von welcher ebenfalls noch Buinen — 
darunter die einer stattlichen christlichen Kirche — erhallen 
sind.^) Die eben erwähnte, jetzt grösstentheils unbebaute und 
theilweise versumpfte Ebene, welche sich in einer Länge von 
4V2 Stunden nordostwärts vom Vorgebirge Xyli bis zum westlichen 
Fusse des Kolokeragebirges (vgl. S. 137) hinzieht, trug im Alter- 
tum nach der weisslichen Farbe des Bodens den Namen Leuke 
oder Leukae: eine Ortschaft gleichen Namens lag in ihrem nörd* 
lichsted Theile (wahrscheinlich östlich von dem Dorfe Mylaos, wo 
Ruinen auf der französischen Karte verzeichnet sind); westlich 
oberhalb derselben auf dem Bücken des Kurkulaberges, welcher 
den nördlicheren Theil dieser Ebene' von der von Helos scheidet, . 
befand sich eine der Artemis geweihte Oertlichkeit Pleiae; am 
westlichen Fusse jenes Berges endlich, V/^ Stunden südlich von 
Helos (beim jetzigen Hafen Kokkinio) lag die noch zu Pausanias 
Zeit ansehnliche Hafenstadt Akriae.^) 

Die schon früher (S. 132 f.) geschilderte Mündungsebene des Tay^eion 

.11 halbinscl. 

Eurotas wird im Westen durch die felsigen Höhenzüge, welche 



*) Paus. c. 22, 9; Strab. p. 363: vgl. Ross Wanderungen II, S. 
247 ff., dessen Ansicht über die Lage von As. und Parak. ich (gegen 
Curtius Pelop. II, 8. 290 f.) gefolgt bin. Eine Inschrift aus der im 
Text erwähnten Kirchenruine s. C. I. gr. n. 8864. Ganz unsicher bleibt 
die Lage der von Ptol. UI, 16, 9 zwischen Akreia und Asopos ange- 
setzen Ortschaft Btdvdi>vu oder BiävSvva^ für die auch aus der In- 
schrift C. I. gr. n. 1336 nichts zu gewinnen ist. 

*) Strab. p. 363; Polyb. IV, 36; V, 19; Liv. XXXV, 27; C. I. gr. n. 
1444, Z. 11 f.; Paus. c. 22, 4. Ueber die wechselnden Namensforraen 
ifx^ttt/, *A%i^Ba£^ "AyL^ua und 'An^aim oder *A%^ata vgl. Curtius Pel. II, 
8. 327. 



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144 11. Peloponnesos. 

das Taygeton in seiner grössten Breite gegen Osten vorscMebl, 
um sich dann gegen Süden mehr und mehr zur HalbinseHorm 
zusammenzuziehen, begränzt. Die Küstenlinie bildet zunächst süd- 
westlich von der Ebene eine weite Bucht, die im Nordosten durch 
einen felsigen Vorsprung, vor welchem drei kleine Felsinseln lie- 
gen, abgeschlossen wird: derselbe trug im Altertum ein Castell 
Trinasos, ^) das nach dem Untergange der Selbständigkeit La- 
koniens verfiel, während der durch die drei Inselchen geschütste 
kleine Hafen mit einem Dorfe Trinisa bis in die heuere Zeit ah 
gewöhnlicher Landungsplatz für die Ortschaften im Eurotaslbale 
diente. Ein ziemlich beschwerlicher Weg von V/^ Stunden führt 
von hier an der felsigen Küste hin nach einer kleinen Strandebene, 
die im Norden und Westen von kleineren Hügeln, im Süden 
von einem bedeutenderen, die Bucht gegen Süden abschliessen- 
den Bergzug (dem Larysion der Alten) umgeben ist: über die 
Ebene wie an den Abhängen der Hügel sind die Ruinen von Gy- 
theion zerstreut, einer Gründung phönikischer Purpurfischer, die 
noch in der achäischen Zeit ohne Bedeutung, später, als die Spar- 
taner anfingen eine Flotte zu bauen, als Haupt- und Kriegshafen 
des Landes die grösste Wichtigkeit erhielt und trotz mehrfacher 
Zerstörungen ihrer Seearsenale und Befestigungswerke noch in 
den Zeiten der Römischen Herrschaft als Hauptstapelplatz des 
Lakonischen Handeis unter den Eleutherolakonischen Städten eine 
hervorragende Rolle spielte.^) Dieser Zeit der Nachblüte der 
Stadt gehören auch zum grössten Theile die jetzt mit dem Namen 
Palacopolis bezeichneten Ruinen an, unter denen das an den Ab- 
hang des die Ebene im Westen begränzenden Hügels (dessen 
Höhe die Akropolis der Stadt trug) angelehnte, mit Marmorsitzen 
geschmückte Theater, ein an der Rückseite des nördlichen Flügels 



') Paus. c. 22, 3; Ptol. III, 16, 9. 

•) Vgl. G. Weber De Gytheo et Lacedaemonioruin rebus navalibns, 
Heidelberg 1833 ; dazu die Nachweisnngen bei Curtius Pel. II , S. 323 
und in Pape-Benselers Wörterbuch d. gr, Eigenamen u. Fvd'Btov] femer 
H. Sauppe 'Eine Inschrift aus Qytheion' in den Nachrichten von der 
Götting. Ges. d. Wiss. 1865, N. 17, S. 461 ff. und über den von Paus. c. 21, 
9 erwähnten Meergott, den die Gytheaten unter dem Namen yi^atv ver- 
ehrten, Gaedechens 'Glaukos der Meergott' 8. 190 f. Plan der Ruinen 
bei Lebas Voyage arch^ologique , Itintlraire, pl. 26, darnach bei Cur- 
tius Pel. II, Tfl. XII. 



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2. Lakonien: Taygetonhdlbinsel. 145 

dessdben stehendes kreisförmiges Gebäude mit gewölbter Decke 
(e^wedcr ein kleines Odeion oder das Versammlungs- und Speise- 
loeal f&r die Beamten der Stadt) und mehrere geräumige Bade- 
anlagen hart am Meeresufer hervorzuheben sind. Etwa 10 Mi- 
naten südlich von der Stadt zeigte man noch zur Zeit des Pau- 
saiuas einen rohen 3tein, auf welchem Orestes Ruhe von seiner 
Raserei gefunden haben sollte: die Bezeichnung desselben als 
^Zeus Kappolas' lässt uns in demselben ein Cultsymbol einer die. 
Stürme beruhigenden Gottheit vermuten. Der östliche Abhang 
des dem Dionysos geweihten Larysionberges, auf dessen Höhe 
jedes Frühjahr eine geheimnissvolle Feier zu Ehren dieses Gottes 
begangen wurde, führte den Namen Migonion: hier stand ein 
Tempel der Aphrodite Migonitis/ jedenfalls eine uralte Gründung 
der hier angesiedelten Phöniker, dessen Stiftung die Sage dem 
Paris zuschrieb, der auf der unmittelbar vor der Küste gelegenen 
kleinen Felsinsel Kranae (jetzt Marathonisi, d. i. Fenchelinsel ge- 
nannt, welchen Namen auch ein seit dem Anfang dieses Jahrhunderts 
auf der Küste, der Insel gerade gegenüber, begründetes Städtchen 
trägt) sein Beilager mit der Helena gefeiert haben sollte.^) 

Gegen lYj Stunden landeinwärts von Gytheion (bei Limni) 
lag Aegiae, wahrscheinlich eine Gründung der von den Phöni- 
kischen Ansiedlern hier von der Küste zurückgedrängten Minyer, 
mit einem Tempel des Poseidon, zu dessen Bezirk ein dem Gotte 
geweihter Teich gehörte, nach der, freilich ziemlich vagen, Bc- 
liauptung der Bewohner des Ortes das im SchilTscatalog (II. B, 
583) erwähnte Augeiae.^ 

Südlich von Maratbonisi beginnt die. Landschaft Mani, deren 
rauhen und wilden Charakter wir schon oben (S. 105) kurz ge- 
schildert haben. Die Ostküste derselben ist in ihrem nördlicheren 
Theile noch in mehrere Buchten gegliedert; von dem Rücken des 
Gebirges, das hier noch an mehreren Stellen mit Eichenwaldung 
bestanden ist, herab strömen diesen eine Anzahl Bäche zu, in 
deren* wenn auch schmalen Thälern noch einige Plätze für kleine 



*) Paus. c. 22, 1 f. ; Steph. Byz. u. K^avaii. Die von einigen Goltz- 
schen Münaen ausgebende Abhandlnng L. Begers 'Cranae insula Laco- 
nica eadem et Helena dicta et Minyaram posteris hnbitata* (Colon. 
Braodenb. 1696) enthält nichts Brauchbares. 

*) Paus. c. 21, 6; Strab. p. 364; über die Ruinen Ross Wanderungen 
n, S. 229 f. 

BBSSIAN, OBOaB. II. 10 



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146 H. Peloponnesos. 

Stadteanlagen sich finden; aber södlich vom Cap Stavri bildet die 
etvcas nach Westen zurücktretende Küste eine fast uniinter1)rochene 
Felsmaner, die erst im südlichsten Theile der Halbinsel durch 
einige schöne Buchten durchbrochen wird, fm Innern des Landes 
erheben sich überall schrofie Bergzacken, mit steinigen Ilocli- 
ebenen abwechselnd; nirgends findet man eine grössere Strecke 
anbaußhigcn Bodens, nur hie und da kleine Terrassen, auf denen 
man mühsam die Erde zusammengetragen hat, um etwas Hafer oder 
Gerste zu gewinnen. Baumwuchs fehlt hier fast g9nzlich: nur selten 
entdeckt das Auge einen vereinzelten Oelbaum oder Feigenbaum; die 
Felsen sind entweder ganz kahl oder mit ganz niedrigen Strduchem 
(besonders wildem Salbei) bewachsen, mit denen die Bewohner 
ihr Feuer beim Kochen zu unterlialten genöthigt sind; Brod wird 
in Form grosser Brezeln ein- bis zweimal im Jahre auf Vorrath 
mit Hülfe der Planken eines zerfallenen Kahns oder des knor- 
rigen Stammes eines abgestorbenen Oelbaumes gebacken. Dass 
trotz dieses wenig einladenden Charakters diese Landschaft im 
Altertum wie noch heut zu Tage eine verhältnissmässig zahlreiche 
Bevölkerung besass, zeigen die Reste alter Ansiedelungen, die an 
vielen Stellen bald in der Nähe der Küste, bald im Binnenlande 
sich vorfinden. Die nördlichste derselben lag etwas über eine 
Stunde südwestlich von Gytheion, ziemlich eine Stunde oberhalb 
der Mündung des auf dem östlichen Theile des Taygeton bei 
Arna in der Landschaft Bardunia entspringenden Amiotiko-Flusses, 
in dessen engem oberen Thale sich bedeutende Ueberreste einer 
alten Wasserleitung finden, die jedenfalls sein Wasser nach Gy- 
theion führte : ^) die Ortschaft, von der einige unbedeutende Reste 
in der Nähe einer Pelrovuni genannten Felshöhe erhalten sind, 
scheint das alte Asine gewesen zu sein, das früher eine stark 
befestigte Stadt, zu Pausanias Zeit aber wohl fast ganz ver- 
schwunden war.^) Ein niedriger Bergzug, das Knakadion der 



*) S. Ross Wanderungen II, 8. 216 und S. 221 f., der dem Flusse 
den antiken Namen Saijvog beilegt: dass dies irrig sei, zeigt die An- 
gabe des Paus. c. 24, 9, wornach dieser Fluss nur fünf Stadien von 
Las entfernt war. 

«) Thucyd. IV, 63; Xenoph. Hellen. VH, 1, 25; Polyb. V, 19; Strab. 
p. 363; Steph. Byz. u. "Aaivri. Die von Curtius (Pel. II, S. 274) als 
^nicht zweifelhaft' bezeichnete Identität von Asino und Las scheint 
mir doch sehr zweifelhaft, da sie auf keiner antiken Autoritttt beruht 



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2. Lakonien: Taygetonhalbinsel. 147 

Alten, an welchem ein Heillglum des Apollon Karncios (Earneion) 
lag, trennl das Thal des Arniotiko von dem des unbedeutenderen 
Flusses Turkovrysis, des alten Smenos, das im Westen und Sü- 
den von zwei anderen Bergen (von den Alten Asia und Ilion 
genannt, letzterer mit einem Tempel des Dionysos am Abhänge 
und einem des Asklepios auf dem Gipfel) umschlossen wird. Auf 
dem Vorspnuige des Asiaberges, der jetzt die auf antiken Funda- 
menien ruhenden Ruinen der mittelalterlichen Burg Passava trägt» 
stand die alte Burgstadt Las mit einem angeblich von den Dios- 
knren (deren Beinamen Lapersae auf eine Eroberung dieser 
Stadt bei ihrer Rückkehr vom Argonautenzuge zurückgeführt wird) 
gegründeten Tempel der Athene Asia, einst wegen des guten Ha- 
fens, welchen die durch zwei Vorsprünge der Küste geschützte 
bucht Vathy darbietet, der wichtigste Seeplatz Lakoniens, dann 
ab es durch die steigende Blüte Gytheions diese seine Stellung 
verlor, .verfallen, bis die Einwohner eine neue offene Ortschaft 
10 der Ebene, eine halbe Stunde vom Meere, eine Viertelstunde 
vom Smenosflusse entfernt, gründeten, die als Mitglied des Bundes 
der Eleutberolakonen wieder eine gewisse Bedeutung erhielt J) 
Landeinwärts erstreckte sich ihr Gebiet gegen V/^ Stunden weit 
bis zu dem kleinen Orte Hypsoi (oder Hypsa), der auf der 
Grunze desselben gegen das Gebiet von Sparta lag ; gegen Süden 
gehörte dazu wahrscheinlich noch die jenseits des Berges Ilion, 
auf dessen östlichstem die Bucht Vathy im Süden abschliessenden 
Vorsprunge ein Tempel der Artemis Diktynna stand, gelegene 
kleine Ebene, in welcher hart am Meere sich einige salzige 
Quellen und Reste römischer Badeanlagen finden; in derselben 
scheint der kleine Ort Arainon (oder Aralnos), in welchem 
man das Grab des Las zeigte, gestanden zu haben. ^) Weiler 
südlich öffnet sich eine weite, durch zwei mächtige Felsvorsprünge 



und- beide StSdte bei Strabon nnd Steph. Byz. gesondert aufgeführt wer- 
den: Pansanias, der von der Existenz von Asine keine Kunde mehr 
gehabt zu haben scheint, übertrug ein auf diese Stadt bezügliches Er- 
eignis« auf die Nachbarstadt Las (c. 24, 6, Tgl. Polyb. a. a. O.)- Ueber 
die Reste bei Petrovuni s. Leake Morea I, p. 269 s. 

') Der Name lautet bald Ada oder Aü, bald Aag. Vgl. H. B, 585 c. 
schol.; Thucyd. VIU, 91 s.; Scyl. Peripl. 46; Strab. p. 364; Paus. c. 
21, 7 und c, 24, 6 f.; Ptol. HT, 16, 9; Steph. Byz. u.^a; Liv. XXXVIII, 30. 

«) Paus. c. 24, 8 flf. 

10* 



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148 II. Pcloponnesos. 

der Koste — Cap Pagania im Nordosten, Cap Stavri im Süden — ge- 
deckte Bucht, die jetzt nach einem an ihrer Nordwestseite gelegenen 
Dorfe die Bucht von Skutari genannt wird; in dieselbe mündet 
ein aus mehreren Armen gebildeter Bach, dessen antiker Name 
Skyras von der Tradition auf eine Landung des Pyrrhos, Sohnes 
des Achilles, von der Insel Skyros her zurückgeführt wird. 
Die felsigen Gestade der Bucht bieten nirgends Raum für eine 
städtische Ansiedelung; die Stadt, zu deren Gebiete sie gehörte, 
Pyrrhichos, lag vielmehr zwei Stunden landeinwärts auf dem 
kahlen Bergrücken in der Nähe des jetzigen Dorfes Kavalos.^) 
An ihr Gebiet gränzte im Süden das einer anderen eleutherola- 
konischen Stadt, Teu throne, die an der Nordseite der westlieh 
vom Cap Stavri sich öffnenden Bucht von Kolokyntha bei dem 
jetzigen Dorfe Kotronäs lag und sich, wie die erhaltenen Mauer- 
reste zeigen, auch auf eine von der Küste vorspringende, jetzt 
Skopä (Warte) genannte kleine Halbinsel erstreckte.^) 

Von der Bucht von Kolokyntha an zieht sich die etwas gegen 
Westen zurücktretende Küste in ziemlich gerader Linie südwärts 
und schiebt sich erst in der Gegend des grossen Dorfes Lagia 
wieder mit einer breiten Felsmasse etwas gegen Osten vor, bis sie 
durch eine tiefe Einbuchtung unterbrochen wird, die jetzt nach 
der Menge der im Herbst hier gefangenen Wachteln, welche ein- 
gesalzen ein Hauptnahrungsmittel der Bewohner für den Winter 
bilden, Porto Quaglio (der Wachtelhafen) genannt wird. Auf 
dieser ganzen, etwas über sechs Stunden langen Strecke wird 



*) Paus. c. 25, 1 f.: vgl. über die römischer Zeit angehörigen Reste der 
Stadt Pouillon-Boblaye Recherches p. 88. Der IIvqqov xcega^ bei Polyb. 
V, 19 kann nicht mit Pyrrhichos identisch sein, sondern muss, da Phi- 
lipp in einem Tagemarsche, unter Verwüstung des Landes, von Amy- 
klae aus dahin gelangt, noch im Eurotasthaie (etwa in der Gegend des 
Aulon) gelegen haben. Wieder ein anderer Ort (nordwärts von Sparta} 
sind die Pyrrhi castra bei Liv. XXXV, 27. — Den Flnss Skyras 
setzt Curtius weiter nördlich, was mir weder zu der Schilderung dea 
Pausanias noch zu der Sage, welche diesen Namen zugleich mit dem der 
Stadt Pyrrhichos auf Pyrrhos, den Sohn des Achill, zurückführte, zu 
passen scheint. Die Beziehung des sinus Aegilodes (Plin. N. k. 
IV, 6, 16) auf die Bucht von Skutari entbehrt jeden Anhalts. 

«) Paus. c. 21, 7; c. 25, 4; Ptol. HI, 16, 9. Eine leider fragmen- 
tarische Inschrift von Skopa giobt Leake Morea III Inscr. n. 42. Vgl. 
Pouillon-Boblaye Recherches p. 80. 



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2. Lakonicn: Tiiygclonhalhinsel. 149 

uns keine einzige antike Ortschaft genannt, da der einzige Reis- 
. ende, auf dessen Bericlilen unsere topographische Kenntniss der 
Taenaronhalbinsel beruht, Pausanias, offenbar die Beschwerlich- 
keit des Landwegs — die nach der rauhen Felsnatur dieser Ge- 
gend im Altertum kaum geringer sein konnte als heut zu Tage 
— scheuend seine Reise von Teuthrone aus zu Schiff fortgesetzt 
hat. Eine grössere städtische Ansiedelung ist auch gewiss hier 
nie vorhanden gewesen, wohl aber zahlreiche kleine Weiler, deren 
Bewohner wenigstens seil der römischen Zeit wohl hauptsächlich 
mit der Ausbeulung der schon früher (S. 105 f.) besprochenen Mar- 
roorbröche sich abgaben : Zeugniss von ihrer Existenz geben noch 
einzelne antike Werkstücke, in den Fels gehauene Hausplälze und 
Gräber mit schmucklosen Gefassen, die sich in oder bei den 
meisten der zahlreichen, fast durchgängig in einiger Entfernung 
oberhalb der Küste gelegenen Dörfer vorfinden J) Die ansehn- 
lichsten Reste des Altertums aber findet man ziemlich in der 
Milte der ganzen Strecke, einige Minuten südlich von dem zwi- 
schen fruchtbaren Abhängen wie auf einer Oase in der grossen 
Felswfiste gelegenen Kloster Kurnös. Hier liegen in einer kleinen 
von schroffen Felszacken überragten Hochfläche die Grundmauern 
und Ruinen von zwei unmittelbar nebeneinander gebauten dorischen 
Tempeln aus grauweissem Marmor, wie er in dieser Gegend in 
grossen Massen bricht, deren bauliche Formen (besonders bei dem 
grösseren) auf die Zeit des Verfalls der griechischen Architektur 
hinweisen; daneben ausgedehnte Reste polygoner Mauern und 
einiger castellähnlicher Befestigungsanlagen sowie einige alte 
Gräber. 2) 

Der trefflich geschützte Hafen , welchen die von mehreren 
Punkten aus wie ein Landsee erscheinende Bucht von Porto Qua- 
glio bildet, führte im Altertum den Namen Psam albus; eine 
kleine Ortschaft gleichen Namens lag an der Südseite des Hafens 
in einer jetzt zu Getreidefeldern benutzten schmalen Strandebene. 
Ein kahler, nur ^/^ Stunde breiter Bergrücken trennt diese Bucht 
von der ihr westlich gerade gegenüber gelegenen, weniger tief 
Ins Land einschneidenden und daher weniger sicheren Bucht Mari- 



*) 8. meine Abhandlang 'lieber das Vorgebirg Taenaron' (vgl. 
oben S. 106, Anm. 1) S. 789 ff. 

«) Vgl. ». a. O. 8. 792 ff. (wo 8. 793, Z. 7 v. u. für 0, 66 zu lesen 
ist 2, 55). 



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150 n. Peloponnesos. 

nari, die von den Allen *der AchlUesharen' (6 'j^xiXXsiog Xlhijv) 
genannt wurdet) Südlich von beiden Bochlen zieht sich das 
Gebirge, an Höbe und Breite jenen schmalen islbmosarligen 
Röcken überragend, noch in einer Länge von fünf Viertelstunden 
fort, bis es in dem Gap Matapan , der südlichsten . Spitze des 
griechischen Festlandes, ausläuft. Die Westküste dieser von den 
Alten ^das Taenaron' im weiteren Sinn (im engern bezeichnete 
dieser Name das Gap Matapan) genannten, gleichsam ein Anhängsel 
der grossen Taygetonhalbinsel bildenden kleinen Halbinsel ist ganz 
hafenlos und unwirthlich, an der Ostküste aber flnden sich zvrei 
tiefe Einbuchtungen: die nördlichere, die sich wie ein schmaler 
Kanal zmschen die Felsen hineinzieht und daher jetzt ^die tiefe 
Furche' (ro ßad^ avkdxi) genannt wird, ohne Spuren antiker 
Ansiedelung, aber überragt von schon im Altertum ausgebeuteten 
Brüchen grün-roth-weissen Marmors; die südlichere, jetzt ^Kister- 
näs' (^die Gisternen') genannt, im Altertum weit berühmt durch 
das an ihrer Nordseite am Ausgange einer noch jetzt mit Ge- 
sträuch bewachsenen Schlucht gelegene Heiligtum des Poseidon 
Asphaleios, dessen Gultbild im Freien, in einem flüchtigen Ver- 
brechern als Asyl dienenden Haine vor einer als Eingang zur 
Unterwelt betrachteten Grotte aufgestellt war, während das lange 
upd schmale Gebäude, dessen Grundmauern noch erhalten sind, 
für die Gebräuche der Todtenbeschwörung (als ein sogenanntes 
tffvxo7CO(ixetov) gedient zu haben scheint. Zahlreiche in den 
Fels gearbeitete Hausplätze und Gisternen rings um die Bucht 
beweisen, dass sich an das Heiligtum im Altertum eine offene 
Ortschaft, die wahrscheinlich den Namen Taenaron führte, an- 
schloss.^) Die äusserst günstige Lage des Hafens für den Ver- 
kehr, besonders mit Kreta, Nordafrika und dem südlichen Italien, 
erklärt uns leicht sowohl das durch zahlreiche Weihgeschenke be- 
zeugte Ansehen, welches das Heiligtum auch ausserhalb Lakoniens 
genoss, als auch die Erscheinung, dass Dienste suchende Söldner- 
schaaren, wie \nr sie seit der Makedonischen Zeit fto vielfach in 



*) Scyl. Per. 46; Strab. p. 363; Paus. c. 26, 4; Steph. Byz. n.'Ax^- 
Xsiog und Waiiad'ovg; vgl. meine Abhandlung über Taenaron S. 773 ff, 

«) Paus. c. 25, 4 ff.; Strab. p. 363; Thuc. I, 128; Plüt. Cleom. 22; 
u. a.; vgl. meine Abhandlung über Taenaron S. 776 ff. Auf Cult des 
Helios auf Taenaron führt Hymn. in Apoll. Pyth. 233 ff. lieber den 
Cult des Poseidon Taenarios in Sparta vgl. oben S, 125, Anm. 1. 



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2. Lakonien: Taygelonlialbiusel. IM 

Griechenland finden, mit Vorliebe hier ihre interiinistischeo Quar- 
tiere nahmen.') 

Geht man an der Westküste von der Bucht Marinari aus 
nordwärts, so stösst man nach etwa einer halben Stunde in der 
Nähe des kleinen Dorfes Kastraki (in welchem ich ein Paar alte 
Grabdenkmäler fand) auf ein grossartig wildes Naturschauspiel: 
auf eine Strecke von fast einer halben Stunde längs der Küste hin 
sind alle Kuppen des Gebirges herabgestürzt, offenbar in Folge 
eines der heftigen Erdbeben, durch welche Lakonien im Altcr- 
(ume öfter heimgesucht wurde, ^) und bedecken in der wildesten 
Verwirrung, grosse und kleine Blöcke durcheinander, den Abhang 
bis zum Heere hinab. Weiter nördlich hegt oberhalb der Küste 
auf einem fruchtbaren, mit Feldern und Gärten überkleideten 
Hügel das Dorf Vathia, in dem ich wiederum einige Reste aus 
dem späteren Altertum vorfand. Von da steigt man in etwas mehr 
als einer halben Stunde nach einer kleinen Bucht hinab, an wel- 
cher das Dörfchen Kyparissos mit zahlreichen alten Kirchen und 
wenigen zwischen Feldern und Weingärten zerstreuten Häusern 
hegt, irelches, wie zahlreiche Inschriften zeigen,, die Stelle einer 
eleutherolakonischen Stadt einnimmt, die officiell 'die Stadt der 
Taenarier'(a nokt^täv TacvaQimv), im Volksmundc aber, offen- 
bar zur Untei^cheidung von der älteren Ortschaft beim Heiligtume 
des Poseidon, Kaenepolis (Neustadt) genannt wurde. In der 
oberen Stadt stand ein Heiligtum (Megaron) der Demeter, das, 
wie die Reste zeigen (unter denen namentlich vier mächtige 
Säulen von rothgrauem ägyptischen Granit bemerkenswerth sind), in 
ionischem Style und sehr grossen Verhältnissen, vielleicht durch 
C. Julius Lakon, den Sohn des Eurykles, nach dem Huster des 
Weihetempels in Eleusis errichtet war; am Heeresufer ein kleinerer. 



«) Vgl. Diod. XVII, 108; XVIII, 9; Vit. X orat. p. 848«. Unter den 
Weihgeschenken ist besonders die kleine Erzgruppe eines auf einem 
Delphin sitzenden Mannes (Arion) von Interesse: s. Herod. I, 24; Dio 
Chrysost. or. 37, 4; Ael. H. an. XII, 45. Das Heiligtum wurde geplündert 
durch den Aetoler Timaeos (Polj^b. IX, 34) und durch die Kilikischen 
Piraten (Plut. Pomp. 24). 

«) Vgl. Sirab. VIII, p. 367. Ob gerade an das Erdbeben von Ol. 
79, 1 (Plut. Cim. I64 Diod. XI, 63) zu denken ist, wie ich in der Ab- 
handlung über Taenaron S. 784 vermutet habe, ist mir doch zwei- 
felhaft. 



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152 11. Pelopounesos. 

ebenfalls in ionischem Style erbauter Tempel der Aphrodite.') 
Etwa fönr Viertelstunden nördlich von Kyparissos tritt eine mäch- 
tige, etwas gegen Westen ausgebauchte Gcbirgsmasse auf eine 
Länge von beinahe zwei Stunden von Süden nach Norden weil ins 
Meer vor, deren fast senkrecht aufsteigende, von zahlreichen Lö- 
chern und Höhlen zerrissene Felswände, nach denen sie im Alter- 
tum Thyrides (*die Fenster') genannt wurde — jetzt hcisst sie 
bei den Schiffern Cavo Grosso, 'das massige Vorgebirge' — vom 
Meere aus einen grossartigen Anblick gewähren. In mehreren 
der zahlreichen auf der Höhe des Vorgebirges bis zum Kamme 
des Taygeton gelegenen Dörfer sind vereinzelte antike Reste ge- 
funden, doch ist die Steile der in dieser Gegend gelegenen, schon in 
der römischen Kaiserzeit verfallenen Ortschaft Hippola noch nicht 
mit Sicherheit nachgewiesen worden. ^) Nördlich vom Vorgebirge 
bietet die durch die weit gegen Norden vortretende schmale Halb- 
insel Tigani gegen Westen geschützte Bucht von Mezapo einen 
sehr guten. Hafen, welcher im Altertum zu einem frühzeitig ver- 
fallenen, aber in der römischen Kaiserzeit wiederhergestellten Städt- 
chen Messa gehörte.^) Breite Hochflächen mit dürrem, steinigem 
Boden, aber ganz mit sorgfältig durch lose Steingehege abgegränzten 
Feldern, auf denen Weizen, Gerste und Bohnen gebaut werden, 
und dazwischen zahh*eichen Ortschaften (unter denen Pyrgos und 
Tzimova die bedeutendsten sind) bedeckt, ziehen sich von hier 
unmittelbar über der durch mehrfache Einbuchtungen unterbro- 
chenen Küste hin bis zu der fünf Stunden von Mezapo entfernten 
Bucht von Limeni, die wieder einen guten, jetzt zu dem Städtchen 
Tzimova (officiell Arcupolis) gehörigen Hafen bildet. Eine halbe 
Stunde nordwärts von dem innersten Winkel der Bucht liegt das 
Dörfchen Vitylo, das noch den Namen und eine Anzahl baulicher 

*) Paus. c. 25, 9; Ptol. III, 16, 9 (wo die Reihenfolge der Orts- 
namen gestört ist); Inschr. im C. I. gr. n. 1817; 1821 f.; 1389; 1393 f. 
und bei Leake Morea III n. 31 ff.; vgl. meine Abhandlung über Tae- 
naron S. 786 ff. und Schillbach im Archäolog. Anz. 1867, N. 106. 107, 
ö. 99* f. 

«) Strab. p. 385; p. 360 (nach welcher Stelle, vgl. mit Dionys. Hai. 
A. R. I, 60, Curtius der Südspitze des Vorgebirges den Namen Kivai- 
^lov giebt); p. 362; Paus. c. 25, 9. Die Ansetzung von 'innoXu bei 
dem jetzigen Dorfe Krinovla beruht nur auf der wohl täuschenden 
Namensäh^nlichkeit. 

») Paus. a. a. O., vgl. II. ß, 582 und Strab. p. 864. 



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2. Lakonien: Tuygetonlialbinsel. 153 

Reste der alleu, noch in später Zeit als Hitglied des Bundes der 
Eleulberolakouen blühenden Stadt Oitylos (nach einheimischer 
Schreibung Bitylos) bewahrt, in welcher Pausanias ein, nach 
defl Resten zu schliessen» in ionischem Style erbautes Heiligtum 
des Sarapis und ein an der Agora stehendes Schnitzbild des Apol- 
Ion Karneios als sehenswerth erwähnt.^} 

Die Gegend nördlich von Limeni bewahrt denselben Charakter 
eines unwirtlichen und unfruchtbaren Berglandes bis zu dem vier 
Stunden nördlich von Vitylo vom Rucken des Gebirges herab dem 
Heere zußiessenden Bache von Milia, der im Altertum den Namen 
Pamisos geführt und in den Zeiten der Selbständigkeit Hesse* 
nicns die freilich vielbestrittene Gränze dieser Landschaft gegen 
Lakonien gebildet zu haben scheint^) An diesem Bache lag, 
eine Stunde von der Küste entfernt, die offenbar nach ihrer ge- 
schlossenen, schwer zuganglichen Lage benannte Ortschaft Tha- 
laniae, später eine Stadt der Eleulherolakoncn, zu deren Gebiete 
auch ein an der Strasse von Oitylos her gelegenes Heiligtum der 
Ido (oder; wie der eigentliche Cultname lautete, der Pasiphaa) 
gehörte mit einem Traumorakel, welches von Zeit zu Zeit ofßciell 
durch die spartanischen Ephoren befragt wurde, ^j An der Münd- 
ung des Baches stand ein Städtchen Pephnos (oder Pephnon), 



«) Paus. c. 21, 7; c. 26, 10; Strab. p. 360; II. B, 685 c. scbol.; 
Ptol. m, 16, 22; C. I. gr. n. 1323; vgl. Leake Morea I, p. 313. Die 
Kntfernungsangabe von 150 Stadien von Mcssa bis Oitylos bei Paus. 
a. a. O. ist wohl daraus zu erklären, dass Paus, den Weg nicht zu 
Lande, sondern zu Schiff gemacht hat. 

*) Strab. p. 361, vgl. Paus. c. 1, 4 und c. 26. 3. Auch in der von 
Polybios als unverständlich bezeichneten Schilderung des Zenon vom 
Marsche des Nabis (Polyb. XVI, 16) ist wohl dieser Pamisos gemeint. 

») Ptol. III, 16, 22; Steph. u. BaXdiiai; Strab. p. 360 (dessen An- 
gabe, Thalamae habe zu seinerzeit Boitoxol geheissen, auf einer Corruptel 
des Textes zu beruhen scheint); Paus. c. 21, 7; c. 26, 1; Plut. Agis 9; 
Oleom. 7; Cic. De div. I, 43, 96. Der Vermutung von Curtius (Pel. II, 
8. 284), dass das Heiligtum auf dem jetzt Trachela genannten felsigen 
Vorsprunge der Küste, zwei Stunden nördlich von der Bucht von Li- 
meni, gelegen habe, kann ich nicht beistimmen, theils wegen der be- 
trächtlichen Entfernung dieses Platzes von Thalamae, während das 
Heiligtum nach Plntarch iv BaXdfiatg lag, theils weil die Strasse von 
Oitylos nach Thalamae schwerlich hart an der Küste, sondern jedenfalls 
weiter östlich hinlief. 



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154 II. Peloponnesos. 

jedenfalls der IlafeDplalz von Thalamae» wenn auch ein eigent« 
licher Hafen hier nicht vorhanden ist, sondern nur eine offene 
Rhede, die durch eine kleine, gleichfalls Pephnos genannte Fels- 
insel (oder vielmehr eine grössere Felsklippe), welche die Sage 
als GeburtsstStte der Dioskuren bezeichnete, nur sehr ungenügend 
geschützt istJ) Nördlich vom Bache von Milia nimmt das Land 
zunächst einen milderen und fruchtbareren Charakter an, der 
aber schon nach etwa drei Stunden, wieder durch eine rauhe 
Felsmasse, die sich in einer Breite von V/2 Stunden südwestwärts 
ins Meer vorschiebt (jetzt Cap Kephali genannt), unterbrochen 
wird. Der sudlichere Theil jener Landstrecke bildete das Gebiet 
von Leuktra (oder Leuktron), einer Orsprüngllch wohl von 
Minyern gegründeten eiculhcrolakonischen Stadt, deren Name und 
Ueberreste in dem eine Stunde nördlich von der Mundung des 
Baches von Milia gelegenen Dorfe Leftro erhalten sind;^) der 
nördlichere gehörte seit dem Beginn der römischen Kaiserzeit den 
Bewohnern von Sparta, denen Augustus die alte, gegen zwei 
Stunden nördlich von Leuktra, 20 Minuten oberhalb der Küste 
auf einer steilen Felshöhe gelegene Stadt Kardamyle (In der 
local- dialektischen, noch im Namen des Dorfes Skardamula er- 
haltenen Form Skardamyla), welche bis dahin, wahrscheinlich 
seit Philipp von Makedonien, Im Besitz der Messenier gewesen 
war, geschenkt halte. ^j Nördlich vom Cap Kephali lagen noch zwei 
eleutherolakonische Städte, beide altmessenische Gründungen, die 
auch seit Philipp von Makedonien wieder im Besitze der Mes- 
senier gewesen, durch Augustus ihnen wieder entzogen und 
auch bei der Grenzregulirung durch Tiberius, welcher die enge 
Schlucht des Choiros (XoiQiog vdnri), des jetzigen Baches von 
Sandava, als Gränzscheide zwischen Lakonien und Messenien fest«- 
selzlc, zu Lakonien geschlagen worden waren: Gerenia (oder 



1) Paus. c. 26, 2 f.; Steph. B72. n. Ilifpvov, 

*) Paus. c. 21, 7 und c. 26, 4 ff.; Plut Pelop. 20; Strab. p. 360 f.; 
Ptol. III, 16, 9. Für minyischen Ursprung der Stadt sprechen be- 
sonders die von Paus, erwähnten Culte des Asklepios, der Ino und 
des Eros. 

») Paus. c. 26, 7; vgl. II. J, 160; 292; Herod. VIII, 73; Strab. p. 
360; Ptol. III, 16, 22; Steph. Byz. u. KccgSaiivlrj. Paus. Angabe der 
Entfernung zwischen Kardamyle und Leuktra auf 60 Stadien beruht auf 
einem Irrtum oder auf einer falschen Berechnung nach der Dauer der 
Küstenfahrt. 



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3. Messenien. 155 

Gere na) und AlagoniaJ) Die erstere, nach der Tradition 
das homerische Enope und durch eine alte aber wahrscheinlich 
falsche Deutung des bekannten homerischen Beinamens des Nestor 
zum Geburtsorte oder zur Zufluclitsslälte dieses Heros gestempelt, 
mit einem Rhodon genannten und als Curort dienenden Heilig- 
lam des Machaon, des Sohnes des Asklepios, lag wahrscheinlich 
nahe bei der kleinen Bucht Kitriäs in dem kleinen Thale, an 
dessen Ende man noch jetzt eine bedeutende Grotte bemerkt, die 
ohne Zweifel der von Pausanias erwähnten Grotte der Klaia (?) 
im Gebirge Kalathion entspricht; Alagonia aber stand IVa 
Stunden landeinwärts auf der Berghöhe, welche jetzt die Ruinen 
der fränkischen Burg Zarnata einnehmen. 



8. M6886ni6n. 

Mcssene oder, seit Erbauung einer Stadt dieses Namens, auch 
Messenia ^) nennen die Griechen die Landschaft, welche im Osten 
durch das Taygeton von Lakonien, im Norden durch die süd- 
westlichen Verzweigungen des Lykaion (die jetzt Tetrasi und 
Hagios Ilias genannten Bergzüge) sowie durch den Fluss Neda 
von Arkadien und Triphylien getrennt , an den übrigen Seiten 
▼om Meere bespult wird, das von Süden her tief in das Land 



*) Paus. c. 21, 7; c. 26, 8 flf.; vgl. Hom. II. /, 160; 292; Hesiod. bei 
8tepb. Byz. u. FtgTivia; Strab. p. 340; p. 360. In der Ansetzung der 
beiden Ortschaften bin ich dir Ansicht von Leakö (Morea I, p. 323; 
Peloponnesiaca p. 180) gegen die französ. Karte und Cartins (Fei. II, 
S. 286), die Oerenia an der Stelle von Zarnata ansetzen, gefolgt, weil 
mir aas Fans, bervorzngehen scheint, dass die von Leake unzweifelhaft 
richtig erkannte Grotte zwischen Gerenia und Alagonia lag, und weil 
die Entfernung von. 80 Stadien landeinwärts d. h. ostwärts von Zarnata 
DOS auf die Höhen gerade nnter den höchsten Kuppen des Taygeton 
fahrt, die durchaus keinen Flatz für eine städtische Anlage darbieten. 
Dass Ftol. III, 16, 22 (an einer überdies sehr couftisen Stelle) Gerenia 
anter den noXei^ fLscoyfiot Lakoniens anführt, erklärt sich, wenn wir 
annehmen, dass die Stadt einige Minuten von der Küste entfernt war. 

') rj Mi€6rivCa als Substantiv ohne den Beisatz von y^ oder %ÄQa 
findet sich zuerst bei Folybios und bei dem sogenannten Scymnus Cbius 
Orb. descr. 630. 



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156 II. PeloponiicsQs. 

eindringend den ^Messenischen Meerbusen' ') bildet. Die 
Etymologie des Namens, der eigentlicb *Mi(telland' bedeutet, zeigt, 
dass derselbe ursprünglich nicht der ganzen Landschaft, sondern 
nur einem Tbeile derselben zukam, der nicht nur in geographi- 
scher, sondern auch in politischer Beziehung den Mittelpunkt 
des Landes bildete. Ohne Zweifel war dies die fruchtbare, von 
mehreren zu einem Strome sich vereinigenden Bächen durch- 
ilossene Ebene im nördlicheren Tlielle des Landes, ein altes See- 
becken, das, abgesehen von einem schmalen Spalt im Süden, von 
allen Seiten von Gebirgen umschlossen ist: im Norden durch die 
schon erwähnten Gränzgebirge gegen Arkadien, im Nordwesten 
durch einen mit diesen zusammenhängenden, jetzt Kutra ge- 
nannten Gebirgszug,^) im Südwesten durch ein jetzt mit dem 
Gesammtnamen Kontovünia (^die kurzen Berge') bezeichnetes 
Mittelgebirge, das zwei durch eine Einsattelung verbundene Gipfel 
(jetzt Vurkano und Hagios Basilios, von den Alten Ithome und 
Euan genannt) gegen Südosten vorschiebt, im Osten endlich durch 
die westlichen Vorberge des in grossen Terrassen nach der Ebene 
zu absteigenden Taygelon. Ein Engpass, durch welchen die ver- 
einigten Gewässer abfliessen, verbindet diese nördlichere Ebene, 
die nicht nur In der ältesten, sondern auch in späteren Zeiten 
einer selbständigen staatlichen Existenz der Landschaft den poli- 
tischen Mittelpunkt derselben bildete, mit einer zweiten, an Frucht- 
barkeit ihr nicht nachstehenden Ebene, die, gegen Süden sich be- 
deutend verbreiternd, von dem Strome durchflössen wird, der, 
nachdem er noch einen bedeutenden Zufluss von Nordosten her 



^) MB6aTiviaii6g noinog bei Strabon a. a. : nach demselben VIII, p. 
359 hiess der nördlichere Theil des Busens 6 MtaariviaTidg nolnog, der 
südlichere 6 'JaivaCog xoXnog [doch werden weiterhin beide Bezeich- 
nungen als synonym behandelt]; dieselben beiden Theile werden bei 
Plin. N. h. IV, 5, 15 als 'sinus Coronaeus' und 'sinus ABinaeus' unter- 
schieden. Endlich finden wir auch die Bezeichnung SovQiäxrig noJixog 
für den ganzen Meerbusen bei Strab. p. 360. Heut zu Tage Golf von 
Koron. 

*) Curtius Pel. II, 8. 180 scheint den Namen 'ElaXov, den er "dem 
H. Ilias giebt, auch auf dieses Gebirge zu beziehen; doch sind wir 
durch die dürftigen Angaben des Pausanias (VIII, 41, 7 and 42, 1, vgl. 
Rhianos bei dems. IV, 1, 6) überhaupt nicht berechtigt, den Namen 
Elaion auf die am linken Ufer der Neda gelegenen Gebirge auszudehnen. 
Vgl. Conze und Michaelis Annali XXXIII, p. 57 ss. 



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3. Messenien. 157 

aurgenommen hat, den Namen Pamisos (jelzl Pirnatza) empfängt^) 
und der durch die Menge von Sand und Schlamm, die er mit 
sich fuhrt, fortwährend an der Erweiterung dieser seiner Münd- 
ungsebene, die zum grössern Theile ab seine Schöpfung zu be- 
trachten ist, arbeitet. Darin unterstulzen ihn ein von dem Rucken 
des Taygeton herabkommender wasserreicher Giessbach, der Ne- 
don, der zwei Stunden östlich vom Pamisos bei dem jetzigen 
Kalamata ins Meer fallt, sowie zahlreiche den grössten Theil des 
Jahres hindurch wasserlose Bäche, welche von den südlichen Ab- 
hängen der Kontovunia aus den westlichen Theil der Ebene durch- 
furchen. Diese südliche Ebene, die wegen ihrer Fruchtbarkeit 
im Altertume Makaria (^'die gesegnete') genannt wurde, ^) wird 
im Südosten durch die wie eine mächtige Barre bis unmittelbar 
ans Meer vorgeschobenen felsigen Abhänge des Taygeton begränzt, 
mit denen die zum weitaus grössten Theile schon im vorigen Ab- 
schnitt geschilderte Taygetonhalbinsel beginnt. Ihr entspricht im 
Westen eine zwar etwas breitere aber weit kürzere Halbinsel, die 
wir die messe nische nennen können,^) da sie ganz dieser Land- 
schaft angehört. Sie wird nicht wie die beiden Lakonischen Halb- 
inseln von einem langen Gebirgszuge eingenommen, sondern be- 
steht aus mehreren durchaus anbaufähigen Gebirgen von massiger 
Erhebung, unter denen das jetzt Lykodimo, von den Allen Ma- 
thia genannte, dessen Gipfel die Höhe von 957 Meter erreicht, 
das bedeutendste und in gewissem Sinne der Kern der ganzen 
Halbinsel ist, da die westlicheren, jetzt Zernaura und Mandila ge- 
nannten Berge, sowie der die Westküste von Modon bis Navarin 
einnehmende Bergrücken des heiligen Nikolaos als Verzweigungen 



^) Aas Paus. IV, 31, 4 sieht man, dass die Alten die V/^ Stande 
nördlich von Tharia, etwas über zwei Standen östlich von der Stadt 
Messene am Fasse eines Vorberges des Taygeton entspringenden^ jetzt 
nach dem heiligen Floros benannten Quellen als die des Pamisos be- 
trachteten; dies wird bestätigt darch die Angabe des Strabon p. 361, 
dass die Länge des Laufes des Pamisos von seinen Quellen an nicht 
mehr als 100 Stadien betrage. 

>) Strab. p. 361. 

^) Die von Curtias beliebte Bezeichnang derselben als phion ist 
durchaus unbezeugt, da die Alten nur von einer Ortschaft Rhion wissen 
(Strab. p. 360 und 361; Steph. Byz. u. 'P£ov), die, wie Curtius selbst 
richtig erkannt hat (Pel. II, R. 168), die Stelle des spätem Asine (des 
jetzigen Koron) einnahm. 



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158 IL Peloponfiesos. 

desselben betrachtet werden können. Den südliefasten Tbeil der 
Halbinsel aber bildet ein besonderes Gebirge, der Akritas der 
Alten, niedriger (der jetzt nach dem heiligen Demelrios benannte 
höchste Gipfel erreicht nur die Höhe von 516 Meter), aber rauher 
und steiler als die Mathia, in Gestalt eines mit der Spitze (dem 
Akritas im engeren Sinne, jetzt Cap Gallo) nach SAden gekehrten 
Dreiecks , dessen Basis nach Westen bis nahe an das sudliche Ende 
des Bergrückens des heiligen Nikolaos verlS^ngert ist. Als Fort- 
setzungen oder weitere, durch Zerstörung der Verbindungsglieder 
vom Stamm losgelöste Verzweigungen dieses Gebirges sind wohl 
auch die nahe der äudkuste der Halbinsel liegenden, durchaus 
felsigen und jetzt ganz unbewohnten Inseln zu betrachten: die 
nach ihrer an einen Wetzstein erinnernden Gestalt von den Allen 
Theganusa (jetzt Venetiko) genannte gerade, südlich vom Cap 
Akritas, und die westlichere Gruppe der Oinussae, die aus zwei 
grösseren, jetzt Sapienza und Cabrera genannten und einer in 
dem Canal zwischen beiden gelegenen kleinen (Prasonisi oder 
Santa Maria) besteht.^) 

Der westliche Theil der oberen Landschaft endlich wird 
von einem mit dem Hittelgebirge der Kontovunia zusammen- 
hangenden, von Nord nach Sud streichenden Bergzuge, dem 
Aegaleon^) der Alten, eingenommen, der in drei Gipfeln von 
annähernd gleicher Höhe (dem Psychro im Norden von 1115, dem 
Gipfel der heiligen Barbara in der Mitte der Kette von 1220 und 
dem der heiligen Kyriaki im Süden von 1066 Meter) aufsteigt 
und in breiten, durclischniltiich nodi etwa 100 Fuss über die 
Meeresfläche st<*.h erhebenden, mit fruchtbarem Erdreich bedeckten 



*) Der nur von Paus. IV, 34, 4 erhaltene antike Name des Lyko- 
dimo ist von Bekker nach den Spuren der Handschriften richtig als 
ri MaQ-ioL erkannt worden; vgl. Schnbart Bruchstücke zu einer Metho- 
dologie der diplomatischen Kritik S. 24. Dem Bergzug des heiligen 
Nikolaos giebt Curtius (II, 8. 180, vgl. S. 188) vermutungsweise den 
Namen Tomaeon oder Tomeus nach Thucyd. IV, 118 und Steph. Byz. 
u. To^kBvgy schwerlich mit Recht, da, wie schon Leake (Morea I, S. 416) 
erkannt hat, bei Thucyd. nach dem Zusammenhange vielmehr an Oert- 
liohkeiten Östlich d. h. landeinwärts von Pjlos zu denken ist. lieber den 
Akritas und die südlich davon gelegenen Inseln s. Paus. c. 34, 12 ; Strab. 
p. 369; Ptol. III, 16, 7. 

*) Strab. p. 369. 



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3. Messenien. 159 

Flochflachcn gegen Westen vortritt. Durch die zahlreichen Giess- 
bäche, welche* durch dieselben dem Meere zufliessen, hat sich am 
Fussc ^lerselben ein durchschnittlich etwa ^4 Stunde breiter sand- 
iger Kustensaum angesetzt, der zwischen den Städten Pylos und 
Kyparissia eine Ausbauchung gegen Westen zeigt, weiter nördlich 
dann sich wieder gegen Osten zurückzieht und dadurch den An- 
satz zu dem im Norden durch das Cap Ichthys (jetzt Kalakoio) 
IQ Elis abgeschlossenen weiten Meerbusen von Kyparissia^) (jetzt 
Goir von Arkadia) bildet 

Die älteste Bevölkerung der Landschaft scheint aus iele- 
gischen (hauptsächlich im östlichen Theile), pelasgischen (gegen 
die Grenzen Arkadiens hin) und aeolisch - minyischen Elemen- 
ten (an der Westküste) gemischt und in Folge der Stammes- 
verschiedenheit auch zu keiner politischen Einheit verbunden ge- 
wesen zu sein: wenigstens erscheint in den Homerischen Ge- 
dichten der grössere Theil des Landes mit Lakonien unter der 
Herrscliaft der Atriden vereinigt, während die Westküste mit Tri- 
phylien ein besonderes Reich unter dem Scepter der Neliden 
bildet. Als die Dorier von Arkadien aus eingedrungen waren 
und sich in der nördlichen Ebene festgesetzt hatten, unterwarfen 
sie sich, wie es scheint, fast ohne Kampf die ganze Landschaft; 
nur einige der mächtigsten Adelsgeschlechter wie die Neliden, 
die Medontiden, die Paeoniden und die Aikmaeoniden wanderten 
nach Atlika, beziehungsweise nach Kleinasien aus; die übrige Be- 
völkerung, meist friedliche Ackerbauer, blieb im Wesentlichen im 
Besitz ihres Grundeigentums und ihrer politischen Rechte und 
^iirde, mit Ausnahme der unmittelbar unter dem dorischen Kö- 
nig stehenden nördlichen Ebene, von vier Unterkönigen oder 
Lehnsförsten beherrscht.^) Zwar wurde diese Einrichtung in 



*) Cyparissins sinus Plin. N. h. IV, 5, 16; Pomp. Melall, 50L Von 
den Qiessbächen der Küste wird uns ausser dem bei Kjparissia fliessenden 
Kvna(^aai]Stg (Strab. VIII, p. 349) nur der üslag genannt (Ptolcm. III, 
16, 7); welchem Bach dieser Name gehört, ist nicht mehr festzustellen. 

«) S. Ephoros bei Strab. VHI, p. 361 (dazu Curtius Pel. II, S. 126 f. 
und Schiller Stämme und Staaten Griechenlands, II, Ansbach 1868, S. 
7 f.), wo als die Sitze der vier Unterkönige genannt werden: Pylos an 
der Westküste; Rhion an der Ostküste der westlichen Halbinsel 
(s. oben S. 167, Anm. 3); Mesola, was wohl von dem Lakonischen Messa an 
der Westküste der Taygetonhalbinsel nicht verschieden ist, so dass Mes- 
senien damals bis zum Cap Thyrides hinabreichte (vgl. Strab. p. 360, wo 



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160 n. Peloponnesos. 

Folge der Unzufriedenheit des dorischen Adels über die Begünst- 
igung der alten Landesbewohner bald wieder aurgeboben und 
die Regierung der ganzen Landschaft in Stenyklaros, dem Sitze 
der dorischen Herrscher, concentrirt ; allein diese Herrschaft trug 
keineswegs einen ausgeprägt dorischen Charakter, vielmehr ver- 
schmolzen die Dorier mehr und mehr mit der alten Bevölkerung; 
an die Stelle des alten dorischen Stammesbewusstseins trat ailmäiig 
ein messenisches Nationalbewusstsein, für dessen Stärke das Fest- 
halten der ungiucklicheu Messenier an ihrer messenischen Natio- 
nalität während jahrhundertelanger Knechtschaft und Verbannung, 
wodurch sie den Polen der Gegenwart ähnlich erscheinen, das 
beste Zeugniss ablegt. Die Entwickelung dieses nationalen Be- 
wusstseins musste natürlich zu einem Gegensatze gegen die alten 
Stamme^enossen jenseits des Taygeton führen, der durch die 
Verbindung der messenischen Herrscher mit den den Spartanern 
feindlichen Stämmen des südlichen Arkadiens, sowie durch Gränz- 
streitigkeiten, wie sie zwischen Nachbarn nicht ausbleiben, immer 
mehr verschärft, endlich in Folge eines Actes der Gewaltthätig- 
kcit, an welchem jede der beiden Parteien der anderen die Schuld 
zuschob, in offenen Krieg — den sogenannten ersten Messenischen 
Krieg — ausbrach. Das Resultat dieses 20iährigen Kampfes, 
dessen Einzelheiten ganz in das Gewand der Sage gehüllt sind, 
war die Vernichtung der nationalen Selbständigkeit Messeniens, 
das von den Spartanern ganz als erobertes Land behandelt wurde: 
die Bewohner, soweit sie es nicht vorzogen, ihre Heimat zu ver- 
lassen, blieben zwar im Besitz ihres Grundeigentums, mussten 
aber die Hälfte des Ertrages an die Spartaner abliefern und wur- 
den von Sparta aus regiert. Nach etwa 80 Jahren brach der 
Hass der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker wieder in helle 
Flammen aus: unter Fuhrung des heldenmülhigen Aristomenes, 
dessen Thaten noch bis in späte Zeiten in Volksliedern fortlebten, 
erhob sich die ganze Bevölkerung, von ihren arkadischen Nach- 
barn untcrtsüzt, zum heiligen Kriege (dem zweiten messenischen 
Kriege) ; aber nach ITjährigem Kampfe, als der letzte Zufluchtsort 



6 ^sra^v %6Xnog tov Tavyixov xal xr^g Meoarjviag nach meinem Verständ- 
nisse die weite Einbuchtang zwischen Cap Thyrides und dem jetzigen 
Cap Kephali bezeichnet), und Hyameitis oder Hyameia (vgl. Paus. IV, 
14, 3 und Steph. Byz. u. 'Tdfifia), das jedenfalls in. der unteren Ebene 
zn suchen ist. 



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3. Messenien. 161 

der NaUonalpartci , die Bergfeste Eira an der Gränze Arkadiens, 
durch Verrath id die Hände der Feinde geraden war, musstc sie 
den Widersland aufgeben: ein grosser Ttieil der Kämpfer wan- 
derte aus, was zuruckblieb, wurde zu Hörigen (Heloten) gemacht, 
die das nun nicht mehr ihnen gehörige Land für die spartiatischen 
Herren, deren eiserne Hand noch schwerer als früher auf ihnen 
lastete, bebauen musstcnJ) Seitdem bot Messenien, von Natur 
die fruchtbarste und gesegnetste I^ndschaft der Halbinsel, ein 
trauriges Bild der Verödung und des Verfalls dar: das Land war 
dünn bevölkert und schlecht augebaut, zu einem grossen Theil als 
Weiden für die Heerden der Spartaner benutzt; ^) die Städte, mit Aus- 
nahme des von Dryopern bewohnten, von Sparta begünstigten Asinc 
und von Thuria, dessen Bewohner lakonische Periöken waren, '^) 
ohne Bedeutung, weil Industrie wie Handel unter dem Drucke der 
Fremdherrschaft darnieder lagen. Der hauptsächlicli von Messe- 
nien ausgegangene und daher gewöhnlich als dritter messenisdier 
Krieg bezeichnete Helotenaufstand brachte neue Verwüstung und 
neue Entvölkerung über das unglückliche I.>and ; denn als die auf 
der Ithome verschanzten Aufständischen im zehnten Jahre des 
Krieges (Ol. 81, 2=455) capitulirten, wurde ihnen mit Weibern 
und Kindern freier Abzug unter der Bedingung der Auswanderung 
aus dem Peloponncs bewilligt und sie von den Athenern in Nau- 
paktos angesiedelt. "*) Seitdem herrschte in Messenien die Ruhe 
eines Kirchhofs, die nur durch die Besetzung von Pylos durch 
die Athener im siebenten Jahre des peloponnesischen Kriegs (Ol. 
88, 3 = 425) vorübergehend unterbrochen wurde. Aber zu einem 
neuen Leben erwachte Volk und Land durch den Weckruf des 
Epameinondas, der bei seinem ersten Einfall in den Pcloponnes 
(Ol. 102, 3 = 369) Messenien wieder als unabhängigen Staat her- 
stellte und demselben durch die Gründung der Stadt Messene, 
zu deren Bevölkerung er die Nachkommen der ausgewanderten 
Messenier in die alte Heimat zurückberief, einen politischen Mittel- 
punkt gab.*'^) Trotz der Weigerung Sparlas, den neuen Slaat an- 



*) Vgl. über die beiden messeniscbcn Kriege Curtias Gr. Gescbicbte 
S. 172 ff.; Ph. Koblmann Qiiaestiones Messepiaoae, Bonn 18C6. 
*) Plat. Alcib. I, p. 122«*. 
3) Tbukyd. I, 101. 
<) Thukyd. I, 103. 
•'•) Vgl. Paus. IV, 20, 5 ff.; Diöd. XV, G6. 

BURSIAN, QROGR. II. 1 1 



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162 n. Peloponnesos. 

zuerkennen, bestand derselbe fort» freilich als ein in jeder Hin- 
sicht schwächlicher Körper, der sich nie zu einer selbständigen 
und wahrhaft nationalen Politik zu erheben vermochte. Die Grän- 
zen gegen Lakonien blieben, wie schon froher bemerkt, mannig- 
fachen Schwankungen unterworfen, bis sie durch einen Schieds- 
spruch des Kaisers Tiberlus im Jahre 25 n. Chr. definitiv gere- 
gelt wurden.^) 
Die nord- Di^ chorographischc Schilderung der Landschaft hat natur- 

liche Ebene, genjggg auszugehcu von der nördlichen Ebene, die, wie oben be- 
merkt, ursprünglich Hessene, nach Ausdehnung dieses Namens 
auf die ganze Landschaft gewöhnlich die stenyklarische Ebene 
(nach der alten Königsstadt Stenyklaros, deren Stelle schon den 
alten Geographen unbekannt. war) genannt wurde. ^) Die Berge, 
welche sie gegen Norden umschliessen , tragen schon einen ganz 
arkadischen Charakter: wild und grossartig, nur auf beschwer- 
lichen, kaum für Saumlhiere gangbaren Pfaden zugänglich, erfreuen 
sie doch das Auge durch den Reichthum an I^aubwald, nament- 
lich an prächtigen Eichen, deren mächlige Stämme hie und da 
wegen Mangel an Communicationsmitteln unbenutzt verfaulen. 
Der höchste Gipfel und zugleich der Knotenpunkt für die weitere 
Verzweigung des Gebirges gegen Südosten (die arkadischen Nomia- 
Berge) ist der bis zur Höhe von 1388 Meter sich erhebende Te- 
trasl, von den Messeniern Eira oder Ira genannt, von welchem 
gegen Nordwesten, zwischen den kleinen Dörfern Kakaletri und 
Stasimi» ein von tiefen Schluchten, in denen zwei Arnje der Neda 
fliessen, umgebener Felsrücken vorspringt, der die Reste einer 
aus unregelmässigen Steinen aufgeführten Befestigung, auf seinem 
niedrigeren westlichen Ende die einer kleinen regelmässig um- 
mauerten Ortschaft trägt: jene die Ueberbleibsel der Bergfestung 
Eira, in und bei welcher die Hauptscenen des Dramas des zweiten 
messenischen Krieges spielen, letztere wohl von einer nach der 
Wiederherstelllung Messeniens errichteten Gränzbefestigung her- 

*) 8. Tac. Ann. IV, 43 und dazu Ross Reisen I, 8. 15 ff. — Strab. 
p. 362 nennt Messenien eine zum grössten Theile verlassene Landschaft. 

«) Herod. IX, 64; Paus. IV, 3, 7; c. 15, 8; c. 33, 4. Curtius (Pel. 
II, 8. 136) setzt die Stadt nach Fouillon-Boblajes Vorgang auf einer 
von Südosten her in die Ebene vortretenden Anhöhe östlich oberhalb 
des Dorfes Meligala an, eine Annahme, für welche es an jedem lite- 
rarischen und monumentalen Zeugnisse fehlt; vgl. Annali XXXIII, 
p. 66. 



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3. Messenien: die nördliche Ebeue. 163 

röhrend J) Von den südwestlichen Abhängen des Tetrasi kommt 
ein von den Alten wahrscheinlich Leukasia genannter Bach 
herab, der sich im sudlichsten Theile der Ebene» nachdem er 
ein einen nördlichen Winkel derselben bildendes schmales Thal 
durchflössen» mit einem anderen von den westlichen Abhängen 
der Nomiaberge herabkommenden Bache, dem Amphitos, nach- 
dem dieser einen kleinen Seitenbach, den Charadros, aufge- 
nommen hat, vereinigt: die vereinigten Gewässer ergiess'en sich 
nach ganz kurzem Laufe in den von dem sudlichen Abhänge 
des heiligen Iliasberges her durch ein nordwestliches Seitenthal 
in die Ebene einfliessenden Bach, der jetzt Mavrozumenos , von 
den Alten Balyra genannt wird.^) Dieser ist gerade an dem 
Vereinigungspunkte durch eine in ihren Fundamenten antike Brücke 
überbrückt, deren drei Schenkel (einer nach Süden, einer nach 
Nordost und einer nach Nordwest gerichtet) die Richtung der 
antiken Strasse bezeichnen welche von der Stadt Messene her- 
kommend sich hier gabelte, um rechts nach der arkadischen Me- 
galepolis, links nach Kyparissia auf der messenischen Westküste hin- 
zuführen. Folgte man der letzteren, so gelangte man zunächst 
nach einer kleinen Ortschaft Po li ebne, die am südlichen Ende 
des vom obern Laufe der Balyra durchströmten, durch einen 
niedrigen Bergzug vom Thale der Leukasia getrennten Thaies, 
in der Gegend des jetzigen Khans von Kokla zu suchen ist; in 
der Nähe derselben flössen zwei Bäche, Elektra und Koios 
genannt, jedenfall ein Paar westliche Seitenarme der Balyra. Nach 
Ueberschreitung des ersteren kam man an eine Quelle Achaia, in 
deren Nähe sich Reste einer alten Ortschaft fanden, die dem Pau- 
sanias als die der alten Stadt Dorion (ein Name, der von Anderen 
freilich auf einen Berg oder auch auf die ganze Ebene der oberen 
Balyra bezogen ward) bezeichnet wurden.^) 



*) Paus. c. 17, 10 u. ö.; Steph. Byz. u. 'igd: vgl. Ross Reisen I, 
S. 96 ff.; Curtius Pel. H, S. 152 f.; Viecher Erinnerungen S. 461 ff. 
Die von Clark (Peloponnesns p. 248 ss.) gegen die Beziehung jener 
Reste auf £ira erhobenen Zweifel scheinen mir durchaus nicht erheh- 
lich zu sein. 

*) Paus. c. 83, 4; vgl. Expedition de Moree I, pl. 48 und Curtius 
II, S. 160 f. Der Name BaXvQa^ den die Legende von der weggewor- 
fenen Leier des Thamyris herleitete, gehört wahrscheinlich zur Wurzel 
J^bX, fal 'winden, krümmen'. 

«) Paus. c. 33, 6 f.: vgl. Strah. p. 360; Steph. Byz. u. J(6ifiov. 

11* 



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164 II. Peloponnesos. 

Folgte man dagegen der nach Megalepolis fuhrenden Sirasse, 
so fand man nahe dem östlichen Rande der Stenyklarischen Ebene 
am linken Ufer des Cbaradros (in der Nähe des jetzigen Dorfes 
Philia) eihen geräumigen Kypressenhain , Karnasion genannt, 
in welchem den grossen Göttinen (Demeter und Kora) nebst Apol- 
lon Kameios, dem widdertragenden Hermes und den Kabeiren 
Mysterien, in ihren Brauchen wie an Ansehen und Ruf an die 
eleusinischen erinnernd, gefeiert wurden.^) Dieses Heiligtum, 
dessen erste Gründung jedenfalls in die Zeit vor der dorischen 
Einwanderung zurückgeht, gehörte zum Gebiete von Andania, 
dem Sitze der alten leleglscbcn Könige und der Heimat des Ari- 
stomenes, dessen Ruinen 20 Minuten nördlich von der Stelle des 
Hains auf einem Bergvorsprunge oberhalb des Dorfes Tryphn 
unter dem Namen 4Ielleniko' erhalten sind. Die eigentliche Burg 
scheint, ähnlich ^ie Eira, seit dem zweiten messenischen Kriege 
in Trümmern geblieben zu sein, während unterhalb derselben 
nach der Wiederherstellung Messeniens ein Städtchen, dem man 
den alten Namen beilegte, begründet wurde. Auf die alte Burg- 
stadt bezogen einige den Namen Oicbalia, der auch in den 
messenischen Sagen eine Rolle spielt, während andere diesen Ort 
an die Stelle des Haines Karnasion versetzten.^) Reste einer 
anderen befestigten Ortschaft finden sich gegen zwei Stunden süd- 
östlich von den Ruinen Andanias, auf der westlichen Spitze eines 
steil abfallenden, l>ereits zu dem Gebirgssystem des Taygeton ge- 
hörigen Bergrückens, der auch im Mittelalter eine Burg getragen 



*) S. Paus. c. 33, 4 und die grosse in der Nähe des Dorfes Hagios 
Konstantinos gefundene Inschrift bei Sauppe Die Mjsterieninschrift aus 
Andania, Göttingen 1860; dazu die Bemerkungen von Conze und Mi- 
chaelis in den Annali XXXIII, p. 51 ss. 

*) Paus. c. 33, 4 f., vgl. c. 1, 2; c. 2, 2; c. 3, 10; c. 14, 7; c. 26, 
0; Strab. p. 339; p. 350; p. 360; Pherekyd. fr. 34 Müller (zu welcher Stelle 
auch der neueste Verbcsserungsvorschlag von Sauppe a. a. O., S. 8, 
Anm. 3, iv MtaoXrj für iv Govlr^ zu schreiben, verfehlt ist, da das Ge- 
biet von Mesola sich nach der von S. angezogenen Sterile des Strab. 
p. 360 [vgl. oben S. 159, Anm. 2j bis ans Meer erstreckt haben muss: 
vielleicht ist iv aXan t^s 'AvduvCous zu schreiben); Liv. XXXVI, 31; 
Steph. Byz. u. 'AvSavicc: nach der letzteren Stelle hätte einstmals die 
ganze Landschaft (d. h., wie Curtius Pel. II, S. 189 erkannt hat, die 
nördliche Ebene) den Namen Andania geführt. TFeber die Kninen von 
Andania vgl. Curtius Pel. II, S. 132 f. 



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3. Afossenien: die nördliche Ebene. 165 

hat (PalaeokastroD von Kokla); wahrscheinlich gehören dieselben 
Ampheia, einer Gränzfestung Messeniens gegen Lakonien, durch 
deren Ueberrumpelung die Lakedaemonier den ersten messeni- 
sclieii Krieg eröflnet haben sollen.^} 

Auf der von der Balyrabrucke südwärts führenden Strasse 
erreichte man in V/^ Stunden den Fuss der Ithome und die 
westlich von ihr und dem sie mit dem Euan verbindenden Sattel 
gelegene Stadt Messene. Der 802 Meter hohe Gipfel des Berges, 
zu dem man vom Sattel aus eine Stunde lang emporsteigt, war 
dem Zeus Ithomatas, dem Landesgotte Messeniens, dem Spender 
fruchtbaren Regens, geweiht, der, ähnlich wie Zeus Lykaeos auf 
dem benachbarten arkadischen Gebirge, hier ohne Tempel und 
Bild (ein später för die in Naupaktos angesiedelten Messenier von 
Ageladas angefertigtes Bild des Gottes wurde nicht auf der Cult* 
Stätte, sondern im Hause des je auf ein Jahr gewählten Priesters 
bewahrt) mit Opfern und musischen Wettkämpfen verehrt wurde; 
zugleich diente die mit starken Mauern umgebene obere Fläche, 
auf der jetzt ein verlassenes Kloster der Panagia steht, als die 
Hauptfestung des Landes, deren Fall den Ausgang des ersten so- 
wie des dritten messenischen Krieges entschied. In letzterer 
Hinsicht erhielt der Berg neue Bedeutung durch die Gründung 
der Stadt Messene, indem er, ähnlich wie Akrokorinthos, als 
Akropolis der unteren Stadt benutzt und in das Befestigungssystem 
derselben aufgenommen wurde: seitdem galten Ithome und Akro- 
korinthos als die beiden stärksten Festungen der ganzen Halb- 
insel, oder, wie Demelrios von Pharos es ausdruckte, als die beiden 
Hörner, an denen man den Stier Peloponnesos festhalten müsse. 2) 
Die unter, der Leitung des argivischen Strategen Epiteles ange- 
legte Stadt hatte mit Einschluss der Burg einen Umfang von un- 
gefähr zwei deutschen Meilen, ein Raum^ der freilich nicht ganz 



*) Paus. c. 5,9; vgl. Vischer Erinnerangen S. 419 ff. Freilich liegen 
die Ruinen nicht unmittelbar an der lakonischen, sondern zunäcbst an 
der arkadischen Qränze; allein der Besitz dieses schmalen südlichen 
Zipfels von Arkadien war nach der Annexion der Belminatis an Lako- 
nien jedenfalls mannigfachen Schwankungen unterworfen. 

*) Vo\fh. VII, 11; Strab. p. 361; Paus. c. 9, 1 f.; c. 33, 1 f. Die 
uncannelirten Säulen, von denen anch ich Stücke im Hofe des Klosters 
fand, stammen gewiss nicht von irgend einem Cultgebäude, sondern 
dienten wohl als Träger von Weihgeschenken. 



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166 II. Peloponnesos. 

von den Privatwohnungen, Tempeln und sonstigen öflTentlichen 
Anlagen eingenommen, sondern zum Theil, wie die innerhalb der 
Ringmauer liegenden westlichen und södiicben Abhänge der Ithome, 
unbebaut war; nur am sudlichen Abhänge, an welchem der 
Zickzackpfad zum Gipfel hinaufTührt, findet man einige durch 
Mauern gestutzte Terrassen und auf einer derselben die Trümmer 
eines kleinen Tempels der Artemis Limnatis (nach Lebas Herstel- 
lung ein korinthischer Tempel in antis) mit dem Opferplatz, in 
dessen Mitte der Altar stand, vor dem Eingange. ^) Die Ringmauer, 
welche mit ihren Zinnen und Thurmen von Pausanias (IV, 31, 5) 
als das schönste ihm bekannte Reispiel städtischer Refestigungs- 
anlagen gerühmt wird, ist am besten erhalten an der Nordseite 
und Nordwestseite der Stadt, wo sie sich noch mehrfach bis zu 
12 Lagen von regelmässigen, ohne Mörtel sorgfaltig aneinander- 
gefügten Parallelepipeden , die Thürme, denen nur das hölzerne 
Dach und der aus Holzbalken gefugte Zwischenboden zwischen 
dem ersten und zweiten Stockwerk fehlt, bis zu einer Höhe von 
über 30 Fuss erheben. Ziemlich in der Mitte der Nordmauer 
öffnet sich ein Thor, der Ausgangspunkt der Strasse nach Mega- 
lepolis, an welches sich nach Innen ein kreisrunder Hofraum von 
62 Fuss Durchmesser anschliesst, aus dem man durch ein zweites, 
in gleicher Richtung mit dem äusseren liegendes Thor eine nach 
dem Innern der Stadt führende, mit viereckten Steinen sorgfaltig 
gepflasterte Strasse betritt, die man jetzt nur eine kurze Strecke 
weit verfolgen kann.^) Wahrscheinlich fährte dieselbe als eine 



*) S. Lebas Revue archeologique 1844, p. 425 S8. und dessen Yojage 
arch^ologique en Gr^ce Architecture , Livr. 3 — 5, p1. 1 — 9. Für die 
Ruinen der Stadt überhaupt vgl. die Pläne und Ansichten in der Expe- 
dition de More'e I, p1. 22 ss., womach der Plan bei Aldenhoven Itine- 
raire d^seriptif de FAttique et du P^loponn^se (Athen 1841) zu p. 196, 
bei Curtius Pel. II, Tfl. VI und auf unserer Tfl. IV. 

*) S. die Abdildungen bei Leake Morea I, p. 372, in der Expedition 
de Mor^e I, pl. 42—47, bei Fiedler Reise I, Tfl. IV und bei Curtius Pel. 
II, S. 141. Ob die durch die Inschrift C. I. gr. n. 1460 bezeugte Wie- 
derherstellung durch Q. Plotius Euphemion die ganze Thoraulage oder 
nur ein in der Nische, über der die Inschrift angebracht ist, aufgestell- 
tes Bildwerk (die von Paus. c. 33, 3 erwähnte Herme?) besoffen hat, 
ist nicht sicher zu entscheiden, letzteres aber wegen der Stelle der 
Inschrift wahrscheinlicher. — Eine Tsysätig nvlrj von unsicherer Lage 
erwähnt Polyb. XVI, 17. 



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3. Messenien: die nördliche Ebene. 167 

Art Corso nach der Agora, auf welcher Pausanias (c. 31, 6) 
ausser einigen Göiterbildern und Heiligtümern besonders einen 
Arsinoe genannten Brunnen erwähnenswerlh fand, der von einer 
am Aufstieg zur Burg entspringenden Quelle Klepsydra (vgl. c. 
33, 1) gespeist VFurde. Dies kann keine andere sein als die, 
welche noch jetzt mitten in dem nach ihr benannten Dorfe Ma- 
vromati (Schwarzauge, bildlich für eine tiefklare Quelle) aus einer 
an den sudlichen Fuss der Khome angelehnten Mauer hervor- 
sprudelt und als ein ziemlich starker Bach durch den sudlicheren 
Theil des alten Stadtgebiets fliesst. ^) Da nun nicht anzunehmen 
ist, dass man im Altertum das Wasser dieser Quelle nach dem 
höher gelegenen nördlichen Theile der Stadt, der selbst mehrere 
Quellen hat, geleitet habe, so wird man die Agora sudlich davon^ 
auf der ebenen Fläche am linken Ufer des Baches zu suchen ha- 
ben, auf welcher neben verschiedenen Grundmauern alter Ge- 
bäude auch die Reste eines in dorischem Styl erbauten Tempels 
erkennbar sind. Etwas weiter gegen Sudwesten finden sich die 
Ueberreste des an drei Seiten von Säulenballen umgebenen, an 
der Südseite durch die Stadtmauer abgeschlossenen Stadions, des- 
sen Sitzreihen besonders an dem oberen einen durch Tangenten 
verlängerten Halbkreis bildenden Ende wohl erhalten sind. ^) Unter 
den übrigen Ruinen, die in grosser Menge^ vielfach von Gebüsch 
überwachsen, den inneren Stadtraum erfüllen, ist die ansehnlichste 
die eines kleinen Theaters von ungefähr 60 Fuss Durchmesser, 
das auf einem viereckten steinernen Unterbau ruht, gerade west- 
lich von dem Dorfe Mavromati. In der Nähe desselben, wahr- 
scheinlich gegen Osten, stand ein Heiligtum des Sarapis und der 
Isis; auch zwei andere öflentliche Gebäude, das Gymnasion und 
das mit den Statuen aller von den Hellenen verehrten Gottheiten 
und einem Erzbilde des Epameinondas geschmückte Hierotby- 
sion,^) sind wahrscheinlich in dieser Gegend anzusetzen: letz- 
teres etwa unmittelbar nordwestlich vom Theater, wo noch eine 



1) S. Expedition de Mor^e I, pl. 35, 1. Dass die von Lebas Revue 
arch^ol. 1844 p. 431 s. beschriebene Felskammer unterhalb des Tempels 
der Limnatis nicht, wie Curtius S. 147 vermutet, das Brunnenhaus der 
Klepsydra sein kann, hat Vischer Erinnerungen S. 448 richtig bemerkt. 

») 8. Expedition de Mor^e I, pl. 24—29; Curtius S. 144. 

8) Paus. c. 82, 1 ff.: vgl. für die Ruinen des Theaters Exp^d. de 
Mor^e I, pl. 37. 



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168 n. Peloponnesos. 

stattliche Mauer erhalten ist mit einer Thure, durch weiche mau. 
auf einer Treppe von neun Stufen zu einer Terrasse emporsteigt, 
ersteres wohl hinter dem Scenengebäude, d. h. sudlich vom 
Theater. 
Die Bttdiiche' Von dcu Ruiucu Hessenes aus gelangt man in etwas mehr 
Ebene und gig j^ci Stuuden auf einem Wege, welcher den Pamisos auf einer 
HaTbhis'ei. ^uf autikcu Fundamenten ruhenden Brocke überschreitet» nach 
den Ruinen Thurias, der bedeutendsten Stadt der südlichen 
Ebene, in welcher einige alte Geographen das homerische An- 
theia, andere das homerische Aepeia wieder fanden. Die Be- 
wohner hatten sich, obgleich sie als lakonische Periökeo den 
Druck der spartanischen Herrschaft weniger schwer empfanden, 
dem im Jahre 464 v. Chr. ausgebrochenen Aufstände angeschlossen, 
nach Beendigung desselben also jedenfalls mit den übrigen Theil- 
nehmern ihre Heimat verlassen müssen. Ob die Stadt nun leer 
gestanden oder von Lakonien aus neue Bewohner erhalten hat, 
wissen wir nicht, da uns keine Erwähnung derselben aus dieser 
Zeit erhalten ist; nur das ist sicher, dass sie nach der Wieder- 
herstellung Messeniens wieder als eine der angesehensten Städte 
der Landschaft bestanden hat. im Jahre 182 v. Chr., als die 
Messenier zum Wiedereintritt in den achäischen Bund genöthigt 
wurden, trennte sie sich zugleich mit Abia und Fharae von 
der politischen Gemeinschaft mit dem übrigen Messenien .und trat 
als selbständiges Glied dem Bunde bei. Augustus gab die Stadt, 
um die Messenier für ihre i^arteinahme für Antonius zu strafen, 
den Spartanern; doch wurde sie schon durch Tiberius wieder 
mit Messenien vereinigt. Im zweiten Jahrhundert n. Chr. war 
die alle Stadt zum grossen Theile verödet, da die Mehrzahl der 
Bewohner sich unterlialb derselben in der Ebene am linken Ufer 
des Flüsschens Aris (eines östlichen Nebenflusses des Pamisos, 
der aus einigen reichen Quellen bei dem jetzigen Dorfe Pidima 
entspringt) angesiedelt hatten.^} Von dieser unteren Ansiedelung 

Thukyd. I, 101; Polyb. XXV, 1; Strab. p. 360 f.; Paus. c. 31, 
1 f. Aus der Zeit, als die Stadt ein selbständiges Glied des achäischen 
Bandes war, stammt wahrscheinlich die Inschrift bei Vischer Epigra- 
phische und archäologische Beiträge aus Griechenland S. 307. In an- 
dern Inschriften (Lebas Voyage archeol. en Grfece, Partie 11, sect. 4, 
n. 301 — 303) erscheint ein Priester der Athene als Eponyraos. Für die 
Ruinen vgl. Leake Morea I, p. 354 ss. und den freilich nicht ganz ge- 



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3. Mcssenien: die südliche Kbene und die vvestliclic HalNnseJ. 169 

Ist nur noch die Ruine eines grossen Ziegelgebäudes (jedenfalls 
einer römischen Villa) vorhanden; von der oberen Sladt dagegen, 
die ein geräumiges Felsplateau einnahm, an dessen nordöstlichem 
Ende jetzt ein Dörfchen Palaeokastro liegt, sind noch bedeutende 
Reste der Ringmauer, welche genau dem Rande des Plateaus 
folgte, und innerhalb dei*selben zahlreiche Fundamente grosser 
Gebäude erhalten, darunter auch die zweier dorischer Tempel, 
deren einer der Athene, der Hauptgöttin der Stadt, der andere 
der Syrischen Göttin geweiht gewesen zu sein scheint. Der ge- 
gen Osten gelegene höchste Theil des Plateaus war durch eine 
besondere Mauer umschlossen und bildete also wohl die Akropolis 
der Stadt; an dieselbe lehnte sich die gegen Westen geöffnete 
Cavea eines Theaters, deren Form wenigstens noch kenntlich ist, 
wenn auch die Silzstufen verschwunden sind. Zur Versorgung 
der Stadt mit Wasser diente eine grösstentheils in den Felsen 
gearbeitete, durch Ouerwände In drei Abtheilungen gctheilte Ci- 
sterne von 85 Fuss Länge, 50 Fuss Breite und gegen 12 Fuss 
Tiefe im sudlichsten Theile des Stadtraumes. 

Oestliih von Thuria erstreckt sich bis zum Rücken des Tay- 
geton ein 4 — 6 Stunden breites, rauhes und unwegsames Berg- 
land mit zahlreichen tiefen Schluchten und einigen kleinen kessei- 
förmigen Thälern, von einem etwas unterhalb der Wasserscheide 
entspringenden, durch mehrfache Zuflösse verstärkten Flusse, dem 
Nedon, durchströmt. Diese Gegend, von den Alten nach einer 
alten Gränzbefestigung Namens Denthalioi das Denthalische 
oder Denthelische Gebiet genannt, war von den ältesten bis 
in die spätesten Zeiten, solange es überhaupt ein selbständiges 
Messenien gab, ein Gegenstand des Streites mit dem östlichen 
Nachbarlande: durch Tiberius wurde sie schliesslich den Messeniern 



nanen Plam bei Lebas Itineraire pl. 29 (wiederholt bei Curtius II, Tfl. 
yil). Ich erkannte deutlich die Fundamente zweier Tempel: eines 
kleineren in der Nähe der grossen Cisteme, von dem ich noch zwei 
Troncs halbcannelirter dorischer Säulen vorfand, und eines grössern auf 
einem besonderen, theils durch Glättung des Felsbodens, theils durch 
Untormauerung gebildeten Plateau im nördlichen Theile der Stadt, mit 
einer Sänlenweite von vier Fuss und unterem Durchmesser der Säulen 
von ungefähr zwei Fuss (zwei Fuss zwei Zoll engl, nach Leake}: nach 
dem, was noch von dem Grundplane zu erkennen ist, zu schliessen, ein 
dorischer Peripteros hexastjlos. 



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170 IL PelopoDiiesos. 

zugesprochen, die nun auf dem Rücken des Taygeton Gränzsteine 
errichteten, von denen zwei mit der Inschrift ^Gränze Lakedae- 
mons gegen Hessene' sich bis in die neueste Zeit erhalten haben. 
Zu diesem Denthalischen Bezirk gehörte auch das Heiligtum der 
Artemis Limnatis, das als gemeinsamer Besitz der lakonischen 
und messenisohen Dorier in den Traditionen vom Ausbruch des 
ersten messenischen Krieges eine Rolle spielt und noch bis in 
die späte römische Kaiserzeit mit einer kleinen Ortschaft Lim- 
nae bestand: seine Stelle nimmt jetzt eine kleine verfallene Ca- 
pelle der Panagia von Volimnos ein, die am nördlichen Abhänge 
eines jetzt Volimnos genannten engen Thalkessels steht, der sich 
am sudlichen Fusse des Berges Gomovuno östlich über dem Bette 
eines von Norden her dem Nedon zufliessenden Bergbaches 
hinzieht. ^) 

In der ziemlich schmalen aber, abgesehen von dem äusser- 
sten Rande, sehr fruchtbaren Mündungsebene des Nedon liegt 
jetzt, ungefähr 20 Minuten vom Meere entfernt, von Orangengär- 
ten umgeben das Städtchen Kalamata, das eine verfallene mittel- 
alterliche Festung, aber durchaus keine antiken Reste aufzuweisen 
hat. Dennoch kann nicht bezweifelt werden, dass es die Stelle 
d^s alten Pherae oder Pharae einnimmt, da dies nach den 
Angaben der Alten an der Mündung des Nedon in geringer Ent- 
fernung vom Meere (die seit dem Altertume um 2 — 3 Stadien 
gewachsen ist) lag. Die schon in den Homerischen Gedichten 
erwähnte Stadt bestand auch unter der lakedaemonischen Herr- 
schaft fort, trennte sich im Jahre 182 v. Chr. zugleich mit ihren 
beiden Nachbarstädten gegen Nord und Süd, Thuria und Abia, 
vom übrigen Messenien, wurde durch Augustus zu Lakonien ge- 
schlagen, aber durch Tiberius wieder mit Messenien vereinigt.^) 
Die südliche Nachbarstadt, die diese Schicksale theilte, Abia oder 
Abea (angeblich das Homerische Ire oder Hire), lag gegen drei 
Stunden südlich von Pherae, ziemlich eine Stunde nördlich von 



') Paus. c. 4, 2; c. 31, 3; Strab. p. 362; Tac. Ann. IV, 43; Steph. 
Byz. u. dsvd'dXioi: vgl. Ross Reisen I, S. 1 ff. Ob der bei Athen« I, 
p. 31^ erwähnte ohog Jivd'ig, der nach einem Castell div^LciSsg be- 
nannt sein soll, hierher gehört, ist mir zweifelhaft, da in dieser Gegend 
jedenfalls nie Wein gewachsen ist. 

«) II. E, 643; J, 151; 293; Od. y, 488; o, 186; Xen. Hell. IV, 8, 7 
wo <^8Qai); Polyb. XVI, 16; XXV, 1; Strab. p. 360; Paus. c. 30, 2 ff. 



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3. Messenien: die sudliche Ebene und die wesdiclie Halbinsel. 171 

der Landesgränze, der Schlucht des Choiros (vgl. oben S. 154), 
auf einer Anhöhe hart am Meere» welche einige mit Röcksicht 
auf die zwei etwas weiter östlich gelegenen Dörfer *6ross-' und 
*&lein-Mantineia' jetzt 'Alt-Mantineia' genannte antike Mauerreste 
und einige Inschriften mit dem Namen der Abeaten trägt ^) Drei 
Viertelstunden nördlich davon, am Wege nach Kalamata, liegt das 
nach einem starken Bach mit salzhaltigem Wasser I>enannte Dorf 
Armyro,^) dessen kleiner Hafen der Ankerplatz für die Schiffe 
der Bewohner von Kalamata, das eine offene Rhede hat, während 
der stürmischen Jahreszeit ist. Ungefähr eine Viertelstunde von 
der Koste ist eine sehr beschränkte Stelle des Felsbodensf von 
paläontologischem Interesse, indem man dort versteinerte Knochen 
and Gehirne einer Antilopenart in ziemlicher Menge findet. 

Eine halbe Stunde nordöstlich von Kalamata trifft man zur 
Linken des directen Weges von Kalamata nach Sparta (vgl. oben 
S. 104) einen Hugei, dessen obere Fläche mit antiken Mauer- 
resten umgeben ist; Reste einer zweiten Mauer ziehen sich etwas 
weiter abwärts um die Abhänge des Hügels herum; in der Ebene 
rechts vom Wege erkennt man noch antike Hausplätze auf dem 
künstlich geebneten Felsboden. Wahrscheinlich gehören diese 
unscheinbaren, von früheren Reisenden übersehenen Reste dem 
alten Kalamae an, das zur Zeit des achäisch-ätolischen Krieges 
eine befestigte Ortschaft, in der römischen Kaiserzeit eine blosse 
Kome war.^) 

An die Mündungsebene des Nedon scbliesst sich im Westen 
die des Pamisos an, die eigentliche Makaria der Alten, die zwar 
jetzt in Folge der Vernachlässigung an manchen Stellen versumpft, 
im Ganzen aber immer noch von ausserordentlicher Fruchtbarkeit 
ist: ausser Citronen, Orangen, Feigen und Oel wird besonders 
bei dem auf dem rechten Flussufer gelegenen Dorfe Nisi trefflicher 
rother Wein gebaut; die in Menge wild wachsende Cactus Opuntia 
und Agave Americana erhöhen noch den Eindruck acht südlicher 



*) Paus. c. 30, 1 (vgl II. i, 160); Polyb. XXV, 1; Ptol. III, 16, 8; 
C. I. gr. n. 1307; 1457; 1463; vgl. die Inschrift bei Ross Reisen I, 8. 8. 

') *Aq^vq6 = aXii^vifOv: ein v^OHf illi^QOV am Wege von Abia nach 
Pharae erwähnt Paus. c. 80, 2. — Auch Pharae hatte, wie das jetzige 
Kalamata, nur einen vfpoQftos ^sqivog nach 8 trab. p. 861. 

«) Polyb. V, 92; Paus. c. 31, 3; Steph. Byz. u. KaXa{i,at. 



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172 fl. Pdoponiicsos. 

Vegetation, den man bei Durchwanderung dieser Gegend empfängt J) 
Reste antiker Ortschaften findet man hier ebenso wenig als in dem 
westlichsten Theile der Ebene, dessen wellenförmiges, durch zahl- 
reiche Hügel unterbrochenes, von Giessbächen^) zerklüftetes Ter- 
rain der Paniisosebene an Fruchtbarkeit . nachsteht. Jedenfalls 
war die ganze Ebene im Altertum weit schlechter bewohnt als 
heut zu Tage, wo man wenigstens zahlreiche kleine Dörfer und 
Weiler darin antrifft: unter der spartanischen Herrschaft wohnten 
wohl nur einige Helotenfamilien in ärmlichen Hätten in der Mitte 
der Grundstücke, die sie unwillig und daher schlecht für ihre 
Unterdrücker bestellten; nach der Befreiung vom spartanischen 
Joche führte das Bestreben, die schwachen Kräfte des jungen 
Staates durch Goncentration in wohlbefestigten Städten zu stärken; 
zur Vernachlässigung und Verödung des flachen Landes. Eine 
solche wesentlich zum Schutz der die Ebene im Südwesten ab- 
schliessenden Halbinsel (vgl. oben S. 157) bestimmte Anlage war 
das gleichzeitig mit Messene unter der Leitung des Ephnelides 
aus Koroneia in Boiotien erbaute Korone am südöstlichen 
Fusse der Mathia, oberhalb eines flachen jetzt Petalidi genannten 
Küstenvorsprungs, der dem Cap Koryphasion an der Westküste 
gerade gegenüber Hegt,- so dass eine zwischen beiden gezogene 
Linie den nördlichen Abschluss der messenischen Halbinsel be- 
zeichnen wurde. Die Oberstadt, von welcher noch beträchtliche 
Mauerstücke und sonstige Baurest« erhalten sind, lag auf einer 
Hochfläche, die in alter Zeit wahrscheinlich von der früh verfal- 
lenen Stadt Aepeia eingenommen wurde: sie enthielt ausser der 
Akropolis, auf welcher mit Anspielung auf den Namen der Stadt 
eine Erzstatue der Athene mit einer Krähe in der Hand aufge- 
stellt war, jedenfalls auch die mit einem Erzbilde des Zeus Soter 
geschmückte Agora und die Tempel der Artemis Paedotrophos, 
des Dionysos und des Asklepios; das Trinkwasser wurde ihr von 

') Auf diese Gegend passt besouders die ächöne Schilderung in einem 
Fragment des Euripides (wohl aus dem Kresphontes, wie schon Mus- 
grave vermutete) bei Strab. VIII, p. 366. 

*) Ob der von Paus. c. 34, 4 genannte FIuss Bias einer dieser 
Bäche der Ebene oder der schon der südlichen Halbinsel angehörige 
Dschanebach ist, ist ebenso wenig sicher zu bestimmen als der von 
Paus, vor der Mündung desselben erwähnte der Ino geweihte Platz an 
der Küste. 



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3. Nessenien: die südliche Ebene und die wesUiche Halbinsel. 173 

einer eioe Stunde weiter gegen Westen im Innern des hohlen 
Stammes einer Platane entspringenden, daher Plalaniston genann- 
ten Qaelle her zugeführt. An dem durch Steindämme geschützten 
Hafen» der aus einem uns unbekannten Grunde 'der Hafen der 
Achäer' i^A%aimv Xt^ijv) genannt wurde, bildete sich, wahrschein- 
lich in Folge des regen Verkehrs in demselben, eine offene Un- 
terstadt, von welcher auch noch einige Reste erhalten sind. ^) 
Südlich von Korone zieht sich in einer Länge von ÖV2 Stunden 
eine ziemlich einförmige, von zahlreichen Giessbächen durchfurchte, 
durch kleine dreieckige Vorsprünge unterbrochene Küste hin bis 
zu dem ziemlich weit nach Osten vorspringenden Vorgebirge, des- 
sen Gipfel durch die von aussen noch jetzt stattliche, im Innern 
freilich verfallene Festung von Koron gekrönt wird. Im Altertum 
lag nur eine Ortschaft auf dieser ganzen Strecke, Kolonides, 
angeblich von einem Attiker Kolaenos, einem Nachkommen des 
Hermes, gegründet, welche nach den überlieferten Entfernungs- 
angaben in der Gegend des jetzigen Dorfes Kastelia, wo auch 
einige alte Reste sich fmden, zu suchen ist; in derselben Gegend, 
wohl nur etwas weiter nördlich, stand ein angesehenes, mit einer 
Heilanstalt verbundenes Heiligtum 4es ApoUon.^) 

Das schon erwähnte Vorgebirge, welches die Festung Koron 
trägt, die mit ihrer Zwillingsschwester, dem ihr gegenüber auf der 
Westküste der messenischen Halbinsel gelegenen Modon (das Volk 
bezeichnet beide zusammen gewöhnlich mit dem copulativcn Com- 
positum xd MödcDVoxoQOva) , einst ein Hauptobject der Kämpfe 
zwischen Venetianern und Türken war, ist seit den frühesten 
Zeiten der messenischen Geschichte der Platz einer städtischen 



«) Paus. c. 34, 4 f.; Strab. VIII, p. 860 f. (vgl. II. I, 1Ö2; 294); 
Liv. XXXIX, 49; Ptol. III, 16, 8; Steph. Byz. u. KoQtavrii über die 
Rainen £. Cartius Bulletino 1841, p. 43 ss. und Welcker Tagebuch einer 
griecliischen Reise I, Sl 234. 

*) Paus. c. 34, 7 giebt die Entfernung von Korone nach dem Apollon- 
heiligtume auf 80 Stadien, ebds. § 12 die von Kolonides nach Asine 
auf 40 Stadien an; die nicht angegebene Entfernung zwischen dem 
Heilig^ume und Kolonides muss, da die ganze directe Entfernung von 
Petalidi nach Koron höchtens 120 Stadien betrügt und da das Heiligtum 
hart am Meere, Kolonides in geringem Abstände von der Küste lag, 
sehr unbedeutend gewesen sein. Vgl. Lenke Peloponnesiaca p. 195 s. 
Die Ortschaft hcisst xco.ai/ Kol<ovig bei Plut. Philopoem. 18, KoXmvri 
bei Ptolcm. III, 10, 7. 



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174 II. Pelopönnesos. 

Ansiedeluag gewesen, hat aber ausser einigen Cisternen, zahl- 
reichen Thonscherben und den von den Wogen angefressenen 
Steinen eines alten Hafendamms keine antiken Reste aufzuweisen. 
In den Zeiten des messenischen Königturoes stand hier jedenfalls 
einer der Hauptorte des Landes, nach seiner Lage ^Rhion' d. i. 
Vorgebirge genannt (s: oben S. 157, Anm. 3 und S. 159, Anm. 
2) ; nach der Unterwerfung Messeniens durch die Spartaner wiesen 
diese den zeitweise verödeten Platz den durch die Argiver ver- 
triebenen dryopischen Bewohnern des argivischen Asine (s. oben 
S. 60) als Zufluchtsstätte an, die hier ein neues Asine gründeten 
und auch bei der Wiederherstellung Messeniens im Besitz dieser 
ihrer Gründung belassen, den Namen und die Culte des alten 
Dryoperstammes bis in die spätesten leiten des Altertums be- 
wahrten. ') 

Die felsige Südspitze der messenischen Halbinsel, der Akritas 
der Alten (s. oben S. 158)» scheint nur in ihrem nördlichsten 
Theüe, bei dem westlich von Koron gelegenen Dorfe Saratschä, 
einige Spuren einer uns unbekannten antiken Ortschaft darzu- 
bieten;^) auch konnten weder die unwegsamen Höhen des Berg- 
rückens, noch die hafenlosen Küsten zur Ansiedelung einladen. 
Erst nordwestlich davon, da wo sich der Akritas an die breite 
Hauptmasse der messeniscben Halbinsel anschliesst, öffnet sich 
eine geräumige Bucht, die ausser bei heftigem Südwinde den 
Schiffen einen sichern Ankerplatz gewährt, von den Alten Phoi- 
nikus genannt, an welcher sich die Ruinen eines römischen 
Ziegelgebäudes und einer mittelalterlichen Kirche, auch einige 
Mauerreste und zahlreiche Gefassscherben, also sichere Spuren 
einer alten Niederlassung, die wohl den Namen der Bucht geführt 
hat, finden. ') Drei Stunden westwärts von hier, sechs Stunden von 
Koron entfernt, liegt auf einem gegen Süden nach der Nordspitze 
der Insel Sapienza zu vorspringenden Vorgebirge die befestigte 



1) Paus. c. 34, 9 ff.; vgl. Herod. VIII, 73 (welche SteUe nur auf 
diese» Asine bezogen werden kann); Thuk. IV, 13; Polyb. XVIII, 25; 
Strab. VIII, p. 359 s.; Ptol. III, 16, 8. In einer Inschrift aus Hermione 
(C. I. gr. n. 1193) ist uns das Fragment einer Urkunde über die Er- 
neuerung der alten Verbindung zwischen dieser Stadt und Asine er- 
halten (vgl. oben S. 94). 

>) S. Leake Morea I, p. 439. 

') Paus. c. 34, 12; vgl. Aldenhoven Itin^raire p. 170. 



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3. Messenien: die südliche Ebene und die weslliclie Haibinse]. 175 

Stadt Modon, die Nachfolgerin des alten Mothone oder Me- 
tbone, von welcher freilich nur geringe Reste (Fundamente des 
Hafendamnnes und an einigen Stellen der Stadtmauer) sich er- 
halten haben. Die von den Allen mit dem homerischen Pedasos 
identiOcirte Stadt, deren Name mythisch 'von einer Tochter des 
Oineus (mit Bezug auf den von den Be>vohnern eifrig betriebenen 
Weinhau), richtiger von einer Mothon genannten submarinen Klippe 
am Eingang des Hafens» auf welcher jetzt ein Leuchtthurra er- 
richtet ist, hergeleitet wird, hatte schon im Altertum, ebenso wie 
im Mittelalter, ein ganz ähnliches Schicksal wie ihre östliche 
Nachbarin Asine: wie diese wurde sie von den Spartanern argi- 
vischen Flüchtlingen — den von den Argivern vertriebenen Be- 
wohnern von Nauplia — zur Wohnstatte angewiesen, die jeden- 
falls ihre Culte, besonders den angeblich von Üiomedes gestifteten 
der Athena Anemotis (Herrin der Winde) mitgebracht haben; 
ebenso wie die Asinäer blieben diese bei der messenischen Restau- 
ration in ihrem Besitz unbehelligt und vnirden, nachdem die Stadt 
in Folge eines Handstreiches illyrischer Seeräuber eine Zeit lang 
fast verödet gewesen war, noch von Traian durch Verleihung 
der Autonomie begünstigt.^) Nordwärts von Modon wird die 
Küste ganz von dem jetzt nach dem heiligen Nikolaos benannten 
Gebirgszuge (vgl. oben S. 157 f.) eingenommen, auf dessen 
nördlichstem Vorsprunge, 2^/^ Stunden von Modon, ein am An- 
fang des 14. Jahrhunderts von Nicolas de Saint-Omer gegründetes, 
von den Griechen iVcdxacnr^^oi/, von den Abendländern Navarino 
(aus %6v ^AßaQtvov) genanntes Städtchen liegt, weiches den Ein* 
gang zu der. sichersten und geräumigsten Bucht des Peloponnes, 
ja Griechenlands überhaupt beherrscht, der Bucht, welche der 
Schauplatz des für das Schicksal des neuen Hellas entscheiden- 
den Vernichtungskampfes der vereinigten englisch-französisch-rus- 
sischen gegen die türkische Flotte am 20. October 1827 war. Die 
westliche Flanke der von Nord nach Süd eine Stunde langen, 
halbmondförmigen Bucht wird gedeckt durch eine von den Alten 
Sphakteria oder Sphagia (letzterer Name lebt noch jetzt im 



*) Pi^us. c. 35, wo der Name der Stadt ebenso wie bei Scyl. Per. 
46, bei Plut. Arat. 12 und auf einer vod Curtius Pelop. II, 196 ange- 
sogenen Münze Caracallas Mo9'(ovri lautet, während andere Quellen, 
wie Thuk. II, 25; Strab. VIII, p. 359 f. u. a. Mi^mvri geben. TlridaQOi 
diMBlosaca II. J, 152 und 294. 



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176 U. PelojMtnncsos. 

Volksmunde) genannte lange und schmale Insel, die aus einem un- 
fniclilbaren Bergrücken besieht, der, in der Mitte durch eine Ein- 
sattelung unterbrochen, im nördlichsten Theile sich am höchsten 
erhebt. Das nördliche Ende der Insel wird nur durch einen 
schmalen, jetzt in Folge der Versandung nur för kleine Boote 
passirbaren Canai (Canal von Sikia) von dem sudlichen Ende 
eines felsigen Vorgebirges getrennt, das sich offenbar einstmals 
ebenso wie Sphaktcria als Insel aus dem Meere erhob, aber sclion 
seit der Zeit, in welche die ältesten historischen Erinnerungen 
zurückreichen, durch schmale, dammarlige Streifen sandigen Bo« 
dens, welche eine weile Lagune (jetzt der Teich des Osman-Aga 
genannt) umschliessen, gegen Osten an das Festland angeknöpft 
ist. Gegen Norden wird es durch eine jetzt vom Volke Roidokilia 
{ßoVdoxoikia d. i. Ochsenbauch) genannte, fast ganz versandete 
Bucl|t von einem ähnlichen, aber weniger steil, namentlich gegen 
Osten, abfallenden Köstenberge geschieden, der als drittes Glied 
jener allen Inselkette zu bei rächten ist, von wciclier ausser eini- 
gen kleineren Trümmern, wie der kleinen Insel PylosV^<>r der 
Sudspitze von Sphakteria und einigen Felsklippen im Eingange 
der Bucht Boidokilia, nur Sphaktcria als lusel übrig geblieben 
ist. Das von dieser durch den Sikiacanal getrennte Vorgebirge, 
auf dessen Röcken die Ruinen einer mittelalterlichen Festung 
(von den Griechen Palaeokastron oder Palaeo-Avarino genannt) 
erhalten sind, ist olme allen Zweifel die von den Lakedämoniern 
Koryphasion, von den Mcsseniern Pylos genannte Oerllich- 
keit, welche der athenische Feldherr Demoslhenes im Frühling 
des Jahres 425 v. Chr. (Ol. 88, 3) besetzte, eine Besetzung, 
die in ihren Folgen, namentJich durch die Gefangennehmung der 
auf Spliakteria abgeschnittenen Spartiaten, einen so bedeutenden 
Einfluss auf den Gang des Krieges ausübte.^) Dass aber auch schon 



^) Dieses Inselchen scheint im Altertum keinen Sondernamen ge- 
liabt zu haben, sondern mit zu Sphakteria (Sphagia) gerechnet worden 
zu sein, daher der Plural a[ Eipccyltci hei Xenoph. Ffellen. VI, 2, 81; 
hei Pllnius N. h. IV, 12, 55, wo Hres Sphagiae ante Pylura' aufgeführt 
sind, ist wahrscheinlich noch die kleine jetzt Kuloneski genannte Insel 
im Innern der Bucht von Navarin mit einbegriffen. 

«) Thukyd. IV, 3 ff.; vgl. Strab. VIII, p. 359; Paus. c. 36 und den 
Plan auf unserer Tfl. V. Die von dem £rklärer des Thukydides, Dr. 
Arnold, gegen die besonders durch Leake (Morea I, p. 401 ss.) begriin- 



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3. Messenien: die südliche Ebene und «lic weslHciie Halbinsel. 177 

in weit älterer Zeit, vor der spartanischen Eroberung, hier eine städ- 
tische Ansiedelung bestand und dass diese eben jenes Pylos war, 
welches die homerische Dichtung als Herrschersitz uud Mittel- 
punkt des Reiches des Nestor kennt, das wird durch die Reste 
sehr altertümlicher Refestigungsmauern, die sich nebst Felsslufen 
und Cisternen an mehreren Stellen des Vorgebirges finden, und 
durch das Fortleben des offenbar den Spartanern als Erinnerung 
an eine glorreiche Vorzeit des von ihnen geknechteten Landes 
verbasstei) Namens Pylos im Munde der Messenier sehr wahr- 
scheinli<:h und es findet eine erwünschte Restätigung durch die 
Existenz einer geräumigen» jetzt vom Volke Roidokilia genannten 
Tropfsteinhöhle am nördlichen Abhänge des Rurgberges, oberhalb 
der gleichnamigen Rucht, in welcher man die Grotte wiederer- 
kannt hat, in der nach der alten pylischen Sage Hermes die dem 
Apollon geraubten Rinder versteckt und zwei derselben geschlachtet 
hatte. ^) Noch in der römischen Kaiserzeit, wo ein offenbar nach 
der Refreiung Messeniens vom spartanischen Joche gegründetes 
Städtchen Pylos mit einem Heiligtume der Athene Koryphasia auf 
der alten Stätte bestand, zeigte man innerhalb der Stadt nicht 
nur das Haus und das Grabmal des Nestor, sondern auch diese 



dete Identificirung der O ertlichkeit erhobenen Zweifel sind von Grote 
(Geschichte Griechenlands 111, S. 559 f. d. d. Ueb.), Cnrtius (Pelop. II, 
8. 179 f.), Clark (Pelop. p. 218 ss.) ausreichend widerlegt worden. 
Die einzige Schwierigkeit liegt in den Angaben des Thukyd. (c. 8), 
dass die Insel Sphakteria gegen 15 Stadien lang sei (während die wirk- 
liche Länge gegen 24 Stadien beträgt) und dass die Einfahrt in die 
Bucht nördlich von der Insel für zwei, die südliche für acht bis neun Schiffe 
Raum habe, während jene (der Sikiacanal) jetzt nur für kleine Boote 
passirbar ist, die südliche dagegen eine Breite von ungefähr 4000 Fu%js 
bat. Für die nördliche Einfahrt ist nun allerdings eine Veränderung 
der Oertlichkeit seit dem Altertum durch Versandung des Canals anzu- 
nehmen; dagegen ist die Annahme einer allmäligen Erweiterung der 
südlichen Einfahrt sehr unwahrscheinlich und diese Differenz zwischen 
der Darstellung des Thukydides und der Wirklichkeit ebenso wie die 
in Betreff der Länge der Insel auf einen Irrtum des Berichterstatters, 
von dem Thukydides, der hier nicht als Augenzeuge schildert, seine 
Nachrichten erhalten hat, zurückzuführen. 

*) S. Hymn. in Mercur. v. 103 ff. und 399 ff.; vgl. über die von 
Strabon p. 349 ss. bestrittene Idendität des homerischen mit dem mes- 
senischen Pylos Curtius Pel. II, S. 174 ff. und Vischer Erinnerungen 
S. 436 f. 

BURSIAN, GEOGB. II. 12 



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178 n. Pelopoonesos. 

Grolle, die damals beim Vollie als der Stall der Rinder des Ne- 
leus und des Neslor galt. ^) 

Die schon oben (S. 158 f.) geschilderte einförmige Küstenstrecke 
nördlich von Pylos bis zur Gränze von Elis viar olTenbar im Al- 
tertum sehr wenig bewohnt, vielmehr wohl hauptsächlich mit Oel- 
baumpflanzungen, die höheren Terrassen des Aegaleongebirges mit 
Weiden und Wald bedeckt. Der erste topographisch sichere Punkt 
ist der 100 Stadien nördlich von Pylos entfernte Kustenvorsprung 
Platamodes, vor welchem eine kleine jetzt Protano genannte 
Felsiosel liegt, die bei den Alten Prote hiess und ein Städtchen 
gleichen Namens enthielt.^) Nördlich davon lag ein jedenfalls 
unbedeutender Ort Erana, dem wahrscheinlich die auf der fran- 
zösischen Karte verzeichneten hellenischen Reste au der Mundung 
des Longobardobaches, halbwegs zwischen Plalamodes und dem 
neueren Städtchen Philiatra, angehören.^) Die einzige namhafte 
Stadt auf dieser ganzen Slrecke und im nordwestlichen Messenien 
.überhaupt war Kyparissia (auch Kyparissiae und Kyparis- 
seeis genannt), die sich bis zum heutigen Tage an ihrer alten 
Stelle, einige Minuten oberhalb der Küsle» erhalten, aber freilich 
vom frühen Mittelalter an bis zur Gründung des Königreichs Hellas 
ihren alten Namen mit dem Namen Arkadia vertauscht hat. 
Die auf einem Vorberge des Berges Psychro, des nördlichsten 
Theiles der Aegaleonkette, stehende Citadelle zeigt in dem unteren 
Theile ihrer Mauern noch belrächlliche Reste antiken Mauerwerks, 
das theils der Zeit der Wiederherstellung Messeniens, theils einer 



') Paus. c. 36, 2. Diese spätere Stadt wird mehrfach erwähnt bei 
Polybias (IV, 16; 26; IX, 38; XVIII, 26); vgl. Liv. XXVH, 30; Plin. 
N. h. IV, 5, 16. 

2) Strab. p. 348; vgl. Tbuk. IV, 13; Ptol. III, 16, 23; Steph. Byz. 
u. TlQcati]. Der Name ist wegen der von Steph. bezeugten Betonung 
ngani] nicht mit Curtius (Pel. II, S. 183) als 'die Erste' zu erklären, 
sondern als Nebenform für nicanj aufzufassen. In der Ansetzung der 
äxQtt nXataiicadTjg weiche ich von Curtius ab, der sie viel zu weit nörd- 
lich setzt, während sie nach Strabon südlich von Krana in der Nähe der 
Insel Prote zu suchen ist: die 100 Stadien Strabons kommen bei meiner 
Ansetzung heraus, wenn man die Krümmungen der Küste (längs welcher 
jedenfalls Strabon hinfuhr) in Rechnng bringt. 

') Strab. p. 348 und 361. Steph. Byz. u. Kvnaqiaala identificirt 
jedenfalls irrig "Epai/ftt (so codd.; bei Strabon *£9ÄVCf) mit dem triphy- 
lischen Kyparissia. 



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3. Messeuieu: die südliche Ebene und die vveslliclic Halbiusel. 179 

weit früheren Periode angehört, also Ueberbieibsel sowohl der 
alt- als der neumesseniscben Stadt. Die letztere besass Heilig- 
tumer des Apollon und der Athene Kyparissia; von einem der- 
selben mögen einige bei einer verfallenen Kapelle des heiligen 
Georg liegende Säulentroncs herröhren. Geht man von der Stadt 
nacb d^r Käste herab» so findet man mitten zwischen Gärten 
eine sehr reiche Quelle» deren Wasser jetzt als wunderthätig be- 
trachtet wird, mit einem antiken dicht mit Schilfrohr umwach- 
senen Bassin, olTenbar die Quelle Dionysias, die nach antiker 
Sage Dionysos durch einen Stoss mit dem Thyrsos dem Boden 
entlockt haben soll. ^) Gegen Norden erstreckte sich das Gebiet der 
Stadt bis zu dem die Gränze zwischen Messenien, Trlphylien und 
Arkadien bildenden, gewöhnlich schlechtweg Au Ion (d. i. Thal- 
schlucht) genannten Engthale des Nedadusses, in welchem wahr- 
scheinlich an der Stelle, wo es sich zu einer fruchtbaren, flachen 
Strandebene erweitert, ein Tempel des Asklepios Aulonios stand; 
weiter östlich lag, wahrscheinlich über dem rechten Ufer des 
Flu.sses, eine zum Schutz der Gränze gegen die arkadischen Phi- 
galeer bestimmte befestigte Ortschaft, die frfiher ebenfalls Aulon, 
später Oluris oder Olura genannt worden zu sein scheint.^) 



') Paus. c. 36, 7; vgl. Scyl. Per. 45 (wo die Worte nQckrj Msööijvrj 
xccl Ufii]v mit C. Müller in JT^oor?} v^aog x. k, ku ändern und nach 
der Erwähnung von Kyparissos, wie die Stadt dort genannt ist, zu 
stellen sind); ötrah. p. 348 ff.; Polyh. V, 92; Diod. XV, 77 (nach welcher 
Stelle die Stadt Ol. 103, 4 zu Elis gehörte); Plin. N. h. IV, 5, 16; Ptol. 
III, 16, 7; Steph. Byz. u. Kv7ca(fLaarjsig\ vgl. über die antiken Reste 
Leake Morea I, p. 68 ss. und Aldenhoven Itin^raire p. 138 ss. 

*)Pau8. a. a. O.; Xen. Hell. III, 2, 25; 3, 8; ßtrab. p. 350. Die 
von Curtius (Pel. II, S. 185 f.) beliebte Unterscheidung des Aulon als 
des Thaies des zunächst nördlich von Kyparissia mündenden Baches 
(des Kyparisseeis) von dem Thale der Neda kann ich nicht billigen, 
da sie mit den Worten des Paus, in entschiedenem Widerspruch steht. 



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Nachträge und Berichtigungen. 

8. 3, Z. 12 lies: finnischer und südslavischer. 

S. 64, Anm. 1 füge hinzu: Ueber die jetzt Sampyrgo geuanntun 
Mauerreste von Omeä vgl. Forchhammer Halcyonia S. 8. 



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TafS. 



Briy/bniin^s 









5. 



JhuA JhtuUaaf 



l Heil|eT Hain. 










Jnupntvt« ftSnUvJ 






13\ 



;:r^ 



XSRJTA. 



L4tJuAmM.m^j».a»tik, f-e^if 



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SPARTA 

U. D. MlTTIiERE EUROTASTHAL. 



1:75.000. 



*» H *» H 



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MESSCNE. 



Taf.IV. 



1.15000. 




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NAVARIN (FYL03) 



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4. Arkadien.^) 



Arkadien d. i. Bärenland ^) — eine Benennung, die offenbar 
aus einer Zeit herröhrt, wo der jetzt aus Griechenland überhaupt 
verschwundene Bär noch zahlreich auf den waldbedeckten und 
höhlenreichen Gebirgen dieser Landschaft hauste — hless im 
Altertbum und heisst noch jetzt die mittelste Landschaft des Pe- 
loponiies, ein weites .Gebirgs- und Hochland von 9372 D Meilen 
Umfang,') das von den sämmtlichen fünf übrigen Landschaften der 



1) Vgl. Chr. Th. Schwab Arkadien, Stuttgart 1852; A. Rangab^ 
Souvenirs d^une excursion d' Äthanes en Arcadie, ans den M^moires de 
Tacad^mie des Inscriptions t. V. Aus dem Altertbum kennen wir, ab-' 
gesehen von einigen Specialscbriften über einzehie Cantone oder Städte, 
ausser Pausanias 1. VIII folgende Schriften über Arkadien: die *A^a9i%d 
des Ariaithos (Dionjs. Hai. Ant. r. I, 49; Tgl. C. Müller Frgt. bist, 
gr. IV, p. 318 s.)» des Aristipp'os (schol. Theoer. Id. I, 8; Clem. Alex. 
Strom. I, p. 139; vgl. C. Müller Frgt. hist. gr. IV, p. 327), des Archi- 
timos (Plut. Quaest. gr. 39); des Demaratos (C.Müller Frg. hist. gr. 
IV, p. 379), u. des Nikias (Athen. XIII, p. 609^); Hellanikos 
n^ql 'AQ%ad£as (schol. Apoll. Rhod. I, 162; vgl. C. Müller Frgt. h. gr. 
I, p. 53) und Staphylos aus Naukratis nsQi 'AQuddmv (C. Müller Frg. 
h. gr. IV, p. 506). 

*) Dass der Name der Landschaft 'AQ%a9£a der ursprünglichere und 
ans diesem erst der eines eponjmen Heros "Agnas abstrahirt ist, scheint 
mir wegen der klaren Etymologie des Namens unzweifelhaft. Bären in 
den Wäldern Arkadiens erwähnt noch Pausanias (VIII, 23, 9), wie auch 
auf dem Tajgeton (III, 20, 4) und dem attischen Pames (I, 32, 1). 

*) Nach Curtius Peloponnesos I. S. 148. Nach der jetzigen Ein- 
theilung des Königreichs Hellas enthält der voiiog 'Agnad^ag nur 79,62 
Q Meilen, indem der nördlichste Theil des alten Arkadiens als Eparchie 
Kalavryta zum vofiog 'Axcctag xal 'HUdog^ ein Stück im Südwesten (die 

BURSIAN, OKOOR. II. ' 13 



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182 H. Peloponnesoü. 

Halbinsel umgränzt und so gänzlich vom Meere abgeschlossen isl, 
zu dem es sich nur vorübergehend durch Annexion eines Theiles 
von Triphylien einen unmittelbaren Zugang verschaffle ^). Die 
naturliche Begränzung der Landschart wird im Osten, Norden und 
Nordwesten durch mächtige 'Randgebirge gebildet, zwischen denen 
nur wenige und für grössere Heeresmassen kaum gangbare Pässe 
hindurch führen: im Osten durch die schon früher erwähn- 
ten Gränzgebirge gegen Argolis, das Apelauron (das fast ganz 
auf arkadischem Gebiete Hegt), Artemision und Parlhenion, 
im Norden und Nordwesten durch eine gewaltige aus mehreren 
mächtigen Gliedern bestehende Bergkette, deren wichtigstes Glied 
die noch jetzt mit reichen Fichten- und Tannenwaldungen be- 
deckte Kyllene (jetzt Ziria) ist, ein fast kreisrundes Massen- 
gebirge, dessen höchster Gipfel eine absolute Höhe von 2374 
Meter erreicht, der Hauptsitz des arkadischen Cultus des Hermes, 
welcher Gott in einer der zahlreichen Höhlen, denen das Gebirge 
wahrscheinlich seinen Namen verdankt (Kvkk^vtj von xvkXög, ver- 
wandt mit xotXog) , gezeugt und geboren sein sollte und aof dem 
Gipfel des Berges als Hermes Kyllenios einen Tempel mit einem 
colossalen Schnitzbilde aus dem Holze des Sadebaums (&vov, Juni- 
perus Sabina) halte.^) Ein gegen Norden vorgeschobener Theil 



Gebiete von Pbigalia und Aliphera) zur Eparchie Olympia dos voftog 
Msaarjv{ag gehören. Die Bevölkerang des vofiog 'jlgxadiag betrug im 
Jahre 1861 nur 96,546 Seelen. Im Alterthum war Arkadien neben La- 
konlen wie die grosste so aueh die bevölkertste Landschaft der Halb- 
insel und der arkadische Stamm einer der zahlreichsten griechischen 
Stämme überhaupt; vgl. Polyb. II, 38; IV, 32; Xenoph. Hellen. VII, 1, 23. 
Die Qesammtzahl der Bevölkerung mit Einschluss der trotz Philostr. Vit. 
Apoll. VIII 7, 12 schwerlich sehr zahlreichen Sclaven wird von Clinton 
(Fasti Hellenici 11 p. 427 ed. Krüger) auf 161,750. Seelen angeschlagen, 
jedenfalls eher zu niedrig als zu hoch. 

*) Vgl. oben S. 4, Anm. l u. über die missbräuchliche Ausdehnung 
des J^amens Arcadia besonders bei den Kömischen Dichtern Unger Sinis 

p. 173 88. 

•) Paus, VIII, 17, 1, der als Heros eponymos des Gebirges einen 
Kyllen Sohn des Elatos (wegen der Tannenwaldungen) anführt (vgl. c. 
4, 4). Auf der Kyllene und nur hier gab es ganz weisse Drosseln 
{%6aav(poi: Paus. c. 17, 3; Aristot. H. an. IX, 19); hier wuchs das (loiXv 
(eine Lauchart: Theophr. H. plant. IX, 15, 7), wie überhaupt das ganze Ge- 
birge sehr reich waramd ist an Pflanzen der verschiedensten Arten (ebds. III, 
2,5). Antike Höhenmessungen des Gebirges: Strab. VIII, p. 388; Steph. 



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4. Arkadien. 183 

der Kyllene isl die von den Allen und Neueren gewöhnlich als 
selbständiges Gebirge betrachtete 1759 Meier hohe Ghelydorea 
(jetzt Schwarzberg, Mavron-Oros, genannt), welche den im Alier- 
Ihum hier besonders zahlreichen Landschildkröten, deren eine 
die Sage dem Hermes zur Erfindung der Leier dienen lässt, ihren 
Namen verdankt; sie gehörte zum grössern Theile nicht mehr zu 
Arkadien, sondern zum Gebiet des achäischen Pellene^). Sie wird 
im Südwesten durch den Gebirgszug der Krathis (1875 Meier 
hoch), an dessen Nordwestseite (oberhalb des jetzigen Zarukla) 
der gleichnamige achäische Fluss entspringt^), mit einer der Kyl- 
lene an Höhe (2355 Met^r) wenig nachstehenden , in Hinsicht auf 
die Ausdehnung ihrer Verzweigungen gegen Norden und Süden 
diese übertreffenden Gebirgsmasse verknüpft, dem Aroaniage- 
birge^) (jetzt Chelmos), von dem ein gleichnamiger Fluss (Aroa- 
nios) in südlicher Richtung herabströmt. Nur das enge Thal 
eines gegen Norden fliessenden Baches (des jetzigen Baches von 
Kalavryta) scheidet den jetzt mit dem Sondernamen Velia bezeich^ 
neten westlichsten Theil dieses Gebirges von einer andern gegen 
Westen streichenden Gebirgskelte, deren zwei Hauptmassen, jetzt 
Kalliphoni (1998 Meter hoch) und Olonos (2224 Meter) genannt, 
im Alterthum die Namen Lampeia und Erymanthos führten; 
dass aber der letztere Name auch der ganzen Kette zukommt, 
ergiebt sich schon daraus, dass der Fluss Erymanthos nicht auf 
dem im engern Sinne so genannten Theile des Gebirges, sondern 
auf der dem Pan geheiligten Lampeia entspringt^). Von der Haupl- 
kette des Erymanthos verzweigt sich nach Süden ein Gebirgszug, 
der bis nahe an das rechte Ufer des Alpheios hinabreichend die 
grössere Hälfte des westlichen Randes der Landschaft und zu- 
gleich ihre Begränzung gegen ihr Vorland Elis bildet; den jetzt 



Byz. u. KvXXiivri; Dikäarch in C. Müller's Frgt. bist. Gr. II, p. 253. 
Schrift des Philostephanos tcbqI KvII-^vtiq: schol. Pind. Ol. VI, 144. 

*) Paus. VIII, 17, 5. Auch das Parthenion war reich an Schild- 
kröten: ebds. c. 54, 7. 

«) Paus. VII, 25, 11; VIII, 15, 8 f. 

«) Paus. VIII, 18, 7. Bei Plin. N. h. IV, 6, 21 heisst das Gebirge 
Nonacris. 

<) Paus. VIII, 24, 4; vgl. V, 7, 1 ; Strab. VIII, p. 341; Apollon. Rhod. 
Arg. i4, 127 c. schol.; Steph. Byz. u. ^Egvftav&og und Ad ftnficc; Plin. N. 
h. IV, 6, 21. 

13* 



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184 II. Peloponnesos. 

Astras genaDnten nördlicheren Theil desselben scheinen die Alten 
noch mit dem Namen des Erymanthos bezeichnet zu haben, wäh- 
rend sie dessen niedrigere sudliche Fortsetzung, ein breites, noch 
jetzt wie im Alterthum reichbewaldetes Hochplateau ohne her- 
vorragende Gipfel, als ein besonderes, von ihnen Pholoe ge- 
nanntes Gebirge betrachteten^). Jenseits des Alpheios, dessen 
von massigen, mit reicher Vegetation bekleideten Hügeln um- 
säumtes Thal eine Lacke in dem westlichen Gebirgsrande Arka- 
diens bildet, beginnt eine neue Gebirgsgruppe , die des Lykäon 
(jetzt Diaphorti), dessen heiliger Gipfel ^ die älteste und ehrwür- 
digste Stätte des arkadischen ZeuscultuS (1420 Meter hoch), von 
den Arkadern apch mit dem Namen Olympos bezeichnet wurde^). 
Die westliche Fortsetzung des Lykäon ist ein über die politi- 
schen Gränzen Arkadiens hinaus bis in das Innere von Triphy- 
lien reichender Gebirgszug, das Kerausion (jetzt Paläokastro) 
undiweiter westlich die Minthe (jetzt Alvena), von welchem sich 
zwei Arme in südwestlicher Richtung bis zum Ufer der die Gränze 
gegen Messenien bildenden Neda hinziehen: das Rotilion und 
etwas weiter westlich das Elaion.') Südlich endlich vom Ly- 
käon zieht sich ein ausgedehntes, von den Arkadern mit dem 
Gesammtnamen Noraia (Weideberge) bezeichnetes Gebirge hin, 
dessen Knotenpunkt der genau südKch vom Diaphorti gelegene. 



<) Strab. VIII, p.336; 338; 357; IX, p. 388; Paus. VIII, 24, 4; Xen. 
Anab. V, 3, 10; Ptolem. III, 16, 14 (mit dem Scholion aus cod. Paris. 
1401: ^oXorj OQog to vvv "AarQOVt wo jedenfalls zu lesen Ziatgag); Plin. 
N. h. rV, 6, 21 ; letzterer erwähnt ebenso wie Steph. Byz. u. ^oXorj auch 
eine Stadt dieses Namens, von der sich sonst keine Spur findet; ver- 
muthlich bezeichneten die Anwohner verschiedene auf den Abhängen des 
Gebirges, besonders gegen Westen, wo es terrassenförmig nach dem Tief- 
lande von Elis absteigt, zerstreute Niederlassungen mit diesem Gesammt- 
namen. 

«) Paus. VIII, 38, 2; Strab. VIU, p. 348; 388; Plin. N. h. IV, 6, 21. 

») Paus. Vin, 41, 8 u. 7 ff,; Strab. Vm, p. 344; Ptol. III, 16, 14; 
vgl. Conze u. Michaelis Annali XXXIII, p. 57 ss. Da die Quellen der 
JNeda, welche nach Paus. a. a. O. dem Ksgavaiov o(fog genannten Theile 
des Lykäon angehören, bei Hagios Sostis, am SUdabhange des den 
Diaphorti mit dem 1346 Meter hohen Paläokastro verbindenden Berges 
liegen, so glaube ich diesen Namen dem letzteren Gebirge, das von dep 
Alten gewiss eher als ein Theil des Lykäon als der Minthe betrachtet 
worden ist, beilegen zu müssen. 



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4. Arkadien. 185 

jetzt Tetrasi genannte Gipfel bildet^); von diesem zieht sich eine 
zum messenischen Gebiet gehörige Kette in gerader westlicher Rich- 
tung längs des linken Ufers der Neda hin, eine andere in süd- 
östlicher Richtung, deren östliche Ausläufer sich mit den Wurzeln 
des Taygeton und mit den nordwestlichen Vorbergen des Parnon 
berühren und so den mannichfach ausgezackten, aber nirgends 
durchbrochenen sudlichen Rand Arkadiens, die Gränze gegen das 
östlichere Messenien und gegen Lakonien bilden. 

Auch das Innere der so von Gebirgen gleichsam um- 
mauerten Landschaft ist grössten Theils von zahlreichen, zum 
Theil bedeutenden und meist noch jetzt mit Eichen- und 
Tannenwäldern bedeckten Rergzügen eingenommen, die in dem 
weitaus grösseren westlicheren Theile der Landschaft von 
engen, schluchtenförmigen Thälern durchschnitten sind und 
nur eine bis an die südlichen Bergränder hinabreichende 
grössere Ebene umschliessen , die allein in diesem Theile der 
Landschaft Raum für eine grössere städtische Ansiedelung dar- 
bietet und daher bei dem Versuche der Centralisation zum poli- 
tischen Mittelpunkte des sonst mehr dorfartig bewohnten west- 
lichen Arkadiens gewählt wurde. In dem durch eine von den 
Aroanien bis zum südlichen Rande herabreichende Bergkette von 
dem westlicheren geschiedenen östlicheren Theile der Landschaft 
Anden, wir dagegen neben und nach einander mehrere rings 
von Bergen umschlossene kessel- oder muldenförmige Ebenen^ die, . 
da das Wasser durch die unterirdischen, von natürlichen Berg- 
spalten gebildeten Abzugskanäle^) keinen genügenden Abflussßndet, 
in ihren tiefsten Partien versumpft oder geradezu von einem See 
bedeckt sind. Solche geschlossene Bassins, nach denen man diesen 
östlicheren Theil der Landschaft nicht unpassend als das Ver- 
schlossene Arkadien' bezeichnet hat, sind in der Richtung von 
Nord nach Süd die Thäler von Pheneos und Stymphalos, die von 
Kaphyä und Orchomenos und die durch zwei nahe gegeneinander 



') Pau8. c. 38, 11; vgl. oben S. 162. 

*) Die schon Th. I, S. 21 erwähnte arkadische Benennung isQBd-Qa 
(für ß^Qsd'Qa, ßccQad'Qa) dieser von den jetzigen Griechen nataßod'Qai 
genannten Bergspalten giebt Strab. YIII, p. 389; vgl. iiXXstv für ßdlXnv 
Etjm. M. p. 408, 42; Hesjch. u. iiXXstv. Eine vielleicht speciell tegea- 
tische Nebenform ist dsQBd-QOv (Hesjch. u. d. W.) : s. Qelbke in G. Cur- 
tius Stadien zur griech. u. latein. Grammatik Bd. II, S. 28 f. 



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186 II. Peloponnesos. 

vortretende Hügel in zwei Tbeile geschiedene grosse nianlineisch- 
tegeatische Hochebene. 

-Während dieses östliche Arkadien in Folge seiner eigenthüm- 
lichen' Bodengestaltung sein eigenes Bewässerungssystem hat — 
lauter kleine Bäche» die nach kurzem Laufe sich in Seen oder 
Bergspalten verlieren — finden wir im westlicheren Theile der 
Landschaft zwei grössere, an Länge des Laufes und an Wasser- 
fulle einander ziemlich gleich stehende Flüsse, die sich nahe der 
westlichen Gränze zu einem Strome vereinigen, der im Alter- 
thum den NaAien des sudlicheren (des Alpheios), bei den Neueren 
den des nördlicheren Flusses (Ruphia, des Ladon der Alten) 
behält und unmittelbar vor seinem Austritt durch die oben er- 
wähnte Lücke tm Westrande der Landschaft noch zwei arkadische 
Gewässer (den Fluss Erymanthos von Norden und den Bach 
Diagon von Süden her) aufnimmt. Abgesehen von diesen gehören 
sämmtliche Gewässer der nördlicheren Hälfte des westlichen Ar- 
kadiens, mit Ausnahme der an der Nordseite des Aroaniagebirgs, 
wo die politische Gränze der Landschaft über die Wasserscheide 
hinausgreift, entspringenden, welche durch Achaia dem korinthi- 
schen Meerbusen zufliessen, zum Stromsystem des Ladon, die des 
südlicheren, mit Ausnahme der selbständig dem Meere zufliessen- 
den Neda, zu dem des Alpheios im engeren Sinne. Beide Flüsse 
stehen aber auch mit den Gewässern des östlichen oder verschlos- 
senen Arkadiens in unterirdischem Zusammenhange, so dass schliess- 
lich auch die Wasserschätze dieses Theiles der Landschaft in der 
Hauptsache ^) dem Alpheios, als dem Veremigungspunkt aller arkadi- 
schen Gewässer, zu Gute kommen, der sie durch das mittlere 
Elis hindurch dem westlichen (sikelischen) Meere zuführt. Der 
Ladon nämlich entspringt .aus einer sehr wasserreichen Quelle 
am westlichen Fusse der den Thalkessel von Pheneos in Süd- 
westen umschliessenden Berge, die ohne Zw^eifel durch unterir- 
sche Zuflüsse aus dem See von Pheneos gespeist wird , und auch 
die unterirdischen Abflüsse des Thaies von Kaphyä werden ihm 
durch den Tragoshach zugeführt 2), während er allerdings die 



*) Eine Ausnahme bildet der See von Stymphalos, als dessen Aus- 
fluss die Altenden argivischen Erasinos (vgl. oben S. 65) betrachteten: 
Paus. II, 24, 6; VIII, 22, 3. 

«) Paus. c. 20, 1; 23, 2. 



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4. Arkadien. 187 

bedeutendste Wassermenge von Norden her durch den vom Aroa- 
niagebirge berabkommcnden Aroanios erhält. Als obersten Lauf 
des Alpheios betrachteten die Alten den Bach, v^clcher bei Phy- 
lake, auf der Gränze der Tegeatis und Lakoniens, entspringt und 
alsbald durch das Wasser mehrerer Quellen (von deren Zusam- 
mentreffen die Oertlichkeit bei den Alten Symbola hiess) ver- 
stärkt in zahlreichen Krümmungen, die ihm den modernen 
Namen Sarantapotamos eingetragen haben, in die Ebene von 
Tegea hinabtliesst, in v^elcher er jetzt sich nordöstlich wendet 
und nachdem er einen östlichen Seitenbach, den Garates der 
Alten, aufgenommen hat, in einer Katabothre am südlichen Fusse 
des Parthenion verschwindet , während er im Alterthum und wahr- 
scheinlich noch bis zum ersten oder zweiten Decennium des vorigen 
Jahrhunderts gleich nach seinem Eintritt in' die Ebene eine west- 
liche Richtung nahm und in eine Katabothre am östlichen Fusse 
des die Ebene im Südwesten abschliessenden Gebirges, des Bo- 
reion, einströmte. Durch die auch jetzt noch durch diese Kata- 
bothre ablaufenden Gewässer, zu denen freilich der Sarantapotamos 
jetzt keinen Beitrag mehr liefert, wird wahrscheinlich ein^ am 
westlichen Fusse des Boreion in der kleinen Ebene von Asea auf- 
sprudelnde starke Quelle (jetzt OQayxoßQvöcg d. i. Frankenquelle 
genannt) gespeist, welche sogleich einen, von den Alten als Fort- 
setzung des obern AIpbeioslaufes betrachteten Bach bildet, der * 
sich aber bald wieder in den jetzt ziemlich sumpfigen Boden 
verliert. Die Alten glaubten, schwerlich mit Recht, dass hier 
ein unterirdischer Zusammenhang zwischen diesem obern Alpheios 
und den am südöstUchen Fuss des jetzt Tzimbaru genannten 
Berges hervorbrechenden Quellen des Eurotas bestehe. Am süd- 
westlichen Rande der Ebene von Asea, an einer von den Arka- 
dern 'die Quellen' (nrjyccL) genannten Stelle (bei dem jetzigen 
Marmaria) bricht das Wasser wiederum in reicher Fülle aus dem 
Boden hervor und bildet von hjer ab einen nicht mehr unter- 
brochenen Strom, der sich zimächst süd westwärts nach dem 
südlichsten Theile der Ebene von Megalepolis wendet, die er, 
durch zahlreiche Zuflüsse von beiden Seiten her (unter denen der 
von Nordosten kommende Helisson der bedeutendste ist) gespeist 
in nordwestnördlicher Richtung durchfliesst, worauf er bis zu seiner 
Vereinigung mit dem Ladon eine vorherrschend westliche Rich- 



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188 II. PelopoHiiesos. 

tung einschlägt, der er- dann auch in seinem unteren Laufe durch 
Elis treu bleibt.^) 

Die Bewohner der Landschaft bezeichneten sich mit dem 
Gesammtnamen der Arkader CjiQxdd$g) und leiteten sich von 
einem Stammvater, dem Arkas, dem Sohne des Zeus und der 
Kallisto (der arkadischen Artemis) ab ; eine Sage von verhältniss- 
mässig jüngerem Ursprung, da der Volksname Arkader offenbar 
erst aus dem Namen des Landes sich gebildet hat. Die ethno- 
graphisch richtigere Bezeichnung für die Gesammtbevölkerung 
Arkadiens ist 'jQxdÖBg ÜBlaöyol, ^Arkadische Pelasger', analog 
dem Namen der alten Bevölkerung der später Achaia, früher 
Aegialos genannten Landschaft ^IlBkaöyol Al'yiakhg\ ^strandbe- 
wohnende Pelasger';^) denn als Pelasgisches Volk wurden die 
Arkader allgemein von den übrigen Hellenen betrachtet und nach 
ihrer eigenen Sage war Pelasgos in ihrem Lande als erster Mensch 
von der Erde selbst geboren worden, hatte zuerst als König da- 
selbst geherrscht und seine Unterthanen, Autocbthonen gleich ihm 
Selbst, die ersten Elemente menschlicher Gesittung — den Bau 
von Hütten, die Benutzung von Thierfellen, besonders Schweins- 
häuten, zu Kleidern und der Eicheln der Knoppereiche (Quercus 
Aegilops) zur Nahrung — gelehrt.') An ihn knüpft dann die Sage 
durch seineu Sohn Lykaon, den Repräsentanten der ältesten und 
rohesteu Form dös arkadischen Zeuscultes, die eponymen Heroen 
der verschiedensten arkadischen Oertlichkeiten an^); auch den 



») Paus. Vni, 54, 1 ff. u. über die Seitenbäche V, 7, 1; vgl. Ross 
Keisen I, S. 70 f.; Curtius Pelop. I, S. 248 f. Der jetzt SaranUpota- 
mo8 genannte Flusslauf scheint nach einem Fragment des Deinias (C. 
Müller Frgt. bist. gr. III, p. 26, 8) im Alterthum auch den Namen 
Aa%üii geführt zu haben. 

') Herod. I, 146; vgl. Schiller Stämme und Staaten Griechenlands I 
(Erlangen 1855) S. 14 ff., dessen Widerspruch gegen Curtius (Pel. I, 8. 
159 ff.) Scheidung der Arkader als Eingewanderter von den Pelasgem als 
Eingebomen ich vollständig beistimme. 

«) Paus. VIII, 1, 4 ff.; vgl. Ephor. Iwi Strab. V, p. 221. Andere, 
wie Charax (Müller Frgt. bist. gr. III, p, 642), Hessen den Pelasgos von 
Argos her nach Arkadien einwandern. Ueber die älteste Sagengeschichte 
Arkadiens überhaupt vgl. A. Bertrand De fabulis Arcadiae antiquissimis, 
Paris 1859. 

*) Verzeichnisse der Söhne des Lykaon geben Apollod. III, 8, 1 u. 
Paus. VIII, 3, 1 ff. Nach Dionys. Hai. A. r. 1, 11 wären es 22 gewesen. 



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4. Arkadien. 189 

Arkas macht sie als Sohn der Kallisto, der Tochter des Lykaon, 
zu seinem Abkömmling (Urenkel) und giebt ihm drei Söhne : den 
Azan (eponymen Heros des im Norden Arkadiens, insbesondere 
in den Cantonen Kleitoria und Psophidia sesshaften Stammes der 
Azanes, daher er Vater des Kleitor beisst); den Apbeidas (epony- 
men Heros des in der Tegeatis wohnenden Stammes .der Aphei- 
dantes, Vater des Aleos) und den Elatos (Repräsentanten der mit 
Tannenwaldung bedeckten Gebirge, insbesondere der Kyllene, Vater 
von fünf Söhnen : Aepytos, Pereus, Kyllen, Ischys, Stymphalos) ') ; 
eine Tradition, aus der man wohl schliessen darf, dass der Name 
Arkadia ursprunglich specielj den östlichen und nördlichsten Theil 
der Landschaft (die Tegeatjs, Mantinike, Stymphalia, Pheneatis* 
Kleitoria und Psophidia) bezeichnet hat, deren Bevölkerung zuerst 
anstatt in offenen, zerstreuten Weilern mit roh befestigten Zu- 
fluchtstätten för Zeiten der Gefahr (ähnlich den Refugien der 
keltischen Bevölkerung Galliens und Helvetiens), wie sie im süd- 
westlichen Arkadien zum Theil bis In spätere Zeiten bestanden, 
in grösseren wohlummauerten Städten sich ansiedelte und anstatt 
der patriarchalischen Stammverfassung eine festere staatliche 
Ordnung begründete, ein gesetzlich geregeltes Königthum, das 
allmälig einer zwischen Aristokratie und Demokratie schwanken- 
den republikanischen Verfassung weichen musste.^) 

Von den gewaltigen Erschütterungen, durch welche die 
übrigen Landschaften der Halbinsel in Folge des Eindringens der 
Dorier heimgesucht wurden , blieb Arkadien fast ganz unberührt. 



von denen 2 (Oenotros u. Peuketios) ihre Heimath verlassen, die übrigen 
20 die Landschaft unter sich getheilt hätten; eine^ Tradition, ans der 
man wohl schliessen darf, dass zeitweise 20 einzelne arkadische Cantone 
bestanden haben. « 

«) Paus. VIII, 4, 1 ff.; vgl. X, 9, 5; Herod. VI, 127; Steph. Byz. y. 
^A^avta, Psophis zur 'A^avCg gehörig nach Polyb. IV, 70. Selbst das 
achäische P eilen e mnss zeitweise zur Azanis gehört haben, da der 
Olympische Sieger Philippos (um Ol. 80) auf seiner Siegerstatue als '^fav 
in nsXXdvag bezeichnet war (Paus. VI, 8, 5). Sprüchwort 'J^dvicc %cc%d: 
Zenob. II, 54; Diogenian. I, 24. 

*) Die Annahme, dass in Orchomenos noch zur Zeit des Peloponne- 
sischen Krieges das Königthum bestanden habe, beruht nur auf der sehr 
verdächtigen Autorität des Theophilos iv devrigco IlBlonovvriata%mv in 
der Pseudoplutarchi sehen Schrift ns^l naQullr^laiv slXrjvtnmv nal qm- 
(tainmv c. 32. 



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190 II. Peloponnesos. 

Allerdings scheint die Hauptmacht der Eroberer vom mittleren 
Elis durch das südwestliche Arkadien im Thale des Alpheios aur- 
wärts gezogen zu sein, allein der tapfere Widerstand der kräf- 
tigen und streitbaren Bevölkerung, besonders der Mänalier und 
Tegeaten , ^) hat sie jedenfalls am weiteren Vordringen nach dem 
Innern oder nach dem Osten des Landes gehindert und sie ge- 
nöthigt, sich in zwei Heerhaufen aufzulösen, von denen der eine 
sudwestwärts nach Messenien, der andere südostwärts nach La- 
konien sich wandte. Und obgleich später das mächtige Sparta 
einige jenseits des Södrandes von Arkadien gelegene, aber poli- 
tisch und ethnographisch zu Arkadien gehörige Districte (die Ski- 
ritis und den grössten Theil der Aegytis) sich annectirte und auch 
die Tegeaten nöthigte seiner Symmachie beizutreten, so ist es 
doch nie den Doriern oder andern fremden Eroberern gelungen 
innerhalb der natürlichen Grenzen Arkadiens Fuss zu fassen und 
es hat sich so die Bevölkerung dieses Landes allezeit unvermischt, 
als eine rein pelasgische erhalten , die auf den Ruhm der Autoch- 
thonie den vollgültigsten Anspruch hatte und diesen Ruhm durch 
den stolzen Beinamen der ' Vormondlichen' {JlgoöHrivoi oder 
TlQOöekrivatoL) d. h. derer die schon vor Erschafifung des Mondes 
existirten ,*'^) zur Schau trug. . Auch ihr eigenthömlicher Dialect, 
ein Aeolismus, der dem weichen lonismus näher steht als dem 
harten Dorismus, beweist, dass sie weniger als andere peloponne- 
sische Völkerschaften von den dorischen Eroberern beeinflusst 
worden sind.^) Dieses Autochthonenthum hatte freilich, da ei 
bei den Arkadern in Folge der Naturverhältnisse ihres Landes 
nicht wie bei den Athenern durch einen regen Verkehr mit dem 



^) Eine Erinnerung an diese Kämpfe ist erhalten in der Sage vom 
Zweikampf des Tegeaten Echemos mit deta Herakliden Hyllos (Paus. 
VIII, 5, 1 u. ö,), der freilich, der ganzen Grestaltung der Sa^e gemäss, 
auf den Isthmos verlegt worden ist. 

*) Hippys Rheg. bei Steph. Byz. u. *AQ%adia (p. 120, 9 ed. Meinekc); 
Frgm. adesp. (Pindar.) bei Bergk Poetae lyr. gr. n. 84, 8 (p. 1340); 
schol. Apoll. Rhod. Arg. J^ 264; Ovid. Fast. II, 290; (Lucian.) de astrol. 
26; Hesych. u. iCQOütlrivCdBi\ über die Autochthonie Herod. VIII, 73; 
Xen. Hell. VII, 1, 23; Demosth. de falsa leg. p. 424; vgl. Preller Aus- 
gewählte Aufsätze S. 157 ff., bes. S. 192 f. 

^) Vgl. über den arkadischen Dialect M. A. Gelbke De dialecto Ar- 
cadica in Q. Curtius Studien zur griech. u. lat. Grammatik, Bd. II, 
S. 1 ff. 



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4. Arkadien. 191 

Auslände aufgewogen wurde, seine Schattenseilen: es bewirkte, 
dass die Bevölkerung in Hinsicht ihrer geistigen Enlwickelung, in ' 
Litteratur und Kunst wie in Verfeinerung der Sitten des socialen 
^ebens, hinter den meisten übrigen hellenischen Stammen zu- 
. ruckblieb , so dass sich an den Nailien 'Arkader* der Begriff eines 
altvaterischen, beschränkten, ja rohen Menschen knöpfte.^) Schon 
die klimatischen Verhältnisse, besonders des östlicheren Theiles 
des Landes — die drückende Hitze des verhältnissmässig kurzen 
Sommers und die Rauhheit des Winters — mussten ähnlich wie 
in Boiotien mehr die Abhärtung und Kräftigung des Körpers als 
die EntWickelung der geistigen Fähigkeiten begünstigen, ^j Dazu 
kamen dann die Beschäftigungen, denen sich die Mehrzahl der 
Bewohner, der Natur ihres Landes gemäss, widmete: Ackerbau 
in den grössern JEbenen, auch Weinbau (heut zu Tage auch 
Tabacksbau); Viehzucht aller Art, von Pferden und Eseln, Schwei- 
nen, Schafen und Ziegen, in den Thälern, an den grasigen Ab- 
hängen und auf den herrlichen Alpweiden der auch an Heilkräu- 
tern reichen Gebirge; Jagd in den ausgedehnten Wäldern, die 
im Alterthum Wild in Fülle, selbst Eber und Bären darboten. 
Handel und Industrie fehlten ganz; ausser der Wolle der zahl- 
reichen Schafheerden, die gewiss nur zum Theil im Lande selbst 
verarbeitet wurde, lieferte höchstens der Holzreichthura der 
Berge einen Ausfuhrartikel, der wohl hauptsächlich den holz- 
ärmeren Nachbarländern Argolis und Lakonien zu Gute kam, 
während der Import früher durch die Aegineten, später wohl 
hauptsächlich durch die Sikyonier besorgt wurde ^). Damit die 

») loseph. c. Apion. I, 4; Philostr. Vit. Apoll. VUI, 7, 12; luven. 
Sat. VII, 160. Für die Einfachheit der Sitten sind characteris tisch die 
Schilderungen eines 'jigticcdiTiov Szinvov bei Athen. IV, p. 148 f ss., bes. 
auch der Zug, dass Herren und Sklaven an demselben Tische sassen und 
die gleichen Speisen, den gleichen Wein genossen. Gastlichkeit und 
Frömmigkeit der Arkader: Polyb. IV, 20. 

*) Polyb. rV, 21. Auf klimatische Einflüsse ist auch die Arkadische 
noXv€payla (Athen. IV, p. 149 <^) zurückzuführen. 

') Vgl. bes. Philostr. a. a. O. Ackerbau: Plut. Philopoem. 4; Wein: 
Aristot. Meteor. IV, 10, 7; Rüben {yoyyvkai) aus Mantineia: Poll. VI, 
63; Pferdezucht: Strab. VUI, p. 388; Dio Chrysost. Or. XV, 30; Esel: 
Plaut. Asin. 333; Varro de re rust. II, 1, 14; Pers. Sat. III, 9; Plin. N. 
h. VIII, 43, 167. Jagd: Paus. VUI, 23, 9.Heilkräuter: Theophrast. Hist. 
pl. IX, 16, 4. Import von Aegina: Paus. c. 5, 8. Arkas Begründer der 
Weberei in Arkadien: Paus. c. 4, 1. 



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192 11. Peloponnesos. 

Bevölkerung nun nicht ganz verwildere — wofür die Bewohner 
des an den nördlichen Abhängen der Aroania gelegenen Cantons 
Kynätha ein abscl^eckendes Beispiel lieferten — war es seit 
alten Zeiten Gesetz bei den Arkadern, dass Knaben und Jüng- 
linge bis zum 30. Jahre eifrig Musik trieben und jährlich am 
Feste des Dionysos im Kunstgesang wetteiferten^). Auch die 
Gymnastik wurde bei den Arkadern eifrig gepflegt, wofür beson- 
ders die grosse Anzahl arkadischer Sieger in den hellenischen 
Nationalspielen Zeugniss giebt^); sie trug neben den Einflüssen 
des Klimas und der Lebensweise hauptsächlich bei zur Ausbil- 
dung jener Tapferkeit und Kriegsiüchtigkeit, welche die Arkader, 
auch darin den Schweizern des Mittelalters und der Neuzeit ähnlich, 
in der Vertheidigung der Unabhängigkeit ihres Vaterlandes gegen 
begehrliche Nachbarn, noch häufiger aber in Folge der politi- 
schen Verhältnisse ihres Heimatlandes als Soldtruppen im Dienste 
auswärtiger Staaten oder Fürsten bewährten.^] Die Zersplitterung 
des .Landes nämlich in eine Menge selbständiger kleiner Cantone, 
die zum Theil ächte Bauernrepubliken ohne städtischen Mittel- 
punkt, zum Theil städtische Gemeinwesen mit Unterthanenland 
waren und unter einander nur durch ein ganz loses Band, das 
sie von inneren Kriegen nicht zurückhielt, zusammengehalten 
wurden,*) verhinderte dasselbe eine irgend wie bedeutende poli- 
tische Rolle unter den griechischen Staaten zu spielen. Allerdings 
gab es besonders in den grössere Städten des östlichen Arkadiens 

*) Polyb. IV, 20. Der namhafteste arkadische Musiker ist Echem- 
brotoB» der in der ersten Pythiade (Ol. 48, 3) als Aulöde siegte: Paus. 
X, 7, 4; vgl. Krause Die Gymnastik u. Agonistik der Hellenen S. 740. 
In Arkadien sollte Hermes die Leier, Pan die Syrinx erfunden haben. 
Arkadischer Tanz nidaQis: Athen. XIV, p. 6S1'^. 

«) Krause a. a. O. S. 733 flf. 

») S. Xenoph. Hell. VII, 1, 23; Hermippos bei Athen. I, p. 27 ^ u. 
den sprüchwörtlichen Ausdruck '^pxadcrg (iiiioviisvot für Leute, die sich 
immer nur für Andere abmuhen (Suid. u. d. W.; Zenob. H, 59; Dioge- 
nian. I, 29). lieber die Streitkräfte Arkadiens u. ihre Organisation vgl. 
Ol. Chr. Kellermann De re militari Arcadum, München 1831. 

*) Vgl. Curtius Pel. I, S. 171 ff. u. über die alterthümlichen Münzen 
mit dem Bilde des.Zeus Lykäos u. der Aufschrift APKA u. APKAälKON 
denselben Monatsbericht« der Berliner Akademie 1869 S. 472 f. Andere 
Spuren einer wenn auch sehr losen Gemeinschaft sind die Vereidigung 
der nQOBax&xBQ zmv 'Aquddmv durch Kleomenes in Nonakris (Herod. VI, 
74) u. die i(SxCa 'Aqh(x9o9v noivi^ in Tegea (Paus. VIII, 53, 9). 



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4. Arkadien. 193 

eine nationale Partei, welche die Einigkeit des Vaterlandes auf 
ihre Fahne geschrieben hatte, aber sie konnte nicht aufkommen 
gegenüber Sparta, das allen seinen Einfluss anwandte, um die 
Zersplitterung des zahlreichen und kriegstüchtigen Nachbarvolkes 
aufrecht zu erhalten, und gegenüber der Macht der Kirchthurms- 
interessen, dem Xantönligeist', von dem namentlich die kleinen 
Bauernrepubliken des westlichen Arkadiens beherrscht waren. Erst 
in Folge der Demuthigung Sparta's durch die Schlacht bei Leuktra 
gelangte die Nationalpartei, Dank der Tüchtigkeit einzeber ihrer 
Führer und der Unterstützung des Epameinondas, ans Ruder und 
versuchte nun einen arkadischen Einheitsstaat nach streng cen- 
tralistischem Princip herzustellen, für welchen sie in Megalepolis 
vermitteis eines zum Tbeil auf gewaltsamem Wege durchgeführten 
Synoikismos von 40 kleinen, meist ländlichen Ortschaften einen 
neuen Mittelpunkt schuf, den Sitz der Centrabegierung, welcher 
eine auf breitester demokratischer Grundlage gewählte Volksre- 
präsentation, der grosse Rath der 10,000 [oC fiVQioi), zur Seite 
und ein wohl geübtes stehendes Heer (of inaQixoi oder inaglrai) 
zu Gebote stand ^). Aber die neue Gründung hatte nicht nur mit 
dem tödtlichen Hass der Spartaner, sondern auch mit der Theil- 
nahmlosigkeit, ja sogar mit der offenen Feindseligkeit verschie- 
dener arkadischer Cantone (besonders von Heräa und Orchomenos), 
die nicht das geringste Opfer von ihrer Selbständigkeit bringen 
wollten ; zu kämpfen und konnte daher zu keinem rechten Ge- 
deihen gelangen. Langwierige und erbitterte Kämpfe gegen Sparta 
und gegen Elis förderten die schon durch die Zusammensiedelung 
der ländlichen Bevölkerung in der neuen Grossstadt begonnene 
Verödung der Landschaft, die in den ersten Jahrhunderten unserer 
Zeitrechnung eine betrübende Höhe erreicht hatte ^). Dies bes- 
serte sich natürlich nicht in den folgenden Jahrhunderten, Jahr- 



1) Diod, XV, 59, 72; Paus. Vm, 27;.Xen. Hell. VII, 1, 88; c. 4, 2; 
33 f.; über die inägLtoi auch ebds. c. 4, 22; c. 6, 8; Steph. Byz. u. 
*EnccQ£t€u; Heaych. n. 'Enagotixot. Vgl. Lachmann (beschichte Griechen- 
lands von dem Ende des Pelop. Krieges bis zum Begierungsantritte 
Alexanders d. Gr. I, S. 840 ff.; Schiller Stämme u. Staaten Griechen- 
lands I, S. 21 ff.; Crirtius Griech. Geschichte III,, S. 320 ff. 

«) Strab. vm, p. 388; Dio Chrysost. Or. XXXIH, 25 u. die Erwäh- 
nung zahlreicher 'wüster Marken' (Plätze verödeter Ortschaften) bei Pau- 
sanias. — Einige arkadische Ortschaften gehörten zu Pausanias Zeit poli- 
tisch zu Argolis: Paus. VI, 12, 9. 



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194 Ml. Pdoponnesos. 

liunderten des allgemeinen. Verfalls für Griechenland, in denen 
auch Arkadien, obschon durch seine Natur mehr geschützt, als 
andere Landschaften, von den Verheerungen der Gothen unter 
Alarich zu leiden hatte ^). Etwa. 350 Jahre später wurde ein 
grosser Theil des damals in Folge der furchtbaren Pest, die in den 
Jahren 746 — 47 in ganz Hellas wuthete, gewiss sehr dünn bevölker- 
ten Landes von Slaven besetzt, die zwar auch hier, wie in andern Ge- 
genden Griechenlands, allmälig vollständig gräcisirt wurden, aber 
noch in zahlreichen slavischen Ortsnamen ihre Spuren hinter- 
lassen haben. An die fränkische Herrschaft, unter welcher die 
Landschaft in eine Anzahl grösserer Baronien getheilt war, er- 
innern jetzt nur noch einige Burgruinen (unter denen die von 
Karytena am Alpheios die stattlichste ist), während die Nach- 
kommen der seit dem 14. Jahrhundert eingewanderten Albanesen 
noch jetzt einen nicht geringen Bruchtheii der Bevölkerung bilden. 
Die topographische Schilderung der Landschaft beginnen wir 
am Besten mit dem östlichen oder Verschlossenen' Arkadien, 
dessen nördlichster Theil von zwei am südlichen und südwest- 
lichen Fusse der Kyllene gelegenen, nur durch einen von dieser 
gegen Süden streichenden Bergzug getrennten^ Thalbecken und 
den sie rings umschliessenden Bergen eingenommen wird. Das 
ifhaiTä. östlichere dieser Becken ist der Mittelpunkt der Stymphalia, des 
nordöstlichsten arkadischen Cantons, der in Norden durch die 
Kyllene von Achaia, im Osten durch das Apelauron (vgl. 
oben S. 32, Anm. 3) von der Sikyonia und Phliasia getrennt 
wird; im- Westen bildet das Gero nteion die Gränzscheide gegen 
die Pheneatis, im Süden der Oligyrtos die Gränze gegen die 
Gebiete von Orchomenos und Kaphyä^). Durch die drei zuletzt 
genannten Gebirge führen Pässe in die Ebene herab, den be- 
quemsten Zugang aber hat sie von Nordosten her, wo sie sich 
in einer Länge von mehreren Stunden als ein mehr und mehr 
sich verengendes Thal hinzieht, dessen oberes Ende durch eine 
eine Wasserscheide bildende Anhöhe von einem kürzeren, noch 
engeren Thale getrennt wird , an dessen südwestlichem Ende sich 



«) Vgl. Claudian. in Rufin. II, 189; Zosim. Hist. V, 6 u. 7. 

•) reQOVTfiov F&UH. c. 16, J; c. 22, 1. 6 "OXCyvQXog Polyb. IV, 11; 
70; Pliit. Cleomen. 26. Dag Geronteion bildet jetzt eine Sprachgrenze, 
indem vom Isthmos bis an seinen östlichen Fuss die Bevölkerung alba- 
ueHisch, von da an westwärts dagegen grie<*liisch ist. 



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4. Arkadien: Slyrophalia. 195 

ein kleiner sumpfiger See befindet. Durch dieses von der nörd- 
lichen Fortsetzung der Kyllene (an deren östlichem Abhänge die 
Dörfer Klementi und Käsari liegen, nach denen das Thal gewöhn- 
lich benannt wird) und dem jetzt Vesina genannten, im Alter- 
thum zur sikyonischen Ortschaft Titane gehörigen Gebirge um- 
schlossene Thal, welches in kleineren Verhältnissen ganz die 
Formation der Stymphalischen Ebene wiederholt, führte jedenfalls 
die Hauptstrasse von Sikyon nach Stymphalos, die von Sikyon aus 
bis nach dem zwei Stunden davon entfernten Dorfe Suli eine genau 
westliche Richtung hatte, von da an sich südwestlich wandte; 
der jetzt von Suli nach dem Thale von Klementi -Käsari führende 
Weg läuft eine bedeutende Strecke weit auf den Resten einer 
gepflasterten antiken Strasse hin. 

Der am niedrigsten gelegene Theil des Stymphalischen Thal- 
beckens ist jetzt von einem See bedeckt, dessen Wasserstand 
zwar zu verschiedenen Jahreszeiten verschieden ist, der aber das 
ganze Jahr hindurch als wirklicher See, niemals als blosse sum- 
pfige Niederung erscheint. Das Wasser, welches demselben durch 
zwei grössere , die von den Bergen herabfliessenden Gewässer auf- 
nehmende Bäche von Nordosten und von Westen, sowie von einer 
starken in der Ebene selbst unterhalb des jetzigen Dorfes Zaraka 
(nach welchem jetzt der See benannt wird) entspringenden Quelle 
von Norden her zugeführt wird, hat nur einen unterirdischen 
Abfluss gegen Süden durch eine Katabothre am westlichen Fusse 
des Apelauron. Dass im frühesten Alterthum der Zustand der 
Ebene ein ebenso schlimmer, die Gesundheit der Bewohner in 
hohem Grade gefährdender war, beweist der Mythos von den 
Stymphalischen Vögeln , welche offenbar die aus stagnirenden Ge- 
wässern aufsteigenden verderblichen Dünste repräsentiren , die, 
solange nicht Menschenhände ordnend und hemmend eingreifen, 
nur durch die wohlthätigen Wirkungen der Sonnenstrahlen (die 
Pfeile de^ Herakles) beseitigt werden konnten. Auch hatte sich 
noch zur Zeit des Pausanias im Volksmunde eine dunkle Tradition 
erhalten ; dass die älteste, von Stymphalos, einem Enkel des 
Arkas gegründete Stadt, in welcher auch Temenos, ein Sohn des 
Pelasgos gewohnt und drei Heiligthümer der Hera als der Reprä- 
sentantin der Erde in den drei verschiedenen Jahreszeiten (im 
Frühling als Jungfrau, im Sommer als Gattin, im Winter als 
Wittwe) gegründet haben sollte , an einem anderen Platze als die 



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196 II. Peloponnesos. 

Stadt der historischen Zeit gelegen hahe^j. Aber durch Anlegung 
von Dämmen (von denen noch jetzt im restlichsten Theile der 
Ebene Reste erhalten sind) und Ableitung der Gewässer, virahr- 
scheinlich vermittels eines gegrabenen Flussbettes, in die zu 
diesem Behuf jedenfalls kunstlich erweiterte Oeffnung der Kata- 
bothre am Fuss des Apelauron gelang es die Ebene ganz trocken 
zu legen, so dass während der Sommermonate weder ein See 
noch Sumpf, sondern ein aus der von den Alten wahrscheinlich 
Metopa genannten Quelle entspringender Bach, der Slympha- 
los, vorhanden war, der nach kurzem, geregeltem Laufe Inder 
Katabothre verschwand, wie die Alten meinten, um am östlichen 
Fusse des Berges Chaon in der Argeia (s. oben S. 65) als 
Erasinos wieder aufzutauchen ; nur während der Regenzeit bildete 
sich in unmittelbarer Nähe der Quelle ein kleiner See, aus' wel- 
chem der Bach ausfloss. Von Zeit zu Zeit mochte allerdings in Folge 
einer durch Anhäufung von Baumstämmen, Felsblöcken und der- 
gleichen an der Mündung der Katabothre herbeigeführten Stauung 
plötzlich die Ebene ganz unter Wasser gesetzt werden (wie Pau- 
sanias eine solche bei seinen Lebzeiten eingetretene Ueber- 
schwemmung erwähnt, welche der Aberglaube des Volks dem 
durch Vernachlässigung der Feier ihres Festes erregten Zorne der 
Artemis zuschrieb); doch war eine solche Calamität (die Iphi- 
krates bei Belagerung der Stadt im Jahre 369 v. Chr. vergeblich 
durch Verstopfung der Mündung mit Schwämmen herbeizuführen 
versucht hatte) gewiss selten und nur vorübergehend und die 
jetzt wiederum durch die gefürchteten Stymphplischen Vögel des 
Sumpffiebers völlig verödete Ebene war nicht nur bis in 
die spätesten Jahrhunderte des Alterthums, sondern auch noch 
im früheren Mittelalter wohl angebaut und bewohnt, wie ausser 
den Ueberresten der alten Stadt die nordöstlich davon erhaltenen, 
jetzt 'Kionia' (*die Säulen') genannten Trümmer einer grossen 
christlichen Kirche mit Efalbsäulen aus Sandstein an den Seiten- 
wänden und eines mittelalterlichen Befestigungsthurmes zeigen^). 

*) Paus. c. 22, 1 f. Der Name £tv(i<palog, der auch als Bergnamo 
vorkommt (Ptol. III, 16, 14 anstatt KvXl^vi]: vgl. Hesych. s. v. Htvfi- 
(fTjXog; Stat. Silv. IV, 6, 100) scheint mit den Bergnamen Tvfi(pri 
{£TVfi>(p7}) und TviKpQTjatog f vielleicht auch mit Gtvtpto, crvtpsXog zu- 
sammenzuhängen. 

«) Paus. c. 22, 3 ss. Strab. p. 389. Den I^amen Mitoina (Find. 



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4. Arkadien: Slymphalia. 197 

Die Oberstadt des alten Stymphalos (die zur Zeit des Pausanias 
politisch nicht zu Arkadien, sondern zu Argolis, mit weicher 
Landschaft sie wohl hauptsächlich durch Verkehrsinteresseo ver- 
knöpft war, gehörte) stand auf einem vom Fusse der Kyllene 
gegen Osten sich erstreckenden und in mehreren Ternissen all- 
mälig gegen die Niederung sich absenkenden, heut zu Tage 
halbinselförmig in den See hineinragenden Felsr&cken , auf dessen 
höchstem Punkte (im Westen) ein viereckiger Thurm sich erhob, 
von dem aus sich die besonders an der Sddwestseite wohl erhal- 
tenen, 3,20 Meter dicken und mit runden Thürmen geschützten 
Ringmauern auf den Rändern der Anhöhe hinziehen; doch scheint 
dieselbe nicht von allen Seiten von Mauern umschlossen, sondern 
gegen Nordosten ,. wo wahrscheinlich eine in der Niederung ge- 
legene Unterstadt sich anschloss, offen gewesen zu sein. Auf 
dem Felsboden erkennt man noch die Linien einiger Strassen, 
im westlicheren Theile die Fundamente eines kleinen Tempels in 
antis (vielleicht des von Paus. VIII, 22, 7 erwähnten alten Tem- 
pels der Artemis Slymphalia, die als Hauptgöttin der Stadt jeden- 
falls in der Oberstadt ihr Heiligthnm hatte) und besonders an der 
Södostseite, gegen den See zu, wo sich ebenfalls keine Spuren 
einer Ringmauer finden , lauge aus dem Felsen selbst geschnittene 
Sitzstufen und einen etwa 30 Personen fassenden halbkreisför- 
migen Sitz (eine sogenannte Exedra) von gleicher Ausführung, 
Anlagen, die etwa zu einem in der jetzt mit Wasser bedeckten 
Niederung gelegenen Stadion und einem Hippodrom gehört haben 
mögen ^). 



Olymp. VI, 84 [144] c. schol.; Callimach. H. in lov. 26 c. schol.; o' Mb- 
tmtcifg Aelian. V. hist. II, 83) kann ich weder mit Boss (Reisen im Pe- 
loponnes S. 38, Anm. 30) auf die Felswand des Apelaaron über der Ka- 
tabothre, noch mit CurtiaB.(Pe1op. I, S. 216) auf den Fluss des nörd- 
lichsten Thaies der Stymphalier, sondern nur mit Leake (Peloponnes. 
p. 384) anf die jetzt iie<pal6ßQvatg genannte Quelle des Baches Stym- 
phalos, deren Wasser Hadrian nach Eorinth leitete, beziehen. Dass 
Steph. Byz. u. ZTVfiq)alog (nicht Pausanias, der für di^e Quelle keinen 
Namen ang^ebt) dieselbe mit dem Namen des aus ihr entspringenden 
Baches benennt, ist eine leicht erklärliche üngenauigkeit. 

*) Vgl. Dodwell Classische u. topograph. Eeise II, 2, S. 820 ff. d. d. 
Ueb.; Leake Morea III, p. 108 ss.; Ross Reisen im Peloponnes S. 64 f.; 
Curtius Pelop. I, S. 204 f. (mit Plan auf Taf. IV); Vischer Erinnerungen 
8. 497 f. Die von Letzterem nicht bemerkte halbkreisförmige Exedra mit 

BUI^IAN, OEOOR. II. 14 



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198 II. Peloponnesos. 

Das Gebiet von Stympbalos scheint sich gegen Süden in 
einer Länge von mehreren Stunden bei geringer Breite zwischen 
der Orchomenia und der Argeia bis zum Nordrande der Hanti- 
nike hin erstreckt zu haben. Den Rem dieses engen Berglandes 
bildet ein kleiner Thalkessel bei dem jetzigen Dorfe Bugiati, an 
dessen Nordrande auf einem den einzigen von Norden her kom- 
menden Zugang zu demselben beherrschenden Hügel sich noch 
ansehnliche R^ste der alterthümlichen Befestigungsmauern und 
Thürme von Alea erhalten haben, einer Stadt, deren Gründungs- 
sage — sie betrachtete den Aleos, Sohn des Apheidas als ihren 
Gründer — ebenso wie der Cult der Athena Alea auf ahen Zu- 
sammenhang mit Tegea hinweist, die sich aber wahrscheinlich 
schon frühzeitig an Stympbalos angeschlossen hatte und in der 
römischen Kaiserzeit wie dieses sich zu Argolis hielt. Ausser 
dem Tempel der Athena Alea, offenbar der eigentlichen Stadt- 
göttin, besass sie noch einen Tempel des Dionysos, dem alljähr- 
lich ein Fest, Skiereia, mit Cultbräuchen , welche an alte Men- 
schenopfer erinnerten (Geisselungen von Frauen im Tempel des 
Gottes) gefeiert wurde, und ein Heiligthum der Ephesischen 
Artemis. ^) 

Das Geronteion scheidet, wie bemerkt, von der Stymphalia 
ein ähnliches, aber geräumigeres Thalbecken, zu welchem man 
von Norden her durch ein langes Engthal zwischen Kyllene, 
Krathis und Aroania gelangt, durch welches ein von den^Ab- 
hängen der Chelydorea herkommender Bach in die Ebene ein- 
strömt: die Bewohner des Thaies nannten ihn Olbios, offenbar 
weil er bei gehöriger Regelung seines Laufes die Hauptursache 
pheneatia. der Fruchtbarkeit des Thaies war, bei den übrigen Arkadern 
• führte er den Namen Aroanios, der wahrscheinlich eigentlich 



einer Seitenlehne an jedem Ende habe ich noch Anfang Mai 1854 y als 
ich die Ruinen besuchte, vorgefunden. — Die Aehnlichkeit des Terrains 
von Stjmphalos mit dem von Lebadeia in Böotien erklärt es, dass eine 
Tradition (Charax beim schol, Aristoph. Nub. 508) den Trophonios in 
Stympbalos geboren sein lässt. 

*) Paus. c. 23, 1 ; Steph. Bjz. u. *Jlia, Die Annahme, dass die Be- 
wohner von Alea zur Gründung von Megalepolis hinzugezogen worden 
seien, beruht meiner Ansicht nach nur auf einem Schreibfehler bei Paus, 
c. 27, 8, wo für 'AXia mit Rücksicht auf die unmittelbar folgenden Orts- 
namen 'Aaea herzustellen ist. lieber die Reste s. Pouillon-Boblaye 
Recherclies p. 147. 



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4. Arkadien: Pheneatis. 199 

einem von Nordwesten, vom Aroaniagebirge her kommenden, in 
der Ebene mit jenem sich vereinigenden Seitenbache zukam ^). 
Den westlichen Rand des Thaikessels bildet eine sudliche Ver- 
zweigung des Aroaniagebirges, jetzt Turtovana, von den Alten 
Penteleia genannt, an deren westlichen Abhängen der Ladon- 
fluss entspringt;^) im Süden und Südosten schliessen sich daran 
die jetzt Saela und Skipiesa genannten Berge, bei den Alten 
Oryxis und Skiathis, in deren Nord-, beziehendlich Westseite 
sich zwei unterirdische Abzugscanäle für die Gewässer des Thaies 
öffnen, deren Anlage ebenso wie die Regelung des Laufes des 
Aroanios durch einen bis 30 Fuss tiefen, im spätem Alterthum 
verfallenen Canal die Tradition dem Herakles beilegte : eine ganz 
ähnliehe, nur, so zu sagen, rationalistischer gefärbte Sage wie 
die des Nachbarthaies, der Stymphalia^). Sind auch jene Ab- 
zugscanäle von der Natur selbst durch Erdbeben oder ähnliche 
Revolutionen geschaffen , so konnte doch nur durch Nachhülfe von 
Menschenhand das Thai zur Anlage einer Stadt — des schon im 
Schiffscatalog (II. B, 605) erwähnten Pheneos — geeignet und 
für Viehzucht und Ackerbau — deren Bedeutung für die alten 
Bewohner durch die Culte des Hermes, des Poseidon Hippios und 
der Eleusinischen Demeter bezeugt wird — ergiebig gemacht 
werden. Wenn aber schon im Alterthum trotz der Sorgfalt, 
welche auf die Regelung des Abflusses der Gewässer verwandt 
wurde, der Thalkessel zu wiederholten Malen von Ueberschwem- 
mungen — deren eine die Stadt selbst zerstört haben soll — 
heim gesucht und zeitweise in einen grossen See verwandelt 
wurde*), so ist es nicht zu verwundern, wenn heut zu Tage, wo 
fast Alles in dieser Beziehung der Natur 'selbst überlassen bleibt, 



Paus. c. U, 3; vgl. Strab. VIII, p. 389 (wo mit Leake Morea III, 
p. 146 'Agodviov für 'AvCav herzustellen ist); Athen. VIII, p. 331® (wo 
Casaubon. richtig 'Agoavlrn für 'Aoqvco emendirt hat). 

*) Phot. n. Hesych. u. IIsvTiXsia. Die von Plut. Cleomen. 17 u. 
Arat. 39 erwähnte Ortschaft TltvxiXsiov war wahrscheinlich eine auf 
diesem Gebirge gelegene Qränzfestnng der Pheneaten gegen die Eleitoria ; 
Leake (Morea III, 156) setzt sie, jedenfalls irrig, bei Tharso im Thale 
des Aroanios, nordöstlich von Phonia an. 

8) Paus. c. 14, 1 f.: vgl. Curtius Pel. I, S. 186 ff. 

*) Paus. c. 14, 1; Strab. VIII, p. 389; Theophrast. Hist. plant. III, 
1, 2; V, 4, 6; Plin. N. h. XXXI, 5, 54; Plutarch. de sera num. 
vind. c. 12. 

14* 



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200 11. Peloponucsos. 

dieser Zustand des Thaies die Regel, die Beschränkung der Ge- 
wässer auf kleine Sumpfe in der Nähe des Einganges der Kata- 
bothren die Ausnahme bildet, daher auch die Bevölkerung sich 
ganz aus dem, von einem 175 Meile langen und in der grössten 
Breite gegen 1 Meile breiten, klaren See bedeckten Thale zu- 
rückgezogen und an dem nördlichen Bergabhange angesiedelt hat, 
wo das jetzige Dorf Phonia, in zwei Häusergnippen getheilt, an- 
muthig aber ohne alle Reste des Alterthums^) zwischen Bäumen 
liegt. Im Alterthum dagegen und noch im Mittelalter lag Pheneos 
etwa 10 Minuten südwestlich davon, wo jetzt eine Landzunge von 
Norden her in den See vortritt; in der Mitte derselben erhebt 
sich ein nicht unbedeutender, aber von allen Seiten .leicht zu- 
gänglicher Hügel, an dessen Nordwestseite man ungefähr in der 
Mitte seines Abhanges den Zug einer Polygonmauer verfolgen 
kann, die an einer Stelle, wo sie eine Ecke bildet, noch fast 
mannshoch erhalten ist; auf dem Gipfel erkennt man noch die 
Grundmauern eines mittelalterlichen Thurmes, welche, in Verbin- 
dung damit, dass in der Umgebung häufig dünne venezianische 
Silbermünzen mit dem Typus Christi als Königs auf der einen, 
des Löwen von S. Marco auf der andern Seile gefunden werden, 
beweisen, dass der Flügel, der ohne Zweifel die Akropoiis der 
alten Stadt mit dem Tempel der Athena Tritonia (den schon Pau- 
sanlas in Trümmern fand) und dem Erzbilde des Poseidon Hippios 
trug^), noch im Mittelalter bewohnt war. Um den Fuss des 
Hügels erstreckte sich im Alterthum eine wahrscheinlich ziemlich 
aasgedehnte Unterstadt, in welcher Pausanias zunächst dem Ab- 
hänge der Burg das Stadion mit dem auf eiiver Anhöhe gelegenen 



*) Ich fand zwar im J. 1854 bei der Hauptkirche des Ortes ein do- 
risches Capital aus Sandstein, aber dies war offenbar von einem andern 
Platze hierher verschleppt. 

*) Paus. c. 14, 4 ffi, dessen Schilderang der Akropoiis als an fast 
allen Seiten steil abfallend, daher nur zu einem geringen Theil (offenbar 
an der Nordwestseite, wo noch die Mauerreste erhalten sind) befestigt 
sich mit dem jetzigen Zustande des Terrains nur durch die Annahme be- 
trächtlicher Anschwemmungen an den 3 Seiten der Landzunge, die jetzt 
von Wasser, umgeben sind, vereinigen lässt. Das von Dodwell (Class. u. 
topogr. Reise U, 2, S. 326 f.) beschriebene Paläokastro auf einem hohen 
Felskegel oberhalb Phonia kann, wenn überhaupt antik, nur eine be- 
festigte ZufluchtsÄtfttte für die Heerden und Hirten der Pheneaten ge- 
wesen sein. 



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4. Arkadien: Phcnealis. 201 

Grabdenkmal des Iphitos, weiterhin den Tempel des Hermes 
(des Hauptgottes der Stadt, dem zu Ehren Wettspiele, Hermäa, 
gefeiert wurden) mit dem Grabe des Myrtiios (der hier Heroen- 
cuit genoss) dahinter, endlich das Heiligthum der Eleusinischen 
Demeter und daneben das sogenannte Petroma, einen zur Aufbe- 
wahrung der heiligen Urkunden dienenden Kasten aus zwei grossen 
Steinplatten mit einem runden Deckel, an dessen innerer Seite 
eine von dem Priester bei feierlichen Gelegenheiten aufzusetzende 
Maske der Demeter Kidaria angebracht war, erwähnt. Ein zweites 
Heiligthum der Demeter mit dem Beinamen Thesmia (der Urhe- 
berin eines geordneten Rechtszustandes, gleich der athenischen 
Thesmophoros) , dessen Stiftung dem Trisaules und Datnithales, 
welche die Göttin selbst gastlich aufgenommen haben sollten 
(oflfenbar Heroen des Ackerbaus), zugeschrieben wurde, lag 15 
Stadien nordöstlich von der Stadt am Fusse der Kyllene. In 
gleicher Entfernung von der Stadt, an der nach Aegira und 
Pellene führenden Strasse, also nordwärts, fand Pausanias einen 
damals in Trununern liegenden Tempel des ApoUon Pythios, der 
von Herakles bei der Rückkehr von seinem Zuge gegen Elis ge* 
stiftet sein sollte; in der Nähe des Tempels zeigte man auch die 
Gräber zweier Gefährten des Herakles, die nach Pheneatischer Sage 
auf diesem Zuge den Tod gefunden hatten: das des Telamon am 
Flusse Aroanios und das des Chalkodon bei einer Quelle Oinoe. 
Weiter nordwärts, wahrscheinlich in der Gegend des jetzigen 
Dörfchens Tharso, theilte sich die Strasse; rechts, d. h. nordost- 
wärts führte sie nach Pellene, gegen welches eine Porinas ge- 
nannte Oertlichkeit*am Chelydoreagebirge — wahrscheinlich eine 
Höhe oberhalb des jetzigen Dorfes Karya — die Gränze bildete, 
links, d. h. gerade nordwärts, ging sie über das ioch des &ra- 
thisgebjrges, auf welchem die Grenze durch ein Heiligthum der 
Artemis Pyronia bezeichnet wurde ^ nach Aegira'). An der Ost- 
seite des Thaies schliessen sich an das mehrfach erwähnte Geron- 
teion gegen Norden einige andere Vorberge der Kyllene an: zu- 
nächst der Dreiquellenberg (TQixffrjva) , an welchen sich die Sage 
von der Pflege des kleinen Hermes durch die Nympheji knüpfte. 



1) Paus. c. 16, 8 f.; c. 17, 6. Den Tlm^Cva^ hält Leake (Morea m, 
p. 138 Q. 142) für einen Bach, wozu der doch jedenfalls von «co^og her- 
zuleitende Name nicht recht passt. 



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2()2 n. Pelopouriesos. 

weiterhin die von giftigen Schlangen bewohnte Sepia, auf 
welcher man einen auf einem runden steinernen Unterbau ruhen- 
den Erdhägel als das Grab des alten Landesheros Aepytos, des 
Sohnes des Elatos, zeigte.^) 

Gegen Westen gingen zwei Strassen von Pheneos aus: die 
eine, nach KleitoJr führende, folgte in nordwestlicher Riditung 
dem Canale des Aroanios bis nach Lykuria, dem Grenzorte der 
Pheneatis gegen die Kleitoria^); die andere führte über den 
Rücken des Aroaniagebirges nach dem schon etwas nördlich unter- 
halb des höchsten Gipfels dieses Gebirges in einsamer Feiswildniss 
von einer senkrechten, hohen Wand herabgleitenden Wasserfall der 
Styx (jetzt Mavronero d. i. Schwarzwasser), deren Wasser bei den 
Alten nicht nur, wie noch heut zu Tage, als tödtlich für die Menschen 
(daher die furchtbarsten Eide dabei geschworen wurden), sondern 
auch als alle Metalle auflösend galt^ und nach der nordöstlich davon 
in dem engen Hochthale des nach Achaia hinabfliessenden Baches 
Krathis (jetzt Akrata) , in der jelzt Klukkinäs genannten Gegend 
liegenden uralten Ortschaft Nonakris, von der schon Pausanias 
nur noch geringe Ueberreste vorfand, die heut zu Tage gänzlich 
verschvninden zusein scheinen'). In alten Zeiten war dieser Ort 



Paus. c. 16; vgl. Leake Mores m, p. 116; Curtius Pel. I, S. 216. 

*) Paus. c. 19, 4. Das jetzige in beträchtlicher H5he am südlichen 
Ahhang der Turtovana gelegene Dorf Ljkuria kann nicht an der Stelle 
der alten Ortschaft liegen, theils weil, wie schon Leake (Morea III, p. 143) 
bemerkt hat, die Entfernung desselben von den Quellen des Ladon am 
westlichen Fusse der Saeta bei weitem nicht 50 Stadien (was Paus. c. 
20, 1 als Entfernung von dem alten Ljkuria nach den Ladonquellen an- 
giebt) beträgt, theils, wie Curtius bemerkt, weil zu dieser Lage der Aus- 
druck des Paus, näxsiatv nicht passt. Jedenfalls lag die alte Ortschaft 
noch an der Ostseite der Turtovana und wurde in Folge von Ueber- 
schwemmungen höher hinauf und westwärts verlegt. 

•) Paus, c 17, 6 ff.; Herod. VI, 74; Theophrast. bei Antigen. Hist. 
mir. 168; Strab. VIII, p. 389; Hesjch. u. N(6va%QLg; Plutarch de primo 
frig. c 20; Vit. Alex. c. 77; Vitruv. de archit. VIII, 3; Plin. N. h. II, 
106, 231; XXX, 63, 149; Seneca Nat. quaest. III, 25, 1. Von Neueren ist 
der Styzfall sehr häufig beschrieben worden; vgl. Leake Morea III, p. 160 
SS.; Fiedler Reise I, S. 398 ff. (mit Abbildung auf Tfl. V); Schwab Ar- 
kadien S. 64 ff.; Stackeiberg in Gerhards Hyperboreisch : röm. Studien 
II, S. 296 ff.; Curtius Pel. I, S. 195 f.; Beul^ Etudes sur le P^loponnise 
p. 195 SS. ; Vischer Erinnerungen S. 490 f. ; Panag. Dimitropulos To vSmq 
triq Zrvyog (Athen 1855); R. Schillbach Zwei Reisebilder aus Arkadien 



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4. Arkadien: Orchomenia. 203 

— der, wohl nie eine eigentliche Stadt bildete, sondern aus einer 
Anzahl zerstreuter Ansiedelungen, ähnlich den jetzigen Dörre]:n 
dieser Gegend, mit einem befestigten Hittelpunkt als Zufluchts- 
stätte in Zeiten der Gefahr bestand — jedenfalls nicht nur selb- 
ständig, sondern auch nicht ohne politische Bedeutung; aber er 
muss frühzeitig verfallen und dann mit dem grössten Theile des 
Aroaniageblrges in den Besitz von Pheneos gekommen seinJ) 

Südwärts von Pheneos führte im Alterthum eine Strasse zu- 
nächst durch die Ebene, dann durch einen schmalen Pass, an 
dessen Eingange eine Ortschaft Karyä lag, nach dem südlichen 
Nachbarcanton der Pheneatis, der Orchomenia, zwei nur durch 22nia' 
eine enge Schlucht unter einander verbundenen Thalkesseln, deren 
nördlicherer tiefer liegt als der südlichere. Heut zu Tage gelangt 
man auf einem beschwerlichen, immer am Abhänge der Berge 
sich hinziehenden Pfade um die Ost- und Südostseite des Sees 
von Pheneos herumbin SYj Stunden nach dem Dorfe Gioza, von 
welchem aus man längs eines Giessbaches auf einer theilweise 
gepflasterten mittelalterlichen Strasse auf den die Berge Saeta 
und Skipiesa verbindenden Kanun empor und von da hinabsteigt 
in ein geräumiges Thal, das in seiner südlicheren Hälfte von 
Wasser bedeckt ist, ein Zustand in welchem es schon zur Zeit 
des Pausanias sich befand. Dieser fand die grössere Orchome- 
nische Ebene zum grössern Theile von einem See bedeckt und 
am nördlichen Ende desselben eine kleine Ortschaft Amilos, 
bei welcher die aus der Pheneatis und aus der Stymphalia kom- 
menden Strassen zusammentrafen^). Der Südrand des Thaies 
wird durch zwei von Westen und Osten her gegen einander vor- 
tretende Berge gebildet, zwischen denen hindurch eine enge 
Schlucht nach dem südlicheren Thale führt; der östlichere dieser 
Berge hiess bei den Alten Trachy, der westlichere, an dessen 
Südabhang jetzt das Dorf Kalpaki liegt, trug die alte Burgstadt 
Orchomenos oder, nach einheimischer Form, Erchomenos, 
deren Heerdenreichthum schon der Schifl'scatalog (II. B, 605) er- 
wähnt, die nicht nur die beiden Thäler beherrschte, sondern 



(Jena 1866) S. 10 ff.; endlich die Abbildang bei Löffler u. Bnsch Bilder 
ans Griechenland Tfl. 17 (zu S. 115). 

^) Da» von Paus, c 27, 4 erwähnte Nrnvangig ist jedenfalls ein an- 
deres, worüber später. 

») Paus. c. 13, 4 f.; vgl. Steph. Byz. u. UfiiXos, 



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204 11. Peloponoesos. 

auch erobernd bis in das Herz Arkadiens vordrang, wo die Ort- 
scbarten Theisoa, Methydrion und Teuthis im Verhftltniss der 
Syntelie zu ihr standen, bis sie zur Gründung von Hegalepolis 
hinzugezogen wurden^). An den oberen Abhängen des Berges 
findet man noch bedeutende Ueberreste von drei verschiedenen, 
theils aus poIygonen theils aus viereckten Werkstücken erbauten, 
durch viereckte Thürme verstärkten Mauerringen, welche die alte 
Oberstadt umschlossen. Diese spielt wegen dieser ihrer starken 
Befestigung, sowie wegen Ihrer Lage in der antiken Kriegsge- 
schichte eine nicht unbedeutende Rolle, ^) bis nach Verlust der 
Selbständigkeit Griechenlands die Bewohner ^ wahrscheinlich aus 
Bequemlichkeitsrücksichten, die alte Oberstadt (von der Pausanias 
nur Reste der Mauern und der Agora vorfand) ganz verliessen 
und sich unterhalb derselben nach der südlichen Ebene zu ansie- 
delten. Dieser neueren Stadt, in welcher Pausanias (c. 13, 2) 
Heiligthümer des Poseidon und der Aphrodite und eine sehens- 
werthe Quelle (die noch jetzt an ihrer antiken Einfassung erkenn- 
bar ist) erwähnt, gehören einige Terrassen mit dorischen Capitälen 
und Säulentrüraroern, sowie andere Gebäudereste an, welche sich 
um das Dorf Kalpaki herum finden^). Ausserhalb der Stadt stand 



') Pans. c. 27, 4. Die Schreibang *EQ%6iABvog wird durch Münzen 
mit der Legende EP bezeugt: 8. Curtius Pel. I, S. 228; L. Müller Archäolog. 
Zeitg. XYI (1858) N. 114, S. 176. Der Berg, auf welchem die alte Stadt 
lag, Bcbeint nach Dionys. Hai. A. r. 1, 49 auch den Namen N^aog geführt zu 
haben. Zum Gebiete des arkadischen Orchomenos gehörte höchst wahr- 
scheinlich auch das von Steph. Byz. u. Evcclfimv als noUg 'OQ%oiJLBv£a>v 
bezeichnete Euftmon, dessen Lage nicht näher zu bestimmen ist. 

*) Vgl. Thuk. V, 61 ff.; Xenoph. HeU. V, 1, 29; VI, 6, 18; Diod.* 
XV, 62; XIX, 63; XX, 103; Polyb. II, 46; 64; IV, 6; Plut. Cleom. 23; 
Arat. 46; Liv. XXXII, 5. — Bubine im Gebiet von Orchomenos gefun- 
den nach Theophrast. bei Plln. N. h. XXXVII, 7, 97. 

')..Vgl. über die Ruinen Leake Morea III, p. 100 s.; Dodwell Class. u. 
topogr. Eeise II, 2, S. 311 f. d. d. Ueb.; Curtius Pel. I, S. 220f. u. S. 229. Ich 
fand auf einer jetzt als Dreschtenne benutzten Terrasse westlich vom Dorfe, 
in gleicher Höhe mit den obersten Häusern desselben, 3 dorische Capitäle von 
Terschiedener Grösse (wohl die von Dodwell ausgegrabenen) ; am Südwestab- 
hange des B^ges die Ruinen eines länglich-viereckten antiken Gebäudes mit 
Eingang in der Mitte der östlichen Langseite ; weiter westlich, dem Dorfe 
Rnsia gegenüber, die Ruinen eines Gebäudes aus schönen Quadern und 
südlich davon die mit antiken Steinen eingefasste Quelle. Auf dem 
höchsten Gipfel des Berges, von welchem aus man beide Thäler über- 



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4. Arkadien: Orchomenia. 205 

eine grosse Ceder, in deren Stamm oder zwischen deren Zweigen 
ein Rolzbild der Artemis Kedreatis aufgestellt war; in der Ebene 
bemerkt man noch jetzt verschiedene Steinhaufen, welche dem 
Pausanias als Gräber im Kriege gefallener Männer gezeigt wurden. 
Am nördlichen Abhänge des die Ebene im Süden begränzenden, 
von den Alten Anchisia oder Anchisiä genannten Bergzuges, 
auf dessen Rucken die Gränze zwischen Orchomenos und Man- 
> tineia hinlief, lag ein Heiligthum der Artemis llynmia, das, ob- 
gleich zum Gebiete der Orchomenicr gehörig, doch unter gemein- 
samer Verwaltung dieser und der Mantineer stand, ein Verhältniss, 
das wohl als Ueberrest einer centralen Bedeutung, welche das 
Heiligthum dieser von allen Arkadern verehrten alten Naturgöttin 
in früheren Zeiten für alle oder doch für die meisten arkadischen 
Cantone gehabt hat, zu betrachten ist^). Die Stelle des Heilig- 
thums bezeichnet wahrscheinlich eine Capelle der Panagia östlich 
von dem jetzigen Dorfe Levidi ; einige Reste antiker Baulichkeiten 
nördlich unterhalb dieses Dorfes mögen der alten Ortschaft 
Elymia angehören^. 

Durch die die obere Stadt Orchomenos vom Berge Trachy 
trennende Schlucht, durch welche das Wasser in Form eines 
Giessbaches aus der südlicheren in die nördlichere Ebene abfloss, 
führte eine doppelte Strasse: die eine jenseits des Baches, am 
Fusse des Trachy hinlaufende, ging an dem Grabmal des Aristo- 
krates und weiterhin an einigen Teneiä genannten Quellen 
vorüber nach dem schon erwähnten, nur 7 Stadien von den 



sieht, bemerkte ich neben den Grandmanern eines runden antiken Thnr- 
mes die Ueberreste eines grossentheils aus antiken Werkstücken errich- 
teten mittelalterlichen Thurmes: ein Beweis, dass im Mittelalter die im 
spätem Alterthum verlassene Höhe wieder befestigt war. 

*) Paus. c. 12, 8 f. u. c. 13, 1, wo der Name des Berges zweimal 
17 'AyiiaCtty zweimal at ^Ay%i<s(ai geschrieben ist; über die Artemis Hym- 
nia (deren Beiname gewiss nicht vom (besang, sondern aus der Vor- 
stellung der Mondgöttin als einer webenden [WurzelSqp] herzuleiten 
ist) vgl. auch Paus. c. 6, 11. 

*) Xenoph, Hellen. VI, 5, 13. Der Name hängt nach antiker An- 
schauungsweise jedenfalls mit dem des Berges Anchisia zusammen, da 
EljmoB, der eponyme Heros der sikelischen Elymer, als Sohn des An- 
chises galt (Etym. M. p. 333, 31; Serv. ad Aen. V, 72); in Wahrheit ist 
derselbe vielleicht von der Pflanze ^Xvykoq (panicum ItaUcum, welscher 
Fenchel), deren Samen von den Alten gegessen wurde (vgl. Etym. M. 
1. 1. 3^), herzuleiten. 



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206 H. Pcloponnesos. 

Quellen entrernlen Amilos; die andere führte am linken Ufer 
des Baches hin, dann längs der Södseile des in der nördliche- 
ren Ebene sich ausbreitenden Sees westwärts nach Kaphyä, 
einer im westlichen Theile dieser Ebene gelegenen Stadt, deren 
nach einheimischer Tradition aus Attika eingewanderte, nach einer 
andern Sage (oder vielmehr etymologischen Klügelei) aus Troja 
stammende Bewohner sich von der mächtigeren östlichen Nach- 
barstadt unabhängig zu erhalten gewusst hatten ^). Um das Ein- . 
dringen des im orchomenischen Gebiete sieh stauenden Wassers 
in den ihnen gehörigen westlicheren Theil der Ebene zu ver- 
hindern, hatten sie einen Damm aufgeworfen, der zugleich die 
Ostgränze ihres Gebietes bildete; die westlich von diesem Damme 
aus dem Boden hervordringenden Gewässer hatten sie in ein 
offenbar künstliches Flussbett geleitet, welches sie in einen am 
südlichen Rande der Ebene befindlichen Erdspalt abführte; als 
Ausfluss dieser Katabothre betrachteten, die Alten die im west- 
lichen Theile der Kapbyatis jenseits des die Ebene im Westen 
begränzenden, jetzt Kastaniä, von den Allen wahrscheinlich Kna- 
kalos genannten Berges entspringenden Quellen eines dem Ladon 
zufliessenden Baches, der, offenbar wegen des Ungestüms, mit 
welchem er in der Regenzeit dahin strömte, den Namen Tragos 
(Bock) führte; die Quelle selbst wurde Rheunos, die ganze Ge- 
gend Nasoi ('die Inseln') genannt 2). Die Stadt Kaphyä, in 
welcher Pausanias Heiligthümer des Poseidon und der Artemis Kna- 
kalesia erwähnt, lag wahrscheinlich auf und um einen im süd- 
westlichen Winkel der Ebene sich erhebenden isolirten Felshügel, 
dessen Gipfel mit Resten ailerthümliclier Mauern umgeben ist; 
die etwa 10 Minuten nördlich davon in der Ebene sich findenden 
Mauerreste und Marmortrümmer gehören wohl der nach Pausanias 
nur ein Stadion. von der Stadt entfernten Ortschaft Kondylea 
und dem in einem Haine gelegenen Tempel der Artemis Kondy- 
leatis an. Nicht mehr mit Sicherheit nachzuweisen ist die Quelle 
Menel als, welche etwas oberhalb der Stadt bei einer mit dem 
gleichen Namen benannten uralten Platane entsprangt). 



Paus. c. 13, 4 f.; c. 23, 2 ff.; Dionjs. Hai. A. r. I, 49; Strab. 
XIII, p. 608; Steph. Byz. u. Katpvcei,; vgl. Polyb. IV, II f. u. ö. 

«) Paus. c. 23, 2 u. 7: vgl. Leake Morea III, p. 122. 

3) Paus. c. 23, 3 ff.; über die Platane auch Theophr. Hist. plant. IV, 
13, 2 u. Plin. N. b. XVI, 44, 238. 



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4. Arkadien: Mantioike. 207 

Aus der südlicheren Ebene der Orchomeuier steigt man über 
das Anchisiagebirge, an dessen südlichem Fusse neben einem zur 
Zeit des Pausanias (c. 12, 8 f.) verfallenen Aphroditetempel das 
Grabmal des Anebises gezeigt wurde, in die grosse südostarka- 
dische Hochebene, die bei einer durchschnittlichen Breite von 
einer Meile zwischen den argolischen Gränzgebirgen im Osten 
und einer mit verschiedenen Namen (Ostrakina, Mdnalion, Bu- 
reion) ^) bezeichneten Bergkette im Westen sich in einer Länge 
von fast 4 Meilen bis an den südlichen Band Arkadiens erstreckt. 
Ungefähr in der Mitte der Länge verengert sich die Breite der 
Ebene durch zwei gegen einander vortretende Ausläufer der Band- 
gebirge bis auf eine halbe Stunde Wegs und so entsteht ein Pass, 
welcher die ganze Ebene in zwei Hälften scheidet, die im Alter- 
thum auch politisch von einander getrennt waren: eine etwas 
höher gelegene, ') daher trocknere und gesündere südlichere — die 
jetzige Hochebene von Tripoliza, die alte Tegeatis. — und eine 
niedrigere^ in Folge mangelnder Begulierung des Wasserlaufes 
jetzt zu einem Tbeile versumpfte , daher ungesunde und fast un- 
bewohnte nördlichere, die Mantinike der Alten. In diese tretenf^»*»"»»"'®- 
zunächst von Norden her zwei ziemlich parallele Bergzüge ein, 
die man als südliche Ausläufer der Anchisia betrachten kann, und 
bilden östlich und westlich von der Ebene zwei enge Seiten- 
thäler, von denen das westliche, im Alterthum nach einem Heros 
Alklmedon benannte, das durch eine Lücke in dem der Ostra- 
kina parallel gehenden , jetzt wie im Alterthum namenlosen Berg- 
zuge mit der Ebene zusammenhängt, keine sicheren Spuren einer 
alten Ansiedelung zeigt'). Das östlichere, im Osten vom Arte- 



*) Pau«. c. 12, 2; c 36, 7 f.; c. 44, 4. Die Ostrakina O'etzt H. Elias) 
erreicht eine Höhe von 1981 M., das Mänalion (jetzt Apano-Krepa) von 
1559 M., das Boreion (jetzt Kravat^) von 1088 M. Zu der folgenden 
Beschreibung vgl. man das (nach Cnrtius Pel. I, Tfl. ÜI) gezeichnete 
Kärtchen auf unserer Tfl. VI. 

*) Das jetzige Tripoliza liegt nach der französischen Karte 663 Meter, 
das alte Mantineia nur 600 Meter über der Meeresfläche. 

') Paus. c. 12, 2. Curtiu« (Pel. I, S. 243) setzt vermutungsweise 
die von Polyb. XI, 11 erwähnten Elisphasier in dieses Seitenthal; allein 
da diese, wie eine Münze mit der Umschrift EAIZ^AZISIN j4XA1SI(N) 
lehrt (s. Pinder Monatsberichte der Berliner Akademie 1855, S. 351), ein 
selbständiges Glied des achäischen Bundes waren, so können wir diesel- 
ben unmöglich in diesen Winkel der Mantinike verweisen, sondern 



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208 II. Peloponnesos. 

mision, im Westen vom Alesionberge begränzle Seitentbal, das 
wegen seiner tiefen Lage und v^eil das Wasser durch einen ein- 
zigen Spalt im Fusse des Artemision nur ungenügenden Abfluss 
findet, schon im Alterthum versumpft war und daher das Faul- 
feld {^AQyov neSlov) genannt wurde, war für die Mantineer von 
grosser Wichtigkeit, weil die beiden von Argos her fuhrenden 
Pässe, die Strasse durch den Stacheleichenwald und die Treppen- 
strasse (vgl. oben S. 63) in dasselbe einmündeten, daher die 
Mantineer auf einem vom Fusse des Artemision in das Thal 
vortretenden Hügel eine befestigte Ortschaft, Nestane, angelegt 
hatten, welche den Zugang zur Hauptebene bewachte. Dem Pau- 
sanias, dec von dieser Ortschaft nur noch Trümmer vorfand, 
wurden noch Reste von dem Zelte des Königs Philipp II. von 
Makedonien, der OL 110, 3 hier ein Lager aufgeschlagen hatte, 
gezeigt, wie auch die auf dem den Hügel von Nestane mit dem 
Artemision verbindenden Sattel entspringende Quelle den Namen 
Philippion behalten hatte. Unterhalb des Hügels, auf dem sich 
noch jetzt nicht unbedeutende Mauerreste finden, stand ein Hei- 
ligthum der Demeter, worin alljährlich von den Mantineern ein 
Fest begangen wurde ; ein noch zum Argon pedion gehöriger Platz 
in der Nähe desselben, wurde 'der Tanzplatz der Mära' genannt, 
einer von den Mantineern und Tegeaten verehrten Heroine, Tochter 
des Atlas, deren Namen auch ein Weiler in der nordöstlichen 
Ecke der Mantineischen Ebene trug*). 



müssen EUsphasion, falls es eine Stadt dieses Namens gab, westlich von 
der Ostrakina, etwa in der Gegend von Alonistenon ansetzen. 

^) Paus. c. 7, 1 flf., nach welchem die Süsswasserquelle Dine, welche 
im Meere ohnweit des aus der Argeia nach der Thyreatis führenden 
Küstenpasses Anigräa aufsprudelt (s. oben S. 68), der Abfluss der 
Gewässer dieser Niederung war. Als xov oniad'sv xolnov t^g Mavtivi- 
x^g bezeichnet dieses Seiten thal Xen. Hell. VI, 5, 17. Ueber die Ruinen 
von Nestane {NoazCa nach Theopomp bei Steph. Byz. u. d. W.) vgl. 
Clark Peloponnesus p. 127 ss. (mit Planskizze auf pl. 3); Conze u. Mi- 
chaelis Annali XXXIII, p. 25 ss. Ueber die xo^itri MaCgcc Paus, c. 12, 
7 ; vgl. Pouillon-Boblaye Recherches p. 149 Eine avvodog xav tsQeiav tag 
ddfiaxQog erscheint in einer Inschrift aus Mantineia (Bulletin de l'^cole 
fran^aise d' Äthanes n. 1, Juli 1868, p. 6 s.), welche nach Z. 41 im Ko^dyiov 
(ob Theil des Heiligtums bei Nestane oder des von Paus. c. 9, 2 er- 
wähnten Heiligtums der Demeter u. Kora in der Stadt Mantineia?) auf- 
gestellt war. 



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4. Arkadien: Manlinike. 209 

Diese Ebene, die jetzt in ihrem nördlicheren Theile bis 
nahe an die Hauern der Stadt heran See und Sumpf, dazu yölJig 
baumlos ist, muss im Alterthum, wo die von Osten und Süden 
her in sie einströmenden Gewässer sorgfältig canalisirt und in 
die am Fusse der westlichen Berge sich öffnenden natürlichen 
Abzugscanäle (Katabothren) abgeleitet waren,^) einen weit freund- 
licheren und fruchtbareren Anblick gewährt haben. Schon der 
Schiflscatalog (II. B, 607) erwähnt 'die liebliche Mantineia% die 
bis ins 5. Jahrb. v. Chr. keine Stadt im strengen Sinne des 
Wortes bildete, sondern aus fünf in verschiedenen Theilen der 
Ebene gelegenen Flecken bestand, die in einem Castell auf einem aus 
dem nördlicheren Theile der Ebene inselartig aufsteigenden Hügel, 
an dem noch im spätem Alterthum der Name Polis haftete (jetzt 
Gurzuli genannt), einen gemeinsamen befestigten Zufluchtsort 
hatten.^) Bald nach den Perserkriegen, zu welchen auch die 
Mantineer ihr Contingent gestellt hatten,^) verliessen die Bewoh- 
ner, von den Argivem veranlasst, ihre ländlichen Wohnsitze und 
gründeten eine Viertelstunde südlich von jenem Castell an der 
tiefsten Stelle der Ebene eine neut Stadt, welche den Mangel 
natürlicher Festigkeit durch die Regelmässigkeit ihrer Form, die 
Starke ihrer Mauern und Thore und zahlreiche Befestigungs- 
thürme ersetzte ; die Erinnerung an die fünf Gemeinden, aus denen 
die Bevölkerung der Stadt sich zusammensetzte, wurde durch die 
Theilung derselben in fünf Pbylen (Epaleas, Enyalias, Hoplodmias, 
Posoidlias und Vanakisias) erhalten.^) Die durch diese Zusammen- 



>) Einen mitten durch die Ebene gehenden Wassergraben erwähnt 
Poljb. XI, 11. Die Regolimng des aus der Tegeatis nach der Mantinike 
zu fliessenden Wassers war nach Thukyd. Y, 65 ein Gegenstand des 
Streites und Kampfes zwischen beiden Nachbarcantonen. 

*) Paus. c. 8, 4 (wo mir die Erzählung von der Gründung der neuen 
Stadt durch Antinoe, Tochter des Kepheus, auf einem Irrthum zu be- 
ruhen scheint) u. c. 12, 7; Strab. VIII, p. 337. 

») Herod. Vn, 202; IX, 77; Paus. X, 20, 1. 

^) Ton diesen durch eine Inschrift (Bulletin de T^cole fran^se 
d^ Äthanes n. 1, p. 5 s.) bezeugten^ Phjlennamen sind 'EvvaUaSy TIo- 
aoidXCag und fava%ialai offenbar von den Gottheiten Enyalios, Posei- 
don und den Dioficuren (Anakes) herzuleiten; auch der Name ^EnaXiag 
(ht *AXia9*i) ist wohl auf die Athena Alea zurückzuführen; nur der 
Name 'OnXodiiiag scheint einen besonderen Stand (die Eriegerkaste) zu 
bezeichnen; doch könnte man dabei allenfalls an die "Hf^a onXocyLCn 
(Lycophr. Alex. 614 u. Tzetz. ad v. 858) denken. 



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210 II. Peloponnesos. 

siedeluDg erstarkte Bürgerschaft emancipirte sich nun bald Ton 
dem Einflüsse Sparta's» unter dem sie bis dahin gestanden hatte, 
und schloss im Jahre 420 v. Chr., nachdem sie ihr Gebiet durch 
Unterwerfung der Parrhasier erweitert hatte, in Verbindung mit 
Argos und Elis ein Schutz- und Trutzbündniss mit Athen, weil 
sie voraussah, dass sie nach dem Grundsatze der Politik Sparta's, 
Gebietserweiterungen auf Kosten schwächerer Nachbarn nur sich 
selbst, aber nicht den übrigen peloponnesischen Staaten zu ge- 
statten^ den Besitz des eroberten Gebietes gegen Sparta mit den 
Waffen in der Hand werde vertheidigen mössen. Freilich musste 
sie, nachdem das Bündniss in Folge der im Jahre 418 in der 
Ebene von Mantineia selbst, einem ächten * Tanzplatz des Ares'^), 
gelieferten, für die Verbündeten verlornen Schlacht sich gelöst 
hatte, unter Verzicht auf ihre früheren Eroberungen wieder in 
die spartanische Symmachie eintreten, aber sie blieb doch nur 
gezwungen und mit schlecht verhehltem Widerwillen in derselben 
und Sparta benutzte daher die Gelegenheit, welche ihm seine 
Interpretation des sogenannten Antalkidischen Friedensvertrages 
darbot, um im Jahre 385 in die Mantineer die Forderung zu 
stellen, ihre Stadtmauer zu schleifen, damit die wohlbefestigte 
Stadt nicht der Stützpunkt eines bewaffneten Widerstandes gegen 
des Oberhaupt des Bundes werden könne. Da die Mantineer 
diese Forderung natürlich ablehnten, fiel der König Agesipolis 
mit einem Heere in ihr Gebiet ein und begann eine regelmäs- 
Äge Belagerung der Stadt; als diese wegen der guten Verpro- 
viantirung der Belagerten sich in die Länge zog, nahm Agesipolis 
den natürlichen Feind der Mantineischen Ebene, dem sie auch 
in der neueren Zeit unterlegen ist, das Wasser zur Hülfe: er 
dämmte den von Südosten her durch die Stadt fliessenden Bach 
Ophis gleich unterhalb der Stadt ab, so dass derselbe innerhalb 
der Mauern über seine Ufer trat und das Wasser bald zu solcher 
Höhe stieg, dass die mit Ausnahme der Fundamente aus Lehm- 
ziegeln erbauten Stadtmauern und Thürme Risse bekamen und 
den Einsturz drohten. Die Mantineer sahen sich also genöthigt 
zu capituliren, wobei der öbermüthige Sieger zu der früheren 



') Vgl. über die verschiedenen bei Mantineia geschlagenen Schlach- 
ten Leake Morea III, p. 57 ss.; Viecher Erinnerungen S. 348 ff.; über 
die vom Jahre 362 besonders A.Schäfer Demosthenes III, 2, S. 3 ff. 



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4. Arkadien: MaDtinike. 211 

Forderung der Schleifung der Mauer noch die weitere hinzufügt«», 
dass die Bevölkerung sich wieder in die alten, bei der Gründung 
der Stadt verlassenen offenen Weiler vertheile, eine Massregel, 
durch deren Ausfuhrung der Mantineische Staat aus einer demo- 
kratischen Stadigemeinde in eine Conföderation oligarchischer, 
von lakedämonischen Statthaltern regierter Bauerngemeinden ver- 
wandelt wurde J) 15 Jahre lang blieb nun die Stätte Mantincia*s 
verödet, das politische Leben der Bevölkerung unter dem Drucke 
Spartaks ertödlet; aber als durch die Schlacht bei Leuktra Spar- 
taks Uebermacht gebrochen war, traten die gewaltsam auseinander- 
gerissenen Bestandtheile der Gemeinde wieder zusammen und 
beschlossen die Stadt wiederherzustellen, ein Beschluss, den Kö- 
nig Agesilaos vergeblich durch Versprechungen und Drohungen 
rückgängig zu machen suchte.^) Die Mauern wurden mit Bei- 
hülfe einiger arkadischen Städte und mit einer Geldunterslützung 
von Seiten der Eleer in dem alten Umfang von etwas über 
15 Stadien mit mehr als 100 viereckten Thürmen und 8 meist 
durch doppelte, theils viereckte theils runde Thürme vertheidig- 
ten Thoren wiederaufgebaut und zwar in ähnlicher Weise wie 
früher, so dass nur die Fundamente und ein Sockel von 2 — 4 
Steinlagen Höhe, je nach der Hebung oder Senkung des Terrains, 
aus grossen Werkstücken, die oberen Theile der Mauern sowohl 
als der Thürme aus Lehmziegeln (wahrscheinlich mit mehrfachen 
Lagen starker Holzbalken dazwischen) aufgeführt wurden; der 
Bach Ophis wurde nun unmittelbar oberhalb der Stadt in zwei 
Arme getheilt, die in der Art eines Festungsgrabens die Ellipse 
des Mauerringes umflossen und unterhalb der Stadt sich wieder 



«) Thukyd. V, 29; 33, 81; Xen. Hell. V, 2, 1 ff.; Paus. c. 8, 6 ff. 
Den Widerspruch zwischen den Angaben des Xen. (1. 1. § 7)t duo%Cc%'ri 
d* IQ MavxCvBia xBt(^%^ und des Ephoros (bei Harpokr. p. 123, 17 ed. 
Bekk.): dg e Tuoftag f^v Mavxiviatv äitomaav noXiv AansSaifioviot. 
(vgl. Diod. Xy, 5) hat man durch Hinweisung auf die Bemerkung des 
Paus. (§ 9); mg dl slls xriv Mavx^vsiav , olCyov fiiv xt naxiXmsv ol- 
uBic^ai zu heben gesucht, wornach ein kleiner Theil der Bewohner in 
der Stadt zurückgeblieben, die übrigen in 4 von den alten 5 Komen 
vertheilt worden seien: ob mit Recht, ist mir zweifelhaft, da die Nach- 
richt des Ephoros von der Yertheilung in 5 Komen vielleicht nur auf 
falscher Folgerung aus der Geschichte der Gründung der Stadt beruht. 

») Xen. Hell. VI, 5, 3 ff; Paus. c. 8, 10. 



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212 II. Peloponnesos. 

in einem Bette vereinigten.') Auch die Heiligtumer und öffent- 
lichen Gebäude, die jedenfalls bei der Auflösung der Stadtgemeinde 
nicht zerstört worden, sondern nur in Folge der Verödung der 
Stadt in Verfall gerathen waren, wurden natärlich wiederherge- 
stellt und verschönert und Mantineia nahm bald wieder an Glanz 
und Reichtum eine der ersten Stellen unter den Städten Arka- 
diens ein; aber der alte politische Geist zog nicht wieder ein 
in die erneuerten Mauern: die Burgerschaft schloss sich aus eng- 
herziger Abneigung gegen die Thebaner und ihre Gründung, den 
neuen arkadischen Einheitsstaat, wieder an Sparta an und der 
Held, dessen Siegen Mantineia die Erneuerung seiner politischen 
Existenz verdankte, hauchte vor den Mauern der Stadt als Feind 
sein Leben aus (362 v. Chr.). Eine zweideutige, ja treulose Po- 
litik verfolgte Mantineia dann während der Kämpfe zwischen 
Achäern, Aetolern und Sparta: anfangs Mitglied des achäischen 
Bundes trat sie zu den Aetolern über und Hess sich dann von 
Kleömenes Hl. als Glied des lakedämonischen Staates aufnehmen. 
Im Jahre 226 von den Achäern unter Aratos Führung erobert 
und mit der grössten Schonung behandelt trat sie wieder in den 
achäischen Bund und erbat sich sogar eine achäische Besatzung 
zum Schutz gegen etwaige Angriffe von Seiten des Kleömenes 
oder der Aetoler; aber bald nach dem Eintreffen derselben ge- 
wann die lakonische Partei wieder die Oberhand; die Besatzung 
wurde ermordet und die Stadt wieder den Spartanern* übergeben. 
Dafür traf sie im Jahre 222 ein schweres, aber verdientes Straf- 
gericht: sie wurde von den von Aratos zur Hülfe gerufenen Ha- 
kedonern erobert, geplündert und die Bewohner als Sclaven 
verkauft; die Stadt blieb zwar bestehen, aber sie wurde von den 
Achäern neu bevölkert und musste ihren alten Namen mit dem 
von Antigoneia (zu Ehren des makedonischen Königs Antigo- 
nos Doson) vertauschen, der ihr wenigstens im officiellen Stil 
blieb, bis Kaiser Hadrian ihr den alten zurückgab.^) 



*) Vgl. über die noch . fast . in ihrem ganzen Umfange in durchaas 
gleichmässiger Höhe erhaltene Ringmauer von Mantineia^ ihre Thürme 
und Thore Leake Morea I, p. 100 ss.; Peloponnesiaca p. 112 ss.; Ross 
Reisen im Peloponnes S. 124 f.; Vischer Erinnerungen S. 346 f.; Conze 
u. Michaelis Annali XXXIII, p. 28 s.; dazu den Plan des südöstlichen 
(tegeatischen) Thores und des Theaters in der Exp^d. de Mor(^e II pl. 58. 

«) Polyb. II, 67 f.; 62; Plut. Oleom. 14; Arat. 45; Paus. c. 8, 11 f.; 



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4. Arkadien: Mantinike. 213 

Für die Topographie der Stadt -bildet den einzigen sichern 
Anhalt das Ton Pausanias (c. 9, 3 f.) erwähnte Theater, von 
Jessen gegen Osten geöffneter Cavea noch der polygone Unter- 
bau und ein Theil der Sitzstufen ungefähr in der Mitte des 
Stadtraumes, etwas mehr gegen Norden, erhalten ist; daneben 
liegen formlose Trümmer eines grossen Gebäudes, welche ent- 
weder dem zum Andenken an die Schlacht bei Aktion, in welcher 
die Mantineer allein von allen Arkadern auf der Seite des Octa- 
vianus fochten, erbauten Tempel der Aphrodite Symmachia, oder 
dem mit Cultbildern von der Hand des Praxiteles (Hera thronend, 
ihr zur Seite Athene und Hebe stehend) geschmückten Tempel 
der Hera angehörenJ] Die Lage der übrigen von Pausanias er- 
wähnten Heiligtümer (unter denen namentlich ein Doppeltempel 
des Asklepios mit einem Cult bilde von Alkamenes und der Leto 
nebst Kindern mit Statuen derselben von Praxiteles zu nennen 
ist) lässt sich ebensowenig bestimmen als die der Agora oder 
sonstiger öffentlicher Anlagen und Gebäude.^) 

Ptol. III, 16, 19. ^A noXi^ t&v 'Avtiyovicov auf einer Inschr. aus röm. 
Zeit: Bnllett. 1864, p. XXXV. *Jvxtyovs(ov *A%aimv auf Münzen: Eckhel 
Doct. numm. II, p. 232. — Eine Schrift des Aristoxenos xa, Mavrivimv 
id-Tj erwähnt Philodem. ns(}l svasßeiag p. 85, 13 ed. Goinperz. 

1) Paus. c. 9, 3 f., der die Lage des Tempels der Hera durch ngog 
x(p d'sdxQqif die des Tempels der Aphrodite durch xov Q'sdxqov omad'fv 
bezeichnet. 

*) Die Meinung von Curtius (Pelop. I, S. 237) und anderen: dass 
Paus, durch das südöstliche (tegeatische) Thor in die Stadt eingetreten 
sei, dass also jener von ihm an erster Stelle genannte Doppeltempel des 
Atsklepios und der Leto in der Kähe dieses Thores gelegen haben müsse, 
kann ich nicht theilen. Paus, steigt (c. 8, '1) aus dem Argon Pedion 
über die südlichen Abhänge des Alesion in die Mantineische Ebene und 
erwähnt dort zuerst eine Quelle Arne (die ich trotz des Widerspruches 
^on Conze u. Michaelis Annali XXXin, p. 27 s. nur für die am süd- 
lichen Abhänge des Alesion entspringende, jetzt KoiffOXfQi'Oi genannte 
Quelle halten kann) neben der Heerstrasse (nctga xrjv XBOiq>6Q0v). Dass 
nun diese Heerstrasse, auf welcher offenbar Paus, in die Stadt eintritt, 
identisch sei mit der später (c. 10, 1 f.) von Paus, ausfuhrlich beschrie- 
benen Strasse nach Tegea^ dafür findet sich bei Paus, durchaus keine 
Andeutung; ich halte sie also für davon verschieden und zwar für die 
Fortsetzung der von Argos durch den Stacheleichenwald kommenden 
Strasse. Sie lief jedenfalls in geringer Entfernung östlich von der Te- 
geatischen Strasse und mündete durch das in der östlichen Ringmauer 
noch erkennbare Thor in die Stadt ein. 

B0B8IAN, GBOOR. II. 15 



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214 II. Peloponnesos. 

Das Trinkwasser wurde der Stadt von Nordosten her durch 
eine Wasserleitung zugeführt, als deren Ausgangspunkt Pausanias 
(c. 6, 4) eine Melangeia genannte OertUchkeit bezeichnet, 
welclie jedenfalls dem V4 Stunden nordöstlich von den Ruinen 
Mantineia's am nordwestlichen Fusse des Alesion gelegenen jetzi- 
gen Dorfe Pikerni entspricht, in welchem mehrere nie versie- 
gende Quellen entspringen. Die Strasse von hier, die Fortsetzung 
der argivisch-mantineischen * Treppenstrasse % führte nach einer 
halben Stunde zu einer 7 Stadien von der Stadt entfernten, ^die 
Quelle der Meliasten' (einer geistlichen Genossenschaft im Dienste 
des Dionysos) genannten Quelle, bei welcher Heiligtümer des 
Dionysos und der Aphrodite Melaenis standen: die Quelle spru- 
delt noch' jetzt am westlichen Fusse des Alesion, östlich vom 
Hügel Gurzuli, hervor und daneben findet man die Fundamente 
eines grossen antiken Gebäudes^) 

Den noch heute erkennbaren 8 Thoren in der Ringmauer 
der Stadt entsprachen ebensoviele Strassen, durch welche der 
Verkehr der Stadt nach allen Richtungen der Windrose hin ver- 
mittelt wurde. Zwei derselben führten in östlicher und nord- 
östlicher Richtung die eine durch das Argon Pedion, die andere 
über Melangeia nach den mehrfach erwähnten beiden argivischen 
Pässen; zwei giengen nordwärts über das Anchisiagebirge nach 
der Ebene von Orchomenos und zwar die eine etwas östlichere 
am Stadion des Ladas, einem Heiligtum der Artemis, einem als 
Grab der Penelope bezeichneten Erdhügel, den Ruinen der alten 
Stadt und einer Quelle Alalkomeneia vorüber nach dem Flecken 
Mära (vgl. oben S. 208), die westlichere direct nach dem Grabe 
des Anchises (vgl. S. 207).^) Von den beiden westlichen Thoren 
giengen zwei Strassen aus, die eine mehr gegen Norden durch den 
Einschnitt in der Mitte des in die Ebene hereintretenden west- 
licheren Rergzuges (bei dem jetzigen Dorfe Simiades), die an- 
dere etwas weiter südlich um das südliche Ende dieses Rergzuges 
herum (bei dem jetzigen Dorfe Kapsa) nach der Ebene Alkimedon 
(vgl. oben S. 207), wo beide zusammentrafen und die Heerslrasse 
nach Methydrion bildeten, welche über das Ostrakinagebirge (wo 
man die Grotte, in der Alkimedon gewohnt haben sollte und eine 



') S. R088 Reisen im Peloponnes S. 136. 
») Paus. c. 12, 5 ff. 



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4. Arkadien: Mantinike. 215 

Qaelle Kissa^ die Häherquelle, zeigte) nach dem Gränzorte zwi- 
schen den Gebieten von Mantineia und Megalepolis, Petrosaka, 
führte.^) Gegen Süden endlich liefen einander ziemlich parallel 
zwei Strassen nach dem tegeatischen Gebiete, beide den IV2 
Stunden südlich von der Stadt, also in dem Passe durch welchen 
man aus der mantineischen in die tegeatische Ebene eintritt, 
gelegenen Eichwald Pelagos durchschneidend: die westlichere, 
die Strasse nach Pallantion, berührte kurz vor jenem Walde das 
durch eine Säule und einen Schild mit dem Zeichen einer Schlange 
darauf bezeichnete Grab des Epameinondas, das auf derselben 
Stelle, auf welcher der Held sein Leben beschlossen hatte — 
einem Vorsprunge des mänalischen Gebirges gegen die manti- 
neische Ebene hin, der sogenannten Skope (Warte) — errichtet 
war, und einen nur wenige Minuten davon gelegenen Tempel des 
Zeus Charmon.2) d\q tegeatische Strasse endlich, welche, wohl 
als die wichtigste Verkehrsstrasse, den Namen Xenis führte,"^) 
gieng von dem östlicheren Thore der südlichen Ringmauer aus 
an dem Hippodrom und dem an den westlichen Fuss des Alesion 
sich aulehnenden Stadion vorüber nach dem 7 Stadien von der 
Stadt am südlichen Fusse des Alesion gelegenen Tempel des Po- 
seidon Hippios, dem ältesten und ehrwürdigsten aller mantinei- 
schen Heiligthümer, der von Agamedes und Trophonios aus Balken 
von Eichenholz, ohne Thüre, nur mit einem rothen Wollenfaden 
als Verschluss des Eingangs, errichtet sein sollte, später von einer 
Schaar Aetoler unter Führung des Polykritos geplündert, endlich 
von Hadrian unter ängstlicher Schonung der Reste des alten 
Baues erneuert wurde. '') In unmittelbarer Nähe des Heiligthums 



*) Paus. c. 12, 2 ff., der von den beiden durch die Thore indicirten 
westlichen Strassen wohl nur die südlichere als die bedeutendere ver- 
folgt hat und daher die andere gar nicht erwähnt. Vgl. Bteph. Byz. n. 
IIsxQOcdxa, » 

«) Paus. c. 11, 5; 8; c 12, 1. 

') Polyb. XI, 11, wo deutlich drei ebensoviel Thoren entsprechende 
Strassen unterschieden werden: tj ig x6 TlocBiSmvoq isgov tpSQOvaa 
(weiterhin 1} 696g ^ Jfi»lg) d. i. die tegeatische, ^ s^^g a>g ngog rag 
Svaeig d. i. die pallantische , und rj ixofiivrj d. i. die (südlichere) man- 
thyreische. Die Bezeichnung a odbg a ^svlg findet sich auch auf einer 
Inschr. aus Alaesa in Sicilien: C. I. gr. n. 5694, 15. 

<) Polyb. IX, 8 (vgl. XI, 11 u. 14); c. 34; Paus. c. 10, 1 f., wo statt 
ov nffocoi cxaSCov entweder mit Schäfer (Demosthenes III, 2, S. 12 f.) 

15* 



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216 II. Peloponuesos. 

stand ein steinernes Siegesdenkmal zur Erinnerung an einen 
Sieg, welchen ein Heer des achaisclien Bundes (zu dem damals 
Mantineia gehörte) über die von König Agis IV. geführten Lake- 
dämonier gewonnen hatte.^) Von dem Heiligthume aus führte eine 
gegen 25 Stadien lange Seitenstrasse, an der man die Gräber 
der Töchter des Pelias zeigte, in südöstlicher Richtung nach einem 
noch zum Gebiete von Mantineia gehörigen Orte Phoizoo, wo 
ein Hügel mit rundem steinernen Unterbau, angeblich das Grab- 
mal des mythischen Königs Areithoos, *des Keulenschwingers', 
stand. Auf der Hauptstrasse bezeichnete ein runder Altar die 
TegeatiB. Gränze zwischen der Mantinike und der Tegeatis,^) welche die 
Hochebene von Tripolitza (vgl. S. 207) nebst dem dieselbe im 
Süden begranzenden Berglande, dem Quellgebiet des Alpheios 
(vgl. S. 187), umfasste. Wie die Mantinike so war auch die Te- 
geatis in der ältesten Zeit ohne städtischen Mittelpunkt, in eine 
Anzahl Gaue getheilt, die wohl hauptsächlich durch ein religiöses 
Band, den Cult der Athene Alea in einem gemeinsamen, unge- 
fähr in der Mitte der dorfartigen Ansiedelungen gelegenen Hei- 
ligthume, zusammengehalten wurden. Die Namen dieser Gaue 
waren nach Pausanias (c. 45, 1) folgende: Gareatae, die An- 
wohner des in einem östlichen Seiteulhal der Ebene, durch wel- 
ches die Strasse nach der Thyreatis führte, entspringenden Baches 
Garatis oder Gareatis (vgl. Paus. c. 54, 4); Phylakeis, die Be- 
wohner des Berglandes oberhalb der Ebene, an den Quellen des 
Alpheios, wo noch später eine Gränzfestung gegen Lakonien Na- 
mens Phylake stand (Paus. c. 54, 1); Karyatae und Oiatae, 
die Bewohner der südlich von da gelegenen, später von Sparta 
annectirten Landschaft Skiritis;^) Korytheis, die nördlichen 

ov nQoaca g' atadiatVy oder ov Tcgoaco intaatad^ov zu schreiben ist. *EkI 
CsQiog ta Tloatdävog als Präscnpi in Inschriften: Bulletin de T^cole 
fran^aise d'Athenes n. 1 (Juli 1868) p. 8 s.; Ross Inscr. gr. in. I, n. 9; 
Yischer £pigraphische u. archäologische Beiträge ans Griechenland S. 38. 

*J Paus. c. 10, ö ff., der freilich ganz irrig (vielleicht aus Verwech- 
selung mit Agis III.) den König in dieser Schlacht seinen Tod finden 
lässt: vgl. Schömann Prolegg. ad Plutarch. Agid. et Oleom, p. XXXIQ; 
Plass Die Tyrannis bei den Griechen II, S. 163 ff. 

») Paus, c U, 1 ff.: vgl. Curtins Pelop. I, S. 246 f. 

3) Vgl. oben S. 118, dazu Steph. Byz. Olog, noXC%viov Tsydag. 
AiaxvXos MvaoCg, womach aber keineswegs, wie dies Curtius (Pel. II, 
S. 322) für Earyä zu thun scheint, ein zweites Oion in der Tegeatis 



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4. Arkadien: Tegealis. 217 

Nachbarn der Gareaten, Bewohner des grössern östlichen Seiten- 
thals am Fusse des Parthenion, durch welches die flauptstrasse 
von Tegea nach Argos führte;^) die Manthyreis (oder Man- 
thureis), die Bewohner des jetzt grossen Theils von Wasser, 
unter welchem man noch deutlich einen mächtigen alten Stein- 
damm, das sogenannte Choma, wahrnimmt, bedeckten südöst- 
lichen Winkels der Ebene am östlichen Fusse des Boreion, wo 
sich noch- grosse Steinhaufen von der alten Ortschaft Manthyrea 
und in einer benachbarten Capelle der Panagia Fragmente ca- 
nelirter Säulen von 16 Zoll Durchmesser, Stöcke von dünneren 
glatten Säulen, das Fragment eines dorischen Capitäls und an- 
dere Architekturstücke, wahrscheinlich von dem Tempel der 
Athene Hippia, finden;^) die Potachidä (oder Botachidä)'), 
Echeuetheis und Apheidantes (letzlerer nach Pausanias' erst 
unter König Apheidas zu den acht älteren Gauen hinzugekommen), 
deren wahrscheinlich in der Mitte und im nördlichen Theile der 
Ebene gelegene Wohnsitze nicht näher zu bestimmen sind. Die 
hartnäckigen und langwierigen Kämpfe, welche die Tegeaten nach 
der Eroberung Lakoniens durch die Dorier gegen diese begehr- 
lichen Gränznachbarn zu führen hatten, Kämpfe welche den Te- 
geaten ein Stuck ihres Gebietes kosteten, endlich aber durch 
einen denselben ihre Unabhängigkeit und eine bevorzugte Stel- 
lung in der spartanischen Symmachie sichernden Friedens- und 
Freundschaf tsvertrag, der auf einem am Alpheios aufgestellten 



neben dem lakonischen anzunehmen ist: Aeschylos hatte, den Verhält- 
nissen vor der dorischen Wanderung gemäss, das später lakonische Oion 
als zur Tegeatis gehörig bezeichnet. 

') Dies zeigt die Erwähnung eines in einem Eichenhain gelegenen 
Tempels der Demeter iv Ko(^v^6vat in dieser Gegend bei Paus. o. 54, 5. 

*) Paus. c. 44, 7; c 47, 1; Steph. Byz. u. Mav^vgsa; vgl. Conze u. 
Michaelis Annali XXXIII, p. 32. Ich fand ausser den im Texte erwähn- 
ten Bruchstücken in der Capelle der Panagia weder in der Ebene noch 
auf den Anhöhen antike Reste, sondern nur auf einer schroff ansteigen- 
den Felskuppe } der höchsten Spitze eines etwa ^ Stunde westlich von 
Kapareli gelegenen ansehnlichen Berges, die Ruine eines mittelalterlichen 
Thurmes, dessen unterste, unmittelbar auf dem FeUboden ruhende Stein-' 
läge antik ist: dies sind wohl die 'Ruines hell^niques ', von denen die 
Bewohner Pouillon Boblaje (s. Reoherches p. 145) berichteten. 

•) Steph. Byz. u. Bonax^dai, — Die Zahl von 9 Demen giebt auch 
Strab. Vin, p. 337. 



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218 II. PelopoDoesos. 

Pfeiler eingegraben war, beendigt wurden,^) gaben ohne Zweifel 
Veranlassung, dass durch einen dem mythischen König Aleos zu- 
geschriebenen Synoikismos der Bewohner der neun Gaue eine 
Stadt gegründet wurde, die schon durch ihren Namen Tegea, 
d.i. ^die Schutzende, Deckende'^) ihre Bestimmung, als Schutz- 
webr des ganzen Cantons zu dienen, aussprach. Zu ihrer An- 
lage wählte man einige zu einer Kette, die sich vom Mänalos 
nach einem südwestlichen Vorsprunge des Parthenion hinzieht, 
gehörige Hügel, unter denen der nördlichste, auf welchem jetzt 
das Dörfchen Hagios Sostis liegt, der höchste ist und eine schöne 
Aussicht über die ganze Ebene gewährL Obgleich sich auf dem- 
selben noch keine Spuren antiker Mauern, sondern nur zahlreiche 
Bruchstücke von TerracottaOguren und Thongefässen sowie einige 
kleine Bronzeflguren gefunden haben, ^) so kann es doch nach 
der ganzen Beschaffenheit des Terrains nicht zweifelhaft sein, 
dass c^erselbe in die Bingmauer der Stadt eingeschlossen war, 
die sich von hier gegen Süden bis an die Stelle des 20 Minuten 
von H. Sostis entfernten Dorfes Piali erstreckte, dessen dem 
heiligen Nikolaos geweihte Kirche auf den Grundmauern des 
Tempels der Athene Alea steht, welcher, da der von Süden her 
die Stadt betretende Pausanias ihn zuerst unter allen Bauwerken 
derselben erwähnt, in dem südlichsten der vier zugleich als 
Phylen geltenden Stadtquartiere, in welche die ganze offenbar 
sehr umfangreiche Stadt getheilt war, der nach eben diesem 
Tempel benannten Athaneatis,^) gelegen haben muss. Der 



») Herod. IX, 28; Flut. Q. gr, 6. 

') Tsyia hängt ohne Zweifel mit ctiyTj^ ctiyog, ittiycoy lat. tego 
zusammen. 

») Vgl. 'jQxai'Oloyinii iqffiftrB(fist Ueg. ß', hos a (1862), tevxog d', 
p. 241 SS.; Pervanoglu in den Memorie deU* instituto Vol. II, p. 72 ss. 

*) Paus. c. 53, 6, wo die vier Phylen KXoiqsöiztg , ^I»vo9-oitig, 
'AnoXlanfiatig und 'Ad'avBcctig genannt werden; vgl. die Inschrift C. I. 
gr. n. 1613 (genauer bei Leake Morea Vol. III, Inscr. N. 1 zu 
Vol. I, p. 89 und bei Bröndsted Graeske og Latinske Indskrifter af 
J. L. Ussing, Kopenhagen 1864, S. 26, N. 7), wo wir folgende Bezeich- 
nungen finden: 'En' *A%avaCav {noXtzat und /Lt^TOixot), Kqaqimzai, 
*Ifnto9^otxai und 'AnoXXmviazai. Sonstige Inschriften aus Tegea s. C. I. 
gr. n. 1511 SS.; Ross Inscr. g. ined. I, n. 1—7; Archäolog. Intelligenz- 
blatt der allgem. Litteraturzeitg. 1838, S. 43 f.; Bergk Commentatio de 
titulo Arcadico (Ind. schol. Hai. 1860/61) » A. Michaelis Jahrb. f. Philol. 
Bd. 83, S. 585 flf.; 'Aqx. ifprjfik, Usq. ß\ r. 13 (1869), n. 410. 



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4. Arkadien: Tegealis. 219 

uralle Tempel, dessen Gründung dem mythischen Könige Aleos 
zugeschrieben wurde, brannte Ol. 95, 2 ab, worauf die offenbar 
sehr wohlhabende Stadt durch Skopas von Faros einen Neubau 
errichten liess, der an Grösse wie Schönheit der Ausfuhr ung alle 
übrigen peloponnesischen Tempel übertraf: einen ionischen Pe- 
ripteros, wahrscheinlich mit 8x17 Säulen, mit einer doppelten, 
unten dorischen, oben korinthischen Säulenstellung im Innern 
der Cella, und mit (igurenreichen Statuengruppen in den Giebel- 
feldern ; an der Ostfronte war die Jagd des Kalydonischen Ebers 
(dessen Hauer als ehrwürdige Reliquien im Tempel gezeigt, aber 
Ton Augustus sammt dem alten, von Endoios aus Elfenbein ge- 
arbeiteten Cultbilde nach Rom entfährt wurden), an der West- 
fronte der Kampf des Telephos (des tegeatischen Nationalhelden) 
gegen Achilles am Kaikos in Mysien dargestellt.*) In der Nähe 
des Tempels, der ausser zahlreichen, theils durch Guriosität, 
theils durch Kunstwerth bemerkenswerthen Weihgeschenken auch 
Statuen des Asklepios und der Hygieia aus Pentelischem Marmor 
von der Hand des Skopas enthielt, befand sich das bloss durch 
Erdaufschüttung gebildete Stadion, in welchem der Agon der 
Aleäa zu Ehren der Athene und der der Ilalotia zum Gedächt- 
niss des siegreichen Kampfes der Tegeaten gegen die Lakedä- 
monier, in welchem viele der letzteren zu Gefangenen gemacht 
worden waren (um 600 v. Chr.), gefeiert wurden. 2) Nördlich 
vom Tempel zeigte man den Brunnen, an welchem Herakles der 
Priesterin Auge Gewalt angethan haben sollte; 3 Stadien weiter 
(gegen Norden oder Nordosten) stand ein Tempel des Hermes 
Aepytos.^) 

Nach dieser Gruppe von Baulichkeiten erwähnt Pausanias 



Paus. c. 45, 4 ff.; vgl. Leake Morea I, p. 91 s.; Ross Reisen 
S. 67 ff.; Ulrichs Skopas Leben und Werke S. 9 ff. und meinen Artikel 
^Griechische Kunst* in der Allgem. Encyclop. S. I, Bd. 82, S. 450. 
Ich fand in der Kirche, deren Fnssboden ganz mit grossen alten Marmor- 
stücken belegt ist, 2 Marmorplatten von etwa lV2^^ter Höhe u. 2 Meter 
Breite, auf denen je ein Rad im Relief dargestellt ist. 

') Paus. c. 47, 4: die 'AXsata werden auch in den SchoL Pind. Olymp. 
VII, 153 und öfter in den Inschriften erwähnt. 

') Paus. a. a. O.: ACnvtog als Beiname des Hermes könnte nur durch 
eine Identificirung des Gottes mit dem alten Landesheros Aepjtos, dem 
Sohne des Elatos erklärt werden; doch ist vielleicht Alyvxov (von der 
Landschaft Aegytis) zu lesen. Nahe bei der Kirche bemerkte ich einen 



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220 II. Peloponnesos. 

(c. 47, 5 f.) zunächst das Heiligtbum der Athene Polias, das nur 
einmal jährlich von dem Priester der Göttin betreten werden 
durfte, und das der Artemis Hegemone, sodann die Agora, einen 
geräumigen Platz von länglicb-viereckter Form mit verschiedenen 
Heiligthümern, Altären, Heroengräbern und anderen Denkmälern, 
und in der Nähe derselben das Theater: ein Theil des Unter- 
baues der gegen Nordwesten geöffneten Cavea desselben ist noch 
erhalten in den Fundamenten des Chors einer grossen zerstörten 
Kirche, in welcher man sehr viele antike Marmorstücke (darunter 
auch das Stück einer canelirten Säule) findet, der etwa 20 Hi- 
nuten nordöstlich von Piali gelegenen sogenannten Paläa-Epis- 
kopi;^) also haben wir die Agora südwestlich von hier, noch 
weiter südlich, d. h. gegen Piali hin die Heiligthümer der Athene 
Polias und der Artemis Hegemone zu suchen. Dieser Theil der 
Stadt bildete wahrscheinlich das Quartier Hippothoitis (vgl. S. 218, 
Anm. 4). Nördlich oder nordwestlich vom Theater stand ein 
Tempel der Demeter und Kora, die unter dem Beinamen der 
fruchtbringenden Göttinnen {KaQnoq)6Qov) verehrt wurden, ein 
Heiligthum der Aphrodite Paphia, zwei Heiligthümer des Dionysos, 
ein Altar der Kora und ein Tempel des ApoUon mit einem von 
Cheirisophos geschnitzten vergoldeten Holzbilde des Gottes, neben 
welchem Cheirisophos sein eigenes Bild aus Stein aufgestellt 
hatte :^) also haben wir hier jedenfalls das Stadtviertel Apollo- 
niatis anzusetzen. Den nordwestlichsten Theil endlich des gan- 
zen Stadtraumes y d. h. den Hügel von Hagios Sostis und die 
Niederung am südlichen Fusse desselben, nahm das Stadtvierlei 
Krariotis (oder Kiareotis) ein ; denn die obere Fläche des Hügels, 
auf welcher eine grosse Anzahl von Altären standen (also eine 
xoi^voßcD^ia nach antikem Ausdruck) war dem Zeus Klarios ge- 
weiht; am Fusse des Hügels stand neben einem Bilde des Hera- 



Brunnen, der nach der Angabe der Dorfbewohner in einer Tiefe von 
3 Metern eine Marmor fassung haben soll. 

<) S. Ross Reisen im Peloponnes S. 68. Der Bau des von Paus. c. 
49, 1 nur kurz erwähnten Theaters scheint nach Liv. XLI, 20 erst von 
Antiochos lY Epiphanes, um 176 v. Chr., begonnen worden zu sein. 

») Paus. c. 53, 7 f.: die Tier ebds. § 1 ff. erwähnten Bilder des 
ApoUon Agyieus, welche von den 4 Phylen errichtet waren, standen 
schwerlich unmittelbar neben einander, sondern bezeichneten wohl die 
Gränzen der vier Stadtquartiere. 



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4. Arkadien: Tegeatis. 221 

kies der * gemeinsame Heerd der Arkader '.^) Ob auch die von 
Pausanias nur beiläufig unter dem Namen des ^Wachthügels' 
{q)vXaxtQis) erwähnte Akropolis der Stadt ^) auf dem Hügel von 
H. Sostis oder auf einer der anderen auf dem alten Stadtraume 
sich erhebenden Anhöhen zu suchen ist, lässt sich nicht mit 
Sicherheit bestimmen. 

Die Zerstörung der alten Stadt, deren weitläufige, vielleicht, 
wie in Mantineia, nur in ihren Fundamenten aus Quadern, in 
den oberen Theilen aus Lehmziegeln erbaute Ringmauern jeden- 
falls schon im spätem Alterthum verfallen waren, scheint durch 
den Einbruch slavischer Völker im 8. Jahrhundert unserer Zeit- 
rechnung herbeigeführt worden zu sein; aber in Folge der Wie- 
derherstellung der Byzantinischen Herrschaft &ber die Halbinsel 
und der Bekehrung der Slaven zum Christenthum wurde auf 
einem Theile des alten Stadtraums aus den Trünunern der alten 
Stadt eine neue Ortschaft, zu Ehren des heiligen, Nikolaos Nikli 
genannt, erbaut, von welcher jetzt die Paläa-Episkopi der einzige 
Ueberrest ist. In der neueren Zeit erstand ungeßhr eine Stunde 
nordwestlich von der Stätte des alten Tegea, dessen Trümmer 
als Steinbruch dafür ausgebeutet wurden, die Stadt Tripolitza,^) 
im vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts eine der blühend- 
sten Städte des Peloponnes; jetzt unter dem officiellen Namen 
Tripolis Hauptstadt des Kreises (Nomos) Arkadia und Sitz eines 
Gymnasions; auf dem alten Stadtraume sind ausser den schon 
genannten, Hagios Sostis und Piali, noch zwei andere Dörfer: 
Ibrahim Effendi (zwischen H. Sostis und Piali) und Achuria (zwi- 
schen Piali und der Paläa-Episkopi) , in welch letzterem eine An- 
zahl meist fragmentirter Sculpturen aus dem alten Tegea zusam- 
mengebracht sind, ^)^ erbaut. 

*) Paus. c. 63, 9. 

*) Paus. c. 48, 4. Die a%Qa der Stadt erwähnt Polyb. V, 17. Auf 
derselben befand sich vielleicht das von Xenoph. Hell. VII, 4, 36 er- 
wähnte Gefäng^iss (dsafKoti^Qiov)^ von welchem die ^rj^oaia olmla 
(Prytaneion? Qerichtslocal?) unterschieden wird. 

') Vielleicht liegt (wie auch Ross Reisen im Pelop. S. 121 annimmt) 
in dem Namen eine Erinnerung an die drei alten Städte Hantineia, Te- 
gea und Pallantion. 

<) Vgl. meine Notiaen im archäolog. Anzeiger XII (1854) S. 478 f.; 
Vischer Epigraphische und archäologischa Beiträge aus Griechenland 
8. 39 f.; Conze u. Michaelis Annali XXXIII, p. 30 s. 



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222 II. Peloponnesos. 

Die bis auf die letzten Spuren verscbwundene Ringmauer 
der alten Stadt muss wenigstens 6 Thore, denen eben so viele 
Strassen entspracben, gebabt haben: eins an der Nordseite, aus 
welcbem die Strasse nacb dem Eicbwald Pelagos und weiterbin 
nach Mantineia führte;') zwei an der Ostseite: ein nördlicheres, 
von welcbem die über das Partheniongebirge zunächst nach Hysiä 
führende Hauptstrasse nach Argos, und ein südlicheres, von wel- 
chem der directe Weg nach der Thyreatis ausging; eins an der 
Südseite, der Ausgangspunkt der Strasse nach Lakonien^ dessen 
Gränze gegen die Tegeatis durch den obersten Lauf des Alpheios 
bezeichnet wurde ; ^ endlich eins an der Südwestseite, von welchem 
aus eine Strasse nach dem die Gränze zwischen den Stadtgebieten 
von Tegea, Pallantion und Hegalepolis bildenden ^Damm' (Choma)^) 
führte. An den meisten dieser Strassen standen innerhalb des 
tegeatischen Gebiets vereinzelte Heillgtbümer: an der argivischen 
ein Tempel des Asklepios, dann» einige Minuten nördlich von 
der Strasse, ein zu Pausanias Zeit in Trümmern liegendes Hei- 
ligthum des Pythischen Apollon; weiterhin durchschnitt die 
Strasse einen heiligen Eichenhain der Demeter im Gau der Rory- 
theer, in dessen Nähe noch ein Heiligthum des Dionysos Mystes 
lag, und erstieg das Parlbenion, an dessen westlichen Abhängen, 
noch diesseits der argivischen Gränze, man den durch ein Te- 
menos des Telephos bezeichneten Platz , wo dieser als ausgesetztes 
Kind von einer Hindin gesäugt worden, und bei einem Heilig- 
thum des Pan die Stelle zeigte, wo dieser Gott dem von den 
Athenern kurz vor der Schlacht bei Marathon nach Sparta ge- 
sandten Gouiier Pheidippides erschienen sein sollte.^) Ein Hei- 
ligthum desselben Gottes, von einer ihm geweihten Eiche beschattet, 
lag an der nach der Thyreatis führenden Strasse , 10 Stadien jen- 
seits des Baches Garates; in der Nähe der Stadt zeigte man an 
derselben Strasse das Grab des Orestes, dessen Gebeine die Spar- 



<) Xen. Hellen. VI, 5, 8: vgl, oben S. 215. 

') Paus. c. 54, 1; vgl. oben S. 187. 

3) Paus. c. 44, 5; vgl. oben S. 217. Das nach Pallantion führende 
Thor erwähnt Xen. Hell. VI, 5, 9. 

*) Paus. c. 54, 5 f.; vgl. Herod. VI, 105. Von dem Heiligthame des 
Pan stammen wahrscheinlich die von Ross (Reisen im Pelop. S. 148) in 
einer Schlucht an der Südseite der Ruinen des bysantin. Kastells Paläo- 
Muchli gefundenen Gesimsstücke aus weissem Marmor. 



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4. Arkadien: Tegeatis. 223 

laner den Tegeaten auf trügerische Weise entfuhrt hatten.^) An 
der Strasse nach Lakonien sah man nur 2 Stadien von der Stadt- 
mauer zur Linken zur Zeit des Pausanias Altäre des Pan und 
des Zeus Lykäos nebst den Fundamenten der dazu gehörigen 
Heiligthümer, 7 Stadien weiter ein Heiiigthum der Artemis Lim- 
natis mit einem im äginetischen Styl gearbeiteten Cultbilde aus 
Ebenholz und wieder 10 Stadien weiter Trümmer eines Tempels 
der Artemis Knakeatis.^) An der Strasse nach dem Choma end- 
lich traf man nahe bei der Stadt das Grabmal der Leukone, der 
Tochter des Apheidas, nach welcher eine bei dem jetzigen Dorfe 
Kerasitza (etwa 20 Hinuten westlich von Piali) entspringende 
Quelle benannt ward; ungefähr eine halbe Stunde weiter erbebt 
sich südlich von der Strasse ein massiger, isoliter Hügel aus 
dem manthyreischen Gefilde, jetzt nebst einem darauf liegendeu 
Dörfchen Bunö, von den Alten Kresion genannt, welcher ein 
Heiiigthum des Aphneios, d. h. des als Fruchtbarkeit spendender 
Gott aufgefassten Ares trug.^) 

Das vom östlichen Fuss des Boreion bis zu einigen aus der 
Ebene (in der Gegend des jetzigen Dorfes Birbati) aufsteigenden 
Hügeln reichende Choma trennte das noch zum Gebiete von Tegea 
gehörige manthyreische Gefilde von einem nordwestlich davon 
gelegenen Winkel der Ebene, der das Gebiet einer Stadt bildete, 
deren mythischer Ruhm ihr in den Spätzeiten des Alterthums 
eine wenigstens äusserlich glänzende Stellung verschafft hat: Pal- 
lantions, einer Gründung des Pallas, Sohnes des Lykaon, der 
Heimath des Euandros und daher, als die Sage von der Ein- 
wanderung des letzteren in Latium und seiner Ansiedelung am 
Palalinischen Berge bei den Römern allgemeine Verbreitung ge- 
funden hatte, nach römischer Anschauung der Hutterstadt Roms. 
Nachdem dieselbe den grössten Theil ihrer Bewohner zur Grün- 
dung von Megalepolis hatte abgeben müssen und in Folge dessen 

^) Paus. c. 64, 4; vgl. Herod. I, 67 f., aus welcher Stelle Paus, 
schwerlich mit Recht folgert, dass das Grab in alter Zeit innerhalb des 
Thores gewesen sein müsse, während die Schmiede, in deren Hof es 
nach Herodot gefunden wurde, ebensogut ausserhalb des Thores , im 
Ghiue der Qareatae', gestanden haben kann. 

*) Paus. c. 63, 11. Der Tempel der Knakeatis ist wahrscheinlich 
zu Terstehen bei Xen. Hellen. VI, 6, 9. 

') Paus. c. 44, 7 f.; vgl. Ross Reisen im Pelop. S. 59. 



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224 II. Peloponnesos. 

allmälig zu einem unbedeutenden Dorfe herabgesunken war, wurde 
sie von Antoninus Pius wieder zu einer Stadt mit selbständigem 
Gebiet erhoben und mit dem Rechte der Abgabenfreiheit be- 
schenkt. Doch vermochte dieser äusserliche Glanz, wie es scheint, 
den Verfall der Stadt nicht aufzuhalten, denn Pausanias fand auf 
dem Rücken des von Westen her in die Ebene vortretenden 
Hügels, welchen in älterer Zeit die Akropolis eingenommen hatte, 
nur noch ein Heiligthum der 'reinen Götter' , in welchem beson- 
ders wichtige Eidschwüre geleistet wurden, vor, dessen Grund- 
mauern noch jetzt sichtbar sind, und in der unteren Stadt — 
welche, wie die fast nur aus Steinhaufen, Ziegeistücken und 
Scherben bestehenden Trümmer zeigen, die Abhänge des Hügels 
und ein Stück der Ebene am nördlichen und östlichen Fusse des- 
selben einnahm — schienen ihm nur ein Tempel mit Statuen 
des Pallas und Euandros, ein Heiligthum der Kora und eine 
Statue des Polybios der Erwähnung werth^). 

Nachdem wir so das östliche Arkadien von Norden nach 
Süden durchwandert haben, steigen wir auf einem schmalen Passe 
über den Rücken des Boreion, wo man bis zum Jahre 1837 auf 
dem höchsten Punkte des Wegs in einer natürlichen OefTnung 
zwischen den Felsen Säulentrommeln und andere Architektur- 
stücke aus weissem Marmor, sowie die Fundamente von einem 
der Sage nach von Odysseus der Athene Soteira und dem Poseidon 
errichteten ^Tempel vorfand,^) nach dem südlichsten Theile des 
mittleren Arkadiens hinüber, dessen Hittelpunkt eine geräumige 
und fruchtbare, vom Alpheios durchflossene Ebene ausmacht, 
dessen zahlreiche hauptsächlich von Nordosten und von Süden 
her kommende Nebenflüsse ebensoviele Engthäler in den die 
Ebene umrahmenden Gebirgen bilden. Dieses ganze Gebiet war 
bis ins 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im Besitz ein- 
zelner Stämme, die durchaus selbständig und unabhängig von 



1) Paus. c. 3, 1; c. 27, 3 u. 7; c. 43, 1 f.; c. 44, 6 f.: vgl, Xen. 
Hell. VII, 6, 5; Flut. Cleomen. 4; Arat. 36; Dionys. Hai. A. r. 1, 31 8. ; Liv. 
XLV, 28; PUn. N. h. IV, 6, 20; Serv. ad Verg. Aen. VIII, 61; Steph. 
Byz. u. llaXXcivtiOv: über die Lage u. Reste der Stadt Ross Reisen im 
Pelop. S. 62 f. 

') Paus, c 44, 4; vgl. Leake Morea IH, p. 34; Ross Reisen im 
Pelop. S. 63 £ 



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4. Arkadien: Tegeatis. 225 

einander, ohne einen politischen Mittelpunkt» in zahlreichen 
kleinen Ortschaften» deren Gründung zum Theii bis ins höchste 
Alterthum zurückreichte^ die aber trotz ihrer Befestigungen durch- 
gängig einen mehr dörflichen als städtischen Charakter trugen, 
zerstreut wohnten, fast ausschliesslich mit Ackerbau, Viehzucht 
und Jagd beschäftigt, von Künsten nur die Gymnastik eifrig be- 
treibend ; wem die kleinen und ärmlichen Verhältnisse der Hei- 
math nicht genügten , der ging in auswärtige Kriegsdienste, wobei 
es wohl mancher, wie der Mänalier Phormis am Hofe des Gelon 
und Hieron, zu hohen Ehren und grossem Reichthum brachte. 
In politischer Beziehung herrschte wahrscheinlich eine ähnliche 
Mischung von reiner Demokratie und patriarchalischer Aristo- 
kratie, wie wir sie in den schweizerischen Urkantonen finden. 
Die volkreichsten dieser Stämme waren der der Mänalier, 
welcher die östliche Hälfte der Ebene und das östlich und nord- 
östlich davon gelegene Bergland bis zum Mänalos, der die Gränze 
ihres Gebiets gegen Mantineia bezeichnete, inne hatte, ^) und 
der der Parrhasier, welcher den westlicheren und südlichsten 
Theil der Ebene, das im Westen sie abschliessende Hochgebirge 
Lykäon und das im Südwesten sie umgebende niedrigere und offenere 
Bergland besass;^) zunächst südlich von letzteren sassen die 
Aegyten an beiden Abhängen des nördlichsten Theiles des Tay- 
geton, deren Gebiet zum Theil frühzeitig von den Spartanern 
erobert worden, zum Theil aber arkadisch geblieben, beziehendlich 
bei der Demüthigung Sparta's durch die Thebaner den Arkadern 
zurückgegeben worden war. ') Nördlich oberhalb der Ebene lagen 
ferner eine Anzahl kleine Ortschaften der Eutresier, welche 
sich von Norden her zwischen die Mänalier und Parrhasier ein- 



«) PauB. c 27, 8; vgl. c. 3, 4; c. 9, 4; Thukyd. V, 64; 67; 77; 
Stepb. Byz. u. MalvaXog, 

•) Pans. c. 27, 4; Thukyd. V, 33; Xenoph. Hellen. VH, 1, 28; Strab. 
Yllly p. 388; Steph. Byz. u. UaQQaaia. Münzen der Parrhasier: s. L. Müller 
Archäol. Zeit. XVI (1858) N. 114, S. 177. 

*) Paus. c. 27, 4; c 34, 5: an ersterer Stelle wird unter den Ort- 
schaften der arkadischen Alyvtai, die zur Gründung Ton Megalepolis 
beitragen mussten, Leuktron genannt, das auch Plut. Oleomen. 6 als 
XtoqCov rr}g MByciXonoXCxidoi erwähnt (vgl. Pelopid. 20), jährend dieselbe 
Ortschaft bei Thukyd. V, 64 u. Xen. Hell. VI, 5, 24 als zu Lakonien 
gehörig erscheint. 



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226 n. Peloponnesos. 

gedrängt hatten;^) westlich von den letzteren endlich zogen sich 
bis zur Gränze Triphyliens die Stidte der Rynuräer, in denen 
mr mit Sicherheit Slammgenossen der argivischen Kynurier er- 
kennen können» hin.^) Dem nur zeitweilig durch Uebergriffe 
mächtigerer Nachbarn, wie der Mantineer (vgl. oben S. 210), ge- 
störten ländlichen StiiUeben dieser Stämme wurde ein Ende ge- 
macht durch die Gründung von Hegalepolis') in der Mitte d^r 
Ebene, am Einfluss des Helisson, des bedeutendsten unter den 
Nebenflüssen des oberen Alpheios, in diesen, auf der Gränze der 
Gebiete der Mänalier und Parrhasier, zU welcher sämmtliche 
Ortschaften der genannten Stämme ihr Contingent an Bewohnern 
stellen mussten, eine Leistung, die für viele dieser Ortschaften 
völlige Verödung herbeiführte, während andere noch im 2. Jahr- 
hundert n. Chr. als Dorfschaften (xS(iat) von Megalepolis eine 
wenn auch nur kümmerliche Existenz fristeten. 

Unsere Wanderung durch die umfängliche, aber freilich 
ziemlich dünn bevölkerte Landschaft,^) welche seit Ol. 102, 2 
poHur das Gebiet von Megalepolis, die Hegalepolitis bildete, beginnen 
wir am westlichen Fusse des Boreion ^ von welchem sich in süd- 
westlicher Bichtuug bis zum Fusse des jetzt Tzimbaru genannten 
Berges, dessen antiken Namen wir nicht kennen, eine kleine 
Ebene (jetzt die Ebene von Frankobrysis genannt) hinzieht, welche 
mit mehr Recht als das Engthal des tegeatischen Sarantapotamos 
als das Quellgebiet des Alpheios betrachtet werden kann (vgl. 
oben S.187). Diese Ebene war im Aiterthum das Gebiet von Asea, 
einer Stadt der Mänalier , die ihre Gründung auf einen Sohn des 
Lykaon, Aseatas, zurückführte und auch nach der Gründung von 
Megalepolis, zu welcher sie beigetragen hatte, noch eine Zeit lang 
als selbständige Stadt, dann als Kome der Megalepolitis fortbe- 



') Paus. c. 27, 3; vgl. Xen. Hellen. VII, 1, 29; Hesych. u. Evt^j?- 
Tovg; Steph. Byz. u. EvtQTjatg; Etym. M. p. 399, 18. 

«) Paus. c. 27, 4. 

8) Vgl. oben S. 193. 

*) Die grösste Länge der Megalepolitis von Süd nach Nord beträgt 
etwas über 12 Meilen, die freilich an verschiedenen Stellen sehr ver- 
schiedene Breite durchschnittlich etwa 4 Meilen. Da die Gtesammtzahl 
der waffenfähigen Mannschaft, mit Einschluss der angesiedelten Fremden 
und Sclaven, inj Jahre 318 v. Chr. nur 16,000 Mann betrug (Diodor. 
XVIir, 70), so wird man die Gesammtzahl der Bevölkerung nicht höher 
als auf 60—70,000 Seelen veranschlagen können. 



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4. Arkadien: Megalepolitls. 227 

stand, im 2. Jahrhundert nach Chr. aber bis auf einige Trümmer, 
wie sie sich noch jetzt auf dem flachen Röcken und unteren Ab- 
hängen eines niedrigen Hügels eine Viertelstunde südwestlich von 
der Hauptquelle des Alpheios (der Frankobrysis) , an welcher im 
Alterthum ein Heiligthum der Göttermutter stand , vorfinden, ver- 
schwunden war.') An der von hier nach Hegalepolis führenden 
Strasse lag 20 Stadien westlich von Asea ein Platz Athen§on 
(wahrscheinlich eine ehemals bewohnte Ortschaft oder ein Castell), 
welcher seinen Namen einem etwas nördlich abseits der Strasse 
stehenden Tempel der Athene verdankte, und weiter westlich 
eine ähnliche Oertlichkeit Aphrodision.^) Der nächste Ort an 
der Strasse war Hämoniä, zu Pausanias Zeit eine wüste Hark, 
die nur noch den Namen einer alten, der Sage nach von Hämon, 
einem Sohne des Lykaon, gegründeten Stadt bewahrt hatte, wäh- 
rend von einer andern alten Stadt, die ihre Gründung ebenfalls 
auf einen Lykaoniden zurückführte, dem südlich von der Strasse, 
wahrscheinlich am nordwestlichen Fusse des Tzimbaruberges, 
gelegenen Oresthasion (in kürzerer Naroensform Orestheion 
oder auch Oresteion genannt) ausser anderen Resten noch 
einige Säulen des Tempels der Artemis Hiereia übrig waren. ^ 
Westlich von Hämoniä, in unmittelbarer Nähe von Megalepolis, 
zeugte noch der Name Ladokeia von dem Vorhändensein einer 
alten Stadt.'*) 

*) PaoB. c. 3, 4; c. 27, 3 (wo *Jaiu für *Alia zu schreiben ist); c. 
.44, 8; Strab. VIII, p. 348; Xen. Hellen. VI, 5, 11; VU, 6, 6; Steph. 
Byz. n. *Aöia ; vgl. Leake Morea I, p. 83 s. and den Plan in den Annali 
XXXIir, tav. d'agg. P, 3. Münzen mit ACEATSIN AXAISIN: Eckhel 
Doctr. numm. 11, p. 232. 

«) Paus. c. 44, 2; Polyb. II, 46; IV, 87; c. 60; c. 81; die Bezeich- 
nung TO nsQl f^p Bilßivccv ^A^vaiov bei Plnt. Oleom. 4 scheint nnr eine 
Ungenauigkeit des Ausdrucks. 

3) Paus. c. 44, 1 f.; vgl. c. 3, 2; Steph. Byz. u. Aiiiov^a, ^OQsad'daiov 
u. ^Oqsgx^cc; Herod. IX, 11; Thukyd. IV, 134 (wo die ganze Gegend, bis 
zu der Stelle, auf welcher später Megalepolis gegründet wurde hin, als 
'OQsa^Cg bezeichnet wird); V, 64; Eurip. Orest. 1647 (vgl. Electra 1273 ff.); 
Tgl. Über die Bedeutung des Orestes in diesen Sagen meine Quaestiones 
Euboicae p. 29 s. Dass die alte Stadt nicht, wie Leake (Morea II, p. 
318 8.) annimmt, auf dem Gipfel des Tzimbaru, sondern in der Ebene 
lag, scheint mir daraus hervorzugehen, dass sie mehrfach als an einer 
grossen Heerstrasse gelegen erscheint 

*) Paus. c. 44, 1; Polyb. II, 51; 66; Thuk. IV, 134 (wo wohl Aao- 



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228 II. Peloponnesos. 

Die übrigen Ortschaften der Mänalier lagen särnrnüich in 
dem engen Tliale des Heiisson, der bei einer Ortschaft gleichen 
Namens am restlichen Abhang des Ostrakinaberges (bei dem 
jetzigen Alonistena) entspringt,^) und in dessen nächster Umgebung 
zerstreut zwischen Bergen, die von den Alten jedenfalls noch zum 
Mänalos in weiterem Sinne gerechnet wurden. Gieng man am 
linken Ufer des Flusses von der Ebene aus aufwärts, so kam 
man 35 Stadien von Megalepolis an die Stelle, einer alten Ort- 
schaft Paliskios; 20 Stadien ostwärts von da, über dem linken 
Ufer des Elaphos, eines in der Nähe von Paliskios in den 
Helisson mündenden Giessbaches, lag Perätheis mit einem 
Heiligthum des Pan, der Hauptgottheit der Hänalier.^) Ein an- 
derer Weg führte von Paliskios aus durch das Bett des Elaphos 
an der Westseite des jetzt Rhezeniko genannten Berges hin nach 
einer «im westlichen Fusse der Hauptkette des Mänalos sich hin- 
ziehenden Ebene, dem Maivdhov jcbSCov der Alten; über dem 
nördlichen Ende derselben liegt jetzt das Dorf Plana mit einem 
mittelalterlichen Castell, unterhalb dessen sich noch einige Spuren 
einer alten Ortschaft vorfinden ; östlich über der Ebene das Dorf 
Dabia, welchem gegenüber, auf dem rechten Ufer des Helisson, 
sich ein einzelner Felshügel erhebt, dessen flacher Gipfel mit 
Resten polygoner Mauern umgeben ist. Ob dies die Reste von 
Mänalos, der alten Hauptstadt der Mänalier, von welcher zu 
Pausanias Zeit noch Spuren eines Tempels der Athene, ein Sta- 
dion und ein Hippodrom übrig waren, oder von Dipäa, bei 
welcher Ortschaft Ol. 77, 4 eine Schlacht zwischen Lakedämo- 
niern und Arkadern geliefert wurde, sind, ist schwer zu ent- 
scheiden: trifft die erstere Annahme das Richtige, so werden 
wir Dipäa bei Plana anzusetzen haben. Südöstlich von Dabia^ 
am Fusse des Gebirges zwischen den Dörfern Karteroli und Za- 



äoKsCqt für AaodmCqt herzustellen ist); die ebds. genannte, sonst nur bei 
Plin. (N. h. IV, 6, 20: Bucolium) erwähnte Ortschaft BovmU<ov muss 
in einiger Entfernung östlich oder nordöstlich von Ladokeia gelegen 
haben. 

^) Paus. c. 30, 1; vgl. c. 3, 3. Sollte nicht diese Gegend die *EXi' 
C(paaC(ov %<»Q€c des Polyb. XI, 11 (vgl. oben S. 207, Anm. 3) sein, so dass 
diese nur einen Bruchtheil des Stammes der Mänalier bildeten? 

«} Paus. c. 36, 7; vgl. c. 3, 4 u. c. 27, 3 (wo IlaUcxtog für 'laöccia 
herzustellen ist). 



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4. Arkadien: Megalepolitis. 2^9 

rakova, scheint Lykoa mit einem Heüigthum der Artemis Lykoatis, 
südlich von Karteroli auf einem hohen Berggipfel, der eine kleine 
jetzt nach einem benachbarten Dorfe Paläa-Selimna genannte 
heUenische Ruine trägt, Sumetia (oder Sumation) gestanden 
zu haben ; der südöstlichste Winkel der Ebene endlich , aus wel- 
chem Wege nach dem nördlicheren und dem südlicheren Theil 
der Ebene von Tripolitza führen, scheint der von den Alten 'der 
Dreiweg* (Tglodot) genannte Platz zu sein, an welchem die von 
den Hantineern nach ihrer Stadt geschafften Gebeine des Arkas 
gefunden sein sollten.^) 

Im südlichsten Theil des mänalischen Gebietes, nahe der 
lakonischen Gränze, lag Eutäa, dessen theilweise verfallene 
Mauer König Agesilaos Ol. 97, 2 bei einer vorübergehenden Be- 
setzung der Stadt ausbessern Hess, das aber seit der Gründung 
von Megalepolis ganz verschollen ist.^) 

Nordwestlich vom Gebiet der Mänalier lag in einem engen 
Thale zwischen der Ostrakina und dem ihr parallelen westlicheren 
Bergzuge (dem Thaumasion Oros der Alten, jetzt Madara ge- 
nannt), recht eigentlich im Herzen Arkadiens, auf einem von 
zwei kleinen, nach Norden zu fliessenden Bächen, die sich bald 
zu einem vereinigen, dem Maloitas und Mylaon umflossenen 
Hügel die alte Stadt Methydrion, nach einer offenbar erst dann, 
als die einst selbständige Stadt in das Verh^ltniss der Unter- 
thänigkeit zu Orchomenos getreten war, enslandenen Sage von 
dem Lykaoniden Orchomenos gegründet, mit einem Tempel des 
Poseidon Hippios an dem östlicheren der beiden Bäche, dem 
Mylaon; auf dem ThauQiasion war in der Nähe des Gipfels eine 
der Rhea geweihte Grotte, in welche die einheimische Tradition 



Paus. c. 36, 7 (wo statt der jedenfalls verderbten Worte xax' 
Bvdv nivxn fi^y üxadCoig %aX di%a dictotiQOt tov notccfiov yielleicht zu 
schreiben ist %ax' evd'v nivts (i>hv üxadCoig %al nBvxr^novxa antoxigto 
xov TlaXiü^Cov); vgl. c. 3, 4; c. 27, 8; c. 30, 1; dazu Ross Reisen im 
Pelop. S. 117 ff.; über Dipäa und die dort gelieferte Schlacht Herod. IX, 
35; Isokrat. Archid. 99; Paus. III, 11, 7; Steph. Byz. u. dCnctia, Ver- 
schieden von dem mänalischen ist das von Polyb. XVI, 17 erwähnte 
Ljkoa, das wohl mit dem von Steph. Bjz. u. AvHciia aus TheoponTp 
angeführten Lykfta (bei Menelaos Ljkätha) identisch ist. 

*) Xen. Hellen. VI, 6, 12 u. 21; i^aus. c. 27, 3; Steph. Byz. u. 
E^xaia. 

BDBSIAN, QBOaB. H. IG 



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230 n. Peloponnesos. 

die Täuschung des Kronos durch seine Gattin vermideis des 
Steines, den sie ihm statt des Zeuskindes zu verschlingen gab, 
yerselzte. Dreissig Stadien nordöstlich von der seit der Grün- 
dung von Megalepolis zu einem ärmlichen Dorre herabgesunkenen 
Stadt, von der noch einige Reste der Ringmauern und ein Paar 
Säulen zwischen den Dörfern Neranitza und Vytina erhalten sind, 
entspringt die Quelle Nympbasia, von welcher der Punkt, wo 
die Gränzen der Gebiete von Megalepolis, Orchomenos und Raphyä 
zusammenstiessen, wiederum 30 Stadien entfernt ist.*) Südlich 
von Methydrion an der Strasse nach Megalepolis lag eine kleine 
Ortschaft Schoinus, bei welcher man die Rennbahn der Atalante 
zeigte, sodann eine kleine Ebene, die des Polos genannt; über 
derselben erhob sich das Phalanthongebirge (wahrscheinlich die 
ganze Gebirgsgruppe zwischen den Ortschaften Dimitzana und 
Stemnitza im Westen, Aionistena und Piana im Osten, deren jetzt 
mit verschiedenen Namen bezeichnete Gipfel sich bis zur Höhe 
von 1646, 1552 und 1546 Meter erheben) mit den Resten einer 
gleichnamigen Ortschaft; am östlichen Abhang desselben am Flusse 
Helisson lag (etwa in der Gegend des jetzigen Oertchens Arku- 
dorrheuma) Anemosa, von wo aus die Strasse in einer Länge 
von 100 Stadien über die südlichen Abhänge des Phalanthon und 
in dem engen Thale eines jetzt Langadia genannten Nebenflusses 
des Alpheios nach dem bereits am nördlichen Rande der Ebene 
33 Stadien nördlich von Megalepolis gelegenen Trikolonoi 
führte, einer alten Stadt der Eutresier, von welcher zu Pau- 
sanias Zeit noch ein in einem Haine auf einem Hügel gelegenes 
Heiligthum des Poseidon übrig war.^) Ein östlich von dieser 

*) Paus. c. 36, 1 ff.; Strab. VIII, p. 388; Theopomp, (richtiger 
Theophraet nach Rnhnken) bei Porphyr, de abstin. II, 16; Thukyd. V, 
68; Polyb. IV, 10 f. u. 13; PliU. Oleomen. 4; PUn. N. h. IV, 6, 21; Steph. 
Byz. u. Mtd-väQiovi vgl. über die Ruinen Leake Morea II, p. 57 ».; 
Pelop. p. 202 8.; Ross Weisen im Pelop. S. 116; über die der Nymphasia 
entsprechende Quelle 1 Kilometer östlich von Vytina Pouillon - Boblaye 
Recherches p. 151. 

*) Paus. c. 35, 5 f. u. § 9 f.; vgl. c. 27, 3; Steph. Byz. u. 2:%oivovg, 
^dlavO'og n. TginoXavoi, Ob das TloaXov nsdiov nach dem Polos be- 
nannt war, welcher nach Paus. c. 31, 7 mit Kallignotos, Mentas u. So- 
sigenes den Dienst der grossen Göttinnen in Megalepolis eingerichtet 
hatte, ist nicht zu ermitteln; der Deutung des Namens als 'Fohlenebene* 
steht der Singularis {nmlov statt ncilmv) entgegen. 



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4. Arkadien: Megalepolitis. 231 

Strasse über*den Rucken des die Thäler der Langadia und des 
Helisson scheideDden, 1546 Meter hohen Gebirges Rhenissa gehen- 
der Saumpfad fährte nach einer Quelle Krunoi, von der man 
auf einem 30 Stadien langen Wege nach dem 25 Stadien von 
Anemosa entfernten Grahe der Kallisto herabstieg, einem mit 
Bäumen bewachsenen künstlichen Uugel, auf dessen Spitze ein 
Heiligthum der Artemis Kailiste (der arkadischen Mondgöttin, die 
dann als Kallisto in die Stammsage des Landes verflochten worden 
ist) stand. ^) 

Wie Trikolonoi so lagen auch die übrigen, nach der Grün- 
dung von Megalepolis sämmtlich verfallenen und 'zu Pausanias 
Zeit bis auf wenige Spuren verschwundenen Ortschaften der 
Eutresier theils im nördlichsten Theile der Ebene , theils an oder 
über dem nördlichen Rande derselben: 10 Stadien südlich von 
Trikolonoi, an der Hauptstrasse nach Megalepolis, Charisiä 
(oder Charisiä), 15 Stadien westlich von Trikolonoi Zoitia 
(oder Zoiteion), 10 Stadien nördlich von letzterem Paroria. 
Auch die beiden schon im Gebirge gelegeneu Ortschaften Thyräon 
(15 Stadien von Paroria) und Hypsus auf einem Berge gleichen 
Namens (wohl dem jetzt Klinitza genannten, der sich nördlich 
von dem Dorfe Stemnitza bis zur Höbe von 1548 Meter erhebt) 
gehörten wahrscheinlich noch zu dem alten Gebiet der Eutresier,') 
das möglicher Wei^e auch in alter Zeit, vor der Machtentwicke- 
lung von Orchomenos, Methydrion und seine beiden westlichen 
Nachbarstädte, welche sein Schicksal theilten, Theisoa und 
Teuthis, umfasst hatte. Erstere lag an den Quellen eines nörd- 
lichen Nebenflusses des Alpheios, der in zwei Armen von dem 
Thaumfision-(Madara-) Gebirge und der nordwestlich davon sich 
erhebenden nur v^nig niedrigeren Korphoxylia') herabkommt, 
die sich in einer kleinen Hochebene V/^ Stunde nördlich von 
dem Städtchen Dimitzana zu einem Flusse vereinigen, der von 
den Alten in seinem oberen Laufe Lusios (^der Badefluss' nach 



*) Paus. c. 35, 8. 

•) Pans. c. 36, 5 flP.; vgl. c. 3, 3 f. u. c. 27, 3 [die nur an letzterem 
Orte genannten eutresischen Ortschaften IlToXidfQfta (?) u. Kvavaov (?) 
waren wohl schon zu Paus. Zeit bis anf die letzte Spur verschwunden] ; 
Steph. Byz. u. XaQtaltti^ Zo^raov, TlaQcoifSicCy Svgatov u. ^Tipovg. 

^) Die französ. Karte giebt den Gipfel dieses Gebirges zu 1610 Meter, 
den der Madara zu 1686 Meter Höhe an. 

16* 



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232 IL Peloponnesos. 

der Sage, dass der neugcborne Zeus darin gebadet worden sei), 
in seinem unteren nach der bedeutendsten Ortschaft, an der er 
vorüberfloss, Gortynios genannt wurde: also Wahrscheinlich 
in jener kleinen, jetzt einem an ihrem südwestlichen Rande ge- 
legenen Kloster Karkalü gehörigen Ebene, während Dimitzana, 
das zwei hübsche in neuitaliänischem Styl erbaute Kirchen und 
ein grosses Schulgebäude, worin die Ueberreste einer einstmals 
bedeutenderen Bibliothek (ein Theil der Bücher ist während der 
Revolution znr Anfertigung von Patronen verwendet worden) und 
die Gebeine des von hier gebürtigen Erzbischofes Germanos von 
Patras, der am 4. April 1821 zuerst die Fahne des Aufstandes 
in Kalavryta aufpflanzte, aufbewahrt werden, in seinem höchst 
gelegenen Theile auch Reste polygoner Mauern aufzuweisen hat, 
die Stelle von Teiithis einnünmt, wo Pausanias das Cultbild 
einer am Schenkel verwundeten Athene, an welches sich eine 
Localsage anknüpfte, und Heiligthümer der Aphrodite und der 
Artemis vorfand.^) 

Das r^auhe Gebirgsland nördlich und nordwestlich von den 
Quellen des Lusios liach den Gränzen der Cantone Kaphyatis, 
Kleitoria und Thelpusäa hin, in welchem sich an mehreren Stellen 
— bei Valteseniko am nördlichen Abhänge der Korphoxylia, nord- 
westlich .von da bei Glanitza und westlich bei Galatis in dem 
jetzt nach einem zur Zeit der fränkischen Herrschaft in Morea 
bedeutendem Kastell Akoväs genannten Districte — antike Reste 
finden, bildete vielleicht das Gebiet der aus den Orten Kalliä, 
Dipoina und Nonakris bestehenden Tripolis, des abgelegen- 
sten Districtes, der zur Gründung von Megalepolis beigezogen und 
ihrem Gebiet einverleibt wurde. ^) 



*) Paus, c 27, 4; c 28, 2 ff.; Steph. Byz. u. Seiüoa n, Tbv^^s; 
vgl. Leake Morea II, p. 59 ss. (dem ich in der Ansetznng von Tenthis 
bei Dimitzana, wo Ross u. a. Theisoa suchen, beistimme, da dieselbe der 
Darstellung des Pausanias besser entspricht, der offenbar Theisoa und 
Teuthis nur bei Gelegenheit eines Abstechers nach den Quellen des 
Qortynios erwähnt); Boss Reisen im Pelop. S. 114 f. Die Münzen mit 
SEIZOAISIN AXAISIN und AXAISIN SlZOAlESlN gehören wahr- 
scheinlich dieser Stadt, nicht, der gleichnamigen am Lykäon; s. Curtius 
Pelop. I, S. 393, Anm. 10. 

«) Paus. c. 27, 4 u. 7; Steph. Byz. u. KaXKai', vgL oben S. 203, 
Anm. 1; über die hellen. Ruinen bei Galatas u. die fränk. Veste Akova 



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4. Arkadien: Megalepolilis. 233 

Folgt man dem Laufe des Lusios (Gortynios) südwärts, so 
gelangt man etwas über zwei Stunden von Dimitzana an einen 
vom rechten Ufer des Flusses aus sehr steil aufsteigenden Hügel, 
dessen ziemlich geräumige Oberfläche die ansehnlichen Reste von 
Gortys oder Gortyna (auch Kortys geschrieben), einer alten 
Stadt der Kynuräer, dann Kome der Hegalepolitis, trägt Die 
aus grossen polygonen Steinen gefügte Ringmauer zieht sich noch 
in einer Dicke von 13 Fuss mit ihren Thürmen um die ganze 
Nordseite des Hügels, in deren Mitte sich ein vier Fuss weites 
Thor findet, herum; ein ähnliches Thor bemerkt man in einem 
bedeutenden Mauerstück an der Westseite, ein grösseres, von 
stattlichen Mauerresten umg ebenem an der Ostseite; innerhalb des 
letzteren ist der Felsboden zu einer Fläche geebnet, auf welcher 
noch die Fundamente eines grossen Gebäudes erkennbar sind. 
Ausserhalb der Ringmauer am südwestlichen Fusse des Hügels 
liegen die Fundamente des aus pentelischem Marmor erbauten, 
einst von einem- Haine umgebenen Tempels des Asklepios, in 
welchem dieser Gott als Jüngling neben der Hygieia von Skopas 
Hand gebildet warJ) 

Von Gortys erstreckte sich das Gebiet der Kynuräer gegen 
Westen bis zur Gränze Triphyliens, die durch einen südlichen 
Nebenfluss des Alpheios, den Diagon (jetzt Tzemberula), markirt 
wurde, ^) gegen Süden bis zu den nördlichen Abhängen des 
Lykäongebirges (Diaphorti) und seiner westlichen Fortsetzung des 
Kerausion (jetzt Paläokastro: vgl. oben S. 184, Anm. 3). In diesem 
durchaus gebirgigen Distrikt lagen ausser ein Paar Ortschaften, 
die schon vor der Gründung von Megalepolis verfallen oder doch 
nicht bedeutend genug waren, um zum Synoikismos hinzugezogen 



8. Boss Beisen im PeL 112 ff., der hier mit der fransös. Karte Teuthis 
ansetzt: Fausanias ist jedenfalls in diese Gegend gar nicht gekommen. 

Paus. c. 27, 4 u. 7; c. 28, 1; vgl. V, 7, 1; Polyb. IV, 60 (wo der 
Ort zum Gebiete von Thelposa gerechnet wird); Plin. N. h. IV, 6, 20; 
Hesych. u. Koqxvvioi; Cic. de nat. deor. m, 22, 57; vgl. über die von 
mir selbst genau untersuchten Ruinen auch Leake Morea n, p. 24 s. u. 
die Planskizze in der Exp^tion de Mor^e II, pl. 31 (darnach bei Cur- 
tins Pel. I, Tfl. V), auf welcher die Stelle des Asklepiostempels unrichtig 
angegeben ist Ansicht des Hauptthores bei Bodwell Views and descrip- 
tions of Cyclopian or Pelasgic remains in Greece and Italy pl. 19. 

«) Paus. VI, 21, 4. 



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234 H. Peloponnesos. 

zu werden, wie Maratha westlich von Gortys an der Strasse 
nach Heräa und Rhäteä südlich von Gortys am Einfluss des 
Gortynios in den Alpheios,^) drei Städte, unter denen die west- 
lichste, Aliphera (auch Alipheira geschrieben), von welcher 
sich noch auf dem Rücken und am Fusse eines ansehnlichen 
Hügels am Unken Ufer eines südlichen Seitenbaches des Alpheios 
(des jetzigen Baches von Phanari) ansehnliche Ruinen der Ring- 
mauer der Unter- und Oberstadt, sowie die Grundmauern und 
Saulentrümmer zweier Tempel erhallen haben (jetzt das Kastron 
von Nerovitza genannt), am längten eine gewisse Bedeutung he- 
wahrte. Diese verdankte sie theils ihrer Lage , in Folge der sie 
nach der Gründung von Megalepolis, wozu sie die Mehrzahl ihrer 
Bewohner gestellt hatte, als Gränzfestung desselben gegen das 
der neuen Gründung feindliche Heräa, sowie gegen die Eleer, 
denen sie um 240 v. Chr. von Lydiadas, dem Tyrannen von Me- 
galepolis, übexliefert und erst 219 durch Philipp V. von Make- 
donien wieder entrissen wurde, diente, theils einem berühmten, 
auf dem höchsten (südöstlichen) Theile der Oberstadt gelegenen 
Heiligthum der Athene, welche nach einheimischer Sage hier 
geboren und erzogen war, wofür man als Beweise einen Altar 
des 'Wöchners Zeus' (Zeus Lecheatas) und eine Quelle Tritonis 
(jedenfalls die am nördlichen Fusse des Hügels hervorsprudelnde) 
aufzeigte. Bei der zu Ehren der Göttin gefeierten Panegyris 
wurde ein Voropfer dem Heros Myiagros (Fliegenfänger) darge- 
bracht, welcher, wie man glaubte, die Bewohner vor der Plage 
der Fliegen schützt^. Im westlicheren Theile der Oberstadt stand 
ein Tempel des Asklepios, dessen Cultus wahrscheinlich von Gortys 
hierher verpflanzt worden war.') Von den beiden anderen Ky- 
nurischen Städten lag Theisoa, zum Unterschied von der an 
den Quellen des Gortynios gelegenen gleichnamigen Stadt Theisoa 
am Lykäon genannt, am nördlichen Fusse dieses Gebirges, wahr- 
scheinlich nordwestlich von dem im Mittelalter als Festung be- 

*) Paus. c. 28, 1 u. 3; vgl. Curtius Pel. I, S. 356. 

») Paus. c. 26, 6; c. 27, 4; Polyb. IV, 77 f.; Liv. XXVIII, 8; XXXH, 
5; Steph. Byz. u. "AUtprjQa', über die Ruinen vgl. Leake Morea II, p. 
72 ff. (mit einer bei Curtius Pel. I, Tfl. VII wiederholten Planskizze); 
Ross Reisen im Pelop. S. 102 f. Den Myiagros erwähnt als einen von 
den Eleern (denen ja Aliphera eine Zeit lang gehörte) verehrten Gott 
Plin. N. h. X, 28, 76. 



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4. Arkadien: Megalepolitis. '235 

deutenden Städtchen Karytäna auf dem Gipfel und den terrassen- 
förmigen Abhängen eines Hügels, der noch Mauerreste mitThurmen 
und Thoren und die Fundamente eineß dorisclien Tempels trägt 
(jetzt Paläokastron von Lavda oder auch der heiligen Helena ge- 
nannt); durch s$^in Gebiet, das zeitweise im Besitz der Parrhasier 
gewesen zu sein scheint (falls wir nicht die Kynuräer als einen 
blossen Clan* dieses einstmals sehr volkreichen Stammes betrach- 
ten dürfen), floss eine ganze Anzahl kleiner Bäche (Mylaon, Nus, , 
Acheloos, Kelados und Naliphos) nordwärts dem Alpheios' zu. 
Lykäa (auch Lykoa genannt, wie die mänalische Ortschaft, s. oben 
S. 229, Anm. 1) endlich, das wahrscheinlich schon zu Pausanias 
Zeit spurlos verschwunden war, scheint nördlich oder nordwest- 
lich von da am Alpheios gelegen zu habend) 

Am Lykäon berührte sich das Gebiet der Kynurier mit dem 
der Parrhasier, welche auf dem ^heiligen Gipfel* dieses Ge- 
birges ihr altes Stammheiligthum , die Cultstätte des Lykäischen 
Zeus hatten. Der jetzt Diaphorti genannte Hauptstock dieses gegen 
Westen und Süden sich weithin verzweigenden Gebirges erhebt 
sich nämlich in zwei Kuppen,, von denen die südlichere, jetzt 
nach dem heiligen Elias, im Alterthum'auch'Olympos benannte, 
obwohl um einige Fuss niedriger als die nördlichere (jetzt ro öts- 
q>dvv genannt), wegen ihrer freieren und dominirenden Lage als 
Hauptgipfel des Berges betrachtet und daher schon in den älte- 
sten Zeiten von den Umwohnern zur Cultstätte des lichten Him- 
melsgottes auserwählt ward, dem auf einem die Stelle des Altars 
vertretenden einfachen Erdaufwurf blutige Opfer, nicht selten 
und bis in späte Zeit hinab auch Menschen, geschlachtet wurden. 
Vor dem Altar gegen Osten standen zwei Säulen, welche ver- 
goldete Adler trugen, die Symbole des ohne Bild und Tempel- 
gebäude verehrten Gottes , welchem noch in der Nähe der Opfer- 
stätte ein für jedes Menschen Fuss unbetretbarer heiliger Bezirk 
geweiht war: wer aus Versehen oder aus Frevelmuth das strenge 
Verbot übertrat, der konnte nach allgemeinem Volksglauben nicht 
länger als ein Jahr mehr leben; auch behauptete man , dass kein 



«) Paus, c. 27, 4 f.; c. 38, 3 u. 9; Polyb. XVI, 17; über die Ruinen 
bei Lavda (t^g ayiag *EUvrig to yidaTQo) s. Leake Morea U, p. 18 s., mit 
welchem (p. 315) ich darin die Beste von Theisoa erkenne, gegen Cartius 
(Pelop. I, 8. 368 f.), der hier Lykoa, Theisoa bei Andritzena, dem jetzi- 
gen Hauptorte der Eparchie Olympia, ansetzt. 



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236 II. Peloponncsos. 

lebendes Wesen innerhalb des Bezirks einen Schatten würfe, eine 
Behauptung, deren Richtigkeit Säger, welche ein flüchtiges Wild 
bis an die Gränze des heiligen Raumes verfolgt hatten, durch 
eigene Erfahrung bestätigt wissen wollten. Neben dem heiligen 
Bezirk stand ein Haus, das wahrscheinlich als Wohnung für den 
Priester des Gottes bestimmt war, zeitweise aber auch Flücht- 
lingen, wie dem spartanischen Könige Pleistoanax, als Zufluchts- 
stätte diente J) Nicht weit davon, wahrscheinlich am südlichen 
Fusse des Gipfels, zeigte man einen Kretea genannten Platz 
als die Stätte, an welcher das Zeuskind von den Nymphen Thei- 
soa, Neda und Hagno — jedenfalls drei QueUnymphen: die Quelle 
Theisoa wird an der Nordseite, die Neda an der Südwestseite, 
die Hagno, in welche bei anhaltender Dürre der Priester des 
Zeus unter bestimmten Gebeten und Opfern einen Eichenzweig 
eintauchte, um Regen herbeizuführen, an der Südseite des Berges 
zu suchen sein — genährt worden sei. Oestlich von diesem 
Platze stand ein Heiligthum des neben Zeus als Stammgott der 
Parrhasier verehrten Apollon, das Pythion, nach welchem seit 
der Gründung von Megalepolis alljährlich eine vom Markte dieser 
Stadt ausgehende Processen heraufstieg.^) 

Am nördlichen Fusse der Kuppe des h. Elias lag in einem 
Haine ein Tempel des Pan, von welchem noch eine Anzahl grosse 



<) Fans. c. 38, 2 u. 6 f.; Eratosth. Catast. I — Hygin. Astron. 11, 1; 
Thukyd. V, 16; Polyb. IV, 33; Strab. VIII, p. 388; vgl. Boss Reisen 
im Pcl. S. 92 f.; für die Menschenopfer s. (Plat.) Minos p. 310«; Theo- 
phrast. bei Porphyr, de abstln. II, 27. /Der Verlust des Schattens be- 
deutet offenbar, dass das Wesen, zu dem er gfehört, dem Qotte verfallen 
ist. Nach Plutarch. Q. gr. 39 wui-den diejenigen, welche den heiligen Be- 
zirk absichtlich betreten hatten, gesteinigt, die es aus Versehen gethan 
hatten, nach EleutherS verwiesen. 

*) Paus. c. 38, 2 ff. u. 8; C. I. gr. n. 1534, wo das Heiligtum to 
nv%i,ov heisst: ob die ebds. erwähnte ^Insteia das als Asyl benutzte 
Haus am Temenos des Zeus, wie Curtius (Pel. I, S. 839, Anm. 15) ver- 
muthet, oder die Quelle Hagno, bei welcher um Regen gefleht wurde, oder 
eine andere Oertlichkeit bezeichne, vermag ich nicht zu entscheiden. 
Curtius Annahme (Pel. I, &. 300), dass die drei Quellen sämmtlich auf 
dem Platze Kretea entspringen, halte ich für durchaus falsch; ebenso 
muss ich seine Bezeichnung des südlich unterhalb des Gipfels gelegenen 
Dorfes Karyäs al& ' das an Nussbäumen i*eiche ' (ebds.) für irrig erklären, 
da ich in dem ganzen Orte keinen Kussbaum, sondern nur Eichen be- 
merkt habe. 



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4. Arkadien: Megalepolitis. 237 

Werkstücke aus weisslichem mannorähnlichen Kalkstein (jetzt ro 
^EXXfivtxö genanut) erhalten sind; in der Hochebene, welche 
sich Ton da nordwärts nach dem Stephanigipfel hinzieht, befan- 
den sich die Anlagen für die gymnischen und hippischen Agonen 
des Festes der Lykäa: ein Stadion und ein Hippodrom, von 
welchem letzteren noch eine beträchtliche Anzahl von Sitzstufen 
am oberen Ende und den diesem zunächst liegenden Theilen der 
Langseiten, sowie am unteren Ende die Reste eines grossen 
Wasserbehälters, erhalten sind; ein Fragment einer dorischen 
Säule, das ich hier fand, gehört wahrscheinlich dem Pans- 
tempel an.^) 

Die älteste der parrhasische^n Ortschaften, ja nach der Tra- 
dition sogar die älteste aller griechischen Städte des Festlandes 
wie der Inseln, die zuerst von der Sonne geschaut worden war, 
Lykosura, lag am südlichen Fusse des Lykäon auf einem gegen 
Westen schroff abfallenden Hügel, an dessen nördlichem Fusse 
vorüber ein von Westen, von den Nomiagebirgen (vgl. oben 
S. 184) herabkommender Bach, der Pia t aniston ^) '(jetzt Gastritzi 
genannt) in nordöstlicher Richtung dem Alpheios zufliesst. Die 
aus fast regelmässig viereckten, aber an der Vorderseite nicht 
geglätteten Steinen erbaute Ringmauer folgte genau dem meist 
durch zackige Felsen gebildeten Rande der oberen Fläche des 
Hügels ausser an einigen Stellen, wo die ganz schroff aufsteigen- 
den Felszacken selbst die SteUe einer Mauer vertraten und also 
eine künstliche Befestigung überflüssig machten; innerhalb der- 
selben steht eine verfallene Kapelle des h. Georg, in welcher sich 
verschiedene antike Reste, darunter der Stumpf einer dorischen 
Säule und ein Anthemion vorfinden, die offenbar ebenso wie die 
aus ganz regelmässigen Steinen gefügten Mauern , von denen man 



^) Paus. c. 38, 6; vgl. Robb Reisen im Pel. S. 91 f.; Beal^ Etades 
BVLT le P^oponnöse p. 126 ss. u. den Plan des Hippodroms in der Ex- 
p^tion de Mor^e II, pl. 33 s. (darnach Curtius Pel. I, TU VI). Der 
Agon der Avuaia^ für dessen hohes Alter die von'Plin. N. h. YII, 56, 
205 erwähnte Tradition, dass Lykaon Mudos gymnlcos' begründet habe, 
spricht (vgl. Paus. c. 2, 1 u. Marm. Par. Ep. 17, Z. 31) wird erwähnt von 
Pind. Ol. IX, 95 ss.; XIII, 107 s.; Nem. X, 48 (vgl. die Schollen zu die- 
sen Stellen); Simonid. Epigr. 155, 8 (Bergk); Plat. Caes. 61; C. I. gr. n. 
1515 u. auf Münzen von Megalepolis (s. Bulle ttino 1868, p. 190 s.); vgl. 
Xenoph. Anab. I, 2, 10. 

*) Paus. c. 39, 1, 



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238 II. Peloponiiesos. 

auf den niedereren Terrassen des Hügels Reste bemerkt, einer 
spätem Periode der wider ihren Willen zur Theilnahme am Sy- 
noikismos von Megalepolis gezwungenen, aber noch zu Pausanias 
Zeit wenn auch nur dünn bewohnten Stadt angehörend) Ost- 
wärts von diesem Hügel erstreckt sich ein niederer Rücken, 
welcher ihn mit einem andern Hügel, auf welchem eine ver- 
fallene Kapelle des h. Elias steht, verbindet: hier findet man 
zunächst dem Burghügel ausser einer grossen Cisterne die 
Grundmauern eines ausgedehnten Gebäudes, dann weiter öst- 
lich in einer verfallenen Capelle Säulenreste und sonstige Bau- 
trümmer, die sich auch am nördlichen Abhänge des Rückens und 
in den Feldern nordwärts davon in g:rösserer Zahl zerstreut vor- 
finden. In der Eliascapelle konnte ich ausser drei uncanelirten 
Säulenschäften nichts Antikes entdecken. Diese unscheinbaren 
Trümmer bezeichnen die Stätte eines der ehrwürdigsten arka- 
dischen Heiligthümer, des der Despoina, d. h. der als Herrin 
der Unterirdischen in Verbindung mit ihrer Mutter Demeter und 
andern Gottheiten der Fruchtbarkeit der Erde, dem Hermes 
Akakesios und dem Pan, verehrten Kora. Der heilige Bezirk, 
welcher ohne Zweifel den ganzen Rücken östlich unterhalb des 
Hügels von Lykosura einnahm, war von Mauern umgeben; vor 
dem Eingaug, d. h. am östlichen Ende des Rückens, staiid ein 
Tempel der Artemis, die hier als * Hegemone*, d. i. Führerin 
(ins Reich der Schatten) verehrt wurde und der Hekate ähnlich 
mit Fackeln dargestellt war. Beim Eintritt in den Peribolos 
hatte man zur Rechten eine Halle, auf deren Wand Reliefs und 
Inschriften angebracht waren. In der Cella des Tempeis, vor 
dessen Eingang drei Altäre (der Demeter, der Despoina und der 
grossen Mutter der Götter) standen, befand sich das von dem 
Messenier Damophon, wahrscheinlich bald nach dh* Gründung 



*) Paus. c. 2, 1; c. 4, 6; c. 10, 10; c. 27, 4 ss.; c. 38, 1; Stcph. 
Byz. u. Av%6aovQa{ a oSog a inl AvMGovQav C. I. gr. n. 1634. Vgl. 
über die jetzt Paläokastron von Stala (nach einem westlich von dem 
Hügel gelegenen Dorfe) oder Paläokrambavo (nach dem Dorfe Krambavo 
eine Stunde nördlich von dem Hügel) genannten Rainen Ross Reisen im 
Pel. S. 86 ff. u. den Plan in der Exp^ition de Morde U, pl. 36, n. 2 
(wiederholt bei Curtius Pel. I, Tfl. IV) nebst der Ansicht bei Dodwell 
Views and descriptions of Cyclopian or Pelasgic remains pL 1; auch 
meine Bemerkungen in den Jahrb. f. Philol. Bd. 73, S. 428 i. 



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, 4. Arkadien: Megalepolitis. 239 

von Megalepolis, aus einem angeblich innerhalb des Peribolos 
ausgegrabenen Steinblock (Granitföndling?) gearbeitete Doppel- 
sitzbild der beiden Göttinnen : links (vom Beschauer) sass Demeter, 
eine Fackel in der Rechten, die Linke um den Nacken der 
Tochter gelegt, die mit der Rechten die auf ihrem Schosse 
stehende mystische Kiste, mit der Linken ein Scepter hielt. Zu 
beiden Seiten des Doppelbildes standen noch Einzelstatuen: neben 
Demeter Artemis mit Hirschhaut und Köcher , in der einen Hand 
eine Fackel, in der anderen zwei Schlangen haltend, einen Jagd- 
hund neben sich; zur Seite der Despoina Anytos, nach der Local- 
tradition ein Titane, von dem die Despoina erzogen worden v^ar. 
Als weitere Nebenwerke waren unter dem Sitz der Göttinnen die 
Kureten, am Fussgestell die Korybanten dargestellt. In die Wand 
zur Linken des Eingangs war ein Spiegel eingefügt, in welchem 
der Beschauer die Bilder der Göttinnen deutlich, sich selbst gar 
nicht oder nur sehr undeutlich sah. Etwas höher als der Tempel 
stand zur Rechten des durch den Peribolos führenden Weges das 
sogenannte Megaron, ein zu Opfern und Weihungen bestimmtes 
Gebäude, dem wohl die oben erwähnten Grundmauern am öst- 
lichen Fusse des Burghügels angehören; oberhalb desselben, also 
am Ostabhange dieses Hügels, zog sich ein von einem Steingehege 
umschlossener Hain hin, über welchem Altäre des Poseidon Hip- 
pios (der hier als Vater der Despoina verehrt wurde) und anderer 
Götter standen. Auf einer noch höheren Terrasse, zu welcher 
man auf einer Treppe emporstieg, war eine ganze Gruppe von 
Heiligthümern , die offenbar alle von ^hr geringem Umfang waren, 
vereinigt: eine Capelle des Pan, zu welcher eine Halle den Zu- 
gang bildete, ein Altar des Ares, ein Tempel der Aphrodite mit 
zwei Bildern der Göttin , einem hölzernen und einem marmornen, 
ein Schnitzbild des Apollon und ein Heiligthum der Athene mit 
einem gleichfalls hölzernen Bilde. 

Auf dem Gipfel des östlicheren Hügels, der jetzt die Elias- 
kapelle tragt^ stand eine Statue des Hermes Akakesios (welchen 
Beinamen die Legende von einem Lykaoniden Akakos herleitete, 
der den Knaben Hermes hier aufgezogen habe), wie auch der 
Hügel selbst jixaxTJötog X6g)og und eine an seinem östlichen 
Fusse, vier Stadien vom Heiligthum der Despoina gelegene Ort-* 
Schaft Akakesion genannt wurden. Sieben Stadien östlich von 
da an der Strasse nach Megalepolis, also in der Gegend des jetzi- 



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240 U. Peloponnesos. 

gen Dorfes Deli-Hassan, lag Dasefi, in gleicher Entfernung öst- 
lich von da» zwei Stadien Yom linken Ufer des Alpheios, Ma- 
li areä, beide zu Pausanias Zeit in Trümmern.^) 

Ueberschreitet man von hier den Alpheios und folgt dem 
rechten Ufer desselben, so gelangt man nach einer halben 
Stunde zu dem wenige Minuten nördlich von der Einmündung 
des Helisson in den Alpheios auf einer Anhöhe gelegenen Dorfe 
Bromosella, wo ich an der Kirohe einige Stücke von uncanelir- 
ten Säulen, eine ionische Basis und sonstige antike Baureste fand : 
das Dorf nimmt jedenfalls die Stelle des schon zu Pausanias Zeit 
verödeten Thoknia ein, der etwas weiter östlich von Nordosten 
her in den Helisson mündende Bach ist der Aminios der Al- 
ten. Ungefähr drei Viertelstunden flussabwärts lag nahe dem 
linken Ufer des Alpheios Basilis, der Sage nach eine Grün- 
dung des Kfpselos, des Königs der Arkader zur Zeit der dori- 
schen Wanderung, in dessen Trümmern (von denen noch jetzt 
einige Ueberreste östlich von dem Dorfe Kyparissia in den Wein- 
bergen zerstreut sind) Pausanias ein Heiligthum der Demeter 
Eleusinia fand.^) • Etwas weiter nördlich zwischen den Dörfern 
Kyparissia und Mavria zieht sich eine tiefe Schlucht von den 
östlichen Abhängen des Diaphorti nach dem Alpheios hin, das 
Bathos der Alten, in welches die arkadische Sage den Kampf 
der Götter und Giganten versetzte, offenbar in Erinnerung vul- 
kanischer Erscheinungen, die hier in alten Zeiten beobachtet 
worden waren, wie noch am Anfang unseres Jahrhunderts hier 
ein mit starkem Schwefelgeruch verbundener Erdbrand stattge- 
funden hat; ebendamit hieng offenbar eine (jetzt wie es scheint 
verschwundene) ein Jahr um das andere versiegende Quelle 
Olympias zusammen, in deren Nähe Pausanias Feuer aus dem 
Boden aufsteigen sah. Nördlich von der Schlucht, in welcher 
alle zwei Jahre ein Fest der * grossen Göttinnen' gefeiert wurde, 
erstreckt sich vom Lykäon nach dem Alpheios hin eine tafel- 
förmige Hochfläche, die Trapezuotia, der Schauplatz der Ly- 
kaonsage, das Gebiet der Stadt Trapezus, die sich, auf ihren 



*) Paus. c. 36, 9 f. u. c. 87 (vgl. c. 3, 3 n. c. 27, 4); Steph.ByB. u. 
'Axcix'qcioVf Jaciat u. Mccxagiai ; schol. Iliad. 17, 185 ; vgl. Boss a. a. 0. 

') In diesem Heiligthum fanden in älteren Zeiten Schönheitswett- 
kämpfe der Frauen nach einer Stiftung des Kjpselos statt: Nikias bei 
Athen. XIU, p. 609 •. 



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4. Arkadieu: Megalepolitis. 241 

mythischen Ruhm pochend, am entschiedensten der Gründung 
von Megalepoüs widersetzte ; in Folge dieses Widerstandes wurde 
ein Theil der Bewohner durch die centralistische Partei getödtet, 
die uhrigen wanderten nach Trapezus am schwarzen Heere, das 
als eine Tochterstadt der altarkadischen Stadt galt, aus, so dass 
Pausanias nur noch Trümmer Ton der letzteren vorfand; ebenso 
von Brenthe, einer an der Quelle des Brentheates, eines öst- 
lichen Seitenbaches des Alpheios, der nach nur fünf Stadien 
langem Laufe in diesen mündet, etwa 20 Minuten östlich von 
dem Städtchen Karytäna (dessen mittelalterliche Festung zu einem 
beträchtlichen Theile aus antiken Werkstücken erbaut ist) ge- 
legenen Ortschaft. Etwas weiter östlich, an der Strasse von 
Gortys nach Megalepoüs, stand ein Grabmal der in einer Schlacht 
gegen König Rleomenes IIL von Sparta gefallenen Arkader, wel- 
ches zur Erinnerung an die Verletzung der Waffenruhe durch 
Kleomenes Paräbasion (die Stätte der Uebertretung) genannt 
i^urde. ^) 

Das Bergland südlich über der Ebene, in welchem die Wur- 
zeln des mächtigsten aller peloponnesischen Gebirge, des Tay- 
geton, liegen, gehörte dem Stamme der Aegyten, der aber früh- 
zeitig, nachdem ein Theil seines Gebietes von den Spartanern 
erobert worden war, seine selbständige politische Existenz ein- 
gebüsst zu haben und als ein Theil des parrhasischen Stammes 
betrachtet worden zu sein scheint.^) Durch diesen Landstrich, 
aus welchem eine Anzahl wasserreicher Bäche dem Alpheios zu- 
fliessen, führten im Alterthum drei Strassen, unter denen die von 



^ FauB. c. 28, 7 u. c. 29; vgl. c. 3, 3; c. 6, 4 u. c. 27, 4 ff.: di« 
beiden an der letzteren Stelle genannten parrhasischen Gemeinden 
*A%6vtiov (vgl. Steph. n. d. W.) u. Jl^off^rff /vielleicht IlQOCviAva, vgL C. I. 
gr. n. 1536) lassen sich ebensowenig nachweisen als die Stadt Parrhasia, 
die trotz der von Steph. Byz. n. TlaQqaaCa dtirten Autoritäten wohl nur 
einem Missverständniss von H. £, 608 ihre Existenz verdankt. Trapezus 
erwähnen auch Herod. VI, 127 u. Steph. Byz. u. Ti^omBt^avq\ Bovnvia 
(oder Bm%vHa\ BdciXig u. BQBvd'ri Steph. Byz. u. d. W. lieber die Oert- 
lichkeiten vgl. Leake Morea II, p. 292 s.; Boss Beisen im Pel. S. 89 f. 

') Dies ist daraus zu schliessen, dass Thuk. V, 33 das von den 
Mantineern in Kypsela nahe der lakonischen Skiritis (also im östlicheren 
Theile der arkadischen Aegytis) erbaute, von den Lakedämoniern im 
Jahre 421 v. Chr. zerstörte Castell als iv t^ Jlaqqaain^ ns^fisvov be- 
zeichnet. 



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242 II. Peloponnesos. 

Megalepolis nach Messene, jedenfalls die bedeutendste, ohne 
Zweifel ebenso wie die jetzige freilich nur für Saumthiere gang- 
bare Strasse aus der Ebene von Megalepolis nach der nördlichen 
messenischen Ebene über den sogenannten Makriplagi-Pass gieng, 
d. h. über den massig hohen Gebirgsrücken, welcher den Tetrasi 
mit dem südwestlich von dem Städtchen Leondari bis zur Höhe 
von 1297 Meter sich erhebenden Hellenitza verbindet. Die 
Strasse überschritt den Alpheios etwa zwischen den jetzigen 
Dörfern Agias-bei und Dede-bei in der Nähe der Einmündung 
des Gatheatas, welcher vorher einen Seitenfluss, den Rar- 
nion, aufgenommen hat: der letztere ist ohne Zweifei der jetzige 
Xerilopotamos, der an den nördlichsten Abhängen des Taygelon 
entspringt (im Alterthum stand oberhalb seiner Quellen ein Hei- 
ligthum des ApoUon Rereatas) und in einem engen aber langen 
Thale am östlichen Fusse des Hellenitza und westlich von Licon- 
dari vorüber der Ebene zufliesst, der Gatheatas der weit 
kürzere westlichere Nebenfluss desselben, der an der Westseite 
des Hellenitza in der Nähe des Dorfes Kyrades (wo also die alle 
Ortschaft Gatheä zu suchen ist) entspringt. Ungefähr 40 Sta- 
dien vom Alpheios lag an der Strasse Kromoi (auch Kromnos 
oder Kromna genannt), zu dessen Gebiet, der Kromitis, auch 
Gatheä, also wohl überhaupt der ganze District westlich vom 
Hellenitza gehörte, zu Pausanias Zeit in Ruinen, von denen noch 
einige Ueberreste bei dem Dörfchen Panagiti zur Linken der 
Strasse sich erhalten haben; 20 Stadien weiter, an den quellen- 
reichen, noch jetzt wohl bewaldeten Höhen des Makriplagi, war 
ein wohlbewässerter, mit Bäumen bestandener Platz Nymphas, 
offenbar nach einem Heiligthum der Nymphen benannt; nach wei- 
teren 20 Stadien bezeichnete eine kleine Capelle des Hermes 
(Hermäon) mit einem Reliofbilde des Gottes die Gränze der Me- 
galepolitis gegen Messenien.') 

Die zweite durch die Aegytis fuhrende Strasse, die von Me- 
galepolis nach dem Messenischen Karnasion (vgl. oben S. 164) 
— - wohl nur ein hauptsächlich für die gewiss sehr zahlreichen 



*) Paus. c. 34, 6 f., vgl. c. 3, 4 u. c. 27, 4; Steph. Bye. u. rad^sai, 
KQ&fiva u. Nvfiipäg; 6 Kgmfivog Xen. HeU. YII, 4, 20 ss.; ^ KgiSfivog 
Kallisthenes bei Athen. X, p. 452« u. K Die Rainen bei Panagiti er- 
wähnt V.ischer Erinnerungen S. 414. 



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4. Arkadien: Megafepolitis. 243 

Wallfahrer nach diesem Heiligtum bestimmter Saumpfad — über- 
schritt den Alpheios et^as weiter nordwestlich, etwa in der Ge- 
gend von Choremi nahe der Einmündung des Flusses Malus, 
der vorher einen Seilenbach, den Skyros, aufgenommen hat, 
gieng 30 Stadien weit auf dem linken Ufer des Malus hin, dann 
über denselben und ziemlich steil aufwärts nach einem. Phädrias 
genannten Platze (etwa oberhalb des jetzigen Neochori), von wel- 
chem die wiederum durch ein Hermäon mit Statuen der Despoina 
und Demeter, des Hermes und Herakles bezeichnete messenische 
Gränze nur 15 Stadien entfernt warJ) 

Die dritte Strasse, die von Megalepolis nach Lakonien, führte 
30 Stadien südlich von der Stadt über den Alpheios, dann nahe 
dem linken Ufer des Theius, eines südlichen Nebenflusses des- 
selben (jetzt Rutupharina), aufwärts nach der 40 Stadien vom 
Alpheios gelegenen Ortschaft Phaläsiä, von welcher das als 
Gränzmal gegen Lakonien dienende Hermäon bei Belemina (vgl. 
oben S. 113) 20 Stadien entfernt war.^) In derselben Ge- 
gend wird auch Rypsela, wo die Mantineer eine im Jahr 421 
wieder zerstörte Gränzfestung gegen die lakedämonische Skiritis 
anlegten,^) und vielleicht auch die Ortschaft Skirtonion zu 
suchen sein.^) Leuktron oder Leuktra, eine befestigte Ort- 
schaft, welche bis zur Demülhigung Sparta's durch Epameinondas 
im Besitze der Spartaner gewesen, dann aber zur Gründung von 
Megalepolis und zu dessen Gebiet gezogen worden war, scheint 
im südwestlichen Theile der Aegytis gelegen zu haben ; ganz un- 
sicher ist die Lage von Blenina«^) 

*) Paus. c. 35, 1 f. Am Flusse Malus lag wahrscheinlich die von 
Paus. c. 27, 4 erwähnte Ortschaft des Aegyten MaXaCa oder MaXCa 
(vgl. Xen. Hell. VI, 6, 24), deren Namen Curtius Pel. I, S. 336 auch bei 
Xen. Hell. VU, 1, 28 u. 29 für Mridiag der Codd. herstellen will. 

•) Paus. c. 35, 3; Steph. Byz. u. <^alaiaiai, 

') Thuk. V, 33, vgl. oben S. 241, Anm. 2. Das von Curtius Pel. I, 
S. 290 hier angesetzte Castell AthenUon halte ich für identisch mit dem 
bei Asea gelegenen; s. oben S. 227, Anm. 2. 

*) Paus. c. 27, 4; Steph. Byz. u. 2}iiQt<oviov: der Käme scheint mir 
mit dem der Skiritis zusammenzuhängen. 

s) Paus. c. 27, 4; Thuk. V, 54; Xen. Hell. VI, 5, 24; Plut. Oleomen. 
6; Pelop. 20. Die Ansetzung von Leuktron bei Leondari (wo weder 
Leake Morea II, p. 44 noch Vischer Erinnerungen S. 404 antikes Mauer- 
werk finden konnten; Leake fand solches bei^ Samara, y. Stunde west- 



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244 II. PelopoDnesos. 

Nachdem wir so das gänie Gebiet von Megalepolis durch- 
wandert haben, müssen wir noch einen Blick auf diese Stadt 
selbst werfen, die wenigstens durch ihren Umfang (50 Stadien) 
den stolzen Namen der * grossen Stadt ', dfin man ihr bei der 
Gründung im Jahre 371 y. Chr. beigelegt hatte, rechtfertigte. 
Aehnlich wie Mantineia verdankte sie ihre Sicherheit nicht der 
natürlichen Beschaffenheit des zu ihrer Anlage erwählten Ter- 
rains — eines muldenförmigen Thalbeckens zu beiden Seiten des 
Helisson, 20 Stadien östlich Ton der Einmündung desselben in 
den Alpheios, auf dessen niedrigen Rändern die jetzt fast spur- 
los verschwundene Ringmauer hinlief — sondern der Stärke und 
Festigkeit ihrer Mauern, die, obgleich wahrscheinlich mit Aus- 
nahme der Fundamente nur aus Lehmziegeln mit eingezogenen 
Holzbalken hergestellt, doch nach allen Regeln der entwickelten 
griechischen Befestigungskunst, wie wir sie noch an den Mauern 
Messene's erkennen, erbaut und mit zahlreichen hohen Thürmen 
versehen waren. ^) Die Stadt leistete aiich sowohl einer Belage- 
rung durch König Agis III. von Sparta im Jahre 330 als einer 
zweiten durch Polysperchon im Jahre 318 (bei welcher die Ma- 
kedonier schon eine gewaltige Bresche in die Mauer gebrochen 
hatten, aber durch die Tapferkeit der Vertheidiger und die Klug- 
heit ihres Commandanten Damis zurückgeworfen wurden) hart^ 
nackigen Widerstand. 2) Doch war wohl schon in dieser relativ 
glänzendsten Epoche der Geschichte der Stadt, während welcher 
dieselbe mehrfach durch energische Männer mit monarchischer 
Gewalt (sogenannte Tyrannen) wie Aristodemos und Lydiadas re- 
giert wurde, der von den Ringmauern umschlossene Raum zu 
gross für die Bevölkerung, die wahrscheinlich durch den Weg- 



lich von Leondari) dnrch Cnrtius Pel. I, S. 293 ist sehr problematiscb ; 
man würde dann bei Xen. 1. 1. vn^Q t^g rad-sazidog anstatt vuIq xijs 
MaXsutidog (vgl. oben Anm. 1) erwarten. 

«) Vgl. die Pläne Exp^tion de Mor^ H, pl. 36—38 (darnach Cur- 
tius Pel. I, Tfl. V), dazu Ross Reisen im Pel. S. 74 ff. ; Curtius Pel. I, 
8. 281 ff.; Vischer Erinnerungen S. 407 ff.; Annali XXXIII, p. 32; iiber 
dftn Umfang Polyb. IX, 21. 

«) Aeschin. in. Ctesiph. § 166; Diod. XVIII, 70f. Die Erzählung bei 
Pausanias c. 27, 13 f. von einem misslungenen Angriffe König Agis IV. 
auf die Stadt scheint auf einer Verwechslung dieses Königs mit Agis IQ. 
zu beruhen; vgl. oben S. 216, Anm. 1. 



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. 4. Arkadien: Negalepolitis. 245 

zug vieter bei der Gründung unfreiwillig hierher versetzter Fa- 
milien nach ihrer allen Heimath, der durch keinen neuen Zuzug 
ersetzt wurde, von Jahr zu Jahr abnahm, so dass die Vertheidig- 
ung der ausgedehnteif Befestigungswerke immer schwieriger 
wurde. Als nun noch dazu ein grosser Theil der kriegstuchtigen 
Jugend in den Schlachten der Achäer gegen König Kleomenes IIL 
von Sparta am Berge Lykäon und bei Ladokeia fast vor den 
Mauern der Stadt (im Jahre 226 v. Chr.) gefallen war, gelang es 
, dem Kleomenes, nachdem ein drei Monate früher unternommener 
Versuch der üeberru'mpelung der Stadt misslungen war, im Win- 
ter des Jahres 222 mit Hülfe von Verräthern innerhalb der 
Ringmauer sich derselben durch einen Handstreich zu bemäch- 
tigen. Etwa zwei Drittel der waffenfähigen Bevölkerung rettete 
sich nach vergeblichem Widerstände unter Philopoimens Führung 
mit Weib und Kind nach Messenien ; die Zurückgebliebenen wur- 
den getödtet, die Stadt geplündert, die Mauern niedergerissen 
und die Gebäude zum grossen Theile in Brand gesteckt.^) Als 
der Rest der Bevölkerung nach der Schlacht bei Sellasia (221) 
heimgekehrt war und sich, wahrscheinlich mit Unterstützung des 
AnUgonos, der ihnen auch einen Peripatetiker Prytanis als Ge- 
setzgeber gesandt hattte, auf der verödeten Stätte wieder noth- 
dürftig angesiedelt hatte, entstanden heftige Zwistigkeiten unter 
ihnen: die eine Partei verlangte im Hinblick auf die numerische 
Schwäche und die schlimme Finanzlage, dass der Umfang der 
Ringmauer beträchtlich verengert würde und dass alle Grund- 
besitzer den dritten Theil ihres Grundeigenthuras abtreten sollten, 
um damit neu heranzuziehende Ansiedler auszustatten; die an- 
dere, jede'nfalls hauptsächlich aus den Grundbesitzen) bestehende 
Partei verweigerte in blindem Eigennutz 'jede Abtretiuig von 
Grund und JBoden und hielt in kindischem Stolze an dem alten 
Umfange der Stadt fest. Aratos, der zur Schlichtung det reites 
herbeigerufen wurde, brachte einen Vergleich zu Stande, der auf 
einer im Homarion (zu Aegion in Achaia) neben dem Altar der Hestia 
aufgestellten Stele eingegraben wurde. Den Inhalt dieses Vertrages 
kennen wir nicht, müssen aber, da die Angabe des Umfanges auf 5() 
Stadieq durch Polybios (s. S. 244, Anm. 1) sich offenbar auf den 



<) Polyb. II, 65 (Tgl. IX, 18); Plnt. Cleom. 25; Piiilop. 5; Paus. c. 
27, 16 f. 

BURSIAN, aKOGR. H. 17 



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246 II. Peloponnesos. 

Zustand der Stadt zur Zeit dieses Scliriftslellers bezieht, anneh- 
men» dass die Ringmauer, wafarsclieinlich mit Unterstützung aus 
der achäischen Bundeskasse, in ihrem vollen Umfang wiederher- 
gestellt worden ist. Wahrscheinlich hoffte man, dass die sehr 
zusammengeschmolzene Bevölkerung, die sich in den weiten 
Mauern unbehaglich fühlen musste^ wie eine magere Person in 
einem für einen corpulenten Körper zugeschnittenen Gewände, 
durch Zuzug von Aussen sich heben werde; aber vergeblich: 
die grosse Stadt blieb eine grosse Einöde, was wenigstens den 
Vortheil hatte, dass die Burger, als sie mehrere Jahre hindurch 
wegen der Feindseligkeiten des Spartanischen Herrschers Nabis 
ihre ausserhalb der Ringmauern belegenen Fluren nicht zu be* 
stellen wagten, in den Strassen der Stadt selbst Getreide säen 
konnten. Was noch gebaut wurde, geschah mit fremdem Gelde, 
wie im Jahre 189 v. Chr. eine der von Kleomenes zerstörten 
Säulenhallen von ^einer durch die Achäer der Stadt zugewandten 
Summe wiederhergestellt wurde und wie einige Zeit darauf Kö- 
nig Antiochos IV^ Epiphanes von Syrien den grösseren Thetl des 
zum Neubau der oflenbar schon wieder eingestürzten Ringmauer 
der Stadt nöthigen Geldes schenkte; aber auch solche Zuwen- 
dungen vermochten den Verfall der Stadt nicht aufzuhalten, die 
indess bis in die spätere römische Kaiserzeit ihre Existenz 
fristete.*) 

Der von den Ringmauern umschlossene Raum wurde durch 
den Helisson in zwei Hälften getheilt, die ohne Zweifel durch 
mehrere Brücken mit einander in Verbindung standen. In der 
auf dem rechten Flussufer gelegenen nördlichen Hälfte, wo wir 
noch die Saatfelder, zu denen jetzt der grösste Theildes Ter- 
rains der alten Stadt von den Bewohnern des benachbarten Dorfes 
Sinano benutzt wird, weithin mit Säulen- und Mauerresten i)c- 
deckt sehen, lag nicht weit vom Flusse der geräumige, von 
stattlichen Hallen umschlossene Marktplatz, dessen Mittelpunkt 
ein unbetretbarcr heiliger Bezirk des Zeus Lykäos bildete, wo- 



«) Polyb. V, 93; Plut. Philop. 13 j Liv. XXXVIII, 34; XLI, 20; Strnb. 
Vin, p. 388; Paus. c. 33, 1. Dass" noch am Ende des 3ten oder TAnfang 
dos 4ten Jahrb. n. Chr. einzelne. Bauten in der Stadt, wenn auch nur 
aus Trümmern älterer, ausgeführt worden sind, zeigt die von Ross (Rei- 
sen im Pel. S. 81 ft'.) theil weise ausgegrabene Säulenhalle. 



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4. Ärkadiep: MegalepoliCls. 247 

rin man Altäre', Opferliscbe und Adlerbilder, sowie eine Statue 
des Pan mit dem Beinamen Oinoeis sah. Vor dem Eingange des 
Bezirks stand ein zwölf Fuss hohes Erzbild des Apollon, das yon 
den Phigaleern als Beitrag zum Schmuck der neubegrundeten 
Stadt geliefert worden war; zur Rechten des Bildes hatte friiher 
eta Tempel der Göttermutter gestanden, von dem Pausanias nur 
noch die Säulen und das Cultbild, sowie von einer Anzahl Sta- 
tuen, die vor seinem Eingange aufgestellt gewesen waren, die 
Fussgestelle vorfand J) Hinter dem Bezirk stand eine Stele mit 
dem Reliefbilde deä Historikers Polybios. 

Unter den Hallen war eine zu Ehren König Philipps H. 
von Makedonien Philippeios Stoa benannt, welche sich fast der 
ganzen Nordseite der Agora entlang hinzog am Fusse zweier 
niedriger Anhöhen, deren westlichere einen Tempel der Athene 
Polias, die östlichere, von der eine Quelle Bathyllos ihr Wässer 
dem Helisson zusandte, einen Tempel der Hera Teleia, beide zu 
Pausanias Zeit in Trümmern liegend, trug. Neben der Halle, 
wahrscheinlich, westlich, hatte früher ein Tempel des Hermes 
Akakesios gestanden, von welchem zu Pausanias Zeit nur eine 
jedenfalls zum Cultbilde des Gottes gehörige marmorne Schild- 
kröte übrig war; an die Ostseite der Halle stiess eine kleinere, 
weiche sechs Bureaux für Regierungsbeamte enthielt; hinter ihr 
stand ein Tempel der Tyche. An der Ostseite des Marktes, wahr- 
scheinlich am westlichen Fusse einer bis nahe ans Ufer des 
Flusses sich hinziehenden niedrigen Anhöhe, welche im Allerthum 
den Namen Skoleitas geführt zu haben scheint, stand eine haupt- 
. sachlich für den Verkauf von Parfumeriewaaren bestimmte, daher 
Myropolis genannte Halle , welche aus der Beute einer siegreichen 
Schlacht gegen die Spartaner erbaut worden war. Die Südseite 
des Marktes wurde durch eine nach ihrem ^Erbauer Aristandros 
Aristandreios Stoa genannte Halle und zwei geräumige Heilig- 
thümer abgeschlossen : dem östlich von der Halle gelegenen, 
ringsum von Säulen umgebenen Heiligthum des Zeus Soter und 
dem an das westliche Ende der Halle sich anschliessenden hei- 
ligen Bezirke der * grossen Göttinnen', d. i. der Demeter und 



*) Paus. c. 30, 2 — 5. Dass* unter diesen Statuen auch die des Phi- 
lopoimen gewesen sei, ist eine scharfsinnige Vermutung von C. Keil 
Analeeta epigraphica p. 16 ss. 

17* 



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248 IL Peloponnesos. 

Rora, welcher ausser dem Tempel dieser Göttinnen selbst solche 
des Zeus Philios (mit einem kleinen Hain dahinter), der Aphro- 
dite und der Kora, sowie zahlreiche Bildwerke enthielt. An die 
Westseite des Marktes endlich stiess das Gymnasion.^) 

In dem Stadttheile südlich vom Flusse, welcher den beson- 
deren Namen Orestia führte,') war das bedeutendste Bauwerk 
das Theater, das gr5sste aller Theater in ganz Hellas, dessen 
nur zu einem kleinen Theile auf einer natürlichen Anhöhe ruhen- 
des, zum grössten Theile durch Erdaufschüttung und starkes 
Mauerwerk an beiden Flugein gebildetes, gegen Norden geöff- 
netes Halbrund auch jetzt noch, obgleich keine einzige Sitzstufe 
mehr sichtbar ist, einen stattlichen Eindruck macht In dem 
der untersten Sitzreihe zunächst gelegenen Theile der Orcheslra 
sprudelte eine wasserreiche Quelle, die noch jelzt. obgleich ver- 
schultet, den Umwohnern bekannt ist.*) In der Nähe des Theaters 
stand das nach seinem Stifter Thersilion genannte Rathhaus, 
das Versammlungslocal für die Volksvertretung, den Rath der 
Zehntausend, von dem Pausanias nur noch die Fundamente vor- 
fand; daneben ein für Alexander den Grossen errichtetes, mit 
einer Herme des Ammon geschmücktes Haus, das später in Privat- 
besitz übergegangen war. Verschiedene Heiligthümer, sämmtlich 
zu Pausanias Zeit verfallen , waren in der Nähe des Theaters ver- 
einigt: ein gemeinsames der Musen, des Apollon und des Hermes, 
eins des Ares, eins der Aphrodite; oberhalb des letzeren, das 
also nordöstlich vom Theater nach dem Flusse zu gelegen haben 



*) Patis. c. 30, 6—31, 9; dazu Boss Reisen im Pel. S. 76 ff.; Curtiüs 
Pel. I, S. 285 ff. Der Flnss scheint übrigens seinen Lauf etwas geän- 
dert zu haben, da ich an zwei Stellen im jetzigen Flussbett antike 
Mauerreste, die nicht von einer Brücke herrühren können, bemerkte. 

•) Steph. Byz. u. Mtydlrj noUg sagt nur: ixaXsito dh xat« xo ^jitav 
lA^QOg 'Ogtarla dno rijs tov ^Ogiatov nocf^ovaiag: dass damit der südlichere 
Stadttheil gemeint ist, zeigt die an der Strasse nach Messene gelegene 
Qruppe von auf Orestes bezüglichen Heiliglhümern und Denkmälern (Paus. 
c. 34, 1 SS.). Die Bevölkerung der Stadt, respective des Staates, war in 
eine Anzahl Phjlen getheilt, von denen wir nur noch eine, die der Av- 
nasittxtj mit Kamen kennen: s. die Inschr. Annali XXXm, p. 33 ss. 

») Paus. c. 32, 1; vgl. den Plan Exp^. de Mor^e II, pl. 39; Wiese- 
ler Theatergebäude S. 6, Tfl. I, 20. Beispiele von Quellen, Brunnen und 
Cisternen in antiken Theatern giebt Wieseler 'Griechisches Theater* in 
der AUgem. Encycl. d. Wiss. u. Künste Sect. I, Bd. 83, S. 238. 



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4. Arkadien: Megalepolitls. 249 

muss, zog sich das Stadion hin, das mit seinem westlichen 
Ende an den östlichen Flügel des Theaters stiess; auch in ihm 
entsprang eine Quelle, dem Dionysos geweiht, dessen zwei Gene- 
rationen vor Pausanias vom Blitz zecstörter Tempel das Ostende 
des Stadions abschloss. In der Nähe des Stadions stand auch 
ein gemeinsamer Tempel des Herakles und des Hermes, an desseri 
Stelle später ein blosser Altar beider Götter getreten war. Weiter 
östlich lagen auf einem Hügel von geringer Erhebung ein von 
Aristodemos gestifteter Tempel der Artemis Agrotera und zur 
Rechten desselben ein heiliger Bezirk mit einem Heiligthum 
des Asklepios und der Hygieia und einer Anzahl etwas weiter 
abwärts am Abhang des Hügels aufgestellter Hermenbilder der 
sogenannten ^arbeitenden Götter' CEgyäzat): der Athene Ergane, 
des Apollon Agyieus; des Hermes, des Herakles und der Eileithyia. 
Am Fusse des Hügels endlich lag ein Heiligthum des in Knaben- 
gestalt verehrten Asklepios, in dessen Nähe wieder eine Quelle 
entsprang, deren Wasser nach dem Helisson abfioss.-^) 

In der nähern Umgebung der Stadt fand sich an den von 
den Hauptthoren derselben aus nach verschiedenen Richtungen 
führenden Strassen, von denen schon oben bei der Schilderung 
des Landgebietes der Stadt die Rede war, eine Anzahl von Heilig- 
thümern und sonstigen Denkmälern,' die zum grössten Theile 
noch aus der Zeit vor der Gründung der Stadt datirten. So lag 
zur Linken der Strasse nach Hessene sieben Stadien vom Thore 
ein Platz, Maniai genannt nach einem Heiligthum der unter dem- 
selben Namen (als Furien) verehrten Göttinnen, die an einem 
nicht weit von da entfernten, Ake (Heilungen) genannten Platze 
in einem zweiten Heiligthum als Eumenides zugleich mit den 
Chariten verehrt wurden; zwischen beiden Heiligthümern, an 
welche die Legende vom Orestes, der am erstem Platze von der 
Raserei ergrÜTen, am zweiten davon geheilt worden sein sollte, 
sich knüpfte, erhob sich ein niedriger Erdhügel mit einem aus 
Stein gearbeiteten Finger auf der Spitze, das sogenannte Finger- 
mal, das nach der Legende ebenfalls das Andenken des 



') Paus. c. 32; vgl. Ross Reisen im Pelop. S. 74 f. Ein nicht näher 
zu bestimmender Theil der Stadt, der bis an die Ringmauer reichte, hiess 
6 ^alsog nach Polyb. IX, 18; vgl. II, 65, wo derselbe Name (statt Äo- 
Xaiov) herzustellen ist. 



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250 II. Pcloponnesos. 

Orestes, der sich hier in einem Anrall von Raserei einen Finger- 
abgebissen habe, verewigte, wie man auch noch in der Nähe 
der Ake genannten Oertlichkeit ^den Scheerplatz' (Kureion) zeigte, 
an welchem Orestes, nachdem er wieder zur Besinnung gekom* 
men, sich die Haare habe scheeren fassen.') 

An der Strasse nach Methydrion lag dreizehn Stadien vom 
Thore auf einem Skiadis genannten Platze ein von Aristodemos 
errichtetes, zu Pausanias Zeit verfallenes Hciligthum der Artemis 
Skiaditis.2) 

Auf der Strasse, welche vom ^Sumpflhor' an der Ostseile 
der Stadt aus längs des Ilelisson nach den Dörfern der Mänalier 
führte, hatte man zur Linken einen Tempel des 'guten Gottes', 
weiterhin den Grabhügel des Aristodemos und ein Heiligthum der 
Athena Machanitis; zur Rechten ein Tcmenos des von den Mega- 
lepoliten durch ein jälirliches Opferfest gefeierten Boreas, das 
angebliche Grabdenkmal des Oikles, des Vaters des Amphiaraos, 
und fünf Stadien vom Thore den Tempel und Hain der 'De- 
meter im Sumpfe*, welcher nur für Weiber zugänglich war.') 

Während die Megalepolitis im Westen sich mit einem schmalen 
Strich, dem allen Gebiete der Kynuräer, bis zur Gränze von 
Elis (Triphylien) erstreckte (vgl. oben S. 233), ward sie im Sud- 
westen von einem arkadischen Cantone begränzt, dessen Bewoh- 
ruigaiia. ner, die Phigaleis, obwohl sie der Gründung von Megalepolis 

*) Paus. c. 34, 1 ff.: in § 3 nehme ich nicht, wie Schabart, Curtius 
n. a., eine Lücke, sondern eine Corraptel des Wortes lbqov an nnd 
schreibe: ngos Sl tq» Z^^^ '^^^^ 'jineciv itSQOv ictiv ovofiatoufvov 
KovQSioP, In dem JaxzvXov (ivfjfia vermutet F. Liebreeht (Heidelber- 
ger Jahrbücher 1869, S. 805) wohl mit Kecht das Grabmal eines Mutter- 
mörders nach der noch jetzt im Volksglauben erhaltenen Anschauung, 
dass einem Mattermörder (oder einem Kinde, das seine Mutter schlägt) 
die Hand znm Grabe herauswachse, eine Erklärung, die mir berechtigter 
scheint als die zweite von demselben Gelehrten ausgesprochene Vermuth- 
ung, dass der steinerne Finger vielmehr ein Phallos gewesen sei. Die 
von Dodwell (Clasa. u. topogr. Reise II, 2, S. 242 f.) in einer Kirche 
20 Minuten südöstlich von Sinano gefundenen, auf das üeiligthum der 
Maniä bezogenen Reste eines kleinen dorischen Tempels liegen nicht in 
der Richtung -der Strasse nach Messene, sondern der nach Pallantion, 
könnten also eher von Oresthasion (s. oben S. 227) herrühren. 

») Paus. c. 35,5; vgl. Steph. Byz. u. Zniag, wo der Platz Z%i€cg 
(Ethnikon Zntätrig) genannt wird. 

») Paus. c. 36, 5 f. 



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4. Arkadieu: Phigalia. 251 

in keiner Weisse feindiick gegenüber traten, doch auch nach der- 
selben ihre cantonale Selbständigkeit bewahrten. Dieser Canton, 
ein rauhes Bergland ohne Ebenen, daher fast ausschliesslich für 
Viehzucht geeignet, wird in seiner ganzen Länge von etwa fünf 
Stunden von der Neda durchflössen, die vom Kerausion herab- 
koromend , in einer engen ziemlich genau von Osten nach Westen 
gerichteten Schlucht, wenn auch mit mannigrachen Krümmungen, 
zwischen den Abhängen der das Lykäon wie die Nomia gegen 
Westen hin fortsetzenden Gebirgszüge, von denen sie namentlich 
von Norden her mehrere Zuflüsse erhält, dahin fliesst Die 
Hauptstadt des Cautons, Phigalia oder Phialia,^] lag auf einer 
halbkreisförmig von Bergen (dem Kotilion im Nordosten und 
dem Elaion im Nordwesten) umschlossenen, nach Süden gegen 
die Neda hin steil abfallenden Hochfläche, über dem nördlichen 
Ufer der Neda, in welche ein nahe an der Ostseite der Stadt 
Torüberfliessender Giessbach, der Lymax, einmündet.^) Die 
noch in ihrer ganzen Ausdehnung von etwas über eine Stunde 
erkennbare, durch theils runde, theils viereckte Thurme ver- 
stärkte Ringmauer folgt genau den Rändern des Plateaus, dessen 
höchster, im Nordosten gelegener Theil eine kleine von beson- 
deren Mauern umschlossene Akropolis von elliptischer Form 
bildet;^) innerhalb derselben lag wahrscheinlich das Heiligthum 
der Artemis Soteira, der Ausgangspunkt der festlichen Aufzüge 



*) Paus. c. 3, 1 ff. u. c. 39, 2 giebt die mythische Tradition, dass 
die Stadt zuerst qach ihrem Gründer Phigalos, einem Sohne des Lykaon 
(oder, wie Andere behaupteten, einem Autoclithonen) ^lyaXia (welcher 
Name auch zu Paus. Zeit wieder im Gebrauch war), später' nach Phialos, 
dem Sohne des Bukolion, ^idlua genannt worden sei (vgl. Steph. Byz. 
u. ^lyalna). Für ^idlBia (Ethnikon ^laXsvq) zeugen eine in Pavlitza 
gefundene, einen Vertrag zwischen den Phialeem, Messeniern und Aeto- 
lern enthaltende Inschrift (Archäol. Anzeiger 1859 S. 111* f.; vgl. An- 
nall XXXIII, p. 56 s.), eine Inschrift aus Mavromati bei Leake Morea III, 
Inscr. n. 46 u. Münzen mit der Legende *^Ij^^£52iV. Die Ueberlieferung 
der Handschriften ist ziemlich schwankend (besonders bei Polybius, der 
die Stadt öfter erwähnt). Vgl. Loheck Pathol. p. 104. 

>) Paus. c. 39, 5; 40, 2 n. 7; vgl. Conze u. Michaelis Annali XXXUI, 
p. 57 SS. 

^) Vgl. Leake Morea I, p. 494 es.; Ross Reisen im Pelop. S. 98 und 
den Plan in der Exp^d. de Mor^e II, pl. 1, wiederholt bei Curtius Pelop. 
I, Tfl. VL 



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252 II. Peloponnesos. 

der Phigaleer. Ausser diesem nolirt Pausanias in der Stadt ein 
Gymnasion, einen Tempel des Dionysos Akratophoro^ (in dessen 
Nähe wahrscheinlicli das von Diodor XV, 40 erwähnte, zu Pau- 
sanias Zeit wohl gänzlich verfallene Theater, lag) und die Agora 
mit einem sehr alterthümlichen Sleinbilde des Arrhachion, der 
bei der 54. Olympiadenfeier sterbend im Pahkration gesiegt hatte, 
und einem gemeinsamen Grabmale für hundert Männer aus Ore- 
sthasion, welche die Ol. 30, 2 durch die Lakedämonier aus ihrer 
Heimath vertriebenen Phigaleer bei der Wiedereroberung der 
Stadt mit Aufopferung ihres Lebens unterstützt hatten und in 
dankbarer Erinnerung daran jährlich ein Heroenopfer erhielten; 
ausserhalb der Stadt das auf einem stellen' Felsvorsprung östlich 
über dem Vereinigungspunkte des Lymax mit der Neda in einem 
Cypressenhain gelegene Heiliglhum der Eurynome, einer vom 
Volksglauben mit der Artemis identißcirten Göttin des feuchten 
Elements, deren Cultbild, halb V^eib, halb Fisch, nur einmal 
im Jahre, am Feste der Göttin, wo das sonst streng verschlossene 
Heiliglhum geöffnet und Opfer von Staatswegen und von Privat- 
leuten darin dargebracht wurden, dem Volke sichtbar war; endlich 
noch etwas weiter östlich, zwölf Stadien von der Stadt, warme 
Bäder. ^) Ausserdem lagen im Gebiete der Stadt zwei Heilig- 
thümer, von denen das eine den Besuchern durch die eigen- 
thümlichen Legenden und CultgebräucJie, die sich daran knüpften, 
heilige Scheu und Ehrfurcht, das andere durch die künstlerische 
Vollendung seines architektonischen und plastischen Schmuckes 
Bewunderung einflösste. Das erstere war die in einer grossartigen 
Felswildniss drelssig Stadien westlich von Phigalia, im Fusse des 
Elaion (des jetzigen Berges von Smarlina) über dem rechten Ufer 
der Neda, deren Wasser hier auf eine Strecke von 100 : — 150 
Schritt durch grosse eine natürliche Brücke über den Fluss bil- 
dende Felsmassen den Blicken des Wanderers verdeckt wird, be- 
findliche Grotte der schwarzen Demeter, worin diese Göttin, 



*) Paus. c. 39, 3 ff.; c. 40 u. c. 41, 1—6. Die kleine Akropolis ist 
wahrscheinlich das von Polyb. FV, 79 erwähnte IIoXsfAaQXSiov, Dass die 
Feste des Dionysos mit Chören und reichlichen Mahlzeiten gefeiert wur- 
deh, überhaupt Essen und Trinken bei den Phigaleern eine grosse Rolle 
spielten, zeigen die Notizen aus Harmodios von Lepreon Schrift nsgl tSv 
Tiatu ^lydlBiav (oder nagä ^lyaXsvai) vo[iiii(ov bei Athen. IV, p. 14S' 
SS.; X, p. 442»>; XI, p. 465« u. p. 479«. 



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4. Arkadien: Phigalia. 253 

von Zorn und Trauer erfüllt, lange Zeit ^ch verborgen und den 
Menschen ihre Gaben vorenthalten haben soll, bis Pan sie ent- 
deckte und dem Zeus ihren Aufenthaltsort anzeigte, der die 
Moiren zu ihr sandte, welche sie bewogen diesen ihren düstern 
Schmollwinkel zu verlassen. Die Grotte wurde dann von den 
Phigaleern als Heiligthum der Göttin eingerichtet und mit einem 
Schnitzbilde versehen, welches dieselbe sitzend in langem Ge- 
wände mit einem Pferdekopf und Pferdemähne anstatt mensch- 
lichen Hauptes, mit Schlangen und anderem Gelhier daran, einen 
Delphin in der einen, eine Taube in der anderen Hand haltend, 
darstellte. Dieses seltsame Bild war bald nach den Perserkriegen 
von Feuer verzehrt und in Folge dessen der Cult der Göttin von 
den Phigaleern vernachlässigt worden. Da kam eine schwere 
HungersnoÜi über das Land und das Delphische Orakel verkün- 
dete den es um Rath und Hülfe angehenden Bewohnern, dass 
dieselbe nur dann aufhören werde, wenn sie den Zorn der De- 
meter durch Wiederherstellung ihres I^eiligthums und ihres Cultus 
besänftigt haben würden, worauf diese durch den äginetischen 
Meister Onatas eine Nachbildung des alten Xoanon in Erz an- 
fertigen Hessen. ' Auch dieses Erzbild war zur Zeit des Pausanias 
spurlos verschwunden — wie ein Greis dem Reisenden erzählte, 
wären drei Generationen vor seiner Zeit Felsblöcke von der Decke 
der Grotte herabgestürzt und hätten es völlig zerstört — aber der 
öffentliche sowie Privat- Cultus der Göttin war dadurch nicht be- 
einträchtigt: alljährlich brachte eine Priesterin im Verein mit 
dem jüngsten Mitgliede des aus drei Bürgern von Phigalki be^ 
stehenden Collegiums der Hierothytä auf dem vor dem Eingang 
der von einem Elchenhain umgebenen Grotte errichteten Altare 
ein aus Obst, Weintrauben, Honigwabeh und frischgeschorner 
WoHe, worüber Oel ausgegossen wurde , bestehendes Opfer. Und 
wie wir öfter, namentlich an Plätzen, wo die Natur selbst das 
menschliche Gemüth zur Andacht und ehrfurchtsvollen Scheu vor 
der Gottheit stimmt, eine ununterbrochene Tradition des Cultus 
von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart finden , so ist dies auch 
hier der Fall: noch heut zu Tage versammeln sich am Feste der 
Mutter Gottes die Bewohner des auf einem kleinen Theil des 
Terrains des alten Phigalia gelegenen Dorfes Pavlilza und be- 
nachbarter Ortschaften unter den hohen Eichbäumen um die 
Grotte, deren durch eine kleine Mauer, unter welcher noch jetzt 



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254 II. Peloponnesos. 

die von Pausanias erwähnte Qnelle hervorsprudelt, verschlossenes 
Innere eine ärmliche Capelle der Panagia (Madonna) bildet, um 
derselben Ihre Verehrung lu bezeugen.') 

Das zweite Heiligthum im Gebiete von Phigalia war der 
oberhalb der zwei Stunden nordostwärts von der Stadt entfernten 
kleinen Ortschaft Bassä auf einem kleinen, an der Nordseite 
durch den Gipfel des Kolilion überragten Hochplateau, welches 
eine herrliche Aussicht nach Westen, Süden und Osten hin ge- 
währt, 1131 Meter über dem Meere gelegene Tempel des Apollon 
Epikurios^ ein mit der Front gegen Norden gerichteter dori- 
lischer Peripteros hexastylos (mit 6 X 15 Säuleu) aus ^inem 
feinen gelblich-weissen Kalkstein, das Dach und der plastische 
Schmuck aus Marmor, welcher von dem i)erühmten attischen 
Baumeister Iktinos *um den Beginn des Peloponnesischen Krieges 
erbaut worden war, noch heut zu Tage eine der schönsten und 
best erliallencn Tcmpelruinen Griechenlands. Das fnnere der 
Cclla, deren jedenfalls hypäthrales Dach durch eine Doppelreihe 
von je fünf durch Wandpfeiler mit den Seitenwänden verbundenen 
ionischen Halbsäulen getragen wurde, war mit einem 100 engl. 
FuSs langen , 2 Fuss 1 y^ Zoll hohen, aus 23 Platten zusammen- 
gesetzten Fries, wahrscheinlich einem nach attischen Vorbildern 
von peloponnesischen Kunstlern gearbeiteten Werke , geschmückt, 
der im Jahre 1811 durch eine Gesellschaft von Archäologen und 
Architekten verschiedener Nationen aus dem Schosse der Erde, 
die ihn vor gänzlicher Zerstörung bewahrt hat, wieder ans Tages- 
licht gefördert wurde und jetzt im britischen Museum aufbewahrt 
ist; auch die Melopcn des Hauptfrieses waren mit Sculpluren, 
von denen nur wenige Bruchstücke erhalten sind, versehen. Das 
zwölf Fuss hohe Erzbild des Gottes war von den Phigaleem nach 
der Gründung von Megalepolis als ein Beitrag zum Schmuck der 
ncngegründeten Stadt geschenkt uud dort auf der Agora. vor dem 
Temcnos des Zeus Lykäos aufgestellt worden (s. oben S. 247) ; in dem 
Tempel scheint dasselbe (obwohl Pausanias kein Cultbild darin er- 
wähnt) durch ein Akrolith (Holzstatue mit Kopf, Händen und Füssen 
aus Marmor) ersetzt worden zu sein, da sich im Innern der Cella 



^) Paus. c. 42 ; . dazu BeuM Etudes sur le Pcloponn^se p. 154 ss.; 
Annali Vol. XXXIÜ, p. 58 »s. 



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4. Arkadien: Heräilis. 255 

Bruchstücke colossaler Hände und Füsse aus parischem Marmor 
gefunden haben. ^) 

Oberhalb des ApoJlontempels stand in einer kleinen gegen 
Süden geöffneten Einsenkung nahe dem höchsten Gipfel des Berges 
ein Tempel der Aphrodite, der noch zu Pausanias Zeit, obgleich 
das Dach eingestürzt war, ein CuUbild enthielt; einige Minuten 
südwestlich unterhalb des Apollonlempels entspringt eine Quelle; 
deren Wasser sich nach kurzem Laufe im Boden verliert.^) 

Wie durch das Gebiet der Phigaleer im Südwesten, wird Heräitis. 
die Megalepolitis im Nordwesten durch einen selbständigen Ganton 
begränzt, welcher durch seine die längs des Alpheios hinführende 
Hauptstrasse aus Arkadien nach Olympia beherrschende Lage ein 
nicht gleichgültiger, durch seine aus Eifersucht auf seine canto- 
nale Selbständigkeit enUprungene Feindseligkeit gegen die Be- 
strebungen der arkadischen Einheitspartei ein gefährlicher Nachbar 
für Megalepolis war: die Heräitis, das Gebiet der nacli der 
einheimischen Tradition von Heräeus, einem Sohne des Lykaon, 
wie ihr alter Name Sologor^os vermuthen lasst vielmehr wohl 
von semitischen Ansiedlern aus Kypros, die von der eleischcn 
Küste aus bis hierher vorgedrungen sein mögen, gegründeten 
Stadt Heräa.') Ihr Gebiet, dessen Gränzeu gegen Elis durch 



Paus, c 41, 7 f., vgl. c. 30, 3 f. lieber den Tempel ß, 'Der 
Apollotempel zu Bassä in Arkadien und die daselbst ausgegrabenen Bild- 
werke, dargestellt und erläutert durch O. M. Baron von Stackeiberg', 
Frankfurt 1826; *The temple of Apollo Epicurius at Bassae near Phi- 
galia and other antiquities in the Peloponnesus , illustrated by Thomas 
Leverton Donaldson, Architect', in 'Antiquities of Athens and other 
places in Greece, ßicily etc. Vol. IV ' (London 1830); Expedition de Mo- 
rde Vol. II, pl. 4—30; Ivanoff in den Annali Vol. XXXVII (1865) p. 29 ss. 

') Paus. c. 41, 10, wo die Worte Kmzilov jilv i7cUXrj(fiv,^Aq>Qod^tT] 
Si iativ iv KtoxClm jedenfalls, wie auoh Schubart annimmt, verderbt und 
vielleicht so zu veirbessern sind: "Eati, d\ vn%Q x6 ttQov tov ^AitöXXmvog 
rov 'EnixovQiov KmxiXco {KmxCXca die besten codd.) ß^v inUXriaiVy 
*A(pQo9ixri di iaxiv tj KcoxtXoo (iv Koax^Xtp codd.). lieber die Re^te des 
Tempels s. Ross Reisen im Pelop. S. 100 f. 

') Paus. c. 26, 1; Steph. Byz. u. 'Tf^ata: letzterer giebt den deutlich 
an die Kyprischea Ortsnamen 26Xot und FoXyoC erinnernden Namen 
ZoXoyoQyog, Vermuthlich war die Stadt ursprünglich eine Pflanzstätte 
des Cultus der kypiischen Aphrodite, welche Göttin nach der Helleni- 
sirung der Bevölkerung mit der hellenischen Hera identificirt und dar- 



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256 H. Peloponnesos. 

den Lauf zweier Seitenflüsse des Alpheios^ des von Norden her 
von dem gleichnamigen Gebirge kommenden Eryroanthos^) 
(jetzt Doana) und des von Süden her einströmenden Diagon (vgl. 
oben S. 233), gegen die Megalepolitis durch die QueUen des von 
Nordosten dem Alpheios zufliessenden Baches Buphagos,^) im 
Norden gegen die Thelpusia durch die Tuthoa, einen west- 
lichen Nebenfluss des Ladon^) bezeichnet waren, wird ausser dem 
Alpheios von einem zweiten , an Länge des Laufes demselben fast 
ebenbürtigen, an Wasserreichthum ihm überlegenen Flusse durch« 
strömt, dem Ladon (vgl. oben S. 186), der 15 Stadien westlich 
von der Stadt Ueräa von Norden her in den Alpheios einmundet; 
unmittelbar vor der Einmündung theilt er sich in mehrere Arme, 
welche ein flaches, mit Platanen bewachsenes Delta, die Raben- 
insel {KoQcixcDV väaog) der Alten,*) umschliessen. 

Der beste Theil des Gebiets ist die fruchtbare, für Wein- ^) 



nach die Stadt in "Hgccta umgetauft wurde. ij 'Hgaiitig X(OQa Paus. 
V, 7, 1. 

^) Paus. c. 26, 3, nach welchem die Arkader den Erjmanthos, die 
Eleer dagegen den Grabhügel des Koröbos^ des Siegers im Wettlauf bei 
der ersten gezählten Olympienfeier, als Gränze bezeichneten: da nun die 
Eleer gewiss nicht s^u ihrem Schaden die Gränze regulirt haben werden, 
so kann, wie schon Curtius (Pelop. I, S. 367) u. Vischer (Erinnerungen 
S. 462 f.) richtig bemerkt haben, jener Grabhügel nicht auf dem rechten 
Ufer des Erymanthos, wo sich allerdings ein stattlicher, im December 1845 
durch den Architekten Schaubert auf Kosten der preussischen Kegierung 
theilweise geöffneter Tumulus befindet (vgl. Ross Reisen im Pelop. S. 107 
u. Wanderungen in Griechenland I, S. 192 ff.), sondern nur in einiger 
Entfernung vom linken Ufer des Flusses gesucht werden. 

«) Paus. V, 7, 1; VIII, 26, 8; 27, 17. 

') Paus. c. 25, 12; das von den Arkadern so genannte Uid^ov ist 
offenbar das zwischen der Tuthoa und einem weiter südlich fliessenden 
Bache üb«r dem linken Ufer des Ladon aufstf»igende, von zwei kleinen 
Schluchten durchschnittene Plateau, in dessen nördlichstem Theile jetzt 
das Dörfchen Vläehi liegt. 

*) Paus. c. 25, 12 f.; vgl. Leake Morea II, p. 90; Ross Reisen im 
Pel. S. 107; Curtius Pel. I, S. 369, die nur von zwei Armen des Flusses 
sprechen, während Vischer (Erinnerungen S. 462), offenbar in Folge einer 
Veränderung des Flussbettes, drei Arme vorfand. 

*) Von dem Wein von Heräa, wo noch jetzt ein trefflicher starker 
Rothweiu gebaut wiill, glaubte man im Alterthum, dass er die Männer 
rasend, die Frauen fruchtbar mache: s. Theophrast. Hist. plant. IX, 18, 
10, welche Stelle von den ülteren Herausgebern aus Athen. I, p. 31 f., 



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4. Arkadien: Ileräilis. * 257 

und Getreidebau gleich gut geeignete Ebene, welche sich am 
rechten Ufer des Alpheios hinzieht; in dieser lag auch auf einem 
gegen den Fluss allmalig abfallenden, im Osten tind Westen von 
einer unbedeutenden Schlucht begränzten Hügel (sudwestlich von 
den jetzigen Dörfern Hagios loannis .und Anemoduri) die Stadt 
Heräa, von welcher noch ziemlich ausgedehnte^ >dber unansehn- 
liche Ueberreste vorhanden sind. Zeügniss für ihre politische 
Bedeutung in der älteren Zeit giebt eine etwa um Ol. 50 abge- 
fasste Urkunde (C. I. gr. n. 11), welche einen Bundesvertrag 
auf 100 Jahre zwischen den Eleern (/«Af rot) und Heraern ('Hp/aorot) 
enthält. Die Stadt selbst hatte damals und lange nachher noch 
bei weitetn nicht den Umfang, von welchem noch die Buinen 
jetzt Zeugmss geben , sondern war jedenfalls auf die obere Fläche 
des Hügels, dife spätere Oberstadt, beschränkt, indem der grösste 
Theil der Bevölkerung in Dörfern oder auf einzelnen Landgütern 
wohnte; erst um die Zeit der Gründung von Megalepolis wurde 
durch die Spartaner, offenbar um den Bestrebungen der arkadi- 
schen Einheitspartei em Paroli zu biegen, ein Synoikismos ver- 
anstaltet, wodurch die Bewohner von neun ländlichen Ortschaften 
der Heräitis nach der jedenfalls in Folge dessen beträchtlich 
erweiterten und neu befestigten Stadt übersiedelten. ^) Diese trat 
spater dem achäischen Bunde bei, übergab sich im Jahre 224 
V. Chr. dem Antigonos Doson, gerieth dann für einige Zeit in 
die Hände der Aetoler und wurde endlich nach mehrfachem Be- 



Aelian. Var. bist. XIII, 6 u. Plin. N. h. XIV, 18, 116 richüg hergestellt 
worden ist. 

*) Strabon. VIII, p. 337, nach welchem der Synoikismos durch 
Rieomhrotos (König von Sparta 380 — 371) oder durch . Kleomenes (so 
richtig Böckh C. I. gr. I, p. 27 für KXt(ovv(iov der Codd.; gemeint ist 
Kleomenes ü., König von 370 — 309) geschah: vgl. Curtius Pel. I, S. 394. 
Der von Xenoph. ^ell. VI, 6, 22 erwähnte Einfall des arkadischen Bun- 
desheeres ins Gebiet vqn Heräa (369 v. Chr.) hat wahrscheinlich kurz 
vor dem Synoikismos stattgefunden, da Xenophon nur vom Anzünden 
der Häuser und Abhauen der Bäume, aber von keinem Angriff auf die 
Stadt spricht. .Auf die Stadt vor dem Synoikismos, die jedenfalls im 
Wesentlichen nur ein befestigter Zufluchtsort für die Bewohner der Land- 
gemeinden war, glaube ich auch, trotz des Widerspruchs von Curtius 
Pel. I, S. 346, die Erwähnung von Heräa als eines %(OQiov 6%v^6v hei 
Diodor. XV, 40 besdehen zu müssen. 



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258 II. Peloponncsos. 

Sitzeswechsel durch die Römer im Jahre 196 v. Chr. definitiv den 
Achäern zurückgegeben J) 

Durch diese mannichfacheQ Weebselfälie hatte die Stadt 
offenbar schwer gelitten , aber in den friedliclien Zeiten der beiden 
ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung sich einigermassen 
wieder erholt, so dass sie nocli Pausanias in leidlichem Zustande 
vorfand. Zwar von dem alten, offenbar in der Oberstadt gele- 
genen Haupttempel, dem. der Hera, waren nur noch die Säulen 
und andere Trümmer vorhanden, aber zwei Tempel des Dionysos, 
in welchen der Gott unter den Befnamen Polites und Auxites 
verehrt wurde, ein Gebäude zur Feier der Orgien des Dionysos 
und ein Tempel des Fan standen noch aufrecht und längs des 
Alpheios zogen sich von Myrthengebüsch und Bäumen eingefasste 
Promenaden mit Anlagen zu Bädern hin.^) 

Den Verkehr der Stadt mit der Gegend sudlich vom Alpheios 
vermittelte eine jetzt nicht mehr nachweisbare Brücke über diesen 
Fluss, über welche die Strasse nach Aliphera gieng.') Die wich- 
tigsten Verkehrsstrassen aber waren die westwärts über den gewiss 
ebenfalls überbrückten Laden nach Olympia, und die in südöst- 
licher Richtung nach Megalepolis führende; an letzterer lag un- 
gefähr zwei Stunden von Heräa in einer waldigen und wasserreichen 
Gegend die zu Pausanias Zeit verlassene alte Ortschaft Melä- 
neä, welcher einige Ruinen von Bädern und dergleichen in der 
Nähe des Dorfes Kakuraika anzugehören scheinen, und 40 
Stadien weiter hart an der Gränze der Megalepolitis, bei dem 
jetzigen Dorfe Trypäs, die Ortschaft Baphagion.^) 

Nördlich von der Heräilis erstreckte sich zwischen Elis 
im Westen, der Psophidia (gegen welche die Gränze zu Pausanias 



Polyb. II, 64; XVIII, 25; 30; Liv. XXVUI, 8; XXXIF, 6; 
XXXIII, 34. ' 

«) Paus. c. 26, 1 f. Dass Strab. VIII, p. 388 Heräa unter die Städte 
rechnet, * welche entweder gar nicht mehr vorhanden oder von denen 
kaum noch Spuren und Wahrzeichen sichtbar sind', ist offenbar eine 
aus mangelnder Autopsie entsprungene Uebertreibung. Dass auch der 
Alpheios ein Heiligthum in der Stadt hatte, ist aus Aelian. Var. hist. II, 
33 zu schliessen. 

») Polyb. IV, 77 f. 

*) Paus. c. 26, 8, vgl. c. 3, 3 u. V, 7, 1 ; Plin. N. h. IV, 6, 20; 
Steph. Byz. u. Mflaivat; Pouillon-Boblaye Recherches p. 159; Cartius 
Pelop. I, S. 350 f. 



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4. Arkadien: Thelpusia. 259 

Zeit durch eine sudlich vom Eichwald Aphrodision» wahrscheinlich Theipusia. 
auf dem Rücken des jetzt nach dem heil. Petros benannten Ge- 
birges aufgestellte Stele mit alterthömlicher Inschrift bezeichnet 
war) im Norden^ der Kleitoria und Megalepolitis im Osten die 
Thelpusia oder Telphusia,^) ein durchaus gebirgiger, aber 
von mehreren bedeutenden Wasseradern — dem Ladon, einem, 
von den Alten Arsen genannten, vom Aphrodisionwalde herkom- 
menden nordwestlichen Nebenflusse desselben, und dem Ery- 
manthos — durchzogener Canton, dessen Hauptort, ThelpuSa 
oder TeFphusa, an und auf einer von zwei kleinen Bächen im 
Norden und Süden umflossenen Anhöhe über dem linken Ufer 
des Ladon (etwas nordwestlich von dem jetzigen Dörfchen Vanäna) 
lag. Die schon zu Pausanias Zeit zum grösslen Theil verödete 
Stadt, von der jetzt mir noch einige Spuren, der Ringmauer, 
Säulenstücke und Trümmer eines grossen -Wasser bassins, sowie 
«Ines wahrscheinlich zu Badeanlagen bestimmten Backsteinge- 
bäudes mit gewölbter Decke übrig sind, verdankte ihren Namen 
und wohl auch ihre Entstehung einer nach dem Ladon abflies- 
senden Quelle, deren wahrscheinlich als heilkräftig geltendes 
Wasser zur Errichtung eines Tempels des Asklepios, mit wel- 
chem, wie so häuQg, eine Curanstalt verbunden sein mochte, 
Veranlassung gab.^) 

Südlich von der Stadt standen auf einem Onkeion genannten 
Platze am linken Ufer des Ladon, angeblich der Stätte einer 
alten Stadt Onkä, Heiligthümer der Demeter Erinnys und, 
etwas, weiter stromabwärts, des Apollon Onkäatas, letzlerem gegen- 
über auf dem rechten Flussufer ein Ileiligthum des Asklepios als 
Knabe mit dem Grabmale seiner angeblichen Amme Trygon. ^) 



<) Der Name lautet Gilnovaa, GsXnovaCa bei Paus. c. 25, 1 ff. und* 
auf Münzen (OEA); OdXnovaa bei Steph. Byz. u. d.W.; Bagnovaa bei 
Hierocl. Synecd. 10 (p. 392, 13 ed. Bekk.); TiXtpovaa^ TsltpovaCa bei 
Polyb. II, 64; IV, 60; 73; 77; Diod. XVI, 39; Lycophr. Alex. 1040; Steph. 
Byz. u. d. W.; Hesych. u b AovaCa. Der Name ist, da er ursprüng- 
lich eine Quelle bezeichnete (Paus. c. 26, 2), wohl von ^uXnm herzuleiten. 

') Paus. c. 26, 2 f., der ausser dem Tempel des Asklepios nur noch 
ein yerfallenee Heiligthum der 12 Götter und die zu seiner Zeit am Ende 
der Stadt gelegene Agora erwähnt. Ueber die Ruinen s. Ross Reisen im 
Pel. S. 111 f.; Leake Morea II, 5. 97 ss. 

3) Paus. c. 25, 4 ff.; vgl. Etym. M. p. 613, 42; Steph. Byz. u. *Öy- 
%HOv\ Lycophr. AI. 1225 c. schol. Die Uebercinstimmung der Namen 



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260 IF. Poloponnesos. 

Flussaufwärls von Thelpusa, an der Gränze gegen die Kleitoria, 
lag ein Heiligthum der Demeter Eleusinia mit sieben Fuss hohen 
Steinbildern der Demeter, der Kora und des Dionysos; ferner 
40 Stadien nördlich von der Stadt, 25 Stadien südlich von der 
Stelle , wo die durch den Aphrodisionwald kommende Strasse von 
Psophis her den Arscnbäch in seinem obersten Laufe über- 
schritt, an dieser Strasse zwischen den Trümmern einer Korne 
Kaus ein Heiligthum des Askiepios KausiosJ) Endlich eine 
St'unde westwärts von Thelpusa, mo sich in beträchtlicher Höhe 
über dem rechten Ufer des Arsen zwischen den Dörfern Rhachäs 
und Slavri Reste einer alten Ortschaft finden, lag wahrschein- 
lich Stratos, ein befestigter Ort, welcher während des Bundes- 
genossenkrieges von den Eleern occupirt, im Jahre 218 durch 
Philipp V. von Makedonien den Thelpusiern zurückgegeben wurde.^) 
Die über Thelpusa und Kaus führende Strasse von Heräa 
nach Psophis und Kleitor durchschnitt gleich jenseits der Gränze 
Paophidia. (jpr Thelpusia den schon mehrfach erwähnten, bereit^ zur Pso- 
phidia, dem nordwestlichsten Can ton Arkadiens, gehörigen Eich- 
wald Aphrodision, der sich am nördlichen Abhänge des h. 
Petrosgebirges hinzog, und stieg dann über Tropäa, einen Platz, 
der seinen Namen jedenfalls einem siegreichen Kampfe der Pso- 
phidier gegen einen Feind, der in ihr Gebiet eingedrungen war, 
verdankte,^) in das Thal des Erymanthos hinab, über dessen 
rechtem Ufer, gerade in dem Winkel, welcher durch die Ein- 
mündung eines von Norden her konmienden Giessbaches, des 
Aroanios, gebildet wird, auf einem langgestreckten Hügel die 
Stadt Psophis, durch Natur und Kunst eine der festesten Städte 



"OynaL und TsX(povacc mit denen böotischer Oertlichkeiten (vgl. Bd. I, 
S. 227 u. S. 234) lässt auf alten Zusammenhang der Bewohner der Thel- 
pusia mit denen des innem Böotiens schliessen. 

*) PauB. c. 25, 1; Steph. Byz. u. Kaovg, 

*) Polyb. IV, 73 (auch'c. 60 ist jedenfalls für Fogyov oder Fogtvvav 
2^tparov' herzustellen); vgl. Curtius Pel. I, S. 373. Die Identität des 
Ortes, mit dem homerischen ZxQotxCri (II. B, 606; vgl. Strab. VIII, p. 388; 
Paus. c. 25, 12; Steph. u. Ztgatia) ist ganz unsicher. 

•) Paus. c. 25, 1. Dem Waldreichthum seines Gebietes verdankte 
Psophis offenbar den Namen 4>jfyata, welchen es nach Paus. c. 24, 2 u. 
Steph. Byz. u. ^r^ytia in der ältesten Zeit geführt haben soll. Auf dem 
felsigen Boden in der Nähe der Stadt wuchs das Heilkraut navdtLsia in 
besonderer Fülle und Trefflichkeit: Theophr. Hist. pl. IX, 15, 7. 



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4. Arkadien: Psophidia. ^1 

Arkadiens, sich ausbreitele. Der Rücken des Hügels erscheint 
als ein von Süden schroff aufsteigender zackiger Felskan^m , von 
dem sich im Nordosten und Südwesten mehrere Ausläufer gegen 
den Erymanthos und den Aroanios hinziehen; der nordöstlichste 
dieser Ausläufer, die höchste und schroffste Partie des ganzen 
Terrains, bildete wahrscheinlich die Akropolis der alten Stadt. 
Die aus ziemlich regelmässigen Steinen erbaute, durch Thürme 
von meist viereckter Grundform (nur an der Südwestecke be- 
merkte ich die Reste eines Rundthurmes) geschützte Stadtmauer, 
die noch in ihrer ganzen Ausdehnung zu verfolgen, wenn auch 
nur an wenigen. Stellen in beträchtlicher Höhe erhalten ist, zog 
sich an der Nordseite des felsigen Kammes hin, stieg dann auf 
den höchsten Gipfel, auf welchem man die Ruinen eines mittel- 
alterlichen Thurmes und zahlreicher moderner Häuser bemerkt, 
hinan, von hier, sowie an der Westseite, wo sie ungefähr dem 
Bette des Aroanios parallel gieng, nach dem rechten Ufer des 
Erymabthos hinab; auf welchem sie in geringer Höhe über dem 
Flusse hinlief. Innerhalb der Stadtmauer bemerkt man am west- 
lichen Abhänge des südwestlichen Ausläufers des Hügels die gegen 
Westen geöffnete Cavea eines kleinen Theaters, von der noch 
einige sehr zerstörte Sitzstufen umherliegen, weiter östlich die 
Fundamente mehrerer antiker Gebäude von verschiedenen Dimen- 
sionen; nahe dem Ufer des Erymanthos den Unterbau eines 
Tempels hebst Grundmauern der Cella von bedeutender Grösse 
(wahrscheinlich des Tempels des Erymanthos, in welchem noch 
Pausanias eine Statue dieses Flussgottes aus weissem Marmor sah) ; 
endlich in der Kirche und im Hofe des jetzt aufgehobenen und 
als Domäne verpachteten Klosters des hagios Pateras, welches im 
östlicheren Theile des alten Stadtgebietes steht, einige nur an 
der unteren Hälfte des Schaftes canelirle dorische Säulen nebst 
zahlreichen Fragmenten solcher, mehreren dorischen und ioni- 
schen Säulencapitälen und einer Anzahl anliker Werkslücke , wahr- 
scheinlich Ueberreste des Hauptheiligthums der Stadt, des Tempels 
der Aphrodite Erykine, der schon zu Pausanias Zeit in Trümmern 
lag, wie auch die Heroa des Promachos und de» Echephron, der 
Söhne des Herakles von der Nymphe Psophis, bereits verschwun- 
den waren. Ausserhalb der alten Stadtmauer, zunächst dem Ver- 
einigungspunkte des Aroanios und Erymanthos, steht jetzt eine 
stattliche Eiche mit einem Madonnenbilde, daneben liegen die 

DURSIAN, GBOGR. II. 18 



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262 IL Peloponuesoit. 

Trümmer einer auf antiken Fundamenten und aus antiken Werk- 
stücken erbauten Capelle, welche wahrscheinlich an die Stelle 
des Grabmals des Alkmäon, eines kleinen und schmucklosen Ge- 
bäudes , das zu Pausanias Zeit von mächtigen Cypressen beschattet 
wurde, getreten istJ) 

Psophis hatte ausser seiner militärischen Bedeutung, die 
besonders im Bundesgenossenkriege hervortrat, wo es von den 
Eleern und Aetolern besetzt war, von Philipp V. aber im Sturm 
genonuncn und den Acbäern übergeben wurde (im Jahre 219 
V. Chr.), auch grosse Wichtigkeit als Knotenpunkt mehrerer grosser 
Verkehrsstrassen. Ausser der schon geschilderten Strasse nach 
Thelpusa und Heräa (und Olympia), welche den Erymanthos, 
wahrscheinlich an derselben Stelle wie der jetzige Beilweg, etwa 
400 Fuss oberhalb der Einmündung des Aroanios, auf einer 
Brücke überschritt, beherrschte die Stadt nicht nur die Strasse nach 
Kleitor und Pheneos, welche am rechten Ufer des Erymanthos 
aufwärts, dann, nachdem sie diesen an der Stelle, wo er seine 
nord-südliche Bichtung in eine südöstliche verwandelt, über- 
schritten hat, am rechten Ufer eines Nebenflusses desselben (jetzt 
Fluss von Sopoto genannt) hin und über den steilen Tartariberg 
in das Thal von Kleitor führt, sondern auch die Strasse nach 
Kaphyä und Orchomenos. Diese letztere zweigt sich von der 
Strasse nach Thelpusa bald nachdem dieselbe die Erymantbos- 
brücke überschritten bat in südöstlicher Bichtung ab und folgt 
dem rechten Ufer eines Baches (jetzt Bach von Liopesi, auch 
Bach von Skupi genannt) , der etwa 300 Fuss unterhalb der Ein- 
mündung des Aroanios sich in den Erymanthos ergiesst.^) Auf 
dieser Strasse kam man 30 Stadien von Psophis an einen Seirä 
genannten Platz, welcher die Gränze der Psophidia gegen den 
Kieitoria. grösseren Nachbarkanton, die Kleitoria, bildete, bald darauf 



*) Polyb. IV, 70 flf.; Paus. c. 24; Ptol. HI, 16, 19; Steph. Bjz. n. 
^attpCg; PUn. N. h. IV, 6, 20; Pomp. Mela 11, 43. Vgl. die, freUich 
nicht ganz genaue, Planskizze bei Leake Morea II, pl. 1, wiederholt bei 
Curtius Pel. I, Tfl. VIII; dazu auch Th. Wyse An excursion in the 
Peloponnesus IT, p. 159 ss. 

*) Dieser Vereinigung von drei Flüssen verdankt die Gegend ihren 
jetzigen Namen TginotafiOf mit welchem speciell ein nahe dem rechten 
Ufer des Baches von Liopesi stehender, zu dem etwa % Stunden weiter 
westlich gelegenen Dorfe Mostinitza gehöriger Khan bezeichnet wird. 



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4. Arkadien: KlcUoria. 263 

zu einer Ortschaft Paon oder Päon» die in alten Zeiten eine 
nicht unbedeutende Stadt, später eine blosse Korne von Kleitor 
Trar und zu Pausanias Zeit bereits im Trümmern lag.') Gleich 
darauf führte die Strasse durch den wildreichen Wald Soron, 
sodann über die Ortschaften Skotane, Lykunta und Argeathä 
(zu Pausanias Zeit jedenfalls blosse wüste Marken) an den Ladon, 
den sie wahrscheinlich an derselben Stelle, wo noch jetzt eine 
Brücke sich befindet (bei einem Khan unterhalb der Kalybien von 
Philia) überschritt, um dann am Tragjosbache (s. oben S. 206) 
aufwärts in die Ebene von Kaphyä zu gelangen.^) 

Eine grössere Wassermenge als der Tragos führt dem Ladon 
der ungefähr eine halbe Stunde weiter östlich von Norden her 
einmündende fischreiche Bach von Sudena zu, der von den Alten 
nach dem Aroaniagebirge, an dem er entspringt, Aroanios 
genannt wurde. Zwei Stunden oberhalb seiner Einmündung in 
den Ladon dehnt sich von seinem rechten Ufer gegen Westen 
eine zwei Stunden lange , durchschnittlich kaum eine halbe Stunde 
breite Ebene mit fruchtbarem Ackerland aus, von einem kleinen 
in den Aroanios mündenden Bache durchflössen, welcher ebenso 
wie die an seinem linken Ufer, etwas über eine halbe Stunde 
westlich vom Aroanios gelegene Stadt den Namen Kleitor führte, 
der jetzt in der Vulgärform Klituras auf ein IV2 Stunde weiter 
westlich am östlichen Abhang des Tartariberges gelegenes Dörf- 
chen übergegangen ist. Auf der jetzt Paläopolis genannten Stätte 
der alten Stadt finden sich noch zwischen den Feldern Beste der 
alten Stadtmauer, besonders von der West- und Südwestseite, 
an welcher auf einem niedrigen Hügel die mit 15 Fuss starken, 
durch Bundthürme vertheidigten Mauern umgebene Akropolis lag. 



*) Paus. c. 23, 9; Herod. VI, 127. Die Beziehung der nordöstlich 
vom Dorfe Besini oberhalb des rechten Flussufers ^legenen nicht unbe- 
deutenden Ruinen einer alten Stadt auf Paon (Französ. Karte Bl. 7; 
Pouillon-Boblaye Recherches p. 167) scheint mir wegen der Entfernung 
dieses Platzes von Psophis (3 Stunden) unwahrscheinlich. 

') Paus. c. 23, 8. Zoqanv ist wahrscheinlich arkadische Form für 
ZdQmvi vgl. Hesych. eogcavls' iXcetrj nccXoc^a, u. ders. aa^mvC^Bg' — cct 
Sia naXatotrjTcc %sxrjvvi(XL dgvsg. Bei den Kalybien von Philia mag 
eine der Ortschaften zu suchen sein, an welchen nach Paus. c. 26, 2 der 
Ladon bei seinem Laufe innerhalb der Kleitoria von seinen Quellen an 
bis zur Gränze der Thelpusia vorüberfloss: AsvHccatoVj Msaoßoa, Näaoiy 
*Ö^v{, ^JXovg und BaXid9at: vgl. Leake Peloponnesiaca p. 228. 

18* 



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264 II. Pcloponnesos. 

Am Westabhang dieses Hügels erkennt man noch innerhalb der 
Ringmauer die Form der gegen Westen geöfTneten Cavea eines 
kleinen Theaters. Nördlich und östlich unterhalb des Hügels sind 
zahlreiche Säulenreste und sonstige Bautrümmer in den Feldern 
zerstreut, die bedeutendsten (darunter ein dorisches Capital^ 
mehrere Troncs canelirter Säulen und Architravstücke) am wei- 
testen östlich unter einer mächtigen Eiche, wo Trüber eine Ca- 
pelle der Panagia stand, vielleicht an der Stelle des Heilig thums 
der Eileithyia, welches Pausanias mit den Heiligthümern der 
Demeter und des Asklepios zu den stattlichsten Bauwerken der 
alten Stadt rechnet. Die westlich ausserhalb der Stadtmauer ge- 
legenen Fundamente eines grossen Gebäudes mit Säulenresten 
gehören wahrscheinlich dem Heiligthume der Dioskuren, die hier 
unter dem Namen der 'grossen Götter' verehrt wurden, an. Dreissig 
Stadien von der Stadt, wahrscheinlich nordwärts, lag auf einem 
Berggipfel ein Heiligthum der Athene Koria. ^) 

Die Stadt, deren Bürger Polybius (U, 55) als tapfer und 
freiheitsliebend rlihmt, nahm wahrscheinlich frühzeitig eine Art 
vorörtlicher Stellung unter den azanischen Ortschaften (vgl. 
oben S. 189, Anm. 1) ein und benutzte diese Stellung 
dazu , allmälig die schwächeren Nachbarstädte zu unterwerfen 
und so ihr Gebiet gegen Süden bis über den Ladon, gegen 
Norden bis zum Aroaniagebirge auszudehnen. Durch diese 
Gebietserweiterungen kam sie wohl in Conflict mit dem 
die gleiche Tendenz verfolgenden Orchomenos, gegen welches 



*) Paus. c. 21 ; vgl. die Pläne bei Leake Morea 11, p. 258 u. Lebas 
Voyago arch^ologlqae en Grfece etc., Itin^raire pl. 34 (wiederliolt bei 
Curtiuß Pel. I, Tfl. VIII) u. die Ansicht bei Dodwell VieT?*r8 pl. 64, dazu 
Viflcher Erinnerungen S. 478. f., mit dessen Schilderung' meine eigenen 
Aufzeichnungen ganz übereinstimmen. Ein hübsches ionisches Capital 
und zwei canelirte Säulentroncs von verschiedenem Durchmesser, die ich 
in dem V2 Stunde östlich von der Paläopolis am Aroanios gelegenen Dorfe 
Mazeika Kalybia neben der neuerbauten Kirche fand, sind wahrschein- 
lich aus der Paläopolis dorthin verschleppt worden; doch erwähnt Dodwell 
(Class. u. topogr. Reise II, 2, S. 334) nicht weit von dem Dorfe Üeber- 
reste eines kleinen Tempels von dorischer Ordnung. Der Name Klsixag 
fauf Münzen auch AAijtod^, bei Grammatikern KlitOQiOv) bezeichnet wohl 
die rings von Bergen umschlossene Ebene. Die singenden Fische, die 
nach dem Qewährsmanne des Pausanias im Aroanios leben sollten, ver- 
setzt Mnaseas bei Athen. VIII, p. 331** in den FluöS Kleitor. 



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4. Arkadien; Kleitoria. 265 

sie im Jahre 378 v. Chr. mit Söldnertruppen Krieg führte. ') Im 
Gegensatz zu dieser Stadt und in Uebereinstimmung mit Hanti- 
neia und Tegea förderte sie die arkadischen Einheitsbestrebungen : 
zwei ihrer Bürger, Kleolaos und Akriphios, gehörten zu der von den 
Arkadern für die Gründung von Megalepolis erwählten Commission.^) 
Als Mitglied des achäischen Bundes, dem sie sich wahrscheinlich 
gleichzeitig mit Megalepolis (um das Jahr 235) angeschlossen hatte, 
leistete sie im Jahre 220 den Aetolern tapferen Widerstand; in 
ihren Mauern tagte im Jahre 184 die achäische Landsgemeinde, bei 
welcher eine römische Gesandtschaft unter Führung des Appius 
Claudius erschien.^) 

Geht man aus der Ebene von Kleitor am Aroanios aufwärts, 
so gelangt man nach 2 Yj Stunden in eine gegen Norden durch 
das Veliagebirge (s. oben S. 183) abgeschlossene Ebene, die sich 
gegen Südwesten in einem gegen eine deutsche Heile langen 
schmalen Thale fortsetzt. Im nördlicheren Theile dieses Thaies 
sammeln sich die von den es umschliessenden Bergen herab- 
kommenden Gewässer und bilden, da einige Katabothren am 
Fusse des westlichen und östlichen Gebirges ihnen keinen aus- 
reichenden Abfluss gewähren, einen langen, schmalen See, der 
im Alterthuni in Folge besserer Regulirung der Gewässer nicht 
vorhanden gewesen zu sein scheint.^) In der obern Ebene, 
die jetzt zu dem Dorfe Sudena gehört, lag Lusoi, noch Ol. 
58, 3 eine selbständige Stadt der Azanen,, später eine Kome 
der Kleitorier, die bloss noch sacrale Bedeutung hatte 
durch den alten, mit Asylrecht begabten Tempel der 'milden' 
Artemis ('HfiBQa oder 'HfiBQaöia) , der von einem Haine um- 
geben war, in welchem heilige Tbiere der Göttin (hauptsäch- 



*) Xen. Hell. Y, 4, 36 f. Eine colossale Erzstatue des Zeus hatten 
die Kleitorier als Weihgesclienk von der Beute aus vielen eroberten 
Städten nach Olympia geweiht: Paus. V, 23, 7. 

«) Paus. c. 27, 2. 

') Polyb. IV, 18 f.; XXUI, 5; Liv. XXXIX, 35. — Die Angabe über 
den Verfall der Stadt bei Strab. VIII, p. 388 ist jedenfalls stark über- 
trieben. 

*) Allerdings spricht Plin. N. h. XXXI, 2, 16 von einem Clitorius 
lacus, allein die Berufung auf Eudoxos und die Vergleichung der von 
Steph. Byz. u. ^AJ^avCa erhaltenen Worte desselben beweist, dass darunter 
die Quelle bei Lusoi (s. u.) zu verstehen ist. 



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266 H. Peloponoesos. 

lieh ^ohl Hirsche und Rehe) gehegt wurden. Innerhalb dieses 
Haines strömte aus einer Grölte eine Quelle hervor, an welcher 
einst Melampus die von Wahnsinn erfassten Töchter des Proitos 
gereinigt und geheilt haben sollte; nach einem allgemein ver- 
breiteten, durch eine an der Quelle selbst angebrachte Inschrift 
bestätigten Glauben flösste das Wasser dieser Quelle denen, die 
es tranken, eine unüberwindliche Abneigung gegen den Genuss 
des Weines ein. Auch fabelte man von Hausen, die in dieser 
Quelle leben sollten. Der Tempel, welcher im Bundesgenossen- 
kriege von einem ätolischeo Heerhaufen unter Fuhrung des 
Timäos geplündert wurde, lag wahrscheinlich am nordöstlichen 
Rande der Ebene unmittelbar unterhalb des Aroaniagebirges, wo 
man noch Spuren einer alten TeropelceUa bemerkt hat; auf dem 
Gebirge, am Wege von Lusoi nach Nonakris, zeigte man noch 
zur Zeit des Pausanias, der von der Ortschaft Lusoi nicht einmal 
Trümmer mehr vorfand, die Grotte, in welche die Töchter des 
Proitos in ihrem Wahnsinn sich geflüchtet haben sollten.^) 
Eynätbeii. Am nördlichen Fusse des Veliagebirges erstreckt sich von 
Westen nach Osten eine etwa 1 Yj Stunden lange fruchtbare Ebene, 
die von einem in der Kleitoria entspringenden , durch einen Spalt 
zwischen dem westlichen Ende der Aroania- und dem östlichen 
der Erymanthoskette in die Ebene eintretenden Flusse durch- 
strömt wird, der von den Alten Er a sin os,^) jetzt nach dem am 
östlichen Ende der Ebene anmutbig zwischen Gärten gelegenen, 
von den Ruinen einer fränkischen Burg überragten Städtchen 
Kalavryta (d. i. Schönbrunn) der Fluss von Kalavryta genannt 
wird. Die Ebene und die Abhänge der sie umschliessenden Ge- 
birge bildeten das Gebiet der Kynätheis oder Kynäthaeis, 
eines arkadischen Völkchens, das theils durch den Einfluss des 
rauhen Klimas, theils in Folge seiner aus einem übermässigen 
Unabhängigkeitstriebe entsprungenen Absonderung von seinen 
Stammgenossen verwildert und durch lange und blutige Partei- 



«) Paus. c. 18, 7 f.; Poljb. IV, 18 f.; IX, 34; (Aristot.) Mir. ausc. 
126; Sotion de fluvUs etc. 12 u. 24 (Westermann naQado^oygätpoi p. 
184 u. 186); Vitruv. VIII, 3, 21; Callimach. H. in Dian. 235 £.; Steph. 
Byz. u. AoveoCi über die Tempelreste Dodwell Class. a. topogr. Reise II, 2, 
S.339. In der Umgegend wuchs besonders Schierling: Theophr. Hist. pl. IX, 
15,8 (wo Aovaa statt ^ovcra mit den älteren Herausgebern zu schreiben ist). 

*) Strab. VIU, p. 371. 



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5. Elis. 267 

kämpfe, die das kleine, von einer Beliörde, deren Hitglieder den 
Titel Polemarchen führten, regierte Gemeinwesen zerrütteten, bei 
den übrigen Arkadern in den Ruf der äussersten Robheit und 
Gottlosigkeit gekommen war, so dass, als es einst eine Gesandt- 
schaft nach Sparta abschickte, die Abgesandten aus allen arka- 
dischen Städten, die sie auf der Reise berührten, ausgewiesen 
wurden und die Mantineer es sogar für nothwendig erachteten^ 
ihre Stadt und ihr Gebiet nach dem Abzug der Gesandten durch 
Subnopfer zu reinigen — ein Hass, der schwerlich bloss auf 
sittliche, sondern hauptsächlich wohl auf politische Motive zurück- 
zuführen ist. Die Stadt Kynätha, welche wahrscheinlich an 
der Stelle von Kaiavryta lag (doch sind noch keine sicheren 
Spuren derselben gefunden worden), wurde im Jahre 220 v. Chr., 
nachdem sie sich einige Zeit vorher den Achäern angeschlossen 
hatte, von den Aetolern durch Verrath eingenommen, geplündert, 
in Brand gesteckt und nachdem sie sie vergeblich den Eleern 
angeboten hatten, besetzt gehallen; ein Versuch des Aratos, sie 
zu entsetzen, schlug fehl und brachte nur den in der Stadt 
zurückgebliebenen Anhängern der achäischen Partei Verderben. 
Nach dem Ende des Bundesgenossenkrieges scheint sich die Stadt 
allmälig wieder erholt zu haben und später von Hadrian unter- 
stützt worden zu sein , da Pausanias auf der Agora ausser Götter- 
altären eine Statue dieses Kaisers sah ; ausserdem erwähnt er ein 
Heiligthum des Dionysos und eine zwei Stadien von der Stadt 
unter einer Platane aufsprudelnde Quelle, welche Alyssos ge- 
nannt wurde, weil ihr Wasser als heilkräftig für den Biss toller 
Hunde galt.i) 



5. Elis. 

Die gegen Osten, ihrer ganzen Länge nach von Arkadien, im 
Süden und Norden von schmalen Stücken messenischen und 
achäischen Gebietes begränzte, gegen Westen dem ionischen 



Polyb. IV, c. 16—21; IX, 17; 38; Strab. VUI, p. 388; Paus. c. 19; 
Steph. Byz. u. Kvvui^u. Für Zenscult in der Stadt spricht der Beiname 
des Zeus Kvvoii^BVi (Lycophr. Alex. 400 c. schol.) und der von den Ky- 
näthem in Olympia geweihte Zeuscoloss (Paus. V, 22, 1). lieber die 
Quelle Tgl. Dodwell Class. u. topogr. Beise IT, 2, S. 346 f. 



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J 



268 II. Peloponnesos. 

(oder sikeliscben) Meere eine mehrfach ausgebauchte, mit Aus- 
nahme dreier felsiger VorsprüDge, die offenbar ehemals Inseln 
waren, ganz flache Koste von zwanzig Meilen Länge darbie- 
tende Landschaft, welche die Alten mit dem eigentlich nur ihrem 
nordwestlicheren Theile zukommenden, in Folge der politischen 
Gestaltung aber auf die ganze Landschaft ausgedehnten Namen 
Elis oder Eleia (nach einheimischem Dialect Valis, Valeia)^) 
d. i. Tiefland bezeichneten, ist ihrem Flächeninhalt nach nächst 
Achaia die kleinste,') in chorographischer Beziehung die am 
wenigsten selbständige und in ihrer jetzigen Gestalt jüngste unter 
den Landschaften des Peloponnes. Sie hat kein selbständiges 
Gebirgssyslem, sondern die Gebirge, welche den södlichsten Tbeil 
zwischen der messenischen Gränze und dem Alpheios bis auf 
einen schmalen Kästensaum ganz, von dem mittleren und nörd- 
licheren Theile die grössere östliche Hälfte einnehmen, sind blosse 
Fortsetzungen der Gebirge des. westlichen Arkadiens, wenn sie 
auch im Alterthum wie heut zu Tage mit Sondernamen bezeichnet 
werden: die bis ^r Höhe von 1222 Meter aufsteigende Minthe 
(jetzt Alvena) im Süden mit ihrer nordwestlichen Fortsetzung, dem 
Lapithos (den jetzigen Bergen Kaiapba und Smerna) gehört zum 
Gebirgszuge des Lykäon;^) die breiten, terrassenförmigen Hoch- 
plateaus des mittleren Theiles sind die westlichen Abdachungen 
des arkadischen Gränzgebirges, der Pholoe (vgl. oben S. 183f.) ; der 



^) falsCoi in der Insclir. C. I. gr, n. 11 n. auf Münzen; yg\. über 
die Ableitung G. Curtias Grandzüge der griech. Etym. I, S. 327 der 
1. Aufl. 'HXiand hatten ausser Pausanias (Buch V u. VI) geschrieben 
Istros (Steph. Byz. u. ^vteiov; schol. Plat. Phaed. p. 89% t. VI, p. 233 
ed. C. Fr. Hermann) und Tsvnalog (? Steph. Byz. u. 'AvdQ(a). 

') Der Flächeninhalt der Landschaft nach ihrer alten Begränzung be- 
trägt nach Pouillon-Bpblaye (Recherches p. 119) 2572 Myriameter =» 255 
Kilometer. Ueber die antiken Angaben in Betreff der Länge der Küste 
s. Curtius Pelop. II, S. 93 f. Die Bevölkerung, welche verhältnissmässig 
stärker war, als in den übrigen peloponnesischen Landschaften (Polyb. 
IV, 73;. vgl. Diodor. VIII, fr. 1; Strab. VIII, p. 358), schlägt Clinton 
^Fasti Hellenici p. 438 ed. Krüger) nach einer freilich sehr unsicheren 
Berechnung auf etwa 186,000 Seelen an. Heutzutage gehört der Theil 
der Liandschaft südlich vom Alpheios znm voykog MBoarivCaq^ das üebrige 
bildet mit Achaia den voibog *A%aiotq %al 'HX£dog, der einen Flächen- 
inhalt von 94,31 G Meilen und (nach der Zählung von 1861) eine Bevöl- 
kerung von 113,719 Seelen hat. 

») Strab. VIII, p. 344; Ptol. III, 16, 14; Paus. V, 5,8: vgl. oben S. 184. 



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5. Elis. 269 

Gebirgszug endlich, dessen Rücken die Nordgränze der Land- 
schaft gegen Achaia bildet und der mit seinen südlichen Verzwei- 
gungen bis zum Peneiosflusse herabreicht (von den Alten in seiner 
Gesammtheit Skoliis, jetzt in seinen beiden Hauptmassen Mavri 
und Santameri genannt)^), ist eine directe Fortsetzung der arka- 
dischen Erymanthoskette. Doch tragen alle diese Gebirge nicht 
mehr den wilden und grossartigen Charakter der arkadischen 
Gebirge, sondern machen mit der reichen Vegetation, welche sie 
dem Einflüsse der Seeluft verdanken, mit den Wäldern und 
Triften , welche ihre Abhänge bis zu den Gipfeln hinauf be- 
decken, einen vorherrschend milden und anmulhigen Eindruck. 

Auch von den Flüssen der Landschaft gehört der , bedeu- 
tendste, der Alpheios, mit dem weitaus grösstcn Theile seines 
Laufes Arkadien an; doch erhält er auf eleischem Gebiet, das 
er in der Hauptrichtung von Ost nach West, aber mit zahlreichen 
Krümmungen durchfliesst, noch von beiden Seiten, besonders 
aber von Norden her, beträchtlichen Zufluss durch eine grosse 
Anzahl von Seitenbächen, so dass er bis über eine Meile auf- 
wärts von seiner Mündung schiffbar ist.^) 

Der zweite grössere Fluss der Landschaft, der Peneios, ent- 
springt hart an der arkadischen Gränze am südwestlichen Fusse 
des Erymanthos, fliesst zuerst in südwestlicher Richtung durch 
die enge Schlucht von Verveni (nach welcher er in seinem oberen 
Laufe jetzt Fluss von Verveni genannt wird), dann nordwestwärts 
am südlichen Fusse des Skollisgebirges, von dem er mehrere 
nicht unbedeutende Zuflüsse erhält, hin und vereinigt sich darauf 
ungefähr in der Mitte seines Laufes und der Landschaft mit dem 
an Wassermenge ihm ungefähr gleichen Laden, der in ziemlich 
paralleler Richtung von der Pholoe herkommt; der vereinigte 



*) Strab. VIII, p. 341 u. p. 3Ö7; auch p. 339, wo die Codd. rov 
SnolUv geben (ro 2%6lli.ov Kramer), ist jedenfalls derselbe Name ge- 
meint, der vielleicht bald als Femininum, bald als Masculinum (vgl. das 
wohl auch etymologisch damit zusammenhängende Wort 6 OTioXlvg) ge- 
braucht wurde. Curtius' (Pel. II, S. 38 u. S. 106, Anm. 39) Unterschei- 
dung zwischen Skollis als Bezeichnung des Hauptgebirges und ZxolUov 
als Name des von Nord nach Süd streichenden, eine absolute Höhe von 
1016 Meter erreichenden, jetzt Santameri (d. i. St. Omer) genannten 
Bergrückens scheint mir ganz unbegründet. 

*) VI milla passuum naclj Plin. N. h. IV, 5, 14. 



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270 H. Peloponnesos. 

Strom, dem im Alterthum der Name Peneios verblieb (jetzt wird er 
A FIuss von Gastuni genannt) nimmt eine vorherrs^end westliche 
Richtung, bis er sich bei dem jetzigen Bartbolomiu plötzlich 
gegen Süden wendet und nach zahlreichen Windungen südöstlich 
vom Vorgebirge Chelonatas (dem jetzigen Chlemutzi) mündet. Da 
nun nach dem bestimmten Zeugnisse mehrerer alten Geographen 
die Mündung des Peneios nördlich von diesem Vorgebirge liegt, 
so muss der Fluss im Alterthum auch in seiner Mündungsebene 
die westliche Richtung mit allmäliger Abweichung nach Norden 
beibehalten und erst im Mittelalter oder der neueren Zeit seinen 
Lauf, wie dies bei dem flachen Alluvialboden sehr leicht geschehen 
konnte, geändert haben. ^) 

Ausser diesen beiden Flüssen und ihren Nebenflüssen be- 
sitzt die Landschaft noch eine sehr beträchtliche Anzahl von 
Bächen, die nur einen Theil des Jahres hindurch Wasser ent- 
halten, welches sie nach meist ziemlich kurzem Laufe dem Meere 
zuführen. Einer der bedeutendsten derselben, der vom nordwest- 
lichsten Theile des Skollisgebirges herabkommende, unmittelbar 
südlich vom Vorgebirge Araxos mündende Larisos, galt als 
Gränzscheide gegen Achaia , wie im Süden die (arkadische) Neda 
gegen Messenien.^) 

Diesen Flössen und Bächen, welche besonders während der 
Regenzeit eine Masse von Geröll, Sand und Schlamm mit sich 
führen und an ihren Mündungen ablagern, verdankt der einer 
verhältnissmässig jungen geologischen Periode angehörige west- 
lichere Theil der Landschaft seine Entsehung, wie die südlichsten 
Strecken Akarnaniens und Aetoliens Schöpfungen des Acheloos 
und des Euenos sind. An den westlichen Fuss der Gebirge 
schliessen sich zunächst sandige, grossen Theils mit Kiefernwald 
bedeckte Hügel, an diese flache Strandebenen mit fruchtbarem, 
meist auf Sand- und Geröllschichten auflagerndem, mit vielen 



') Strab. VIII, p. 338; Ptolem. III, 16, 6; vgL Curtias Pelop. II, 
S. 33 f. Der Addmv (Paus. VI, 22, 6) führte auch den Namen ZBllijfis 
nach Strab. VIII, p. 339, vgl. VII, p. 328 u. schol. II. 0, 631. 

«) Paus. VI, 26, 10; VHI, 49, 7; Strab. VIII, p. 387; IX, p. 440; 
Xen. Hellen. III, 2, 23 u. a. Nach Steph. Byz. u. BovnQct<st,ov hätte der 
Larisos (der jetzt Mana genanpt wird) auch nach der benachbarten Ort- 
schaft Buprasion den Namen Bovirgdat^os geführt. 



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6. Elis. 271 

Meeresproducten, besonders halb verkalkten Austerschalen durch- 
setztem Boden, der für Getreide- und Weinbau, an den nasseren 
Stellen für die Cultur der BaumwoIIenslaude, die schon im Alter- 
thum in Elis und zwar nur in dieser von allen griechischen 
Landschaften gebaut wurde , ^) trefflich geeignet ist. Nur an drei 
Punkten wird diese, im südlichsten Theil der Landschaft sehr 
schmale und fast ganz von Lagunen bedeckte, im mittlem und 
nördlichen Theil breite Strandebene von felsigen Vorsprüngen, 
die offenbar in alter Zeit kleine Inseln waren und erst alhnälig 
durch Anschwemmung mit dem Lande verbunden und zu Halb- 
inseln oder Vorgebirgen geworden sind , abgeschlossen. Das mäch- 
tigste dieser Vorgebirge, ziigleich der westlichste Vorsprung nicht 
nur der Landschaft Elis, sondern des ganzen Pelopouues, wird 
von den Alten wegen seines breiten, der Schale einer Schild- 
kröte vergleichbaren Rückens Chelonatas,^) jetzt nach einem 
mittelalterlichen Castell, dessen Ruinen gerade westlich unter dem 
226 Meter hohen Gipfel liegen, Cblemutzi genannt Südlich 
davon tritt die Küste beträchtlich nach Osten zurück und bildet 
80 eine weite Bucht, die im Süden durch eine von Nord nach 
Süd gestreckte, von den Alten nach ihrer Gestalt Ichthys 
(Fisch) genannte schmale Halbinsel (jetzt Ratakolo) ^} abgeschlossen 
und von dem Elis und Messenien gemeinsamen Kyparissischen 
Heerbusen (s. oben S. 159) getrennt wird. Eine ähnliche, 
aber weniger tief eingeschnittene Bucht, von den Alten der Kylie - 
nische Meerbusen (nach Kyllene, der Hafenstadt von Elis) ge- 
nannt, erstreckt sich nordwärts vom Cheionatas bis zu di^m nord- 



•1) Paus. V, 6, 2; VI, 26, 6; VII, 21, 14; vgl. über die ßvaaog und 
ihre Bedeutung Becker Charikles III, S. 186 ff. (2. Aufl.); Curtius Pcl. II, 
S. 10 f. u. S. 96, Anm. 10; H. Bitter lieber die geographische Verbrei- 
tung der Baumwolle, Abhandl. d. Berlin. Akad. 1851, FhiloL-hist. Cl. S. 
316 ff. — Eine mythische Erinnerung an die Gewinnung des ange- 
schwemmten Landes für die Cultur durch Begulirung des Laufes der Ge- 
wässer scheint mir der Sage von den Binderställen des Augeias u. ihrer 
Belnigung durch Herakles zu Grunde zu liegen. 

^ 6 Xslmvdtag Strab. VIII, p. 335; 337 s.; 342; Chelonates Pomp. 
Mela n, 49; Plin. N. h. IV, 5, 13; Xsl(ovi:Tig änga Ptol. UI, 16, 6; der- 
selbe giebt für die Bucht den Kamen XsXoivhrig %6Xnog. 

») Strab. XVII, p. 837 (auch VIII, p. 343 ist jedenfalls mit Palme- 
rius 'ixd'vg statt sv^vg herzustellen); Ppmp. Mela u. Ptol. 11. 11.; vgl. 
Thukyd. II, 26; Xenoph. Hell. VI, 2, 31. 



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272 II. Peloponnesos. 

westlichsten Punkte des Peloponnes, dem von den Alten meist 
zu Acbaia gerechneten Felscap Araxos. ^) 

Die ganze Landschaft ist, wie sclion aus dem bisher Ge- 
sagten erhellt, von der Natur selbst in drei Theile gegliedert, 
die im Alterthum auch durch die Stammeszugehörigkeit ihrer 
Bewohner gesondert, nur durch ein häufig gelockertes, zeitweise 
ganz zerrissenes politisches Band * — die Suprematie der Be- 
wohner des nördlichen ober die der beiden anderen Theile — 
zusammen gehalten wurden. Der sudlichste Theil, das Land 
zwischen Neda und Alpheios, war, wie es seinem ganzen land- 
schaftlichen Charakter nach aufs Engste mit Arkadien verbunden 
ist, auch ursprunglich von zwei Völkerji arkadischen Stammes^ 
den Kaukonißs und Paroreatae, bewohnt, von denen die 
ersteren nach einigen alten Historikern auch im nördlichsten 
Theile der Landschaft, an der Gränze Achaias, sesshaft, nach 
anderen die älteste Bevölkerung der ganzen Landschaft waren.*) 
Auch phönikis4*he Seefahrer scheinen sich frühzeitig an einigen 
Kustenpunkten angesiedelt und in ein Paar Ortsnamen wie Same 
und lardanos, sowie in dem Anbau der Byssospflanze ihre Spuren 
hinterlassen zu haben. ^) Zu den Kaukonen und Paroreaten kamen 
thessalische Minyer, die jedenfalls von Süden, von der Westküste 
Messeniens her, vordringend das Land unterwarfen, das nun 
nach dem Zusammenwohnen dreier Stämme Triphylia (das 
Land der drei Stämme) genannt und in sechs Bezirke getheilt 
ein Bestandtheil des vom Akrilas bis zur Mündung des Alpheios 
sich erstreckenden Reiches der Nefiden von Pylos wurde. ^) Auch 
nordwärts über den Alpheios hinaus, ja bis zur Gränze Achaias 



1) Paus. VI, 26, 10; Strab. VIII, p. 335 u. ö.; Ptol. III, 16, 6 u. a. 
Cyllenes sinus Plin. N. h. IV, 5, 13. Mit dem offenbar vomSchlagen 
der Wogen {agäaecai) benannten Cap *jlQa^og scheint das *Aqviiviov Xe- 
yofisvov OQog trjg *Aiataq mit der ^oQnvvog ßrjaaa (schol. Odyss. v, 96) 
identisch zu sein. 

*) Odyss. y, 366 c. schol.; Strab. VIII, p. 345; STteph. Byz. u. Kav%oivBia. 
Der Stammheros Kavucav wird ein Sohn des (arkadischen) Lykaon ge- 
nannt: Apollod. UI, 8, 1, 2; denselben Sinn hat es, wenn Triphylos, der 
aas dem spätem Landesnamen abstrahirte Heros eponymos, , ein Sohn des 
Arkas heisst: Polyb. IV, 77; Paus. X, 9, 6. Ueber die naQmgstttai a, Herod. 
IV, 148; Strab. VIII, p. 346; vgl. Deimling Die Leleger S. 136 f. 

*) Vgl. Curtius Pel. II,,S. 10. 

Herod. IV, 148; Strab. VIII, p. 336 s.; vgl. 11. ß, 591 ff. . 



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ö. Elis. 273 

bin scheioen die Hinyer ihre Herrschaft, wenn auch nur vor- 
übergehend, ausgedehnt und zahlreiche Ansiedelungen gegründet 
zu haben, wie aus der Uebereinstimmung vieler dortiger Orts- 
namen mit denen thessalischer Oertlichkeiten (man vergleiche die 
Bergnamen Olympos und Ossa, die Flussnamen Penelos, Enipeus 
und Larisos, die Städtenamen Salmone, Ephyra und Ormina, die 
gewiss nur zu einem kleinen Tbeiie achdischen Ursprunges sind) 
zu schliessen ist. Gerade umgekehrt gestaltete sich das Ver- 
hältniss nach der dorischen Wanderung, als die Bewohner des 
nördlichsten Theiles der Landschaft, die Epeier oder, wie sie 
sich nunmehr nannten, die Eleier, allmälig nach Süden vor- 
drangen und die Bewohner nicht nur des mittleren Theiles, son- 
dern auch der Triphylia zuerst zu ihren Bundesgenossen, dann, 
nach dem Ende des zweiten messenischen Krieges, zu ihren Unter- 
thanen (Periöken) machten. Nur der südlichste District Triphy- 
liens, das Gebiet von Lepreon, bewahrte sich bis nach den Per- 
serkriegen seine Selbständigkeit; und auch nachdem die Lepreaten 
die Suprematie der Eleer hatten anerkennen und sich die offi- 
cielle Benennung 'Eleer aus Lepreon' gefallen lassen müssen, 
benutzten sie jede Gelegenheit, um bald mit Hülfe der Spartaner, 
bald mit Hülfe der Arkader, bald des achäischen Bundes das 
verhasste Joch abzuschütteln und entweder als selbständiges Ge- 
meinwesen oder als Mitglied des arkadischen oder des achäischen 
Bundesstaates aufzutreten. Daher erscheint bei manchen Geo- 
graphen theils ganz Triphylien, theils das Gebiet von Lepreon 
als zu Arkadien gehörig und noch Pausanias unterscheidet das 
Gebiet der Lepreaten als Triphylia von der Eleia.^) 

Der mittlere Theil der Landschaft, vom Alpheios bis zum 
Ladon und einem der zunächst südlich vom Chelonatas mündenden 
Küstenbäche, ^) von den Alten Pisäa oder Pisatis genannt, war 



*) Scyl. Peripl. 44; Dikäarch. bei Cic. ad Att. VI, 2, 3; Polyb. IV, 
77; Paus. V, 6, 3. Vgl. nnten S. 277, Anm. 4 u. die historischen Nach- 
Weisungen bei O. Müller Orchomenos S. 367 ff. u. bei Schiller Stämme 
und Staaten Griechenlands I, S. 11 ff. 

*) Die Begränzung der Pisatis ist, da dieselbe frühzeitig ihre poli- 
tische Existenz verloren hat, schwer festzustellen. Im Süden bildet der 
Alpheios die natürliche Gränze, der ja auch im Schiffscatalog (IL B, 591) 
als Nordgränze des Pylischen Reiches erscheint; doch besassen die Pi- 
saten spiiter am unteren Laufe des Flusses beide Ufer, daher Strab. VIU, 



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274 tl. Peloponncsos. 

vielleicht schon vor der dorischen Wanderung oder doch unmiUeU 
bar nach derselben von Achäern occupirt worden, welche ihrem 
Stammgotte, dem Zeus Olympios, am nördlichen Ufer des Alpheios 
ein Heiligthum errichteten und ihm zu Ehren Festspiele feierten. 
Diese Festspiele, Olympia genannt, wurden seit dem Jahre 776 
V. Chr. in Folge des wohl nicht ganz freiwilligen Bundesver- 
hdltnisses zwischen den pisatischen AchSern und Eleern von beiden 
Staaten gemeinsam alle vier Jahre am ersten Vollmond nach der 
Sommersonnenwende unter Theilnahme zuerst der Lakedämonier 
und Hessenier, dann der übrigen Peloponnesier, endlich auch 
der ausserpeloponnesischen Hellenen (zuerst der Megarer und 
Athener, dann der kleinasiatischen lonier u. s. w.) gefeiert; all- 
mdlig aber nahmen die Eleer, indem sie das Bundesverhältniss 
der Pisaten in ein Unterthanenverhältniss verwandelten, die Lei- 
tung des Festes fär sich allein in Anspruch und nur vorüber* 
gehend gelang es den Pisaten, sich entweder die Mitleitung der 
Feier zu erringen oder auch die Eleer ganz von der Leitung 
auszuschliessen : in den ersteren Fällen wurde die Theilnahme 
der Pisaten an der Leitung von den Eleern in ihren ofGciellen 
Verzeichnissen der Olympiaden einfach ignorirt, in den letzteren 
dagegen die Feier »als gar nicht abgehalten betrachtet und die 
betreffende Olympiade als Anolympias bezeichnet.^) 



p. 343 den Bergzug am linken Alpbeiosufer (von CnrtiuB Pel. 11, S. 90 
nach Strab. a. a. O. ^tXXmv genannt, ein Wort, das wohl wie tpeXlsvg 
jede steinige Berggegend bezeichnet) als Qränze zwischen Pisatis und 
Tripbylien anführt. Schwankender war die Begränzung der Pisatis im 
Norden: einige dehnten dieselbe bis znm Cap Chelonatas aus und setz- 
ten entweder eine kleine, vor der Westseite des Cap liegende, von Un- 
tiefen nmgebene Insel (jetzt S. Giovanni] oder einen Ktistenbach Elison 
oder Elisa (schwerlich den kleinen hart an der Ostseite des Chelonatas 
von Nord nach Süd fliessenden Bach, wie Cortius vermuthet, sondern 
einen der südlich vom Chelonatas in der Richtung von Ost nach West 
fliessenden Bäche, entweder den zunächst südlich von Gastuni, der jetzt 
in den Alpheios mündet, oder den etwas weiter südlich fliessenden jetzt 
Purleska genannten) als Gränzmark an (Strab. VIII, p. 388; vgl. Theoer. 
Id. XXV, 9); andere betrachteten das zunächst nördlich vom Cap Ichthjs 
gelegene Cap Pheia (beim jetzigen Hafen Chortäs) als d^n nördlichsten 
Punkt der Pisatis (Strab. VIII, p. 343). Dass die Quelle Piera (Paus. 
V, 16, 8) die Gränze bezeichnet habe, wie Curtius (Pel. II, 8. 36 u. 45) 
annimmt, ist weder nachweisbar noch wahrscheinlich. 

') Strabon VIII, p. 355 u. 358; Paus. VI, 22, 2 f.; vgl. Weissenborn 



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5. EJis. 275 

Der nördlichste Theil der Landschaft, \vegen der beträcht- 
lichen Ausdehnung seiner Kustenebenen Elis im engem Sinne 
oder auch 'die hohle Elis' genannt,^) war seit aller Zeit von 
einem zum Stamme der Leieger gehörigen Volke, den Epeiern 
bewohnt, die im SchilTscatalog nicht zu einem Gesammtstaate 
verbünden, sondern in vier von besonderen Forsten beherrschte 
Gruppen gesondert erscheinen.^) Zu politischer Einheit und in 
Folge davon zu grösserer Machtentwickelung gelangten sie erst 
durch das Eindringen einer stammverwandten Heerschaar aus 
dem sudlichen Aetoiien, welches von der Tradition mit der do- 
rischen Wanderung in engen Zusammenhang gebracht wird: die 
Eroberer verschmolzen bald aufs Engste mit der alten Bevölke- 
rung, die sich nun nicht mehr Epeier, sondern nach dem Namen 
des Landes Eleier nannte und mit ihrer Herrschaft den Namen 
Eleia auch über die Gebiete ihrer Periöken, die Pisatis und 
Triphylia (vgl. Anm. 1), ausbreitete. Die Regierung des so ge- 
schaffenen Einheitsstaates war eine oligarchische : ein Senat von 
90 lebenslänglichen MiXgliedern, aus einer Anzahl vornehmer, 
in kleinen Städten oder einzelnen Burgen sesshafter Geschlechter 
entnommen, hatte alle politische Macht und insbesondere wohl 
die Leitung des olympischen Festes, dessen steigende Bedeutung 
Elis mehr und mehr mit einem Nimbus von Heiligkeit und Un- 
verletzlichkeit umgab und ähnlich wie Delphi zu einer. Art von 
antikem Kirchenstaat machte, in seinen Händen, während die 
grosse Mehrzahl der Bevölkerung iQ ländlicher Zurückgezogenheit 
dem Ackerbau oblag.*) 



Hellen S. 8 ff. und Schiller Stämme u. Staaten Griechenlands I, S. 9 £. 
Cnrtius (Pel. 11, 47) lässt die Achäer ans der Landschaft Achaia als 
Bundesgenossen der Eleer in die Pisatis einwandern; allein es ist doch 
viel wahrscheinlicher, dass sie yom nördlichen Lakonien her^ dem Laufe 
des Alpheios folgend, hier eingedrungen sind. Doch lässt sich auch eine 
directe Einwanderung der Achäer aus ThessaUen (gleichzeitig mit den 
Minjem) annehmen. 

*) ij ^arj ^HXig Strab. VUI, p. 336 u. ö.; Paus. V, 16, 6; Thukyd. 
II, 25 (wo ihr ^ nsQiotulg 'HIbIoüv entgegengesetzt ist). 

*) IL B, 615 SS.; Strab. VUI, p. 340 s.; X, p. 463; vgl. über die *Emioi 
bes. Deimling Die Leieger S. 144 f. 

') Vgl. bes. Aristot. Pol. V, 6. Die Leitung der Olympien hatte 
nach Paus. V, 9, 4 (vgl. Harpocr. p. 70, 24 ed. Bekker) ursprünglich 
ein dem Geschlechte des Oxjlos angehöriger ^EXXotvo$C%rig , seit Ol. 50 



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276 II. Peloponnesos. 

Eine Umgestaltung der Verfassung in mehr demokratischem 
Sinne scheint kurz nach den Perserkriegen stattgefunden zu 
haben; wenigstens weist auf eine solche die Ol. 77, 2 (471) ge- 
schehene Erweiterung der bis dahin unbedeutenden Stadt Elis 
durch einen Synoikismos zahlreicher kleiner Ortschaften hin; 
auch hängt damit wobl die (freilich chronologisch sehr unsichere) 
Vermehrung der Zahl der Festordner der Olympien, der soge- 
nannten Hellanodiken, auf neun und in der nächsten Olympiade 
auf zehn, welche auf einer Eintheilung der gesammten Bevöl- 
kerung der Landschaft in neun, beziehendlich zehn Phylen zu be- 
ruhen scheint, zusammen. Sicher bezeugt ist diese Ueberein- 
stimmung der Zahl der Hellanodiken mit der der Phylen seit Ol. 
103, wo die Zahl beider auf zwölf erhöht wurde; in Folge der 
Losreissung Triphyliens von Elis durch die Arkader wurde diese 
Zahl Ol. 104 auf acht vermindert, Ol. 108 aber auf zehn nor- 
mirt, und diese Einrichtung bestand bis zu Pausanias Zeit fort*) 

Im Allgemeinen standen die Eleer bei den übrigen Hellenen 
nicht im besteh Rufe, sondern waren als trunksüchtig und lüg- 
nerisch verschrieen; auch ihre kriegerische Tüchtigkeit wurde 
von ihren Nachbarn gering angeschlagen;^) besonders aber waren 
sie verrufen wegen der Knabenliebe, die, ursprünglich jedenfalls 



aber wurde sie (vielleicht in Folge der gemeinsamen Prostasie der Eleer 
und Pisaten) zwei ij öcndvtop 'Hlsitov durchs Loos erwählten Männern 
übertragen; gewiss geschah dies nicht ohne wesentliche Einschränkung 
der Befugnisse dieser Hellanodiken durch die Gerusie. — Ueber die Nei- 
gung der Eleer zum Landleben s. Polyb. IV, 73. Kämpfe zwischen der 
oligarchischen und demokratischen Partei im J. 366 v. Chr.: Xen. Hell 
VII, 4, 15. 

*] Diod. XI, 54; Strab. p. 336 s. ; über die Zahl der Hellanodiken 
und Phylen Paus. V, 9, 5; Harpokr. a. a. O.; schoL Pind. Olymp. III, 
22; Philostr. Vita Apoll. III, 30; dazu 0. Müller ^über die Phylen von 
Elis und Pisa' Rhein. Mus. 1834 8. 167 ff. (dessen Verbesserung bei 
Paus. a. a. O. ni(imij ö* olvfiniocSi xal ißSoiirjaoatr) [für sinoot^ der 
Codd.] freilich ebenso unsicher ist, als die übrigen Heilungsversuche 
dieser verderbten Stelle) und Meier Allg. Encycl. d. W. u. K. Sect. III, 
Bd. 3, S. 310. 

«) Polemo bei Athen. X, p. 442«; Xen. Hell. VH, 4, 30. Für eifrige 
Pflege der Kochkunst zeugt das Lob der eleischen Köche (Antiphan. 
bei Athen. I, p. 27«*) u. der Cult des 'Ak61X(ov otjfOipdyog (Polemon. frg. 
p. 109 Preller). Ein besonderer Industriezweig war die Bereitung von 
Salben: Athen. XV, p. 688 "; 690«; Plin. N. h. XXI, 7, 42. 



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5. Elis: Tripliyllen. ^77 

eine poliliscbe Inslilution, um die adelige Jugend zur Tapferkeit 
und allen ritterlichen Tugenden heranzubilden; wie in Kreta und 
Sparta, bei den Eleern frühzeitig das Gepräge grober Sinnlich- 
keit angenommen hatte.*) 

Triphylien,^) ein reines Gebirgsland mit einem durch- Tnphyiieu. 
schnittlich etwa V2 Stunde breiten Kustensaum, der im nörd- 
licheren Theile der Landschaft heut zu Tage fast ganz von zwei 
fischreichen Lagunen, der von Kaiapha und der von Aguienitza, 
eingenommen wird, war zur Zeit der NelidenheiTschaft in sechs 
Bezirke getheilt mit den Städten Lepreos, Makistos, Phrixä, 
Pyrgos, Epion und Nudion. Die Mehrzahl dieser Städte wurde 
von den Eleern kurz nach den Perserkriegen zerstört, und wenn 
sie auch im Laufe der Zeit alle, etwa mit Ausnahme von Nudion, 
wiederhergestellt wurden — noch zu Polybios Zeit gab es in 
Triphylien neun Ortschaften, welche auf den Namen 'Städte* An- 
spruch machten: Samikon, Lepreos, Ilypana, Typaqeä, Pyrgos. 
Aepion, Bolax, Stylangion, Phrixä — so blieben sie doch schwach 
und unbedeutend mit Ausnahme von Lepreos und Makistos; welche 
allmälig die ganze Landschaft in der Weise unter sich theilten, 
dass der sudlichere Theil, von der Neda bis an den Fuss des 
Lapithosgebirges, die Lepreatis, der nördlichere, vom Lapithos 
bis zum Alpheios, die Makistia bildete;') war die letztere auch 
an Umfang bedeutender, so hatte die erstere die Vorzuge grös- 
serer Fruchtbarkeit des Bodens und stärkeren Unabhängigkeits- 
sinnes ihrer Bevölkerung: Lepreos war der Mittelpunkt der 
national-triphylischen (arkadischen) Partei, die jede politische 
Conjunctur benutzte, sich von Elis zu emancipiren/) Die Stadt, 



<) Plat. Sympos. p. 182»»; Xenoph. Conv. 8, 34; Plut. de puer. ed. 
15; Cic. de rep. IV, 4. 

^] Vgl. Bouton Memoire sur la Triphylie, in den Archives des mis- 
fiions seientifiqi^es et litt^raires, TI s^rie, t. I, p. 193 — 248. 

») Herod. IV, 148; Polyb. IV, 77; Strab. VIII, p. 343 s., vgl. auch 
Steph. Byz. n. Maniffzog. 

*) Die Lepreaten nahmen als selbständiges Corps An theil an der 
Schlacht bei Platäa (Inschr. des platäisch. Weihgeschenks Gew. 3; He- 
rod. IX, 28; Pans. V, 23, 2): dies schllesst nicht aus, dass sie damals 
schon den jahrlichen Tribut von einem Talent an dpn Olympischen Zeus 
zahlten, den sie nach Thukyd. V, 31 für Hülfe, welche ihnen einst die 
Kleer in einem Kriege gegen diö Arkader geleistet hatten, bis zum Be- 
ginn des peloponnes. Krieges regelmJlssig darbrachten, dann aber ver- 

BCBSIAN, OEOOR. U. 19 



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Googte 



278 II. Pcloponnesos. 

deren bald Lepreos, bald Lepreon lautender Name wahr- 
scheinlich von dem rauben Felsboden herzuleiten ist, auf wel- 
chem die Burg stand, ^) von deren Ringmauern noch beträchtliche 
Reste vorhabden sind, lag 40 Stadien vom Heere auf einem 
Vorsprunge des Minthegebirges (oberhalb des jetzigen Dorfes 
Strovitzi), von dessen südwestlichem Fusse aus sich eine frucht- 
bare Ebene, von den Alten A^pasion oder Aepasia genannt^ 
nach der Küste hinabziebt. Zu Pausanias Zeit war die Stadt schon 
so verfallen, dass sie nur noch ein aus ungebrannten Ziegeln er- 
bautes Heiligthum der Demeter, ohne Cultbild, aufzuweisen hatte; 
von dem Tempel des Zeus Lykäos und den HeroengrSbern des 
Lykiirgos und des Kaukon, deren Existenz noch in der Erinne- 
rung der Bewohner fortlebte, war keine Spur mehr zu finden. 
Ausserhalb der Stadtmauern floss gegen die Ebene bin eine 
Quelle Arene. 

Im südlichsten Theile der Ebene zunächst der messenischen 
Gränze lagPyrgos (oder Pyrgoi), ursprünglich, wieder Name 
lehrt, nur ein zum Zufluchtsort für die Bewohner der Ebene !>«- 
stimmtes Castell, später ein zur Lepreatis gehöriges Städtchen.^) 



weigerten. In Folge dieser Weigerung legten die Eleer Execution gegen 
Lepreos ein; dieses wandte sich an Sparta, das ihm die Autonomie zu- 
sprach, und da die Eleer sich seinem Spruche nicht fügen wollten, sie 
durch eine Truppensendung zwang, ihre Executionstruppen aus der Le- 
preatis zurückzuziehen (im J. 421 : s. Thukyd. a. a. O.)* Bald darauf 
müssen aber die Eleer die Stadt wieder besetzt haben, da dieselbe in den 
im März des J. 414 v. Chr. aufgeführten Vögeln des Aristophanes (v. 149) 
als 6 'HXsiOQ AiizQSog bezeichnet wird. Bei dem Feldzuge des Königs 
Agis gegen Elis im J. 401 fielen die Lepreaten ebenso wie die Makistier 
und Epitaleer und mehrere Städte der Pisatis von Elis ab und erlangten 
bei dem Friedensschlüsse im J. 399 ihre Unabhängigkeit (Xen. Hell. III, 
2, 25 u. 30). Für die spätere Zeit vgl. oben S. 273, Anm. 1. 

*) So Didymos beim schol. Ar. Avcs 149 u. Suid. u. AingBOv, andere 
Ableitungen (von Lepreos, dem Sohne des Pyrgeus, der den Herakles im 
Essen besiegte, oder von Leprea, einer Tochter des Pyrgeus, -oder vom 
Aussatze, an welchem die ersten Bewohner der Gegend gelitten haben 
sollten) bei Paus. Y, 5, 4 f. Lage der Stadt: Strab. p. 344 s. Alnaaia 
oder Alndaiov Strab. p. 347 s. Für AivxaCov diog bei Paus. § 5 ist 
jedenfalls mit Palmerius Avxaiov d, zu lesen. Pläne and Ansicht der 
Ruinen Expt^dition de Mor^e I, pl. 60 — 62, darnach Curtius Pel. II, Tfl. 
IV, vgL S. 84 f. u. besonders Boutan a. a. O. p. 202 ss. 

«) Strab. p. 348; vgl. Herod. IV, 148; Polyb. IV, 77; Liv. XXVII, 



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5. Elis: Tripliylion. 279 

Nördlich von Lepreos lag am westlichen Fusse eines andern 
Vorsprunges des Minlhegebirges, nicht ganz 30 Stadien vom 
Meere entfernt, nahe dem südlichen Ufer eines Pamisos ge- 
nannten Baches (etwa in der Gegend des jetzigen Piskini) das 
Städtchen Pylos (zum Unterschied von der messenischen Stadt 
Uvkoq 6 TQifpvXittxog oder auch 6 ^STcgaatixog genannl), in 
welchem eiqige griechische Alterthumsforscher irriger Weise den 
Königssitz des Nestor und Mittelpunkt des Reiches der Neliden er- 
kennen wollten, wahrscheinlich eine von Flüchtlingen aus dem 
messenischen Pylos nach dem Sturze des Nelidenreiches gegrün- 
dete Ortschaft, die frühzeitig von den Lepreaten unterworfen 
wurde, welche mit Zustimmung der Lakedämonier die Bewohner 
zur Uehersiedelung nach Lepreos nöthigten; seitdem scheint der 
Ort verödet und nur der Name Pylos der Ebene bis an den 
Berg von Kaiapha hin verblieben zu sein. Oberhalb der Ebene 
lag ein beiliger Hain der Demeter und wahrscheinlich etwas wei- 
ter östlich, an dem Hauptstock, des Minthegebirges, ein Temenos 
des Hades, das nach dem Untergange von Pylos von den Le- 
preaten uiTd Makistiern gemeinsam unterhalten wurde. ^) 

Im nördlicheren Theile der Strandebene zieht sich jetzt von 
Nord nach Süd ein zwei Stunden langer, schmaler aber tiefer 



32 ; Steph. By«, u. Ilvgyog, Die von Pausanias nicht erwähnte Ortschaft 
kommt noch auf der Tab. Peating., im Itiner. Antoninl u. beim Qeogr. 
Kav. vor. Die von Leake (Morea I, p. 56 s.) erwähnten, jetzt ver- 
schwundenen Reste (grosse viereckte WerkstücKe und ein Architrav- 
fragment aus weissem Marmor) gehörten einem einzelnen Gebäude an. 

*) Strab. p. 344, wo ich (p. 489, 14 ed. Mein.) schreibe: og vvv Tld- 
(iiaog 6 'jiQTiccStyiog ntxXittait vgl. p. 336; p. 339; p. 361 und über die 
Eroberung der Stadt p. 355. Der Name 'jifjia^og scheint nie im Yolks- 
munde gebräuchlich, sondern nur eine Fiction etymologisirender Gelehr- 
ten gewesen zu sein. Dieser Pamisos ist aber gewiss nicht, wie Curtius 
annimmt, der südlich von Piskini fliessende Bach, sondern der nächste 
weiter nördlich, den Curtius nach Pouillon-Boblaye (Recherches p. 134 s.) 
u. Ross (Reisen im Pel. S. 105) irrig Anigros nennt, der in seinem Haupt- 
arme bei Trupäs entspringt und bei dem einsamen Khan des Hagios 
Isidoros (im Volksmunde Aisidoro) mündet ; diese Mündung ist nicht, wie 
Curtius Pelop. II, S. 81 angiebt, acht bis neun Stadien, sondern eine 
starke deutsche Meile von dem Passe von Kaiapha entfernt, und nach 
der Beschaffenheit des Terrains ist es geradezu undenkbar, dass der Lauf 
dieses Flusses, der jetzt eine entschieden südwestliche Richtung hat, im 
Alterthum eine nordwestliche Richtung gehabt habe. 

19* 



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i?8Ö ll. ^elopünneäo8. 

See hin, der durch einen sandigen, mit hohem, düsterem Kiefern- 
wald bewachsenen Küstenstreifen vom Meere getrennt, im Norden 
durch einen gegen Westen vortretenden steilen Felsberg, den 
westlichsten Vorsprung des Smernagebirges, überragt wird, dessen 
nordwestlicher breiter Gipfel mit den Ruinen einer hochalter- 
thümlichen Befestigung gekrönt ist. Vor ^lem westlichen Fusse 
des Berges erheben sich zwei kleine Felshügel, zwischen denen 
die Strasse hindurchführt, nachdem sie den hier sehr schmalen, 
zuni Theil versumpften Sandstreifen, der das nördliche Ende des 
Sees mit dem südlichen der grossen Lagune von Agulenifza ver- 
bindet, auf einer steinernen Brücke überschritten hat. Der 
westlichere dieser Hügel trägt ein kleines Wachthaus zum Schutze 
des in mehrfacher Hinsicht den Therraopylcn ähnlichen Passes, 
welcher nach dem Namen des Berges und Sees der Pass von 
Kaiapha genannt wird. In den schrofT abfallenden Felsen an der 
Südseite des Berges finden sich unmittelbar über dem Wasser- 
spiegel des Sees zwei nur vermittels eines Bootes zugängliche 
Höhlen, deren Inneres mit mephitischen Dünsten erfüllt ist. 
Weiter östlich fliesst in den See ein vom Kaiaphaberge herab- 
kommender, jetzt Mavropotamo genannter Bach, der noch am An- 
fang unseres Jahrhunderts — heut zu Tage steht der See in 
keiner sichtbaren Verbindung mehr mit dem Meere — an der 
Westseite des Sees ungefähr eine halbe Stunde südlich vom Eng- 
pass wieder aus- und dem Meere zuQoss, bei heftigerem Winde 
aber dasselbe nicht erreichte, da die Brandung und der durch 
dieselbe aufgeworfene Sand sein Wasser nach dem See zurück- 
trieb. ^) Da diese Erscheinung von Pausanias (V-, 5, 7) in Bezug 
auf den Anigros, einen vom Lapithosgebirge herabkommenden 
Bach mit übelriechendem Wasser, in welchem gar keine oder 
doch keine essbaren Fische vorkamen, berichtet wird, so kann 
man nicht zweifeln, dass dieser jetzt in den See einmündende 
Bach der Anigros der Alten ist (der auch den Namen Min yeios 
geführt haben soll), wie man auch in den beiden Höhlen über 
dem See leicht die Grotte der Nymphen des Anigros {Nv^^pai 
^AvtyQvddeq oder ^Avi^yQldeq), in welcher Kranke für Flechten 

^) S. Leake Morea I, p. 51 ss.; Beule Ktades p. 217 ss.; Boutan 
Memoire p. 215 ss.: dazu die Pläne u. Ansicht Ezpdd. de Moree Vol. I, 
p. 53—55 (darnf^cU Curtius Pol. II, Tfl. III). 



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5. Elis: Tripliylien. 281 

lind ähnliche Ilaulkiankhcitcn Ileiinng suchten, und die dei^ At- 
lantiden (Töchter des Atlas), in welcher Dardanos (Solin des Zeus 
und der Eleklra) geboren sein sollte, erkennt, fm Uebrigen aber 
hat das Terrain seit dem Alterthum seine Gestalt nicht unbe- 
trächtlich verändert, indem der ganze See von Kaiapha im Alter- 
thum nicht vorhanden war, sondern erst seit dem frühen Mittel- 
alter, jedenfalls in Folge der gänzlichen Vernachlässigung der 
Reguhrung der vom Kaiaphaberge herabkommenden und aus dem 
Coden der Ebene selbst empordringenden Gewässer, entstanden 
ist. Anstatt desselben fanden sich im Alterthum nur an zwei 
Stellen Sümpfe oder Tümpel vor, deren stagnirendes Wasser auf 
beträchtliche Entfernungen hin einen Übeln Geruch verbreitete: 
unterhalb der Grotte der Anigriaden, wo eine Quelle (ofifenbar 
schwefelhaltigen Wassers, wie solches noch jetzt an mehreren 
Stellen aus der Felswand hervordringt) nach dem Anigros hin 
abfloss und mit demselben einen stinkenden Sumpf bildete, durch 
welchen ein Dammweg, dessen Reste noch jetzt sichtbar sind, 
nach den Grotten hinführte, und an der Mündung des Anigros, 
wo, wie bemerkt, das Wasser in Folge des Gegenschlages der 
Meereswogen sich staute. Ferner nahm im Alterthum der Ani- 
gros noch einen Ncbenfluss auf, denAkidas oder Akidon, der 
auch den Namen Jardanos geführt haben soll; an seinem Ufer 
zeigte man das Grab und die Wiese des Jardanos und setzten 
einige Alterthumsforscher eine gänzlich verschollene Stadt Chaa 
an ; auch ein VIeiligthum des makistischen Herakles stand in sei- 
ner Nähe. Darnach kann der Akidas nur ein Bach sein, welcher 
südöstlich vom Anigros vom Kaiaphaberge herabkommt und jetzt 
in den Kaiaphasee mündet.^) 



*) Paus. V, B, 3 (wo trotz des Widergprachs von Curtiiig Pel. IT, 
S. 115, Anm. 80 eine Lücke anzunehmen und entweder mit Schäfer 
lovTt dl dno triQ Miaai^viag inl r^y 'Hlsiccg oder mit Palmerius ein- 
fach l, 8. dno trjg Meaerjviag zu schreiben ist, da Pausanias nur wenn 
er von Süden her kam, Lepreos zur Rechten haben konnte: unter 
Sdfiiiiov versteht er hier wie § 7 die ganze von Strab. p, 344 als JIv- 
Xittnov nedCov bezeichnete Ebene) ; § 7 fiP.; Strab. p. 346 ss.: aus beiden 
geht mit Sicherheit hervor, dass der Anigros in der Nähe der Grotte der 
Nvfiq>cci 'AviyqidSig floss , also unmögUch der von Curtius (vgl. oben 
8. 279, Anm. 1) so genannte Flussj der beim Khan vom H. Isidoros mün- 
det^ sein kann. Diesen nennt die französische Karte Akidas, wahr* 



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282 ir. I»eloponiicsos. 

Die Ruinen auf dem Gipfel des Kaiaphaberges sind ohne 
Zweifel die Ueberreste der alten Stadt Sa mos, welche noch in 
späten Zeiten unter dem Namen Samikon als die wichtigste 
Festung der Makistia fortbestand. Zu ihrem Gebiet gehörte das 
hochangesehene Heiligthum des Poseidon -Samios, das unter 
der Verwaltung der Hakislier stand, aber von allen Triphyliern 
gemeinsam unterhalten w urde : ein Hain wilder Oelbäume, wahr- 
scheinlich am nördlichen Fusse des Kaiaphaberges gelegen, in 
welchem nach verkündigtem Gottesfrieden Festvcrsammlungen 
unter Theilnahme aller triphylischen Ortschaften gehalten wurden. 
Da also Samos» das unter den sechs minyischen Burgstädten nicht 
aufgeführt wird, als wichtigste Oertlichkeit der Makistia in forti- 
ficatorischer, wie in religiöser Hinsicht erscheint, so ist es sehr 
wahrscheinlich^ dass Makistos, welches in dem Herodotischen 
Catalog der Minyerstädte und sonst vereinzelt als Stadt aufgeführt 
wird, von Samos nicht verschieden, sondern der auf die Burg 
und die Bewohner des von ihr beherrschten Gebietes übertragene 
Name des ganzen jetzt Kaiapha genannten Bergzuges ist. Da- 
gegen hat die Ansicht einiger griechischen Alterthumsforscher, 
welche in Samos die Akropolis der Homerischen Stadt Arene 
(Fl. B, 591; >i, 723) erkennen wollten, ebensowenig Wahrschein- 
lichkeit, als ihre Identificirung des triphylischen Pylos mit dem 
Herrschersitze des Nestor.*) 



scheinlich nach Strab. p. 351, wo der 'AmlSrnv^ der doch kaum yom'y^x/- 
dag verschieden sein kann, als ein in der Mitte zwischen Neda nnd Al- 
pheios ins Meer sich ergiessender Fluss angeführt wird; allein Paus. c. 
6, 8 bezeugt ausdrücklich die Verbindung des Akidas mit dem Anigpros, 
so dass wohl anzunehmen ist, dass Strabon a. a. O. aus Versehen den 
Akidon statt des Pamisos oder Anigros genannt hat. Die nur von Stra- 
bon (p. 346) erwähnten akaii 'latvatov {diavaCov will Curtius nach Xy- 
lander; eher dürfte 'EvdvpkKovatov mit Corais zu schreiben sein, da £u- 
rykjda nach Paus. V, 1, 4 die Tochter des Endymion ist) und Ep^tmv- 
Sbiov müssen in der jetzt vom Kaiaphasee bedeckten Niederung unter 
den beiden Grotten gestanden haben. Die Vermuthung Boutans (Memoire 
p. 212 68.), dass ein von ihm 1% Stunde nordwestlich von Lepreon, 
etwas südlich vom Dorfe Sartena entdecktes alterthümliches kleines Pa- 
läokastron das alte Chaa sei, hat gar keine Wahrscheinlichkeit. 

•) Herod. IV, 148; Xenoph. Hell. III, 2, 30; HeracUd. Pont. Pol. 25; 
Polyb. IV, 77 u. 80; Strab. VI, p. 257; VIII, p. 343 s. (der allerdings p. 345 
%ov Mämotov ov riVBg UXataviOTOvvta yiocXovaiv vom Samikon zu unter- 



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5. Elis: Trlphylien. 283 

Die ganze gegen zwei deutsche Meilen lange Kuslenstrccke 
vom nordwestlichen Fusse des Kaiaphaberges bis zur Mündung 
des AIpbeios wird jetzt von der Lagune von Agulenitza ein- 
genommen, welche durch einen schmalen, ganz mit dichtem 
Kiefernwald bedeckten Sandstreifen vom Meere getrennt wird, 
mit welchem sie jedoch durch einen das Wasser nach der 
Mundung des AIpbeios ableitenden natürlichen Abzugscanal in 
Verbindung steht. Mehrere flache, ebenfalls bewaldete Inseln er- 
heben sich längs der Mitte der Lagune wenig über die beson- 
ders im südlicheren Theile mehr der eines Morastes als eines 
Sees gleichende Wasserfläche ; längs der Ostseite läuft durch 
den schmalen Saum flachen Landes, welcher hier sich zwischen 
der Lagune und einer Reihe theils mit Waldung, theils mit Fel- 
dern bedeckter Hügel hinzieht, die Strasse nach Agulenitza, jetzt 
der bedeutendsten Ortschaft dieser Gegend, deren Bewohner aus- 
schliesslich von dem sehr reichen Ertrage der Fischerei in 
der Lagune (die einen grossen Theil des Peloponnes mit 
Fischen versorgt) leben. Wahrscheinlich nimmt diese Ortschaft die 
Stelle von Epitaiion ein, der durch ihre Lage als Hüterin der 
Fürth durch den AIpbeios, d. h. der wichtigsten Verbindungsstrasse 
zwischen Triphylien und dem mittlem Elis bedeutsamen nord- 
westlichsten Stadt Triphyliens, welche ihrerseits an die Stelle 
einer älteren Ortschaft, Thryon oder Thryoessa, getreten 
war.^) Zwischen Epitaiion und Samikon scheint keine weitere 
Ortschaft gelegen zu haben, wahrscheinlich weil die ganze Strecke 
schon im Alterthum, wenn auch nicht eine zusammenhängende 
Lagune wie heutzutage, so doch an mehreren Stellen versumpft 
und daher ungesund war.^) 



scheiden scheint); 346 s.; 349; 351 8.; Paus. V, 6, 1 flF.; Plin. N. h. IV, 6, 21 ; 
Steph. Byz. u. Mdmatog (wo die Worte in* OQOvg vyfrjloif yisi^ivrj 
ngog sca t^g AengBcctin^g nicht mit Curtiits Pel. II, S. 116, Anm. 84 auf 
Makistos, sondern auf Phriza za bezieben sind). 

1) Xenoph. Hell. III, 2, 29 f.; Polyb. IV, 80; Strab. p. 349; öteph. 
u. 'EmtaXiov; vgl. IL B, 59Ö; Ay 711; Quint. Smyrn. B, 241; Stepb. u. 

&QVOV. 

*) Der Versuch Strabons (VIII, p. 343 u. p. 360 s.), die nur im 
Ilymn. Apoll. Pytb. 247 (welchen Vers Strabon entweder durch ein Ver- 
seheu oder nach einem interpolirten Texte in das Buch o der Odyssee 
vor V. 296 einschiebt) crwUhntcn Ortsnamen Krunoi und Chalkis hier 



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284 11. Pcloponnesos. 

Dagegen lagen in der ganz von Uögeln und Bergen von 
massiger Erhebung eingenommenen Gegend östlich von der Lagune 
bis zur arkadischen Gränze verschiedene Ortschaften, unter denen 
Epion (das homerische' Aepy),^) die Astlichste der sechs Minycr- 
städte, zwischen Makistos (Samikon) und dem arkadischen Heräa 
gelegen, zwar nicht an Umfang, aber an Stärke vermöge ihrer 
naturlichen Lage und kunstlichen Befestigung die bedeutendste 
war, wie die auf einem steilen Hügel oberhalb des Dorfes Pia- 
tiana gelegenen, durch ihre treffliche Erhallung ausgezeiclineten 
Ruinen (vom Volke Helleniko genannt) beweisen, die höchst wahr- 
scheinlich dieser Ortschaft angehören. Der lange qnd schmale 
Bücken des nach allen Seiten steil abfallenden Hügels ist ganz 
(mit Ausnahme der südwestlichen Ecke ^ wo die Schrofllicit der 
Felsen eine künstliche Befestigung entbehrlich machte) mit der 
nur zwei Meter dicken, meist aus grossen polygonen Blöcken 
construirten Ringmauer umzogen, welche an der Süd- und West- 
seite durch eine Anzahl viereckiger Thürme verstärkt ist. Der 
nördlichere Theil des von dieser Ringmauer umschlossenen Raumes, 
der eigentliche Kamm des Hügels, ist durch eine besondere Um- 
fassungsmauer gegen Osten ,*• Süden und Westen von dem übrigen, 
gegen Süden allmälig abfallenden Terrain der Stadt, auf welchem 
man noch die Fundameute zahlreicher Privalhäuser und, am 
weitesten gegen Osten, zweier Tempel erkennt, abgesondert und 
bildet so eine 415 Meter lange, 20 — 40 Meter breite Oberstadt, 
innerhalb welcher man fünf Plateaus von verschiedener Höhe, 
welche durch Oueermauern von einander gesondert waren, unter- 
scheidet; das am höchsten gelegene westliche Plateau bildete 
jedenfalls die Citadelle; in dem nächsten erkennt man die Ruinen 



zu fixiren, ist eine ganz willkürliche Hypothese und verdient nicht die 
Aufmerksamkeit, welche ihm^Curtius (Pelop. II, S. 87) geschenkt hat; 
doch hat letzterer (S. 117, Anm. 90) aus Strabons (p. 351) Bezeichnung 
von KqovvoI, XaXulg und ^sä als dSo^tov notccfioiv ovonata fiallov Sh 
6%Bxöov richtig geschlossen, 'dass man diuch künstliche Wasserabzüge 
den Küstenstrich entsumpfte'. 

«) II. B, 592 (= Hymn. in Apoll. Pyth. 245); vgl. Stat. Theb. IV, 
180; Strab. p. 349 u. Steph. u. Alnv, Der historische Name der Ort- 
schaft wird verschieden geschrieben: *'Eniov Herod. IV, 148; "Hnsiov 
Xen. Hell. lU, 2, 30; AMov Polyb. IV, 77 u. 80; "Hmov Steph. Byz. 
u. d. W. Ueber die Ruinen s. Boutan Memoire p. 240 ss. mit Plan 
(wiederholt auf iraserer Tfl. VII). 



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6. Eüs: Triphylicn. 285 

eines Theaters, von welchem noch neun Sitzreihen und der Unter- 
bau des 10 Meter langen, 4,40 Meter tiefen Scenengehäudes er- 
halten sind; das folgende Plateau scheint von der Agora und mehre- 
ren öffentlichen Gebäuden eingenommen worden zu sein; in den 
beiden östlichsten findet man die Fundamente von Privathäusern, 
mehreren Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden. 

Nördlich von diesem Hügel fliesst ein aus mehreren Armen 
sich bildender Bach (wahrscheinlich der Acheron der Alten), 
dem Diagon, dem Gränzflusse gegen Arkadien parallel, dem Al- 
pheios zu und einen ähnlichen Bach von ungefähr gleicher Rich- 
tung finden wir IV4 Stunden weiter westlich. In dieser Gegend 
standen noch zur Zeit des sogenannten Bundesgenossenkrieges 
(OL 140) vier Städte: Ilypana, welches dann in Folge der 
Uebersiedelung seiner Bewohner nach Elis verfiel, Tyropancä, 
(las noch zu Sti'abons Zeit bestand , und die später ganz verschol- 
lenen Bolax und Stylangion: einer dieser Ortschaften mögen 
einige bei Mundritza, auf einem zum nördlichen Theile des 
Smernagebirges gehörigen Plateau, erhaltene antike Reste ange- 
hören.') Zwei Stunden nordwestlich von da lag an einem von 
Südosten her dem Alpheios zufliessendcn fischreichen Bache, dem 
Selinus der Alten, zwischen bewaldeten, an Wild reichen llügehi; 
20 Stadien von Olympia entfernt (hei dem jetzigen Dorfe Ma- 
krysia) Skillus, eine alte triphylische Ortschaft mit einem Ilei- 
liglhume der Athene Skilluntia, welche von den Eleern wegen 
ihrer Theilnahme an dem Unabhängigkeitskampfe der Pisaten zer- 
stört, später aber unter dem Schutze der Lakedämonier, welche 
einen grossen Theil des Gebiets der Stadt dem aus Athen ver- 
bannten Xenophon schenkten , wieder bewohnt wurde. Xenophon 
weihte das ihm geschenkte Terrain, in dessen Besitz er auch 
von den Eleern nicht gestört wurde, der ephesischen Artemis 
und errichtete derselben in einem Hain von Fruchlbäumen einen 
Tempel, eine Nachbildung des ephesischen Tempels im Kleinen, 
in dessen Nähe man noch dem Pausanias, der von der Ortschaft 
Skillus nur Trümmer vorfand, das mit einem Reliefbilde aus 



*) Strab. p. S44 (wo fSr JaXiav mit Ross Reisen im Pel. S. 104 Jtaymv 
an schreiben igt)^ Polyb. IV, 77—80; Ptol. III, 16, 18; Steph. u. Tvna- 
veat, '^Txccva u. Swlldy^ov: vgl. Ponillon-Boblaye Kecherchos p. 133; 
Dodwell Class.-topogr. Reise II, 2, S. 193 d. d. Ußb, 



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286 II. PeJoponncsos. 

pentelischem Marmor geschmückte Grab des Xenophon zeigte.') 
Gieog man von hier nach Olympia, so kam man an einem schrofT 
nach dem linken Ufer des Alpheios abfallenden Berge, dem Ty- 
päon, vorüber, von dessen Clipfei nach einem alten, aber nie- 
mals in Anwendung gebrachten Gesetze Frauen , welche sich dem 
ausdrücklichen Verbot zuwider unter die Zuschauer beim olym- 
pischen Agon eindrängen würden, herabgestjirzt werden sollten.') 
Ein ähnlicher, nur beträchtlich steilerer Berg erhebt sich 
zwei Stunden weiter östlich am linken Ufer des Alpheios, da wo 
der Lauf dieses Flusses aus der nordwestlichen in die rein west- 
liche Richtung übergeht, bei dem jetzigen Dorfe Paläo-Phanari ; 
der Gipfel dieses Berges, auf welchem frühere Reisende noch 
einige jetzt bis auf eine Cisterne verschwundene antike Reste ge- 
funden haben, trug einst die Akropolis vonPhrixä (oder Phrixa), 
der nordöstlichsten Stadt Triphyliens, die schon zur Zeit des Pau- 
sanias bis auf einen Altar der Athene Kydonia in Trümmern lag.^) 
pisaUs. Der mittlere Theii der Landschaft, die Pisatis, umfasste 

das vom rechten Ufer des Alpheios bis gegen den Ladon hin sich 
erstreckende, zum Bergsyslem der Pholoe gehörige Hügelland, 
sowie die Küstenstrecke von der Mündung des Alpheios bis in 
die Nähe des Cap Chelonatas (vgl. oben S. 273, Anm. 2). Der 
südlichste Vorsprung dieses Hügellandes, welcher hart an der 
arkadischen Gränze den durch die Einmündung des Erymanthos 
in den Alpheios gebildeten Winkel einnimmt, wurde von den 
Alten als der Bergrücken des Sauros,^) zwei andere weiter 



«) Paus. V, 6, 4 ß. (vgl. VI, 22, 4); Xenoph. Anab. V, 3, 7 flf., 
Hellen. VI, 5, 2; Strab. p. 343; Steph. u. XnUXovs; vgl. Boutan Memoire 
p. 228 88. Da der Name ein Terrain, wo die Meerzwiebel (aniXXa) in 
Menge wächst, also ein sandiges Terrain in der Nähe des Meeres, be- 
zeichnet, so stand vielleicht das älteste Skillus an der Küste auf einer 
jetzt von der grossen Lagune bedeckten Stelle und wurde erst in Folge 
der Versumpfung der Küste weiter ins Innere der Landschaft verlegt. 

*) Paus. V, 6, 7; Steph. u. Tvnotiov. Der Name bedeutet vieUeicht 
'Richtstätte'; vgl. tvfiJcavi^Btv u. anoxv(inavi£Biv, Die Stadt Typaneä 
muss trotz der Ueberein^timmung der Namen wegen Strab. p. 344 von 
dem Berge geschieden werden. 

3) Herod. IV, 148; Xen. Hell. III, 2, 30; Polyb. IV, 77 u. 80; Strab. 
p. 343; Paus. VI, 21, 6; Steph. u. MaKiatog u. ^Q^^a: ders. (n. ^utatog) 
giebt an, dass die Stadt später (aber wann?) ^anftog genannt worden 
sei. Vgl. Leake Morea IT, p. 209 s.; Boutan Memoire p. 232 s«. 

*) Paus. VI, 21, 3, wornach auf dem Bergrücken das Qrab dos Käu- 



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5. Elis: Pisalis. 287 

\restlicli in der Nähe des Olympischen Ileiligthums gegen den 
Alpheios vortretende Högel mit den wahrscheinlich von den 
Achäern aus ihren thessalischen Wohnsitzen mitgebrachten Na- 
men Olympos und Ossa bezeichnet.^) Zahlreiche Bäche fliessen 
aus diesem Hugeliande dem Alpheios zu : tier östlicliste derselben 
ist der alte Leukyanias, an welchem ein Heiligthum des Dio- 
nysos Leukyanites stand ;^ es folgt der ungefähr dem triphyli- 
schen Phrixä gegenüber in den Alpheios mündende Parthenias, 
an welchem man einen Grabhügel der Rosse des Marmax, des 
ersten Freiers um des Oioomaos Tochter Hippodameia zeigte;') 
sodann der Ilarpinates, an dessen westlichem Ufer die zu Pau- 
sanias Zeit zerstörte Stadt Harpina und in deren Nähe ein 
hoher Erdhügel, welcher als GraK der von Oinomaos getödteten 
Freier der Hippodameia betrachtet wurde, ein Stadion weiter 
ein Heiligthum der Artemis Kordaka und in dessen Nähe ein 
kleines Gebäude mit einem ehernen Kasten, der die Gebeine des 
Pelops enthalten sollte, lag.^) Zwanzig Stadien westlich von Har- 
pina mündet in den Alpheios wieder ein bedeutenderer Bach, der 
die Gränze des Olympischen Heiligthums gegen Westen bezeichnende 
Kladeos. '^) Bald darauf treten die Hügel vom rechten Ufer des 



bers Sauros, der hier von Herakles getödtct worden sein sollte, und ein 
zu Paus. Zeit in Trümmern liegendes Heiligthum des Herakles standen. 

*) Strab. p. 366; schol. Apoll. Rhod. A, 699; Eustath. ad Dionys. 
Per. 409. Curtius (Pel. H, S. 61) setzt den Ossa auf das linke Ufer des 
Alpheios wegen Strabons Angabe, dass Pisa zwischen den beiden Ber- 
gen gelegen, habe; doch ist diese Angabe auch dann richtig, wenn wir 
im Olympos den östlich, im Ossa den westlich von dem kleinen Bache 
von Miraka sich erhebenden Bergrücken erkennen. 

*) Paus. VI, 21, 4 f., wo auch ein etwas weiter östlich, 40 Stadien 
vom Baurosberge auf einer Anhöhe am Alpheios gelegener, von einem 
gewissen Demänetos gegründeter, zu Paus. Zeit verfallener Tempel des 
Asklepios erwähnt wird. 

•) Paus. a. a. O. § 7; Strab. p. 357; Steph. u. 4*a>Qi,afioi : nach der 
letzteren Stelle lug in der Nähe des Flusses, wahrscheinlich zwischen 
ihm und dem Leukyanias , eine ^toQictiioC^ d. i. ^Kiste, Kasten', genannte 
Oertlichkeit, wahrscheinlich eine enge und tiefe Schlucht. 

*) Paus. a. a. O. § 8 ff. u. c. 22, 1 ; für die Stadt Harpina vgl. auch 
Strab. p. 357; Lucian. de morte Peregr. 35 (nach welcher Stelle sie 20 
Stadien ostwärts von Olympia entfernt war) u. Steph. u. T^^jwv«. 

6) Paus. V, T^ 1 u. ö.: bei Xen. Hell. VIT, 4, 29 ist der Name KXi- 
9ccos geschrieben. 



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288 11. Peloponncsos. 

Alpheios bc(räcbUi<'li gegen Norden zuröck und es entslelit so 
eine geräumige Ebene, durch welche wieder mehrere Bäche nach 
dem Alpheios fliessen: der ' bedeutendste westlichste derselben 
scheint im Alterthum den wieder aus Thessalien hierher ver- 
pflanzten Namen Enipeus, der nächst östlichere den Namen 
Kytherios geführt zu haben J) Längs des rechten Ufer des 
Enipeus zieht sich ein Ilugelrricken bis zum Alpheios herab und 
bildet so ein letztos kurzes Engtbal, aus welchem dieser Fluss 
in seine breite, ganz aus angeschwemmtem Lande bestehende 
Mündnngsebene eintritt. Unmittelbar an der Mündung stand in 
einem Haine ein Tempel der Artemis Alpheionia oder Alpheiusa, 
nach der alten Landessage der l^eliebten des Flussgottes Alpheios, 
an deren Stelle in einer jungern Form der Sage die Quellnymphe 
Arelhusa getreten ist.^) 

Die Pisatis zerfiel zur Zeit ihrer politischen Selbständigkeit 
in acht Bezirke, von denen jeder das Gebfet einer einzelnen 
Stadt ausmachte. Als solche alte Bezhrkshauptstädte kennen wir 
durch das ausdrückliche Zeugniss des Slrabon (VIH p. 356 s.) 
Salmone (bei einer gleichnamigen Ouelle, aus welcher der 
Enipeus entspringt). Ilerakleia (40 — 50 Stadien nordwestlich 
von Olympia an der von da durchs Gebirge nach Elis führenden 
Strasse am Flusse Kytherios, also in der Gegend des jetzigen 
Bruma gelegen, mit einer heilkräftigen Quelle und einem Heilig- 
thum der ionidischen Nymphen),^) Harpina (vgl. oben S. 287, 
Anm. 4), Kikysion (nach Strabon die grösste unter allen), 
und ETyspontion (an der durch die Ebene führenden Strasse von 
Olympia nach Elis gelegen, von seinen Bewohnern nach dem un- 
glücklichen Ausgange des Unabhängigkeilskampfes der Pisaten 



^) Strftb. p. 356: der Kv&rJQiog heisst bei Paus. VI, 22, 7 Kv&rjQog. 
Meineke Diatr. in Callimachi H. in lov. 22 (p. 126) vermuthet, dass er 
auch den Namen 'idmv gefuhrt habe. 

») Strab. p. 343; Athen. VIII, p. 346»»; dazu über die alten Wand- 
gemälde im Tempel Panofka 'Zur Erklärung des Plinius', Berlin 1863, 
S. 4 ff. lieber die ältere Gestalt der Sage, für welche auch der gemein- 
same Altar des Alpheios und der Artemis in Olympia (Paus. V, 14, 6} 
Zeugniss giebt, vgl. Paus. VI, 22, 8 f.; schol. Pind. Pyth. II, 12; Nem. 
I, 3; über eine Quelle Arethusa in der Pisatis E. Curtius in Pinder und 
Friedländers Beiträgen zur älteren Münzkunde I, S. 234 ff. 

') Vgl. Paus. VI, 22, 7, zu dessen Zeit Heraklei% eine Kome der 
Eleier war. 



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5. EJis: Pisalis. 289 

gegen Elis, an yrelchem sie Theil genommen hatten» um Ol. 50 
Yerlassen)J) Die drei übrigen waren walirscheinlich Aleision, 
in älteren Zeiten eine Stadt an der Gebirgsslrasse von Olympia 
nach Elis, zu Strabons Zeit nur noch ein Platz in der Amphi- 
doiis oder Amphidoiia genannten (legend, an welchem die 
Umwohner monatlich einen Markt abhielten (wahrscheinlich iden- 
tisch mit der von anderen Schriftstellern erwähnten Ortschaft der 
Amphidoloi);^) Hargala oder Margana, eine ebenfalls im 
District Amphidoiia gelegene Stadt ,^) und Letrinoi an der Haupt- 
Strasse von Olympia nach Elis, 120 Stadien von ersterem, 180 
von letzterem Orte entl'ernt, in der Nähe eines kleinen Sees/ 
also jedenfalls in der jetzt zu dem Städtchen Pyrgos gehörigen 
Strandebene, wahrscheinlich bei dem Dörfchen Flagios toannis 
oberhalb der Lagune von Muria (die ebenso wie die sudlicheren 
Lagunen gewiss neueren Ursprungs ist) gelegen, zu Pausaniaa Zeit 
bis auf wenige Wohnhäuser und den Tempel der Artemis AI- 
pheiäa zerstört.^) 

Der ausdrücklich bezeugte Umstand, dass Pisa 'nicht zu 
diesen acht Städten gehörte, giebt der Ansicht derjenigen grie- 
chischen Alterthumsforscher einiges Gewicht, welche läugneten, 
dass es überhaupt jemals eine Stadt dieses Namens gegeben habe 
und den Namen der Landschaft von einer Quelle Pisa (später 
Bisa genannt) in der Nähe der Stadt Kikysion (die also un- 



Vgl. mit Strab. a. a. O. Paus. VI, 22, 4; Steph. u. Jvanovxiov. 
Die Namen der acht Städte der Pisatis standen jedenfalls neben acht der 
%o£l7j ^Hli^ in der Lücke bei Paus. V, 16, 6. 

») Strab. p. 341, vgl. U. B, 617 u. A, 757; Steph. u. 'AXrjaiov. Die 
*AyLtpldoloi (nach dem Zeugniss des Steph. u. d. W. zugleich Name der Ort- 
schaft und ihrer Bewohner) Xenoph. Hell. III, 2, 25. u. 30; IV, 2, 16. 
Diejenigen, welche von einem Flusse 'AXsiaioq sprachen (s. Strab. p. 342), 
verstanden darunter wohl einen Seitenarm dßs Enipeus. 

*) Strab. p. 349 (wo MttqydlotL u. MorpyaAa); MaQyavsig Xenoph. 
HeU. m, 2, 25 u. 30; IV, 2, 16 (an diesen drei Stellen neben den 'Afi- 
fpCdoXoi genannt, also von diesen verschieden); VI, 5, 2; VII, 4, 14 u. 
26; MccQyava Diodor. XV, 77; MuQyaia Steph. Byz. u. d. W. 

*) Paus. Vi, 22, 8 ff.; Xenoph. Hell. III, 2, 25 u. 30; IV, 2, 16; 
Ljcophr. AI. 54 u. 158 (was unter der ebds. erwähnten MolfctSog ni tga 
gemeint sei, wissen wir nicht): vgl. Leake Morea U, p. 186 ss. Auch 
bei Ptol. IIJ, 16, 18 ist vielleicht (mit Pouillon Boblaye Recherches p. 
131) für KoQijvrj (oder KoQvvri) AsxqCvoi herzustellen. 



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290 11. Peloponnesos. 

geHihr auf derselben Stelle anzusetzen sein wird, welche andere 
für Pisa in Anspruch nahmen) herleiteten. Andere dagegen be- 
zeichneten einen zur Zeit des Pausanias mit Weinbergen bedeckten 
Ilugel 6 Stadien östlich von dem Olympischen Heiligthum^ als 
den Platz der alten Stadt Pisa.^) Jedenfalls beruhte die ganze 
Bedeutung der Ortschaft auf dem Heiligthum des Zeus Olympios, 
dessen Platz, jetzt eine ungesunde, feuchte Niederung, grössten- 
theils mit Gebüsch und Weideland bedeckt, von bewaldeten An- 
höhen umgeben , ohne eine Spur menschlicher Ansiedelungen, im 
Alterthum jeine mit zahlreichen Bau- und Bildwerken, darunter 
Kunstwerken ersten Ranges geschmückte Stätte regelmässiger, 
taglicher Opfer, während der Tage des Festes ein Sammelplatz 
vieler Tausende von Besuchern selbst aus den fernsten Gegenden, 
in welche griechische Spcache und griechische Cultur gedrungen, 
war. Olympia — mit diesem Namen wurde der ganze im 
Westen vom Kladeos, im Süden durch das im Alterthum besser 
als jetzt regulirte Bett des Alpheios, im Norden und Osten durch 
Hügel begränzte Raum bezeichnet — bestand aus dem geräu- 
migen Peribolos des Zeustempels — der sogetiannten Altis — , 
den Anlagen für die gymnischen und hippischen Agonen und 
allerhand Räumlichkeiten für das Cultpersonal, für das Unter- 
kommen und die Bewirthung der Fremden und für geselligen 
und geschäftlichen Verkehr.^) Die Altis war rings von einer 
Mauer umschlossen, die sich an der Nordseite hart am Fusse 
eines in die Ebene vortretenden HügeJs, des Kronion, und um 
die südwestliche Ecke desselben herum bis zum Kladeos hinzogt 



») Strab. p. 356; Paua. VI, 22, 1 f.; schol. Find. Ol. I, 28; XI, 51; 
Steph. Byz. u. Wca. 

*) Vgl. für die Topographie von Oljmpia, welche von Agakl^'tos in 
einer besonderen Schrift tcsqI ^OXvfiniocg behandelt worden war (s. C. 
MüUer Fragm. bist. gr. IV, p. 288), die üüchtige Skizze bei Strab. VIII, 
p. 353 s. und die sehr detaillirte, aber leider sehr wenig übersichtliche 
Schilderung bei Paus. V, 7 — VI, 21; dazu John Spencer Stanhope 
Olympia or topography illustrative of the actual state of the piain of 
Olympia, London 1824 [mir nicht zugänglich]; Expedition de Moree I, 
pl. 56—73; Leake Peloponnesiaca p. 4 — 108; E. Curtius Olympia. Ein 
Vortrag. Berlin 1852 und Peloponnesus II, S. 52 fif. (dazu. Pläne auf 
Tfl. II); Beule Etudes sur le P^loponnfese p. 245 ss.; Vischer Erinnerun- 
gen S. 465 ff.; Th. Wyse An excursion in the Peloponnesus in the year 
1858, London 1865, Vol. II, p. 81 ss. 



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5. Elis: Pisalls. 291 

am liDkeu Ufer dieses Flusses, wo mau noch Spuren einer Ufer- 
mauer bemerkt, gegen Süden, dann dem rechten Ufer des Al- 
pheios parallel, aber iq beträchtlichem Abstand von demselben 
gegen Osten, endlich in gerader Linie gegen Norden nach der 
Sudostecke des Kronion hinlief J) Der Haupteingang, durch 
weichen die Processionen in die Altis einzogen, befand' sich an 
der Südseite; ausserdem gab es mehrere Nebenpforten, wie eine 
an der Nordwestseite in der Gegend des Gymnasions und zwei 
an der Nordostseite, welche direct in das Stadion (die eine 
für die Kampfrichter und Athleten, die andere für das übrige 
Publikum bestimmt) führten.^) Den Mittelpunkt der Altis bildete 
sowohl in räumlicher Beziehung als in Hinsicht auf seine religiöse 
Bedeutung der grosse Altar des Zeus Olympios, welcher auf einem 
, steinernen Unterbau Yon 125 Fuss Umfang (der sogenannten Pro- 
thysis, auf welcher die Opferthiere geschlachtet wurden) aus der 
mit Wasser aus dem Alpheios vermischten Asche der yerbrannten 
Schenkeiknochen der Opferthiere errichtet war. Auf demselben 
wurden, abgesehen von den grossen Opfern während der Fest- 
feier, täglich von den Eleern und häufig von Privatleuten Opfer 
gebracht; jahrlich um die Frühlingsnachtgleiche (am 19. des 
Monats Elaphios nach eleischem Kalender) wurde eine neue Lage 
von der während des Jahres im Prytaneion angesammelten Opfer- 
asche aufgestrichen , so dass die Höhe des Altars, welche zu Pau- 
sanias Zeit (mit Einschluss des Unterhaus) 22 Fuss betrug, immer 
zunahm.^) In der Nähe dieses Altars, gegen Westen in gfeicher 



') Die Aasdehnung der Altis ist auf dem Plane bei Curtius gegen 
Süden zu gross, auch die Stelle des Zeustempels nicht richtig angegeben: 
derselbe liegt der südwestlichen Spitze des Kronion betrftehtlich näher; 
vgl. Wyse a. a. O. p. 148 s. Das xiCxos der Altis erwähnen Paus. V, 
24, 8; 26, ö u. 7; Xenoph. Hell. VH, 4, 32. 

») noiinmii £tgo9og Paus. V, 15, 2; VI, 20, 7; ^ S^pSog 17 ^ow 
yv^vcca^ov nigav V, 15, 8; 17 ^goSog 17 ig to atadtov V, 14, 9; 21, 15; 
22, 1 ; Kqvnxri sCgoSog für die *ElXavoSinai und iymviatai VI, 20, 8. 

») Paus. V, 13, 8 flf. vgl. VI, 17, 1. Der Altar heisst ßmfiog 
schlechtweg bei Xen. Hell. VII, 4, 31; Philostr. de gynm. 5 u. G. An 
denselben knüpfte sich ohne Zweifel das navtBiOif tov 'Olviiniov Jioq 
(Strab. VIII, p. 353), d. h. die Weissagung aus den Opfern, besonders 
ans der Opferflamme (ßi i(inv^a)v), welche bis in die letzten Zeiten des 
Heidenthnms durch ^avtsig aus den Familien der 'luf^idat und KXvTid- 
dai. besorgt wurde: vgl. Pind. Olymp. VI, 7 u. VIII, 3 c. schol.; Herod, 



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292 II. Pcloponnesos. 

Entfernung von demstflben, standen zwei alte und angesehene 
Heiligthömer : ein dorischer Tempel (Peripleros) der Hera, der 
aller vier Jahre ein Fest Heräa mit Darbringung eines von 16 
Frauen gewebten Peplos und Wettlaufen von Mädchen verschie- 
dener Altersstufen im Olympischen Stadion gefeiert wurde, mit 
zahlreichen theils durch ihren Kunstwerlb, theils durch Alter- 
thümlichkeit (wie der bekannte Kasten des Kypselos) bedeutsamen 
Weihgeschenken, und südlich davon ein Temenos des Pelops (Pe- 
lopion), ein mit Bäumen, zwischen denen Statuen aufgestellt 
waren, bepflanzter, von einer Mauer umschlossener Baum mit 
Eingang an der Westseite. ^) Südlich von diesem Temenos, durch 
einen mit Statuen und Weihgeschenken aller Art angefüllten 
Baum davon getrennt, erhob sich der grosse Tempel des Zeus, 
ein Denkmal des Sieges der Eleer über die Unabhängigkeitsbe-. 
strebungen derPisaten, dessen wahrscheinlich noch in den 50er 
Olympiaden unter Leitung des Architekten Libon begonnener Bau 
erst Olympiade 85 — 86 seinen völligen Abschluss erhielt. Es 
war ein dorischer Peripteros mit 6 X 13 Säulen aus mit feinem 
Stuck überzogenem Muschelkalk, der Unterbau aus feinkörnigem, 
dem phigalischen ahnlichem Kalkstein, das Dach, die Architektur 
im Innern der Cella, sowie der plastische Schmuck der beiden 
Giebelfelder (im östlichen die Vorbereitungen zum Wettkampfe 
zwischen Pelops und Oinomaos von Päonios aus Mende in Thra- 
kien , im westlichen der Kampf der Lapithen und Kentauren von 
Alkaih'enes aus Athen) und der je sechs Metopen über dem Ein- 
gange zum Pronaos und Opisthodom (Thaten des Herakles; die Me- 
topen des äusseren Ilauptfrieses waren ohne plastischen Schmuck) 
aus weissem Marmor. Das in der Mitte oflene Dach der Cella, 
an deren westlicher, sie von der Nachcella (Opisthodomos) tren- 
nenden Wand die Colossalstatue des Gottes, das Werk des Phei- 
dias, in einer besonderen Capelle aufgestellt war, wurde von 
einer doppelten Sdulenstellung , zwei unteren und zwei oberen, 
eine Art von Emporen bildenden Säulenreihen längs der Lang- 



VIII. 134; Xen. Hell. IV, 7, 2 und die am Fusse des Kronionhügels ge- 
fundenen Inschriften bei Beul<^ Atudes snr le P^. p. 268 ss. (auch in 
Ooettlings Opnscula academlca p. 306 ss.). 

«) Tempel der Hera: Paus. V, 16; VI, 1, 3; c. 19, 8 u. 12; Athen. 
XI, p. 480«; Dio Chrjsost. Or. XI, 45. TlsXoniovi Paus. V, 13, 1 ff.J 
24, 5; 27, 1. 



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5. EJis: Pisaiis. 293 

selten der Cella, gestützt. Dass der Tempel nicht sowohl zu den 
Zwecken desCultus, als zur Erhöhung des Glanzes der Festfeier, 
bei welcher den Siegern in den Agonen innerhalb des Tempels 
vor der Statue des Gottes die Siegeskränze überreicht wurden, 
errichtet war, zeigt schon der Umstand, dass auch nach Er- 
bauung desselben die regelmässigen Opfer auf dem grossen Aschen- 
allar, der in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tempel 
stand, dargebracht wurden. Doch ist auch von einem Altar, auf 
welchem Opfer (jedenfalls nur feuerlose) gebracht wurden , inner- 
halb des Tempels die Rede, und eine durch ein ehernes Gefäss 
bezeichnete Stelle auf dem Boden der Cella, an welcher einst 
ein Blitz eingeschlagen haben sollte, war gewiss, wie alle der- 
artige Blitzmale bei den Alten, auch eine Stätte des CultusJ) 
In der Gegend des Opisthodoms , welcher während des Festes der 
gewöhnliche Versammlungsort eines kleineren gewählten Publikums 
zum Behuf des Anhörens litterarischer Vorträge oder sonstiger 



*) Vgl. üher den Tempel Paus. V, 10, 2 flf., dessen Maassangaben 
(230 F^ Länge, 95 F. Breite, 68 F. Höhe) mit den von der französischen 
Commission ermittelten Maassen (Länge 205, Breite 93 Par. Fass) ziem- 
lich übereinstimmen; den ßapLog ivtog tov vaov (wofür Bötticher 
Tektonik der Hellenen Buch IV, S. 352 unrichtig ivtog t^g "AXTScag 
schreiben wollte) erwähnt Paus. ebds. c 14, 4. Von Neueren s. Expe- 
dition de Mor^e I, pl. 62 ss.; Rathgeber 'Olympieion' in der Allgem. 
Encycl. d. W. u. K. S. III, Bd. 3, S. 179 ff.; Bötticher Zeitschrift für 
Bauwesen III (1853) 8. 38 ff. u. 138 ff.; Reber Geschichte der Baukunst 
im Alterthum S. 299 f. Eine andere Ansicht über die Erbauungszeit des 
Tempels hat Urlichs ausgesprochen in den Verhandlungen der 25sten Philo- 
logenversammlung zu Halle S. 70 ff. : er bezieht die von Paus. a. a. O. er- 
wähnten XtttpvQct auf einen späteren, Ol. 77, 2 stattgehabten Aufstands- 
versuch der eleischen Periöken und lässt den Bau Ol. 77, 3—4 beginnen 
u. Ol. 80, 3 — 4 im Wesentlichen, bis auf die Gnippe des westlichen Giebels 
und die Zeusstatue, vollendet sein. Allein dass Pausanias nur den von 
den Pisaten unter Führung des Pyrrhos, Sohnes des Pantaleon, gegen 
die Eleer begonnenen Krieg, der (wahrscheinlich Ol. 61: vgl. Julius 
Africanus ad Olymp.. XXX und die Thatsache, dass Ol. 52 wieder ein 
Eleer als Sieger erscheint) mit der Unterwerfung und Austreibung der 
Pisaten und ihrer Bundesgenossen endete, gemeint haben kann, lehrt die 
Vergleichung der historischen Notizen VI, 22, 4. Heutzutage sieht man 
nur zwischen Schutthaufen und zum grossen Theil wieder mit Erde und 
Strauchwerk bedeckt, aus welchem einige Säulentroncs herausragen, die 
von der französischen Commission im Mai und Juni 1829 blossgelegten 
Fundamente des Tempels.' 

SUBSIAN, OEOaR. II. 20 



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294 II. Peloponnesos. 

wissenscbafllicher Unterhaltung oder der Betrachtung ausgestellter 
Kunstwerke gewesen zu sein scheint,') stand ein uralter, angeb- 
lich von Herakles selbst gepflanzter wilder Oelbaum, von dessen 
Zweigen ein Knabe, dessen beide Eltern noch lebten, mit goldnem 
Messer die Kränze für die Sieger in den Kampfspielen abschnitt; 
in seiner Nähe war den ' Nymphen der schönen Kränze * (Nymphä 
Kallistepbanoi) ein Altar errichtet. ^) Zwischen dem Tempel und 
dem grossen Altar stand, südlich vom Wege, unter einem von 
vier Säulen getragenen Dache eine uralte , durch zahlreiche Heft- 
bänder zusammengehaltene hölzerne Säule, welche von der Tra- 
dition als der einzige Ueberrest des vom Blitz zerstörten Hauses 
des Oinomaos bezeichnet wurde , zwischen Altären des Zeus Her- 
keios und des Zeus Keraunios.^) Von anderen Baulichkeiten 
innerhalb der Altis kennen wir, abgesehen von den sehr zahl- 
reichen Altären,^) das in der Nähe des Processiousthores, also 
im südlichsten Theile der Altis, gelegene Hippodameion, 
einen mit einer Mauer umhegten Platz von einem Plethron 
(10,000 DFuss = 9648 preuss. DFuss) Flächenraum, welcher 
nur einmal im Jahre von den Frauen, welche der Hippodameia 
opferten, betreten werden durfte,^) sowie eine grössere Gruppe 
von Gebäuden im nördlichsten Theile der Altis am südlichen Fusse 
des Kronionhügels. Zunächst dem Ausgange, welcher nach dem 
ausserhalb der Altis, zwischen dem westlichen Fusse des Kronion 
und dem Kladeos gelegenen Gymnasion, an dessen östliche 



1) Vgl. E. H. Meier Allg. Encycl. d. W. u. K. S. III, Bd. 3, S. 307; 
Krause Olympia (Wien 1838) S. 183 ff. 

«) Paus. V, 15, 3: vgl. Theophr. Hist. pl. IV, 13, 2; Plin. N. h. XVI, 
44, 240. Die auch von Curtius (Pelop. II, S. 53) wiederholte Angabe, 
dass der Baum in einem Tldv^SLOv genannten Crehege gestanden habe, 
beruht auf einem freilich alten (vgl. schol. Pind. Olymp. III, 60 u. VIII, 
12) Missverständniss der vom schol. Aristoph. Plut. 586, schol. 
Theoer. IV, 7 u. Suid. u. %ot^vov ctstpdvoo ausgeschriebenen Stelle dea 
(Aristot.) Mir. ausc. 51, wo von dem Oelbaume, von welchem Herakles 
den Absenker entnahm, den er in Olympia pflanzte, gesägt ist, dass er 
im Pantheion^ in der Nähe des Ilissos (also doch wohl in Athen?) stehe. 

8) Paus. V, 14, 7; c. 20, 6 ff.; VI, 18, 7. 

*) Ein leider nicht nach den Standorten, sondern nach der Reihen- 
folge, in welcher auf ihnen geopfert wurde, geordnetes Verzeichniss der- 
selben giebt Paus. V, 14, 4 ff. 

») Paus. VI, 20, 7, vgl. V, 22, 2. 



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5. Elis: Pisalis. 295 

Mauer Wohnungen für die Athleten angebaut waren, ^) führte, 
stand zur Rechten des vom Heraon her Kommenden das Pryta- 
neion, welches zwei Gemächer enthielt: das Heiligthum der 
Ilestia mit dem gleich dem grossen Zeusaltar aus Asche errich- 
teten Altar, dem Staatsheerde der Eleer, auf welchem Tag und 
Nacht ein ewiges Feuer brannte, nebst einem Altar des Pan, und 
den Speisesaal (Hestiatorion) , worin den Siegern in den Spielen 
ein Festmahl gegeben wurde. ^) Dem Prytaneion gegenüber zur 
andern Seite des Ausgangs stand ein Rundgebäude aus Ziegeln, 
von Säulen umgeben, mit einem ehernen Mohnkopfe auf der Spitze 
des Daches, von Philipp 11. von Makedonien nach der Schlacht bei 
Chäroneia erbaut und daher Philippeion genannt; das Innere 
enthielt Statuen des Philippos, seines Vaters Amyntas, des 
Alexandros, der Olympias und der Eurydike, sämmtlich Werke 
des Leochares aus Elfenbein und Gold. In der Nähe dieses Rund- 
baus (westlich oder südlich davon) stand ein grosser, der Götter- 
inutter geweihter dorischer Tempel, das Metroon, in welchem 
aber wenigstens zu Pausanias Zeit kein Götterbild, sondern Statuen 
römischer Kaiser aufgestellt waren.') Diesem ungefähr gegen- 
über, südlich vom Prytaneion, lag das Buleuterion, das Sitzungs- 
local des olympischen Rathes, welcher die höchste Instanz für 
alle das Fest oder das heilige Gebiet betreffenden Streitigkeiten 
bildete; darin stand eine Statue des Zeus Horkios (Schwurgott), 

*) Paus. V, 15, 8; VI, 6, 3; c. 21, 2: die Lage ausserhalb der Altia 
ergiebt sic^ deutlich aus der ersten und letzten Stelle. 

«) Paus. V, 16, 8 ff.; Xen. Hell. VII, 4, 31; vgl. Preuner Hestia- 
Vesta S. 127. Mit dem Prytaneion stand auch offenbar in enger Ver- 
bindung der d'STjrtoXstov, die Wohnung der ^e?jxo2ot, welche, 3 an 
Zahl, abwechselnd je einen Monat lang unter Assistenz der if7tovdo(p6- 
pot, iiävtsigj i^rjyrita^f vnoanovdotpOQOi (auch vnoonov9oQ%rioxaC und 
InienovdoqxriazaC genannt) und des ^vXbv^ (auch %ci%iiiiieQO%^vtriq) die 
täglichen Opfer besorgten: Paus. V, 15, 8—10; Inschr. bei BeuH Etudes 
p. 268 SS. 

') Paus. c. 20, 9, nach welcher Stelle ich trotz deV etwas unklaren 
Wegbezeichnung c. 21, 2 mit Wyse (An excursion in the Peloponnesus 
II, p. 138 s.) das Metroon (welchem vielleicht die von Beule a. a. O. p. 
260 erwähnten, zum 'fheil im Bette des Kladeos liegenden Reste eines 
dorischen Tempels angehören) neben dem Philippeion, nicht mit Curtius 
östlich vom Heräon ansetzen zu müssen glaube. Das Philippeion war 
offenbar seiner Bestimmung nach den sogleich zu erwähnenden Thesau- 
ren analog. 

20* 



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29G II. Peloponnesos. 

vor welcher die Athleten mit ihren Angehörigen und Lehrern 
auf die strenge Beobachtung der Kampfgesetze, die Kampfrichter, 
welche über die Kämpfe der Knaben und der Fohlen zu ent- 
scheiden hatten, auf Unparteilichkeit und Wahrung des Amtsge- 
heimnisses vereidigt wurden.') In der Nähe des Prylaneion 
scheint in älterer Zeit ein Theater, dessen Sitzstufen für die 
Zuschauer wahrscheinlich auf dem Abhänge des Kronion ruhten, 
errichtet, aber wenigstens im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
wieder verschwunden gewesen zu sein.^) 

Wenn man vom Metroon nach dem Stadion, also in west- 
ösllicher Richtung, durch den nördlichsten Theil der Altis ging, 
so hatte man zur Linken am südlichen Fusse des Kronion einen 
aus einer Anzahl von langen Treppenstufen bestehenden Unterbau, 
von dessen östlichem Ende man durch den sogenannten ^ verbor- 
genen Eingang', offenbar ein Seitenpförtchen in der Mauer der 
Altis, unmittelbar in das Stadion gelangen konnte. Auf den Stufen 
standen eine Anzahl (zu Tansanias Zeit 17) Erzstatueu des Zeus, 
von den Eleern Zanes genannt, errichtet aus Strafgeldern, welche 
einzelnen Athleten wegen Vergehen gegen die Kampfordnung 
auferlegt worden waren. ^) Die oberste Stufe führte zu einer 
Terrasse, welche zehn Thesauren (Schatzhäuser) d. h. tempel- 
artige Gebäude, die von verschiedenen, meist aussergriechischeu 
Städten zur Aufbewahrung kostbarer Weihgeschenke errichtet 
worden waren, in folgender Reihenfolge von Westen nach Osten 
trug: das der Sikyonier (errichtet durch den Tyrannen Myron, 
der Olymp. 33 einen Wagensieg in Olympia gewann,' mit zwei 
Gemächern, einem im dorischen, einem im ionischen Styl, deren 
Wände mit Erzplatlen bekleidet waren) , der Karthager (jedenfalls 
nicht von diesen selbst, sondern von Gelon und den Syracusanern 



1) Paus. V, 23, 1; c. 24, 1 u. 9 f.; Xen. Hell. VII, 4, 31. 

») Xen. Hell. VII, 4, 31; wenn dort das Wort d'sdtQOv nicht eine 
blosse Corruptel (etwa für iatiatOQiov?) ist, so bleibt nur die im Texte 
ausgeführte Annahme übrig, da nicht nur Pausanias das Theater nicht 
erwähnt, sondern auch Philostrat. Vita Apoll. V, 7 (p. 88, 2 Kayser) in 
Bezug auf Oljmpia sagt: ots ftijTf ^iatgov loxi fLTJts atirjviq ngog tä 
toiccvzcc (sc. zgaymSiav xal xt^apood/af), ozddiov 6h avto(p^lg *ai 
yvpivd ndvta , eine Stelle, mit welcher Curtius (Fei. II, S. 112, Anm. 68) 
sich allzu leicht abfindet. 

3) Paus. V, 21, 2 ff.; VI, 20, 8. 



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5. EJis: PIsatis. 297 

zur Erinnerung an den Sieg bei Ilitnera gestiftet), der Epi- 
dainnier, der Byzantier, der Sybariten, der Kyrenäer, der Seii- 
nuntier, der Metapontiner» der Megarer (in Hellas) und der 
GeloerJ) Die Terrasse wurde im Norden jedenfalls durch die 
nördliche Umfassungsmauer der Altis abgeschlossen; zwischen 
dieser und dem Gipfel des Kroiiion, also höher hinauf am sud- 
Jichen Abhänge dieses Hügels, stand ein Heiligthum der Eileithyia 
Olympia mit einer Kapelle für den specifisch eleischen Dämon 
Sosipolis und ein zu Pausanias Zeit verfallenes Heiligthum der 
Aphrodite Urania. Der von den Arkadern während ihres Krieges 
mit den Eleern im Jahre 365 v. Chr. befestigte Gipfel des Hügels 
i^ar eine alte Cultstätte, auf welcher die Basilen — jedenfalls 
ein allachäisches oder eleisches Priestergeschlecht — jährlich um 
die Fruhjahrsnachtgleiche dem Kronos opferten, ^j 

Kehren wir noch einen Augenblick in die Altis zurück, so haben 
wir darin ausser den schon erwähnten Gebäuden und Altären noch 
mehrere Hallen für Spaziergänge, gesellige und wissenschaftliche 
Unterhaltungen anzusetzen , deren Plätze nicht mehr zu bestimmen 
sind; eine derselben wurde, weil ihre Wände in älteren Zeiten 
mit Gemälden geschmückt gewesen waren, die bunte (Poikile), 
oder auch, wegen eines siebenfachen Echos, das man darin ver- 
nahm, die Halle der Echo oder die siebenstimmige Halle genannt.^) 



') Paus. VI, 19; die Thesauren der Metapontiner und Byzantier 
erwähnt auch Polemon. bei Athen. XI, p. 479', der sie als vao£ bezeich- 
net; für ihre tempeläbnliche Bauart zeugt auch die Erwähnung eines 
Sculpturschmuckes im Giebelfelde des Thesauros der Megarer bei Paus. 
§ 18; daher ist es fraglich, ob die von Vischer Erinnerungen S. 470, 
Anm. * erwähnten Reste eines Rundbaues an der Südostseite des Ero- 
nion von einem Thesauros herrühren. 

*) Paus. VI, 20, 1 f., wo § 2 zu schreiben ist: iv 61 xotg niqaüt 
xov Kqoviov Haxa z6 ngog ttjv ocqkxov [t et zog] iazlv iv fiioat xtav 
Jd'rjcavifwv xal xov ogovs tsQOV Elkn^vCag^ weil nur dadurch die topo- 
graphische Angabe Iv (liaco xtX. einen Sinn erhält, die bei der Ansetzung 
des Heiligthums am Nordabhange des Hügels auch unter der Voraus- 
setzung, dass der Weg gewunden war (Curtius Pel. II, S. 112, Anm. 65), 
unbegreiflich bleibt. Die von Xenoph. Hell, VII, 4, 14 erwähnte Be- 
festigung des Kronion hat wahrscheinlich Veranlassung gegeben zu dem 
Irrthume Diodors, der XV, 77 von einer Stadt Kronion spricht. 

') Paus. V, 21, 17; vgl. Lucian. de morte Peregr. 40; Plut. de 
garrulit. 1 ; Plin. N. h. XXXVI, 16, 100. Mehrere axoai erwähnt Xen, 
Hell. VII, 4, 31. 



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298 n. Peloponnesos. 

Der Raum zwischen allen diesen Gebäuden und Altären war theils 
mit Bäumen, die in den älteren Zeiten jedenfalls den grössten 
Theil der Altis eingenommen hatten, aber mehr und mehr durch 
die Werke der Menschenhand verdrängt worden waren , bepflanzt, 
theils mit einer fast zahllosen Menge von Statuen (meist Erz- 
bildern) bedeckt: theils Weihgeschenken von Städten und Privat- 
leuten, theils Ehrenstatuen der Sieger in den Kampfspielen, deren 
Errichtung seit etwa Ol. 60 Brauch geworden warJ) 

An die nordöstliche Ecke der Altis schloss sich, durch zwei 
Eingänge, wie oben bemerkt ^ mit ihr verbunden, das Stadion 
an, die von Nord nach Süd 600 Fuss lange Rennbahn für den 
Wettlauf und die übrigen zu diesem ältesten und ursprünglich 
einzigen Agon allmälig hinzugefügten gymnischen Wettkämpfer 
die sich zwischen ' künstlich aufgeschütteten Erdwällen, welche 
dem zuschauenden Publikum Raum zum Sitzen darboten, in der 
Niederung am östlichen Fusse des Kronion hinzog. Am nördlichen 
Ende waren die Sitze für die Kampfrichter (Hellanodiken) und 
diesen gegenüber ein Marmorsitz in Form eines Altars für die 
Priesterin der Demeter Chamyne, die einzige Frau, welche den 
olympischen Spielen zuschauen durfte, errichtet; nahe dem süd- 
lichen Ende, dem Ablauf der Wettläufer, zeigte man das Grab 
des Endymion. Oestlich vom Stadion erstreckte sich, wahrschein- 
lich ebenfalls in nord-südlicher Richtung, aber in weit beträcht- 
licherer Länge als dieses, der Hippodrom, die kurz vor Ol. 25 
(wo zuerst Wagenrennen in Olympia abgehalten wurden) errichtete 
Anlage für Wettrennen und Wettfahrten mit Rossen und Wagen. 
Die etwas längere westlichere Langseite bestand aus einer künst- 
lich aufgeschütteten Erhöhung, welche den Hippodrom vom Stadion 
trennte; für die östliche benutzte man einen naturlichen Hilgel, 
einen einer Landzunge ähnlichen Vorsprung des olympischen Ge- 
birges gegen die Ebene. .Am südlichen Ende der Bahn war die 
von Kleoitas mit besonderer Kunstfertigkeit ausgeführte Aphesis 
angebracht, die Anlage für den Ablauf der Wagen, welche von 
den Alten ihrer Form nach mit dem Vordertheil eines Schiffes 



Paus. VI, 18, 7. Die Aufzählung der Statuen, welche derselbe 
VI, c. 1 flf. giebt, ist in der Weise angeordnet, dass c. 1 — 16 die im 
nördlicheren, c. 17 u. 18 die im südlicheren Theile der Altis aufgestell- 
ten beschrieben werden. 



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5. Elis; Pisalls. 299 

verglichen i/vird: jedenfalls ein mit der Spitze nach der Bahn 
gerichtetes gleichschenkeliges Dreieck, an dessen je über 400 Fuss 
langen Schenkeln Schuppen für die Wagen, in dem innem un- 
bedeckten Räume zahlreiche Altäre sich befanden; an die Basis 
¥rar als Abschluss des Hippodroms gegen die Ebene hin eine 
Halle angebaut, welche nach ihrem Erbauer die Halle des Agna- 
ptos genannt wurde. An der westlichen Langseite, durch welche 
ein Eingang in die Bahn führte, stand am Rande der Bahn der 
sogenannte Taraxippos, ein runder Altar, durch dessen Anblick 
die Pferde scheu zu werden pflegten, eine Erscheinung, zu deren 
Erklärung verschiedene Legenden erzählt wurden. Am südlichen 
Ende der Anhöhe, welche die östliche Seite des Hippodrom bil- 
dete, erhob sich ein Tempel der Demeter Chamyne, der jeden« 
falls schon vor der Errichtung des Hippodroms vorhanden war 
und daher bei Anlage desselben geschont werden musste: daraus 
erklärt es sich am leichtesten, warum diese östliche Seite etwas 
kürzer war als die westliche.^) 

Der Raum zwischen der Südmauer der Altis und dem durch 
Ufermauern in ein geregeltes Bett eingedämmten Alpheios war 
hauptsächlich für die äusserst zahlreichen fremden Besucher be- 



1) Paus. VI, 20, 8 ff., vgl. V, 16, 6 f. und über den Tagdiinnos 
auch Dio Chrysost. Or. XXXII, 7C. Das Stadion setzt Wyse a. a. O. 
p. 144 8. (welchem die Zeichnung der Anhöhen in meiner Skizze auf Tfl. 
VIII entnommen ist) nicht unmittelbar östlich vom Kronion, sondern 
weiter geg^n Osten in die Vertiefung, in welcher ich den Hippodrom 
angesetzt habe; allein dann müsste die Altis sich gegen Osten beträcht- 
lich über den Fuss des Kronion hinaus erstreckt haben, was mit der 
Beschreibung des Pausanias nicht wohl zu vereinigen ist. In der An- 
setzung des Hippodroms (über dessen Anlage auch G. Hermanns Pro- 
gramm de Hippodromo Olympiaco, Lipsiae 1839, zu vergleichen ist) 
weiche ich von den meisten neueren Topographen, die ihn südlich vom 
Stadion in der Richtung von Westen nach Osten sich erstrecken lassen, 
ab, indem ich ihn mit Leake östlich vom Stadion, diesem parallel, sich 
hinziehen lasse; meine Gründe dafür sind 1) die Beschaffenheit des Ter- 
rains, da nur hier eine natürliche Anhöhe sich findet, welche als ^e eine 
Langseite der Bahn benutzt werden konnte; 2) der Ausdruck des Paus. 
VI, 20, 10 vnsgßaXovti dl i% tov cxaÖCoVy welcher beweist, das» zwi- 
schen dem Stadion und dem Hippodrom eine Anhöhe sich befand. Die 
Angabe bei Lucian. de morte Peregr. 35, Harpina liege 20 Stadien von 
Olympia natu xov tnnodgofiov amovxoiv ngog ?a> ist auch bei unserer 
Ansetzung völlig richtig, wie ein Blick auf unsere Skizze lehrt. 



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300 II. Pclüponucsos. 

sliiiimt, welche wälirend der Feslzeit theils aus Schaulust, theils 
von Ilaudelsinteressen — denn wie in DelpliQi, auf dem Isthnios 
und auf Delos war auch in Olympia mil den Opfern und Spielen 
eine Art Jahrmarkt oder Messe verbunden — geleitet von allen 
Seiten zusammenströmten. Ausser den Verkaufsbuden, Zelten 
und sonstigen provisorisclten Anlagen gab es hier mehrere steh- 
ende Gasthäuser, unter welchen das nur durch eine Gasse von 
dem Ilaupteingange der Altis getrennte Leonidäon (benannt 
nach seinem Gründer Leonidas] zu Pausanias Zeit das vornehmste 
war. Diesem gegenüber wurde noch dem Pausanias die Werk- 
statte des Pheidias gezeigt, das Gebäude, in welchem dieser Meister 
die einzelnen Bestandtheile des Zeuscolosses gearbeitet, welches 
durch die Errichtung eines allen Göltern zugleich geweihten Allars 
eine religiöse Weihe erhalten hatte J) an derselben Gegend wird 
wohl auch das Reservoir der Wasserleitung zu suchen sein , welche 
im 2. Jahrhundert n. Chr. durch Herodes Attikos angelegt warde. 
um dem bei der lieissen Jahreszeit der Feier doppelt druckenden 
Mangel an Trinkwasser abzuhelfen. ^) — Wenn man vom Gymna- 
sien (vgl. oben S. 294) aus über den Kladeos gieng, so kam mau 
an einen Erdhügel mit steinernem Unterbau, der als Grabhügel 
des Oinomaos gezeigt wurde ; Trümmer eines Bauwerkes oberhalb 
dieses Hügels wurden als Reste der Ställe desselben Herrschers 
bezeichnet. Auf demselben Flussufer war auf einem Hügel den 
Arkadern, welche im Jahre 364 v. Chr. in der Altis selbst im 
Kampfe gegen die Eleer gefallen waren, ein Denkmal errichtet.^) 
Nach Elis führten von Olympia zwei Strassen: eine etwas 
kürzere aber beschwerlichere, die sogenannte Bergstrasse, 
welche in nordwestlicher Richtung über Herakleia (s. oben S. 288) 
an den Ladon und an diesem entlang bis zur Vereinigung desselben 
mit dem Peneios (beim eleischen Pylos) gieng, ^) und eine brei- 
tere und bequemere , die sogenannte heilige Strasse,^) welche 
von der Altis aus eine vorherrschend westliche Richtung bis Le- 



«) Paus. V, 16, 1 f.; VI, 17, 1. 

*) Philostr. Vit. soph. II, 5; Lncian. de morte Per. 19 f. 

8) Paus. VI, 21, 3; c. 20, 6. 

**) 17 OQSiv^ 696g Paus. VI, 22, 5; vgl. Theophr. nsgl Xl^tov 16, 
wornach Kohleu sich fanden Iv ty 'HXsioc ßat^t^ovrcoy 'OXvfinia^B rjjv 
9t'^0Q0vs (vgl. Fiedler Reise I, S. 376 ff.). 

*) tsQa o&og Paus. V, 25, 7; vgl. VI, 22, 8. 



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5. Elis: Koile Elis. 301 

Irinoi (s. oben S. 289) hatte, von da sich gerade nordwärts nach 
Elis wandte. Von Letrinoi gieng jedenfalls in westlicher Rich- 
tung eine Seitenstrasse ab nach Pheia, einem befestigten Ilafen- 
platze nördlich von der Landzunge Ichlhys (entweder der jetzigen 
Bucht von Pontikokastro oder der etwas weiter gegen Norden ge- 
legenen von Chortäs)» welcher in der Ilias als an einem Flusse 
lardanos gelegen, der in der historischen Zeit nicht mehr mit 
Sicherheit nachzuw eisen war, erscheint. ^) Sonst wird ausser den 
S. 288 f. aufgezählten Oertlichkeiten nur noch eine Ortschaft 
der Pisaten Lenos genannt, über deren Lage durchaus nichts 
bekannt ist.^) 

Die 'hohle Elis' (vgl. S. 275, Anm. 1) zerfällt der naturlichen KoUe ehi. 
BeschafTenheit ihres Bodens nach in zwei an Ausdehnung ziemlich 
gleiche Theile: die breite Küstenebene zu beiden Seiten des 
unteren Peneios,. welche ausser diesem Flusse von einer sehr be- 
trächtlichen Zahl kleiner, den grössten Theil des Jahres hindurch 
wasserloser Küstenbäche durchfurcht ist, und das östlich über 
derselben bis zur €ränze Arkadiens sich hinziehende Hochland, 
die Akroreia,^) deren Anhöhen bis zum Peneios herab zum 
SkoIHsgebirge , südlich von diesem zur Phoioe gehören. Gerade 
auf der Gränze dieser beiden Theile, da wo die Hügel der Akro- 



^) IL Jf, 136: ^siäg nag xsix^aaiVj 'JaQddvov afitpl fisd'Qcc, wozu 
schol. A : dlXä nal 97 ^na nagad'akdaciog icti %al 'lagdavog ovx ogarat 
norafiög avto^i, während Strab. VIII, p.^342 bemerkt: Füti ydg xttl 
noxdpLiov nXr^aCov^ womit er aber gewiss nicht, wie Curtins Pel. U, S. 
45 annimmt, den ansehnlichen bei Skaphidion mündenden Küstenfluss 
gemeint hat, da dieser theils zu bedeutend, theils zu weit gegen Norden 
von der jedenfaUs an der Nordostseite der Landzunge Ichthys gelegenen 
Ortschaft entfernt ist: man muss also entweder einen Irrtlium des Dich- 
ters, beziehendlich der Ueberlieferung (Verwechselung mit einer am tri- 
phylischen Flusse Jardanos gelegenen Stadt Chaa) oder, was weniger 
wahrscheinlich ist, eine Veränderung der Küste annehmen. lieber den 
Hafen Pheia s. Od. o, 297 (wo *aal); Thukyd. II, 25; Xen. Hell. III, 
2, 30 (wo Dindorf richtig ^iag für otpiag der Codd. hergestellt hat); 
Polyb. IV, 9 (wo Big zjjv ^siäda naXovuivrjv vrjaov wohl nicht auf eine 
vor dem Hafen liegende kleine Felsinsel zu beziehen, sondern vrjaog im 
Sinne von 'Küstenplatz' zu fassen ist, vgl. Meineke ad Sieph. Byz. p. 
83, 17); Steph. u. *ca. 

•) Steph. Byz. u. Arjvog; vgl. J. Rutgers zu Sexti lulii Africani 
'Olvfiniddmv dvayQOcq>i^ p. 18. 

') Xen. Hell. HI, 2, 30; IV, 2, 16; VH, 4, 17; Diod. XIV, 17. 



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302 11. Pdoponncsos. 

reia dem südlichen Ufer des Peneios entlang am weileslen nach 
Westen gegen die Ehene vortreten, lag die Hauptstadt der Land- 
schaft, Elis, die nach einheimischer, durch eine Inschrift auf 
der am Markte der Stadt aufgestellten Statue des Oxylos beur- 
kundeter Tradition von diesem gegründet war. Bis zum Jahre 
471 V. Chr. (Ol. 77, 2) war sie auf den Rücken des jetzt Kala- 
skopi genannten, am linken Ufer des Peneios gelegenen Hügels 
beschränkt und nur als Sitz der regierenden Mitglieder der Ari- 
stokratie und politischer Mittelpunkt des Landes von Bedeutung; 
im genannten Jahre aber fand in Folge der Umgestaltung der 
Verfassung in demokratischem Sinne eine beträchtliche Erweite- 
rung der Stadt, welche fast einer Neugründung gleich kam, in 
Form eines Synoikismos, der Zusammensredelung der Bewohner 
einer beträchtlichen Anzahl kleiner Ortschaften, statt.') Die Stadt 
dehnte sich nun in beträchtlichem Umfang unterhalb der alten 
Burg, zum grössern Theile am linken, zu einem kleineren am 
rechten Flussufer aus, der Neigung der Eleer für das Landleben 
entsprechend mehr in Form weitläußger Vorstädte oder zusammen- 
hängender Dörfer, ähnlich wie das alte Sparta, als einer geschlos- 
senen Stadt, wie ihr denn auch das Haupterforderniss einer 
solchen, eine Befestigungsmauer selbst um den enger zusammen- 
gebauten Theil der Stadt, noch im Jahre 399 v. Chr., wo der 
spartanische König Agis das Land verheerend bis zur Hauptstadt 
durchzog, fehlte.^) Auch in der folgenden Zeit fand nur ganz 
vorübergehend, durch Telesphoros, den Admiral des Königs 
Antigonos, der sich im Jahre 312 v. Chr. zum Herrn der Stadt 
machte, eine Ummauerung der Akropolis statt; aber bald wurde 
durch Ptolemäos, einen andern Feldherrn des Antigonos, diese 
Befestigung wieder niedergerissen und der Stadt ihre Freiheit 
zurückgegeben.^] Noch Pausanias, der Elis als eine wohlerhal- 



») Strab. X, p. 463; Paus. V, 4, 3; Diod. XI, 64; Strab. VUI, p. 336 s.; 
Scyl. Per. 43. 

*) Vgl. Xen. Hell. III, 2, 27, wo die ^godcrsia und yvftvdcia von 
der noXig, die dxBC%iatos war (vgl. ebds. VII, 4, 14), unterschieden wer- 
den, u. Diod. XrV, 17. Dass die Stadt sich auch auf das nördliche Ufer 
des Peneios erstreckte, zeigt Strab. VUI, p. 337 :, ^«t 81 Sid rrjg noleoag 
6 TLriviiog notafivg na^d x6 yvfivdotov avf^s; den Namen des nj^vBiog 
in den des Mrjviog (vgl. unten S. 305, Anm. 3) zu ändern, wäre eine 
zwar leichte, aber schwerlicli gerechtfertigte Coiyectur. 

') Diod. XIX, 87. 



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5. Elis: Koile Elis. 303 

tene uod reich bevölkerte Stadt vorfand , gedenkt zwar der Akro- 
polis mit einem Heiligthum der Athene, das eine dem Pheidias 
zugeschriebene chryselephantine Statue der Göttin enthielt,^) und 
eines Thores, welche? nach dem olympisclien Heiligthum führte,^) 
also den Abschluss der ^heiligen Strasse' bildete, aber keiner 
eigentlichen Befestigungswerke. Vielmehr wurde die Stadt nach 
aussen durch einen Kranz von jedenfalls hauptsächlich aus Land- 
häusern bestehenden Vorstädten eingerahmt. Sodann bildeten 
einen besonderen Stadttheil die am linken Ufer des Peneios sich 
hinziehenden, von Mauern umschlossenen Anlagen für die gym- 
nastischen und athletischen Uebungen, die für Elis, wo jeder, der 
im olympischen Agon als Kämpfer auftreten wollte, mindestens 
einen Monat hindurch, viele aber die ganze gesetzliche Vorbe- 
reitungszeit, zehn Monate lang, solchen Uebungen oblagen, von 
grösster Wichtigkeit waren. Die bedeutendste derselben war der 
sogenannte Xystos (offenbar nach Säulengängen^ welche an den 
Innenseiten der die ganze Anlage umschliessenden Mauern herum- 
liefen, benannt), der eigentliche Ucbungsplatz für die Kämpfer, 
welche in Olympia auftreten wollten, mit mehreren durch Alleen 
hoher Platanen getrennten Rennbahnen, einem zum Ringkampfe 
bestimmten, Plethrion genannten Platze, und Altären des Herakles 
Parastates, des Eros und Anteros, *der Demeter und Kora und 
einem Kenotaphion des Achilles. An dieses 'alte' Gymnasion stiess 
ein zweites kleineres, nach seiner Form 'Tetragonon' (das Vier- 
eck) benannt, mit Uebungsplätzen für die leichtern Vorübungen der 
Athleten, mit einer Statue des Zeus geschmückt; an dieses wieder 
ein drittes, die sogenannte Maltho, welches den Epheben die 
ffanze Festzeit hindurch offen stand; in einer'Ecke desselben war 
eine Büste des Herakles, an einem der Uebungsplatze ein Relief 
mit der Darstellung des Eros, welchem Anteros den Palmzweig 
zu entreissen sucht , zu beiden Seiten des Eingangs die Statue 
eines Knaben in der Stellung eines Faustkämpfers aufgestellt. 
Innerhalb der Maltho lag auch das an der Aussenseite mit Schilden 
geschmückte Rathhaus, nach seinem Erbauer Lalichmion ge- 



Pau8. VI, 26, 3; vgl. Xen. Hell. VII, 4, 15. 

*) Pau8. V, 4, 4. Das von Paus. VI, 23, 8 erwähnte xBixog bezieht 
sich auf die vorhistorische Zeit, die Stadt vor der Eroberung durch Oxy- 
los, deren ganze Existenz, als mit der oben erwähnten Tradition in Wi- 
derspruch stehend, sehr bedenklich ist. 



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304 II. Pcloponnosos. 

nannt, das aucli zu Vorträgen von Reden und Vorlesungen von 
Schriftwerken aller Art benutzt wurde.') 

Von diesem Gymnasion ans führte eine Strasse, die Strasse 
des Schweigens (Siope) genannt — wahrscheinlich weil sie von 
dem Verkehr entfernt, sehr still und ruhig war — an dem Hei- 
ligthum der Ailemls Philomeirax vorüber nach den Bädern, die 
wir uns jedenfalls als am Ufer des Penelos gelegen zn denken 
liaben.^) Eine andere Strasse führte von dem grossen Gymnasion, 
oberhalb des Achillesgrabes, wahrscheinlich in östlicher Richtung 
auf die nach der älteren Weise des griechischen Städtebaus an- 
gelegte ^ d. h. von einzelnen Hallen, zwischen denen Strassen 
ausmundeten, umgebene Agora, welche zu Pausanias Zeit zum 
Zureiten der Rosse benutzt und daher gewöhnlich 'der Hippo- 
drom' genannt wurde, und zwar zunächst an dem zur Linken 
der Strasse liegenden» nur durch eine Querstrasse vom Markte 
getrennten Hellanodikeon, der Amtswohnung der Hcllanodiken, 
vorüber nach einer gegen Süden gewandten, durch Säulen in 
drei Tbeile geschiedenen dorischen Halle, in welcher die Hclla- 
nodiken den grössten Theil des Tages hindurch sich aufhielten 
(also etwa dem Bureau derselben). Eine Strasse trennte diese 
Halle von einer zweiten, der sogenannten korkyräischen (weil 
aus dem Zehnten der Beute eines gegen Korkyra von den Eleern 
geführten Krieges errichtet), welche, ebenfalls in dorischem Style 
erbaut, eine doppelte Facade, die eine gegen die Agora, die an- 
dere gegen eine der betreffenden Seite der Agora parallel lau- 
fende Strasse gerichtet, besass ; die beiden Facaden waren durch 
eine einfache, das Dach der Doppelhalle tragende Wand, an 
deren beiden Seiten Statuen standen, getrennt. Auf dem freien 
Räume der Agora stand ein Tempel des Apollon Akesios, Stein- 
bilder des Helios und der Selene, ein Heiligthum der Chariten, 
mit denen zusammen Eros verehrt wurde, ein Tempel des Silen, 
ein tempelähnliches Gebäude ohne Mauern, dessen Dach von 



*) Paus. VI, 23, 1—7. Die von dem Philosophen Pyrrhon gemalten 
Fackelträger (Antigon. bei Diog. Laert. IX, 62) befanden sich wahr- 
scheinlich in einem der Säulengänge des Xystos. Die Lage des Gymna- 
sion am Flusse bezeugt die oben S. 302, Anm. 2 angeführte Stelle des 
Strabon. 

*) Paus. a. a. O. § 8, wo eine Legende zur Erklärung des Strassen- 
namens Eiionri erzählt wird. 



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5. Elis: Koile Elis. 305 

Säulen aus £ichenhoIz getragen wurde (angeblich das Grab des 
Oxylos, dessen Statue ebenfalls, wenigstens in älterer Zeit, auf 
der Agora stand) und ein Gebäude, in welchem sechszehn elei- 
sche Frauen ein Gewand für die Hera in Olympia webten. Un- 
mittelbar am Markte stand ferner ein alter, rings von Säulen- 
hallen umgebener Tempel, dessen Dach zu Pausanias Zeit, wo er 
den römischen Kaisern geweiht war, eingestürzt war; hinter der 
korkyräischen Halle ein Doppelheiligthum der Aphrodite, die in 
einem Tempel als Urania, in einem Temenos als Pandemos ver- 
ehrt wurdet) Weiter führt Pausanias ohne nähere Ortsbestim- 
mung einen Tempel und Peribolos des Hades, der nur einmal 
im Jahre geöffnet wurde, und ein Heiligthum der Tyclie, worin 
in einem besonderen Gemache auch der Dämon Sosipolis verehrt 
wurde, an; sodann Mn der belebtesten Gegend der Stadt' eine 
Erzstatue von der Grösse eines stalllichen Mannes, die in älterer 
Zeit in Samikon als Bild des Poseidon, dann, nach £lis geschafil, 
unter dem einem der Korybanten zukommenden Namen Satrapes 
Cult genoss.^) Zwischen der Agora endlich und dem Menios, 
einem kleinen durch die Stadt dem Peneios zufliessenden Bache, 
den Herakles zur Reinigung der Ställe des Augeas benutzt haben 
sollte, stand das Theater nebst dem Heiligthum des von den 
Eleern vor allen anderen Gottheiten verehrten Dionysos, dessen 
Fest, Thyia genannt, alljährlich an einem acht Stadien von der 
Stadt entfernten Platze gefeiert wurde. ^) An einem anderen 
Platze in der Nähe der Stadt, der vor dem Synoikismos eine 



*) Paus. VI, 24, 1—25, 1. Die von Ephoros bei Strab. X, p. 468 er- 
wähnte Statue des Oxylos war wohl zu Pausanias Zeit fortgeschafft. Der 
später den römischen Kaisem geweihte Tempel ist yielleicht das von 
Plut. de mul. virt. 15 erwähnte Csqov tov Jiog, 

«) Paus. c. 25, 2—6. 

') Paus. c. 26, 1 f.: über den MijvLog (wofür manche IlTjvciog her- 
stellen möchten) vgl. Paus. V, 1, 10; Theoer. Id. XXV, 15. At nsgl tov 
di>6vvaov Ugctl ywaiHsg Sg ixKaidsna xaXovaiv Plutarch. de mnl. virt. 15. 
Die Vermuthung von Curtiiis (Pel. II, S. 32 u. 8. 102), dass der Festort 
der Thyia zum Demos Orthia (vgl. Paus. V, 16, 6) gehört habe, ist des- 
halb unwahrscheinlich, weil die von Curtius a. a. O. angeführten Mün- 
zen mit der Aufschrift OPBIEISIN (falls dieselben wirklich nach Elis 
und nicht etwa nach Thessalien gehören: vgl. Steph. Byz. u. "ÖQ^tj) be- 
weisen, dass dieser Gau auch nach dem Synoikismos von Elis als selb- 
^ändige Ortschaft fortbestand. 



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306 II. Peloponnesos. 

selbständige Ortschaft mit dem Namen Petra gewesen war, 
zeigte man das Grabmal des Philosophen PyrrhonJ) 

Heutzutage sind auf dem Boden der alten Stadt, am linken 
Ufer des Peneios zwischen den Dörfern Kalyvia und Paläopolis, 
unansehnliche Reste von Ziegelbauten, die durchaus der römischen 
Zeit angehören, zerstreut; nur der Gipfel des zwischen Paläopolis 
und dem Flusse gelegenen Hügels Kalaskopi trägt die Ruinen 
eines fränkischen Schlosses, dessen Fundamente aus grossen vier- 
eckten Werkstücken, die jedenfalls von der alten Burg herrühren, 
erbaut sind.^) 

Achtzig Stadien flussaufwärts von Elis am Vereinigungspunkte 
des Peneios mit dem Ladon (also in der Gegend des jetzigen 
Dorfes Agrapidochori) lag, zu Pausanias Zeit in Ruinen, das elei- 
sche Pylos, das ebenso wie seine trlphylische und messenische 
Namensgenossin, aber freilich mit viel weniger Schein, auf die 
Ehre, die Heimat des Nestor zu sein, Anspruch machte: patrio- 
tische Bürger führten als Beweismittel dafür %inen Platz Gere- 
nos, einen Bach Geron und einen anderen Namens Geranios an. 
Die Bedeutung der Stadt war eine wesentlich strategische: sie 
beherrschte durch ihre Lage nicht n\ir das obere Peneiosthal, 
sondern auch die durch das Thal des Ladon führende Haupt- 
strasse aus Arkadien nach Elis, war also recht eigentlich für 
Elis das Thor der Akroreia.^) Der zweite strategisch wichtige 
Punkt an dieser Strasse war Lasion, nahe der arkadischen 
Gränze an einem gleichnamigen Berge, vou welchem die Quellen 
des Ladonflusses herabkommen, gelegen, ursprünglich von den 
Eleern als Gränzfestung gegen Arkadien angelegt, später von den 
Arkadern anneclirt. Von der Stärke der Befestigung sowie der 
nicht unbedeutenden Ausdehnung der Stadt legen noch die unter 



*) Fans. VI, 24, ö. Ob auch ^AyQidSsq ein solcher in die Hauptstadt 
hineingezogener Gauort war, ist aus der lückenhaften Stelle des Strab. 
VI II, p. 337 nicht ganz klar. Uebrigens sind diese Demoi wohl zn un- 
terscheiden von den 8 ?rdX£tg, Bezirkshauptorten, in welche nach Paus. V, 
16, 6 if. die Eleia ebenso wie die Pisatis getheilt war. 

*) Vgl. Dodwell Class. u. topogr. Beise II, 2, S. 157- f. d. d. Ueb. 

») Paus. VI, 22, 5 f.; Strab. VIII, p. 339 (vgl. p. 352); Xen. Hell. 
VII, 4, 16 u. 26; Diod. XIV, 17. Peytier sah ziemlich ausgedehnte alte 
Keste unterhalb Agrapidochori: s. Pouillon-Roblaye Recherches p. 123. 



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5. Elis: Koile Elis. 307 

dem Namen Kuli in der Nähe des Dorfes Kumani erhaltenen 
Ruinen derselben ein glänzendes Zeugniss ab.^) 

Zwischen Lasion und Pylos, in der eigentlichen Akroreia» 
lagen noch vier befestigte Ortschaften, deren Plätze bisher nicht 
mit Sicherheit nachgewiesen sind : T h r ä s t o s (oder Thraustos], 
Alion, Eupagion und Opus. 2) Auch das homerische Ephyra 
am Seileeis wies man in einer Ortschaft Oinoe (oder nach eli- 
scher Aussprache Voinoa) nach, die 120 Stadien von Elis am 
Wege nach Lasion gelegen war, also zwei Stunden südlich von 
Pylos am linken Ufer des Ladon, wo sich noch nordöstlich von 
dem Dorfe Kulogli die Reste einer alten Akropolis und Stadt er- 
halten haben.^) Endlich muss auch Thalamä, eine durch ihre 
naturliche Lage sehr feste, schwer zugängliche Ortschaft, auf 
welche die aus Elis vertriebenen, mit den Arkadern verbündeten 
eleischen Demokraten im Jahre 364 v. Chr. von Pylos aus einen 
vergeblichen Angriff gemacht und in welche sich die Eleer im 
Bundesgenossenkriege (217 v. Chr.) beim Einfall König Phi- 
lipps V. von Makedonien in ihr Land mit Viehheerden und son- 
stigen Habseligkeiten, allerdings vergeblich, gefluchtet hatten, in 
der Akroreia — sei es im nördlichsten Theile derselben, am 
Skollisgebirge, in der Gegend des jetzigen Santameri^ sei es sCul- 



«) Strab. VIU, p. 338; Xen. HeU. ni, 2, 30; IV, 2, 16; VII, 4, 12; 
Polyb. IV, 72 ff.; V, 102; Diod. XIV, 17; XV, 77; Nonn. Dionys. XIII, 
288; Anthol. Pal. VI, 111, 3. AuaCmv oQog als Aasgaogspnnkt des 
Flusses Zslkiisi.g: schol. IL O, 531. Die von Weicker entdeckten Rui- 
nen sind am genauesten beschrieben von Vischer Erinnerungen S. 473 ff. 

«) Diod. XIV, 17; Sgavcros Xen. HeU. VII, 4, 14; 'Onovg als wo- 
Xig 'HXsiag Steph. Byz. n. 'Onosig (vgl. Strab. IX, p. 425), als nozaiiog 
iv *HXCdi (wenn dies nicht verschrieben für AoytqlSi: vgl. schol. Apoll. 
Rhod. rV, 1780) schol. Find. Olymp. IX, 64. Der CapitUn Peytier fand 
eine ausgedehnte Akropolis, von den Ruinen einer Stadt umgeben, auf 
einem 544 Meter hohen Hügel über dem rechten Ufer des Peneios, 1500 
Meter südwestlich von dem Dorfe Skiada (von Curtius ohne Grand auf 
Opus bezogen); südöstlich von da, in sehr malerischer Lage oberhalb 
des Klosters von Not^na, die Ruinen eines antiken Tempels, endlich nord- 
östlich von da^ auf dem Oipfel eines spitzen Hügels über dem rechten 
Ufer des Peneios, 2 Kilometer von Kakotari, die Reste eines Paläokastron, 
das ihm antik zu sein schien. Vgl. Pouillon-Boblaye Recherches p. 125 
und dazu die französ. Karte Bl. 7. 

8) Strab. VIII, p. 338, vgl. schol. II. O, 531; schol. Pind. Nem. VII, 
53; Steph. u. *Etpvqa\ über die Ruinen Pouillon-Boblaye a. a. O. p. 123, 



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308 II. Peloponnesos. 

lieh von Pylos, in dem engen Thale eines sudlichen Nebenflusses 
des Peneios, in der Gegend von Ano-Lukavitza oder Klisura — 
gelegen haben J) 

Im Unterlande war die bedeutendste Ortschaft Kyllene, 
der Seehafen von Elis, offenbar nach der Krümmung der Kusten- 
lipie zwischen den felsigen Vorgebirgen Chelonatas und Araxos, 
welche von ihr den Namen des kyllenischen Golfs erhalten hat, 
benannt. Der Platz des Hafens ist wegen der durch Versumpf- 
ung und Anschwemmung bewirkten Veränderung dieser ganzen 
KQstenstrecke nicht mehr mit Sicherheit nachzuweisen; doch 
machen die von alten Geographen überlieferten Entfernungs- 
angaben, wornach Kyllene 120 Stadien von Elis, 14 römische 
Milien von dem achäischen Dyme lag, es sehr wahrscheinlich, 
dass es nördlich von der Lagune von Kotiki, in den allerdings 
heutzutage durch einen breiten Streifen sandigen mit Pinien be- 
wachsenen Landes vom offenen Meere getrennten Sumpfen von 
Manolada anzusetzen ist Die Stadt galt für eine arkadische 
Gründung und die fiewohner verehrten als Hauptgottheit den 
Hermes unter dem alterthümlichen Cultsymbol eines aufrecht 
stehenden männlichen Gliedes; ausserdem hatten sie Heiligthümcr 
des Asklepios und der Aphrodite.^) In der Nähe von Kyllene 
lag Hyrmine oder Hör m Ina, in älterer Zeit ein Städtchen 
(mit einem Ankerplatz, wie der Name lehrt), zu Strabons Zeit 
nur noch ein Küstenvorsprung (wahrscheinlich der an der Süd- 
seite der Bucht von Kunupeli, auf welchem Reste einer sehr 
alterthümlichen Befestigung erhalten sind).^) 



1) Xen. Hell. VII, 4, 26; Polyb. IV, 76 u. 84. Bei Santameri setzt 
den Ort Curtius an (Pel. II, 8. 38 f.); doch lässt die Schilderung des 
Polybios auch an die andere Von mir angegebene Oertlichkeit denken. 

*) Paus. VI, 26, 4 f.; Strab. VIII, p. 337 s.; Ptol. Ill, 16, 6; Tab. 
Peuting. r bei Plin. N. h. IV, 6, 13 ist für V mil. passuum mit Curtius 
Pel. II, S. 102 f. (dem ich in der Ansetzung des Ortes gefolgt bin) XV 
mil. passuum zu schreiben. Anzündung des Orts durch die Korkjräer im 
J. 435 y. Chr. Thuk. I, 30; Niederreissung der Befestigungsmauer beim 
Friede nsschluss zwischen Elis und Sparta im J. 399 Xen. Hell. III, -2, 
80; Neubefestigung durch die Eleer gegen Philipp von Makedonien 217 
V. Chr. Polyb. V, 3. I^r die sonstigen sehr häufigen Erwähnungen des Ort» 
vgl. Pape-Benseler Wörterbuch der griechischen Eigennamen u. KvXXijvi].. 

') Strab. Vm, p. 341; Steph. /TQfi^vrj: vgl. Pouillon-Boblaye Re- 
cherches p. 119 s. 



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6. Achaia. 309 

An der Strasse, welclie von Elis durch die Ebene nach dem 
acbaischen Dyme führte, lag 70 Stadien von der Hauptstadt 
Myrtuntion, früher Myrsinos genannt, eine offene Ortschaft, 
deren Häuser sich bis an die Meeresküste (die im Alterthum sich 
offenbar weiter östlich als jetzt hinzog) erstreckten J) 157 Stadien 
nördlich von Elis überschritt die Strasse den Gränzfluss zwischen 
Elis und Achaia, den Larisos, den jetzigen Fluss Mana, der 
durch den langen, von Manolada bis in die Gegend des alten 
Dyme reichenden Wald von Ali-Tschelebi und durch die jetzt 
ganz versumpfte Niederung südlich von dem mächtigen Peiscap 
Araxos (das in älteren Zeiten die Gränze zwischen Eleern und 
Achäern gebildet hatte) dem Meere zufliesst. Nahe seinem linken 
Ufer muss das ^ wai^enreiche Buprasion ' der Ilias gelegen haben, 
wohl nie eine geschlossene Ortschaft, sondern eine im früheren 
Alterthum wohlbebaute und reich bevölkerte, im spätem Alter- 
thum, wie heutzutage, fast ganz unbewohnte Gegend.^) 

6. Aohaia. 

Die nördlichste, in Hinsicht ihres Flächeninhalts^) unbedeu- 
tendste Landschaft des Peloponnes, zwischen der fortlaufenden 
Kelle der nordarkadischen Randgebirge und dem schmalen Meeres- 



M 11. £, 616; Strab. VIII, p. 841; Steph. u. MvQüivog. Pouillon- 
Boblaye Recherches p. 130 bezieht auf den Ort mit Recht einige von 
W. Gell zwischen Kalotikos und KapeleU gesehene Rainen. 

*) II. JB, 615; A, 766; 760; W, 631; Strab. VIII, p. 340; Theoer. Id. 
XXY, 11; nach Steph. Byz. n. Bovngdaiov u. Etym. M. p. 209, 22 kommt der 
Name 'auch einem Flusse (jedenfalls dem Larisos) zn; derselbe scheint 
nach Echephyllidas bei Schol. Plat. Phaed. p. 89 <^ (Fiat. ed. Hermann 
t. VI, p. 233) vgl. mit Paus. V, 8, 2 auch den Namen Ba&v ZdiOff (=»^dt; 
vSa>g) geführt zu haben. — Eine befestigte Ortschaft der Eleer an der 
Gränze der Dymäer scheint auch das nur bei Plut. Oleomen. 14 erwähnte 
Adyymv (für welchen Namen Manso ohne alle topographische Wahr- 
scheinlichkeit Auaitov herstellen wollte) zu sein. Ob das von Plut. de 
mul. virt. 16 erwähnte Castell Amymone, welches zur Zeit des Ty- 
rannen Aristotimos (um 270 v. Chr.) von eleischen Flüchtlingen besetzt 
wurde, in dieser Gegend oder in der Akroreia lag, ist nicht zu be- 
stimmen. 

5) Der Flächeninhalt beträgt nach Pouillon- Boblaye Recherches p. 19 
21 Myriameter = 210 □Kilometer. *A%aX%d verfasste ausser Pausanias 
(lib. VII) Autokrates (Athen. IX, p. 395- u. XI, p. 460'»). 



BURSIAN, aSOOR. II. 



21 



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*^10 n. Peloponnesos. 

arm, welcher das nördlichere oder ausserislhiiiische Griechen* 
land von der Mosel des Pelops' trennt, ist, obgleich ihr alter 
Name Ae gl a los oder Aegialeia sie als * Gestadeland ' bezeich- 
net ^) doch nicht in dem Sinne, wie das mittlere und nördliche 
Elis, eine Küstenlandschaft, denn sie besitzt nur eine grössere 
Strandebene zwischen dem Cap Araxos und den nördlichsten Ver- 
zweigungen des Skollisgebirges, eine ForUetzung der grossen 
Ebene des nördlichen Elis, welche vom rechten Ufer des Flusses 
Larlsos, an welcheto die Achaer einen Tempel d^r Athene La- 
risäa errichtet hallen, 2) an das Gebiet der achäischen Stadt Dyme 
bildete; im übrigen ist sie ganz von Gebirgen eingenommen, 
theils den nördlichen Vorbergen der nordarkadischen Kette, thells, 
ungefähr in der Mitte der Landschaft, von einem selbständigen, 
wenn auch gegen Süden mit den nördlichen Wurzeln des Ery- 
manthos zusammenhängenden Massengebirge, dem bis zur Höhe 
von 1927 Metern sich erhebenden Panachaikon^) (jetzt Voidia 
genannt), das seine Abhänge fächerförmig gegen Norden aus- 
breitet und so eine beträchtliche Ausbuchtung der Küste hervor- 
bringt. Diese Gebirge waren im Alterthum zum grössten Theil 
mit dichten, jetzt freilich sehr gelichteten Waldungen bewachsen, 
die durch ihren Reichthum an Wild der Jagdlust der Bewohner 
des Landes reiche Befriedigung gewährten ; die unteren Abhänge, 
sowie der schmale Kustensaum waren mit Fruchtfeldern und 
Weingärten bedeckt, an deren Stelle beut zu Tage längs der 
Küste meist Korinthenpflanzungen getreten sind, welche um den 
Deginn der fünfziger Jahre unserers Jahrhunderts fast den Ge- 
treidebau ganz verdrängt hatten ; als aber in Folge der Trauben- 
krankheit diese Pflanzungen mehrere Jahre hindurch ganz ohne 
Ertrag geblieben waren, trat wieder eine Reaction zu Gunsten 
des Getreidebaues ein; doch hat in den letzten zehn Jahren wieder 
der Korinthenbau an Terrain gewonnen und bilden die Korinthen 
j<'tzt den weitaus wichtigsten Exportartikel der Landschaft, wie 



Strab. Vni, p. 383; Paus. V, 1, 1; VII, 1, 1; Stepb. Byz. ii. 
MyiaXosi PUn. N. h. IV, 6, 12. 

«) Paus. VII, 17, 6; vgl. oben S. 272 u. S. 309. 

») Polyb. V, 30. Dass der von PUn. N. h. IV, 5, 13 erwähnte Name 
Scioessa dasselbe Gebirge bezeichne, ist eine ansprecliende, aber frei- 
lich unsichere Vermuthung Pouillon-Boblaye's Recherches p. 22. 



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6. Adiaia. 311 

auch des Königreichs Hellas überhaupt. ^) Von den nördlichen 
Abhängen der Gebirge ziehen sich zahlreiclie, meist nur wäh- 
rend der Regenzeit Wasser führende Bäche nach der Koste, wo 
sie einen schmalen Saum weissHchen Thonbodens angesetzt haben, 
hinab : dieser Saum erweitert sich an der Mundung der Mehrzahl 
derselben zu einem kleinen, mit der Spitze nach Norden gerich- 
teten Delta, wodurch die übrigens fast ganz hafenlose Küste ein 
eigenthümlich ausgezacktes Aussehn erhält. Von diesen Bächen 
gehören die drei bedeutendsten dem Wassergebiet des Eryman- 
thos und seiner Fortsetzung, derLampeia, an: der an der^ord- 
selte des Hauptgipfels des Erymanthos (des jetzigen Olonos) ent- 
springende, gegen Nordwest fliessende Pieros oder Peiros 
(jetzt Kamenitza) , welcher in der römischen Kaiserzeit die Gränze 
der Gebiete von Dyme und Palrä bildete; 2) der aus zwei vom 
Kalliphonigebirge (Lampeia) herabkommenden Armen sich bil- 
dende, in der Richtung von Nordnordost fliessende Selinus (jetzt 
Fluss von Vostitza),*) und der von der Sudseite des Kalliphoni 
her kommende, zunächst eine Strecke' durch arkadisches Gebiet 
(den Canton der Kynätheis : vgl. oben S. 266) fliessende Burai- 
kos, in seinem obern Laufe Erasinos genannt (jetzt Fluss von 



1) Nach der *Ex^ftfiff Snl xov ysviHov n{va%og tov i^mtfQinov Sfi- 
noQiov f^g *EXlddog für das Jahr 18B3 (im 'Ed-vinov i^ftSQoloyiov für 
das Jahr 1867, S. 313 ff.) betrug die Ausfuhr VQn Korinthen im Jahre 
1863 76,676,547 yenetianische Litren (2,425,771 weniger als im Jahre 
1862) im Werthe von 12,305,697 Drachmen. Vgl. über den jetzigen Ko- 
rinthenbau auch Wjse An excursion in the Peloponnesus II, p. 262 ss. 
u. p. 338 s. 

*) Paus. VII, 22, 1, wornach der Fluss in seinem obern Laufe Ilis- 
Qog^ von den Anwohnern seiner Mündung IJttQog genannt wurde: den 
letzteren Namen geben ihm Paus. c. 18, 1; Herod. I, 145 u. Hesiod. bei 
Strab. yill, p. 842 (an welcher Stelle manche Kritiker Umgog schrieben). 
Nach Strab. a. a. O. führte er auch den Namen Acheloos (vgl. Strab. 
X, p. 450) und nahm den Bach Tentheas auf, nachdem dieser den Bach 
Kaukon aufgenommen hatte. Sehr unwahrscheinlich aber ist es, dass 
derselbe Fluss auch noch den Namen M c A er g geführt habe; daher ist bei 
Strab. Vin, p. 386 dieser Name als Dittographie von fiiyag zu beseiti- 
gen und der Name Flstgog nach nccQ* ov einzufügen (nach Korais), der 
von Callim. H. in lov. 22 u. Dionys. Per. 416 erwähnte MiXag aber für 
einen Fluss Arkadiens zu halten. 

3) Strab. VIII, p. 387; Paus. VII, 24, 5. 

21* 



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312 II. Peloponnesos. 

Kalavryta). ^) Zwischen dem Pieros und Selinus senden die Ab- 
hänge des Panachaikon eine beträchtliche Anzahl theils grösserer, 
theils kleinerer Bäche nach oft sehr kurzem Laufe (wenn sie 
überhaupt Wasser führen) dem Meere zu, deren Namen uns nur 
durch Tansanias überliefert sind : der westlichste derselben ist 
der die Ebene südlich von Paträ durchfliessende Glaukos (jetzt 
Levka);^) sodann der gerade nördlich von Paträ fliessende Mei- 
I ich OS, an dessen Ufer ein Heiligthum der Artemis Trikiaria, 
der Schauplatz von Menschenopfern in alten Zeiten, stand ;^) 
nächst diesem die fast genau parallel laufenden Charadrosund 
Selemnos, zwischen denen die alte zu Pausanias Zeit bis auf 
einige unansehnliche Reste verschwundene Stadt Argyra in der 
Nähe einer gleichnarnigen Quelle lag : zwischen ihreii Mündungen 
tritt ein flacher dreieckiger Küsten vorsprung, das Rhion der 
Alten, welches einen Tempel des Poseidon trug, gegen das lo- 
krische Antirrhion vor (vgl. Bd. I, S. 146).*) Weiter östlich fliesst 
der nach einer zu Pausanias Zeit verschwundenen Stadt Bolina 
benannte Bolinäos (der, jetzige Bach von Platiana), der in eine 
im Alterthum als Ankerplatz benutzte und daher Panormos ge- 
nannte Bucht, fünfzehn Stadien östlich vom Rhion, mundet, deren 
östliche Flanke durch den nördlichsten Vorsprung der achäischen 
Küste, das von seiner Form oder, wie der Mythus erzählte, von 
der durch Kronos nach der Entmannung des Uranos hier weg- 
geworfenen Sichel sogenannte Drepanon, gedeckt wird; an der 
Ostseite desselben »-^ fünfzehn Stadien vom Panormos, stand ein 
wahrscheinlich zum Küstenschutz bestimmtes Fort, das Fort 
der Athene genannt.^) Nach einer Strecke von etwa 2^/^ 



1) Pau8. Vn, 25, 10; vgl. Strab. VUI, p. 371. 

«) Paus, c 18, 2. 

») Paus. c. 19, 4 ff.; c. 20, 1; c. 22, 11. 

<) Paus. c. 22, 10 f.; c. 23, 1 (vgl. c. 18, 6); Strab. VIII, p. 336 s. 
Die Annahme, dass auf dem Rhion auch ein Heiligthum der Eileithjia 
gestanden habe, beruht auf einem Irrthum in Betreff der Provenienz der 
Inschrift C. I. gr. n. 1664, die vielmehr nach Hermione gehört (vgL Conze 
U.Michaelis Annali t. XXXIII, p. 11). Die von Pouillon - Boblaye Re- 
cherches p. 23 erwähnten Reste eines monumentalen Thores 1200 Meter 
südlich von dem türkischen Castell auf Rhion gehören wahrscheinlich 
dem alten Argyra an. 

5) Paus. c. 22, 10; c. 23, 4; Thuk. U, 86; Polyb. V, 102; Polyän. 



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6. Achaia. 313 

Stunden, auf welche der Fuss des Gebirges unmiltelbar, ohne 
Kustensaum, in das Meer vortritt und so einen engen Köslenpass 
. bildet, öffnet sich wiederum yine im Alterthura als Hafenplatz 
benutzte und (wahrscheinlich nach zahlreich am Strande wachsen- 
den wilden Feigenbäumen) Erineos benannte Bucht, die im 
Osten durch das flache Mündungsdelta eines grösseren Flusses, 
des Phoinix der Alten (jetzt Salmeniko) begränzt wird. Zwischen 
diesem und dem Selinus munden noch zwei kleinere Bäche (der 
jetzt Tholopotamos genannte unmiltelbar westlich von der Stätte 
des alten Bhypes und ein namenloser weiter östlich) und ein 
grösserer, der sogenannte Gaidaropniktes (Eselswürger): letzterer, 
der östlichste der zum Wassergebiet des Panachaikon gehörigen 
Bäche, ist der Meiganitas der Alten J) Zwischen dem Selinus 
und dem Buraikos kommt von den als nordöstlichste Ausläufer 
der Lampeia zu betrachtenden Bergen von Kerpini, die im Alter- 
ihum den Namen Keryneia geführt und theilweise zu Arkadien 
gehört zu haben scheinen, der Kerynites (jetzt Buphusia ge- 
nannt) herab;*) Oestlich vom Buraikos fliesst zunächst der vom 
arkadischen Aroaniagebirge (Chelmos) her kommende Bach von 
Diakophto, dessen antiken Namen wir nicht kennen, sodann der 
Krathis (jetzt Akrata), der an dem gleichnamigen arkadischen 
Gebirge entspringt und auf einem spitzen Küstenvorsprunge un- 
weit der Stadt Aegä mündet.^) Ebenfalls dem Wassergebiet des 
Krathisgebirges gehört der jetzt VIogokitikos (nach einem über 
seinem rechten Ufer gelegenen Dorfe Vlogoka) genannte^ west- 



VI, 23; Plin. N. h. IV, 6, 13; Steph. Byz. u. BoXivti. Strab. p. 336 u. Ptol. 
III, 16, 6 iidentificiren irriger Weise dginavov mit *FCov. 

') Paus, c 23, 5. Curtlus (Pel. I, 8. 459 u. 487) hält den Tholopo- 
tamos für den Phoinix, weil dieser FIuss nach Pausanias östlich von 
Rhjpes gesucht werden müsse: allein dies geht aus Pausanias, der un- 
mittelbar vor der Beschreibung der Stadt Aegion die beiden namhafteren 
Gewässer ihres Gebietes nennt, keineswegs hervor; überdies fliesst auch 
der Tholopotamos westlich, nicht östlich von den Ruinen von Rhypes. 
Für 'Eqivioq s. Paus. c. 22, 10; Thuk. VII, 34; Ptol. Ill, 16, 6; Steph. 
Byz. u. 'Eqivbo^, 

•) Paus. c. 26, 6. Tcäyog Ksgvvsiog Callim. H. in Dian. 109. Der 
Mythos von der von Herakles gefangenen Hirschkuh scheint aus einem 
etymologischen Grunde (Anklang an %4Qceg) hier localisirt zu sein. 

») Paus. 26, 11 f.; vgl. VIH, 15, 8 f.; Strab. VIII, p. 386; Herod. 
I, 145. 



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314 II. Teloponnesos. 

lieh von dem alten Aegira mündende Bach, dem der Chelydorea 
die Bäche von Zakoli , von Gelini und von Mazi an : der letztere, 
auch Phönissa genannt, welcher in einiger Entfernung westlich 
von Pellene voruberfloss, führte im Alterthum, offenbar wegen 
des Ungestüms, mit welchem er zu Zeiten strömte, den Namen 
Krios (Widder), wie aus dem gleichen Grunde der von der Ryl- 
lene herabkommende, östlich unterhalb Pellenes vorüberfliessende 
bedeutendere Fluss von Trikkala (oder von Xylokastro) Sythas 
(= Sys d. i. Eber) genannt wurde J) Letzterer bildete im 
Alterthum die östliche Gränze der Landschaft Achaia , eine Gränz- 
bestimmung, die freilich als eine rein politische bezeichnet werden 
muss, da als natürliche Gränze des Aegialos in^ Osten nur der 
Isthmos betrachtet werden kann. Auch in ethnographischer Be- 
ziehung gehörte wenigstens das Gebiet von Sikyon ursprünglich 
zum Aegialos, da es ebenso wie die später Achaia genannte Land- 
schaft in der ältesten Zeit von den ^ strandbewohnenden Pelasgern' 
oder, wie sie später genannt wurden, ^Strand bewohnenden lo- 
niern' bewohnt und durch die Sage sogar als Herpschersitz des 
Aegialeus bezeichnet wurde. ^) Zwar trennte es sich in Folge der 
dorischen Wanderung, durch welche hier die Dorier zur Herr- 
schaft kamen, von der übrigen Landschaft, die in den aus Argos 
und Lakonieu vertriebenen Achäern neue Herren erhielt, welchen 
die alte ionische Bevölkerung theils sich unterordnen , thells durch 
Auswanderung nach Attika und von da nach Kleinasien Platz 
machen musste ; allein das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit 
mit der westlicheren Landschaft war in den Sikyoniern nie ganz 
erstorben und kam in dem durch Aratos bewirkten Anschlüsse 
der Stadt an den neu begründeten achäischen Bund im Jahre 
251 V. Chr. zum praktischen Ausdruck. Während nun das Achaia 
der historischen Zeit gegen Osten in engere Gränzen eingeschlossen 
ist als der alte Aegialos, hat es gegen Westen seine Gränzen nicht 
unbeträchtlich erweitert; denn der westlichste Theil Achaias, das 
Gebiet von Dyme, das auch chorographisch betrachtet zum nörd- 
lichen Elis gehört (vgl. oben S. 310), wurde in den alten Zeiten 



<) Paus. c. 27, 11 f.; vgl. II, 7, 8; c. 12, 2; Ptol. III, 16, 4. Der 
Name Zvd^ag ist offenbar gleiclibedeuteud mit dem des von Paus. IX, 
30, 11 erwähnten 2vg am Olympos. 

«) Paus. c. 1, 1 ff.; Strab. VJII, p. 382 s. Die UsXaayoi MyiccXssg 
unter Ion "lavsg genannt nach Herod. VII, 34. 



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6. Achaia. 315 

von Kaukonen bewohnt und kam dann in den Besitz der Epeier, 
welche ihre Herrschaft bis zum westlichen Fusse des Panachaikon 
ausgedehnt zu haben scheinen.^) 

Die ionische Bevölkerung zerfiel nach bestimmter Ueber- 
lieferung in zwölf offenbar den attischen Phratrien (Geschlechts* 
Genossenschaften) entsprechende Abtheilungen; daneben bestand 
jedenfalls die in allen ionischen Staaten uns begegnende Einthei- 
lung in die^vier Phylen der Geleontes, Hopletes, Aegikoreis und 
Argadeis (vgl. Bd. I, S. 262). Jede dieser zwölf Abtheilungen 
mag einen besondern Bezirk eingenommen haben, der eine An- 
zahl offene Ortschaften, etwa mit einem befestigten Zufluchtsort 
für die Zeiten der Gefahr, enthielt; den religiösen Hittelpunkt 
des ganzen Landes bildete das Heiligthum des Poseidon Heliko- 
nios, im Bezirk Helike an der Küste zwischen der Mündung der 
Flusse Selinus und Kerynites gelegen, desselben Gottes, dessen 
Tempel auch den kleinasiatischen loniern als Bundesheiligthura 
galt. Wenn aber die Ueberlieferung • diese zwölf Bezirke als 
identisch bezeichnet mit den zwölf Stadtgemeinden, in welche die 
Landschaft nach der Besitzergreifung derselben durch die Achäer 
getheüt war, so ist dies schon deshalb nicht wohl anzunehmen, 
weil, wie bemerkt, die Gränzen der Landschaft nach Osten wie 
nach Westen hin in der ionischen Zeit andere waren, als in der 
achäischen.^) Die zwölf von den offenbar von Osten her in das 
Land eingedrungenen Achäern gegründeten, d. h. durch Be- 
festigung oder Zusammensiedelung aus* Koma zu Poleis gemachten 
Städte, welche, jede mit einem besonderen Gebiet von 7 — 8 
Demen, und wahrscheinlich auch mit einem besonderen Dynasten, 
unter der Herrschaft eines Oberkönigs aus dem Geschlechte des 



») Strab. VIII, p. 341 s.; 346; 387; aus der Darstellung des Schiffs- 
cataloges (s. II. B, 569 ff. n. 616 ff.) darf man folgern, dass der zur 
Herrschaft des Agamenmon gehörige Aegialos sich gegen Westen nicht 
weiter als bis Aegion, also bis zum Panachaikon erstreckte, das Land 
westlich von diesem Gebirge zum Herrschergebiete der Epeier gehörte. 

*) Herod. I, 145; Paus. c. 6, 1; vgl. Strab. p. 383 n. 385 s., der 
p. 341 in Bezug auf Dyme (das von Herod. u. Pausan. zu den 12 ioni- 
schen Bezirken gezählt wird) richtig bemerkt: o filv ydg fcoirjt'^g ovx 
(ov6iia%s tr^v /Jvfirjv, oüx dnsmog d* ifftl tozs iilv avtr^v vno toCg 
*Ensiotg wtäQ^ai^ vcxbqov d\ xoCg 'itoaiv, t] fi7]9* l^eCvoig dXXd zotg 
trjv i%BCvfov xcagav %axcLa%ovGiv 'A%aioig. 



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316 II. Pcloponucsos. 

der Sage nach bei der Eroberung deis Lamles im Kampre gegen die 
lonier gefallenen Tisanienos, Sohnes des Orestes, vereinigt waren» 
waren Pellene, Hyperasia (Aegira), Aeg§, Bura, Helike, Aegion» 
Rhypes, Paträ, Pharä, Olenos, Dyme und Triteia; da Aegä 
und Rhypes frühzeitig aus der Zahl der bewohnten Orte ver- 
schwanden, so traten statt ihrer Keryneia und Leontion, früher 
blosse Demen^ in die Reihe der Poleis ein; die Stelle des eben- 
falls frühzeitig verschollenen Olenos dagegen, dessen Gebiet an 
Dyme fiel, scheint durch keine andere Ortschaft besetzt worden 
zu sein. ^) Der Sitz des Oberkönigs und somit die politische 
Hauptstadt des Landes war wahrscheinlich Aegion mit seinem 
Heiligthum des Zeus, des achäischen Stammgottes; daneben be- 
hielt Helike mit seinem Heiligthum des Poseidon bei den im Lande 
zurückgebliebenen loniern und in Folge der dllmäligen Verschmel- 
zung derselben mit den Eroberern auch bei diesen eine nicht 
geringe Bedeutung, die in Folge des traurigen Schicksals der 
Ol. 101 , 4 bei einem Erdbeben vom Meere verschlungenen Stadt 
durch die Tradition wohl noch grösser dargestellt wurde, als sie 
in Wirklichkeit gewesen war. 2) 

Nachdem das Königthum in Folge des despotischen Auftre- 
tens der Söhne des letzten Nachkommen des Tisamenos, des 
Ogyges , abgeschafft und durch eine gemässigt ^demokratische Ver- 
fassung, welche dem Staate der Achäer den Ruhm eines Muster- 
staates bei den andern Griechen eintrug, ersetzt worden war, 
bildeten die zwölf, beziehendlich nach Verfall von Olenos elf Städte 
als ebenso viele selbständige Kantone einen Bund mit einer in 
Aegion zusammentretenden Bundesversammlung als beschliessender 
und wahrscheinlich, wie in den ersten Zeiten des neuen Bundes, 
zwei Strategen nebst einem Staatsschreiber als ausübender Be- 



Herod. I, 145; Strab. p. 385 s.; Polyb. II, 41. Dass Paus. c. 6, 1 
Paträ aus der Reihe der 12 Städte weglässt und dafür Keryneia auf- 
führt, hat darin seinen Grund, dass er die 12 nolsig als schon zur Zeit 
der lonier bestehend betrachtet, von Paträ dagegen weiterhin ausdrück- 
lich angiebt, dass es erst von den Achäern aus 3 Komen begründet wor- 
den sei. 

«) Vgl. Strab. p. 385 u. 387; Paus. c. 7, 2; c. 24, 4; Liv. XXXVIII, 
30. Dass die Bundesversammlungen in älterer Zeit in Helike stattge- 
funden haben, wie manche aus Paus. c. 7, 2 schliessen, ist aus inneren 
Gründen höchst unwahrscheinlich. 



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6. Acliaia. 317 

hörde. ') Die höchsten Beamten in den einzelnen Städten scheinen 
den Titel 'Damiorgen' geführt zu haben.*) Nach aussen verhielt 
sich der Bund durchaus neutral, hauptsächlich aus Abneigung 
gegen die Hegemonie der Spartaner, ähnlich wie Argos; doch 
hinderte dies nicht, dass einzelne Städte in den Kämpfen zwi- 
schen Athen und Sparta theils für dieses , theils für jenes Partei 
ergriffen. Seit dem Jahre 418 v. Chr. aber, wo es den Spar- 
tanern gelungen war, die Bundesverfassung in einem ihnen gün- 
stigen, d. h. mehr oligarchischen Sinne abzuändern, verfiel die 
Landschaft mehr und mehr dem Einflüsse Spartas, dem sie in 
allen Kämpfen bis zur Schlacht bei Leuktra treu zur Seite stand. 
Nach dieser von Sparta und Theben zu Schiedsrichtern erwählt, 
wurden die Achäer von Epameinondas, unter Schonung der unter 
Spartas Einfluss gegebenen Verfassung, zum Anschluss an Theben 
genöthigt; nachdem aber die Tbebaner Harniosten in die achäischen 
Städte gesandt und durch diese die spartanisch Gesinnten ver- 
trieben, die Verfassung in demokratischem Sinne umgestaltet 
hatten, erlangte die spartanische Partei bald wieder die Ober- 
hand und setzte es durch, dass Achaia wieder offen auf Spartas 
Seite trat. Durch die Verluste in der Schlacht bei Chaeroneia 
und in dem Kampfe König Agis III. gegen Antipater bedeutend 
geschvirächt, gerielh Achaia seit dem Ende des vierten Jahrhun- 
derts V. Chr. ganz In die Gewalt der Makedonier, unter deren 
Schutze sich in den meisten Städten Tyrannen erhoben, durch 
deren Willkürherrschaft eine völlige Verwirrung der alten staat- 
lichen Ordnung eintrat. Eine nationale Reaction dagegen gieng 
von den Städten im Westen der Landschaft, Dyme, Paträ, Pharä 
und Triteia, aus, die im Jahre 281 vor Chr. zu einem neuen 
Bunde zusammentraten, welcher fünf Jahre darauf durch den Bei- 
tritt von Aegion, Bura und Keryneia erweitert, sich bald über 



Polyb. II, 38 u. 41. Strab. p. 384 b. Die Zeit der Aufhebung des 
Königthums ist leider auch nicht einmal annähernd zu bestimmen; doch 
ist es wahrscheinlich, dass die Gründung der achUischen Colonien in Unter- 
italien, wie Kroton, Sybaris, Kaulonia, noch zur Zeit der Königsherrschaft 
erfolgt ist, da diese Städte ja erst in späteren Zeiten die demokratische 
Verfassung des Mutterlandes annahmen (Polyb. c. 39). 

*) Dies kann man daraus schliessen, dass in den Zeiten des neuen 
Bundes zehn Damiorgen {da(iiOQYOt => dt^fiiovQyoC) als ein dem Strategen 
beigeordnetes CoUegium erscheinen: s. Liv. XXXII, 22; XXXVIII, 30; 
Polyb. XXIV, 5; Plut. Arat. 43; C. I. gr. n. 1542 und 1543. 



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318 II. Peloponnesos. 

den grössten Theil des Peloponnes ausdehnte und Griechenland 
noch kurz vor dem Erlöschen seiner politischen Existenz das 
Muster eines die Selbständigkeit seiner Glieder mit weiser Mäs- 
sigung zum Besten einer starken Gentralgewalt beschränkenden 
Bundesstaates gab. An der Spitze der Executive standen die 
ersten fünfundzwanzig Jahre nach der Erneuerung des Bundes 
neben dem Staatsschreiber zwei Strategen; da aber das Bedörf- 
niss nach einer einheitlichen Leitung sich immer mehr geltend 
machte, wurde seit dem Jahre 256 inmier nur ein Strateg auf 
ein Jahr gewählt , der ein Jahr nach dem Ablauf seiner Amtszeit 
wieder wählbar war. Er war zugleich Bundesfeldherr und Bun- 
despräsident; in ersterer Eigenschaft waren ihm ein oder mehrere 
Hypostrategen (Unterfeldherrn) und ein Hipparch (Commandant 
der Reiterei) untergeordnet, in letzterer ausser dem Staats- 
schreiber das Collegium der zehn Damiorgen, dessen Mehrheits- 
beschlässen er sich zu fügen hatte , beigeordnet. Die Wahl dieser 
Bundesbehörden, sowie die Bundesgesetzgebung um! die Ent> 
Scheidung über Krieg und Frieden und über die Abschliessung von 
Verträgen mit auswärtigen Staaten kam der Landsgemeinde zu, 
die sich regelmässig zweimal im Jahre in der früheren Zeit in 
Aegion, später auch in anderen Bundesstädten versammelte. Jeder 
Burger einer Bundesstadt, der das 30. Jahr zurückgelegt halte, 
war zur Theilnahme an derselben berechtigt; abgestimmt wurde 
nach Städten, so dass die Mehrzahl der anwesenden Bürger einer 
Stadt für die Abstimmung derselben den Ausschlag gab. Zwischen 
den Behörden und der Landsgemeinde stand ein Rath (Bule), 
welcher wahrscheinlich die der Landsgemeinde vorzulegenden An- 
gelegenheiten vorzuberathen , minder wichtige auch endgültig zu 
entscheiden hatte: über seine Mitgliederzahl und Organisation 
lässt sich nichts Sicheres ermitteln.^) 



*) Vgl. C. F. Merleker De Achaicis rebus antiquissiiniß dissertatio, 
Königsberg 1831 (desselben Verfasaera Schrift Achaicorum libri UI, Darm- 
stadt 1837, steht mir nicht zu Gebote); A. Matthlae ^Oeschlchte des 
achäischen Bundes' in dessen ^Vermischten Schriften' (Altenbnrg 1833) 
S. 239 flf.; Krafft und Hertzberg Art. 'Achaia' (Geschichte)' in Pauly's 
Realencyclopädie d. cl. Altws. 2te Aufl. I, S. 56 ff.; E. A. Freeman 
History of federal goverament, from the foundation of the Achaian league 
to the disruption of the United states, Vol. I (London 1863) p. 236 ss.; 
dazu W. Vischer im N. Schweiz. Museum 1868, S. 29 ff. 



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6. Achaia. 319 

Mit der gewaltsamen Auflösung des Bundes durch die Römer 
endet die selbständige Bedeutung def Landschaft, deren west- 
lichster Theil in Folge der Gründung römischer Colonien durch 
Augustus fa^t ganz romanisirt wurde, während im östlicheren 
Tbeil sich die griechische Bevölkerung bis zum Eindringen der 
nordischen Barbaren ziemlich rein erhielt. 

Die westlichste der achäischen Städte, Dyme, lag nahe der 
hafenloseu Küste, ungefähr in der Mitte zwischen den Flüssen 
Larisos und Peiros, 60 Stadien vom Cap Araxos (vgl. oben S. 309). 
In .der ältesten Zeit^ als noch die Kaukonen in Besitz dieser 
Gegend waren, soll der Ort den wohl von der lehmigen Beschaffen- 
heit des Bodens entnommenen Namen Paleia (vgl. TcriXog und 
lat. palus) geführt haben ; Stratos, was ebenfalls als alter Name 
der Stadt angeführt wird, bezeichnete wohl eine sei es von den 
Epeiern, sei es von den Achäern, welche die Gegend als das 
Westende ihres Gebiets Dyme (= Sv0^7J) nannten, angelegte 
Befestigung. Erst später , jedenfalls nach der 6. Olympiade, wurde 
durch Zusammensiedelung von acht kleineren Ortschaften (Demen) 
eine grössere Stadt gegründet, welche den Namen Dyme er- 
hielt.*) Im Jahre 314 v. Chr. versuchten die Burger die in 
ihrer Akropoiis liegende makedonische Besatzung zu vertreiben, 
wurden zwar von Alexander, dem Sohne Polysperchons, hart da- 
für gezüchtigt, bemächtigten sich aber trotzdem nach dessen Ab- 
züge mit Hülfe von Söldnerschaaren der Akropoiis und befreiten 



*) Paus. c. 17, 5 f.; Strab. p. 337; Steph. Bjz. u. ^v/lhj. Dass der 
Hauptort der Gegend noch Ol. 6 den Namen Ildlsia führte, zeigt das 
von Pausanias erhaltene Epigramm der Statue des Oibotas, des Siegers 
der 6ten Olympiade, in welchem Paleia als Heimath desselben genannt 
ist: wenn auch diese Statue erst beträchtlich später (nach Paus, um 
Olymp. 80) errichtet wurde, so kann man doch bei dem Gewicht, welches 
jede griechische Stadt darauf legte, einen olympischen Sieger unter ihren 
Bürgern zu haben, nicht zweifeln, dass man sich bei Abfassung des Epi- 
gramms genau an die officielle olympische Aufzeichnung hielt. Was Paus, 
ebd. §. 13 von einem Fluche des Oibotas berichtet, in Folge dessen bis 
Ol. 80 kein Achäer einen olympischen Sieg davon getragen habe, ist eine 
unhistorische Legende; denn Ol. 23 siegte im Stadion Ikarios aus der 
achäischen Stadt Hyperasia (Paus. IV, 15, 1 ; Phlegon bei Steph, Byz. u. 
'TntQaota) u. Ol. 67 im Stadion, Diaulos und Waffenlauf Phanas aus 
Pallene (Sexti Julii Africani 'OXvfiniccScov avayQcc(pT] rec. I. Rutgers 
P. 27). 



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320 II. Pelopoiinesos. 

sich so vom niakedonisclien Joche. *) Im Jahre 281 ergriffen sie» 
wie schon erzählt, mit den drei anderen Städten des westlichen 
Achaia die Initiative zur Erneuerung des achäischen Bundes und 
hatten dann in den Kämpfen zwischen den Acbäern und Aetolern 
öfter von feindlichen Einfällen ihrer Nachbarn, der Eleer, zu 
leiden. Im ersten makedonischen Kriege wurde die Stadt zur 
Strafe dafür, dass sie eine Besatzung des Königs Philipp aufge- 
nommen hatte , von einem römischen Heere unter dem Prätor 
P. Sulpicius geplündert und die Bürger als Sclaven verkauft: 
Philipp kaufte aber alle, die er ausfindig machen konnte, los 
und führte sie in ihre Vaterstadt zurück ; zum Dank dafür stimm- 
ten die Dymäer auf der Landsgemeinde zu Sikyon im Jahre 
189 V. Chr. allein von allen Städten des eigentlichen Achaia mit 
den Megalepoliten und Argivern gegen den Anschluss des achäischen 
Bundes an Rom. 2) Auch in der ersten Zeit nach dem Verlust 
der Selbständigkeit war der Geist der Opposition gegen Rom in 
der Bürgerschaft von Dyme noch nicht erloschen, wie der Auf- 
standsversuch eines gewissen Sosos beweist, welcher das Stadt- 
haus mit dem Archiv in Brand steckte und statt der von den 
Römern octroyierten oligarchischen eine demokratische Verfassung 
einrichtete, dafür aber mit einem der Damiorgen, der ihm dabei 
geholfen hatte , durch den römischen Statthalter von Makedonien, 
den Proconsul Q, Fabius Q. f. Maximus, zum Tode verurtheilt 
wurde.^) Im Jahre 66 v. Chr. erhielt die offenbar sehr zusammen- 
geschmolzene Bevölkerung der Stadt einen den alten Bewohnern 
jedenfalls nicht eben erwünschten Zuwachs durch einen Theil der 



1) Diod. XIX, 66. 

«) Paus. c. 17, 5; vgl. Liv. XXXH, 22; Polyb. V, 3. 

*) C. I. g. n. 1543, eine diesen Aufstandsversuch betreffende Ver- 
ordnung des Proconsuls an die Dymäer: da, wie Böckh bemerkt hat, 
Consuln des Namens Q. Fabius Q. f. Maximus in den Fasten in den 
Jahren 145, 142, 121 und 116 erscheinen, so ist das Jahr, in welches 
diese Begebenheit fällt, nicht sicher zu bestimmen; da aber die Consuln 
der Jahre 145 u. 142 nach Ablauf ihrer Amtszeit in Hispanien kämpften, 
so wird man sie entweder ins Jahr 120 oder ins Jahr 1 15 v. Chr. zu setzen 
haben. Aus der Inschrift ergiebt sich auch, dass damals ausser dem Col- 
legium der Damiorgen ein üvvidgioVy dessen ygafifiatBvg nebst einem 
priesterlichen Beamten (d^PonoXog) als eponyme Beamte an der Spitze der 
tiffentlichen Urkunden genannt wurden, die Angelegenheiten der Stadt 
verwaltete. 



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6. Achaia. 321 

von Pompeius überwundenen und verschonten Piraten, welche 
der Sieger hier ansiedeltet) Die Maassregel scheint nicht viel 
gefruchtet zu haben, denn Augustus führte, offenbar um dem 
Mangel an Bewohnern abzuhelfen, eine römische Colouie dahin, 
fügte aber diese Colonia lulia Augusta Dumaeorum mit 
ihrem Gebiete dem Gebiete des ebenfalls von ihm colonisirten 
Paträ bei.^) Pausanias erwähnt in der Stadt einen alten Tempel 
der Athene und ein Heiligthum der Kybele und des Attis, ausser- 
halb der Stadt zur Rechten der von Elis her führenden Strasse 
das Grab des Sostratos, eines von den Dymäern als Heros ver- 
ehrten Lieblings des Herakles, an einer anderen Stelle das Grab 
des olympischen Siegers Oibotas.^) Heutzutage sind von der Stadt 
nur noch geringe , meist der römischen Zeit angehörige Reste er- 
halten bei einer Kapelle des heiligen Konstantinos östlich von 
deoQ in einer öden, zum Theil versumpften Niederung zwischen 
Wäldern gelegenen Gehöft Karavostasion , das seinen Namen 
(^Schiflsstation') einer zwischen der an der Ostseite des Vorge- 
birges Araxos sich hinziehenden Lagune Kalogria und einem 
flachen Küstenvorsprunge sich öffnenden, jetzt durch ein Zoll- 
haus bewachten Bucht verdankt, die auch im Alterthum als Rhede 
benutzt wurde; der Hügel, auf welchem die Kapelle steht, trug 
jedenfalls die Akropolis von Dyme. Zur Sicherung der GrSnze 
gegen Elis war auf dem südöstlichsten Vorsprunge des Araxos, 
nahe dem rechten Ufer des Grenzflusses Larisos, eine Festung 
erbaut, die gewöhnlich schlechtweg ^das Castell' (Teichos) ge- 
nannt wurde, eigentlich aber den Nameü Larisa geführt zu 
haben scheint. Der Umfang dieser von der Sage auf Herakles 
zurückgeführten Festung betrug nur V/^ Stadion, die Mauern 



«) Strab. Vin p. 378 8.; XIV, p. 666. 

*) Da von den beiden in Anm. 1 angeführten Stellen des Strabon sich 
nur an der letzteren der Beisatz ^v vw\ *Pmfta£(ov anoi%Ca vifiBzai 
findet, so kann man schliessen, dass die Colonisation in der zwischen 
der Abfassung des 8ten und des 14ten Buches der Geographie des Strabon 
Torflossenen Zeit erfolgt ist. Die Existenz der Colonie bezeugen auch 
Plin. N. h. IV, 6, 13 und die von Curtius Pel. I 8. 450 angeführten 
Münzen; ihre Unterordnung unter Paträ Paus. c. 17, 5. 

') Paus. c. 17, 8 ff. Dass das Grab des Oibotas 'vor demselben 
Thore* gelegen habe als das des Sostratos, wie Curtius (Pel. I, 8. 425) 
anninunt, ist mir nach der Anordnung der Beschreibung des Pausanias 
undenkbar. 



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322 n. Peloponnesos. 

aber (deren noch erhaltene Reste eine Dicke yon 12 — 15 Fuss 
zeigen) hatten durchgängig eine Höhe von 45 Fuss.^) Im süd- 
östlichsten Theile der Dymäa lag eine Ortschaft Hekatombäon, 
offenbar nach einem Heiligthum (vielleicht des Zeus, der mehr- 
fach unter dem Beinamen Hekatombäos verehrt wurde) benannt» 
hei welcher die Achäer im Jahre 225 durch König Kleomenes lü. 
von Sparta geschlagen wurden.^) In derselben Gegend muss auch 
Teuthea gelegen haben, ein durch ein Heiligthum der Artemis 
Nemydia (?) bemerkenswerthes Städtchen, dessen Bewohner bei 
einem zur Hebung von Dyme veranstalteten Synoikismos nach 
dieser Stadt übergesiedelt worden waren. ^) 

Die östliche Nachbarstadt von Dyme, das auf dem letzten 
Vorsprung des eleischen SkoUisgebirges gegen die Küste hin nahe 
dem linken Ufer des Peiros gelegene Olenos, wahrscheinlich 
eine von den Epeiern begründete Filiale der gleichnamigen äto- 
liscben Sladt (vgl. Band I, S. 131), erscheint Anfangs als eine 
der zwölf achäischen Bundesstädte, gerieth aber frühzeitig aus 
unbekannten Ursachen so in Verfall, dass es nicht mehr an der 
Erneuerung des Bundes sich betheiligen konnte: wahrscheinlich 
war es schon damals von seinen Bewohnern verlassen , die theils 
nach Peirä und Euryteiä (wahrscheinlich Demen der Olenia), theils 
nach Dyme übergesiedelt waren. Strabon fand zwischen den 
Trümmern der Stadt noch ein Heiligthum des Asklepios, das 40 
Stadien von Dyme, 80 Stadien von Paträ entfernt war; zur Zeit des 
Pausanias scheint auch dieses verfallen gewesen zu sein, da er des- 



*) Polyb. IV. 59 u. 83, vergl. Steph. Byz. u. Tef^off: eine Stadt 
Adgica auf der Gränze der Eleer n. Djmäer cltirt aas Theopompos Strab. 
IX p. 440. Ueber den Tempel der Athene Larisäa s. oben S. 310. 

•) Plut. Oleomen. 14 (über das ebend. genannte Aayyav vgl. oben 
S. 309, Anm. 2), wo ausdrücklich angegeben wird, dass Kleomenes darch Ar- 
kadien nach dem achäischen Pherä (= Pharai) zog und dann zwischen 
Dyme und dem Hekatombäon, wo die Achäer lagerten, sein Lager auf* 
schlug (irrig Curtius PeL I 8. 427); vgl. Plut. Arat. 89; Polyb. U, 61. 
Zeus Hekatombäos: s. Hesych. u. 'Eticctofißaiog, 

') Strab. p. 342; für das jedenfalls corrupte NBfivd^ag will Müller 
Dorier I S. 378 NsfiiSlag^ Lobeck ad Phrynich. p. 557 Nsfttaiccg lesen. Ob 
die von Pouqueville entdeckten Tempelreste bei Kolonäs am Fasse des 
Berges Movri, Yg Stunde südöstlich von Epano-Achaia, diesem Heilig- 
thum angehören (vgl. Curtius Pel. I, S. 427), ist mir zweifelhaft, da nach 
den Worten des Strabon Teuthea nicht unmittelbar am Bache Teutheas 
gelegen u. zur Dymäa, nicht zur Olenia gehöi-t zu haben sheint. 



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6. Achaia. 323 

selben mit keinem Worte gedenkt ; doch haben sich einige Reste 
der alten Stadt bis zum heutigen Tage in der Nähe des Dörf- 
chens Kato-Achaia erhalten, darunter die Basis einer von der 
Stadt Pharä errichteten Ehrenstalue, woraus man wohl schliessen 
darf, dass das Gebiet von Olenos, das zu Strabons Zeit den Dy- 
mäern gehörte, früher eine Zeit lang in Besitz von Pharä warJ) 
Diese Stadt, deren das obere Thal des Peiros umfassendes Ge- 
biet im Westen durch die Dymäa, im Nordwesten durch die 
Olenia von der Verbindung mit dem Meere abgeschnitten war, 
lag an der Hauptstrasse aus Arkadien nach dem westlichen Achaia, 
70 Stadien von der Küste, 150 Stadien (auf der im Peirosthale 
und dann längs der Küste hingehenden Strasse) von Paträ, nahe 
dem linken Ufer des hier Pieros genannten Flusses, also ungefähr 
in der Mitte zwischen den jetzigen Dörfern Isari und Prevetos, 
wo ihre Stelle noch durch ausgedehnte aber unansehnliche Ruinen 
bezeichnet wird. Dem Flusse zunächst stand ein Hain uralter 
Platanen, deren hohle Stämme von den Bewohnern der Stadt 
bisweilen, natürlich nur scherzweise, zu Speise- und Schlafräu- 
men benutzt wurden. Mitten auf dem geräumigen, nach dem 
älteren Systeme angelegten Marktplatze stand ein Hermenbild des 
Herraes Agoräos mit einem steinernen Altar, bei welchem man 
sich in eigenthümlicher, ziemlich primitiver Weise Orakel holte; 
nahe dabei standen 30 viereckige Steine, von denen jeder als 
Symbol oder Repräsentant einer Gottheit Gegenstand des Cultus 
war. Dem Hermes war auch eine Dirke genannte Quelle in der 
Stadt heilig, in deren Abfluss Fische lebten, die als dem Gotte 
geweiht nicht gefangen werden durften. 15 Stadien von der 
Stadt lag ein hauptsächlich aus Lorbeerbäumen bestehender Hain 
der Dioskuren, in welchem Pausanias einen Altar aus Feldsteinen, 
aber weder ein Cultgebäude noch Cultbilder (diese sollten nach 
Rom geschafft worden sein) fand. Wie Dyme nahm auch Pharä' 



<) Strab. p. 386 u. 388; Paus. c. 18, 1 u. c. 22, 1; Steph. Byz. u. 
"Sllgvog; C. I. gr. n. 1644. Dass unter der nitgrj 'SlXBvlrj IL B, 617 das 
Gebiet des später achäischen Olenos za verstehn ist, lehrt die Yerglei- 
chung der von Strab. p. 342 erhaltenen Verse des Hesiodos (fr. 216 Gött- 
ling). Ueber die Beste von Olenos s. Leake Morea II p. 155 s.; Dodwell 
Class. u. topogr. Reise II, 2, S. 149 d. d. Ueb.; Pouillon-Boblaye Re- 
cfaerches p. 20. Flüchtlinge ans Olenos in Aegion interuirt: Aelian. de 
an. V, 29. 



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* 324 n. Peloponnesos. 

Theil an der NeugründuDg des Bundes , litt dann mehrfach durch 
Einfalle der Aetoler und Eleer, und wurde durch Augustus den 
Paträern untertbäni^ gemacht^) 

Ganz dieselben Schicksale wie Pharä hatte dessen Nachbarin, 
die unter allen achdischen Städten am weitesten von der Küste 
' entfernte Bundesstadt Tritda (auch Triteia geschrieben), die 
in Folge ihrer Lage sich eine Zeit lang (wahrscheinlich vor der 
Neubegrundung des achdischen Bundes, an welcher auch sie An- 
theil nahm) an Arkadien angeschlossen hatte. Die Stadt, in welcher 
Pausanias ein Heiligthum der 'Grössten Götter' 4nit Cultbildern 
aus Thon und einen Tempel der Athena, ausserdem vor der 
Stadt ein Grabmal mit Gemälden von der Hand des Nikias der 
Erwähnung werth findet, war 120 Stadien von Pharä entfernt: 
also gehören ihr wahrscheinlich die jetzt Kastrilza genannten 
Mauerreste eine Stunde nördlich unterhalb des grossen Dorfes 
h. Blasis, nahe den Quellen des Flusses Selinus.^) 

Die nordöstlichste unter den Städten des westlichen Achaia, 
seit Augustus die Beherrscherin dieses ganzen Theiles der Land- 
schaft, war Paträ, das am nördlichen Ende der breiten und 
fruchtbaren Mündungsebene des Glaukos, die in ihrem nördlichen 
Theile noch von einigen kleineren Bächen durchflössen wird, unter 
und auf einem mit dem Panachaikon zusammenhängenden Hügel- 
i'ücken (jetzt Skatovuni genannt) lag. Die Fruchtbarkeit des 
Landes für Viehzucht, Ackerbau, Garten- und Weincultur spiegelt 
sich schon in den Namen der alten pelasgisch - ionischen Ansie- 
delungen, aus welchen die Stadt erwuchs, und den Sagen von 
der Gründung derselben wieder. Zu Eumelos, dem ^Heerdeu- 



1) Strab. p. 388; Paus. c. 22, 1 ff. (wo §. 4 zu lesen ist: v9(oq Csqov 
iativ *Eq[iov' JiQ%a \^jifia codd.] filv rj ^fjyV ^^ Svofia); Polyb. IV, 
6 f.; 59 f.; V, 94.; Flut. Oleom. 14 (vgl. S. 322, Anm. 2); Ptol. III, 16, 
15; Steph. Byz. u. ^a^äi^ über die Ruinen Pouillon-Boblaje p. 21. 

«) Paus. c. 22, 6 ff.; Strab. p. 341; vgl. Polyb. IV. 6 u. ö.; Plut. 
Cleom. 16 u. Arat. 11 ; Steph. Byz. u. Tqixala u. Tgitsicc, Dass Triteia eine 
Zeit lang zu Arkadien gehörte , beweist das von Paus. VI, 12, 8 erwähnt« 
Epigramm auf der Statue des Faustkämpfers Agesarchos: dies geschah 
Wahrscheinlich zur Zeit der höchsten Macht Arkadiens, bald nach der 
Gründung von Megalepolis (vgU Cic. ad Att. VI, 2, 3, womach Dikäarch 
Triteia zu Arkadien gerechnet zu haben scheint), nicht erst durch die 
Römer, wie Bninn Geschichte der griech. K,üustler I S. 538 annimmt. 
Ruinen von Kastritza Leake Morea II p. 117. 



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6. Acliaia. 325 

reichen', dem eingeborneu ältesten Herrsclier des Landes, kam, 
wie die Sage berichtet/ Triptolemos und lehrte ihm den Getreide- 
bau, worauf er eine Ortschaft Arpe ('Ackerland') und in Ge- 
meinschaft mit Triptolemos eine zweite, Antheia ('die Bluthen- 
reiche') gründete; zwischen beiden wurde dann noch eine dritte, 
die Mesatis ('die Mittlere') angelegt, deren Bewohner, wie die 
hier localisirten Sagen von der Erziehung des Dionysos und seiner 
Gefährdung durch die Titanen zeigen, sich hauptsächlich dem 
Weinbau widmeten. Die drei Ortschaften waren durch ein reli- 
giöses Band, den gemeinsamen Cultus der Art^is Triklaria in 
dem Heiligthum am Flusse Meilichos (s. oben S. 312), verbunden; 
auch der Cult des Dionysos Aesymnetes, welchen die Sage mit 
der Abschaffung der Menschenopfer im Dienst jener Göttin in 
Verbindung setzte, war offenbar den drei Orten gemeinsam, wie 
man schon aus der Zahl von neun Männern und neun Frauen, 
welchen die Hauptverrichtungen im Cult dieses Gottes oblagen, 
schliessen kann. Die Achäer machten Aroe durch Erweiterung 
und Befestigung zu einer Stadt, welche als ausschliesslicher Sitz 
der herrschenden Familien den Namen Paträ erhielt; zu ihrem 
Gebiete gehörten ausser Mesatis und Antheia noch wenigstens 
vier ländliche Ortschaften (Demen), von denen wir Arba (von 
unsicherer Lage), Argyra (vgl. oben S. 312) und Bolina (vgl. 
ebendaselbst) mit Namen kennen.^) Der Umfang der Stadt war 
damals geringer als zur Zeit des Augustus und in der Gegenwart, 
denn sie beschränkte sich auf den westlichen Abhang des Hugel- 
rückens (auf welchem ungefähr auf der Stelle des jetzigen Castells 
die Akropolis lag) und den zunächst unter demselben gelegenen 
Theil der Strandebene und war durch unbewohntes Terrain von 
ihrem auf künstlichem Wege durch Dämme aus grossen Stein- 
blöcken hergestellten Hafen getrennt; erst im Jahre 419 v. Chr. 
wurde derselbe auf Anrathen des Alkibiades durch lange Mauern 



«) Paus. c. 18, 2—6, c. 19 u. c. 20, 1; vgl. Etym. M. p. 147, 36; für 
die Bedeutung des Namens IlavQai vgl. Steph. Byz. u. Ttatga* In An- 
theia (natci vrjv *Av^i(ov %(üqav) wurde Demeter als notjjQioipoQog ver- 
ehrt: Athen. XI p. 460«*. Die Angabe des Strabon p. 337 IlcczQen dh Ig 
Sntä [9i}ft<ov cwenoXCcd-rjcccv] beziehe ich auf die ursprüngliche Grün- 
dung, nicht wie Curtius (Pel. I S. 437) auf eine 'zweite Erweiterung etwa 
um die Zeit der Perserkriege * , von der sich in der Ueberlieferung keine 
Spur findet. 

BURSIAN, OEOOB. n. 22 



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326 II. Peloponuesos, 

nach dem Muster des athenischen mit der Ringmauer der Stadt 
verbunden.^) Als Ilafenplatz spielte diese auch in den Kämpfen 
des neuen achäischen Bundes, zu dessen Begründern sie gehörte, 
gegen die Aetoler eine nicht unbedeutende Rolle; im Todeskampfe 
des Bundes gegen Rom erlitt sie noch vor dem letzten Acte dieses 
blutigen Dramas einen schweren Schlag, indem ihre ganze Mann- 
schaft auf dem Ruckzuge nach der Niederlage der Achäer bei 
Skarpheia in Phokis durch Metellus aufgerieben wurde , ein Schlag, 
welcher den Ueberrest der Bevölkerung in solche Verzweifelung 
stürzte, dass die meisten Bewohner die Stadt verliessen und sich 
in die ländlichen Ortschaften ihres Gebietes zurückzogen.') 

Die Wichtigkeit, welche die Stadt trotzdem als Handels- und 
Hafenplatz hatte, war die Ursache, dass Augustus nach der Schlacht 
bei Aktion eine römische Militärcolonie dahin fährte und die 
Bewohner anderer achäischer Ortschaften veranlasste, dort ihren 
Wohnsitz zu nehmen. Die von den Römern mit Abgabenfreiheit 
und bedeutendem Grundbesitz nicht nur im westlichen Achaia, 
sondern auch im südlichen Aetolien und im Gebiet der ozolischen 
Lokrer beschenkte Colonia Augusta Aroe Patrensis vnirde 
nun eine der blühendsten und bevölkertsten Städte Griechenlands. 
In der Bevölkerung überwog das weibliche Element bedeutend 
und nicht eben zum Vortheil der Sittlichkeit, indem zahlreiche 
Frauenzimmer, welche von der Verarbeitung des aus Elis her- 
beigeschafften Byssos zu Gewändern und Haarnetzen lebten , auch 
einen leichteren aber weniger ehrenvollen Nebenverdienst nicht 
verschmähten.') Die damalige Stadt, von welcher uns durch Pau- 



Thuk. V, 62 (vgl. II, 83 f.); Plut Alcib. 16; über die Re«te dieeer 
Maaeni und der Hafendämme vgl. Dodwell Class. a. topogr. Reise I, 1, 
S. 161 f. d. d. Ueb. 

«) Polyb. XL, 3, vgl c. 6; dagegen läset Paus. c. 18, 6 (vgl. X, 22, 6) 
die Paträer den Aetolern beim Einfalle der Kelten 279 v. Chr. zu Hülfe 
eilen und dabei so schwere Verluste erleiden, dass die Mehrzahl der Be- 
wohner die Stadt verlässt; allein dem widerspricht nicht nur die bestimmte 
Angabe des Polybius, dass die Niederlage der Paträer in Phokis ß(fcc%eC 
ZQOvm ngdtBQOv (vor der Katastrophe) erfolgt sei , sondern auch die häu- 
fige Erwähung von Paträ in der Geschichte des sog. Bundesgenossenkrieges 
bei Polybius, welche uns nicht gestattet, die Nachrichten des Pausanins 
und des Polybius auf zwei verschiedene Begebenheiten zu beziehen. 

») Paus. c. 18, 7; c. 19, 14; X, 38, 9; Strab. p. 387 u. p. 460; Plin. 
N. h. IV, 4, 11. Coloniahnünzen: Eckhel D. N. V. If, 1, p. 266. Dass 



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6. Achaia. 327 

sauias eine ziemlich detaillirte Beschreibung, aber nur wenige 
architektonische und plastische Ueberreste erhalten sind ^) — eine 
Folge der ununterbrochenen Bewohnung des Platzes, durch welche 
die Fundamente der älteren Gebäude durch die neueren verdeckt, 
die Trümmer jener zur Hersteiluög dieser verbraucht worden 
sind — , erstreckte sich von der die Ebene beherrschenden An- 
höhe, dem westlichsten Vorsprunge des mehrfach erwähnten 
Högelrückens, welche die Akropolis trug, bis unmittelbar ans 
Meer. Die Akropolis enthielt ein Heiligthum der Artemis La- 
phria, deren Cult wohl erst mit dem chryselephanünen Cultbilde, 
welches die Göttin als Jägerin darstellte, aus Kalydon durch 
Augustus hierher verpflanzt wurde: die Burggöttin der älteren 
griechischen Stadt war jedenfalls die Athene Panachais, welcher 
auch in der römischen Zeit ein innerhalb des Peribolos des Ar- 
temisheiligthums stehender Tempel geweiht war.') Die Strasse 
von der Akropolis nach dem Marktplatze fährte an einem Heilig- 
thume der Kybele fder Dindymenischen Mutter'), in welchem 
auch Attis verehrt wurde, vorüber. An der Ostseite des Markt- 
platzes, dessen Mittelpunkt wahrscheinlich das Grab des mythi- 
schen Stadtgrunders Patreus und eine Statue der Athene be- 
zeichnete, stand das Olympion, ein mit Ausnahme der steinernen 
Säulen und Architrave aus Ziegeln erbauter Tempel des Zeus 
Olympios, in dessen Cella der Gott auf einem Thronsessel sitzend, 
daneben Athene stehend dargestellt war; gegenüber, wahrschein- 
lich durch die von der Burg her führende Strasse davon getrennt, 
eine Statue der Hera Olympia und ein Heiligthum des Apollon 
mit einem Erzbilde des Gottes, welches denselben nackt, aber 
mit Schuhen an den Füssen, einen Fuss auf einen Stierschädel 
setzend, darstellte.') Ein mit vergoldeten Statuen des Patreus, 



schon yor der Gründung der Colonie römische Eanfleate in Paträ ansässig 
waren, zeigt Cic. Ep. ad fam. XIII, 17, 1 u. 60, 1. Fortdauer der We- 
berei bis ins 12 te Jahrh. n« Chr.: vgl. Constantin. Vita Basilii Maced. 
p. 142 ed. Venet. 

<) Vgl. über diese Dodwell a. a. O. S. 158 ff.; Leake Morea II p. 131 
SB.; Archäol. Aneeig. 1854, N. 67. 68. 8. 479. 

') Paus. c. 18, 8 ff.; c. 20, 2; dass der Cult der Laphria aus Kalydon 
stammt, bezeugt Paus, auch IV, 81, 7, also ist auch der von Paus, be- 
schriebene xQÖnog ijttxfDQLog d'vctag als ursprünglich kalydonischer 
Brauch zu betrachten. 

») Paus. c. 20, 3 ff.; PUn. N. h. XXXV, 14. 172; der letztere erwähnt 

22* 



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328 11. Peloponnesos. 

Preugenes und Atherion geschmücktes Thor, das offenbar den 
Haupteingang der Agora bezeichnete, trennte dieses Apollonhei- 
ligthum von dem geräumigen Temenos der Artemis Limnatis, 
welches ausser dem Tempel dieser Göttin noch andere Heilig- 
thümer, zu denen man durch die offenbar das Temenos an allen 
vier Seiten umschliessenden Säulenhallen gelangte, enthielt: so 
ein Heiligthum des Asklepios und eins der Athene ; vor letzterem 
zeigte man das Grab des Preugenes, dem ebenso, wie seinem 
Sohne Patreus, alljährlich beim Feste der Limnatis Todtenopfer 
dargebracht wiu*den. Unmittelbar an die Agora stiess ferner das 
besonders reich geschmückte Odeion ; in geringer Entfernung von 
dem Platze stand auch das jedenfalls nach römischer Weise ganz 
auf einem kunstlichen Unterbau ruhende Theater , in dessen Nähe 
Tempel der Nemesis und der Aphrodite, ein Heiligthum des Dio- 
nysos Kalydonios (so genannt, weil das Cultbild aus Kalydon her- 
übergeschaffl worden war) und ein Temenos einer einheimischen 
Frau (den Namen derselben hat uns Pausanias leider verschwiegen ; 
wahrscheinlich galt sie als Amme und Pflegerin des Dionysos) mit 
drei Dionysosbildern, die nach den drei alten Gauorten benannt 
waren (Aroeus, Antheus, Mesateus), sich befanden. An der vom 
Marktplatze nach dem Meere führenden Strasse lag rechts ein 
Heiligthum des Dionysos Aesymnetes, weiter abwärts ein Heilig- 
thum der Soteria (wahrscheinlich der römischen Salus); am Hafen, 
dem zunächst Erzbilder des Ares und des Apollon und ein Akro- 
lith der Aphrodite aufgestellt waren, ein Tempel des Poseidon 
und zwei Heiligthümer der Aphrodite. Ferner zog sich am Meere 
ein Hain mit anmuthigen Spaziergängen und Tempeln (des Apollon 
und dei* Aphrodite) hin, an welchen ein Heiligthum der Demeter 
stiess ; vor dem Eingang zum Tempel derselben war eine heilige 
Quelle, gegen den Tempel hin von einer Mauer umschlossen , von 
der andern Seite durch Stufen zugänglich, an welcher sich Kranke 
vermittels eines Spiegels Orakel über den Ausgang ihrer Krank- 
heit holten : offenbar die noch jetzt mit einer gewissen Ehrfurcht 
betrachtete Quelle bei der verfallenen Kirche des heiligen Andreas 
südlich von der jetzigen Stadt, welche in ein überwölbtes Bassin, 



neben der aedes lovis auch die des Herakles als in gleicher Technik er- 
baut: die Lage dieses Herakleion, das nach Plut. Anton. 60 vom Blitze 
getroffen wurde, während Antonius sich in Paträ aufhielt, ist, da Pau- 
sanias desselben nicht gedenkt, nicht zu bestimmmen. 



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6. Achala. 329 

zu dem man auf vier Stufen hinabsteigt, gefasst ist. Auch zwei 
Heiligthumer des Sarapis standen in der Nähe jenes Ilaines. 
Endlich wird noch ein ^oberhalb', d. h. wohl nördlich von der 
Akropolis in der Nähe des nach Mesalis führenden Thores ge- 
legenes Ileiligthum des Asklepios erwähntJ) 

Als Pausanias Paträ besuchte, bestand in der Stadt jeden- 
falls schon eine christliche Gemeinde ; denn wenn auch die Legende, 
welche den Apostel Andreas, den Schutzheiligen der Stadt, hier 
unter dem Proconsul Aegeates, nachdem er eine zahlreiche christ- 
liche Gemeinde gestiftet, den Märtyrertod am Kreuz erleiden 
lässt,^) als unhistorisch bezeichnet werden muss, so ist es doch 
unzweifelhaft, dass die Stadt neben Korinth einer der ersten Aus- 
gangspunkte der Christianisirung der Halbinsel gewesen ist, eine 
Mission, die sie zum zweiten Male im 9. Jahrhundert an den in 
den Peloponnes eingedrungenen Slaven erfällte. Obschon im Jahre 
551 durch ein Erdbeben schwer heimgesucht,') blieb sie doch 
das ganze Mittelalter hindurch und in der neueren Zeit, unter der 
Herrschaft der Byzantiner wie der Franken,* der Venetia^ner wie der 
Türken, eine der festesten, volkreichsten und gewerbfleissigsten 
Städte Griechenlands. Im griechischen Befreiungskampfe pflanzte 
sie als eine der ersten, am 4. April 1821, das Kreuz als Zeichen 
der Unabhängigkeit auf, wofür sie nach wenigen Tagen durch 
völlige Einäscherung und Plünderung durch Jussuf, den Pascha 
vonEuboia, büssen musste (15. — 20. April).*) Aber sie erhob 
sich wieder aus ihrer Asche und ist jetzt der wichtigste Ilandels- 



^) Paus. c. 20, 6 ff. Meine tppograpliische Ansetzung der Gebäude 
am und in der Nähe des Marktes weicht von der von Curtius (Pel. I, S. 
443 f.) angenommenen besonders darin ab, dass ich die von Paus. c. 20, 
7 erwähnte ^ioSog od. ÖU^odog für verschieden halte von der odog ig td 
inl d-ockdöOTj tr^g noXsatg c. 21, 6. Dass die Stadt sich ostwärts über 
die Akropolis hinaus erstrecjct habe, scheint mir nach der Beschaffenheit 
des Terrains kaum denkbar: ich fasse daher vnlQ ti^v dxQonoXiv bei 
Paus. c. 21, 14 im Sinne von ^jenseit der Akropolis' auf. Darstellung 
des Hafens der Stadt auf römischen Kaisermünzen: vgl. Eckhel D. N. V. 
II, 1, p. 257. 

<) Vgl. n^d^sig xal nagxvQUyv zov ufCov dnoaxoXov 'Avdgiov in 
Acta apostolorum apocrypha ed. Tischendorf (Lips. 1851) p. 105 ss. 

8) Procop. de hello Goth. IV, 26 p. 695 ed. Dindorf. 

*) Vgl. Gervinus Geschichte des 19ten Jahrhunderts V, S. 187 u. 
190; Mendelssohn Bartholdy Geschichte Griechenlands von der Eroberung 
Konstantinopels bis auf unsere Tage I, S. 191 f. u. S. 197. 



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330 11. Peloponnesos. 

platz des wesllichen Griechenlands, neben Athen, Korfu undHermupo- 
lis auf Syra d^e volkreichste und bedeutendste Stadt des Königreichs. 
Die östliche Gränze des Gebiets von Paträ war in älterer 
Zeit der Kamm des Panacfaaikon, an der Küste die Landspitze 
Drepanon; die östh'chen Abhänge des Gebirges und der Küsten- 
säum vom Drepanon bis zur Mundung des Meganitas bildeten die 
Rhypike, das Gebiet der Stadt Rhypes (auch Rhypä und 
Arype geschrieben),^) das sich gegen Süden weit landeinwärts 
bis zum Gebiet von Tritäa erstreckte. Die Stadt, deren Bürger 
Myskellos als Gründer von Kroton in Unteritalien galt, gerieth 
frühzeitig in Verfall, vielleicht zum Theil in Folge von verhee- 
renden Naturereignissen,^) hauptsächlich aber wohl, weil weder 
die Bodenbeschaffenheit ihres Gebietes für den Ackerbau, noch 
die Küstengestaltung — die als Hafeliplatz benutzte Bucht Eri- 
neos (vgl. oben S. 313) war I72 Stunden gegen Nordwesten von 
der Stadt entfernt — für den Seeverkehr günstige Chancen dar- 
bot. In Folge dieses Verfalls bemächtigte sich wahrscheinlich 
die Nachbarstadt Aegion der Küstenstrecke derRhypike; im süd- 
lichsten Theile derselben aber behauptete sich Leontion, eine 
mitten im Gebirgslande an einem Seitenarme des oberen Selinus 
gelegene befestigte Ortschaft (von welcher noch Ruinen südlich 
vom Dorfe Guzumistra erhalten sind) als selbständiges Glied des 
Bundes, in welchem es die Stelle von Rhypes einnahm.^) Doch 
scheint dieser letztere Ort, dessen Stelle, nahe dem rechten Ufer 
des Tholopotamos genannten Baches, jetzt noch durch wirr durch- 
einanderliegende Steine bezeichnet wird, erst zur Zeit des 
Augustus gänzlich verödet zu sein, welcher die Reste der Be- 
wohner nach Paträ versetzte und den südlicheren Tbeil ihres 



*) 'Pvneg Herod. T, 146; Aeschyl. frg. 326 Dind.; Strab. p. 386 8.; 
Paus. c. 6, 1 u. ö.; *Pvnai od. *Pvnalri nach Steph. Byz. u. d. W.; 'jlgvnrj 
nach Steph. Bjz. p. 129, 11 Mein.; vgl. Meinekes Note u. Etym. M. p. 
150, ^5. 

') Auf solche scheint mir die Bezeichnung nsgavviag *Pvnccg in 
dem Anm. 1 angeführten Fragmente des Aeschylos hinzudeuten. 

^) Polyb. II, 41; für die Lage des Ortes vgl. dens. V, 94, dazu Leake 
Morea in p. 419 s.; Dodwell class. u. topogr. Reise II, 2, S. 347 d. 6. 
Ueb. Der Name Asovtiov ist wahrscheinlich auch bei Strab. p. 387 für 
Aev%xQOV (dessen Identität mit Leontion schon Pouillon-Boblaye Recher- 
ches p. 22 vermuthet hat) herzustellen. Ethnikon Jeovttavog ApoUo- 
nios bei Steph. Byz. p. 507, 16 ed. Mein.; Asovrijaiog Polyb. XXVI, 1. 



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6. Achaia. 33 jL 

Gebiets ebenso wie die Nachbarorte Tritäa und Pharä zum Ge- 
biete dieser Stadt zog , während die Kästenstrecke im Besitz von 
Aegion blieb J) 

Diese gegen 30 Stadien östlich von Rhypes auf der Stelle 
des jetzigen Vostiza gelegene Stadt war ursprunglich auf ein sehr 
unbedeutendes Gebiet — den schmalen Streifen zwischen den 
Flüssen Meiganitas und Selinus von der Küste bis zu dem 1613 
Meter hohen Berge Barbas, einer südöstlichen Verzweigung des 
Panachaikon — beschränkt, das sie allmälig in Folge des Ver- 
falles beziehendlich Unterganges ihrer beiden Nachbarstädte Rhypes 
und Helike gegen Vi^esten wie gegen Osten beträchtlich erwei- 
terte. Doch hatte sie frühzeitig trotz ihres beschränkten Ge- 
bietes eine grosse Bedeutung erlangt als religiöser und politischer 
Mittelpunkt des achäischen Bundes (vgl. oben S. 316), eine Stel- 
lung, die sie theils ihrer centralen Lage, iheils dem in ihr be- 
sonders eifrig gepflegten Zeuscult verdankte. Die alte Stadt 
zerfiel ebenso wie das jetzige Vostiza in zwei Hälften : eine obere, 
auf einer ganz aus bröckeligem Sandconglomerat bestehenden 
Anhöhe gelegene, und eine untere unmittelbar an der jetzt wie 
im Alterthum als Hafen dienenden Meeresbucht, welche gegen 
Osten wie gegen Westen durch dreieckige flache Landspitzen ge- 
schützt wird. Die Communication zwischen beiden Stadttheilen 
wird durch einen hohen gewölbten Gang vermittelt, der innerhalb 
des lockeren Terrains des Hügels auf die obere Fläche desselben 
emporführt, eine Anlage, für welche wahrscheinlich die Natur 
selbst durch eines der heftigen Erdbeben, welche in alter und 
neuerer Zeit die Stadt heimgesucht haben, ^) der Menschenhand 
vorgearbeitet hat. Diese Erdbeben sind auch die Ursache, dass, 
abgesehn von einigen plastischen Werken, welche von der Blüthe 
der Stadt in römischer Zeit Zeugniss geben, sich nur sehr wenige 



^) Paus, c 18, 7; c. 23, 4; Strab. p. 387, wo zu schreiben ist: t^v 
91 xoigccv ^PvnCSa %aXovfiivrjv ^a%ov Myisig nal Tlatgetg (statt ^a- 
Qts^g). Bei Scyl. Per. 42 wird *Pvnsg noch als Stadt erwähnt. 

*) Die bedeutendsten, welche speciell in Aegion (Vostiza) zerstörend 
wirkten , waren das vom Jahre 23^ n. Chr. (Tac. Ann. IV, 13 ; Sen. Quaest. 
nat. VI, 26), das vom 23. Aug. 1817 und das vom 26. Dec. 1861: vgl. I. 
Schmidt bei Wyse An excursion in the Peloponnesus II, p. 339 ss. — Lu- 
cret. VI, 586 verwechselt wahrscheinlich Aegium mit Bura. 



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332 11. Pelopoiinesos. 

und sehr unscheinbare Reste des alten Aegion erhalten haben ,^) 
80 dass wir für die Topographie desselben fast ausschliesslich aor 
die Beschreibung des Pausanias angewiesen sind. Dieser erwähnt, 
von Westen her kommend, zunächst eine noch ausserhalb der 
Stadt zu Ehren des Athleten Straton aus Alexandreia, der Olymp. 
178 (68 V. Chr.) in Olympia am gleichen Tage im Pankration 
und im Ringkampfe gesiegt hatte, errichtete Halle ;^) sodann, 
offenbar innerhalb der oberen Stadt, ein altes Heiligthum der 
Eileithyia und nicht weit davon ein Temenos des Asklepios; ferner 
Tempel der Athene und der Hera, das Theater mit einem be- 
nachbarten Heiligthum des Dionysos, und die Agora, an welcher 
ein Temenos des Zeus Soter, ein gemeinsamer Tempel des Apollon 
und der Artemis, ein der Artemis allein geweihtes Heiligthum und 
das Grab des Herolds Talthybios lagen. Am Strande, also Inder 
unteren Stadt, lagen nach seiner Angabe neben einander (jeden- 
falls in der Richtung von Westen nach Osten) die Heiligthumer 
der Aphrodite, des Poseidon, der Kora, des Zeus Homagyrios 
und der Demeter Panachäa , ausserhalb der Reihe, wahrscheinlich 
etwas weiter landeinwärts, ein Heiligthum der Soteria, deren 
Bild nur für das Cultpersonal sichtbar war.^) Von allen diesen 



*) Vgl. Leake Morea III, p. 186 ss.; Curtius Peloponuea I, 8. 461 f.; 
über einige neuerdings gefundene plastische Werke Conze u. Michaelis 
Annali XXXIII, p. 62 s.; Wyse a. a. O. p. 243 s. Von den bei Curtius 
erwähnten Grundmauern eines Gebäudes auf einem östlich von der jetzigen 
Stadt gelegenen Hügel, unter welchem sich mannshohe Gänge erstrecken 
von 3 Fuss Breite, theils im Quaderbau ausgeführt, theils in den Felsen 
gegraben, an den Seiten mit festem Stuck bekleidet, nebst flaschenför- 
migen Cisternen, durch welche sie mit dem oberen Gebäude in Verbin- 
dung gestanden haben, habe ich bei meinem Besuch der Stadt im Mai 
1854 keine Spur entdecken können. Ich fand auf einem in die Strandebene 
vorspringenden mit Korinthen bepflanzten Hügel östlich von der unteren, 
nördlich von der oberen Stadt ein einziges antikes Werkstück, das noch 
an seinem Platze zu stehn schien, und das Fragment einer uncanelirten 
Säule, aber keine Spur von unterirdischen Gängen; ausserdem bemerkte 
ich nur einen ganz niedrigen Hügel östlich von der oberen Stadt, auf 
welchem der Gottesacker und eine Kirche liegen, von antiken Resten aber 
sich gar Nichts vorfindet. 

*) Paus. c. 23, 5; vgl. Sexti Julii Africani 'Olvfiwidifoav dvayQafpij 
rec. I. Rutgers (Leyden 1862) p. 81 s. 

^) Paus. c. 23, 6 u. c. 24, 3. Die ebd. §. 4 erwähnten Eizbilder des 
jugendlichen Zeus und des jugendlichen Herakles, Werke des Ageladas, 



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6. Acliaia. 333 

lleiligthumern ist keine Spur erhalten; nur das reiclilich dem 
Strande entquellende Wasser, das Pausanias 9ls 'ebenso lieblich 
anzuschauen wie zu trinken' bezeichnet, ist der Unterstadt als 
unvergängliches Erbtheil geblieben: ein neben einer mächtigen 
uralten Platane, die sich unmittelbar am Meeresufer wie eine 
ehrwürdige Reliquie des Alterthums erhalten hat, errichteter 
Brunnen , aus dessen 16 Röhren eine Fülle des frischesten , rein- 
sten Wassers hervorströmt, bildet den Mittelpunkt des öffentlichen 
Lebens der Bewohner des heutigen Vostiza. Im Meere sieht 
man noch dem Ufer entlang Steinblöcke von dem antiken Molo. 
Oestlich von der Unterstadt zog sich das Homarion oder Ha- 
maVion hin, ein dem Zeus Homarios (offenbar Nebenform zu 
Homagyrios) geweihter Hain mit einem Altar der Hestia als Mittel- 
punkt, worin nach allem Brauche die achäische Bundesversamm- 
lung zusammentrat.^) 

Der Fluss Selinus trennte in älteren Zeiten das Gebiet von 
Aegion von dem von Helike, einer vierzig Stadien östlich von 
Aegion, zwölf Stadien von der Küste entfernten Stadt, welche 
mit ihrem in einem Hain unmittelbar am Meere gelegenen Hei- 
llglbum des Poseidon Helikonios den religiösen und politischen 
Mittelpunkt des Aegialos bildete, solange derselbe im Besitz der 
lonier war, und diesen, nachdem sie von den als Eroberer in ihr 
Land eingedrungenen Achäern besiegt worden waren, als letzte 
Zufluchtsstätte und Ausgangspunkt für diejenigen, welche die Aus- 
wanderung der Unterwerfung unter die Herrschaft der Eroberer 
vorzogen, diente. Die Stadt bestand dann fort als Glied des 



lassen sich, da sie in den Häusern der je auf ein Jahr gewUhlten Priester 
aufbewahrt wurden, topographisch nicht fixiren. Auch die Sage von der 
Ernährung des Zeuskindes durch eine Ziege war in Aegion localisirt: 
Strab. p. 387; desgleichen die offenbar aus Thessalien stammende Sage 
von einer Jungfrau Phthia, welcher Zeus in Gestalt einer Taube beige- 
wohnt habe: Athen. IX, p. 396*; Aelian. Var. bist. I, 15. — Berühmt 
waren die Flötenspielerinnen von Aegion nach Antiphanes bei Athen. I, 
p. 27<*. — Spottverse auf die Aegieer, von anderen auf die Megarer an- 
gewandt: Suid. I, 2 p. 11 u. II, 2 p. 1305 ed. Bernhardj; Zenob. Prov. 
I, 48 u. a. 

*> 'O(icc(fiov Polyb. V, 93 (vgl. II, 39); 'Aiidgiov Strab. p. 385 u. 
387. Dass der Hain ausserhalb der Stadt nach Helike zu lag, also nicht 
mit dem Heiligihum des Zeus Homagyrios identisch war, geht aus der 
zuletzt angeführten Stelle hervor. 



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334 II. Peloponnesos. 

älteren acfaSischen Bundes und das Heiliglhum genoss auch ferner- 
hin Verehrung, besonders von Seiten der lonier Kleinasiens, 
welche ihr Heillgthum des Poseidon Helikonios auf dem Vorge- 
birge Mykaie, das sogenannte Panionion, als ein Filial desselben 
betrachteten. Aber im Jahre 373 v. Chr. (Ol. 101, 4) wurde 
in Folge eines furchtbaren Erbebens, das auch die Nachbarstadt 
Bura zerstörte, das Heiligthum und die Stadt sdbst mit allen 
ihren Bewohnern — die Katastrophe trat ganz plötzlich, zur 
Nachtzeit ein — von den wild empörten Meereswogen, die ein 
breites Stück des flachen Uferlandes wegrissen, verschlungen und 
verschwand so spurlos von der Erde; nur bei ruhigem Wetter 
glaubte man noch nach Jahrhunderten unter der Wasserfläche die 
Trümmer der Stadt zu erkennen und die Fischer behaupteten, 
dass ihre Netze bisweilen an der auf dem Meeresboden aufrecht 
stehenden Erzstatue des Poseidon , die einen Hippokampen in der 
Hand trug, hängen blieben. Der fromme Glaube der Hellenen 
betrachtete dieses Unglück als eine Ofi'enbarung des Zornes der 
Gottheit über einen Frevel der Bewohner der Stadt, «die nach 
der einen Tradition Schutzflehende aus dem Heiligthum vertrieben 
und getödtetT nach einer anderen Version das Gesuch der klein- 
asiatischen lonier um die Auslieferung des Cultbildes oder wenig- 
stens um die Erlaubniss, ein getreues Abbild davon Behufs der 
Weihung desselben im Panionion zu nehmen, trotz der Bewil- 
ligung von Seiten der achäischen Bundesversammlung, abge- 
schlagen hatten.') Von dem Gebiete der Stadt wurde die auch 
fernerhin mit dem Namen Helike bezeichnete Küstenstrecke ebenso 
wie das Küstenland der ehemaligen Rhypike von den Aegieern in 
Besitz genommen,^) das Hochland aber bis zur arkadischen Gränze 
blieb im Besitz von Keryneia, einer Stadt, die ursprünglich 
nur eine Bergfeste der Helikeer, doch frühzeitig, wahrschein- 
lich in Folge der Aufnahme eines Theiles der vertriebenen My- 
kenäer, zu solcher Bedeutung gelangte, dass sie als selbständiges 
Bundesglied an die Stelle des von seinen Bewohnern verlassenen 
Aegä trat. Zur Zeit der Stiftung des neuen achäischen Bundes 



«) 11. B, 675; 0, 203; Theoer. Id. XXV, 165; Herod. I, 145; Strab. 
p. 384 s.; Paus. c. 24, 6 ff.; Diod. XV, 48 f.; Aelian. de an. XI, 19; 
Seneca Quaest. nat. VI, 23; 26; VII, 5; 16; Ovid. Met. XV, 293 ff.; Plin. 
N. h. II, 92, 206. 

«) Strab. p. 387; Paus. c. 26, 4. 



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6. Achaia. 335 

wurde sie von einem Tyrannen Iseas beherrscht, der nach dem 
Anschluss der Nachbarstädte Aegion und Bura an den Bund (im 
.Jahre 276) seine Herrschaft freiwillig niederlegte und die Stadt 
dem Bunde zuführte» an dessen Spitze 20 Jalire später einer 
ihrer Bürger, der den römischen Namen Marcus führte, als erster 
Einzelstratege trat. Noch Tansanias besuchte die Stadt, indem 
er von der in der Strandebene hin führenden Heerstrasse nach 
rechts, d. h. in südlicher Richtung auf die Berge stieg, und fand 
dort ein der Sage nach von Orestes gegründetes Heiligthum der 
Eumeniden, welches nicht jedermann ohne Weiteres betreten 
durfte, da schuldbefleckte und gottlose Leute nach der Legende 
beim Eintritt in dasselbe von Raserei ergriffen wurden. In der 
Umgebung der Stadt, von welcher noch jetzt Ruinen oberhalb 
des Dorfes Rhizomylo, eine starke Stunde von der Küste, vor- 
handen sind, wurde eine besondere Sorte Wein gebaut, dessen 
Genuss Fehlgeburten verursachen sollte.^) 

Oeslllch vom Kerynites erstreckte sich bis zu dem jetzt Dia- 
kophto genannten Bache das Gebiet von Bura, das ungefähr in 
der Mitte seiner west-östlichen Breite seiner ganzen Länge nach 
von dem Buraikos durchflössen wird. Mit Ausnahme einer ziem- 
lich schmalen Strandebene zu beiden Seiten der Mündung dieses 
Baches ist es reines Bergland, das durchgängig einen an arka- 
dische Landschaften erinnernden grossartigen, zum Theil wilden 
Charakter trägt. Der Bach fliesst vom nordöstlichen Ausgange 
der Ebene von feilavryta an in einer engen, tief eingeschnittenen 
Schlucht, aus welcher man 2^/^ Stunden nördlich von Kalavryta 
auf vielfach gewundenem Pfade ostwärts emporsteigt zu einer 
mächtigen, von einer steilen gegen 600 Fuss hohen Felsenwand 
überragten Höhle, in weiche das grösste und reichste Kloster des 
Königreichs Hellas, Megaspiläon (fieya 67tr^Xaiov 'die grosse 
Höhle'), in der" Weise eingebaut ist, dass die drei untersten 
Stockwerke den Raum bis zur Decke der Höhle einnehmen, die 
höheren darüber wie Schwalbennester an die glatte Felswand 
angeheftet sind. Das unterste Stockwerk, dessen colossal dicke 
Aussenwand den ganzen Bau stützt, dient zu Kellern und Nieder- 
lagen; im zweiten, welches aber dem zum rechten Seitenthore 



Poljb. II, 41 u. 43; Strab. p. 387; Paus. c. 6, 1; c. 25, 6 ff.; 
Theophrast. Ilist. pl. IX, 18, 11; über die Ruinen Pouillon-Boblaye p. 25 s. 



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386 H. Peloponncsos. 

in das Kloster Eintretenden als Erdgescfaoss erscheint, steht die 
Kirche mit einem hochverehrten, sehr roh gearbeiteten Marien- 
bilde (wie es scheint einem bemalten llolzschnitzwerke), welchem, 
als ein Werk des Evangelisten Lukas gilt; daneben sprudelt eine 
frische Quelle, bei welcher dieses Muttergottesbild durch, eine 
Jungfrau Euphrosyne gefunden worden sein soll. An der glatten 
Felswand über dem Kloster, auf deren Höhe eine Kapelle mit 
Wohnungen für Mönche, die ein AnacHoretenleben führen wollen, 
und eine Art Wartthurm stehen, zeigen die Mönche drei Kreuze; 
aber es gehört viel Phantasie und guter Wille dazu, um solche 
in einigen formlosen Rissen des Felsens zu erkennen. Der ganze 
Bergabhang unterhalb des Klosters ist durch die Thätigkeit der 
Mönche in reichlich grünende, terrassenförmige Gärtchen umge- 
wandelt worden. ^) 

Steigt man von dem Kloster, nachdem man den Buraikos 
überschritten, in nördlicher Richtung auf den das linke Ufer des 
Baches überragenden Bergrücken, von welchem man eine herr- 
liche Aussicht auf den korinthischen Golf und das ihn im Norden 
begränzende Festland geniesst, empor, so gelangt man nach etwa 
drei Stunden an einen gegen Westen in ganz schroffen Fels- 
wänden, unter welchen Wasser in reicher Fülle hervorquillt, ab- 
fallenden Berg, welcher Von den Anwohnern Idra (d. i. wohl 
'^TÖQa) genannt wird. An der Südseite und einem Theile der 
Westseite^ des Berges, bis zu den Quellen, ziehen sich um eine 
Kirche des h. Konstantinos, welche die Stelle eines alten Tleilig- 
thums einzunehmen scheint^ unscheinbare aber ausgedehnte Mauer- 
reste und Fundamente antiker Gebäude hin, untermengt mit 
grossen Felsblöcken, welche jedenfalls in Folge von Erdbeben 
von der Höhe des Berges herabgestürzt sind , wie überhaupt die 
ganze Gegend ein eigenthümlich zerrissenes und zerklüftetes Aus- 
sehn hat Offenbar ist dies die Stätte von Bura, welches gleich- 
zeitig mit Helike durch Erdbeben völlig zerstört, aber von dem 
der Zerstörung entgangenen Theile seiner Bewohner wieder auf- 
gebaut, im Jahre 275 nach Ermordung seines Tyrannen sich dem 
neuen achäischen Bunde anschloss und noch von Pausanias be- 



') Vgl. über das wohl von jedem Reisenden in Griechenland besuchte 
Kloster besonders Vischer Erinnerungen S. 481 £f.; R. Schillbach Zwei 
Reisebilder aus Arkadien S. 25 ff. u. Wyse An excursion in tbe Pelopon- 
ne^us II p. 188 ss. 



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6. Acbaia. 337 

sucht wurde, der darin einen Tempel der Demeter, einen ge- 
meinsamen Tempel der Aphrodite und des Dionysos, einen Tempel 
der Eileithyia und ein Heiligthum der Isis erwähnt. Da die unter 
der Felswand hervordringende Quelle im Alterthum den Namen 
Sybaris führte, so werden wir annehmen dürfen, dass haupt- 
sächlich Buräer die Gründer der gleichnamigen Stadt Unleritaliens 
gewesen sind.^) 

Ungefähr eine halbe Stunde nordwestlich von Bura an dem 
nach der Strandebene hinabführenden Wege, nahe dem rechten 
Ufer des Kerynites, ßnden sich zwischen einigen neuern Häusern 
wiederum Ueberreste einer antiken Ortschaft, besonders eine 
Mauer, die man noch gegen 100 Schritt weit in der Höhe von 
ein bis zwei Steinlagen verfolgen kann: wahrscheinlich Ueberreste 
eines zur Zeit des Tansanias (der auf dem Weg'e von Hclike nach . 
Bura hier vorübergekommen sein muss) bereits zerstörten Demos 
der Buräer. ^j In gleicher Entfernung gegen Nordosten von Bura 
in der Nähe eines jetzt Trupäs ('die Löcher') genannten, dem 
Kloster Megaspiläon gehörigen Gehöftes bemerkt man in einer 
Felswand neben einander drei Grotten von massigem Umfang mit 
Nischen zur Aufstellung von Weihgeschenken im Innern und einem 
aus dem Felsen gearbeiteten Kopfe über dem Eingange der mitt- 
leren; einige Vertiefungen in der Felswand, die offenbar als 
Widerlager für Balken dienten, zeigen, dass vor den Grotten 
sich ein Vorbau erhob, der als eine Art Eingangshalle zu be- 
trachten ist. Die ganze Anlage war ein Heiligthum des Herakles, 
dessen Statue, unter Lebensgrösse, in der mittleren Grotte auf- 
gestellt war; daneben lagen Knöchel, von denen man vier nach 
einem Gebet an Herakles auf einen bereitstehenden Tisch warf 
und so mit Hülfe einer erklärenden Tafel, welche die Bedeutung 
jedes einzelnen Wurfes angab ^ sich Orakel holte. ^) 

Die östliche Nachbarin Buras, die am Krathisflusse nahe der 
Mündung desselben — etwa bei dem jetzigen Khan von Akrata; 



«) Polyb. n, 41; Strab. I, p. 54; VIII p. 385 s.; Paus. c. 25, 8 f.; 
Ptol. III, 16, 15; Steph. Byz. u. Bovga. 

') Die modernen Häuser wurden mir tu %aXvßia tijg Mufiovaiäg 
genannt; sie liegen aber nicht an der auf der französischen Karte mit 
diesem Namen bezeiclmeten Stelle, sondern beträchtlich weiter nördlich. 

'*) Paus, c 25, 10; vgl. die Abbildung der Felsfa^ade Exp^d. de Moree 
III pL 84, 1. 



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338 * 11. Peloponnesos. 

Ruineo sind freilich nicht mehr zu erkennen — gelegene Stadt 
Aega oder Aegä war zur ionischen Zeit bedeutend als zweite 
IIaupt<;tätte des Poseidoncultus neben Helike; unter achäischer 
Herrschaft kam sie mehr und mehr zurück, so dass endlich 
— etwa in der Zeit Alexanders d^s Grossen — der schwache 
Ueberrest der Bevölkerung nach Aegira, der östlichen Nach- 
barstadt, übersiedelte und die Stätte von Aegä seitdem verödet 
lag; das Gebiet war um den Beginn unserer Zeitrechnung im 
Besitz von Aegion.^) 

Etwa 30 Stadien östlich vom Krathis, 'also in der Nähe des 
Baches Vlogokitikos, fand Pausanias ein von den Umwohnern Gäos 
(richtiger wohl Gäon) genanntes Ileiligthum der ^ breitbrüstigen 
Erdgöttin'. ^) Etwas weiter östlich, an der jetzt Mavra Litharia 
(* die schwarzen Steine') genannten Bucht, lag der Hafenplatz von 
Aegira, der weder bemerkenswerthe Gebäude aufzuweisen hatte, 
noch mit einem besonderen Namen bezeichnet wurde; doch darf 
man vermuthen, dass ihm ursprünglich der wahrscheinlich von 
der Schwarzpappel [atysLQog) herzuleitende Name Aegira zukam, 
während die nicht ganz eine halbe Stunde oberhalb der Küste 
auf einer steilen Anhöhe, dem nördlichsten Vorsprunge des jetzt 
Evrostina genannten Bergzuges (höchster Gipfel 1164 Meter), ge- 
legene Sladt wegen dieser ihrer Lage von den loniern Hype- 
resia, von den Achäern Hyperasia genannt wurde, ein Name, 
den sie erst nach Olympiade 23 mit Aegira vertauschte.') Sie 
nahm zwei terrassenförmige Absätze der Anhöhe ein: einen vor- 



«) n. e, 203; Herod. I, 145; Strab. p. 386 ss.; Paus. c. 26, 12; VIU, 
15, 9. Für die Zeit der Verödung der Stadt ist beachtenswerth, dass 
dieselbe noch in dem um 338 v. Chr. verfassten Periplus des sog. Skjlax 
(§. 42) erwähnt wird. 

«) Paus. c. 26, 13, wo die Codd. 6 rai:og geben; vgl. V, 14, 10. 

*) Dies geht daraus hervor, dass im Verzeichniss der Ol^'mpioniken 
Ol. 23 ^Ixägiog ' Tnsgaaisvs als Sieger im Stadion aufgeführt wird: s. 
S. lulii Africani *OXv(inidd<ov avaygatpjj reo. I. Rutgers p. 8; vgl. Steph. 
Byz. u. Aty stga, 'Tnsgaa^a u. ^Tnsgricla; Paus. c. 26, 1 ff. Die von 
diesem mitgetheilte Tradition über die Entstehung des Namens Aegeira 
ist eine an den Cult der Artemis Agrotera sich knüpfende Legende. Die 
Entfernung der Stadt vom Meere wird von Polyb. IV, 67 richtig auf 7 
Stadien (1200 Meter nach Pouillon-Boblaye Recherches p. 27) angegeben: 
da nach Paus. a. a. O. der Weg vom ijtivsiov nach der Oberstadt 12 
Stadien betrug, so scheint der Landungsplatz nicht direct nördlich von 



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6. Achjia. 339 

deren, unmittelbar über der Strandebene gelegenen, und einen 
höheren, durch einen unbedeutenden Abhang, aber keine Zwi- 
schenmauer von jenem getrennten , welcher die Akropolis und ein 
Heiligthum des Zeus mit einem Sitzbilde dieses Gottes aus pen- 
telischem Marmor (einem Werke des Atheners Eukleides) und 
einem Goldelfenbeinbilde der Athene trug. Ausserdem erwähnt 
Pausanias einen Tempel der Artemis mit einem, neueren Bilde 
dieser Göttin und einem alterthümlichen der Iphigeneia (d. h. 
der Artemis Iphigeneia); einen sehr alten Tempel des Apollon 
mit alterthümlichen Sculpturen in den Giebelfeldern und einem 
desgleichen Colossalbilde des Gottes, welches er für ein Werk 
eines phliasischen Künstlers Laphaes hält; ferner Tempel des 
Asklepios, des Sarapis und der Isis, der (Aphrodite) Urania, der 
Syrischen Göttin; endlich eine Capelie, worin Statuen der Tyche 
und des Eros und eine Familiengruppe — Vater, Schwestern und 
Brüder um einen im Kampfe gefallenen Jüngling klagend — standen. 
Von den meisten dieser Gebäude mögen in dem ausgedehnten, aber 
noch nicht ausreichend untersuchten Ruinencomplex , welcher 
jetzt den Namen Paläokastro trägt, Ueberreste vorhanden sein. ^) 
Von der Akropolis aus führte ein 40 Stadien langer, steiler 
Bergpfad nach Phelloö, einem zum Gebiet von Aegira gehörigen 
Städtchen, welches in einer äusserst wasserreichen Gegend zwi- 
schen Weingärten, von wildreichen Eichwaldüngen umgeben, lag 
und Heiligthümer des Dionysos und der Artemis besass. In der 
Strandebene stand zur Rechten der vom Hafenplatze ostwärts 
fuhrenden Strasse ein ebenfalls noch den Aegiraten gehöriges Hei- 
ligthum der Artemis Agrotera. ^) 



der Stadt, sondern etwas weiter Östlich, i^n dem speciell tä (lav^a Xi- 
d-ccgia genannten Platze , wo Leake (Morea HI p. 386 s.) einige antike 
Beste vorfand, gelegen zu haben. Die Münzen mit der Aufschrift 
AiriPATAN (Eckhel D. N. V. H, 1, p. 634) bezeugen Atyiga als officielle 
Schreibung: vgl. Etym. M. p. 28, 89. 

^) Paus. c. 26, 4 flf.; dazu Polyb. II, 67 f., wo die Lage der Stadt 
in prägnanten Zügen angegeben, von einzelnen Oertlichkeiten das von 
Aegion her führende Stadtthor, die jedenfalls auf dem unteren Absätze 
gelegene dyoQcc u. die ax^a, welche dxBCxiatog war (natürlich nur an 
der Seite gegen die übrige Stadt) erwähnt sind. Ueber die Ruinen vgl. 
Pouillon-Boblaye Recherches p. 27; Curtius Pel. I, S. 476. 

') Paus. c. 26, 10 f. Nach Leake Morea III p. 389 sollen einige 
Reste von Phelloe am Wege von Vlogoka nach dem über dem rechten 



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340 IL Peloponiiesos. 

Die Ostgränze der Aegiratis bildete wahrscheialich der Bach 
von Zakoli; denn das über dem rechten Ufer desselben aufstei- 
gende Chelydoreagebirge gehörte zu seinem grössten Theile be- 
reits zum Gebiete von Pellene oder Pellana, dessen Gränzen 
hier mit denen der arkadischen Pheneatis zusammensliessenJ) 
Seit der politischen Sonderung Sikyoris vom Aegialos' die öst- 
lichste Stadt der Landschaft, bewohnt von einer kräftigen, tapferen 
Bevölkerung, die ausser Viehzucht einen besonderen Industrie- 
zweig, die Fabrikation dichter Wollenzeuge zu Mänteln, mit 
Erfolg betrieb, fand Pellene in seiner Lage wie in seinem Selbst- 
gefühl Veranlassung, sich von den übrigen Achäern, als dieselben 
mehr und mehr in politische Ohnmacht versanken, zu trennen 
imd sich an seine arkadischen Nachbarn anzuschliessen , mit 
welchen es gleich bei Beginn des peloponnesischen Krieges, als 
die Achäer noch neutral blieben, auf die Seite Spartas trat» dem 
es auch im korinthischen nnd thebanischen Kriege ein treuer 
Bundesgenosse blieb. ^) Mit Hülfe Alexanders des Grossen be- 
mächtigte sich der Bingkämpfer Chäron, der viermal in Olympia 
gesiegt hatte, der Herrschaft über die Stadt, weshalb sein Name 
bei den Bürgern derselben für alle Zeiten geächtet war. Als Glied 
des neuen achäischen Bundes wurde sie im Jahre 224 vom König 
Kleomenes durch einen Handstreich erobert, im Jahre 221 ebenso 
von den Aetolern, die aber durch Aratos sogleich wieder aus der 



Ufer des nach ihm benannten Baches liegenden stattlichen Dorfes Zakoli 
erhalten sein. 

«) Paus. VIII, 17, 5: vgl. ebd. c. 15, 8 u. oben S. 183 u. 201. ÜBXXiivTi 
ist jedenfalls die ionische, nslXava^ was auch auf älteren Münzen er- 
scheint (vgl. Curtius Pel. I, S. 493), die achäische Form. Steph. Byz. u. 
TlBlltlvri bezeugt auch die Form üelXiva. Schrift des Dikäarchos FJsX- 
XrivaCmv noXixkiai Cic. ad Att. II, 2, 2.. 

') Thuk. II» 9 (über den Anschluss an Arkadien s. oben S. 189, Anm. 1); 
Xen. Hell. IV, 2, 20; VI, 5, 29; VII, 1, 16 u. ö. Fib- die naXriVi%al 
xXatvcii, s. die Zeugnisse bei H. BlUmner Die gewerbliche Thätigkelt der 
Völker des klassischen Alterthoms S. 84 f. u. bei B. Büchsenschütz Die 
Hauptstätten des Gewerbfleisses im klassischen Älterthum S. 72 f. Nach 
Strabon p. 386 war dieser von Pausanias nicht mehr erwähnte Industrie- 
zweig zu seiner Zeit aus der Stadt verschwunden, blühte aber noch in 
einer ebenfalls Pellene genannten, zwischen der Stadt und Aegion (richtiger 
wohl Aegira) gelegenen xoo^t^ : diese ist nach Leakes Vermuthung (Moreft 
III p. 389 s.) identisch mit dem von Pausanias erwähnten Phelloe. 



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6. Achaia. 341 

Stadt hinausgeworfen wurden, ein Ereigniss, welches durch ein 
Gemälde des jüngeren Timanlhes verewigt war. ^) 

Die Stadt lag 60 Stadien oberhalb der Küste auf einer nach 
dem rechten Ufer des Baches Krios steil abfallenden Hochfläche, 
in deren Mitte sich ein kahler und schroffer Felsrücken in der 
Richtung von Norden nach Süden hinzieht: dieser, selbst unbe- 
wohnt (nur auf dem höchsten Punkte desselben finden sich noch 
Reste einer Befestigung von geringem Umfang und ein Stück 
einer canelirten dorischen Säule, welches auf das Vorhandensein 
eines Tempels an dieser Stelle schliessen lässt), trennte die Stadt 
in zwei Hälften, welche, an Umfang verschieden, wa)irscheinlich 
jede von einer besonderen Mauer, die sich bis zu dem Fels- 
rücken hinzog, umgeben waren. An beide Hälften schlössen sich 
Vorstädte an: die östliche scheint bis an die Stelle des gerade 
über dem Abhänge der Hochfläche nach dem Thale des Trikkala- 
flusses (des Sythas) gelegenen jetzigen Dorfes Zugra gereicht zu 
haben. Noch unterhalb dieses Dorfes, an dem aus dem Fluss- 
Ihale nach der Stadt emporführenden Wege, stand ein Tempel 
der Athena, deren Goldelfenbeinbild als ein Jugendwerk des Phei- 
dias galt; oberhalb desselben, wahrscheinlich in der östlichen 
Vorstadt, ein mit einer Mauer umgebener Hain der Artemis So- 
teira, der nur von den aus den vornehmsten Familien der Stadt 
gewählten Priestern betreten werden durfte, wie auch der An- 
blick des Cultbildes der Göttin nicht nur die Menschen mit Ent- 
setzen erfüllen, sondern sogar für das Leben der Pflanzenwelt 
tödtlich sein sollte. Diesem Hain gegenüber stand ein Heilig- 
thum des Dionysos Lampter, welchem ein Fest Lampteria mit 
einem Fackelzuge in das Heiligthum und Trinkgelagen in der 
ganzen Stadt gefeiert wurde. In dem östlichen Stadttheile, auf 
dessen Stelle noch Reste canelirter dorischer Säulen und eines 
dorischen Frieses erhalten sind, müssen wir die von Pausanias 
erwähnten Tempel des Apollon Theoxenios (dem zu Ehren Theo- 
xenia genannte Wettkämpfe abgehalten wurden) und der Artemis, 
so wie die Agora mit einem von einer Cisterne gespeisten Brunnen 
— das Trinkwasser wurde aus den unterhalb der Stadt entsprin- 

^) Paus. c. 27, 7; Demosth. nBgl tmv fCQog UXi^ccvdgov cw&ri-Kmv 
p. 214. — Polyb. U, 52; IV, 8; Plut. Cleomen. 17; Arat. 31 f.; 39; 
Polyän. VIII, 59. 

BUBBIAN, OEOOR. 11. 23 



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342 IL Peloponnesos. 

genden, 'Glykeiä' d. i. die Süssen genannten Quellen geholt — , 
in dem kleineren westliclien das Heiligthum der Eileithyia suchen. 
Das hauptsächlich für die Uebungen der Epheben bestimmte 
Gymnasion scheint zwischen beiden Stadttheilen gelegen zu haben, 
sei es nördlich von der Akropolis, vfo sich zwischen anderen 
antiken Resten die Ruine einds Rundgebäudes von 32 engl. Fuss 
Durchmesser findet, sei es südlich, wo man noch Fundamente von 
Gebäuden und glatte Säulenstümpfe bemerkt. Unterhalb des Gym- 
nasions lag das Poseidion , in älteren Zeiten eine Aussengemeinde 
der Pelleneer, die sich offenbar um ein Heiligthum des Poseidon 
herum angesiedelt hatte, zu Pausanias Zeit ein 6der Platz, der 
aber immer noch als dem Poseidon heilig betrachtet wurde. ') 

Der Hafenort von Pellene, Aristonautä (oder wohl rich- 
tiger Argonautä, da die Tradition den Namen mit der Argo- 
nautenfahrt in Verbindung brachte), lag 120 Stadien von Aegira, 
also an der Mündung des Sythas, des Gränzflusses gegen Sikyon, 
in der Gegend des jetzigen Xylokastro. Zum Schutz desselben 
und der von da im engen Thale des Sythas nach Pellene hinauf 
fülirenden Strasse diente wahrscheinlich das Castell Oluros, das 
im Jahre 365 v. Chr., während die Truppen der Pelleneer in 
Elis standen, von den Arkadern besetzt, von den schleunigst 
heimgekehrten Pelleneern aber nach hartem Kampfe wieder ge- 
nommen wurde; später scheint es bis auf den Grund zerstört 
worden zu sein, da Pausanias es nicht erwähnt. Statt desisen 
nennt derselbe an der Strasse von Aegira nach Pellene ein den 
Sikyoniern unterthäniges , von diesen zerstörtes Städtchen Do- 



*) Paus. c. 27, 1 — 8 (wo leider der Eintritt aus der östlichen Vor- 
stadt in die Stadt selbst nicht bestimmt markirt ist) ; dazu die Beschrei- 
bung der Ruinen bei Leake Morea III, p. 214 ss. Die nqodaxBia und das 
Heiligthum der Artemis [Soteira] erwähnt Plut. Arat. 31 f. Mit den 
Sso^ivia , an welchen nach Pausanias nur Einheimische Theil nahmen 
und bei welchen Geldpreise ausgesetzt wurden , werden von anderen Bericht- " 
erstettem (s. schol. Find. Olymp. VII, 156; Olymp. IX, 143 u. 146; Nem. 
X, 82) die '^Eq^i^aia, bei welchen Il6Xlrivi%al %latvai als Siegespreise 
für Einheimische wie Fremde dienten, in Verbindung gesetzt. Wahr- 
scheinlich war also dieser schon um den Beginn unserer Zeitrechnung 
nicht mehr gebräuchliche Agon (Strab. p. 386 sagt: at IlsXJLTjvixal zlciC- 
fff^, ag xal ad'Xa itid'saav iv'toCg dymai) nur ein einzelner Bestand- 
theil des grossen Theoxenienfestes , von dem zu Pausanias Zeit nur noch 
verkümmerte Reste fortbestanden. 



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Achaia. 343 

nussa, das er, schwerlich mit Recht, mit dem homerischen 
Gonoessa identificirt : als Stätte desselben betrachtet man mit 
grosser Wahrscheinlichkeit den jetzt Koryphi (d. i. Gipfel) genann- 
ten vereinzelten Berg am rechten Ufer des Krios, dessen 732 
Meter hoher Gipfel eine verfallene Kirche der Pahagia Spilio- 
tissa trägt.*) 

Ungefähr 60 Stadien von Pellene — offenbar südwärts, an 
den Wasser- und baiimreicheu Abhängen des Kyllenegebirges in 
der Gegend des jetzigen in drei Quartieren nach einander auf- 
steigenden Städtchens Trikkala — lag das Mysäon, ein Ueilig- 
thum der Demeter Mysia mit einem Ilain von Bäumen aller Art 
und reichen Quellen, und nicht weit davon ein Kyros genannter 
Kurort, ein Heiligthum des Asklepios, dessen Bild an der stärk- 
sten der hier emporsprudelnden Quellen aufgestellt war. 2) 

Noch höher hinauf am Kyliene, dessen Rucken wahrschein- 
lich die Gränzscheide zwischen der Pellenis und der arkadischen 
Stymphalia bildete, lag vielleicht Tromileia, eine achäische 
Stadt, in welcher ein nach ihr benannter vortrefflicher Ziegen- 
käse bereitet wurde.*) 



^) '^^lüTOVcivtcci (wofür Schubert Bruchstücke zu einer Methodologie 
der diplomatischen Kritik S. 56 f. mit Wahrscheinlichkeit *AQyovavtai 
vermuthet) Paus. II, 12, 2 u. Vn, 26, 14. ''OlovQog Xen. HeU. VII, 4, 
17 f.; Pompon. Mela Ii; 53; Plin. N. h. IV, 5, 12; Steph. Byz. u. "OXov^oq. 
In der Ansetzung des Ortes bin ic& Leake (Morea III p. 224) gefolgt; 
doch ist es möglich, dass derselbe mit dem nur von Paus. VII, 26, 13 
erwähnten Jovovüacc (vgl. oben S. 32, Anm. 1) identisch, also vielmehr 
auf dem Berge Koryphi gelegen war. 

*) Paus. c. 27, 9 ff. Ueber die Demeter Mysia vgl! oben S. 67; 
über Trikkala (aus dessen Namen Curtius Pel. I, S. 484 nicht ohne 
Wahrscheinlichkeit auf ein antikes Trikka schliesst) Leake Morea III, 
p. 221 s. 

8) Athen. XIV p. 658 b. 




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Die EBiTKi: vQK 
MAIVTINEIA üiro TRIPOUTZA. 



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ßf^Utmkina 




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Tal. ML. 



Maasstahoon S%Ö4 pfr Meitr. 



ris. J^^. Manrr. 

.36. Haus. 

37. CUf ferne, 
nisehe. S8. Tempel, 

e. 39. deAffl. 

40. Ringmauer nu Thiirmai . 

4f. ffäuscr. 



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GEOGRAPHIE 



VON 



GRIECHENLAND 



VON 



CONRAD BÜBSIAN. 



ZWEITER BAND 
FELOFONNESOS UND INSELN. 



MIT 8 LlTIIOGRArnittTEN TAFKLN 
UND EINER VON H. LANQK GEZEICHNETEN KARTE. 



LEIPZIG, 

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER. 

1872. 



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GEOGRAPHIE 



VON 



GRIECHENLAND 



VON 



CONRAD BÜBSIAN. 



ZWEITER BAND 
FELOPONNESOS UND INSELN. 

DRITTE ABTHEILUNG 

DIE INSELWELT. 
MIT EIlfEB VON H. LANGE GEZEICHNETEN KARTE. 



LEIPZIG, 

DRÜCK UND VERLAG VON B. G. TEÜBNER. 
1872. 



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Nachwort. 



So wie ich vor mehr als 10 Jahren den ersten Band 
dieses Werkes ohne Vorwort in die Welt gesandt habe, in 
der Hofl&iung, dass dasselbe durch sich selbst sich und seinem 
Verfasser Freunde unter den Fachgenosseii erwerben werde, 
so würde ich auch dieser letzten Abtheilung, mit welcher 
das Werk in der von Anfang an beabsichtigten imd mir 
trotz mehrfachen Widerspruchs auch jetzt noch völlig berecji- 
tigt erscheinenden Ausdehnung beziehendlich Beschränkung 
auf das jetzige Königreich Hellas nebst den Landschaften Epirus 
und Thessalien und der Insel Kreta vollendet vorliegt, keinen 
besonderen Reisepass mit auf den Weg geben, wenn nicht 
an ihrem unscheinbaren aber nothwendigen Begleiter, dem 
Namenregister, ein besonderes Kennzeichen zu signalisiren 
wäre. Dasselbe enthält nämlich nicht nur sämmtliche in 
dem Buche erwähnte Ortsnamen, antike wie moderne, sondern 
auch einige die in dem Buche selbst nicht vorkommen: theils 
solche die bei Abfassung der früheren Theile übersehen wurden, 
theils solche die erst nach Vollendung desselben durch neu 
entdeckte Inschriften (besonders Wescher imd Foucart's In- 
scriptions recueillies ä Delphes) bekannt geworden sind. Und 
da ich nim einmal das Wort habe, um parlamentarisch zu 
reden, will ich auch noch eine kurze persönliche Bemerkung 
hinzufügen. Es wird wohl mancher Leser geneigt sein, mir 
einen Vorwurf daraus zu machen, dass ich in der letzten 
Abtheilung des zweiten Bandes, in welcher die antiken Münzen 



Digitiz^dbyCfOOglC 



VI Nachwort. 

in weiterem Umfange berücksichtigt worden sind als dies leider 
im ersten Bande und in den beiden ersten Äbtheilungen des 
zweiten geschehen ist, dafür nur Eckhel's Doctrina nummo- 
rum veterum, nirgends Mionnet's Description des medailles 
citire: ich muss dies einfach damit entschuldigen, dass mir 
letzteres Werk hier nicht zugänglich ist. 

Jena, den 4. August 1872. 

Conrad Bursian. 



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III. Die Inselwelt.') 



Einen besonderen Vorzug der Gliederung des griechischen 
Landes bilden die zahlreichen Inseln, welche längs der Westküste 
als eine Anzahl wahrscheinlich aur vulkanischem Wege entstan- 
dener Aussenwerke des Festlandes, aur der Ostseite als die Pfei* 
1er einer gewaltigen Brücke erscheinen, die einst in uralten Zei- 
ten in södöstlicher Richtung vom europäischen Griechenland nach 



') Von umfassenderen Werken über die griecbischen Inseln (die 
Schriften über einzelne derselben werden an den betreffenden Stellen 
erwähnt werden) aus dem Alterthnm kennen wir eine Schrift nsgl viq- 
aaav^ welche von einigen dem' Herakleides, von anderen dem Philoste- 
phanos beigelegt wurde (Harpocr. o. ZzifvfiTj p. 171, 2 Bekker; vgl. C. 
Müller Fragm. bist. Gr. II, p. 197 u. III, p. 80 s.); eine Schrift des Xe- 
nagoras unter gleichem Titel (C. Müller Fr. h. Gr. IV, p. 527); des 
Hermogenes VTQüatv nxCaBig (ibid. III, p. 623); von Semos wird eine Nri- 
aiäg citirt (Schol. Apoll. Rhod. A, 1166; Athen. III, p. 123<i). Zweifel- 
haft, weil nur bei (Plutarch.) Parall. min. 27 erwUhnt, sind des Aretades 
von Enidos Bücher NriaKaxind, Unsere Quellen für die Eenntniss der 
griechischen Inseln bilden die betreffenden Abschnitte des nsginlovs des 
sogenannten Skylax (dem als § 113 zwei diaq)Qcc'/(tctTa, kurze Itinerarien 
für Schiffer vom Euripos nach Mykale und vom Cap Malea nach der 
Südwestküste von Asien, als § 114 ein Yerzeichniss von 20 Inseln unter 
dem Titel fisyi^rj vqatov angehängt sind), der geographischen Werke 
des Strabon, Ptolemäos, Pomponius Mela, der Naturalis historia des Pli- 
nius und der Collectanea des Solinus. Von neueren Werken ist das um- 
fassendste das freilich besonders in geographischer Hinsicht sehr unge- 
nügende Buch von Louis Lacroix lies de la Gr&ce Paris 1853 (ein Band 
des grossen Sammelwerkes L'Univers. Uistoire et description de tous les 
peuples). Für die Inseln des ägäischen Meeres ist das Hauptwerk L. Ross 
Reisen auf den griechischen Inseln des ägäischen Meeres, Bd. I— III, 
Stuttgart u. Tübingen 1840—1845 (der vierte Band liegt seinem ganzen 
Inhalte nach ausserhalb der Gränzen unserer Darstellung). Von älteren 

BÜB8IAN, GEOGR. U. , 24 



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346 ni. Die Inselwelt. 

dem südlichen Rleinasien hinöbergefuhrt hat. Zum weitaus gross- 
ten Theile nämlich sind diese Inseln, wie die Richtung ihrer 
Gebirge zeigt, Fortsetzungen der Gebirgszuge des Continenls, 
welche durch gewaltige Erderschötterungcn Iheils als grössere 
zusammenhängende Massen, theils in kleinere Bruchstucke zer- 
rissen von demselben abgelöst worden sind; nur zu einem klei- 
nen Theile sind sie Producte submariner Vulkane, die wenigstens 
an einem Punkte ihre Thätigkeit noch jetzt nicht - eingestellt 
haben. Auf den ersten Blicke scheiden sich die sämmtiichen 
griechischen Inseln in zwei Gruppen: eine westUche und eine 
östliche. Die westliche umfasst die der Westküste des griechi- 
schen Festlandes von den Akrokeraunien bis zum Gap Akritas 
hinab vorgelagerten Inseln: vier grössere — Korkyra, Kephalle- 
nia mit seiner Schwesterinsel Ilhake und Zakynthos — denen ge- 
wöhnlichals fünfte die erst durch Menschenhand, durch Durch- 
stechung des Isthmos, der sie an die Nordwestküste Akarnaniens 
knüpfte, aus einer Halbinsel zur Insel gemachte Leukas (vgl. 
Bd. I, S. 1 15 f.) beigezählt wird, und zahlreiche kleinere, welche, 
soweit sie nicht schon bei der Beschreibung des Festlandes be- 
rührt wurden,^) als Anhängsel der grösseren zu schildern sind. 
Diese Inseln wurden imAIterthum, da sie politisch voneinander 
getrennt und von Angehörigen verschiedener griechischer Stämme 
bewohnt waren, mit keinem Gesammtnamen bezeichnet. Unter 
der byzantinischen Herrschaft bildeten sie seit etwa dem Jahre 
887 eine eigene Statthalterschaft ; ^j nach der Eroberung Kon- 



R^iso werken geben Bondelmonte^s Liber insnlarnm Archipelagi (ed. ßin- 
ner, Berlin 1824) und des Herrn van Kinsbergen Beschreibung vom Ar- 
chipelagus (ans dem Holländischen übersetzt von Kurt Sprengel, Rostock, 
u. Leipzig 1792) wenig Ausbeute: etwas mehr des Grafen Pasch van 
Krienen Breve descrizione deir arcipelago e particolarmente delle di- 
ciotto isole sottomesse I'anno 1771 al dominio russo (Livomo 1773, neu 
herausgegeben von L. Ross, Halle 1860) ; bedeutender ist des Botanikers 
Jos. Pitton de Tournefort Relation d'nn voyage du Levant (Amsterdam 
1718, II). 

*) Erwähnt wurden an der Küste von Epeiros Sason (Bd. I, S. 14) 
und Sybota (ebds. S. 28); bei Akarnanien, ausser Leukas, Karnos, 
die Oxeiä und Echinades (ebds. S. 118 f.); bei Messenien Prote 
(Bd. II, S. 178), Sphakteria (ebds. S. 176 f.), Theganusa und die 
Oinussä (ebds. S. 158). 

*) Constantin. Porphyrog. De administr. imp. c. 60 p. 224 ed. Bekker; 
nach demselben De themat. II, 7 p. 64 bildeten sie, obschon in der Ueber- 



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111. Die Inselwelt. 347 

stanlinopels durch die Franken (1204) kamen sie zugleich mit 
den ))enachbarlen Küsten des Festlandes in den Besitz der Re- 
publik Venedig; seitdem kam der von der antiken Bezeichnung 
des westgriechischen Meeres als ionisches Meer' entnommene 
Name der Monischen Inseln' für sie auf, eine Benennung, welche 
aus politischen Gründen auch auf die geographisch betrachtet 
zur östlichen Gruppe gehörige Insel Kythera (Cerigo) ausge- 
dehnt wurde. Da man nun mit Einsehluss dieser, abgesehen von 
den kleinen Nebeninseln, sieben Hauptinseln zählte (Corfu, Paxo, 
Hagia Mavra, Thiaki, Cephalonia, Zante und Cerigo), so wurde 
bei der durch einen am 21. März 1800 in Constantinopel zwi- 
schen Russland und der Pforte abgeschlossenen Vertrag erfolgten 
Conslituirung derselben zu einem politischen Körper diesem der 
Name der 'Republik der sieben Inseln' oder, nach griechischem 
Ausdruck, des 'Siebeninselstaates' (17 'Enxdvriöog oder nach vul- 
gärgriechischer Auss|)rache 'E<ptcivri<Jogj die Bewohner of 'Enta- 
t/i}<Ttc5rat) gegeben. Dieser Staat bestand anfangs als Vasallen- 
staat der Pforte, dann unter dem Schutze Russlands, in Folge 
des Friedens von Tilsit (7. Juli 1807) unter der Heri'schaft Frank- 
reichs, seit dem Pariser Vertrage vom 5. November 1815 unter dem 
Protectorat Englands fort, bis die Inseln in Folge der Thron- 
besteigung des Königs Georgios mit Genehmigung der Garantie- 
mächte jenes Pariser Vertrags (Vertrag von London vom 14 No- 
vember 1863) dem Königreich Hellas einverleibt wurden. 

Weit zahlreicher und mannigfaltiger in ihrer Gliederung als 
die westliche ist die östliche Gruppe von Inseln: sie erstreckt 
sich gegen Süden und Osten über die politischen Gränzen des 
jetzigen Königreichs Hellas, gegen Osten auch über die voti alten 
und neueren Geographen willkürlich festgesetzten Gränzen unse- 
res Erdtheils hinausJ) Es tritt also auch in dieser Beziehung 



Schrift als ^ßdofiov d'ifia KzfpaXXjivCa bezeichnet, doch kein eigenes 
Thema, sondern gehörten zu dem des Peloponnesos. 

^) lieber die Qränzlinie zwischen Europa und Asien im ägäischen 
Meere waren die Ansichten der alten Geographen sehr schwankend. 
Während Hekatäos offenbar alle Inseln des ägäischen Meeres bis zur 
Westküste Asiens zu Europa rechnet (vgl. Steph. Byz. u. MvuXrjvrj, 
Oivövaaoct und Xiog, wornach Hekatäos Lesbos , die Oinussen und Chios 
in dem EvQtoicrj betitelten Theil seiner Prig nsgiodog behandelt hatte), 
Skylax Per. 48 und 58 wenigstens Astjpaläa , Amorgos und Ikaros unter 
den Inseln Europa's aufführt, rechnet Ptolem. V, 2, 30 f. auch diese In- 

24* 



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348 III. Die Inselwelt 

wie in lliiisiclit der Küstenenlwickelung die natürliche Bevor- 
zugung der Östlichen vor der westlichen Seite Griechenlands zu 
Tage. Die ganze Gruppe gliedert sich nach der Richtung der 
Gebirge und der geognostischcn BeschafTenheit der Inseln in meh> 
rere kleinere Gruppen, unter denen die von den Alten als *Ring- 
in sein' (Kvxkddeg) bezeichnete als die Centralgruppe erscheint) 



sein zn Asien. Dionjs. Perieg. 517 ss. reebnet alle Inseln, welche man 
auf der Fahrt vom Cap Sunion nach dem Hellespont zar Linken hat, 
zu Europa, die zur Rechten liegenden, welche er in die Gruppen der 
KvnXddsg, ZnoQccdsg, *I(ovidfg und AioXidsg theilt, zu Asien. Strabon 
(X p. 488) scheint eine zwischen den Inseln Amorgos und Astypaläa 
hindurch gehende Linie, die etwa der jetzigen Gränzlinie zwischen dem 
Königreich Hellas und der Türkei entspricht» als Gränze zwischen Eu- 
ropa und Asien betrachtet zu haben. Die vom Königreich Hellas aus- 
geschlossene Insel Kreta wird von den alten und neueren Geographen 
übereinstimmend zu Europa gerechnet. 

') Der Name KvxXadBgf welcher für uns zuerst bei Herod. Y, 30 f. 
erscheint, höchst wahrscheinlich aber schon von Hekatäos gebraucht 
worden war, da nach Steph. Byz. u. Tivsdog bei diesem die offenbar 
im Gegensatz zu KvnXdSeg gebildete Benennung ZnoQccdsg vorkam, ist 
gewiss nicht auf gelehrtem Wege, durch Betrachtung einer Landkarte, 
entstanden, sondern acht volksthümlich, ein Ausdruck der Schiffer, wel- 
che beobachtet hatten, dass sie, wenn sie von Insel zu Insel die Runde 
machten, schliesslich wieder in der Nähe des Ausgangspunktes ihrer Fahrt 
anlangten, also einen Kreis oder doch eine ungefähr kreisförmige Linie 
beschrieben. Die Auffassung, dass die nahe der östlichen Peripherie 
liegende Insel Dclos den Mittelpunkt dieses Kreises bilde (vgl. Strab. X 
p. 485), ist eine freilich alte Verwechselung des religiösen mit dem geo- 
graphischen Centralpunkte. Die Ausdehnung des Namens KvnXddeg war 
im Altprtlium eine sehr schwankende. Im Pcriplus des sog. Skylax wer- 
den zwei Grnppen dieses Namens unterschieden : § 48 werden als KvxXd- 
dsg yiatcc tijv Acmfdccifioviav x^Q^^ olyioviisvat verzeichnet Melos, 
Kimolos, Oliaros (cod. vcox^OQog: es ist entweder UoXvaiyog oder ^(h- 
Xiyctvdgog zu lesen), Sikinos, Thera, Anaphe und Astypaläa (also die 
gewöhnlich ZnogdSsg genannte Gruppe), § 68 als KvxXddtg nazd rrjv 
'AttiTiTjv Keos, Helene (von anderen Geographen zu Attika oder zu den 
Sporaden gerechnet), Kythnos, Seriphos, Siphnos, Faros, Naxos, Delos, 
Khene, Syros, Mykonos, Tenos, Andres. Dionysios Calliph. Descr. Gr. 
130 ff. führt folgende 9 als KvnXddsg auf: Keos, Kythnos, Seriphos, 
Siphnos, Kimolos, Delos, Mykonos, Tenos, Andres. Strabon X p. 485 
giebt an, dass Artcmidoros 15 zählte: Keos, Kythnos, Seriphos, Melos, 
Siphnos, Kimolos, Prepesinthos, Oliaros, Faros, Naxos, Syros, Mykonos, 
Tenos, Andres, Gyaros; er selbst hält die Zahl von 12 (mit Weglassung 
Ton Prepesinthos, Oliaros und Gyaros) fiir die ursprüngliche; bei beiden 



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Iir. Die Inselwelt. 349 

Dieselbe besteht aus zwei ungefähr parallelen Inselreihen, welche 
durch eine dritte gewissermassen verknüpft werden. Die süd- 
lichste Reihe, eine Fortsetzung des Gebirgszuges des südöstlichen 
Attika, wird durch die Inseln Keos, Kythnos, Seriphos und Siph- 
nos gebildet; die nördliche, deren Glieder die Inseln Andros, 
Tenos und Mykonos (mit ihren Anhängseln, den kleinen Inseln 
Delos und Rheneia) sind, ist eine Fortsetzung der langgestreckten, 
gewiss erst in verhältnissinässig später Zeit von der Ostseite des 
mitteJgriechischen Festlandes losgerissenen Insel Euboia. Mit der 
Südspitze derselben Insel scheint auch, der Richtung der Gebirge 
nach, die mittlere Reihe zusammenzuhängen, deren zwei nörd- 
lichste Glieder, die kleinen Inseln Gyaros und Syros, gleichsam 
als Brückenpfeiler zwischen den Inseln Keos und Kythnos einer- 
seits und Andros, Tenos und Mykonos anderseits dienen, wäh- 
rend die südlicheren Glieder, Faros (mit seinen westlichen An- 
hängseln Oliaros und Prepesinthos] und Naxos den Ring der 
Kykladen im Südosten schliessen. Eine zweite Gruppe, welche 
durch den vulkanischen Ursprung ihrer Glieder characterisirt 
wird, bilden die Inseln Thera, Melos, Kimolos und Polyägos. 
Einige ganz kleine luselchen, gleichfalls vulkanischen Ursprungs, 



Zählungen ist offenbar Delos nebst Rheneia als Mittelpunkt des Ringes 
nicht mitgezählt. Pompon. Mela De chorogr. II, 111 führt nur 11 auf: 
Sicinos, Siphnos, Seriphos, Rhenea, Faros, Mycon, Syros, Tenos, Naxos, 
Delos, Andros (das Fehlen von Keos und Kythnos ist vielleicht auf eine 
Lücke der handschriftlichen Ueberlieferung zurückzuführen), PUn. N. h. 
IV, 12, 65 SS. 13: Andros, Tenos, Myconos, Siphnus, Seriphus, Prepesin- 
thus, Cythnos, Delos, Rhene, Syros, Oliaros, Paros, Naxus; ebensovielo 
Eustath. ad Dionys. Pereg. 525, nämlich Kythnos , Paros, Amorgos, De- 
los, Tenos, los, Seriphos, Mykonos, Nisyros (mit der Bemerkung, dass 
diese von anderen zu den SnoQccdss gerechnet werde), Syros, Siphnos, 
Andros, Naxos. Im weitesten Umfange endlich wird der Name von Steph. 
Byz. gebraucht, der u. a. Aegina, Ikos, Kasos, Melos, Pcparethos, Te- 
los zu den KviiXädeg rechnet: s. Meineke's Index rerum u. KvnXddsg, 
Aehnlich ist es, dass in den schol. II. I, 668 Skyros als eine der Ky- 
kladen bezeichnet wird. Dass aber in der Anschauung des Volkes die 
Zwölfzahl allmälig die Geltung als Normalzahl der Kykladen erlangte, 
lehrt der Collectivname für die glänze Gruppe ^ Jcadsuccvriaog, welcher 
zuerst im Jahre 780 in dem Titel des Theophylaktos, Sohnes des Rhangabes, 
als des Grossadmirals der zwölf Inseln {dQOvyyccQios xrjg /doadE'Kavi^oov) 
erscheint und später allgemein gebräuchlich ist (vgl. C. Hopf in Ersch 
und Grubers allgem. Encycl. S. I, Bd. 85, S. 105). 



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350 III. Die Inselwelt. 

jetzt Anümilo (oder Erimomilo), Falconera und Belopulo (oder 
Kaimeni) genannt, setzen diese vulkanische Reihe gegen Westen 
Tört und weisen auf einen Zusammenhang derselben mit den vulka- 
nischen Erscheinungen der argolischen Akte, besonders der Halb- 
insel Methana (vgl. oben S. 91) hin. Die allen Geographen haben 
keine besondere Benennung für diese Gruppe, sondern zählen sie 
zu den * zerstreuten Inseln' (Zn:oQdd€g), unter welchem Namen 
sie ausserdem die zwischen dieser vulkanischen Reihe und den 
sudlichsten Kykladen sich hinziehende Kette der Inseln Pholegan- 
dros, Sikinos, los und Amorgos (mit mehreren Nebeninseln), so- 
wie die östlich von Thera gelegene Insel Anaphe, endlich auch 
die Mehrzahl der östlich von den Gränzen des jetzigen Hellas, 
zwischen der Gruppe der Kykladen und den südlicheren Reihen 
einerseits und der Westküste des südlicheren Kleinasiens ander- 
seits, gelegenen Inseln und Inselchen zusammenfassen. ^) Ja manche 
Geographen dehnen diese Benennung sogar auf die im nördlich- 
sten Theile des ägäischen Meeres zwischen der Ostküste der Insel 
Euboia und der Halbinsel Magnesia, der Südküste Thrakiens und 
der Westküste des nördlichen Kleinasiens gelegenen Inseln aus, 2) 
welche wiederum in zwei Gruppen zerfallen: eine südlichere, aus 
den Inseln Skiathos, Peparethos, Ikos nebst einigen kleineren, 
und Skyros bestehende, heutzutage gewöhnlich mit dem (un- 



^) Strabon X p. 484 rechnet zu den ZnoQocdss von der von ihm als 
v^Got. negl tt^v Kgrizriv bezeichneten Gruppe die Inseln JThera, Anaphe, 
los, Sikinos, Lagusa und Pholegandros (die ferner dazu gehörigen Kimo- 
los, Siphnos und Melos zählt er zu den Kykladen; s. oben), sodann 
(p. 487 f.) Amorgos, Lebinthos, Leros, Patmos, die Korassiä, Ikaria und 
die Inseln im karpathischen Meere mit Ausnahme von Kos und Rhodos. 
Eustath. ad Dionys. Per. 530 zählt als Sporaden auf Nikasia, Thera, 
Melos, Patmos, Astypaläa, Kimolos, Leros, Donusia; manche, f&gt er bei, 
rechnen dazu auch Tenos, Prokonnesos und die Kalydnä. Reichhaltiger, 
aber ohne klare Ordnung und zum Theil verderbt sind die Verzeichnisse 
der Sporades bei Pomp. Mela De chor. II, 111 und bei Plin. N. h. 
IV, 12, 68 — 71. Für Steph. Byz. vgl. Meineke's Index u. Znogadeg 

*) So ausser Hekatäos, welcher Tenedos zu den Sporaden rechnete 
(s. S. 348, Anm. 1), Dionysios des Kalliphon Sohn, der Descr. Graec. v. 145 ss. 
als UnoQccdsg aufführt; Melos, Thera, los, Naxos, Skyros, Peparethos 
(hier bricht das Gedicht für uns ab). Vgl. Constantin. Porphyrog. JDe 
themat. I, 17 p. 43, wo Mitylene (Lesbos), Chios und Leranos zu den 
Sporaden gerechnet werden. 



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m. Die Inselwelt. 351 

antiken) Namen der nördlichen Sporaden bezeichnete,^) 
welche als Fortsetzung der thessalischen Halbinsel Magnesia, be- 
ziehendlich der Ostkösle der Insel Euboia zu betrachten ist, und 
eine nördlichere, die Inseln Lemnos, Thasos, Samothrake, Imbros 
und Tenedos umfassende, welche jenseits der Nordgränze von 
Hellas und daher ausserhalb der Gräozen unserer Darstellung 
liegt. 

Gegen Süden endlich wird die ostgriechische Inselwelt ab- 
geschlossen durch die gleichsam auf dem Kreuzwege zwischen 
Europa, Asien und Afrika gelegene Insel Kreta, die zu keiner der 
bisher betrachteten Gruppe gehört, sondern den Mittclpunct und 
das bedeutendste Glied einer besonderen Inselreihe bildet, \v-elche, 
wenn man sich die Lücken zwischen den einzelnen Gliedern und 
den entsprechenden Vorsprüngen der Continente ausgefüllt denkt, 
als ein gewaltiger, von der Südostspitze Lakoniens bis* zur Süd- 
westspitze Kleinasieus reichender halbkreisförmiger Damm zwi- 
schen dem mit Inseln gleichsam besäten ägäischen Meere ^) oder, 
wie wir mit einem trotz seiner griechischen Form den classischen 
Sprachen ganz fremden Ausdrucke zu sagen pflegen, dem grie- 
chischen Archipel, und dem inscifreien Mitteimeere erscheint. 



') Die alten Geographen kennen keinen Collectivuamcn für diese 
Inseln, sondern nur umschreibende Bezeichnungen nach ihrer Lage: vi]- 
aot iv Tö Alyalfü neXaysL Scyl. Per. 68; aC ngo t^s MayvrjOLag v^- 
coi Strab. IX p. 436 s. (vgl. II p. 124); vrjo^dss nlricCov Evßoiag 
(Scyinn. Chii) Orb. descr. 579 (vgl. Steph. Byz. u. Zm'ad'og' vijaog Ev- 
ßoiag); v^aot nagccKsCfisvai tj] ManB^ovCa iv tm AlyaCoi itBXdysi Ptolem. 
III, 13, 47; insulae in Aegaeo mari prope Thraciam Pompon. Mela De 
chorogr. II, 106 (beide Gruppen); insulae ante Athon Plin. IV, 12, 72. 

*) Atyaiov niXayog oder Alyatog novtog: vgl. über diese Benennung 
sowie über die einzelner Abtheilungen dieses Meeres als Ggrit^iov ni- 
Xayog ^ MvQtmev niXayog, KQTjtinov niXayog upd 'Itkxqiov niXayog 
die Nachweisungen bei Forbiger Handbuch der alten Geographie II, 
S. 19 ff. Aus Alyatov niXayog ist durch allmälige Corruption (Aegeopc- 
lago, Agiopelago, Azopelago) der jetzt als wissenschaftlicher Terminus 
in der Geographie eingebürgerte Name Archipel entstanden, der in der 
Form Arcipelago zuerst in der Urkunde eines am 30. Juni 1268 zwi- 
schen dem byzantinischen Kaiser Michael Paläologos und der Republik 
Venedig geschlossenen Vertrags (bei Tafel und Thomas Urkunden zur 
älteren Handels- und Staatsgeschichte der Republik Venedig, Wien 1856 
— 57, Bd. III, S. 96) erscheint: vgl. C. Hopf in Ersch u. Gruber's allgem. 
Kncyclop. S. I, Bd. 85, S. 263. 



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352 ni. Dielnßelweli 

Zu derselben Reihe gehören noch nordwestlich von Kreta die 
Inseln Kythera (Cerigo: vgl. über diese oben S. 140 ff.), Ac- 
gila (Cerigotto: s. oben S. 103) und einige ganz kleine namen* 
lose, welche die Nordwestspitze Kreta's mit der liakonischeD Parnon- 
halbiosel verbinden, gegen Nordosten die (ausserhalb der Grenzen 
unserer Darstellung liegenden) Inseln Kasos, Rarpathos und Rho- 
dos, welche eine Verbindung zwischen der Nordostspitze Kreta's 
und der südwestlichen Halbinsel Kariens, der sogenannten rho- 
dischen Chersonesos, herstellen. 

Der Uebersichtlichkeit halber werden wir die ostgriechischen 
Inseln, soweit sie innerhalb der Gränzen unserer Darstellung lie- 
gen, in folgende 5 Gruppen ordnen: a) die Inseln vor Magnesia; 
b) Euboia; c) die Kykladen; d) die Sporaden; e) Kreta. 

Politisch sind diese Gruppen, abgesehen von den Zeiten der 
römischen, byzantinischen und türkischen Herrschaft, unter der 
sie wenigstens verschiedenen Provinzen, Thematen oder Sandschaks 
angehörten, niemals zu einem einheitlichen Ganzen verbunden ge- 
wesen. Die südlicheren standen in der frühesten Periode der 
griechischen Geschichte, welche die Tradition als die der kreti- 
schen Thalassokratic bezeichnet und an die mythische Persönlich- 
keit des Minos knüpft, unter der Herrschaft von Kreta, dessen 
Flotte die karischeo Seeräuber, welche sich auf den meisten dieser 
Inseln eingenistet hatten, verjagte und dieselben dadurch zuerst 
für hellenische Niederlassungen zugänglich machte. Die Mehrzahl 
der Inseln (ausgenommen Kreta und einige Sporaden, wo das 
dorische Element zur Herrschaft gelangte) wurde daim von Be- 
völkerungen ionischen Stammes in Besitz genommen und schloss 
sich daher der alten, Ol. 88, 3 (426) von den Athenern erneuer- 
ten Amphiktyonie, deren Mittelpunkt die heilige Dolos bildete, an, 
als deren Mitglieder wir durch eine Urkunde aus Ol. 101, 2 
und 3 (375 und 374)^) folgende Inselstaaten ausser Delos selbst 
und dem damaligen Vorort Athen kennen: Mykonos, Syros, Te- 
nos, Keos, Seriphos, Siphnos^ los, Paros, Ikaros, Naxos, Andros 
und die Stadt Karystos auf Euboia. In älteren Zeiten war der 



') C. I. gr. n. 158; vgl. dazu Böckh Staatshaushaltang der Athener 
II, S. 78 ff. Dass in alter Zeit auch die 'lonviSsg v^öot (wie sie Dionys. 
Perieg. 533 nennt) zu der delischen Amphiktyonie gehörten, ist schon 
ans dem Homerischen Hymn. in Apoll. Del. v. 147 ff. nnd v. 173 eu 
Bchliessen. 



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in. Die iDBelwelt. 353 

Kreis der Tbeilnebmer jedeofalls ein viel weiterer und umfassto 
namentlich auch die an der Westl&üste Kleinasiens gelegenen io- 
nischen Inseln. Zur Zeit der athenischen Seeherrschaft gehörten 
fast sämmtliche ostgriechische Inseln , die meisten aus ft*eiem Ent« 
schluss, einige, wie namentlich Melos, durch Z^ang der atheni- 
schen Symmachie an; eine nicht geringe Anzahl derselben trat 
auch dem Ol. 100, 3 (378) erneuerten Bunde von Seestaaten 
unter der Leitung Athens bei.^) Nach der Auflösung auch die- 
ses Bundes kamen die Inseln unter die Herrschaft theils der ma- 
kedonischen, theiis der ägyptischen Könige, wurden dann durch 
die Römer befreit und grösstentheils für autonom erklärt, bis 
Vespasian sie als römische Provinz mit Rhodos als Hauptort con- 
stituirte.^) Bei der Theilung des römischen Reiches wurden die 
kurz vorher durch Raubzuge der Gothen heimgesuchten Inseln 
der östlichen Reichshällte zugetheilt. Im Jahre 727 erhoben sich 
die Kykladen im Verein mit dem eigentlichen Hellas gegen den 
byzantinischen Kaiser Leo III. den Isaurier; aber der Aufstand 
wurde von diesem schnell unterdrückt') und die Inseln blieben 
mit einer Unterbrechung von 138 Jahren (823 — 961), während 
deren sie unter der Herrschaft der Sarazenen, die sich der Insel 
Kreta bemächtigt hatten/) standen, ein Theil des byzantinischen 
Reiches — und zwar bildete die Hehrzahl der Kykladen und Spo- 
raden nebst den Inseln Chios, Lesbos, Lemnos und Skyros und 
einigen Strichen der Westküste Kleinasiens ein besonderes, M- 
yatov TciXayog genanntes Thema, während Euboia, Aegina und 
einige Kykladen zum Thema Hellas, Skiathos, Skopelos und Pe- 



*) Vgl. die Athenischen Trihutlisten hei Böckh Staatshaushaltung IT, 
S. 369 ff. (bes. 8. 608) und jetzt hei U. Köhler Urkunden und Unter- 
suchungen zur Geschichte des delisch -attischen Bundes, Berlin 1870 
(Philolog. u. histor. Abhandlungen der kön. Akad. d. Wiss. zu Berlin 
a. d. J. 1869, 2. Abtheilung); ferner die Urkunde des neuen Bundes in 
den *EniyQcc<pal ivindotoi dvccualvtpd'eiaocL xocl ixdod'si^öai. vno tov 
ccQxaioXoyi%ov üvXXoyov, tpvXX, ^ (Athen 1852) S. 2 ff. «= Rangab^ An- 
tiquit^s HelWniques N. 381»»«« (Vol. II p. 873). 

•) Sexti Ru6 Breviar. c. 10; vgl. Sueton Vespas. 8; dazu Wesseling 
ad Hierociis Syneod. p. 480 s. ed. Bekker. 

») Vgl. Hopf in Ersch und Gruber's allgem. Encycl. 8. I, Bd. 85, 
8. 96. 

<) Vgl. Hopf a. a. O. 8. 121 f. 



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354 IIT. Die Inselwelt 

paretbos zum Thema Makedonien gehörten ^) — bis zur Eroberung 
von Constanlinopel durch die fränkisclien Kreuzfahrer (1204), 
nach welcher sie bei der Theiiung der Beule unter die Abend- 
länder der Republik Venedig zufielen. Diese aber überliess die 
Eroberung der damals zum Theil von Piraten besetzten Inseln, 
welche dem Staate unverhältnissmässig grosse Opfer auferlegt 
haben würde, venezianischen Privatleuten. Der kühne Marco Sanudo 
stellle sich zu diesem Zweck an die Spitze einer Gesellschaft von 
Rittern, mit denen er die bedeutenderen Kykladen und Sporadeu 
nach kurzem Widerstand eroberte ; die eroberten vertlieilte er als 
Leben unter seine Genossen und behielt sich selbst Naios vor, 
das er als Lehensträger des fränkisch-byzantinischen Kaisers Hein- 
rich I. mit dem Titel eines Herzogs der Dodekanesos beherrschte. 
Auch nach der Wiederherstellung des byzantinischen Reiches durch 
die Paläoiogen behaupteten sich seine Nachkommen, beziehend- 
lich nach der Ermordung des letzten derselben, des Nicolo IL 
dalle Carceri, durch Francesco Crispo (1383) die Familie der 
Crispi, in der Herrschaft, bis im Jahre 1566 der letzte Herzog, 
Jacopo IV., vom Sultan Selim IL abgesetzt, das Herzogthum einem 
Liebling des Suhans, dem aus Antwerpen nach Konstantinopei 
gefluchteten portugiesischen Juden Don Josef Nasi überget>eu 
wurde, nach dessen Tode (2. August 1579) die Inseln des ägäi- 
sehen Meeres (mit Ausnahme von Kreta, das erst im Jahre 1669 
den Venezianern definitiv entrissen wurde) unter die unmittelbare 
Herrschaft der Pforte fielen.*-^) 

1. Die westgriechischen Inseln.^) 

Die ungefähr zwischen dem 40sten und dem 37sten Grade nörd- 
licher Breite vor der Westküste des nördlichen Griechenlands und 



S. des Konstantinos Porphyrogenetos Schrift nsgl tSiv d'^fidtatv 
I, 17 (p. 43 8.); vgl. II, 2 (p. 50)\nd 5 (p. 51). 

*) Vgl. die 'Partitio Homaniae^ bei Tafel und Thomas Urkunden I, 
S. 464 flf.; dazu Hopf a. a. O- S. 222 f.; Bd. 86, S. 29 f. u. S. 171 f.; Dr. 
M. A. Levy Don Joseph Nasi, Herzog von Naxos, seine Familie und 
zwei jüdische Diplomaten seiner Zeit. Eine Biographie nach neuen Quel- 
len dargestellt. Breslau 1859. 

^) Von der reichen neueren Litteratur über die sogenannten ionischen 
Inseln habe ich, abgesehen von den Specialarbeiten über einzelne der- 
selben, folgende Werke benutzt : H. Holland , Travels in the lonian isles, 



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1. Die wesigriecbischen Inseln: Korkyra. 355 

des Peloponnes gelegenen Inseln erscheinen ihrem landschaft* 
liehen Charakter nach im Allgemeinen als gewaltige, durch das 
Eindringen des Meeres vielfach zerklüftete Massen von Kalkstein- 
felsen, die vielfach mit steilen Wänden aus dem Meere empor- 
steigen und sich bald zu theils kahlen, theils fruchtbaren Hoch- 
ebenen, bald zu schmalen, hie und da seltsam gezackten Berg- 
gipfeln erheben. Aber zwischen den Gebirgsmassen ziehen sich, 
wenigstens auf den drei grösseren Inseln Korkyra, Kephailenia 
und Zakynthos^ breite Thäler hin, die in ihrer üppigen Frucht- 
barkeit liebliche Contraste zu den wilden, zerrissenen Pelsmassen 
bilden. Namentlich sind es Oeiwälder und Wein- und Korinthen- 
pflanzungen, welche die Ebenen und die mit einer zwar nur 
wenige Fuss dicken, aber fruchtbaren Erdkruste überzogenen 
ßerghänge bedecken und die wichtigsten Ausfuhrartikel aus den 
trefTlichen Häfen, mit welchen die Natur selbst diese Inseln reich- 
lich beschenkt hat, liefern. Ausserdem werden Citronen und 
Orangen,. Baumn^olle und Getreide — letzteres freilich nur in 
einem für den Bedarf der Inseln selbst nicht ganz ausreichen- 
den Maasse — gebaut. Schifffahrt und Handel nebst Fischerei 
bilden noch jetzt wie im Alterthum die Haupterwerbsquellen der 
Bevölkerung; daneben spielt jetzt der Seidenbau eine nicht un- 
bedeutende Bolle. Die Bevölkerungszahl ist eine relativ stärkere 
als in sämmtlichen übrigen Theilen des Königreichs Hellas; denn 
die Bevölkerung der sogenannten ionischen Inseln (der oben S. 347 
genannten 7 Hauptinseln nebst den Nebeninseln Maslera, Fano, 
Salmastraki, Antipaxo, Calamo, Meganisi und Cerigotlo) belief sich 
im Jahre 1864 bei einem Flächenraum von 1041 englischen 
Quadratmeilen* auf 228,531 Seelen. 

Die nördlichste und nächst Kephailenia grösste Insel dieser xorkyr». 
Gruppe, im Alterthum, abgesehen von den mythischen Benennungen 
Drepane und Makris, welche von ihrer Gestalt herzuleiten sind, 
Korkyra,^) im Mittel- und Neugriechischen nach zwei zusam- 



Albania, Thessaly, Macedonia etc. London 1815. W. Qoodisson A histo- 
rical and topo^raphical essaj npon the islands of Corfa, Lencadia, Cepha- 
lonia, Itbaca and Zante, London 1822. F. Liebetrat Reise naob den ionl- 
scben Inseln der nördlicben and der mittleren Grappe, Korfa, Zante, 
Cepbalonia und Itbaka, Hamburg 1850. Ansted The lonian Islands in 
the year 1863, London 1863. 

*) Vgl. über die Insel Dodwell Class. n. topogr. Reise I, 1, S. 43 flf. 



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356 III. Die Inselwelt 

menbdngenden» jetzt mit Forts gekrönten Felsklippen, welche sich 
dicht vor der Hauptstadt steil aus dem Meere erheben, Korypho, 
Koryphi oder Korphi, darnach jetzt von den Westeuropäern CorTu 
(aus der Accusativrorm KoQfpovg) genannt, erstreckt sich, unge* 
Tähr gleich weit (700 Stadien nach Polybios bei Slrabon II, p. 105) 
von dem keraunischen Gebirge wie von Leukas entfernt, in einer 
Länge von gegen 9 Meilen bei einem Flächeninhalte von 10,69 Qua* 
dratmeilen vor der Küste des mittleren Epeiros hin , von welcher 
der nordöstlichste, dem Cap Poseidion (vgl. Bd. I, S. 16) gegenüber- 
liegende Punkt der Insel (das jetzige Cap S. Stefano) nur durch 
einen nicht ganz eine Stunde breiten Sund getrennt ist. Die 
Insel wird durch zwei Bergzüge gebildet: einen nördlicheren, von 
West' nach Ost streichenden, der in seinem östlichsten Theile, 
dem von zwei kegelförmigen Spitzen gekrönten, gegen Süden und 
Osten in schroflen Wänden nach dem Meere abfallenden Berge 
Pantokraloras oder S. Salvatore, die bedeutendste Höhe (946 Me- 
ter) erreicht, und einen südlicheren, der von der Sütlwestseite 
des ersteren ausgehend eine nord-südliche Richtung hat; er fällt 
im Westen fast überall steil nach dem Meere ab, während er sidi 
gegen Osten allmälig nach der meist flachen Küste abdacht Ein 
iu der Nähe der Hauptstadt also ungefähr in der Mitte der Länge 
der Insel; gelegener Berg dieser Kette (etwa der jetzt 'Hagioi 
Deka' d. i. die heiligen Zehn genannte, südwestlich von der Stadt 
der eine Höhe von 580 Meier erreicht) scheint im Alterthum den 



d. d. Ueb.; A. Mustoxidi lUastrazioni Corciresi, 2 Bände, Mailand 1811 
u. 1814; derselbe Delle coso Corciresi, Vol. I, Corfu 1848; G. C. A. Mül- 
ler De Corcyraeoram republica, Göttingen 1836; Jos. Janske De rebus 
Corcyraeorum p. I, im Jahresbericht des kathol. Gymnasiums zu Breslau 
1849. Kartographische Darstellung der Insel bei H. Kiepert Carte de 
TKpire et de la Thessalie, Berlin 1871. Der ^ame lautet auf den Mün- 
zen (vgl. über diese Ach. Postolakas Katdloyog xav a^xaCtav vofnöfj^a-' 
t(ov twv vjjaoiv KsQTivQag, AevtiddoSy 'id'ccnrjg, Ks(paXl7jvictgy Zanvv- 
9ov %al Kv^tJQoav, Athen 1868, p.' 1 — 03) und Inschriften (C. I. gr. n. 
1838 SS.; Mustoxidi Delle cose Corc. p. 161 ss.; W. Vischer Archäolog. 
u. epign Beiträge aus Grfech. 8. 1 ff.; ders. Rhein. Mus. XXII, 8. 615 ff.) 
durchgängig Koqkvqu, was also als die einheimische Namensform zu be- 
trachten ist, während in unseren griechischen Handschriften die offenbar 
vulgärgriechische Form Ksqxvqoc überwiegt (vgl. fiustath. ad Dionys. 
Perieg, V. 492). Für den Namen jQsndvrj vgl. schol.Apollon. Rhod. J, 983; 
Stephan. Byz. u. ^a<a£; für ManQig schol. Apoll. Rhod. J, 540; für die 
neueren Namen Mustoxidi Delle cose Corc. p. 9 8. 



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1. Die weatgriecliiscben Inseln: Eorkjra. 357 

Namen Istone geführt zu haben; der nönilicheren Kette darf 
man vielleicht den Namen des melitei sehen Gebirges zuwei- 
sen.') Mit mehr Sicherheit lassen sich noch die antiken Namen 
der Vorgebirge, welche die Insel nach verschiedenen Seiten ins 
Meer vorstreckt, bestimmen: der nördliche Vorsprung der SQd- 
Ostfront der Insel, der noch jetzt Levkimo oder Alevkimo helsst, 
ist das Cap Leukimma, der ihm im Süden entsprechende, jetzt 
Asprokavo oder Capo Bianco genannte, das Cap Amphipagos, 
der westlichste Punkt der ganzen Insel (das jetzige Cap Kephali) 
das Phalakron der Alten; die Landzunge an der Nordostseite^ 
auf welcher die Stadt Kassiope stand» wurde mit dem gleichen 
Namen, als Vorgebirge Kassiope, ein Vorsprung der OslkOste 
(vielleicht das jetzige Cap Hagios Stephanos) als Kynoskephale 
(Hundskopf) bezeichnet.^) 

Einen eigentlichen Fluss besitzt die Insel nicht, obgleich einer 
der zahlreichen Bäche, welche von dem nördlichen Gebirgszuge 
in nördlicher, von dem südlicheren in östlicher Richtung dem 
Meere ihr freilich während des Sommers regelmässig versiegen- 
des Wasser zuführen — der etwa eine Stunde nordwestlich von 
der Hauptstadt mündende — jetzt mit dem Namen Potamos be- 
zeichnet wird: ob ihm der antike Name Aegäos^) zukomme, ist 
nicht auszumachen. Doch sprudeln zahlreiche Quellen am Fusse 
der Hügel hervor; überhaupt ist die Insel, abgesehen von dem 
südlichsten Theile, wo der Boden sandig und wenig ergiebig ist, 
äusserst fruchtbar und wohl angebaut; besonders der mittlere 
Theil macht den Eindruck eines grossen Obst- und Gemüse- 



'latmvrj Thuk. III, 86; IV, 46; Polyaen. Strat. VI, 20; Steph. 
Byz. u. d. W.; C. I. gr. n. 1874 (wornach auf dem Berge ein Heiligtum 
derDioskuren gestanden zu haben scheint) nnd 1876. Bergh. Deka: Ansted 
The lonian Islands p. 103 ss. "OQog MsXizijiov Apollon. Rhod. z/, 1150 c. 
schol. Aach MoXo%ag (C. I. gr. n. 1840, 4) scheint der Name eines 
Berges oder Hügels auf der Insel gewesen zu sein. 

«) Ptolem. III, 14, 11; für ulfivxt>fia vgl. Strab. VH p. 824; Thuk. 

I, 30; 47; 61; III, 79; fdr ^aXanQOv Strab. a. a. O. u. Plin. N. h. IV, 

II, 53; nach letzterem lag in der Nähe des Vorgebirges eine Klippe, in 
welche das Schiff des Odysseus verwandelt worden sein sollte: offenbar 
die noch jetzt KaQaßi (Schiff) genannte kleine Felsinsel südlich von dem 
Cap Kephali. Kvvog nBfpaXi] Procop. De hello Goth. III, 27 (p. 894, IQ 
Dindorf). 

») Aponon. Rhod. z/, 542; 1147; Steph. Byz. u.'TXXeig, 



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358 111. Die Inselwelt. 

gartens. Noch besser scheint der Zustand des Landes im Alter- 
thuro bis zur Diadocbenzeit gewesen zu sein, wo stattliche Land- 
häuser mit wohlgefüllten Weinkellern, zahlreichen Sciaven und 
Viehheerden überall zu finden waren. ^} Den wichtigsten Ausfuhr- 
artikel bildete der Wein, der sich im Alterthum eines grossem 
Rufes erfreute als der jetzt auf der Insel producirte. ^) Die je- 
denfalls besser als heut zu Tage bewaldeten Berge lieferted Holz 
für den SchUTbau, das Meer gab den Fischern reiche Beute. ^) 
Auch die Salzwerke, welche sich jetzt an mehreren Stelle» der 
Insel finden, und die Marmorbrüche unterhalb des westlichen 
Gipfels des Pantokratoras, welche einen feinkörnigen weissen 
Marmor vermischt mit Alabaster liefern, sind wahrscheinlich schon 
im Alterthum ausgebeutet worden. "*) 

Unter den Griechen war schon frühzeitig und allgemein die 
Ansicht verbreitet, dass Korkyra die homerische Scheria, die Kor- 
kyräer also die Nachkommen der von Alkinoos beherrschten Phda- 
ken seien, eine Ansicht, die, obgleich sie auch unter den Neue- 
ren zahh*eiche Anhänger zählt, doch als entschieden irrig bezeich- 
net werden muss. Denn, eine vorurtheilsfreie Betrachtung der 
homerischen Schilderung des Phäakenreiches lehrt, dass derselben 
keineswegs die wenn auch fabelhaft ausgeschmückte Kunde einer 



*) Xenoph. Hell. VI, 2, 6; rgl. Dionys. Per. 494 XinccQTj KigyivQa; 
Apollon. Rhod. J^ 981 nUiqa, 

2) Athen. I p. 33»»; schol. Nicand. Ther. 622. Die bei (Aristot.) Mir. 
ausc. 104 erwähnten KB{^yLvqa'i%ol ifitpogsig wurden wahrscheinlich nicht 
auf dieser Insel, sondern in Adria fabricirt: vgi. Hesych. u. Kbq%vqcuoi 
a(i(poQ6i:s ; O. Jahn ßer. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1854 , S. 34 f. Aller- 
dings komn^t ein ifuipoQevg auf zahlreichen korkjräischen Münzen vor, 
doch ist derselbe wohl ebenso wie die gleichfalls häufig erscheinende 
Traube nur auf den Weinbau und Weinhandel zu beziehen. Ein leichter 
feiner Thon findet sich bei Kastrades , einer Vorstadt yon Corfu : s. Ansted 
The lonian Islands p. 27. 

^\ Für den jedenfalls von Korinth aus eingeführten Schiffbau zeugt 
der Umstand, dass Korkyra neben Korinth zuerst eine KriegsfloHe hatte 
(Thuk. 1, 13). Die Ilerleitung der ntQKOVQog genannten Gattung von 
Fahrzeugen (einer Erfindung der Kyprier nach Plin. N. h. VII, 56, 208) 
von Kerkyra (schol. Aristoph. Pac. 143) scheint eine etymologische Spie- 
lerei zu sein. Fischfang: Paus. X, 9, 3; Archestrat. bei Athen. VIF, 
p. 318'. 

*) Salinen: Ansted The lonian Islands p. 97; Marmor: Goodisson 
'Essay p. 26; Ansted p. 85. 



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1. Die westgriecldschen Inseln: Korkyra. 359 

bestimmten Oerüichkeit, sondern die marchenhafre Vorstellung 
eines paradiesischen Landes und Volkes zu (arunde liegt. Ver- 
anlassung 7A\r Localisirung dieses Ulopiens auf Korkyra gab wohl 
theils die Fruchibarkeit des Landes, Ibeils der frühe Ruhm seiner 
Bewohner als trefliicher Seefahrer. ^) Vielmehr müssen als älteste 
Bewohner des Landes die Liburner, ein Volk illyrischen Stammes, 
betrachtet werden. Die unvergleichliche Lage der Insel für den 
Verkehr nach Westen, besonders nach Italien und Sicilien, musste 
frühzeitig die Blicke griechbcher Seefahrer auf sie lenken. Zu- 
erst Hessen sich Eretrier aus Euboia hier nieder, eine Nieder- 
lassung, die wahrscheinlich mit der gleichfalls von Euboia ausge- 
gangenen Gründung der ältesten hellenischen Ansiedelung in Ita- 
lien, Kymc's, im Zusammenhang steht Aber sie wurden wohl 
schon nach kurzer Zeit durch korinthische Auswanderer vertrie- 
ben, einen Theil der von dem Bakchiaden Archias geführten Ex- 
pedition nach Sicilien , welcher unter Führung des Bakchiaden 
Chersikrates hier zurück blieb und sich die ganze Insel unterwarf 
(734 V. Chr.).^ Diese Korinther, welche ihre heimischen Culte, 
insbesondere den der Hera, und Sagen, wie die von lason und 
Medeia, mitbrachten,^) gründeten die wie die Insel selbst Kor- 
kyra genannte Stadt auf einer ungefähr in der Mitte der Ost- 
küste etwas südlich von der modernen Stadt in südKcher Rich- 
tung vortretenden, etwa eine Stunde langen und verhältnissmässig 
schmalen Landzunge, einer Reihe von gegen Westen steil abfal- 
lenden, gegen Osten sanft sich abdachenden Hügeln, welche jetzt 
fast ganz mit Oelbäumen, zwischen denen einzelne Landhäuser 
liegen, bedeckt sind. Zu beiden Seiten derselben ziehen sich 



*) Vgl. Hellanik. bei Steph. Byz. u. ^a/aj; Thuk. I, 26 u. a. Von 
Neueren hat besonders Mustoxidi eifrige den mythischen Rohm seiner Hei- 
math vertbeidigt (Illustraz. I, p. 28 ss.; Delle cose Coro. p. 10 ss.); da- 
gegen besonders Welcket 'Die homerischen Phäaken und die Inseln der 
Seligen' im Rhein. Mus. berausg. y. Welcker u. Näke I, S. 262 ff. 

<) Strab. VI p. 269; Plut. Quaest. gr. 11; Timäos bei schol. Apoll. 
Rbod. J, 1216: vgl. Mustoxidi Delle cose Coro. p. 40 ss. Auf die Ere- 
trier ist jedenfalls der von Strab. X, p. 449 erwähnte Ortsname Evßoia 
zurückEufübren. 

') lieber den Tempel der Hera in der Stadt vgl. unten S. 361, Anm. 1. 
Localisirung der Sage von der Vermählung des Jason mit der Medeia 
(Tgl. I, S. 383) auf der Insel: Timäos beim Schol. Apollon. Rhod. J^ 
1153 und 1217. 



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360 III. Die Inselwelt 

Buchten ins Land hinein, welche der alten Stadl den grossen 
Vorzug des Besitzes zweier unmittelbar im Bereich ihrer Be- 
festigungen gelegener Häfen gewährten. Der an der Ostseite der 
Ilalbinsel gegen die epeirotische Küste hin gelegene, der noch 
jetzt als Hafen benutzt wird, scheint der Handelshafen, das Em« 
porion der alten Stadt gewesen zu sein, da unmittelbar an den- 
selben die Agora und der von den reichen Handelsherren be- 
wohnte Stadttheil stiess. Der an der Westseite, im Alterthum 
Hyllalkos genannt (ohne Zweifel nach der Pbyle der Uylleis, 
die wie in allen dorischen Staaten auch auf Korkyra seit der 
Ansiedelung der Korinther bestand), dessen ohnehin schmaler 
Eingang noch durch eine kleine jetzt Pontikonisi (Mäuseinsel) ge- 
nannte Felsinsel geschützt ist, war wahrscheinlich der Kriegs- 
hafen mit dem Arsenal und der SchiOswerfte, der durch die auf 
dem höchsten westlichen Theile der Landzunge erbaute Oberstadt 
vertheidigt wurde: heut zu Tage ist er in Folge starker Versan- 
dung eine fischreiche, aber durch ihre Ausdünstungen wenigstens 
während des Sommers gesundheitsgefährliche Lagune, Chalikio- 
pulo oder auch Salina genannt.') Sowohl in der auf dem nied- 
rigen Landrucken zwischen den beiden Buchten gelegenen Vor- 
stadt Garitza oder Kastrades, als auf der ganzen noch jetzt Paläo- 
polis (Altstadt) genannten Landzunge finden sich zahlreiche, aber 
meist sehr unansehnliche Reste der alten Stadt — Säulentroncs, 
Ziegeltrümmer und Scherben von Thongefässen — zerstreut: das 
Bedeutendste sind die auf einem jetzt Cardaccliio genannten Platze 
an der Ostküste in der Nähe einer reichen Quelle gelegenen 
Ruinen eines dorischen Tempels (Hexastylos Peripteros) mit alter- 
thümlichen, sehr weit gestellten Säulen und einem eigenthümlichen 
Einbau im Innern der Cella, der vielleicht zu Bädern bestimmt 
war. ^) Welcher Gottheit dieser Tempel geweiht war, ist nicht 



>) Thuk. III, 72; 81; vgl. Ansted p. 38 ss.; Vischer Erinnerungen 
S. 21 f. Der östliche Hafen scheint nach Eustath. ad Dionys. Per. 492 
den Namen 'AXnivoav Xifiijv geführt zu haben. NaiOQiov und <nc€o^ijxa 
C. I. gr. n. 1838, b, 11 f. 

*) Vgl. W. Railton 'The newly discovered temple at Cadachio' im 
vierten (Supplement-) Bande der Äntiqnitics of Athens and other places 
in Greece, SJoily etc. (London 1830); Dr. P. F. Krell Oeschichte des do- 
rischen Styls (Stuttgart 1870) S. 27 ff. Die Vermuthung, dass der Tem* 
pel dem Apollon oder Asklepios geweiht gewesen sei, stützt sich auf die 
durchaus unerwiesene VorausHCtzung, dass die Inschrift C. I. gr. n. 1838 



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1. DieVestgriecbisclien Inseln: Korkyra, 361 

zu ermitteln. Aus Thukydides kennen \iir als CuUgebäude in 
der Stadt das Heräon, vor welchem eine Insel lag (darnach scheint 
es auf dem südwestlichsten Punkte der Landzunge gegen Ponli- 
konisi hin gestanden zu haben), Heiligthümer der Dioskuren und 
des Dionysos (dessen Cult besonders durch die Münzen bezeugt 
ist), ein Temenos des Zeus und eins des AlkinoosJ) 

Ausser den zwei HSfen zu beiden Seiten der Landzunge besass 
die Stadt noch einen dritten etwas weiter nördlich gelegenen, den 
Haupthafen der jetzigen Stadt, der durch die im Norden davor 
liegende, im Alterthum befestigte kleine Insel Ptychia (jetzt Vido) 
geschützt wird.^ 

Der gesammte Grund und Boden der Insel war theils Eigen* 
thuro des Staates, also eine Art Domaine, ') theils reicher Privat- 
leute, welche, wie oben bemerkt, in allen Theilen der Insel ihre 
Landhäuser mit den zur Bebauung des Landes nöthigen Sclaven- 
schaaren hatten. Eine städtische Ansiedelung hat es ausser der 
Hauptstadt wenigstens in der älteren Zeit auf der Insel nicht ge- 
geben; erst In der römischen Zeit wird eine Stadt Kassiope 
erwähnt, welche 120 Stadien von der Hauptstadt auf dem gleich- 
namigen Vorsprnnge der Nordoslkuste (auf welchem sich bis jetzt 
Mauerreste, Fundamente von Gebäuden und Säulentrömmer er- 
halten haben) gelegen , einen Hafen und ein Heiligthum des Zeus 
Kasios besass.^). Da wir nun in Epeiros im Gebiete der Molosser 



(über deren Fandort nichts bekannt ist) sich auf den Bau oder die Her- 
stellung dieses Tempels beziehe. 

<) Thukyd. I, 24; III, 70; 75; 79; 81; vgl. Diod. XIII, 48. 'HgaU 
als Name einer Oertlichkeit (jedenfalls des Stadttheils, in welchem das 
Heräon lag) C. I. gr. n. 1840, 16. Dieselbe Inschrift enthält noch fol- 
gende Ortsnamen, die wir nicht mehr fixiren können : MoXonäg (vgl. oben 
8. 357, Anm. 1); Mivatia', a väaog (nach Mustoxidi Delle cose Gore. p. 187 
die Halbinsel, auf welcher die jetzige Stadt liegt); AmtxQa; a KoDfttxov; 
ZXivovQig; 'AlXavlg xcJftcr. Nach C. I. gr. n. 1845, 53 führte ein Platz 
oder eine Strasse in der Stadt den Namen to: agfiara, 

*) Drei Häfen ncctoc xr^v noXiv erwähnt ausdrücklich S^yl. Per. 29. 
n%v%Cui Thukyd. IV, 46; Ptol. III, 14, 11; Steph. u. d. W.; Plin. IV, 
12, 53. 

'} Das Vorhandensein solcher bezeugte die Inschrift C. I. gr. n. 1840, 
nach welcher beträchtliche Strecken Weinland, Saatland und einige Häu- 
ser vom Staate an seine n^o^BVoi^ verpachtet werden. 

<) Strab. VII, p. 324; Cic. Epist. ad fam. XVI, 9, 1; Suet. Nero 22; 
Plin. IV, 12, 52; Ptol. III, 14, 11; Gell. N. a. XIX, 1, 1; Ulpian. in 

BUB8IAN, GEOQR. U. .^O 



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3G2 ITI. Dio Inselwelt. 

einen Volksstamm der Kassopäer und eine Stadt Kassopla kennen 
(s. Bd. I» S. 29 f.), 80 können wir vermuthen» dass die Gründung 
der korkyräischen Stadt in die Zeit gehört, wo die schon ziem- 
lich herabgekommene und entvölkerte In%e! unter der Herrschaft 
des Pyrrhos, Königs von Epeiros» stand, dem sie seine Gemaldin 
Lanassa, die Tochter des syracusanischen Tyrannen Agatbocles» 
der nach Vernichtung der Korkyra blokirenden Flotte des Kassan- 
der die Insel als gute Prise betrachtete (299 ▼. Chr.), als MitgiTt 
zugebracht hatte.') Der Hauptgrund för das Sinken des Wohl- 
standes und der Bevölkerungszahl der Insel, die schon als Depen- 
denz von Korinth in Gemeinschart mit der Mutterstadt blühende 
Colonien (Epidamnos und Apolionia in lllyrien, Leukas und Anakto- 
rion in Akap^nanien) gegründet hatte, dann nach der Lostrennung 
von Korinth mit diesem als einer der ersten Handels- und See- 
staaten Griechenlands welteiferte, waren die blutigen Fehden, 
welche bald nach Ausbruch des peloponnesischen Krieges (beson- 
ders im Jahre 427 v. Chr.), dann wieder im Jahre 3G1 v. Chr. 
zwischen den Aristokraten und der Volkspartei geführt wurden. ^) 
Ferner wurde die Insel schwer geschädigt durch die Plünderungen 
der illyrischen Piraten, welche unter ihrer Königin Teuta sich 
derselben bemächtigten und den Demetrios von Pharos als Statt- 
halter einsetzten , der die Insel im Eiuverständniss mit den Bewoh- 
nern dem römischen Consul Cn. Fulvius Centumalus überlieferte 



Digest. XIV, 1, 1, 12: vgl. Mustoxidi' Delle cose Corcir. p. 140 ss. Das 
Bild des Zsvg Kdaiog oder Kdaatog erscheint auf Münzen der Insel aus 
der römischen Kaiserzeit (Postolakas KataXoyog p. 36, n. 460 88.); zwei 
Weihinschriften 'lovi Casio' bei Mustoxidi Delle cose Corc. p. 240 s. 
Noch Procop. De hello Goth. IV, 22 (p. 676 ed. Dindorf) erwähnt in der 
Stadt ein aus Steinen zusammengesetztes Schiff, das Weihgeschenk eines 
Kaufmanns an den Zsvg Kdaiog, 

«) Diodor. XXI, fr. 6 ed. Bekker; Plnt. Pyrrh. 9; vgl. Paus. I, 11, 6; 
Justin. XXV, 4, 8. 

«) Thuk. III, 70 ff.; IV, 46 ff.; Aeneas Comm. poliorcet. 11, 13 f.; 
Diod. XV, 96. Auf die zügellose Demokratie, welche in- Folge des Sie- 
ges der Volkspartei im Jahre 427 herrschte, geht wahrscheinlich das 
Sprüchwort iXivd^iga Koquvqcc^ %ii* onov d'iXsigy welches Strabon (VII, 
p. 329, fr. 8) auf die Verödung der Insel zur Zeh der Römer bezieht. 
Unklar ist der Ursprung des sprüchwörtlichen Ausdrucks KoQnvifa^a 
liaatii: schol. Ariätoph. Aves 1463; Strab. Vil, p. 329, fr. 3; Zenob. IV, 
49; Diogenian. V, 60 u. ö. 



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1. Die westgriecHschen Inseln: Korkyra, 363 

(229 V. Chr.)*). Von den Römern als Freistaat erklärt und mit 
ihnen im Kampfe gegen Philipp V. von Makedonien und gegen 
die Aetoler verbündet» als Station für eine Kriegsflotte sowie für 
den Verkehr mit Griechenland von grosser Bedeutung, erholte sie 
sich allmälig wieder und besass, obschon durch verheerende Eiu- 
Tälle der Vandalen und Gothen» später der Sarazenen wiederholt 
heimgesucht noch unter der byzantinischen Herrschaft eine nicht 
unbeträchtliche Seemacht. Nachdem sie im 11. und 12. Jahrhun- 
dert zweimal vorübergehend in die Hände der Normannen ge- 
rathen, bei der Theilung des byzantinischen Reiches unter die 
Franken im Jahre 1204 den Venezianern» die sie aber nur no- 
minell in Besitz nahmen, zugewiesen worden war, kam sie im 
Jahre 1267 in die Hände KarFs von Anjou i|nd wurde Anfangs 
durch Generalvicare, dann als Lehnsfurstenthum durch neapolita- 
nische Prinzen regiert» bis sie sich im Jahre 1386 den Venezianern 
übergab.^) Im Besitz derselben blieb sie bis zum Untergang der 
Republik im Jahre 1797» worauf sie die Schicksale der übrigen so- 
genannten ionischen Inseln theilte (vgl. oben S. 347). Heutzutage hat 
sie gegen 74,000 Einwohner» von denen etwa 25,000 in der Haupt- 
stadt, die übrigen in zahlreichen Dörfern , die über alle Theile der 
Insel zerstreut sind (man zählt deren ungefähr 40), wohnen.^) 

Zum Gebiet von Korkyra gehört ausser der schon erwähnten 
Insel Ptychia (Vido) eine kleine Inselgruppe nahe der Nordwest^ 
koste, welche wenigstens im späteren Alterlhum den Namen 
Othonoi» im Mittelalter den Namen Telranisia führte.^) Die 
grösste Insel der Gruppe ist die westlichste, jetzt Fano oder Otlio- 
nus {iig to'dg 'Od'covovg), im Alterthum wahrscheinlich Othro- 
nos genannt, heutzutage von etwa 1000 Menschen bewohnt» die 
sich ausser mit Fischfang besonders mit der Jagd auf die im 



Polyb. n, 9 — 11; vgl. AppUn. Illyr. 7; Zonar. VIII, 19 (Vol. II, 
p. 170 ed. Pinder). , 

*) Vgl. für die Geschichte der Insel im Alterthum Müller De Qorcyraeo- 
mm repnblica p. 9 ss. nnd Mostoxidi Delle cose Gore. p. 40 ss., für die 
mittelalterliche Geschichte denaelb. ebds. p. 886 ss. 

') Vgl. dieUebersicht im *E^vi%6v '^fif.QoXoytov tov ixovq 1871 p. 50788. 

<) '(y&ovoC Procop. De hello Goth. IV, 22 (p. 576 Dind.), der aus- 
drücklich 3 Inseln er'wähnt nnd angiebt, dass sie zu seiner Zeit weder 
von Menschen noch von Thieren bewohnt waren. TstQdvriaia im Leben 
des Ersbischofs Arsenios bei Mostoxidi Delle cose Gore p. 409; vier In- 
Bein erwähnt auch Roger von Howeden ebds. p. 144. 



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364 m. Die Inselwelt. 

Frühling in grossen Hassen hier niederfailendeu Wachteln be- 
schäfligen: in der Westküste der Insel öffnet sich eine geräumige, 
nur vom Meere aus zugängliche Grotte, die früher oll Seeräubern 
zur Zuflucht dientet) Oestlich von Olhonus liegt Erikusi (von 
den italienischen Schiffern Maslera genannt), die alte Erikusa, 
mit einer Bevölkerung von etwa 60ü Seelen. Ohne stehende Be- 
wohner sind die beiden südlicher gelegenen Salmastraki und Diaplo, 
deren antike Namen nicht mit Sicherheit zu bestimmen sind. ^ 
Paxos. Etwas über eine Meile südlich von der Südspitze Korkyra's 

liegt die V/^ Quadratmcilen umfassende Insel Paxos, welche im 
Alterlhum gewöhnlich mit ihrer weit kleineren südlichen Schwe- 
sterinsel (jetzt Antipaxos, im spätem Alterthum Propaxos genannt) 
unter dem Namen oC IJa^ol zusammengefasst wurde.') Im Alter- 
thum gehörten beide Inseln ohne Zweifel zu Korkyra, dessen 
Schicksale sie auch später theilten; bei der Constituirung der 
Republik der sieben Inseln wurde aber Paxos als selbständiges 
Glied derselben anerkannt. Die Insel ist durchaus gebirgig, hat 
einen einzigen, jetzt Potamo genannten Bach, und fast gar keine 
Quellen trinkbaren Wassers, dagegen einige Schwefelquellen; sie 
bringt besonders Oliven in reicher Fülle und vorzüglicher Qua- 
lität hervor. In den steil nach dem Meere abfallenden Felswän- 
den der West- und Südwestkäste flnden sich mehrere nur durch 
Boote zugängliche geräumige und sehr malerische Grotten. Spu- 
ren einer antiken Ortschaft sind bis jetzt wenigstens noch nicht 
entdeckt worden. Heutzutage wohnt die etwa 6000 Seelen be- 
tragende Bevölkerung theils in dem nahe der Ostküste gelegenen 
Städtchen Gaion (mit einem bei stürmischen Wetter schwer zu- 
gänglichen Hafen), theils in einigen Dörfern. Antipaxos, dessen 
felsiger Boden an einigen Stellen Asphalt in flüssigem Zustande 



*) 'Od'QOtvog Lycophr. Alex. 1027 und 1084; Steph. Byz. und Hesych. u. 
d. W.; Plin. IV, 12, 62 (e>. /. Thoronos). Vgl. Ansted p. 121. 

') *EQiiiovaa (nach dem Haidekraut, igsintj od. iQi%rj, benannt) Ptol. 
III, 14, 12; Plin. IV, 12, 63. Salmastraki heisst (nach Mustoxidi Delle 
cose Corc. p. 145) in einem Diplom Konig KarPs III. von Neapel vom 
Jahre 1383 Mathrace, ein Name, welchem unter den von Plin. a. a. O. 
aufgeführten Malthace am nächsten kommt; doch könnte man auch an 
Marathe denken. 

3) Polyb. II, 10; Dio-Cass. L, 12; Plut. De def. orac. 17; Plin. IV, 
12, 62; lies j eh. u. Ilcc^og» Propaxos: Itiner. Anton, mar. p. 619 ed. 
Wesseling. Vgl. über die Inseln Ansted p. 117 ss. 



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1. Die westgriechiöchen Inseln : Paxos. Inseln der Taphier. 365 

ausschwitzt, wird jetzt von iiaum 100 MenscheD, meist Schäfern 
und Fischern, bewohnt 

Zwischen der als naturliches Anhängsel Akarnaniens schon ^>«^ der 
Band I, S. 115 ff. geschilderten, erst durch Menschenhand zur ^'^^^®'^' 
Insel gemachten Leukas und dem Festlande liegt eine nicht un- 
beträchtliche Inselgruppe, welche im Alterthum mit dem Namen 
der Inseln der Taphier bezeichnet und zu Akarnanien (das 
in Torhistorischer Zeit von den Bewohnern dieser Inseln beherrscht 
worden sein soll, während in den historischen Zeiten das Verhält- 
nlss umgekehrt war) gerechnet,^) In neueren Zelten dagegen als 
«in Bestandtheil des Staates der sieben Inseln und zwar mit Aus- 
nahme der eine Dependenz von Leukas bildenden Hauptinsel Me- 
ganisi als zu Illiaka gehörig betrachtet wurde. Diese Hauplinsel, 
von den Alten Taphos oder Taphias genannt, nur durch einen 
etwa Va Stunde breiten Canal von der Södostkuste von Leukas 
getrennt, mit welcher sie, vrie die Schichtung des Gesteins lehrt, 
ursprunglich zusammenhing, hat ungefähr die Form einer Mond- 
sichel oder eines gespannten Bogens, dessen Krümmung gegen 
Westen gerichtet ist; doch Ist der nördlichere Theil bedeutend 
breiter als der südlichere und bietet an der Nordküsle in einigen 
tief ausgezackten Buchten den Schiffern treffliche Häfen dar. 
Daher war die Insel, der Wohnsitz der Vuderliebenden Taphier', 
schon in den ältesten Zeiten ein nicht unwichliger Stapelplatz 
und ein Ilauptsitz der Seeräuberei; letzteres ist sie bis in die 
neuere Zeit geblieben. Der Boden der Insel ist ziemlich frucht- 
bar: sie producirt namentlich treBlichen Weizen, auch Flachs, 
und liefert ausgezeichnete Bausteine. Die Einwohner, etwa 600 
Seelen, treiben jetzt meist Viehzucht und exportiren eine nicht 
unbeträchtliche Quantität von Käse.^) Oestlich von Meganisi liegt 
die an Grösse ihr wenig nachstehende Insel Kalamo, von den 
Alten Kar n OS genannt,') mit einem guten Hafen an der Südost- 

*) Ai tmv Tatpitov vrjcoi nQOTBifov di T'^Xfßoav Strab. X, p. 459, vgl. 
p. 461. Teleboides eaedemque Taphiae Plin. IV, 12, 53. Daraus, 
dass Steph. Byz. Tcitpog als itoXig KBtpaXXrivCaq beseichnet, darf man 
wohl schliessen, dass diese Insel und mit ihr die ganze Gruppe zeitweise 
zu Eephallenia gehört hat; vgl. Apollodor. II, 4, 5 und 7. 

«) Od. a, 181; 417 ss.; J, 452; o, 427; «, 426; Strab. X, p. 456; 
459; 461; Plin. a. a. O. o. XXXVI, 21, 151; vgl. Goodisson Essay p. 82 s.; 
Ansted p. 197. 

*) Scjl. Per. 34; Steph. Bys. u. Ktiqvoi. Vgl. Ansted p. 288 s. 



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366 III. Die Inselwelt. 

seile und einem mittelalterlichen Kaslell, Xylokastro, oberhalb der 
Nordostspitze» jetzt von etvia lOQ Familien bewohnt, die meist 
Ackerbau treiben. Auf einer dieser beiden Inseln wird die als 
Stadt der Taphier genannte Ortschaft Aspalatheia anzusetzen 
sein. ^) Pur die übrigen Inseln der Gruppe (Kastus südöstlich von 
Kalamo, mit einem Dorfe und zwei Häfen, Atako südwestlich von 
Kaslus und Arkudi südwestlich von Heganisi» die beiden letzteren 
unbewohnt ebenso wie eine Anzahl ganz kleiner theils zwischen 
den bisher genannten, theils nördlich von Meganisi gelegener 
Inselchen) sind uns keine antiken Namen überliefert.^) 

Südöstlich von dieser Gruppe liegen nahe der Küste Akar- 
naniens die von den Allen als Oxeiä und Echinades bezeich- 
neten Gruppen kleiner Felsinseln (s. Od. 1, S. 119), südviestlich 
die beiden an Grösse sehr ungleichen, aber von Natur zusammen- 
gehörigen Schwesterinseln^) Ithake und Kephallenia. 
ithake. Ithake,^) vom Volke heutzutage mit leichter Metathesis 



*) Nikandros bei Steph. Byz. u. *AanaX(x9^sia: das der Stadt beigelegte 
Epitheton ßoijQOtog passt auf Karnos so g^t als auf Taphos, da beide Inseln 
gutes Ackerland haben; der BtrAUch aandXad'os (Spartium villosum, eine 
Art Binsenpfrieme), nach welchem die Stadt offenbar benannt ist, kommt 
in allen Theilen Griechenlands häufig vor. 

*) Vgl. Dodwell Class. u. topogr. Reise I, 1, S. 83. Kiepert hat ver- 
muthungsweise die im Schiffscatalog (B, 633) zwischen Ithake und Neri- 
tos einerseitSi Zakynthos und Samos anderseits aufgeführten Ortsnamen 
Krokyleia und Aegilips, deren Beziehung schon den Alten ganz un- 
klar war, auf die Inseln Arkudi und Atako (von denen es mir sehr zwei- 
felhaft ist, ob sie im Alterthum bewohnt wai-en), bezogen. Strab. X, 
p. 452 (vgl. VIII, p. 376) sucht beide Orte auf Leukas, und ebenso ist 
wohl der etwas unklare Ausdruck bei Steph. Byz. u. AlyClitp' nX-qaCov 
KqoxvXs^cdv xTig finsigov zu verstehn (mit Bezug auf Leukas als axTi? 
'^neigoio) ; der Grammatiker Herakleon aus Ephesos dagegen (bei Steph. 
Byz. u. KgtmvXsiov) betrachtet beide als Theile von Ithaka, was auch 
mir als das Wahrscheinlichste erscheint. Crocylea neben dem (fälsch- 
lich von Cephallenia unterschiedenen) Same bei Plin. IV, 12, 64. Die 
Ansicht Spon's (Voyage d'Italie, de Dalmatie, de Grice et du Levant, 
Lyon 1678, I, p. 132), dass Atako das homerische Ithaka sei, mag nur 
der Curiosität halber angeführt werden. 

•) Dionys. Call. Descr. Gr. 50 ss. bezeichnet beide als vijaoi K8(paX' 
Xr^vaiv, 

*) Vgl. W. Gell The geography and antiquities of Ithaca, London 
1807 ; C. Chr. E. Schreiber Ithaca oder Versuch einer geographisch-antiqua- 
rischen Darstellung der Insel Ithaca nach Homer und den neuern Reisenden, 



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1. Die wegtgriechischen Inseln: Ithake. 367 

Tliiaki (Siäxrj) genannt, mit einem Umfang von etwas über 3 
Quadratmeilen, besteht aus zwei Bergmassen, welche nur durch 
einen schmalen Isthmos, eine ziemlich unfruchtbare Hügelkette, 
im Westen verknüpft sind, während von Osten her das Meer in 
einer weiten Bucht zwischen sie eindringt. An der Südseite 
dieser, jetzt ^Golf von Molo' genannten Bucht zieht sich eine 
schmälere tief ins Land hinein, welche einen trefllichen Hafen 
auch für grosse Schiffe bildet; am südlichen Ende derselben lie- 
gen im Halbkreise die weissen Häuser des nach der tiefen Bucht 
benannten Städtchens Vathy, des jetzigen Hauptortes der Insel, über 
welchem der südliche Bergstock (jetzt Hagios Stephanos genannt) 
bis zu einer Höhe von 671 Meter emporsteigt. Höher, bis zu 
807 Meter, erhebt sich der nördliche Bergzug jenseits des Isthmos 
in seinem sudlicheren Theile (dem jetzigen Berge von Anoi), 
während ein zweiter Gipfel desselben, der gegen Nordwesten ins 
Meer vortretende Berg von Oxoi, nur die Höhe von ,525 Metern 
erreicht.^) Zwischen der Ostseite dieses Berges und dem noch 



Leipzig 1829; Leake Travels' in norihem Greece TU, p. 24 ss.; £. Gandar 
De Ulyssis Ithaca. Quae sit Homero locos describenti fides adbibenda)* 
Paris 1854; Ansted p. 231 ss.; R. Horcher 'Homer und das Ithaka der 
Wirklichkeit' im Hermes I, S. 263 ff. ; H. Schliemann, Ithaka, der Pelo- 
ponnes und Troia, Leipzig 1869. G. F. Bowens Ithaka (Corfu 1850) ist 
mir ebensowenig zugänglich als N. Karavias Grivas ^laxoqCa zriq vtJcov 
*I^a%rjg änb xmv aQxaiotdttov xqovodv fiixQi' tov 1849, Athen 1849. 
Dass es im AI terthum mehrere ^tf^tijyijcrt ig der Insel gab, zeigt Porphyr. 
De antro nymph. 2. 

*) Dass die homerischen Bergnamen NiiQitov und Nrfiov in den 
historischen Zeiten auf der Insel nicht in Gebrauch waren, scheint 
mir aus der Art, wie die griechischen Schriftsteller (besonders Strab. X, 
p. 454) darüber sprechen, mit Sicherheit hervorzugehen. Das Nriqtxov 
(II. B, 632; Od. i, 21 f.; y, 351) wurde ziemlich allgemein in dem höch- 
sten Berge der Insel, dem von Anoi, wiedererkannt (nur Herakleon bei 
Steph. Byz. u. K(fO%vXhtov scheint den Namen auf den südlichen Berg, 
den Stephanos, bezogen zu haben); über die Lage des Ntj'Cov aber, an 
dessen Fusse der Hafen *Pei^QOv lag (Od. a, 186; vgl. schol. zu d. St. und 
KU ly 22: ob i£ '/'^axi^p vnovTjtov y, 81 auf die Stadt oder auf die ganze 
Insel zu beziehen sei, ist unsicher), giengen die Ansichten der Alten ebenso 
auseinander als die der Neueren. Meiner Ansicht nach ist die Frage 
ebensowenig zu entscheiden als andere Punkte der homerischen Topo- 
graphie, da der Dichter der Odyssee die Oertllchkeiten nicht nach Aut- 
opsie, sondern nur nach einer ziemlich unbestimmten und unklaren Vor- 
stellung schildert. 



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368 III. Die Inselwelt. 

. weiter gegen Norden vorgeschobenen Hugelzuge« welcher in dem 
Cap Marmaka, dem nördlichsten Punkte der Insel, endet» öffnet 
sich die jetzt Aphales genannte Bucht; an der Süd Westseite dieses 
Hügelzugs liegt die besser geschützte Bucht Phrikiäs mit einem 
kleinen Dorfe gleichen Namens, in welche ein kleiner, nach dem 
schwarzen Niederschlage seines leicht versiegenden Wassers He- 
lanydros genannter Bach mundet. Abgesehen von diesen Buch- 
ten, welche die Bewohner der Insel frühzeitig auf die SchiflTahrt 
als Haupterwerbsquelle hinweisen mussten, fallt die Küste meist 
in steilen, hie und da von Grotten unterhöhlten Wänden zum 
Meere ab. Die Berge und Hügel, welche die ganze Insel erfül- 
len (eine Ebene hat dieselbe gar nicht, sondern nur einige schmale 
Thäler), sind jetzt ganz ohne Bewaldung, die Gipfel und Rücken 
sind kahl, nur hie und da mit Strauchwerk bewachsen; die mit 
einer dünnen Humusschicht bedeckten Abhänge sind für die Cul- 
tur des Weinstocks und der Korinthenrebe, welche jetzt die Haupt- 
producte der Insel bilden, trefflich geeignet. Auch Olivenöl wird 
ausgeführt, Getreide dagegen nur in geringer, für die etwa auf 
12,000 Seelen sich belaufende Bevölkerung bei weitem nicht aus- 
reichender Quantität gebaut; die Viehzucht beschränkt sich auf 
das Halten zahlreicher Ziegenheerden. Das Meer bietet ausser 
Fischen auch Schwämme und Korallen zur Ausbeutung dar.^) 

Der Name der Insel scheint ebenso wie der ältere Name ihrer 
grösseren Scliwesterinsel, Same, semitischen Ursprungs zu sein 
uud von einer alten Handelsniederlassung der Phöniker, an welche 
sieh bei den Griechen freilich nicht einmal eine mythische Er- 
innerung erhalten hatte, Zeugniss abzulegen. ^] Im hellsten Glänze 
mythischen und dichterischen Ruhmes aber erscheint die Insel 
in der griecliischeu Heroenzeit als Mittelpunkt des von Odysseus 
beherrschten Reiches der Kephallenen, als Schauplatz der Sagen 
von der Heimkehr des Odysseui«, seiner treuen Gattin Penelopeia 
und ihrem Sohne Telemachos, den ^göttlichen Sauhirten' Eumäos 
und andere mehr untergeordnete Persönlichkeiten nicht zu ver- 
gessen. Von diesem mythischen Glänze her haftet an der in der 



1) Vgl. Ansted p. 254 s. Nach dem Glauben der Alten konnten anf 
Ithake keine Hasen leben: Aristot. Hist. an. VIII, 27, 2; Antigon. Caryst. 
Histor. rair. 11. 

*) 7^efxi2 =^Itviirj (Utica) = p^n^ 'colonia'': vgl. Olshausen Rhein. 
Mus. n. F. Vlir, S. 329. 



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1. Die westgriecbiscben Inseln: Ithake. 369 

bistoriscben Zeit durchaus unbedeutenden und fast nur als An- 
hängsel der weit grössern Nachbarinsel Kephallenia erscheinenden 
Insel ein romantischer Schimmer, welcher die Augen alter und 
neuer Geographen geblendet hat, so dass sie die homerischen 
Schilderungen, Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, in allen 
Einzelheiten wiederzuerkennen geglaubt und nachzuweisen ver- 
sucht haben, ein Bestreben, das bei den für den Ruhm ihrer 
Heimath und die Befriedigung der Neugier der Touristen besorg- 
ten Einwohnern leichter zu entschuldigen ist als bei anderen. 

Dass der Dichter sich die Stadt mit dem Hause des Odysseus 
und mit dem tiefen Hafen unterhalb an der Nordwestseite der 
Insel gelegen gedacht hat, zeigt die Erzählung von den Freiern, 
welche dem von Süden her heimkehrenden Telemachos in dem 
Sunde zwischen Ithake und Saraos (Kephallenia) bei der kleinen 
Insel Asteris auflauern, womit nur das kleine im spätem Alter- 
thum Asteria, jetzt Daskalio genannte Felseiland, das einzige, 
welches zwischen beiden Inseln liegt, gemeint sein kann. Frei- 
lich verräth der Dichter gleich seinen Mangel an Ortskenntnis^ 
durch die Schilderung dieses Eilandes als mehrere Häfe